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Hugo Wietholz - Ausbildung - Krieg Zugriffszähler seit 18.05.2008
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Diakonenausbildung
im Rauhen Haus und Kriegszeit / Gefangenschaft
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Das Rauhe Haus
gilt als „Brunnenstube der Inneren Mission“ und ist die
Wiedergeburtsstätte des Diakonenamtes in den Kirchen der Reformation
nach über tausendjährigem Dornröschenschlaf während der
Kirchengeschichte. Lebensbilder von Diakonen des Rauhen Hauses geplant ist ein Buch mit Lebensportraits von Diakonen des Rauhen Hauses und anderer Brüderhäuser als Beitrag in der gelben Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags" von Jürgen Ruszkowski
 Johann Hinrich Wichern
hatte das Rauhe Haus 1833 als junger Kandidat der Theologie mit Hilfe
einflussreicher Hamburger Bürger in dem Dorf Horn vor den Toren
Hamburgs aus kleinsten Anfängen als „Rettungshaus“ für gefährdete
Kinder und Jugendliche gegründet und aufgebaut. Für seine immer
umfangreiher werdende pädagogische Arbeit benötigte er schon bald
Gehilfen. Aus dem Kreis dieser Gehilfen entwickelte sich später der
Beruf des Diakons. Im Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle, namens Josef Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg, um Wichern
als erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100 Mark im Jahr bei
freier Kost und Logis als Betreuer einer „Knabenfamilie“ zur Hand zu
gehen. Nach drei Jahren übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu
gegründetes Rettungshaus in Mitau im Kurland. Aus seinen „Gehilfen“,
die Wichern aus ganz Deutschland ruft und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit
im Rauhen Haus unterstützen und von den Jungen der Erziehungsfamilien
„Brüder“ genannt werden, baut er den hauptberuflichen Mitarbeiterstab
der Inneren Mission auf, die „Berufsarbeiter“, die als Hausväter in
„Rettungshäusern“, als Strafvollzugsbetreuer oder als Stadtmissionare
in ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach Übersee tätig sind. „Treue,
gottesfürchtige Männer, so ernst als wahr, so klug als weise, in der
Schrift bewandert, im Glauben gegründet, voll Liebe zum armen Volke,
geschickt zu solch einem Umgang, der Menschen fürs Himmelreich gewinnt,
wünschen wir in Scharen unter das Volk.“ Erst Jahrzehnte später wird man diese „Gehilfen“ entgegen Wicherns ursprünglichen Vorstellungen Diakone nennen. Bis in die 1970er Jahre sprach man von der männlichen Diakonie. Daneben gab es den Beruf der Diakonisse. Danach wurden Ausbildung und Beruf
im Rahmen der allgemein sich durchsetzenden Emanzipation auch für
Frauen geöffnet. Aus der Brüderschaft wurde die Brüder- und
Schwesternschaft des Rauhen Hauses. Heute bildet die
Fachhochschule des Rauhen Hauses in Hamburg Frauen und Männer zu
Diplom-Sozialpädagog(inn)en und Diakon(inn)en aus. 3. Teil des von
Hugo Wietholz selbst verfassten Textes: Kopien und Veröffentlichungen - auch auszugsweise nur
mit vorheriger Genehmigung!
Der Text dieser Seite ist recht interessant,
zeitgeschichtlich aufschlussreich und sehr umfangreich. Geplant
ist die Herausgabe als eigenständiges Buch und auszugsweise als
Beitrag in einem Sammelband von Diakonenlebensläufen.
Es wird bis zur endgültigen Fertigstellung noch Monate dauern. Lesen Sie den Text in Buchform: - Bestellung für 12 € direkt beim Herausgeber Bruder Wörwag machte mit uns einen Rundgang
durch die Anstalt. Sonst gab es nur Anweisung zum Schlafen im
Haus Tanne in einem Zimmer mit mehreren Anwärtern. Die
nächsten Tage brachten für mich den Einsatz bei Arbeiten in der
Anstalt. Ich war mit 29 Jahren eingetreten. „Was machen wir
mit dem jungen Mann?“ Erst einmal musste ich zu Bruder
Düwel, ein beliebtes Haus. Der hatte das Brüderbüro unter
sich. Ich bekam den Vertrag zum Eintritt. Bei Austritt wären
3.000 RM fällig. 35 RM für Bücher und Unterhalt meiner
Mutter. Was mich wunderte: Es gab keine Betreuung der jungen Brüder.
Die zum Teil Älteren hielten sich sehr reserviert.
Wie ging es nun weiter im Rauhen Haus? Immer
mehr junge Anwärter kamen. Wir lernen uns kennen, und weil
nichts geschah, organisieren wir eine Gruppe. Zwischendurch
wurde ich Pförtnerbruder: Telefonzentrale bedienen (stöpseln),
Post in die Fächer einordnen, für Führungen Schlüssel fürs
alte Haus herausgeben. Weil ich an den Schlüssel kam, gründen
wir eine kleine Gruppe, eine Gebetsgemeinschaft. Wir trafen uns
vor Arbeitsbeginn im alten Haus (Ruges Hus), in dem Wichern die
ersten Anfänge gemacht hatte. Eine Zeitlang ging alles gut mit
unserer Gruppe. Dann wurden wir verpfiffen. Es könnte
etwas im Sinne des § 175 (damals strafbare Homosexualität)
entstehen.
Pastor Wegeleben war der Direktor der
Anstalt. Er wohnte in der I. Etage des Wichernhauses. Unten
war die Verwaltung, die Pförtnerloge und der Brüdersaal. Ich
sprach mit Pastor Wegeleben, um für uns eine Bibelstunde
einzurichten. Wir wollen nicht ausbüchsen. Jeden Mittwoch
hielt Pastor Wegeleben die Bibelstunde für uns Anwärter im
Brüdersaal. Sonnabends wurde mit Öl und Sägespänen der
Parkettboden in der Tanne gereinigt. Es war immer noch das Jahr
1938. Ich wurde in der Kanzlei bei Anni Schulz und Frau Esmarch
eingesetzt: Akten durchstöbern und ordnen. In der
Telefonzentrale hatte ich viel Spaß mit gemachten Anrufen. Wir
ärgerten August Füßinger,
indem wir seine nuschelige Sprache nachmachten. Am Schalter
erlebte ich manchen älteren Bruder. Von Bruderschaft konnte
keine Rede sein. Wir jüngeren Anfänger mussten uns schon
durchbeißen. In der Anstalt musste ich Laub fegen und Obst
pflücken. Dabei fiel ich von der Leiter und verletzte mit
die Ferse. Das war noch lange zu spüren. Im Heizungskeller
musste ich für die Küche Koks schaufeln. Einmal hatte ich die
Post in der Küche zu verteilen und die Küchenmädchen
umschwärmten einen wie die Bienen. Frieß kam hinzu:
"Aber Bruder Wietholz, das ist verboten! Fräulein Sander
holt doch die Post." - Komisches Mädchen.
Abends wurde die ausgehende Post von Pastor
Wegeleben von dessen Hausmädchen gebracht. Sie musste
frankiert werden. Es war meistens spät abends und dann ergab
sich mit der Deern ein Plausch. Sie war ganz hübsch. Den
damaligen Idolen entsprechend: blond, blauäugig und schlank. Es
muss wohl im Herbst gewesen sein. Irgendeine Fahrt von der
Concordia sollte sein. Vorher hatten wir uns zu einem
Spaziergang verabredet. Ich wollte sie mal näher kennen
lernen, was auch geschah, denn im Laufe des Gesprächs kamen wir
auf die Zukunft zu sprechen und sie offenbarte mir, dass sie als
braune Schwester zur NSV wollte. Später, zurück von der
Fahrt, habe ich ihr eine Karte geschrieben, dass es mit uns
nichts werden könne. Wo sie später abgeblieben ist, entzieht
sich meiner Kenntnis. Ich meine, sie so um 1950 in der
Martinskirche gesehen zu haben. Pastor Dubbels war noch nicht
verheiratet und wir hatten viele Kanzelschwalben. Nach seiner
Heirat waren sie plötzlich weg.
Im Rauhen Haus wurde ich auch zur Nachtwache
eingeteilt. Das Wachbuch im Wichernhauskeller, unser Quartier,
war eine Sehenswürdigkeit für sich. Was haben die Brüder
alles diesem Wachbuch anvertraut. Auch wir waren nicht
schüchtern und manchen Vers und Ulk haben wir vom Stapel
gelassen. Manchen Ulk haben wir uns auch mit den Haustöchtern
erlaubt. In kleinen Gruppen ging man abends noch in die
Anstalt. Wir sind zum Wirtschaftsgebäude geschlichen und haben
mit Pappnägeln das Schlüsselloch dichtgemacht. Wir hatten
unseren Spaß, wenn sie sich nicht helfen konnten und ältere
Brüder holten, die ihnen helfen sollten. Ihre Bleibe war oben
über Frieß’ Wohnung. Der Hausvater war oft entrüstet, wenn
die Brüder ihren Spaß mit den Hausmädchen hatten: Leiter ans
Fenster gestellt, die große Glocke vor dem Haus mit Wasser
gefüllt als Frost war. Später wurde ein altes Sofa im Teich
versenkt. Man glaubte, eine Leiche wäre im Wasser.
Mir wurde aufgetragen, abends mit der
Holzknarre das Abendlied am Teich zu singen: „Hört ihr Herren,
lasst Euch sagen...“ Zuerst mit Lampenfieber, denn vor den
Brüdern wollte man keinen Misston fabrizieren - es wäre eine
Blamage gewesen. Aber bei mir hatte man keinen Erfolg. Nur
die Hausmädchen machten ihre Sparziergänge zu auffällig -
denn, man spielte mit dem Gedanken, sich einen Bruder zu angeln -
Ha!
Es war in mancher Hinsicht toll im Rauhen
Haus. Nur musste man selbst zur Eigenhilfe greifen. Ein
Beispiel: Der Totensonntag stand bevor, da kam mir der Gedanke,
ein Laienspiel aufzuführen, was im Rauhen Haus eigentlich
unmöglich war, denn die Brüder hatten doch keine Zeit. Wir
nahmen uns die Zeit, um das Stück "Gevatter Tod"
einzuüben. Dazu brauchten wir ein Mädchen und einen
Geigenspieler. Die Haustochter von Pastor Wegeleben durften wir
ausleihen und nach langem Suchen war Bruder Ferlau bereit, die
Melodie „es ist ein Schnitter, der heißt der Tod“ mit der
Geige zu spielen. Im Weinberg (altes Gemäuer mit Saal) wurde
das Stück aufgeführt. Wir haben es gewagt, obwohl auch manche
die Nase rümpften. Zu Weihnachten hatte ich für die
Öffentlichkeit den Adventspruch aufgesagt: „Das Licht scheint
in der Finsternis. Aber die Finsternis hatte es nicht
begriffen.“ Bruder Noack spielte den Weihnachtsmann und hat
dabei Bruder Düwel mit der Rute verdroschen; der aber konnte
keinen Spaß vertragen.
1939
Ja, und dann feierten wir den Beginn des
Jahres 1939. Im Nachhinein wissen wir, es war ein
schicksalschweres Jahr. Unter uns jungen Brüdern hatten sich
Freundschaften angebahnt, etwa mit Bruder Bull und Bruder
Konopatzki. Der Erstere trat später aus. Von Konopotzki
bekam ich nach dem Krieg ein Lebenszeichen. Er war Sekretär im
CVJM geworden, und dann riss die Verbindung ab. Bruder Bull
hatte Dienst in der Küche. So kam dann auch die Verbindung zu
den Mädchen zustande. Dort machte ein Fräulein Gabriel ihr
Haushaltsjahr. Am 20.01.1939 sollte auf der Heideburg ein
Treffen der Jugend sein mit einem Vortrag von Pastor Wegeleben.
An diesem Sonntag hatte ich nun in der Zentrale bis mittags
Dienst. Also verabschiedeten wir uns um 14 Uhr im Stormarnweg -
Hohle Rönne, Ecke Warendorf (steht heute noch). Vom Rauhen
Haus durfte niemand sehen, dass wir uns mit Mädchen trafen. Die
eine hatte noch ihre Schwester Emmi für Bruder Bull mitgebracht.
Also los ging es mit der Bahn bis Harburg, dann durch den Wald.
Wir hatten dabei angeregte Gespräche. Auf der Heideburg nahmen
wir am Vortrag teil, später saßen wir in der Sonne. Es war
für Januar ein warmer Tag. Vor dem Weg saßen wir in der
Heideburg bei einem Heideburggetränk auf dem „berühmten"
Sofa, was später nochmals in unserem Blickpunkt auftauchte. Auf
dem Heimweg durch den Wald sprang dann der gewisse Funken über.
Lisa Gabriel und der junge Bruder Wietholz wussten auf einmal,
was los war, und ein paar Tage später kam dann von Lisa das
Ja-Wort. Wie auf leisen Sohlen flogen wir förmlich dahin. Bruder
Bull und ich gingen vom Berliner Tor zu Fuß ins Rauhe Haus Es
war ein Weg der uns zu kurz vorkam. Am Tag später hatten wir
uns durch den Verbindungsmann für den 1. Februar 1939 spät
abends verabredet. Von uns Brüdern durfte abends keiner das
Gelände verlassen. Ich hatte mir noch Maiglöckchen besorgt
und abends bin ich dann über das Gitter hinter dem Rauhen Haus
geklettert. Wir trafen uns und gingen Hand in Hand durch die
Weddestraße. Da kam es dann zu dem berühmten Satz: "Bin
ich Ihnen auch genehm?" Die Maiglöckchen und diese
Erklärung taten mir das Nächste. Man muss die Lisa , die
heute 11 Enkel hat, fragen. Jetzt hatte für uns beide das
Rauhe Haus noch einen besonderen Glanz. Es kam vieles auf uns
zu. In der Concordia-Hoheluft stellte ich nun mein Mädel vor.
Es gab eine Enttäuschung, denn jetzt musste man mich teilen. Aber
bei jeder Stunde in Hoheluft begleitete Lisa mich. Meine Mutter
hatte mich schon immer gewarnt. "Die Mädel taugen alle
nichts", war ihre Behauptung. Später wurde sie aber eines
Anderen belehrt. Nicht zu vergessen, ich hatte auch eine 4
Jahre jüngere Schwester, die aber früh ihre eigenen Wege ging,
heiratete und später in der Knauerstraße 11e, I. Etage, wohnte.
Dann passierte es, dass ich eines Tages vor unserer
Wohnungstür stand, die man versiegelt hatte. Schlüssel musste
ich bei der Polizei abholen. Mutter hatte in ihrem schweren
Gemütszustand Hitler und Genossen aus dem Fenster rufend
beleidigt. Daraufhin wurde sie von einem Nazi angezeigt und
abgeholt. Mir wurde gesagt, sie sei in der Anstalt
Friedrichsberg. Später kam sie nach Langenhorn und dann nach
Pinneberg. Immer unter Aufsicht. Sie wurde mit Medikamenten
vollgepumpt, um diese Gemütsanfälle zum Stillstand zu bringen,
was aber nicht gelang.
Zwischendurch traf Helmut Wittmack, einer
unserer neuen Concorden, im Rauhen Haus ein. Mit meinem
Mädchen trafen wir uns oft, wenn wir Freizeit hatten. Es
wurden Wanderungen an der Elbe entlang gemacht oder in die Heide.
Manchmal waren wir auch im Garten, Horner Landstraße 439, wo der
Vater von Lisa Mitbesitzer eines Hauses war. Es waren schöne
Sommerabende in der Laube. Vom schwarzen Weg hinter dem
Grundstück konnte man durch eine Pforte in den Garten gelangen.
Natürlich waren die Eltern gespannt, was wohl ihre Tochter da
herangeschleppt hatte. Aber noch blieb ich für die Eltern im
Dunkeln.
Es gab allerlei Ereignisse in unserem Leben.
Abends spät in der Anstalt schrieb ich Nachrichten der
Bekennenden Kirche. Besuchte auch Versammlungen bei Pastor
Remé in der St. Gertrud-Gemeinde. Zu Ostern erfüllte sich
mein Wunsch, ins Seminar DW II - Diakonsklasse zu kommen. Am
ersten Schultag hatte ich gleich eine Auseinandersetzung mit zwei
Dozenten. Fragen, warum ich kein Abzeichen der Partei trüge.
Zwei Stunden lang versuchte man, uns vom Nationalsozialismus zu
überzeugen. Unsere Antwort vor ca. 12 Schülern: "Wir
sind in der bekennenden Kirche." Dies schlug natürlich
wie eine Bombe ein. Eine Dozentin wollte uns klarmachen, dass
es ums Rauhe Haus geht. Wir säßen alle in einem Boot! Wir
aber nicht! Daraus ergab sich eine Unstimmigkeit unter den
Schüler-Brüdern. Ältere wollten austreten. Wir
verabredeten am Nachmittag im Blohmspark ein geheimes Treffen,
denn im Rauhen Haus waren wir uns nicht sicher genug. Viele der
älteren Brüder gehörten ja verschiedenen Parteiorganisationen
an. Im Park kam dann eine Aussprache zustande. Manche wollten
austreten und nach Moritzburg gehen, was dann auch geschah. Mein
Entschluss galt für alle anderen: Durch Weggehen ändern wir
nichts. Aushalten, auch unter schwierigen Bedingungen. Es
wird die Stunde kommen, wo es wieder anders werden wird. In der
nächsten Zeit wurden wir schulwissenschaftlich auf Vordermann
gebracht. Hier nahm sich Bruder Germer viel Zeit. Wir
profitierten von dem, was er uns mitgab, doch eine ganze Menge.
Von der Wichernschule tauchte auch ein Lehrer auf, der für
Biologie zuständig war, aber auch SS-Mann war. Er versuchte,
uns mit seiner Kollegin zu beeinflussen und erreichte das
Gegenteil. Bei den Auseinandersetzungen ging es hart her und in
der I. Etage lagen Füßinger
und Jahnke aus dem Fenster und hörten mit. Man wagte aber
nicht, uns zur Rede zu stellen, sondern suchte wohl einen Ausweg.
Habe mit den verantwortlichen Leuten verhandelt, um 14 Tage
Urlaub zu bekommen, um nach Borkum ins Bibellager zu fahren. Dies
wurde von der RH-Leitung genehmigt. Nun sollte auch Lisa mit.
