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Diakon August Füßinger, * 13.09.1900, + 18.05.1953

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Diakon August Füßinger (* 13.09.1900, + 18.05.1953) verdient unter den im Rauhen Hause tätigen Diakonen besondere ausführlichere Erwähnung, denn er bestimmte zwischen 1927 und 1966 als graue Eminenz, Konviktmeister und Erziehungsinspektor, zeitweise auch als Brüderältester, das Leben im Rauhen Haus und für jeden einzelnen Ausbildungsbruder und Jungen im Internat in jener Zeit entscheidend mit.

Das Rauhe Haus gilt als „Brunnenstube der Inneren Mission“ und ist die Wiedergeburtsstätte des Diakonenamtes in den Kirchen der Reformation nach über tausendjährigem Dornröschenschlaf während der Kirchengeschichte.

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Das Buch mit

Lebensbildern von Diakonen des Rauhen Hauses

Beitrag in der gelben Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags" von Jürgen Ruszkowski

hier: August Füßinger

Johann Hinrich Wichern, geboren am 21. April 1808, hatte angesichts des Kinderelends seiner Zeit das Rauhe Haus 1833 als junger Kandidat der Theologie mit Hilfe einflussreicher Hamburger Bürger in dem Dorf Horn vor den Toren Hamburgs aus kleinsten Anfängen als „Rettungshaus“ für gefährdete Kinder und Jugendliche gegründet und aufgebaut. Für seine immer umfangreiher werdende pädagogische Arbeit benötigte er schon bald Gehilfen. Aus dem Kreis dieser Gehilfen entwickelte sich später der Beruf des Diakons.

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Das Familienprinzip, in dem Wichern seine Schützlinge betreute und erzog, erforderte eine größere Anzahl von Gehilfen. Im Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle, namens Josef Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg, um Wichern als erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100 Mark im Jahr bei freier Kost und Logis als Betreuer einer „Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen. Nach drei Jahren übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes Rettungshaus in Mitau im Kurland. 1839 ermächtigte der Verwaltungsrat Wichern, der Ausbildung von Gehilfen im Rauhen Haus "die gröstmögliche Veröffentlichung zu geben". Wichern ließ deshalb von 1843 an über die Gehilfen, schon damals Brüder genannt, eigene Jahresberichte erscheinen. Auf ihre theologische Ausbildung in seinem "Gehilfeninstitut" verwandte er große Sorgfalt. Aus seinen „Gehilfen“, die Wichern aus ganz Deutschland rief und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit im Rauhen Haus unterstützten und von den Jungen der Erziehungsfamilien „Brüder“ genannt wurden, baute er den hauptberuflichen Mitarbeiterstab der Inneren Mission auf, die „Berufsarbeiter“, die als Hausväter in „Rettungshäusern“, als Strafvollzugsbetreuer oder als Stadtmissionare in ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach Übersee tätig wurden.

„Treue, gottesfürchtige Männer, so ernst als wahr, so klug als weise, in der Schrift bewandert, im Glauben gegründet, voll Liebe zum armen Volke, geschickt zu solch einem Umgang, der Menschen fürs Himmelreich gewinnt, wünschen wir in Scharen unter das Volk.“

Erst Jahrzehnte später nannte man diese „Gehilfen“ entgegen Wicherns ursprünglichen Vorstellungen Diakone. Bis in die 1970er Jahre sprach man von der männlichen Diakonie. Daneben gab es den Beruf der Diakonisse. Danach wurden Ausbildung und Beruf im Rahmen der allgemein sich durchsetzenden Emanzipation auch für Frauen geöffnet. Aus der Brüderschaft wurde die Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses. Heute bildet die Fachhochschule des Rauhen Hauses in Hamburg Frauen und Männer zu Diplom-Sozialpädagog(inn)en und Diakon(inn)en aus.


Diakon August Füßinger verdient unter den im Rauhen Hause tätigen Diakonen besondere ausführlichere Erwähnung, denn er bestimmte zwischen 1927 und 1966 als graue Eminenz, Konviktmeister und Erziehungsinspektor, zeitweise auch als Brüderältester, das Leben im Rauhen Haus und für jeden einzelnen Ausbildungsbruder und Jungen im Internat in jener Zeit entscheidend mit.

