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Sigismund
Muelenz, Diakon des Rauhen Hauses aus Grevesmühlen (Meckl) später Pfarrer in der DDR
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Zugriffszähler seit 1.05.2002 / 7.06.2008
Band 11:

Genossen der Barmherzigkeit

Diakone des
Rauhen Hauses

altes Rauhes Haus in Hamburg-Horn
Diakonenportraits
Bestellungen Lebensbilder
von Diakonen des Rauhen Hauses
Die Bücher mit
Lebensportraits von Diakonen des Rauhen Hauses als
Bände 11 und 13 in der gelben
Zeitzeugen-des-Alltags-Buchreihe von Jürgen Ruszkowski
| Johann Hinrich Wichern,
geboren am 21. April 1808, hatte angesichts des
Kinderelends seiner Zeit das das Rauhe Haus 1833 als
junger Kandidat der Theologie mit Hilfe einflussreicher
Hamburger Bürger in dem Dorf Horn vor den Toren Hamburgs
aus kleinsten Anfängen als „Rettungshaus“ für
gefährdete Kinder und Jugendliche gegründet und
aufgebaut. Für seine immer umfangreiher werdende
pädagogische Arbeit benötigte er schon bald
Gehilfen. Aus dem Kreis dieser Gehilfen
entwickelte sich später der Beruf des Diakons. |

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Das
Familienprinzip, in dem Wichern seine Schützlinge betreute und
erzog, erforderte eine größere Anzahl von Gehilfen. Im Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle, namens Josef
Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg, um Wichern als
erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100 Mark im Jahr
bei freier Kost und Logis als Betreuer einer
„Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen. Nach drei
Jahren übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes
Rettungshaus in Mitau im Kurland. 1839 ermächtigte
der Verwaltungsrat Wichern, der Ausbildung von Gehilfen im Rauhen
Haus "die gröstmögliche Veröffentlichung zu
geben". Wichern ließ deshalb von 1843 an über die
Gehilfen, schon damals Brüder genannt, eigene Jahresberichte
erscheinen. Auf ihre theologische Ausbildung in seinem
"Gehilfeninstitut" verwandte er große Sorgfalt. Aus seinen „Gehilfen“, die Wichern aus ganz
Deutschland rief und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit im Rauhen Haus unterstützten und von den Jungen der
Erziehungsfamilien „Brüder“ genannt wurden,
baute er den hauptberuflichen Mitarbeiterstab der Inneren Mission
auf, die „Berufsarbeiter“, die als Hausväter in
„Rettungshäusern“, als Strafvollzugsbetreuer oder als
Stadtmissionare in ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach
Übersee tätig wurden.
„Treue,
gottesfürchtige Männer, so ernst als wahr, so klug als weise,
in der Schrift bewandert, im Glauben gegründet, voll Liebe zum
armen Volke, geschickt zu solch einem Umgang, der Menschen fürs
Himmelreich gewinnt, wünschen wir in Scharen unter das
Volk.“
Erst
Jahrzehnte später nannte man diese „Gehilfen“ entgegen
Wicherns ursprünglichen Vorstellungen Diakone. Bis in die
1970er Jahre sprach man von der männlichen Diakonie.
Daneben gab es den Beruf der Diakonisse. Danach wurden
Ausbildung und Beruf im Rahmen der allgemein sich durchsetzenden
Emanzipation auch für Frauen geöffnet. Aus der
Brüderschaft wurde die Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen
Hauses. Heute bildet die Fachhochschule des Rauhen
Hauses in Hamburg Frauen und Männer zu
Diplom-Sozialpädagog(inn)en und Diakon(inn)en aus.