Das Hindernis waren die Eltern. Flugs kaufte ich einen
Blumenstrauß und besuchte Lisas Eltern. Stellte mich als
Diakonsschüler des Rauhen Hauses vor und betörte die Mutter mit
meinem nicht vorhandenen Charme. Immerhin, nach langem
"Wenn und Aber", bekamen wir die Genehmigung gemeinsam
zu fahren. Hoffentlich bekommen sie ihre Tochter heil wieder.
Wir sind vom Hauptbahnhof Richtung Bremen mit dem Zug gefahren.
Unsere Fahrräder hatten wir aufgegeben. Ab Bremen ging es per
Pedes nach Apen ins Pfarrhaus. Pastor Stöver und Frau nahmen
uns herzlich auf. Es sollte der letzte Besuch sein. Später
hörten wir, das Pfarrhaus sei von einer Bombe vernichtet worden.
Eigentlich lag es ganz abseits von Emden. Des Pfarrers
Auslegung des Alten Testaments war immer auf die bedrohte Zeit
durch Hitler ausgelegt. Von Emden fuhren wir mit der Fähre
nach Borkum. Ein Foto zeigt Lisa beim Schreiben auf dem Schiff.
Das Heim des Jungmänner-Verbandes Deutschland hieß Waterdelle.
Wir verlebten schöne Tage der Gemeinsamkeit mit den jungen
Leuten, die aus ganz Deutschland gekommen waren. Paul le Seur
hielt uns in den Dünen die Bibelarbeit, die immer sehr ergiebig
war. Unser Glaube bekam sehr viel Stärkung. Bei einer Stunde
klang so etwas von einem Ahnen durch, dass die kommende Zeit
schwierig werden könnte. Wir erleben unsere Ferienfreuden. Viel
Baden, Bootsausfahrten, Besichtigung von Borkum. Suchten die
Häuser der ehemaligen Walfänger, deren Gartenzäune mit
Walknochen bespickt sind. Die Freizeit ging zu Ende und wir
fuhren mit dem Rad durch Friesland. Übernachteten auf einem
Bauernhof. Von dort ging es am anderen Morgen nach Bremerhaven
zu der Familie von Großmutter Hinzes Stiefschwester. Am
nächsten Tag besuchten wir den Sohn des Pfarrer v. Busch. Es
war ein herrlicher Tag. Keiner ahnte, dass wir mit den Senioren
des Rauhen Hauses ca. 40 Jahre später Ringstedt nochmals
aufsuchen würden. Der Pastor dort hielt uns in der Dorfkirche
die Abendandacht. Vorher hatten wir den alten Busch gefunden
und besucht. Er erinnerte sich an die Gabriels. Von Ringstedt
ging es, mit großer Mühe für Lisa, mit dem Rad weiter nach
Moisburg. Wir schliefen sehr primitiv in Pastor Schwiegers
Jugendheim. Von dort fuhren wir dann nach Hamburg. Ich ging
ins Rauhe Haus und Lisa zu den Eltern.
Ich wurrde jetzt mal in jeder RH-Familie
eingesetzt. Haus Eiche bei Bruder Fahrni, dann im Köcher bei
den Lehrlingen. Morgens hieß es früh aufstehen. Auf
Widerruf war ich bei Bruder Noack im Bienenkorb. Im Rauhen Haus
war der Kampf der Diakone entbrannt. Ackermann, aus der
Wichernschule, strammer Parteigenosse der Nazis im Bund mit der
NSDAP-Kreisleitung aus Blohmspark. Wegeleben war kurz vor dem
Weggang.
Lisa und ich wollten uns bald verloben. Wir
wurden gebeten, im Rauhen Haus die Ringe nicht öffentlich zu
tragen. Ältere Brüder könnten Anstoß daran nehmen. Blöd,
aber so war es im Rauhen Haus: Keine Bräute während er
Ausbildung. Pastor Wegeleben hatte man hinausgegrault und ein
neuer Direktor kam: Pastor Donndorf, der nun den Kampf mit
Ackermann aufnehmen musste. Eines Tages war es dann soweit,
alle Familienleiter und Gehilfen mussten zu einer Versammlung, wo
hohe Tiere der Partei dabei waren. Man musste sich entscheiden:
Das alte Rauhe Haus mit seiner Erziehungsmethode fliegt auf oder
es wird eine SS-Heimschule. Das Personal wollte man mit
übernehmen. Ich hatte zu der Zeit Dienst in der Zentrale und
wartete auf eine richtige Entscheidung. Erziehungsarbeit im
Rauhen Haus aufgeben, war meine Parole. Bruder Helmut Wittmack
kam zu mir in die Zentrale und berichtete. Unter dem Druck von
Ackermann und dem Kreisleiter hatte man sich für die
SS-Heimschule entschieden. Helmut berichtete: Ackermann hätte
gesagt, Christen und Nationalisten seien ja dasselbe. Darauf
Helmut Wittnack: „Die sind wie Feuer und Wasser." Darauf
Ackermann: Er wolle es nicht gehört haben. Nächstes Mal werde
er ihn anzeigen. Wir aber waren von der Entscheidung bedient.
Die Führung des Rauhen Hauses hatte kein Rückgrat gezeigt. Aber
was für ein Wunder: Der Direktor Engelke wurde ja bei
Reichsbischof Müller Reichsvikar. Zwischendurch hatten wir in
der Stadthalle in Harburg den Reichsbischof erlebt. Armer Mann,
schweißwischend stand er am Rednerpult, seine Leibwache der SA
als Saalschutz. Er, der Bischof, legte das Gleichnis vom
verlorenen Sohn aus und zeigte auf Gott, holte auch den
verlorenen Sohn heim, den Christus. Hier aber irrt dieser
Reibi, wie wir ihn nannten, denn die ausgebreiteten Arme des
Vaters sind ja Jesu Arme, denn nur durch ihn geht der Weg zum
Vater. „Ich“, spricht Jesus, „bin der Weg und die
Wahrheit. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ Weil die
Nazis Jesus als Juden ablehnten, musste man solche Auslegung bei
den Deutschen Christen machen.
Im Rauhen Haus passierte viel Kleinkram. Von
der Küche wurde ich zum Schlachtfest eingeladen. Mit Lisa
machte ich abends viele Spaziergänge. Trotz Verbot! Der 1.
September 1939 kam, und Hitler ging zum Angriff auf Polen über.
Vorher hatte er einen Vertrag mit Stalin abgeschlossen, der viel
Staub aufwirbelte in der Welt. Man hatte halb Polen an Russland
verschachert und die andere Hälfte nahm sich Hitler. Die
Baltenstädte gingen auch an Russland, ohne diese Völker zu
fragen. Womit Hitler nicht gerechnet hatte: Frankreich und
England erklärten Hitler den Krieg. Jetzt hatten wir den
Salat. Hitler vereinnahmte sich schon vorher Staaten wie
Österreich und die Tschechei. Im Blitzkrieg war Polen
niedergeworfen. Wegen meines Magenleidens war ich auf der
Krankenstation, wo ein alter Herr mit mir aß. Als er die
Siegesfanfaren über Polen hörte, sagte er uns: „Was ist schon
von Polen zu holen, als ein paar Stiefel ohne Sohlen.“ Dies
habe ich nicht vergessen können, denn er sollte nur recht haben
mit diesem Ausspruch. Unsere Klasse wurde bald aufgelöst. Viele
Brüder wurden eingezogen. Wir halfen uns, wie wir nur konnten,
in der Familie.
Im November 1939 bekam ich den Marschbefehl,
zum Kattendorfer Hof bei Kaltenkirchen zu ziehen. Dort regierte
Bruder Graul, zu dem ich nie ein gutes Verhältnis bekam. Bevor
ich das Schweizerhaus mit den Zöglingen übernahm, gab er
Arbeitsanweisung, in der Erziehung habe nur er das Recht der
Züchtigung. Nun wurden bei uns ja auch Brüder von Zöglingen
verprügelt. Dies Glück wollte ich mir ersparen und regierte im
Schweizerhaus so mit den Zöglingen, dass wir ganz gut
miteinander auskamen. Einmal bekam ein ganz fieser Bursche doch
mal eine Tracht Prügel, weil er etwas geklaut hatte, was er
nicht wieder hergeben wollte. Die gestohlene Uhr fanden wir
aber in einem Lampenschirm. Einmal holte ich einen Zögling bei
Rendsburg ab, der ausgekniffen war. Man musste schon höllisch
aufpassen, dass er unterwegs nicht wieder abhaute.
Wir arbeiteten auf dem Feld und mussten Mist
ausstreuen. Im Winter wurde in der Scheune gedroschen. Es gab
auf dem Hof immer etwas zu tun. Vom Rauhen Haus kamen hierher
die schwierigsten Jungen.
Weihnachten hatte ich Urlaub und konnte bei
Gabriels schlafen. Das Fest verlebte ich dort in der Familie.
Lisas Großmutter in Billstedt lernte ich dabei auch noch kennen.
Es ging zurück auf den Kattenhof, den Bruder Graul mit Erfolg
gegen die Eingliederung verteidigte. Plötzlich kam der
gefürchtete Musterungsbefehl. Ab nach Kaltenkirchen: Untersuchung,
und es hieß: KV, d.h. kriegsverwendungsfähig. Was lag nun
wieder in der Luft? Hatte dieser Blödmann, oberster Kriegsherr
Hitler, schon wieder was neues im Sinn?
1940
Der Winter war nicht sehr streng; Eis und
Schnee gab es, aber man konnte damit zurechtkommen. Ab und zu
gab es Wochenendurlaub. Dabei sprachen Lisa und ich uns ab, es
möge zu Ostern 1940 zu einer Verlobung kommen. Erst einmal
mussten die Eltern gefragt werden. So gab ich mir nach altem
Brauch einen Ruck und bat die Eltern um die Hand ihrer Tochter
Lisa. Weil ich kein unbeschriebenes Blatt für die Eltern war,
konnte man schon ja sagen, auch wenn meine finanziellen
Verhältnisse gleich null waren. Die Ausbildung war ja noch
nicht abgeschlossen, immerhin war ich Diakonsschüler. Man
lache uns deshalb nicht aus. Auch später auf unserer
Heiratsurkunde ist dies so vermerkt. Warum? Gründe kamen
Jahre danach. Also, die Verlobungsfeier wurde auf den 24.03.1940
gelegt, vorher wurden die Ringe angeprobt und bestellt. Mein
Freundschaftsring mit dem Kreuz wurde eingeschmolzen und mit
einer Zugabe von Gold oder allerlei Ringen wurden die Ringe von
Onkel Paul, der Goldschmied war, hergestellt. Das
eingeschmolzene Kreuz hat später immer in unserer Ehe die
entscheidende Rolle gespielt.
Zu Ostern bekam ich vom Kattenhofer Hof
Urlaub und mit unserem Kirchengang zur Martinskirche begann die
Feier. Lisa hatte noch vorher bis in die Nacht Kuchen gebacken.
Dabei habe ich versucht zu helfen und bei dem Ausstechen der
Pasteten ein Glas zerbrochen. Zu Mittag gab es ein gutes Essen
und Wein. Viele Tanten und Onkel waren gekommen, um dem jungen
Paar und den Eltern zu gratulieren. Von meiner Seite konnte
leider keiner kommen, dafür von Lisas Seite so reichlich, dass
ich durch diese große Verwandtschaft nicht durchsteigen konnte.
Wenn man mir Zeit lässt, würde ich es auch mal schaffen, damit
zurecht zu kommen.
Wehrdienst
im Krieg
Der Alltag kam wieder und womit jeder Mann
rechnen musste: Natürlich kam prompt der Einberufungsbefehl. Immerhin
hatte ich Glück, denn nun hieß es, am 6.05.1940, 18.00 Uhr,
sich in der Böhm-Kaserne einzufinden. Bevor es los ging, waren
mir noch ein paar Tage im Rauhen Haus vergönnt. Viele Brüder
fehlten, andere protzten mit ihren Offiziersuniformen. Mir
selber war es alles schnuppe: Hoffentlich ging diese ganze Chose
bald vorüber. Wir aber sollten uns täuschen. Hitler ließ
Norwegen und Dänemark besetzen und wer ahnte dies: Am 10. Mai
ging der Feldzug gegen Frankreich los, darum die vielen
Einberufungen. Der Emil Hitler brauchte Kanonenfutter. Natürlich
blieb für uns kleine Leute vieles im Dunkeln. Wir, als frisch
gebackene Verlobte, kosteten die Zeit bis zur Einberufung aus. Manchen
Abend saßen wir in der Laube und sprachen über unserer
gemeinsames Leben und was wohl werden würde. Hoffentlich ging
alles bald vorüber. Wer ahnte aber, was in der Zukunft noch
alles auf uns zukommen sollte. Unser Spruch war damals: „Der
Herr ist unser Meister, er ist unser König und wird alles
herrlich hinausführen.“ Wir aber haben es auf unser kleines
Leben hin ausgelegt, auch wenn es heilsgeschichtlich auf das
Evangelium von Jesus Christus hinführt. Wir aber hatten den
Mut, uns mit einzuschließen. Im Rückblick auf unser beider
Leben ist es tatsächlich zu der wunderbarsten Führung gekommen.
Also, der besagte 6.05.1940 kam heran,
abends um 18.00 Uhr musste ich mich stellen und Lisa brachte mich
ans Kasernentor. Punkt 18.00 Uhr überschritt ich die Grenze
vom Zivilisten zum Soldaten. Es war ein tränenreicher
Abschied, aber ich war ja in Hamburg und Ausgang würde es ja
wohl auch geben.
Wir bekamen unsere Stuben zugewiesen. Es
waren etwas über 100 Mann. Ein Oberfeldwebel hatte das Sagen
und es wurde nach den Berufen gefragt. Noch waren wir in Zivil.
Als die Reihe an mich kam, konnte ich doch nicht Diakonschüler
sagen. Hätte man auch nicht verstanden und es wäre nur ein
Lächeln auf der Strecke geblieben. So kam dann meine Antwort
ganz kühn: "Schmalspur-Theologe". Immerhin wurde ich
auch bei einem Kameradschaftsabend respektiert. Der Feldwebel
verlangte, dass keine zweideutigen Witze vom Stapel gelassen
werden. Erst einmal wurden wir eingekleidet. Dann kam die
Grundausbildung auf dem Kasernenhof, immer noch mal. Erste
Bedingung war, dass man vorschriftsmäßig grüßen konnte.
Gut vier Wochen waren wir eingesperrt. Zwischendurch
besuchte mich Lisa, die mit dem Fahrrad kam. Der 10. Mai
brachte den Angriff auf Frankreich mit der furchtbaren
Bombardierung auf Rotterdam. Hitler musste der Welt zeigen, was
er für ein Feldherr war. Seine Generäle brachten das
Kunststück fertig, die unterirdische Maginotlinie zu knacken, am
22. Mai war der Feldzug beendet und Hitler ließ sich in Paris
und Berlin triumphal feiern.
Wir aber befanden uns nun in der Ausbildung,
wurden zu einem Kompanietrupp zusammengestellt. Mussten lernen,
Leitungen zu verlegen und mit dem Feldfernsprecher umzugehen. Wir
waren ein guter Trupp von Kameraden, mussten im Gebäude viel
Strippen ziehen. Zwischendurch gab es auch Ausgang bis 24.00
Uhr abends. Hatte mein Fahrrad zur Kaserne mitgenommen und bin
so manchen Abend zu meiner Braut geradelt.
Der Frankreichfeldzug war vorüber, aber was
sollte wohl nun mit unserem Bataillon werden? Plötzlich kam der
Befehl, dass der ganze Verein in Wandsbek verladen werden sollte,
was dann mit allen Geräten auch geschah. Vorher gab es noch
einen Abschied und dann ging es in die Güterwagen. Wohin? Von
hintenherum hieß es: Munsterlager, zur weiteren Ausbildung,
oder? Wir fuhren an Bergen und Munster vorbei. Immer weiter
nach Osten, über Warschau bis in das Nest Groscheck, wo wir in
eine polnische Kaserne klamen, der man den Namen
"Hanseaten-Kaserne" gegeben hatte. Hier wurde
zunächst die Ausbildung weiter betrieben. Das Gerücht
verbreitete sich, wir sollten nach Rumänien, die Ölfelder
bewachen. Aber es kam alles anders.
Zwischendurch war ich mal kurz in Warschau
gewesen, hatte auf einer Brücke gestanden und in die Weichsel
gespuckt.
Eines Tages bekamen ich und einige Kameraden
einen heftigen Durchfall. Es blieb nicht einigen mit dem
Durchfall, das ganze Bataillon wurde davon befallen. Schuld
hatte der Koch, der ungekochtes Wasser in den Kaffee geschüttet
hatte. Es wurde so schlimm, dass der Befehl kam, den ganzen
Verein wieder zu verladen, und ab ging es. Aber wohin, war die
bange Frage. Wir rollten und rollten gen Westen. Sollte es
doch noch Munsterlager werden? Bei den Soldaten war es wegen
seiner harten Ausbildung gefürchtet. Wir aber rollten an
Bergen und Munster vorbei und, o Wunder, landeten wieder in
Wandsbek. Da lud man dann in aller Eile aus und wir bezogen
unsere alte Kaserne wieder. Für mich war dies ein Wunder. Warum
so?
Natürlich ließen wir uns alle schnell
einen Urlaubsschein geben und es wurde in der Familie Gabriel ein
Wiedersehen gefeiert. Eintönig ging der Betrieb in der Kaserne
dahin. Der Krieg mit Frankreich war beendet und was sollten die
Soldaten nach ihrer Ausbildung in der Kaserne nun machen? Tag
für Tag wurden etliche zu anderen Einheiten abkommandiert. Eines
Nachmittags wurde mein Name von dem UvD - Unteroffizier vom
Dienst - gerufen: "Wietholz, sofort zur Schreibstube."
Was hat denn das zu bedeuten, war meine innerste Frage. In der
Schreibstube führte dann der Spieß - Hauptfeldwebel - folgendes
Gespräch mit mir: "Hier liegt ein Antrag vor vom
Oberpfarrer Hunzinger, Hamburg. Sie sollen zur
Kriegslazarettabteilung 446 zu einem Pfarrer versetzt
werden." Was bedeute denn so etwas? Solche Versetzung
ist dem Spieß wohl noch nicht unter die Hände gekommen. Seine
Frage: "Was sollen sie denn tun?" Ich hatte auch
keine Ahnung, aber beim Militär darf man sich keine Blöße
geben. Also flugs kam meine Antwort: "Dem Pfarrer im
Lazarett helfen und da sind bestimmt noch andere Dienste zu
tun." Er, der Spieß, gab sich zufrieden. Sein Befehl
war, dass ich in einer Stunde feldmarschmäßig auf der
Schreibstube zu erscheinen habe, um die Papiere entgegenzunehmen.