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Nach Meinung des Vorstehers des Rauhen Hauses Mitte der 1930er Jahre, Pastor Wegeleben, war August Füßinger schon damals „der ungekrönte König des Rauhen Hauses“. „Fü“, wie wir ihn kurz nannten, wurde am 13.09.1900 in München als Sohn des Maschinenschlossers Otto Fühsinger geboren. Die katholische Familie zog 1904 von München nach Wesermünde-Lehe (heute Bremerhaven). 1914 konvertierte die Familie wegen unüberbrückbarer Streitigkeiten mit dem katholischen Geistlichen und Lehrer und einer nicht gerechtfertigten körperlichen Züchtigung von Sohn August durch diesen. Sie wurde Mitglied der evangelisch-reformierten Gemeinde in Lehe. Dementsprechend hatte August Füßinger profunde Kenntnisse katholischer Dogmen, Riten und Denkungsart, was gelegentlich in Gesprächen angewendet wurde und in seiner Denk- und Handlungsweise auch immer wieder durchbrach. Der Vater Otto Fühsinger war beim Norddeutschen Lloyd tätig und wurde bald Werkmeister. Seine fünf Söhne absolvierten beim Norddeutschen Lloyd eine Lehre. August hatte den Beruf eines Elektromechanikers erlernt und darin fünf Jahre lang gearbeitet. In seiner Freizeit war er für den Christlichen Verein junger Männer (CVJM) tätig und wurde schließlich dessen zweiter Vorsitzender. Der erste Vorsitzende war Pastor Rosenboom, der ihm eine Ausbildung im Rauhen Haus empfahl und ihn auch zu seinem Antrittsbesuch nach Hamburg begleitete.

Ins Rauhe Haus trat August am 1.10.1923 ein. Das Diakonenexamen bestand er am 21.3.1927, wurde am 22.3.1927 Oberhelfer im Rauhen Haus, am 1.10.1927 Anstaltsinspektor und am 1.7.1928 der für die praktische Brüderausbildung verantwortliche Konviktmeister. Er wollte nach seiner Ausbildung nicht im Rauhen Hause tätig sein, da er das Kommen und Gehen seiner potentiellen Vorgänger beobachtet hatte und das Rauhe Haus zu diesem Zeitpunkt praktisch zahlungsunfähig war. Die Anstalt rettete sich durch Landverkäufe (z.B. gegenüber dem Horner Weg 170 - auch den Holtsenhof). Beispielsweise war im großen Speisesaal des Wirtschaftsgebäudes (heute steht dort die Mitte der Wichernschule) nicht genügend Geschirr und Bestecks für alle Essenden vorhanden. Das sofortige Abräumen nach dem Essen war nicht Ausdruck übertriebener Ordnungsliebe, sondern aus der Not geboren. Nach sofortigem Spülen kamen Geschirr und Bestecke sogleich wieder zum Einsatz. Aus dieser Zeit stammt August's extreme Sparsamkeit, die Angst vor Liquiditätsproblemen und vor Zinslasten. Nach seinen Erfahrungen war eine Anstalt wie das Rauhe Haus mit ihrem sehr langsamen Kapitalumschlag nicht in der Lage, Zinsen mit normalen Zinssätzen zu erwirtschaften.

Das Rauhe Haus war auch eine Ausbildungsstätte für Hauswirtschaft, die unter dem Regiment von Frau Runge stand. Bruder Runge war zu der Zeit als Inspektor im Rauhen Hause tätig. Mädchen aus christlichen Familien wurden dort in allen hauswirtschaftlichen Fächern ausgebildet. Etliche Ehen mit Brüdern sind aus dieser Stätte entstanden, so fand auch August Füßinger hier seine Frau.