Sigismund Muelenz wurde am 22.02.1910 in Grevesmühlen im
westlichen Mecklenburg geboren, besuchte dort, zeitweilig aber auch im Harz,
die Schule. Er beschäftigte sich viel
mit Naturbeobachtungen. Von dem Geld, das
er durch Nachhilfestunden verdiente, konnte er sich früh einen Fotoapparat
zulegen, mit dem er sehr beachtliche Naturaufnahmen gemacht hat. Ein weiteres Hobby war für ihn das Singen,
wozu er auch eine Gitarre erworben hatte.
An der Oberschule in Grevesmühlen machte er 1930 das Abitur. Anschließend begann er in Halle ein Studium
der Theologie, das er in Tübingen und Rostock fortsetzte. Neben dem Studium erlernte er die Krankenpflege
und arbeitete in Halle in der Gerichts- und Gefängnisseelsorge mit. Nach fünf Semestern beendete er sein
Theologiestudium, weil seine Professoren meinten, dass er den nervlichen
Belastungen nicht gewachsen sei. In
Halle kam er in Kontakt mit der Inneren Mission. In manchen ihrer Einrichtungen erprobte
Sigismund Muelenz die Möglichkeit, ob er dem praktischen Dienst am Nächsten,
den er unbedingt ausüben wollte, gewachsen sei.
So wuchs in ihm der Wunsch, Diakon zu werden, und er bewarb sich beim
Rauhen Haus in Hamburg, wo er sich ab 18. April 1933 als Diakonenschüler
ausbilden ließ. In verschiedenen
Praktika lernte er die ganze Vielfalt der Einsatzorte von Rauhhäusler Diakonen
kennen. So war er in der
Seemannsmission, in einer Herberge zur Heimat, in einem Waisenhaus der
deutschen Gemeinde in Argentinien, in der Gesundheitsfürsorge sowie in der
Erziehungsarbeit und der Verwaltung des Rauhen Hauses tätig. Er trat dem Roten Kreuz bei, um die von den
Nationalsozialisten geforderte Zugehörigkeit zu einer Parteiorganisation zu
umgehen. Seine Ausbildung wurde ab 1937
durch den Dienst bei der Wehrmacht unterbrochen, aus dem er ohne nachhaltige
Blessuren entlassen wurde.
Während eines Heimaturlaubs 1940 legte er die
Wohlfahrtspflegerprüfung im Rauhen Haus ab.
1941 wurde er verwundet. 1943
konnte er das Diakonenexamen absolvieren.
Die ersten Berufsjahre als Diakon war er in Hamburg in der Inneren
Mission und in St. Gertrud als Gemeindediakon tätig. Es zog ihn aber in seine Mecklenburger Heimat
zurück, wo er ab 1944 Propsteidiakon in Grevesmühlen war. Weitere Stationen waren die Tätigkeit als
Fürsorger, Kreislagerleiter im Sudetenland und als Heimleiter in Riesa an der
Elbe. Am 8.05.1950 erfolgte die
Einsegnung zum Diakon im Rauhen Haus.
Seinem ursprünglichen Lebensziel, einmal als Pfarrer auf der Kanzel zu
stehen, konnte er durch den Besuch eines katechetischen Seminars der
Sächsischen Landeskirche näher kommen.
Als Pfarrdiakon übernahm er eine Landgemeinde in Sausedlitz bei
Delitzsch. Dort wurde er 1953 zum
Pfarrer ordiniert. In seiner
umfangreichen Korrespondenz mit dem Rauhen Haus schrieb er einmal: „Nun habe
ich es doch noch geschafft“. Der Dienst
auf dem Lande war nicht einfach, zumal Predigtstätten in mehreren Dörfern zu
versehen waren. Die äußeren
Gegebenheiten in der damaligen DDR erschwerten zusätzlich seine Arbeit. „Ich hatte 7 Kirchen, keine geheizt. Kein Gottesdienst ist ausgefallen“. Er war in verschiedenen Gemeinden der
anhaltinischen Kirche eingesetzt, bis er 1974 nach einem längeren
Krankenhausaufenthalt in den Ruhestand versetzt wurde.
Verheiratet war er mit Charlotte, geborene Arndt, *
26.03.1915. Während der
entbehrungsreichen Jahre im Pfarrdienst in der damaligen DDR und danach im
Ruhestand hat ihn seine Ehefrau immer liebevoll begleitet. Sein letzter Wohnsitz war Wetzlar. Auch im hohen Alter fühlte er sich bei seinem
Schöpfer geborgen. Wenn er gefragt
wurde, wie es ihm gehe, sprach er meistens nur den einen Satz: „Ich bin
zufrieden!“ Er gehörte fast 69 Jahre der
Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses an. Kurz vor seinem 92. Geburtstag verstarb
Sigismund Muelenz am 12. Januar 2002.
Etliche Passagen dieses Lebensbildes stammen aus der Feder von Manfred
Braun, ebenfalls Diakon des Rauhen Hauses.
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