Melden auf der Feldkommandantur Brüssel und dort würde ich
weitergeleitet. In Windeseile wurden die Sachen gepackt und
sich dann von den Kameraden und der Einheit verabschiedet, die
ich nie wiedersehen sollte.
Lisa befand sich im Abendroth-Haus als
Wirtschaftsleiterin, hatte aber eine Entzündung am Fuß. Ein
böses Geschwür. Auf einem Zimmer in diesem Haus waren wir
beieinander und nahmen Abschied in der Hoffnung, dass ich bald
wieder in Hamburg sein würde. Dass ich diese Reise machen
musste, verdankte ich dem Oberpfarrer Hunzinger, der vom Rauhen
Haus Adressen von Diakonen erfragte, die noch keine
Feldpostnummern hatten. Von Brüssel wurde ich in ein kleines
Dorf in Nordfrankreich geschickt und hatte mich beim Stab der
Feldlazarettabteilung zu melden. Dieser schickte mich nach St.
Pol, wo in einem größeren Gebäude die Lazarettabteilung
untergebracht war. Man ließ mich auf einem Zimmer warten. In
der Zwischenzeit war noch ein Diakon mit Namen Morlack
eingetroffen. Später kamen zwei evangelische Pfarrer. Wir
durften wählen. Ich entschied mich für den Pastor Werner,
einen Schwaben aus Tübingen. Wir passten prima zusammen. Er
war von unersättlichem Tatendrang. Wir hatten den Auftrag
Truppenteile zu besuchen, Gottesdienst anzubieten und Gespräche
mit den Offizieren zu führen.
Gut fand ich, dass wir auch Schriften
christlichen Inhalts, die auf die Fragen des Menschen eingingen,
Probleme des Alleinseins, von Frau und Familie, verteilten
konnten. Eine Schrift ist mir noch gut in Erinnerung :
"Thema Nr. 1" von Manfred Müller. Es war schon
notwendig, diese Schriften zu verteilen, denn die Versuchung war
groß, sich mit den jungen Französinnen einzulassen.
Einmal waren wir früh morgens bei einer
Bäckerabteilung und mein Chef stand auf einem erhöhten Platz
und sprach zu den Soldaten. Er, Pfarrer Werner, hatte eine gute
Art, die Kumpels anzusprechen. Er war ja im Range eines Majors,
war im 1. Weltkrieg schon dabei gewesen, hatte das
Verwundetenabzeichen und das Eiserne Kreuz. Bei ihm war kein
Hochmut zu finden. Manchmal beneidete er mich als einfachen
Soldaten, man komme so noch besser an die Kameraden heran.
Unsere Abteilung saß auf den nicht
ausgepackten Geräten. Wir hörten, dass wir eigentlich wohl
bei der 5. Welle mit über den Kanal nach England hüpfen
sollten. Wohl übte man am Kanal mit Booten, aber man gab es
später auf. Unser Stab und die Kriegslazarettabteilung wurde
nach Paris verlegt, wo wir in einem Krankenhaus eine Weile Dienst
machten. Ganz plötzlich kam der Befehl: Ab nach Beauvais. Von
der dortigen Kommandantur wurde uns eine Villa zugewiesen. Wir
hätten das ganze Haus nehmen können, aber wir gaben uns mit der
oberen Etage zufrieden, die alten Leute durften unten wohnen
bleiben. Wir hatten ein gutes Verhältnis zu ihnen, wenn es
ihnen auch schwer fiel. Die Franzosen hatten nämlich Freiburg
ganz plötzlich bombardiert und dafür wurde Beauvais von den
Deutschen in Schutt und Asche verwandelt. Nur die halbfertige
Kathedrale und die Außenbezirke blieben bestehen. Hier wurde
uns zur Einquartierung ein katholischer Kriegspfarrer, Pfarrer
Winter, und sein Küster beigegeben. Den Namen des Küsters
habe ich gut behalten, er war von Beruf schon Kaplan und hieß
Gerhardi, ein ganz kluger Kopf. Er konnte mehr als sein Chef. Aber
im Krieg verdreht die Rangordnung wohl oft manches.
Wir bekamen noch einen PKW und einen Fahrer
mit Namen Röhrs, ein ganz patenter Kerl. Zum Fahren gab es
Benzingutscheine und einen Ausweis und Fahrtenbuch. Wir mussten
nachweisen, wohin wir fuhren und wie viel Sprit verbraucht wurde.
Wir haben den Feldgendarmen manchen Streich
gespielt. Wer wollte es uns verbieten nach Paris zu fahren zu
einer Besprechung beim Oberpfarrer Damrath. Dabei
übernachteten wir in tollen Hotels für eine Nacht. Mein Chef,
der die französische Sprache gut konnte, zeigte mir Paris, was
ihm selbst Spaß machte. Wir aßen in guten Restaurants und
tranken von den besten Weinen und ich lernte die Weinsorten
kennen. Da mein Chef auch eine Familie hatte, wurden natürlich
Stoffe und Wolle eingekauft. Alles wurde aber mit dem Sold, den
wir Soldaten bekamen (in France) schön bezahlt. Da Pfarrer
Werner wusste, dass ich verlobt war, machte er mir Mut, im
Kaufhaus Lavalette für meine Braut alles, was eine Frau so
braucht, Stoffe fürs Brautkleid, Unterwäsche, Strümpfe und
Schuhe, zu kaufen und bald nach Hause zu schicken. Zu Hause gab
es ja alles nur noch auf Marken. Natürlich war die Freude zu
Hause groß, als im ich Urlaub mit einem großen Paket ankam. Nun
wollen wir aber nicht von diesen angenehmen Dingen schwärmen, es
gab auch viel Arbeit bei den einzelnen Kompanien, die im Lande
verstreut waren. Tage vorher wurden Plakate mit der Ankündigung
des Gottesdienstes ausgehängt. Tüchtig eingeladen werden musste
schon. Mit dem katholischen Pfarrer wurde verhandelt, da wir
zum Gottesdienst die Kirche brauchten. Von einer Gemeinsamkeit
war nichts vorhanden. Nach dem Gottesdienst wurde der Geruch
der Kerze mit Weihrauch wieder ausgetrieben. Natürlich hatten
es die Priester schwer. Klein war die Gemeinde und sie musste
ihren Pfarrer auch ernähren. Mancher Talar sah auch danach aus.
Von der Heeresleitung aus war es uns
verboten, die Fliegerhorste zu besuchen. Der General Milch,
dieser Heini, hatte jegliche Betreuung untersagt. Auch der
Arbeitsdienst, der in unserer Nähe lag, durfte nicht besucht
werden. Wir aber kehrten uns einen Dreck darum. Den
Fliegerhorst fanden wir bei Meru und nahmen mit dem Kommandanten
Kontakt auf. Gespräche wurden geführt und ein Gottesdienst
gehalten. Es waren alles Piloten, zum Teil mit Ritterkreuz, die
Einsätze nach England flogen. Die meisten von ihnen kamen bei
gründlicher Abwehr durch die Engländer nicht wieder.
Bei der Arbeitsdienststelle herrschte eine
ganz miese Moral. Schon ihre Lieder, wenn sie in Marschkolonnen
durch die Gegend zogen, zeugten davon. Kamen sie ja meistens
aus der Hitlerjugend und waren vollgepackt mit der NS-Idiologie.
Das war der Wille dieser jungen Mannschaft. Im Lied kam es zum
Ausdruck: "Wir werden weiter marschieren, wenn alles in
Scherben fällt. Heute gehört uns Deutschland, morgen die
ganze Welt." Da konnte man ja auf allerhand gefasst sein.
Nun, für die Zukunft dämmerte schon
einiges. Weihnachten hatte ich Glück, Urlaub zu bekommen und
konnte auch einiges mitbringen: Wein und etwas Schokolade, Wolle
und Leinentuch. Das Fest wurde recht nett bei den
Schwiegereltern gefeiert. Lisa und ich hatten ein paar Tage
zusammen und dann war bald die Herrlichkeit dahin.
1941
Im Januar 1941 saßen wir in einem
Soldatenkreis bei uns in der Wohnung in Beauvais. Außer
Soldaten waren auch Offiziere dabei. Nach der Bibelarbeit ging
das Gespräch so hin und her. Einer der Offiziere meinte, es
gingen im Augenblick viele Transporte an die Ostgrenze. Wenn
das nicht gegen Russland gerichtet sei. Ich erhob meine Stimme
und sage: "Wenn das gegen Russland geht, ist der Krieg für
uns verloren." Eine Frage von meinem Gegenüber: "Wer
sind sie?" "Ich bin Diakon des Rauhen Hauses."
"Sie meinten wohl Braunes Haus." So wurde das Rauhe
Haus von christlichen Offizieren eingeschätzt. Vergessen
konnte ich diesen Soldatenkreis nicht. Ob da wohl welche vom
Widerstand dabei waren?
Der Alltag ging weiter. Wir besuchten die
Truppenverbände, die noch in Frankreich lagen. In der Nähe
war eine Fliegerkaserne, die wir mit unserem Besuch heimsuchten.
Unser Radius der Fahrten war sehr groß. Eines Tages fuhren wir
nach Verdun, um im Lazarett unseren Dienst zu tun. Es waren
mehrere Säle mit Kranken belegt. In einer dieser Krankenstuben
bat ein Kranker meinen Chef, den Kameraden mal ein reinigendes
Wort zu sagen. Es gab unter so vielen Soldaten immer sogenannte
Wichtigtuer, und hier war wohl einer, der sich durch sumpfige
Witze hervortat. Nun, Pfarrer Werner brachte ein paar kräftige
Sätze und die Sauerei war beendet. Mir gab er die Anweisung,
den zweiten Saal zu betreuen. Mein Widerspruch: "So was
habe ich noch nie gemacht", fruchtete nicht. Dann man los
und das Herz fest in die Hand. Die Aufgabe war, von Bett zu
Bett zu gehen und mit den Kranken zu sprechen und hie und da
etwas zum Lesen dazulassen. Zuerst war es mir komisch, auch mit
Offizieren zu sprechen. Aber mit der Zeit wuchs ich immer mehr
mit den Aufgaben.
Auch Gottesdienste wurden hier in Verdun
abgehalten. Mir kam oft der Gedanke, was wohl die Soldaten vom
1. Weltkrieg dazu gesagt hätten. Denn Verdun und das Fort
France waren hart umkämpft gewesen. Wir besuchten auch die
Schlachtfelder von 1914/18. Pfarrer Werner zeigte mir an der
Somme die Stelle, wo Weihnachten 1914 sein Freund gefallen war.
Der Heldenfriedhof am Doumont, mit allein 14.000 Gräbern, war
ein trauriges Bild für den Beobachter. Oben auf der Höhe
stand ein Denkmal als Ruhmeshalle für alle Regimenter, die hier
siegesreich gekämpft und verblutet waren. Im Keller befand
sich eine Gebeinkammer. Immer noch trugt man die gefundenen
Gebeine hier zusammen. Ein mächtiger Haufen zusammengetragener
französischer, amerikanischer, marokkanischer und deutscher
Knochen, alles friedlich beieinander. Das Denkmal hatte einen
Turm als Leuchtturm. Dieser war als Mahnmal an den furchtbaren
Krieg gedacht. Noch kurz vor dem 2. Weltkrieg schworen hier
ehemalige deutsche und französische Kriegsveteranen: "Nie
wieder Krieg!" Welch eine Ironie! Wir besichtigten
weiter aufgestellte Kriegsdenkmäler. Wir waren am
Bajonettgraben, in dem verschüttete französische Soldaten
aufrecht mit ihren Gewehren standen. Die Höhe "Toter
Mann" wurde besichtigt, eine hart umkämpfte Höhe, die
immer den Besitzer gewechselt hat.
Verschiedene Denkmäler gaben Auskunft über
die Taten der Soldaten. Ein angeschlagener Löwe deutete an,
bis hierher sind die Deutschen gekommen. Ein Denkmal, worauf
mein Chef mich aufmerksam machte, war mit einem Holzverschlag
versehen. Hier hatten die Nazis Geschichtsverfälschung
getrieben. Dieses Mal erinnerte an alle Juden, die im 1.
Weltkrieg für Deutschland gefallen waren. Schämen sollte die
Bande der Nazis sich, Lügen zu verbreiten, die Juden wären ein
verschlamptes Volk, was nicht fähig wäre zu kämpfen! Man
musste ja die Geschichte verdrehen, damit sie ihrer
Weltanschauung entsprach.
Der 22. Juni 1941 nahte heran, es war ein
Sonntag und wir hielten an diesem heißen Sommertag in einem
französischen Dorf bei einer Truppeneinheit Gottesdienst ab, als
nach dem Gottesdienst die Nachricht durchkam, Hitler hätte
tatsächlich den Angriff auf Russland gewagt. Dieser Idiot, er,
der große Feldherr aller Zeiten. Na, was uns wohl nun noch
alles erwarten würde. Erst einmal machten wir unseren Dienst
weiter, auch wenn immer mehr Truppen aus Frankreich abgezogen
wurden.
Zwischendurch besichtigten wir auch mal die
Kathedrale in Amiens, ein herrlicher Bau, wohl eines der
schönsten Bauwerke in Frankreich. Diese Kathedrale hatte irgend
eine Beziehung zu der halbfertigen Kathedrale in Beauvais. Die
Bauleute in Beauvais hatten den Ehrgeiz, ihre Kathedrale sollte
höher werden als die in Amiens, nur hatte man nicht mit dem
Untergrund gerechnet. Der war nicht tragfähig. So musste man
im Bau mit dem Chor aufhören und so steht sie noch heute da. Oben
auf dem Dach hatte man einen Turmreiter mit einer Glocke gesetzt,
die einen silberhellen Klang hatte.
Weihnachten kam wieder heran und nochmals
durfte ich in den Urlaub fahren. Es waren schöne Tage mit dem
Beigeschmack, dass Mutter in einer Anstalt war, wo wir sie oft
besuchten. Leider konnte sie in ihrem Zustand mit uns nicht
viel anfangen.
1942
In der Zwischenzeit musste ein Wechsel
geschehen. Bekam einen neuen Kriegspfarrer namens Tauber und
wurde nach Charlesville beordert. Von der dortigen
Feldkommandantur bekamen wir, mit einem katholischen Pfarrer und
einem Küster, eine Villa zugewiesen. Der Küster hieß Franz
Lammersdorf und kam auch aus Hamburg. Im Haus war ein
Billardtisch, an dem wir uns in den freien Stunden vergnügten.
Auch hier fuhren wir über Land, meistens ging mein Chef zu den
Bauern und kaufte Butter, die dann an seine Familie mit 4
Töchtern verschickt wurde. Hier in Charleville wurden
Gottesdienste gehalten, zu denen der General von Stülpnagel oft
kam. Später bei dem Aufstand gegen Hitler hatte der sich mit
einem Schuss aus seiner Pistole unglücklich verletzt, so dass er
das Augenlicht einbüßte. Ich glaube, bei dem Aufstand ist er
auch ums Leben gekommen.
Am 18. Januar 1942 trat Amerika in den
Krieg, und man fing an, in Deutschland die Städte zu
bombardieren. Dies war erst der Anfang, es sollte noch
grausiger kommen. Der Verbrecher glaubt immer noch an seinen
Sieg. Damit die Moral der Truppe nicht sinkt, wurden im Theater
von Charleville Vorträge gehalten, wozu die vorhandenen
Einheiten abkommandiert wurden.
Am 23.1.42 hatte man Kriegspfarrer Tauber
ausersehen, über die Kriegsherren der deutschen Geschichte zu
erzählen und den Gottesglauben der Soldaten. Es kamen viele,
viele große Männer im Vortrag vor, nur einen hatte er nicht
erwähnt - Hitler. Was mir natürlich unsagbar wohl tat. Abends
bei einem Gespräch war mein Chef ganz unglücklich über seinen
Fehler. Wahrscheinlich wurden ihm auch von den 150%igen
Nazi-Offizieren Vorwürfe gemacht. Nun, ich habe ihn
getröstet, er solle es nicht so tragisch nehmen. Vielmehr hat
mich an dieser ganzen Vorstellung gestört, dass er als Pfarrer
kein Bekenntnis zu Jesus Christus abgelegt hat, der unser aller
Heil und Erlöser ist.
Versuche, in meiner freien Zeit Harmonium
spielen zu lernen. Habe nur ein mäßiges Talent. Bei den
Wehrmachtshelferinnen gabelt der Chef eine auf, die spielen kann.
Ihr Name ist Fräulein Schäfer, mit der er auch in seiner freien
Zeit herumzieht. Macht auf die Kameraden keinen guten Eindruck.
Die sagen es mir auch. An einem Abend habe ich deshalb mit
meinem Chef eine scharfe Aussprache. Er ist immer gleich
"auf derPalme". Nun, von mir bekommt er zu hören:
"Wir sollten keinen Anlass zu Ärgernissen geben." Auch
sage ich ihm: "Stellen sie man den Offizier in den
Schrank." "Will ich nicht gehört haben. Lasse sie
versetzen", antwortet er. "Bitte, tun sie, was sie
nicht lassen können", ist meine Reaktion. Die Soldaten
haben es immerhin sehr schwer bei den Versuchungen durch die
Frauen, die sich in solcher Zeit anbieten.
Als Reinemachefrau haben wir eine
Französin, die unserem Kraftfahrer Georg eines Tages zum Fall
wird. Aus diesem Verhältnis kommt es zu einer Schwangerschaft,
die den Georg ins Gefängnis bringt, weil er die Frau zur
Abtreibung nach Namur geschickt hatte. Auch hätte er sich mit
einer "Feindin" eingelassen. Der Georg war ein
schwieriger Mann, der auch über den Alten, wie er den Chef
nannte, Stein und Bein schimpfte. Eines musste man dem
"Alten" lassen, im Gefängnis hat er den Georg oft
besucht.