Am 23.3.1928 heiratete Augsust Füßinger Elisabeth Holve aus Hemer in Westfalen, die ihm zwei Söhne gebar und ihm fleißig und aufopfernd als Wirtschafts- und Küchenleiterin beruflich zur Seite stand. Fü: „Die Westfalen haben eine hohe Wohnkultur und ihre Frauen verstehen die Kunst, mit wenig gut zu kochen. Ich hielt ja von Natur aus nicht viel von der Einrichtung Ehe, aber als ich 1922 zu einem Besuch in Westfalen war, stand für mich fest: Wenn ich eine Frau heirate, dann nur aus diesem Land.“ „Man hat mir gesagt, mit der Wahl meiner Frau habe ich die größte Leistung meiner Menschenkenntnis erwiesen.“

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„Darüber, wie ich meine Frau kennen gelernt haben soll, erzählt man sich viele Geschichten. So soll ich meine Taschenuhr gezogen und zu ihr gesagt haben: „Wenn Sie meine Frau werden wollen, überlegen Sie sich das. Es ist jetzt 9 Uhr. Bis heute Abend sagen Sie mir Bescheid.“ Frau Füßinger, verantwortliche Küchenchefin und ehemals als Haustocher aus Westfalen ins Rauhe Haus gekommen, verrichtete ihre Arbeit geräuschlos, aber mit wachsamen Blicken auf Haustöchter und Küchenbrüder. Beide hatten eine raue Schale, wahrscheinlich eine Isolierschicht gegen zu enge Freundschaften.

Nach Einführung der Wohlfahrtspflegerausbildung im Rauhen Haus bestand Füßinger das staatliche anerkannte Wohlfahrtspflegerexamen am 13.6.1930.

Das Rauhe Haus benötigte damals dringend eines Sanierers mit Härte und Konsequenz und war deshalb auch zu Zugeständnissen bereit. August Füßinger setzte als vermutlich erster Diakon einen unkündbaren Anstellungsvertrag nach Beamtenrecht durch, ein Musterfall für viele spätere Diakonen-Anstellungsverträge.

Die Sanierungsmaßnahmen bezogen sich sowohl auf die Kosten- als auch auf die Einnahmeseite. Beispielsweise wurden alle Gehälter um 10% gekürzt. Mit der Stadt Berlin wurde ein Vertrag zur Aufnahme von Fürsorgezöglingen abgeschlossen, die dann in der Fischerhütte untergebracht wurden. Die Notwendigkeit eisernen Sparens blieb bis weit nach dem 2. Weltkrieg zwingendes Gebot, zumal die Anstalt nach den Bombenschäden fast gänzlich wieder aufgebaut werden musste. Da das Rauhe Haus nach Wicherns Konzeption ein offenes Gelände ohne Einzäunung sein sollte, sich aber langsam Gewohnheitsrechte regen Durchgangsverkehrs zu entwickeln drohten, wurde unter Füßingers Einfluss ein stabiler Eisenzaun rund um das Anstaltsgelände herum gezogen. Sonst ging der weitere Aufbau im Vergleich zu anderen Anstalten (z.B. Alsterdorf) wegen Füßingers Bedenken gegen Kredite und Zinsen sehr langsam voran. Pastor Donndorf war ein begnadeter Spendenwerber, der nach dem Vorsteherwechsel schnell die notwendige Liquidität schaffte. Bezüglich der Kosten war jedoch weiterhin äußerste Sparsamkeit angesagt. Die Arbeitsleistung der Ausbildungsbrüder trug wesentlich dazu bei. Aber auch das von Füssinger und seiner Frau aufgebaute Beziehungsnetz zur Veiling, Gemüsegroßmarkt, Lebensmittelverarbeitern ect. ermöglichte kostengünstigen Einkauf oder kostenfreie Abholung von nicht absetzbarem Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln. Die sofort erforderliche Verarbeitung machte eine große Flexibilität des Speiseplanes wichtig, was öfter zu Differenzen mit Frau Donndorf führte. Eine größere Käsespende aus den USA konnte trotz guter Qualität wegen geschmacklicher Schärfe der Ware nicht in der eigenen Küche verbraucht werden. So wurde sie einer Käsefabrik im Austausch gegen Streichkäse angeboten. Auch bei Personalkosten in Küche und Gartenpflege wurde gespart. Neben Ausbildungsbrüdern wurden behinderte Frauen und Männer durch Vermittlung des beim Arbeitsamt tätigen Bruders Mielenz eingesetzt, gleichzeitig eine sinnvolle Arbeitstherapie für die sonst schwer vermittelbaren Behinderten. Sowohl die Mitarbeiterführung als auch der sparsame Einkauf erforderten vom Ehepaar Füßinger außergewöhnlichen Einsatz.