Manchmal wurde der katholische Pfarrer zur
Erschießung von Partisanen beordert. Später kamen ihre Frauen
zu uns und ließen sich das Sterbekreuz von ihrem Mann
aushändigen.
Plötzlich bekam ich einen inhaltsschweren
Brief: Lisa berichtete von einer Vorladung bei der Gestapo in
Hamburg. Es ging um ein Papier über die neue braune Kirche,
die wohl gegründet werden soll. Eine geheime Sache, von der
ich nicht nur wusste, sondern auch Papiere hatte. Lisa wurde
nach allen Richtungen ausgefragt. Man wollte auch wissen, ob
sie strenggläubig sei. Wir empfinden dies als eine große Not,
was sich dort im Hintergrund aufbaut. Die Losung für den
kommenden Tag war aus Jesaja 1,8: "Fürchte dich nicht, denn
ich bin bei dir und will dich erretten", spricht der Herr
und dazu die NT-Stelle aus 2. Thessalonicher 3,5.: "Der Herr
aber richtet eure Herzen zu der Liebe Gottes und zu der Geduld
Christi." Es ging uns oft so, dass manches Wort Gottes in
unserer Einsamkeit ein Trost wurde, denn es kam für mich noch
dicker. Eines Tages musste ich zur Feldkommandantur und wurde
von einem Feldwebel, im Auftrage der Gestapo Hamburg, wegen
dieser besagten Papiere (hatte ich vorher schnell vernichtet)
verhört. Wurde nach vielem ausgefragt, konnte unbekümmert
Antworten geben. Einmal wollte er wissen, ob es tatsächlich
stimmt, dass Karl der Große in Verden an der Aller 4000 Sachsenführer
hingerichtet habe. Es gibt da doch den Sachsenhain mit den
4.000 Steinen. Nun, ich konnte ihm sagen, dass es eine
Fälschung ist und nach den echten Urkunden sollen es nur 4
gewesen sein. Unter Anderem ist Karl der Große als
christlicher Kaiser nicht so blutrünstig gewesen, die besten
Männer zu köpfen. Der Feldwebel gab sich anscheinend mit
meinen Aussagen zufrieden. Was er nach Hamburg berichtet hat,
entzieht sich meiner Kenntnis.
Wenigstens zu Ostern konnte ich mal wieder
auf Urlaub fahren. Holte Lisa, die ja arbeiten musste, an der
Bahn ab. Zur Abwechslung gab es auch Fliegeralarm, der schon
mal öfter kommt. Es gibt ja bei einem Urlaub so vieles, was
auch miteinander bewältigt werden muss. Dieser
Verlobungszustand ist auch eine Belastung, weil man nicht weiß,
wann können wir ans heiraten denken. Auch sind meine
Magenbeschwerden oft sehr drückend. Hatte ja Magengeschwüre.
Mutter gab mir oft aus dem Arzneischrank im Laden
Hingfon-Tropfen. Diese halfen eine Weile. Abschied und die
Rückfahrt waren unter diesen Umständen nicht einfach.
In Charleville hatte mich der Alltag wieder.
Zwischendurch mache ich einen Filmvorführer-Kursus in Paris.
Später hole ich Film und Apparat aus Bethel und führe den
Bethelfilm mehrere Male vor. Da unser Kraftfahrer ausfiel und
wir nicht von einem anderen abhängig sein wollten, lernte ich,
unter Anleitung eines Kfz-Feldwebels in Charleville, das
Autofahren. In einer Hinsicht schon gut, aber es hatte auch
seine Nachteile. Zuerst ging ja alles gut und ich war stolz auf
meine Fahrkunst. Wir hatten von der Kommandantur einen Peugeot
zur Verfügung gestellt bekommen. Eines Tages wollten wir nach
Verdun, um Gottesdienst zu halten. Auf der Fahrt saß mein Chef
mit der Pistole in der Hand auf dem Beifahrersitz. "Nanu",
sagte ich, "was soll denn das?" "Ja, wegen der
Partisanen." "Was meinen sie wohl, was sie damit
ausrichten können, nämlich nichts. Denn nur eine Salve auf
das Auto, sie kommen nicht mehr zum Schuss, und wir sind
hin." Die Fahrt ging, Gott sei Dank, ohne Überfall
weiter. Nur, im Dorf mit Namen Inu baute ich meinen ersten
Unfall. Hatte übersehen, dass die Dorfstraße von Lehm
verschmiert war und kam in einer Kurve ins Schleudern und rammte
mit dem Hinterteil vom Auto einen Mast. Kriegspfarrer Tauber flog
hin und her, seine Mütze wurde ihm von Kopf gehauen. Es gab
einen tollen Schreck, aber wir waren schnell wieder auf den
Beinen. Schauten uns das Auto an, dies hatte einen größere
Delle vom Pfahl, aber wir konnten unsere Fahrt fortsetzen.
Später musste der Chef zu einem
Kriegspfarrer-Kursus, und ich sollte mit den anderen Kameraden
mit der Waffe Dienst machen. Mir aber kam ein anderer Einfall,
und ich ging zum Spieß, der uns gut gesonnen war und ließ mir
einen Dienstausweis nach Deutschland ausstellen, um Schriften
für unsere Arbeit zu besorgen und fuhr am 6. Mai 1942. Reiste
nach Berlin, um dort einiges zu besorgen, dann Telegramm an Lisa:
Komme kurz. Es war natürlich eitel Freude. In Hamburg ging es
zu einigen christlichen Buchhandlungen. Bis zum Donnerstag
blieb ich noch, und dann ging es nach Wuppertal zum
Aussaatverlag. Dort kaufe ich einen Berg von Schriften von Paul
le Seur ein. Alles wichtige Themen für die Soldatenseelsorge.
Mit einem vollen Koffer landete ich in Charleville. In unserem
Esszimmer auf dem großen Tisch hatte ich die Schriften
ausgebreitet. Pfarrer Tauber sollte sich freuen über diese
Ausbeute während seiner Abwesenheit. Er war aber sehr
ungehalten und machte mir große Vorwürfe. Ja, er machte noch
Meldung bei der Feldkommandantur und bekam ein
Beschwerdeschreiben, welches er ausfüllte, wahrscheinlich wegen
Entfernung von der Truppe, aber ich hatte ja den Dienstausweis
von der F.K. bekommen, und so ist dann die ganze Sache versandet.
Die Schriften waren von den Deutschen
Christen auf den Index gesetzt worden, was mich aber einen Dreck
kehrte. Bezahlt haben wir vom Kohlekleingeld, was wir in
reichen Maße besaßen.
Bei einem Urlaub bin ich im Rauhen Haus
gewesen und habe mit dem Direktor über unsere Heirat gesprochen.
"Aber Wietholz, wo denken sich hin, wenn alle Brüder kommen
würden und um die Genehmigung zu bitten, was kann daraus werden?
Denken sie an die Kinder und so. Nein, die Genehmigung zur
Heirat können wir nicht geben, sie sind noch in der
Ausbildung!" Von mir kam der Einwand: "Und das Ende
des Krieges ist nicht abzusehen." Mit einem Achselzucken
wurde ich entlassen. Wir aber, Lisa und ich, waren uns einig.
Im September 1942 wird trotz allem geheiratet. Bei der
Feldkommandantur wurde die Heirat eingereicht. Der besondere
Tag sollte der 6. September 1942 sein. Papiere und alles, was
darum schwebte, musste organisiert, das Aufgebot bestellt und die
Trauung bei Pastor Schöppe, Martinskirche, angemeldet werden.
Bei einer Kriegstrauung ging alles viel schneller. In
Charleville organisierte ich Fleisch, Wein und Weintrauben. Voll
bepackt mit einer "Dienstreise nach Rügen" im Gepäck
kam ich dann in Hamburg an. Ja, Hochzeitmachen, das ist
wunderschön ...! Lisa hatte mit den Eltern schon viel Arbeit
geleistet. Einmal mussten die Heiratsanzeigen gedruckt und
verschickt werden, bei der großen Sippe. Man hatte viel auf
Lebensmittelmarken gespart und so konnten Torten und Kuchen
hergestellt worden.
Dann kam der Gang zum Standesamt mit den
Trauzeugen, Vati und Onkel Fritz. Am Sonntag, dem 6.9.1942 um
15.30 Uhr war die Trauung in der Martinskirche angesetzt. Man
hatte Herrn Felsmann, der bei uns im Haus wohnte und ein
Straßenbahnführer war, gebeten, eine Straßenbahn zu besorgen.
Und tatsächlich konnte ein Motorwagen vom Horner Depot frei
gemacht werden, der dann mit Blumen ausgeschmückt war und vor
der Horner Landstr. 439 hielt. Das Brautpaar, geschmückt mit
dem Pariser Brautkleid, und die Hochzeitsgäste ließen sich dann
bis zur Pagenfelder Straße fahren und gingen das kleine Stück
Weg zur Kirche zu Fuß.
In der Kirche hatten viele Gäste Platz
genommen, sogar Bruder Frieß aus dem Rauhen Haus war gekommen.
Ilse Friess und Juliane Jahnke streuten Blumen. Pastor Schöppe
gab uns den Trauspruch aus Psalm 73 Vers 23 mit auf unseren neuen
Lebensweg: "Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst
mich an deiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und
nimmst mich endlich in Ehren an." Als die Einsegnung
vorüber war, wünschten uns viele Gottes Segen. Selbst Frau
Schmidt, die Mutter von den Condorden aus Hoheluft, war gekommen.
Mit der Straßenbahn fuhren wir zurück und dann wurden
natürlich viele Aufnahmen gemacht. Dies war noch alles
möglich in der Kriegszeit. Auch war die Wohnung für die Feier
umgeräumt worden. Der große Ausziehtisch kam uns bei den
vielen Gästen gut zustatten. Er reichte von dem einen großen
Zimmer durch die Schiebetür bis ins andere Zimmer. Es wurde
mächtig getafelt, alles war noch in Hülle und Fülle da. Ansprachen
wurden gehalten und Wein aus Frankreich ausgeschenkt. Ich hatte
mich längst meiner Uniform entledigt und hatte wieder einen
Anzug an. Den hatte ich mir vorher in Charleville machen
lassen. Schwägerin Emmi hatte für uns im Hotel Reichshof ein
Zimmer bestellt, das wir bis 23.00 Uhr aufsuchen sollten. Aber
die Feier zog sich immer wieder hin und wir wurden vom Hotel
mehrere Male ermahnt, zu kommen. Als wir endlich im Hotel
waren, hatte Lisa in der Aufregung die Hausschlüssel
mitgenommen, die Emmi noch schnell holen musste, denn am anderen
Morgen fuhren wir schon um 8.00 Uhr mit dem Zug nach Rügen in
die Flitterwochen. Mein Dienstausweis machte es möglich. In
Stralsund hatten wir einen kurzen Aufenthalt, und auf der Bank
sitzend, wälztete Lisa ein Problem: Es ist ja nicht einfach,
sich mit einem Male von den Eltern abzunabeln und sich in eine
fremde Zukunft mit diesem Mann zu begeben, denn immerhin stand
auf der Heiratsurkunde "Diakonschüler", bis auf den
heutigen Tag. Die Bimmelbahn nach Binz kam, und die komischen
Gedanken verflogen. In Binz hatten wir eine Pension gemietet.
Die Besitzerin war sehr nett und hatte viel Verständnis für das
junge Paar.
Nur 1 ½ Wochen hielten wir es aus. In der
Zwischenzeit sind wir zum Kreidefelsen gewandert, haben gerudert
und lernten auch noch Schach. Bei allem wurde es uns nicht
langweilig, aber der 16. September nahte und da hatte mein
Schwiegervater Geburtstag. Auch wollten wir in Hamburg noch
einiges erledigen. Auf der Fahrt, in der Eisenbahn, nach
Hamburg trafen wir in unserem Abteil die Mutter von Harald Reich,
der bei uns in Hoheluft in der Concordia war. Bei dieser
Gelegenheit eröffnete sie im Gespräch, dass seit einiger Zeit
die Gestapo in Hoheluft herumschnüffele, um herauszubekommen,
was dort getrieben worden ist. Immer musste einen die Gegenwart
wieder einholen. Wir haben uns aber die nächsten Tage in
Hamburg nicht miesmachen lassen. Feierten den Geburtstag und
besuchten das Büro des Rauhen Hauses in der Stadt am Plan. Hier
war ein Ausweichbüro errichtet worden. Pastor Dondorf war zur
Zeit da. Wir wollten uns nur als frisch gebackenes Ehepaar
vorstellen. Er gratulierte uns und empfahl, eine
Lebensversicherung einzugehen. Wir aber waren bestens bei einem
anderen versichert, der bis zur Stunde seine Hand über uns
gehalten hat. Wir ließen uns die geschenkten Tage mit viel
Besuchen bei Tanten und Onkeln gut ergehen.
Der Abschied kam viel zu schnell und ab ging
es wieder nach Charleville in die Villa. Musste mich bei der
Feldkommandantur zurückmelden und an die Kriegslazarettabteilung
einen Schrieb schicken.
Hatte für unsere Insassen und den Chef
Kuchen mitgebracht, damit noch ein kleiner Glanz aus der
Vergangenheit in die Gegenwart fiel.
Langsam wurden uns die Nachrichten über die
Siege oder siegesreichen Absetzbewegungen zu dumm. So kamen
wir, der Franz und ich auf den Gedanken, eine andere Quelle
anzuzapfen. In unserem Esszimmer stand ein Radio, das oft in
Tätigkeit gesetzt wurde, denn man wollte wissen, wo die Fronten
in Russnd standen. Der katholische Pfarrer hatte eine Landkarte
und mit Nadeln und Flaggen die Fronten abgesteckt. Wir aber
griffen zu einen anderen Mittel. Wenn die Kriegspfarrer ins
Offizierskasino zum Essen gingen, haben wir den englischen Sender
eingestellt und hörten ganz andere Nachrichten als die
verlogenen Wehrmachtsberichte. Oft erfuhren wir auch viel
früher, welche Städte man in Deutschland bombardiert hatte.
Bekam den Auftrag (vermutlich von der
Kommandantur, mein Chef gab den Befehl weiter), Filme für das
Soldatenkino in Charleville aus Paris zu holen. Hier hatte
ich die Möglichkeit, so gut es ging, gute Filme mitzubringen. Auch
hatte ich manchmal Zeit zu einen Bummel in Paris. In der Rue de
Blanche besuchte ich die deutsche Gemeinde, über die ich so
einiges wissen wollte.
Lisa hatte in Hamburg für uns in der
Steinfurter Straße Nr. 32 bei Görlich ein Zimmer bekommen. Erst
war es ein kleines Zimmer, später kam das große Zimmer in
Frage, welches mit Möbeln ausgestattet wurde. So hatten wir im
Urlaub unser kleines Zuhause, denn Karl Görlich und Frau,
Besitzer der Wohnung, waren nicht anwesend. In den Kriegsjahren
haben wir uns nie zu Gesicht bekommen.
1942 war für uns noch ein ruhiges Jahr. Ab
und an half ich auch in der Suchzentrale für gefallene Soldaten.
Es gab viel Arbeit, auch Ärger und manche Überraschung, weil
man bekannte Kameraden wieder traf.
Der Weihnachtsurlaub wurde genommen und zu
Hause noch fröhlich gefeiert. Keiner ahnte, was in der Zukunft
Fürchterliches auf uns zukommen sollte. Erst einmal versuchte
Hitler, mit der Rakete VI und II, England in die Knie zu zwingen,
was aber nicht gelang. Diese Dinger hörten sich grausig an,
wenn sie über uns wegflogen, aber sonst wurden sie, wenn sie
über England waren, abgeschossen.
1943
Wieder bekam ich vom Rauhen Haus einen Brief
mit dem abgedruckten Vortrag von Prof. Allhaus, der am 23.9.42
noch einen Vortrag über das Thema "Religion ohne
Christus" im Hamburger Michel halten durfte. Diesen
Vortrag fanden mein Chef und ich so gut, dass mein Vorschlag bei
ihm Gehör fand, den Vortrag in einer Charleviller Druckerei
drucken zu lassen. Unter großen Schwierigkeiten kam dann das
Blatt in einigermaßen gutem Deutsch zustande. Auf Glanzpapier
wurden Hunderte von Exemplare gedruckt und unter den Soldaten
verteilt. Die Drucker hatten mich groß angesehen, als sie den
Inhalt verstanden. Später hat sich bei der obersten
Militärverwaltungs-Behörde in Paris die Gestapo eingeschaltet
und wollte vom Oberpfarrer Damrath wissen, wo die Dinger
herkommen. Mein Chef, Pfarrer Tauber, bekam plötzlich
Bescheid, diese Vorträge verschwinden zu lassen. Mich bat er,
die Verantwortung selbst zu tragen, und ich willigte ein. Ich
nahm den letzten Haufen, es war nicht mehr viel übrig, und fuhr
nach Namur in Belgien zu meinem ehemaligen Pfarrer Werner, der
sie mit Freude übernahm.
Zwischendurch erfuhren wir, der Franz und
ich, dass es an der Ostgrenze immer brenzliger wurde und im
Januar für den größten Feldherrn aller Zeiten die Katastrophe
hereinbrach.
Am 31. Januar 1943 kam die Wende bei
Stalingrad. Die 6. Armee unter General Paulus hatte keine
Existenzmöglichkeit mehr. Jetzt wurden Fehler über Fehler von
dem Emil da oben gemacht und seine Speichellecker machten
fröhlich mit und führten das Deutsche Volk ins Verderben. Wer
mehr über die Soldaten der beiden Seiten wissen will, der lese
das Buch von Peter Bamm "Die unsichtbare Flagge".
Über unser Radio hörten wir dann im Juli,
dass viele Städte in Deutschland bombardiert worden seien, am
schlimmsten am 27. Juli 1943 in Hamburg. Die Stadt sei in
Schutt und Asche versunken. Mein Chef und ich ließen uns
sofort Bombenurlaub geben, er für Kassel und ich für Hamburg.
Ja, meine arme Vaterstadt erkannte ich nicht wieder. In der
Horner Landstraße gab es nur zerstörte oder ausgebrannte
Häuser. Oh Wunder, ein Haus, wenn auch Fenster und Türen
kaputt waren, Nr. 439, war stehen geblieben. Dies war das
einzige heile Haus bis zum Hauptbahnhof. Meine Angehörigen,
und dabei war auch Lisa, räumten im Haus erst einmal tüchtig
auf. Ich half natürlich mit, die Fenster mit Drahtglas dicht
zu machen. Gegen Abend zogen wir nach Reinbek, waren da bei
Tante Minna im Haus untergekommen. Hier mussten wir es, trotz
der Enge, mehrere Tage aushalten, bis wir wieder zur Horner
Landstraße zurück konnten. Die Engländer kamen nicht wieder.
Durch Luftaufnahmen hatte man die totale Zerstörung
festgestellt. Unser Zimmer in Görlichs Wohnung war total
zerstört. Lisa hatte vor dem besagten Abend noch das Silber
und meinen Anzug gerettet. Später barg sie noch aus dem Keller
den Weihnachtsschmuck, der heil geblieben war. Als ich zum
ersten Mal die Steinfurther Straße wieder sah, da brannten im
nahegelegenem Kohlelager noch die Kohlen. Lisa gelang es
später, mit ihrem Vater und der Behörde, einen Wohnraum zu
bekommen, denn Familien mit großem Wohnraum mussten abgeben, wie
bei uns im Haus Ehepaar Siemers in der 2. Etage. Sie gaben uns
das mittlere große Zimmer nach hinten ab. Als Ausgebomte
konnten wir über die Behörde Bezugsscheine erlangen und
erwischten in Bergedorf Wohnraummöbel und in Billstedt ein
billiges Schlafzimmer. Später kamen noch kleinere Möbel
hinein und ein kleiner Herd zum Kochen. So hatten wir dann erst
einmal unser kleines Reich für uns. Es wurde mit der Zeit
immer besser ausgestattet. Ein Waschbecken kam noch dazu, so
brauchten wir die Siemers nicht mehr belästigen.
Jetzt bekamen in Charleville einige Leute
lange Gesichter, denn mit dem Endsieg wurde es nichts mehr. Wir
hörten, dass der Stellvertreter des Führers mit dem Flugzeug in
England gelandet sei und man ihn gefangen genommen hatte. Was
los war, erfuhr man nur als Gerücht. Vielleicht sollte er den
Engländern ein Angebot machen. Diese hüllen sich bis heute in
Schweigen. Die Sache mit Heß sollte irgendwie mal öffentlich
gemacht werden, aber wann ? Wäre vielleicht ein früheres Ende
möglich gewesen?
Für uns gab es in der Soldatenbetreuung
viel zu tun. Auch wurden die Soldaten immer mehr beunruhigt
durch die Zerstörung der Städte und man wusste nichts mehr
über seine Lieben.
Auch ging eine andere Sorge um: Ein General
namens Unruh sorgte auch unter den Soldaten für Unruhe. Immer
mehr Soldaten aus Frankreich, auch bei uns, wurden zum Osten
abkommandiert. Bei der gefährlichen Lage an der Ostfront konnte
man die Angst verstehen. Auch uns konnte es bei der F.K.
passieren. Darum bat ich, bei der nächsten Beförderung von
mir abzusehen, denn Obergefreiter genügte mir und das mir
hierfür zustehende Geld konnten wir gut gebrauchen. Es bestand
weniger Gefahr, bei dem Ausleseverfahren erwischt zu werden. Unser
katholischer Kriegspfarrer hatte für sich das Motto: Der Sturm
muss über uns hinwegbrausen, um möglichst beim letzten
Bataillon zu sein, das nach Hause marschiert. Dies aber lag
noch in weiter Ferne. Erst einmal wurde die Parole von einer
Geheimwaffe unter die Soldaten gebracht und der Verderber befahl,
den deutschen Gruß bei der Wehrmacht einzuführen. Unter den
Kameraden ging der Witz um, wir haben die neue Geheimwaffe,
nämlich man führt den Tubenkäse ein. Die Stimmung fing
langsam an umzuschlagen. Die SS bekam immer mehr Einfluss unter
den Offizieren. Stalin verkündet den "Vaterländischen
Krieg", die Kirchen in Russland machten mit und stiften
Geld. Langsam zeichnete sich am Horizont immer mehr eine
Niederlage für dieses Lause-Deutschland ab.
1944
Auf Urlaub erzählte mir meine kleine Frau,
dass Pastor Forck sie im zerstörten Abendroth-Haus freigegeben
habe für einen Kursus als Gemeindehelferin. Lisa fuhr dann im
Januar 1944 nach Lobetal bei Berlin ins Burckharthaus zum Kursus.
Hier machte sie ihre Prüfung unter der Aufsicht von Hauptpastor
Herntrich, der später in Hamburg Bischof wurde. Zum 12. März
konnte ich nochmals Hochzeitsurlaub nehmen, denn eine Freundin
von Lisa heiratete und die Feier fand bei Gabriels statt. Elfriedes
Mann war mir als junger Pastor bekannt geworden. Sie ließen
sich bei uns in der Martinskirche trauen. Er, Gerhard und ich,
hatten oft über den traurigen Zustand der Kirche gesprochen.
Gleich nach der Hochzeit musste ich weiter,
um Schriften zu besorgen. Am 14.3.1944 fuhren wir, meine Frau
und ich, nach Hermannsburg. Unterwegs übernachten wir in einer
eiskalten Pension, haben wir gefroren! Immerhin, wir hatten
nicht nur hier Erfolg wegen der Schriften, sondern auch in
Walsrode. Dann kam als letztes Ziel noch Stuttgart in Frage und
dort landeten wir in einem Hotel am Bahnhof, wo sämtliche
Fenster mit Brettern vernagelt waren.
Wir nahmen wehmütig Abschied, denn nun
musste ich schnell nach Charleville zurück. Die Urlaubszeit
war abgelaufen. Wer wusste, wann wir uns wiedersehen könnten?
Es war so unheimlich ruhig, man tat so, als ginge alles seinen
gewohnten Gang. Am 6. Juni hören wir plötzlich im englischen
Sender, die Alliierten seien mit einer großen Flotte in
Frankreich gelandet. Es zeichne sich großer Bodengewinn ab,
die deutschen Truppen leisteten Widerstand, der aber schon nach
Stunden gebrochen worden sei. Unser Spieß fragte uns heimlich,
ob wir etwas gehört hätten. Unter dem Mantel der
Verschwiegenheit vertrauten wir ihm das Gehörte an. Wir waren
früher im Bilde als die Herren von der Feldkommandantur. Wir
hörten, dass am 18. und 20. Juni nochmals schwere Angriffe gegen
Hamburg geflogen worden waren.
Am 27. Juni erhielt ich nochmals Post und
erfuhr, man war heil davongekommen. Dem Herrn sei Dank für
diese Bewahrung. Am 28. flog eine ungeheure Luftflotte von ca.
1000 Flugzeugen über uns hinweg. Wo mochten sie ihre
todbringende Fracht abwerfen? Ja, jetzt mochte schon einer
denken: "Die Geister die ich rief, die wird’ ich nicht
mehr los." Jetzt passierte es schon mal, dass Charleville
von Flugzeugen beschossen wurde. Man wird langsam in der F.K.
unruhig. Am 20. Juli passierte dann noch das Attentat auf
Hitler, welches leider misslang.
Eines Tages kam dann der Befehl des Abzugs.
Kolonnen von Fahrzeugen wurden zusammengestellt. Mir wurde ein
großer Renault übergeben. Er wurde mit unseren wenigen
Habseligkeiten beladen, und dann brach die große Fahrkolonne
auf. Bald stellte sich heraus, in einem so großen Aufzug
können wir uns nicht fortbewegen. Die Gefahr von
Fliegerangriffen ist zu groß. Einmal hätte es uns beinahe
erwischt.
Am 3. September kam die Trennungsstunde. Die
Kolonnen teilen sich. Ich nahm Abschied von Pastor Tauber. Dieses
war auch die Stunde, wo mein Dienst beim Kriegspfarrer aufhörte
und etwas Neues auf mich zukam. Wie würde es wohl werden? Es
war zur Zeit des 4. September: Mein Geburtstag.
Unsere kleine Kolonne fuhr auf Holland zu.
Unsere Fahrt ging Richtung Maastricht und endete erst einmal im
Drei-Länder-Eck. Hier bezogen wir für kurze Zeit ein Haus und
der Offizier kommandierte mich zum Koch ab. War jetzt für den
Speisezettel verantwortlich. Solchen Dienst hatte ich noch nie
gemacht. Hatte manchmal bei Lisa in den Topf geguckt, aber
sonst war ich in puncto Küche ein unbeschriebenes Blatt. Bekam
bald den Befehl, Pfannkuchen mit Kartoffelsalat auf den Tisch zu
bringen. Mein Gedanke war, was denn das für ein Essensei. Na,
die Bayern mussten es ja wissen. Zwischendurch hatte uns eine
Holländerin, die als Reinemachefrau im Haus war, eine große
Wurst gestohlen. Ich war doch ein Bisschen ungehalten über
diese Art. Sie hätte nur mal den Mund auftun sollen, dann
wäre sie auf ehrliche Weise zum Proviant gekommen. Noch heute
denke ich ungern an diese unehrliche Eule zurück. Die
Holländer waren ja wegen der damaligen Bombardierungen auf uns
nicht besonders gut zu sprechen. Dieser Zwischenfall musste
sich in Sittard abgespielt haben, weil wir dort 2 Tage liegen
geblieben sind!
Wie sagte man: Die planmäßige Absetzung
setzt sich weiter fort. Es ging über Neuss und Solingen und
hier blieb mir eine Begebenheit in Erinnerung. Wir waren abends
in einer Gaststätte und wollten noch etwas trinken. Viel gab
es nicht mehr, außer so einem komischen Warmgetränk. Die
Wirtin war trotz aller Kriegsbelastungen eine Frohnatur. Einer
der Kameraden musste etwas von meinem Geburtstag gesagt haben,
als Frau Wirtin anbot: "Eine Flasche Wein habe ich im Keller
und die soll dran glauben." So haben wir dann auf gute
Gesundheit getrunken und auf das baldige Ende. Am 17. September
bin ich noch in Ohligs in der Kirche gewesen. Hier in dem Nest
hatten wir zwei Tage Aufenthalt. Wohin unsere Fahrt weiter
gehen sollte, wurde uns nun eröffnet. Das Ziel war Bayreuth
und unsere Reise endete dort in der Kaserne. Fahrzeuge und
Geräte wurden abgegeben, und wir mussten uns auf der
Schreibstube melden. Der Spieß sah in meinem Soldbuch die
Eintragung "Kriegslazarettabteilung", die ihren
Standort in Neumünster hatte und stellte den Marschbefehl dorthin
aus, natürlich mit einer kurzen Unterbrechung in Hamburg. Große
Freude herrschte über mein plötzliches Aufkreuzen. Wir
verlebten ein paar schöne Tage. Geblieben, trotz nicht
erlaubten Urlaubs, vom 22.bis 25. September 1944, und dann ab
nach Neumünster in die Kaserne zur Ausbildung zum Sanitäter. Also
darum Neumünster und diesen tristen Dienst mit Ausmärschen und
Übungen mit der Krankentrage. Wir gingen zum Spieß und baten
um Urlaub, aber nichts zu machen. In der Kaserne herrschte eine
gefährliche Anti-Kriegsstimmung. Telefonierte mit Lisa, sie
möchte nach Neumünster kommen, denn wir wüssten nicht, wie
lange wir hier bleiben würden. Lisa kam, verfehlte mich und
hing den ganzen Tag in der Stadt herum. Erst abends hatten wir
uns. Mit Müh und Not trieben wir eine möblierte Bodenkammer
auf und so brauche ich abends nicht in die Kaserne. Am anderen
Morgen durfte ich nicht erwischt werden, kletterte über die
Mauer und verschwand bis zum Wecken auf unsere Bude.
Am 30.9.1944, schon um 12.00 Uhr, ging es
über Flensburg ab nach Dänemark. Dort sollten wir als neue
Einheit aufgestellt werden. Kranken-Kraftwagen-Zug 18/18. Jetzt
erst merke ich, was man mit uns vorhatte. Jeder, der einen
Führerschein hatte, bekam einen Krankenwagen zugeteilt. Es
ließ sich in Dänemark gut leben. Oft gingen wir ins Cafe und
aßen Kuchen mit der fetten Sahne.
Jetzt passierte bei unserer Einheit etwas
Eigenartiges. Der Befehl wurd ausgeführt - alle Fahrzeuge
mussten mit Tarnfarbe versehen werden. Es sollte nach Osten
gehen. Unsere Sanitätswagen hatten einen Gewehrständer für
einen Karabiner. Na, das konnte ja noch herrlich werden, denn
der Russe kannte die Bestimmungen des Roten Kreuzes nicht, bei
ihm wurde alles abgeknallt. Nun, die Tarnfarbe war kaum
trocken, als ein neuer Befehl die Einheit traf. Alle
Sanilastwagen mussten weiß gespritzt und mit dem Roten Kreuz
versehen werden. Es sollte an die Westfront gehen und wir
atmeten auf. Bevor der Tag kam, an dem die Einheit verladen
werden sollte, kauften wir Lebensmittel ein, wie Butter, Wurst,
Käse, Schinken usw. Schnell wurde ein Paket zusammengebastelt
und in Hamburg von der Elbgaustraße aus rief ich Lisa an, sie
möchte abends im Hauptbahnhof sein, denn unser Transport komme
da durch. Im verdunkelten Bahnhof wartete sie auf uns, bis wir
langsam durch die Halle rollten. Plötzlich sah ich sie, ein
Rufen und Winken. Sie eilte heran und ich konnte ihr das
kostbare Fettpaket zuwerfen. Erst wollte ich sie noch zu mir
heranziehen, aber gut, dass ich das nicht gemacht habe, wenn man
auch gut im Sanitätswagen hätte schlafen können.
Mittags war es, als wir am 24.10.44 bei
Zimmerrode plötzlich Fliegerbeschuss bekamen. Glücklicher
Weise lag am Haltepunkt ein Stapel Baumstämme, hinter die wir
uns in affenartiger Geschwindigkeit verkrochen. Kameraden
wurden von den Geschossen verwundet, mein Saniwagen mehrere Male
getroffen. Ein Geschoss ging von hinten nach vorne durch und
blieb im Armaturenbrett stecken. Dieses Geschoss von den
Bordkanonen hatte ein besonderes Kaliber. Von meinem Fahrzeug
waren auch die Reifen getroffen und die Lok gab ihren Geist auf,
die war von etlichen Einschüssen getroffen. Hier mussten wir
warten bis eine neue Lok kam und wir zur Mosel weiter fahren
konnten.
Am Tage durfen wir wegen der Fliegerangriffe
nicht mehr fahren. So ging es am Abend weiter, bis wir vor
Gerolsheim landeten und dort ausluden. Unser nächstes Ziel war
am 26.10.44 Büdersheim, wo wir auf einem großen Bauernhof
Quartier machten. Mein Wagen kam auf den Hof eines Müllers. Seine
Frau kochte uns eine Suppe, die nach einer so langen Fahrt gut
tat. Hier mussten nun die Wagen und das Gerät in Ordnung
gebracht werden. Es dauert lange, bis wir neue Reifen für die
Wagen bekamen. Je länger wir auf dem Bauernhof waren, um so
familiärer wurde es. Vom Bauern bekam ich im Haus ein
Strohquartier, später eine kleine Kammer mit Bett. Zwischendurch
wurde ich auch als Kurier eingesetzt und brachte oft Wein aus
Trier mit.
Mit der Zeit freundeten wir uns mit dem
Müller an. Abends saßen wir in der Küche und unterhielten
uns über die Lage der Front. Der Müller hatte oft Gespräche
unter 4 Augen mit mir, denn wir waren uns einig, der Verbrecher
Hitler würde nicht eher ruhen, bis alles in Scherben gefallen
sei. Eines Abends saßen wir mit den Kameraden und dem Pfarrer
und sprachen über religiöse Fragen. Auch sind wir mit dem
Spieß mal auf den höchsten Berg der Umgebung geklettert. Sonntags
gab es zur Feier des Tages auch schon mal Kuchen. So konnte man
die Zeit in der Etappe schon recht gut aushalten, wenn doch nur
Post aus Hamburg käme!
Kurz vor der Adventszeit machten wir noch
Adventskränze für den Gemeinschaftsraum. Den 1. Advent, 3.
Dezember 1944, erlebe ich in der katholischen Pfarrkirche in
Büdersheim und abends feierten wir mit den Kameraden Advent im
Geschäftszimmer.
Noch einmal musste ich nach Trier, um einige
Besorgungen zu machen. Am 13. Dezember wurden wir zur
Panzeraufklärungsabteilung am Wald zur Bereitstellung
aufgestellt. Also sollte es jetzt ernst werden. Am 15.12.1944
Aufbruch zum Einsatz. Vorher hielt ein Offizier noch eine
Ansprache an die Truppe mit dem berühmten Hinweis: Kameraden,
gebt euer Bestes. Keine Furcht, es soll eine Geheimwaffe
eingesetzt werden. Ha, können wir nur murmeln.
Am 16.12.1944 ging der Zauber um 5.30 Uhr
los. Ein mächtiger Feuerzauber setzte ein. Die Nacht war
knallhell erleuchtet. Die Stellungen des Feindes wurden vom
Überraschungsangriff überrollt.
Am Abend waren wir auf der Eifelstraße. Gefangene
kamen uns entgegen. An einer Stelle kamen wir nicht weiter
durch und fuhren zum Forsthaus. Dort lagen Verwundete, die
abgeholt werden mussten. Meine Batterie im Wagen versagte. Hatte
Glück! In nächster Nähe lag ein kaputter Sanka. Schnell
wurde die Batterie aus- und bei uns eingebaut. Mein Beifahrer
half tüchtig mit.
Es ging jetzt über die Schnee-Eifel auf die
Straße nach St. Vieth. Vor St. Vieth war die Straße von
Hunderten von Fahrzeugen verstopft, denn vor uns musste ein
Minenfeld geräumt werden. Es war ein herrlicher Sonnentag, und
wir standen enggedrängt auf dieser Straße, und plötzlich
tauchte ein feindliches Flugzeug auf, der Pilot guckte und
guckte, aber, oh Wunder, es fiel kein Schuss. Wir lagen alle im
Graben und warteten, aber, wir dankten Gott, es war nichts
passiert. Er hatte seine gnädige Hand über uns gehalten. Nachmittags
war die Minensperre beseitigt und wir konnten in St. Vieth
einrollen. Hier in diesem Nest gingen wir bei einer Villa in
Bereitstellung. Unsere Lazarettabteilung war in die Schule
gezogen.