Füßinger wurde 1933 auf Wunsch des damaligen Vorstehers des Rauhen Hauses, Pastor Fritz Engelke, Parteigenosse der NSDAP und später Kreisamtsleiter der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Von diesem Ehrenamt trat er 1935 zurück, als es hauptamtlich wurde. Er sah seine Aufgabe im Rauhen Haus. Der Rang "Kreisamtsleiter" konnte ihm jedoch nicht genommen werden, was sich im 3. Reich noch als hilfreich, nach dem Kriege jedoch als nachteilig erwies. Der „Reichsführer“ der Diakone, Fritz Weigt, berief Füßinger 1933 in den „Führerrat“ der Deutschen Diakonenschaft. Michael Häusler kennzeichnet Fü in seiner Studie „Dienst an Kirche und Volk“ als „...einen mit der Kirche verbundenen, aber theologisch indifferenten Pragmatiker, der in der Diakonenschaft wie auch im eigenen Brüderhaus stets auf weitgehende politische Loyalität gegenüber dem nationalsozialistischen Staat drängte... Als Taktiker war er bereit, „alle mögliche Unbill zu schlucken“. „Wenn andere im Himmel Bescheid wissen, dann weiß ich auf der Erde Bescheid.“ Füßinger warnte vor einem voreiligen Abrücken von den Deutschen Christen, denn es sei „für die Kirche entscheidend, ob Hitler auf ihrer Seite steht“, eine Haltung, die er auch innerhalb der deutschen Diakonenschaft vertrat.“ Nachdem das eigene Jungvolk-Fähnlein (Nr.282) unter der Führung des angestellten Fähnleinführers Kakerbeck (?) und die SA-Schar der Brüder unter Leitung von Bruder Koch nicht ausreichten, die Begehrlichkeiten der NS-Funktionäre bezüglich Jugendführung durch das Rauhe Haus zu bremsen, wurde 1937 ein neues Arbeitsgebiet eröffnet. August Füßinger hatte an der Gründung des Altenheimes im Goldenen Boden unter Leitung von Schwester Else Burrow maßgeblichen Anteil. Dieses Arbeitsgebiet war für den auf die Jugend konzentrierten NS-Staat uninteressant. Aber die private Wichernschule, in die viele Eltern, die bezüglich der NSDAP skeptisch waren, ihre Kinder schickten, blieb den Nazis ein störender Faktor. Von außen, aber auch teilweise von innen (z. B. durch den damaligen Schulleiter und fanatischen Nazi Ackermann) wurde die Verstaatlichung der Schule betrieben und 1940 vollzogen. Füßinger hatte alle Punkte eines Mietvertrages sehr intensiv und zu Gunsten des Rauhen Hauses verhandelt. Dann sollte das Rauhe Haus zu einer SS-Heimschule gemacht werden. Wegen des für den Staat ungünstigen Mietvertrages für die Schule musste zunächst Füßinger ausgeschaltet werden. 1941 wurde er per Seitenwagenmotorrad zur Musterung abgeholt. In seiner Akte beim WBK wurde er als vorbestraft geführt, was zwangsläufig Infanterie und Russlandeinsatz zur Folge gehabt hätte. Aber er fand einen Gesprächspartner, der die üblen Absichten durchschaute, den unehrenhaften Vermerk löschte und ihn für die Marineinfanterie einzog. Dadurch blieb er in Schleswig-Holstein und betrieb unter Nutzung der Erfahrungen aus seinen Lehr- und Berufsjahren beim Norddeutschen Lloyd ein Stromaggregat für die Scheinwerfer der Flugzeugabwehr. An freien Tagen und im Urlaub stand er dem Rauhen Haus zur Verfügung, um zu retten, was noch zu retten war. Jetzt befand er sich unter dem Schutz der Marine und war im Gegensatz zu früher vor weiteren Gestapoverhören einigermaßen sicher.

Wegen seiner Funktion bei der NSV saß er nach dem Zusammenbruch 1945 zwei Jahre bis 1947 bei der britischen Besatzungsmacht im Internierungslager. Im anschließenden Entnazifizierungsverfahren 1947 erhielt er Berufsverbot. Zu dieser Zeit wurde der erste Abschnitt des Goldenen Bodens wieder aufgebaut. Damit August Füßinger dem Rauhen Haus trotz des Verbotes wieder zur Verfügung stehen konnte, hatte ihn der ausführende Bauunternehmer Hammers bis zur Aufhebung des Berufsverbotes angestellt. Bruder Gottfried Scheer, der später mit dem Herausgeber dieses Buches zusammen in Dortmund als Geschäftsführer bei der Inneren Mission arbeitette, stand Fü lange Jahre ablehnend gegenüber und verurteilte besonders sein Verhalten während der NS-Zeit, bis er eines Tages ein Gespräch mit ihm unter vier Augen hatte und von Fü Details erfuhr, die ihn in seiner Meinung gegenüber Füßinger völlig umschwenken ließen. Fortan redete er nur noch in Hochachtung über diesen Mann.

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Füßinger arbeitete unentwegt vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein. Er fuhr grundsätzlich erst immer spät abends zum Katten- oder Brüderhof, den Zweiganstalten im Norden Hamburgs, weil dann kaum noch Verkehr herrschte und in der Anstalt keine großen Probleme mehr zu befürchten waren. Neben ihm saß dann meistens seine Frau, die ihn knuffte, wenn das Auto wegen seiner Übermüdung ins Schlingern kam. Auf den hinteren Sitzen fuhren ein oder zwei Brüder mit, die den VW-Bus auf den Höfen zu ent- und beladen hatten. Es ist erstaunlich, was da alles hin- und her transportiert wurde: Milchpulver und Käse aus amerikanischen Spenden zu den Höfen und Fleisch ect. von den Höfen ins Rauhe Haus zurück. Gegen Mitternacht kam man dann auf dem Kattendorfer Hof oder dem Brüderhof bei Harksheide, mitten im Moor, an. Anschließend folgte dann in der Nacht die Rückfahrt. Füßinger redete nicht mehr, als er für unbedingt nötig hielt und verabscheute unnötiges Geschwätz. Fü ist in der Brüderschaft sehr umstritten. Wegen seiner spröden und konservativen Art und oft wunderlichen Ansichten und Entschlüsse mochten ihn viele seiner Mitmenschen nicht. Sein Gerechtigkeitssinn und sein diakonischer Opfergeist bringen ihm aber auch viel Freundschaft und Anerkennung ein. Etliche ältere Brüder verehren ihn. Akademikern gegenüber war er sehr skeptisch. Sie mussten ihm ihre Lebenstüchtigkeit in der Praxis erst unter Beweis stellen, bevor er ihre Leistung gelten ließ. - Fü hielt viel von Physiognomie und Graphologie. Er schwor bei der Einschätzung ihm bisher unbekannter Menschen auf Lichtbild und Schriftprobe. Eltern, die ihre Söhne dem Rauhen Haus zur Erziehung anvertrauen wollten und sich um einen Platz bewarben, mussten ihm von diesen auch immer Bild und Schriftprobe vorlegen. - Fü war durch und durch Sicherheitsfanatiker. Als der Autor ihn später einmal von Soest aus mit dem Auto mitnahm, ermahnte er ihn immer wieder, ja nicht so schnell zu fahren, er habe ständig Angst vor einem Unfall. Er selber „schlich“ als Autofahrer immer und hielt den Verkehr hinter sich auf. - Man kannte ihn nur mit Nickelbrille und in schwarzem Anzug mit schwarzer Krawatte.