Am Heiligabend ein Bomberüberfall auf St.
Vieth und ein Kamerad wurde schwer verwundet. Abends hatten wir
im Quartier noch eine Bowle und etwas Gebäck. Die Nacht
verbrachten wir vorsichtshalber im Keller.
Am nächsten Tag bekam ich den Auftrag, zu
einem Verwundetennest zu fahren. Erst einmal fuhr ein junger
Offizier mit. Auf die Frage, wohin, wies er auf eine
Landstraße, deren Bäume schon für die Sprengung hergerichtet
worden waren. Im Geheimen denke ich, das kann ja noch schön
werden! Plötzlich lies der Offizier den Sanka halten, riss die
Tür vom Wagen auf und dann hörten wir in der Luft ein
eigenartiges Dröhnen und Rumoren. Er meinte, die bombardieren
ein Lager oder einen Flugplatz. Der Offizier verabschiedete
sich und gab mir den Ort an: Staffelot sollte es sein, wo ich hin
sollte, aber er wusste nicht, wo es liegt. Mal gut, dass ich
mir immer heimlich Kartenmaterial besorgt hatte. Nun musste der
Weg in eine Seitenstraße führen. Es kam ein schneebedecktes
Feld, wo man überall die Einschlaglöcher der Granaten sehen
konnte. Für mich war es ein mulmiges Gefühl. Ich erreichte
das Dorf, das unter Beschuss lag, holte mehrere Verwundete aus
dem Keller und machte mich schleunigst aus den Staub in Richtung
St. Vieth.
Schon von Ferne roch ich einen
eigentümlichen Brandgeruch. Als ich näher kam, suchte ich die
Schule und den Ort. Alles lag in Trümmern. Das Lazarett war
in den Keller geflüchtet und ich konnte da meine Verwundeten
nicht los werden. Für ihr heldenhaftes Verkriechen bekam der
Verein auch noch das Eiserne Kreuz.
Von einem Kameraden der Panzereinheit bekam
ich im Vertrauen etwas über unsere Lage zugeflüstert. Er
hatte gehört, der Panzervorstoß unserer Einheit sei wegen
Mangel an Benzin liegen geblieben. Die Übereifrigen hatten ja
geschworen, bis Weihnachten wolle man wieder in Paris sein. Nun
musste dafür gesorgt werden, die Verwundeten auf dem nächsten
Verbandsplatz los zu werden. Musste über Roth hinaus. Abends,
am Sylvester, saß ich fröhlich in der 12. Division, die beim
Schneetreiben mit ihren Panjewagen in die Ausgangsstellungen zog.
"Hallo Kameraden", rufe ich, "ihr wollt doch nicht
mit diesem Haufen den Krieg gewinnen?" Keine Antwort. Nur
stur trottete der Haufen dahin.
Später gelang es mir noch, mit einem
Kameraden eine Flasche Wein mit dem bangen Gedanken zu trinken,
was das neue Jahr bringen werde.
1945
In den nächsten Wochen erlebte ich die
schwerste Zeit meines Lebens. Die Fahrten gingen von der
Frontlinie bis zum Verwundetenplatz hin und her. Ich war
bekannt bei den dortigen Ärzten, die schon bereit standen, wenn
ich mit der Fuhre von Verwundeten kam.
Eines Tages musste ich zum Kastell nach
Wallerode. Dort mussten zwei verwundete Offiziere geholt
werden, obwohl das Schloss unter Beschuss stand. Es ging alles
schnell und gut ab. Unterwegs auf der Fahrt zum Verbandsplatz
wurden wir von SS-Heinis angehalten: "Der General Jodl kommt
vorbei." "Von mir aus kann es der Kaiser von China
sein, weg, die Verwundeten können nicht warten." Bei
einer anderen Fahrt hielt mich unser Spieß an und rief:
"Mensch Wietholz, sie leben noch! Man hat gesagt, sie
wären tot." "Vorsicht, es ist noch nicht aller Tage
Abend", bekam er von mir zu hören. Jetzt kam auch noch
der Augenblick, an dem die Front zurück genommen wurde, denn die
Ardennenschlacht zeigte für die Amerikaner ihren Erfolg.
Wieder war ich am 16.1.1945 mit meinem
Beifahrer unterwegs, um Verwundete zu holen, und wir bekamen bei
Roth plötzlich Feuer von der Artillerie der Amerikaner. Ein
Dussel von Kompanieführer ließ seine Truppe über ein
schneebedecktes Feld traben. Natürlich war das eine
Herausforderung für den Gegner und wir hatten es mit auszubaden.
Unser Sanitätswagen wurde so stark getroffen, dass mein
Beifahrer, der auf der falschen Seite heraussprang, zu Tode kam.
Die andere Seite bot hinter dem Vorderrad etwas Deckung, aber
trotzdem wurde ich von etlichen Splittern am Bein und im Gesicht
getroffen. Als der Feuerzauber vorbei war, entdeckte ich einen
Kameraden mit einem Raupenfahrzeug. Er aber war so stark
getroffen, dass sein Fuß nur noch an einer Sehne hing. Glücklicherweise
kam in diesem Augenblick ein Unteroffizier mit einen Kübelwagen
vorbei. Wir legten den Verwundeten auf den Wagen, fuhren zum
nächsten Haus und haben erst einmal das Bein abgebunden. Natürlich
musste der Verwundete weg und auch ich musste schnellstens zum
Verbandsplatz. Dort bekam ich vom Oberarzt die Verwundetenkarte
um den Hals gehängt und sollte nun zusehen, wie ich weiterkomme.
Für mich gab es nur eines, nur schnell aus
diesem Schlamassel heraus. Vor kurzem hatte ich selbst noch
viele Verwundete gefahren, jetzt musste es erst einmal zu Fuß
weitergehen, denn ein Sanitätswagen war nicht vorhanden.
Nach einiger Zeit ließen sich auch andere
Verwundete wie ich mit einen LKW bis Bonn mitnehmen. Wir
hören, dass es in Siegburg ein Krankenhaus gäbe. Spät abends
wurden wir dort aber abgewiesen, weil alles überfüllt war, und
nach Iserlohn ins Katholische Krankenhaus überwiesen. Wurden
vorher aber noch gut verpflegt. Am 21. Januar 1945 wurde ich
ins Lazarett in Iserlohn eingeliefert.
Schon ein paar Tage später ging es mir
nicht gut. Ich hatte 41 Grad Fieber. Die Ärzte und das
Pflegepersonal gaben sich in den nächsten Tagen und Wochen viel
Mühe, um meine Gesundheit wieder herzustellen.
Dazwischen hörten wir von der
Absatzbewegung des Heeres und, dass es immer kritischer werde. In
Ostpreussen kam die Bevölkerung in Bewegung. Viele Menschen
foehen mit Schiffen über die Ostsee. Da wurde ein Schiff, die
Gustlow ( ein Dampfer, der einst die Urlauber nach Süden bringen
sollte; wie nannten die Nazis das: Kraft durch Freude, welch eine
Ironie !), dieses Schiff wurde von einem feindlichen U-Boot
torpediert und ging mit Tausenden Flüchtlingen unter.
Als es mir langsam besser ging, bekam ich am
Sonntag Ausgang und besuche den Gottesdienst. Mit meiner
Entlassung ging es nicht so schnell. Ich bekam Furunkulose, die
sehr hartnäckig war.
Erst am Dienstag, dem 13. März wurde ich
vom Arzt gesund geschrieben und bekam den Urlaubsschein, heißt
erst einmal Genesungsurlaub, und ab nach Hamburg. Erst am
Mittag kam ich von Iserlohn weg und nahm den Zug
Hamm-Münster-Osnabrück. Von Osnabrück ging es mit einem
D-Zug, dessen Fensterscheiben kaputt waren, Richtung Hamburg und
war dann glücklich am 15.3.1945 mittags um 11.30 Uhr auf dem
Hauptbahnhof. Zu Hause herrschte bei meinem Erscheinen große
Freude. Jetzt konnten wir uns auf eine ruhige Woche einstellen,
wenn uns nicht der Fliegeralarm störte.
Freitag und Sonnabend hatte ich den Auftrag,
vor Konfirmanden zu sprechen. Es waren ca. 300 Besucher. Am
Sonntag nahm ich an der Konfirmation teil und feierte fröhlich
mit. In der Woche fuhr ich nach Pinneberg und besuchte Mutter.
Sie war aber nicht gut beieinander. Die Urlaubstage schmolzen
wie Butter in der Sonne dahin. An einem Sonntag predigte Pastor
Bernitt in der Martinskirche. Er war 1924 mein Konfirmator
gewesen. Nach dem Gottesdienst hatten wir noch ein kurzes
Gespräch.
Am 26. März 1945 musste ich zur Kaserne und
dort Zeug und einen Tornister abholen, den ich noch später nach
dem Krieg auf unseren Auslandsfahrten gut gebrauchen konnte. Erst
einmal aber musste ich mich am 27.3.1945 auf der Frontleitstelle
am Hauptbahnhof melden, um zum weiteren Einsatz geschickt zu
werden. Der Obergefreite dort händigte mir den Dienstausweis
mit Fahrkarte aus. Im Haus schauten wir uns den Ausweis genauer
an, und da stand ein Ort drauf, den wir auf der Landkarte im
Osten fanden, also an der russischen Front. "Nein.
Niemals!", lautete unser Ausruf. Also wieder hin zur
Frontleitstelle und dem Obergefreiten klar gemacht, dass ich zu
meiner alten Einheit nach Altenkirchen will, was im Westen liegt
und nicht im Osten. Der Obergefreite sagte mir: "Auf Deine
Verantwortung gehe ich zum Alten und lass den Schein
ändern." Und nun geschah etwas, was beim Militär
eigentlich unmöglich war: ein Wunder. Er kam nach einer Weile
mit einem neuen Schein heraus, auf dem Altenkirchen stand. Wir
aber, Lisa und ich, zogen froh von dannen und genossen den
letzten Urlaubstag.
Am nächsten Tag fuhr meine Frau noch bis
Stelle mit und dann kam der tränenreiche Abschied. Mit
Verspätung kamen wir in Lehrte an, um später noch, ausgerechnet
bei Hannover, in einen Fliegerangriff zu geraten. Immerhin ging
die Fahrt dann über Elze Richtung Wilhelmshöhe. Aber so weit
kam ich nicht mehr, denn die Fahrgäste warnen mich, die Strecke
nach Kassel sei gesperrt. Unterwegs stieg ich schleunigst aus
und mache mich zu Fuß auf den Weg. Später am Nachmittag
erreiche ich das Dorf Zierenberg, um etwas zum Essen zu bekommen
und einiges über die Lage zu hören. Es wurde mir gesagt, dass
in Richtung Kassel kein Weiterkommen sei.
Eine alte Dame hörte von meinem Schicksal
und nahm mich mit in ihre Wohnung. Bekam ein schönes Zimmer
mit einem Bett. Ihren Namen habe ich mir gemerkt, Fraulein
Elsässer, die mir zu Essen gab und am Karfreitag etwas Kuchen
auf den Tisch stellte.
Zwischendurch war ich oft unterwegs, um zu
hören, wie die Lage sei. Von hier war der Bahnverkehr
eingestellt und der Amerikaner war mit seinen Panzerverbänden
auf dem Vormarsch.
Am Sonnabend kam die alte Dame zu mir und
sagte: "Um die Mittagszeit fährt wohl ein Auto mit den
letzten Männern nach Hannoversch-Münden." Natürlich
hatte sie auch Angst, einen deutschen Soldaten versteckt zu
haben. Also nahm ich Abschied und habe mich noch sehr bedankt
für das Quartier. Dann ging es mit einer Fuhre ab nach
Hann.-Münden in die Kaserne. Dort wurden wir schnell zu einer
neuen Einheit aufgestellt. Mit einem Unteroffizier und noch
einem Mann gehörten wir zur Sanitätsabteilung. Geräte und
Medikamente wurde uns mitgegeben.
Nach einem Ruhetag setzte sich die Kompanie
am nächsten Abend in Bewegung. Unterwegs kam uns eine andere
Kompanie entgegen. Die Kameraden lachten uns aus und riefen, ob
wir den Krieg noch gewinnen wollten.
Bis Wilhelmshausen kamen wir. Hier wurde
Quartier bezogen. Wir zogen zum Forsthaus, durften die
Waschküche als Verbandsstelle einrichten und mussten dann erst
einmal die Bewohner des Forsthauses, falls ein Angriff kommen
sollte, in den Keller schicken. Bei dieser Gelegenheit lerne
ich auch den Pfarrer des Dorfes kennen.
Das Gerücht ging um, man wolle
Wilhelmshausen verteidigen. Wenn das geschehen wäre, hätten
es die Amerikanern bombardiert. Glücklicherweise kam an diesen
Abend der Ami nicht.
Ich bekam eine Einladung von der
Pfarrerfamilie. Hatte dann später, als der Ami doch kam - aber
ohne Panzer - einen Schwerverwundeten zu betreuen, der dann von
den Amerikanern ins Lazarett gefahren wurde.
Kriegsgefangenschaft
Später mussten wir alle auf dem freien
Platz im Dorf antreten. Erst einmal wurden wir gefilzt und
etliche mussten ihre Armbanduhren abgeben. Bei mir wollte auch
einer etwas holen. Ich zeigte auf die RK-Armbinde und er ließ
dann von mir ab. Nur die Ampullen im Tornister nahm er heraus.
Dann kam ein großer LKW, alle wurden auf den Wagen gescheucht,
und dabei riss man ihnen das Gepäck vom Rücken. Bei mir hatte
man kein Glück, die Armbinde war mein Schutz.
Bei Naumburg war erst mal Halt und wir
mussten die Nacht im Regen verbringen. Am nächsten Tag ging es
weiter. Wir landeten bei Andernach auf einem freien Feld. Hier
blieben wir mehrere Tage. Dem Herrn sei Dank, das Wetter blieb
schön. Wehe, wenn wir Regen bekommen hätten. Hier im Lager
wurde mir eines nachts meine Feldflasche geklaut. So ein Stück
ist in der Gefangenschaft unentbehrlich.
Es muss wohl Mittwoch der 11. April 1945
gewesen sein, als wir vormittags um 11.00 Uhr verladen wurden. Wo
mochte es wohl hingehen? Plötzlich erkannte ich die Gegend
wieder: Es ging an Naumur vorbei durch Belgien. Unterwegs
erlebten wir den Hass der Belgier. Wenn der Zug mit den offenen
Loren unter Brücken hindurch fuhr, wurden Steine auf die
Soldaten geworfen. Mit Volkslieder singenden Soldaten in den
Güterwagen fuhren wir einer ungewissen Zukunft entgegen. Noch
ein Bild ist mir in der Erinnerung haften geblieben: An einem
Bahnübergang zu ebener Erde stand eine Belgierin und wollte
einen Stein auf die Gefangenen werden, als der Zug vorbei fuhr.
Der Begleiter, ein Schwarzer, fiell ihr in den Arm. Welche eine
Blamage für die weiße Rasse.
Unser Zug nahm die Richtung auf Frankreich
ein. Wir fuhren durch Laon und wurden in Attichy in der Nähe
von Champiegne ausgeladen. Französiche Soldaten trieben uns
mit Gewehrstößen den Berg hinauf in das Hauptlager. Bevor wir
dieses Lager betraten, wurden wir mit DDT ausgiebig gegen Läuse
besprüht. Wir kamen in ein großes Zeltlager, von deutschen
Kriegsgefangenen vor uns erbaut. Wurden in kleine Gruppen
eingeteilt und bekamen jeweils ein Zelt zugewiesen. Hier
sollten wir nun unsere Tage fristen. Ab und an gab es eine
Handvoll Verpflegung. Es schien, die Amerikaner, die das Lager
verwalteten, waren nicht auf die große Zahl von Gefangenen
eingestellt. Wasser war hier oben auch sehr knapp. Einmal
habe ich über 12 Stunden nach Wasser angestanden.
Wenn man so in einer Zeltgemeinschaft
zusammengewürfelt leben musste, lernte man die Fehler und
Probleme der anderen schnell kennen. Die Frage galt immer: Was
wird die Zukunft bringen? Wann ist der Krieg zu Ende und wie
sieht es zu Hause aus? Ob es wohl mal wieder soviel zu Essen
gibt, dass man satt wird und in Schlachterläden der Speck
besonders dick ist und man zu hören bekommt, ob es auch für 5
Pf. mehr sein darf? In Anbetracht der Handvoll Kekse, die wir
bekamen, waren wohl so ein paar Gedankenausflüge verzeihlich.
Ich lernte einen Kameraden, Hartmut
Rulzenberg, kennen, der mich bei der Lagerleitung bekannt machte
und hatte durch seine Fürsprache ein paar Erleichterungen im
Lager.
Eines Tages kam über den Lautsprecher, alle
Akademiker, Lehrer, Ärzte und Pfarrer sollten sich vor der
Lagerbaracke einfinden. Natürlich war auch ich unter den dort
Versammelten. Wir bekamen bald heraus, jeder sollte politisch
durchleuchtet werden, bevor er zum Einsatz kam. Wir wurden
einzeln hereingerufen. Aua! Manch einer kam mit einem roten
Kopf wieder heraus. Dann kam ich an die Reihe. Vor mir ging
ein Offizier auf und ab und wollte mich ausfragen, wie es denn
mit Hitlers Siegen war. "Haben sich wohl gefreut, wie?"
"Wie man es nimmt. Unter anderem gehöre ich der
Bekennenden Kirche an. Niemöller sollte ihnen wohl kein
fremder Mann sein!", antwortete ich. Mit einem Mal brülle
er, dass ich machen soll, dass ich hier raus komme. Für mich
gab es kein Halten. Aber was sollte daraus werden? Nun, der
Herr Christus würde es schon wissen, denn irgendwie muss er ja
wohl meine Worte beeinflusst haben.
Noch etwas geschah und ist mir bis heute ein
Wunder. Es war an einen Sonntag Morgen und ich lag im Zelt. Plötzlich
drang eine bekannte Stimme an mein Ohr. Auf dem Platz hinter
unserem Zelt wurde katholischer Gottesdienst gehalten und der
Pfarrer war kein anderer als der ehemalige Küster von Beauvais,
Gerhardi. Gleich nach dem Gottesdienst kamen wir ins Gespräch.
Natürlich ist die Wiedersehensfreude groß. Keiner wusste vom
anderen, wohin er nach dem Rückzug verschlagen worden war. Bei
dem Hin und Her und Durcheinander und dann hier bei den
Amerikanern war es schon ein Wunder. Wir hatten ein langes
Gespräch und da er zur Lagerleitung gehörte, wollte er sich
beim Chaplain Zimmermann für mich verwenden. Mein gutes
Abschneiden bei der politischen Durchleuchtung und die
Fürsprache beim Chaplain hatten dazu beigetragen, dass drei Mann
und ich für die kommende Jugendarbeit ausgesucht wurden. Es
waren zwei katholische Pfarrer, ein evangelischer und ich als
Diakon. Der neue Plan der Amerikaner war es, ein Babycatch
einzurichten. Hier kamen alle Jugendliche hinein, die man
gefangen genommen hatte, damit sie hinter der Front nicht noch
Dummheiten machten. Denn Goebbels, die Großschnauze, hatte
befohlen, die Hitler-Jungen sollten als Wehrwölfe die Amerikaner
mit der Panzerfaust abknallen.
Es gab abends bei der Lagerleitung ein
Essen, bevor wir in das neue Lager übersiedelten. Hier waren
schon ein paar 100 Jungen eingeliefert worden, die in schönen
großen Zelten ihr Quartier hatten. Wir bekamen auch ein
großes Zelt mit Ofen und einem Keller. Der Hügel, auf dem
dieses große Lager stand, war auf Lehmboden errichtet und so
konnte man tief in die Erde gehen und im Sommer war es im Zelt
schön kühl.
Unsere katholischen Pfarrer waren noch jung
an Jahren und glücklicherweise keine Sauertöpfe. Manch Scherz
wurde vom Stapel gelassen und wir machten uns das Leben so
angenehm wie möglich. Unsere Verpflegung war nicht schlecht.
Es waren meist Naturalien aus der Dose. Unser Herd leistete uns
beim Mahlzeitenbruzzeln gute Dienste.
Oft wurden wir gebeten, zu Zusammenkünften
und zu Besprechungen ins Offizierszelt zu kommen. Hier war die
Gelegenheit gegeben, unsere Wünsche für die Arbeit los zu
werden. Wir baten Chaplain Zimmermann, der ein
Deutsch-Amerikaner war und gut deutsch sprach, Bibel und
Bibelteile aus Paris mitzubringen. Auch wurde für den
Schulbetrieb gute Literatur benötigt. Tatsächlich schleppte
uns unser Chaplain Bibeln und Bibelteile in großen Mengen heran.
Leider konnten die katholischen Pfarrer aus ihrer Buchhandlung
das Gewünschte nicht bekommen und nahmen mit der
Luther-Übersetzung vorlieb. Sie wurde auch eifrig bei den
Ausarbeitungen der Texte benutzt. Die evangelischen Bibelteile
wurde eifrig unter den Jugendlichen verteilt und auch gelesen. Die
katholischen Jungen machten dabei die Entdeckung, dass Jesus
Brüder gehabt hatte, was in der katholischen Übersetzung als
Neffen ausgelegt wurde. Es gab eine große Diskussion über das
Thema, denn wenn es so war, dann war ja Maria eine Mutter mit
Kindern und Jesus lebte ganz natürlich in einer Familie. Dieses
Thema über Jesus und seine Geschwister ist bis heute nicht zur
Ruhe gekommen. Ich verstehe noch heute die katholische Kirche
nicht, denn einer der Brüder Jesu, der Jacobus, war Bischof von
Jerusalem.
Nun, wir hatten im Lager einen großen
Zuspruch zu den Versammlungen. Es wurde schulwissenschaftlicher
Unterricht gegeben. Wir stellten fest, dass die Jungen sehr
aufgeschlossen waren. Es gab auch Sing- und Fragestunden. Konfirmandenunterricht
wurde eingeführt, später wurden auch Jungen konfirmiert.
Der 8. Mai kam heran und mit einem Mal fand
bei den Amerikanern eine große Feier statt. Jetzt erst hörten
wir, dass der Oberste Kriegsherr, der Verführer unseres Volkes,
Hitler mit seinem Großmaul, sich das Leben genommen hatte. Die
Russen, Engländer, Franzosen und Amerikaner waren in Berlin und
feierten das Ende des Krieges. Und was würde nun aus uns
werden? Aber was nützten all diese Gedanken? Alles steht in
Gottes Hand und wir hatten im Augenblick unseren Auftrag hier. Nicht
umsonst war in den letzten Wochen mein Lebensweg so wunderbar
verlaufen. Es gab genug Arbeit unter den Jugendlichen durch den
vielen Unterricht.
Die Amerikaner erlaubten mir eine eigene
Wachmannschaft für die Jungen. Erst noch bewaffnet, später
ohne Gewehr, machten sie mit uns eine Ausflugsrunde vom Berg
herunter ins Dorf. Die Franzosen begleiten uns mit
misstrauischen Blicken. Auch die Amerikaner freundeten sich mit
den Jungen an. Erst einmal mussten sie die Wehrmachtsklamotten
ausziehen und bekamen amerikanisches Zeug. Später wurde eine
Fußballmannschaft aufgestellt. Auf unsere Bitte bekamen die
Jungen abends keinen Kaffee, denn sie kamen damit nachts nicht
zur Ruhe. Auch sollte statt des Tabaks, wenn möglich,
Schokolade gegeben werden. Man entsprach unserer Bitte.
Oft holten die Offiziere die Jungen, derzeit
waren es ca. 3.000 geworden, um ihnen Vorträge über Amerika zu
halten. Als man auch noch auf Deutschland zu sprechen kam,
sagte ein Offizier: "Ihr deutschen Jungens braucht Euch
Eurer deutschen Geschichte nicht zu schämen. Ihr habt große
und berühmte Männer in eurer Vergangenheit gehabt!"
Habe mir den 23. Mai 1945 besonders gemerkt,
denn an diesem Tag begann ich in meinem Zelt, Nr. 36, die erste
Bibelstunde mit 35 Jungen. Und was geschah? Die Jungen baten
um weitere Stunden. Es war schon so, wie es bei dem Apostel
Paulus heißt: Der Herr tat eine Tür auf. So auch hier bei
uns. Mit der Zeit versammelten sich über 170 Jungen in und um
das Zelt. An einem Nachmittag bat mich ein Junge, doch in mein
Zelt 36 zu kommen. Dort warteten mehrere große Kerle, die mir
etwas mitzuteilen hätten, was sie mir anvertrauen müssten. Sie
wären auf der Ordensburg zur Ausbildung als Hitler-Jugendführer
gewesen und ich sollte sie nicht verraten. Sie könnten sich
auf mich verlassen, denn ihre Angelegenheit sei jetzt
Vergangenheit., war meine Antwort. Und auf meine Frage:
"Ihr habt doch mal Konfirmandenunterricht gehabt,
oder?", sagten sie: "Durch die neue Weltanschauung von
Hitler ist alles verlorengegangen."
Eines Tages wurde für einen Tag auf einer
Tafel die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen gezeigt. So
klein würde nun Deutschland sein, da könnte man ja mit einem
Fahrrad von einem Ende bis zum anderen in einen Tag durchfahren,
sagten die Jungens. Jetzt, wo man sah, wer in der Heimat das
Sagen hatte, brach in vielen das Heimweh auf. Tatsächlich fing
der Amerikaner an, Trupps von Jungen zu entlassen. Das Plakat
mit der Eintragung von Besatzungszonen, war nach einem Tag
verschwunden, was uns sehr wunderte. Die Jungen, die zum Osten
wollten, warnten wir, denn der Russe hatte angefangen, seine Zone
abzugrenzen und auszubeuten. Hamburg und Westfalen mit dem
Ruhrgebiet gehörten zur britischen Zone. Süddeutschland und
zum Rhein herunter teilten sich die Amerikaner und die Franzosen.
Wir aber mussten weiter aushalten, und kein Brief kam nach
Hamburg durch. Meine Frau und die Lieben hatten mich bereits
als verschollen betrachtet. Es wurde Juni und Juli. Am 29.
Juli war noch mit allen ein letztes Beisammensein. Wir bekamen
unsere Papiere für den Engländer.
Am 30. Juli nahmen wir Abschied vom Lager
Attichy und wurden in Güterwagen verladen. Bekamen noch ein
Carepaket mit, damit wir unterwegs nicht verhungerten. Landeten
nach mehreren Tagen in Rheinsberg in einem großen Lager. Hatte
später eine Besprechung beim Lagerpfarrer und weil das Lager so
groß war, wurde ich als Lagerpfarrer eingesetzt und hatte am
Sonntag einen Gottesdienst zu halten.
Eigenartig, noch heute weiß ich den Text.
Es war der über die 10 Aussätzigen, die zu Jesu kamen und um
Heilung baten. Nur einer aber kam zum Glauben, warum wohl? Nach
dem Gottesdienst kam ein ehemaliger Offizier und wollte eine
Aussprache haben. Unter anderem kam dabei heraus, er wollte
Theologie studieren, wenn er nach Hause konnte. Ob er wohl Wort
gehalten hat?
Noch eine Begegnung hatte ich beim Rundgang
durchs Lager. Da saß vor seinem Zelt ein alter Bekannter aus
Hoheluft, der uns als Hitlerjugendführer wegen unserer
evangelischen Jugendarbeit Schwierigkeiten machen wollte. Jetzt
saß Herr Hohmann mit all den anderen Kameraden im Dreck und
ordnete seine paar Kekse. Natürlich lud ich ihn zum
Gottesdienst und den Versammlungen ein. Er gab mir aber aus
Verdruss eine abschlägige Antwort.
Am 18. August 1945 wurden wir zu einer
Arbeitsdienstgruppe zusammen gestellt und mit einem Offizier,
Feldfebel und Unteroffizier nach Lichtscheid in Marsch gesetzt.
Die Dienstgruppen bekamen die Aufgabe, Projekte, die der Krieg
zerstört hatte, wieder aufzubauen. Damit begann die Hoffnung
auf Entlassung immer mehr zu schwinden. Hier in Lichtscheid
bezogen wir eine von Polen ramponierte Kaserne, die wir in
tagelangen Arbeitszeiten in Ordnung bringen mussten. Es war ein
schlechtes Quartier, nachts haben uns die Wanzen gequält. Ich
habe trotzdem, mit Hilfe des Lagerpfarrers, Gottesdienste und
Andachten gehalten. Auch kamen langsam die Briefe von meiner
Lieben wieder durch. Nach Tagen kam dann der Befehl, dass wir
umziehen müssten. Aber wohin? Wir wurden bei diesem Umzug
nach Beek gebracht und bezogen ein verwahrlostes Barackenlager.
Natürlich mussten wir es erst mal wohnlich herrichten, denn von
hieraus sollten neue Arbeitseinsätze durch die Arbeitskompanie
geleistet werden. Wir befanden uns in der Nähe des Rheins und
so fanden unsere Arbeitseinsätze an der zerstörten Rheinbrücke
statt. Auch in Bottrop wurden wir eingesetzt. Überall hatten
die Bomben ihre Spuren hinterlassen.
Am 21.10.45 war ich bei der
Gemeindeschwester Wilhelmine in Duisburg-Hamborn zum Kaffee
eingeladen und dabei bot sie mir ein Zimmer an, welches in der
Außenwand ein großes Loch hatte. In den nächsten Tagen, in
meiner freien Zeit, spielte ich den Maurer.
Zwischendurch habe ich nach Hause
geschrieben und wartete sehnsüchtig auf Antwort, denn die
Gemeindeschwester stellte für Lisas Unterbringung dieses Zimmer
zur Verfügung. Mit Hochdruck wurde an der Fertigstellung des
Zimmers gearbeitet. Lisa telegrafierte, dass sie mit einem
Kohlenzug, andere Züge fuhren ja noch nicht, komme. Tatsächlich
fuhr sie dann mit einem Kohlenzug bald mutterseelenallein im
Trainingsanzug auf der offenen Lore ins Ruhrgebiet. Am 5.
November 1945 waren wir morgens mit dem Zug auf dem Bahnhof
Bruckhausen, stiegen gerade aus, da hielt gegenüber ein Zug, und
wer stieg da aus? Meine liebe Frau. Wir gingen sofort zur
Gemeindeschwester, die hier in Bruckhausen wohnte. Eilte zum
Chef der Arbeitskompanie und holte mir Urlaub. Am 7. November
war der Geburtstag meiner lieben Frau, den wir durch Gottes Güte
nach langer Zeit wieder zusammen feiern durften.
Für manche Gemeindearbeit spannte mich
Schwester Wilhelmine ein. Wir hatten zu ihr ein feines
Verhältnis. Aus der Gemeinde hörten wir nur Gutes. Ab und
zu wurde ich von meiner Lieben von der Arbeitsstelle abgeholt. Trotz
allem verlebten wir herrliche Tage. Noch eine Geburtstagsfeier
wurde begangen, unsere Schwester Wilhelmine wurde auch ein Jahr
älter.
Dann kam der 27. November 1945 und meine
kleine Frau musste Abschied nehmen, auch die Arbeit in Hamburg
wartete. Am 30.11.1945 kam dann endlich die Nachricht, dass sie
in Hamburg gut angekommen war.
Als Räumkommando verließen wir Sonntag,
den 2. Dezember 1945, Beek, nicht ohne vorher mit Wehmut von der
lieben Schwester Wilhelmine Abschied zu nehmen. Unsere Fahrt
ging in Richtung Münster, und wir landeten im Dorf Kattenvenne.
Mein Quartier war gar nicht so schlecht, konnte sogar in einem
Bett schlafen. Ich nahm sofort Verbindung mit dem Pfarrhaus
auf. Der Pfarrer Horstmeier war sehr nett und Gottesdienste und
Andachten für die Kameraden wurden nicht nur abgesprochen,
sondern auch gehalten.
Unser Arbeitsgebiet war der zerstörte
Dorsten-Emskanal, der unter dem Bombenhagel gelitten hatte. Jeden
Morgen wurden wir von unserem Quartier mit Lastwagen zu den
Baustellen gefahren. Mit motorisierten Kipploren wurden Sand
und Steine herangefahren und die Böschung des Kanals damit
ausgebessert.
Einmal, als wir mit einer Kolonne bei der
Arbeit waren, kippte ein Kamerad mit der Lore so unglücklich um,
dass der buchstäblich damit begraben wurde. Nur ein
blitzschnelles Eingreifen von meiner Seite rettete ihm das Leben.
Er wurde bald danach auf einen LKW geladen und ins Lazarett
gebracht. Ich wurde vom Pfarrer des Dorfes oft zum Essen
eingeladen. Oft wurden von mir die Jugendstunden gehalten. Trotz
des kalten Wetters ging es mit dem offenen LKW zur Arbeit. Auch
musste ich noch einmal mein Quartier wechseln, es war eine kalte
Bude. Dann kam eine Besichtigung von einem englischen Kaptain,
ob auch Quartier und Kompanie sich in einem guten Zustand
befänden. Es schien ihm alles in Ordnung.
Es war möglich, am 20.12.1945, in Urlaub zu
fahren, aber nicht einfach, nach Hamburg zu kommen. Ab Bremen
fuhr ich auf einer Lokomotive nach Hamburg. Verlebte schöne
Tage über Weihnachten. Natürlich brachte ich das Thema meiner
Entlassung im Rauhen Haus und bei Pastor Forck vor, man möge
Gesuche an die Engländer schreiben. Am 3.1.1946 musste ich
leider schon wieder zurückfahren.
1946
Bekam doch vom (Offizier) Hauptmann Gärtner
am 25. Januar 1946 wieder einen Kurzurlaub bewilligt. Die Züge
fuhren unregelmäßig. Vor uns war vor Hamburg ein Güterzug
entgleist und wir mussten in der Nähe von Dibbersen aussteigen.
Es ging bis zur Chaussee zu Fuß weiter. Am Gasthaus Dibbersen
warteten wir auf ein Auto, welches uns nach Hamburg mitnahm. So
um 5.00 Uhr nachmittags war ich im Haus und meine junge Frau
strahlte vor Glück, sie hatte auch eine Neuigkeit: Wir werden
eine Familie.
Am 27.1.1946 hatte mein Schwiegervater
Pastor Forck von der Martinsgemeinde eingeladen und so nebenbei
erzählte Pastor Forck, dass er damals nach dem Festvortrag in
Hoheluft bei der Concordia angezeigt worden sei und mehrere Male
bei der Gestapo vorgeladen gewesen war. Am 30.1.1946 nahm ich
wieder Abschied und wurde von Lisa zur Bahn gebracht. In
Kattenvenne gingen die Tage mit Arbeit eintönig dahin. Gut,
dass ich in der Gemeinde zur Jugendarbeit herangezogen wurde. Ab
und zu saß ich im Studierzimmer des Pfarrhauses und konnte
einige Bücher lesen. Am 8.2.1946 war bei strömenden Regen
Abmarsch nach Mecklenbek in der Nähe von Münster. Wir bezogen
ein Barackenlager, was glücklicherweise in Ordnung war. Es war
so groß, dass hier 4 Kompanien von über 1.200 Mann
untergebracht wurden. Unsere Baracke hatte einen Ofen und
abends hatten wir elektrisches Licht. Alles wurde mit der Zeit
wohnlich eingerichtet, auch der Fußboden wurde mit Öl
eingerieben, damit er beim Fegen nicht staubte. Zum
Gottesdienst ging ich 5 km nach Münster. Alle Dörfer ringsum
waren katholisch.
Die Tage, trotz Schnee, sind schön, denn
jetzt kam endlich die Briefpost durch. Zwischendurch war ich
mehrere Male auf dem Krankenrevier. Ich bemühte mich, auf
Grund meines Magengeschwürs entlassen zu werden. Aber alles
war leider vergeblich, sollte wohl meine Tage hier arbeiten. Oft
wurden wir zum Kartoffelschälen herangeholt. Wir fuhren auch
viel nach Münster und ich verhandelte mit der Kirchenleitung
wegen der Betreuung der Lagerinsassen. Auch besorgte ich in
Münster Bücher und Schriften von der Kirche für das Lager. Ein
großer Barackenraum für Gottesdienste und ein kleinerer Raum
für Bibelstunden und Unterricht wurden zur Verfügung gestellt.