Füßinger sprach immer etwas näselnd. Einige seiner Zitate mögen ihn mit seinen eigenen Worten charakterisieren: „Samariter sein wollen mit Rat und Tat: das ist unser Lebenselixier.“ - „Wahrheit ist die beste Taktik.“ - „Leere Töpfe klappern am meisten.“ - „Es menschelt überall.“ - „Der erste Griff ist der nach einem verbotenen Apfel, der zweite ist der Griff in die Kirchenkasse.“ - „Die Weisheit hat nichts mit Großmächtigkeit zu tun.“ - „Die Demokratie endet an den Mauern des Rauhen Hauses.“ - „Zwischen einem Bruder und einer Haustochter steht am besten immer ein breiter Tisch.“ - „Wer gut verheiratet ist, der hat ein natürlich gutes Ansehen.“ - „Die Ehe ist die Verknüpfung des Herzhaften mit dem Maßvollen.“ - „Die Vernunftehe richtiger Prägung ist eine Neigungsehe mit sozialer Durchführbarkeit.“ - „Komplikationen in der Ehe kann man nicht zurechtreden, sondern nur zurechtschweigen.“ - „Man soll der Frau immer das letzte Wort, dem Mann aber die letzte Entscheidung lassen.“ - „Der Schrei nach dem Kinde wird bei der Frau nicht verstummen.“ - „Nach dem zweiten Kind hört die Gemütlichkeit auf.“ - Über die Frauen behauptete er: „Sie sagen nicht, was sie denken, und denken nicht, was sie sagen.“ - „Eine gute Frau ist immer schön, auch wenn sie einen Buckel hat.“ - „Die Frau soll im allgemeinen 7 bis 9 Jahre älter als die halben Lebensjahre des Mannes sein.“ - „Im weiblichen Wesen ist eine atmosphärische Kraft vorhanden.“ - „Eine untüchtige Frau ist eine dauernde Missernte.“ - Ein Soll-Zitat: „ Für unsere Brüder haben wir immer Arbeit, und wenn sie einen Haufen Dreck von hier nach dort und von dort wieder nach hier karren müssen.“ – Brüder, die sich nicht mit der kirchlichen Verwaltungsprüfung anfreunden wollten, gab er zu bedenken: „Denken Sie auch mal an das Alter, wenn Sie in der Jugendarbeit und als Treppenterrier nicht mehr können, dann haben sie wenigstens einen Stuhl in einem warmen Zimmer.“ - Fü machte sich auch gerne das Bismarckzitat zu eigen: „Gelogen wird am meisten vor der Wahl, im Kriege und nach der Jagd.“ - Über sich selber sagte er: „Ich habe ein besonderes Verhältnis zu Metall. Auch wenn ich Millionär wäre, würde ich nur in Metallbetten schlafen.“ - „Ich war in meinem Leben nur bei zwei Arbeitgebern tätig: beim Norddeutschen Lloyd und beim Rauhen Haus.“ - „Ich pflege alle Erfahrungen nur einmal zu machen, wenn ich sie überhaupt an mich herankommen lasse.“ - „Fremde, etwa Mitreisende im Zug, schätzen mich entweder als Pastor oder als Kriminalbeamten ein.“ - „Niemand war in der 130jährigen Geschichte des Rauhen Hauses dort so lange mit Verantwortung tätig wie ich.“ - Von seinen Nachfolgern im Rauhen Haus erwartet er, „...dass sie den jetzigen Status dem Jahre 2000 kräftig entgegenführen.“

Am 1. April 1966 traten August Füßinger und seine Frau nach fast 40jähriger aufopfernder Tätigkeit für das Rauhe Haus in den Ruhestand. Ein Zitat im Juni 1966: „Jetzt bemühe ich mich, ein tüchtiger Rentner zu sein.“ Sein Streben nach Sicherheit wurde im höheren Alter „komisch“: Er riet allen Brüdern mit eigenem Garten zum Kauf eines privaten Atombunkers. Füßinger verteilte im höheren Alter (als er keine Verantwortung mehr tragen mußte) oft und gern Dropsrollen. Ob er das Gefühl hatte, mit Süßem etwas wieder gutmachen zu müssen, weil einige Brüdern doch „sauer“ auf ihn waren?

Der Lebensabend des Ehepaares Füßinger war durch körperlichen Verfall und stark eingeschränkte Gesundheit geprägt. Liebevoll kümmerte sich August Füßinger bis zu ihrem Tod im Jahre 1973 um seine kranke Frau. Obwohl er selber sehr alt wurde, bot der hochbetagte August Füßinger, der in früheren Jahren ohne Rücksicht auf seine Gesundheit für das Rauhe Haus alle seine Kräfte eingesetzt hatte, in seinen letzten Jahren im Seniorenheim des Rauhen Hauses (vermutlich auch Demenz) ein Bild des Jammers.

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