Nach Rücksprache mit Hauptmann Gärtner wurde im Lager ein
schwarzes Brett angebracht und Nachrichten aus der gesamten
Kirche ausgehängt. Vorträge die im Lager von Männern der
Kirche gehalten wurden, und Lagergottesdienste wurden
angekündigt. Manchmal standen die Kameraden vor dem schwarzen
Brett und diskutierten über das Ausgehängte.
Von einem Tischler im Dorf sollte mir gegen
Tabak ein kleines Kinderbettchen angefertigt werden. Immer
wieder versuchte ich auch, meine Entlassung ins Spiel zu bringen.
Vielleicht würde ich als Bezirks-Diakon im Raume Münster
eingesetzt werden. Die Kirchenleitung hatte von mir einen
Lebenslauf bekommen. Eine Abschrift ist erhalten geblieben.
Gegenüber vom Lager auf der anderen Seite
hatten ein paar ältere Damen ihr Behelfsheim. Als ich hörte,
dass sie evangelisch seien, war bald darauf ein Besuch fällig.
Es blieb aber nicht bei einem. Ich wurde oft zum Kaffee
eingeladen und bei einem Plausch hörte ich auch einiges aus
ihren Leben. Seit über einem Jahrzehnt waren sie hier schon
ansässig und hatten mit den Katholiken so allerlei erlebt. Wenn
sie in Münster einkaufen wollten, wurden sie oft als Ketzerinnen
abgewiesen. Ja, die Bevölkerung musste sich hier auch in ihrem
kirchlichen Denken umstellen.
Es waren viele Flüchtlinge ins Land
gekommen und auf den Dörfern untergebracht worden. Manche
evangelische Flüchtlingsfamilie besuchte ich und dann waren die
katholischen Bauern erstaunt, dass mit einem Mal ein
evangelischer Diakon in der Haustür stand und nach der
evangelischen Familie fragte.
Wenn ich auch vom Kirchenamt als
Lagerbetreuer eingesetzt worden war, so forderte der Engländer
die Dienstgruppe immer wieder zu Arbeitseinsätzen an. Lange
Zeit waren wir mit einem Trupp in Münster in den Kasernen
tätig. Hier wurde Bestandsaufnahme von den Gegenständen, die
noch vorhanden waren, vorgenommen: Türgriffe, Schlösser,
Fenstergriffe und Brennstellen. Alles wurde in 5facher
Ausfertigung aufs Papier gebracht. Wir Deutsche sind schon
pingelig, aber die Engländer waren es noch mehr. Immer wieder
wurden wir trotz Schnee und Kälte auf offenen Lastwagen zur
Arbeitsstelle gefahren. Später wurde ich als
Vermessungsbeamter auf dem Arbeitsamt eingesetzt und hatte
schriftliche Arbeiten zu erledigen. Hier kam auch der Tag, an
dem man seinen Wehrmachtsführerschein zu einem privaten
umschreiben lassen konnte.
An dieser Stelle soll auch der Kameraden
gedacht werden, die im Lager treulich bei der Betreuung
mitgeholfen haben. In der Nähe war eine ehemalige
Flakstellung. In den Baracken waren viele Flüchtlinge
untergebracht, die wir nicht vergessen durften. Mancher war
dankbar für den Besuch, wenn wir auch nichts Essbares mitbringen
konnten.
Am 28.9.1946 wurde unsere Tochter geboren.
Ich bekam aber erst am 29.9. Bescheid und ging vor Freude im Wald
spazieren. Einen Tag später bekam ich Kurzurlaub. Mein
Erscheinen brachte bei der jungen Mutter einige Freudentränen.
Die Familie war zusammen. Meine Mutter besuchte ich später in
der Anstalt und erzähle ihr, dass sie Großmutter geworden sei.
Sie freute sich sehr.
Am 5. Oktober 1946 musste ich schon wieder
im Lager sein, konnte aber am 6.10. nach Kattenvenne fahren und
das dortige Erntedankfest in der Kirche mitfeiern. Überhaupt
war Kattenvenne immer mal so ein Ausweichquartier.
Meine Frau schrieb, dass am Reformationstag,
der in Hamburg durch die Engländer zum gesetzlichen Feiertag
erklärt worden war, Christa getauft werden solle. Natürlich
holte ich mir für dieses Fest Urlaub. Im Gottesdienst wurde
die Kleine getauft und anschließend gab es eine Feier mit dem,
was wir an Nahrung hatten. Zum Beispiel gab es zum Kuchen
Schlagsahne aus Magermilch. Bei allem waren wir aber eine frohe
Gesellschaft mit den Eltern und Paten.
Eines Tages kam mir der Gedanke, Weihnachten
war nicht mehr fern, die Gemeinde könnte Kameraden aus dem Lager
aufnehmen und bei ihnen Weihnachten feiern lassen. Also auf zu
dem katholischen Pfarrer und mit ihm über diese Möglichkeit
gesprochen. Wer hätte es gedacht, man hat diesen Gedanken
aufgenommen und von den Kanzeln um Aufnahme für die
Weihnachtszeit gebeten und auch Gehör gefunden. Viele der
Kameraden konnten so Weihnachten wieder in einer Familie feiern.
Zur Weihnachtszeit durfte ich wieder in
Urlaub fahren und weil die Züge überfüllt waren, schlüpfte
ich ins Bremserhäuschen und fuhr so bis Hamburg alleine mit. Zu
Hause begingen wir mit der Familie ein harmonisches
Weihnachtsfest. Zu ersten Mal war unsere kleine Christa dabei,
viel wird sie nicht mitbekommen haben.
1947
Kurz war die Zeit zu Hause und am 2. Januar
1947 saß ich schon wieder in der Bahn, um abends im Lager zu
sein. Alle 14 Tage habe ich Gottesdienst, dazwischen löst mich
mein lieber, väterlicher Freund, Studienrat Schmidt, immer
wieder ab. Er wurde mir vom Kirchenamt in Münster empfohlen.
Als wir uns miteinander bekannt machten und über die Arbeit im
Lager sprachen, war er sofort bereit, mit Hand anzulegen. Mit
heißem Herzen hat er den Dienst für unseren Herrn Jesus
Christus getan und unsere Freundschaft hat über seinen Tod
hinaus gedauert. Von seinen Kindern wurde ich gebeten, zu
seinem 90jährigen Geburtstag einen Bericht über die Arbeit im
Mecklenbecker Lager zu schreiben, was ich gerne tat. In
Bösensee und auf der Geist wurden Bibelstunden und Jugendstunden
gehalten, die später von den Pastoren und Diakonen übernommen
wurden.
Immer wieder versuchte ich auf verschiedenen
Wegen zu einer Entlassung zu kommen. Wir waren oft wegen der
Verpflegung in Bad Salzufflen und ich versuchte dort bei einem
britischen Offizier mit meinem Anliegen durchzukommen. Zwischendurch
kam mir zu Ohren, dass man im Bischofsamt in Münster über
meine Person Erkundigungen eingeholt hatte, ob meine Arbeit der
katholischen Kirche nicht schade. Aber ich hörte keine
Beanstandungen von irgendeiner Seite.
Beim Durchblättern meines Tagebuches finde
ich unter dem Datum vom 30. März 1947: „Festlicher Tag. 1.
Konfirmation im Lager. Über 140 Personen im brechendvollen
Saal. Studienrtat Schmidt nimmt die Einsegnung der Konfirmanden
vor.“
Dann war ich erst einmal kurz auf Urlaub. In
Mecklenbeck passierte etwas Eigenartiges: Am 15. April hielt ich
die Bibelstunde, diesmal waren nur Frauen gekommen. Am Schluss
wurde noch über einiges geklönt. Unter anderem wurden über
300 DM, die als Spende gesammelt wurden, fürs Hilfswerk
abgeliefert. Dann kam das Gespräch mit einem Mal auf eine
Kirche, die wir hier in Mecklenbeck haben müssten. Vielleicht
schenke uns der Herr noch ein Baugrundstück.
Dies war am 15.04.1947 und jetzt ein Blick
in die Zukunft: Wir schreiben inzwischen das Jahr 1966. Tag
Christi Himmelfahrt. Da wird in Mecklenbeck der Grundstein für
die Martin-Luther-Kirche gelegt. Am Reformationsfest 1967 ist
die Kirche eingeweiht. So hat der Herr über unsere Arbeit
seinen Segen ausgeschüttet.
Aber erst einmal wurde ich weiter in
Mecklenbeck festgehalten. Mein Auftrag war noch nicht erfüllt,
so sollte man es wohl ansehen. Es war Sonntag Morgen. Ganz
früh standen zwei Männer an meinem Bett und baten mich, zu
einer Frau zu gehen, um ihr zu sagen, dass ihr Mann während
einer Versammlung plötzlich zusammengebrochen und gestorben sei.
Ich zog mich schnell an und ging mit den beiden Männern auf den
Bauernhof, wo die Familie untergebracht war. Nur mit der Kraft
des Glaubens und der inneren Bitte um die rechten Worte, konnte
ich der Frau die schwere Nachricht überbringen. An diesem
Morgen hatte ich auch noch den Gottesdienst und anschließend den
Kindergottesdienst zu halten. Am nächsten Tag war ich in
Albachten bei dem katholischen Pfarrer. Es ging um einen Platz
auf dem Friedhof. Früher durften keine evangelischen Leute auf
einem katholischen Friedhof ein Grab haben. Aber der Pfarrer
erteilt die Genehmigung und so konnte ich der Frau Harder und
Studienrat Schmidt mitteilen, dass der Beerdigung nichts im Wege
stand. Am 7. Mai 1947 war dann die Beerdigung und eine große
Zahl von Trauernden folgte dem Sarg. Für die Gegend, die ja
rein katholisch ist, war es doch etwas Besonderes, was sich vor
ihren Augen abspielte.
Es galt später eine Fahrt vorzubereiten. Am
Himmelfahrtstag trafen wir uns im Lager. Wir waren eine
fröhliche Schar von 20 Jungen und Mädel. Es ging in Richtung
Coesfeld in ein großes Heidegebiet, in dem wir uns tummelten .
Um ca. 19.30 Uhr waren alle wohlbehalten wieder im Haus.
Nicht vergessen möchte ich die liebe
Familie Lücke. Manches Mal waren wir bei ihnen eingeladen. Als
einmal meine Urlaubszeit bevorstand, bekam ich von ihnen für
unsere Familie ein Huhn in einem Käfig mit. In der Bahn hat es
wohl vor lauter Angst ein Ei gelegt. Immerhin baute mein
Schwiegervater im Garten einen Hühnerstall und der Grundstock
für eine Hühnerfarm mit dem ersten Huhn war gelegt.
Am 7. Juli 1947 kam meine Frau ins Lager und
lernte so auch die Mecklenbecker Gemeinde kennen. Wir bekamen
ein Barackenzimmer, welches wir erst einmal in Ordnung bringen
mussten. Wir waren bei einigen Familien eingeladen und fuhren
später nach Kattenvenne und holen dort fünf Küken ab, die wir
mit einer Glucke von Lückes, trotz überfüllter Züge, nach
Hamburg bringen konnten. Zu Hause wurde in den nächsten Tagen
im Garten gearbeitet. Es wurd Kohl und anderes Gemüse
gepflanzt, denn die Familien wollen ernährt sein. Montag, den
21. Juli 1947, ging es wieder ab nach Mecklenbeck. Frau und
Kind nahmen Abschied.
In einer Jugendstunde in Mecklenbeck wurde
der Entwurf für unseren Wimpel gemacht und eine Mutter war so
lieb, uns den anzufertigen. Auf mancher Fahrt und Freizeit war
er dabei und zeigte an, wir sind die Mecklenbecker Jugend.
Der August, der letzte Monat im Lager, war
mit viel Gemeindearbeit ausgefüllt. Der 29.8.1947 war ein
besonderer Tag in meiner Gefangenschaft: Die Bekanntgabe unserer
Entlassung. Jetzt hießt es, schnell handeln, denn das Lager
und die Gemeinde durften nicht verweisen. Also ging es sofort
zu Studienrat Schmidt hin und es wurde über den Fortgang der
Arbeit gesprochen. Noch am 31.8.1947 machten wir mit der
evangelischen Jugend von Mecklenbeck eine Fahrt in die Coesfelder
Heide. Ich wurde von etlichen Gemeindemitgliedern aufgesucht,
die von meiner Entlassung gehört hatten.
Im Hinblick auf den Weggang mussten noch
viele Dinge geregelt werden. Ein Helferkreis kam noch zusammen,
organisatorische Angelegenheiten wurden besprochen und die
geldliche Seite musste zu ihrem Recht kommen. Natürlich
versprach ich, die Mecklenbecker bei nächster Gelegenheit wieder
zu besuchen.
Am 5.9.1947, um 8.00 Uhr, ging es vom Lager
los. Wir wurden mit LKWs zum Bahnhof Münster gefahren und dann
in Güterwagen verladen. Abends um 19.30 Uhr waren wir in
Munsterlager und bezogen die Baracke 105. Am nächsten Tag
wurden nochmals die Entlassungspapiere kontrolliert, und dann
sollte es hoffentlich weitergehen. Es wurde auch noch von
anderen Einsätzen geredet. Am Sonntag, um 9.00 Uhr, wurden wir
auf die Lastwagen verladen und ab ging es in Richtung Hamburg. Am
Berliner Tor wurden wir ausgeladen und jeder musste sehen, wie er
weiter kam. Zu Hause landete ich mit meinem Holzkoffer, zum
Erstaunen meiner Lieben, ganz plötzlich, verschwieg aber erst
einmal meine Entlassung. Beim Kaffeetrinken kam dann die
Überraschung: Ich war kein Kriegsgefangener mehr und musste
nicht mehr weg. Alles jubelte.
Der nächste Tag und die darauffolgenden
waren mit viel Laufereien ausgefüllt: Anmeldung bei der
Polizei, zur Baumeisterstraße zum Arbeitsamt und beim Bezirksamt
die Zuzugsgenehmigung geholt. Es gab viele Kleinigkeiten, die
erledigt werden mussten. Die nächsten Tage gingen bei den
vielen Aufträgen schnell dahin.
Fortsetzung
der Diakonenausbildung im Rauhen Haus
Am 19. September 1947 meldete ich mich im
zerstörten Rauhen Haus zurück. Haus Tanne war erhalten
geblieben. Mit Füßinger
hatte ich ein Gespräch. Zu einer Besprechung und zum ersten
Unterricht sollte ich am 25.09.1947 im Rauhen Haus erscheinen. Zuerst
empfingen mich in einem Zimmer im Haus Tanne Füßinger
und Bruder Jahnke und kamen gleich im Gespräch auf die Nazizeit.
Im Laufe des Gespräches wurde mir über das, was im Rauhen Haus
vorgefallen war, eine Entschuldigung ausgesprochen. Geschichtlich
war aber damit nichts zu ändern. Über der Schuld der
Brüderschaft kann nur die Vergebung unseres Herrn stehen.
Mir wurde dann eröffnet, dass im Rauhen
Haus kein Platz für die kommenden Brüder sei, und da ich ja in
Horn wohne, morgens von zu Hause aus zum Unterricht kommen
könne. Bei dieser Abmachung blieb es denn auch. Gleichzeitig
wurde mir gesagt, ab 1. Oktober 1947 könnte ich als
Gemeindediakon in der Martinsgemeinde Horn arbeiten und morgens
bis mittags am Unterricht im Rauhen Haus teilnehmen.
Jetzt kam ein neuer Lebensabschnitt für
mich: Fortsetzung meiner Ausbildung im Rauhen Haus bis zum
Examen, Gemeindearbeit und die sich langsam vergrößernde
Familie.
Nachdem am 1. Oktober 1947 mit Pastor Forck
mein Einsatz für die Gemeinde abgesprochen war, wurde die
Wirkungsstätte erst einmal angesehen. Die Kirche war im
Bombenhagel vom tauben Kirchendiener gerettet worden. Eine
Brandbombe, die die letzte Kirchenbank anbrannte, hatte er
löschen können. Die Kirchenfenster waren alle entzwei und
waren mit Drahtglas vernagelt worden. Das Gemeindehaus, das
1939 eingeweiht worden war, stellte sich mir als abgebrannte
Ruine dar. Pastor Forck und die Gemeindehelferin wohnten im
wiederhergestellten Salemstift, das zu Wohnungen umgestaltet
worden war. Das Gemeindehaus sah trostlos aus. Alles was in
den Kellerräumen nicht niet- und nagelfest war, war geräubert
worden. Auch das Pfarrhaus war bis auf die Grundmauern
heruntergebrannt. Später sollten uns noch die Steine und ein
Eisenträger gute Dienste tun. In den Kellerräumen stand
Wasser, die Betondecke hatte an vielen Stellen das Wasser
durchgelassen. Beim Durchgehen wurden im großen Saal dann
Pläne gemacht, wie man diese Ruine wieder für die
Gemeindearbeit zugänglich machen könne. Zu dieser Zeit hatte
die Post vor dem Gemeindehaus an der Straße gebaut. Zum Bauen
brauchte man eine Baunummer. Die Post hatte sie und wir haben
in ihrem Schatten gewirkt. Der Schutt in der Ruine musste
planiert werden. Sand und Steine mussten her und was wichtig
war, Hilfskräfte. Die Gemeindehelferin, Fräulein Saul,
stellte ihre Jungschar zur Verfügung, andere Jugendliche wurden
angeworben. Nun konnte unsere Tätigkeit losgehen. Baugeschäft
Wehrlich fuhr den Sand heran und wir organisierten den Zement
dazu. Es wurde eifrig planiert, Zement gemischt und der Mörtel
wurde sachgemäß aufgetragen, so dass auch das Wasser durch
Löcher und Rohre abfließen konnte. Natürlich musste auf den
hart gewordenen Zement eine Teerschicht aufgetragen werden. Durch
die Mithilfe meines Schwiegervaters, der für Brötchen und
Lichtmaterial sorgte, wir legten von der Kirche eine Leitung zur
Ruine herüber, konnten wir auch noch bei Dunkelheit arbeiten.
Im Oktober kam Karl Görlich, der sich bei
uns im Haus erst einmal bekannt machte, und eine Bleibe suchte.
Bei Familie Kepper in der Gartenkolonie Hornerweg, fand er ein
winziges Zimmer. Jetzt hatten wir noch eine Hilfe mehr, aber
handwerklich musste der Karl noch viel dazu lernen, denn er war
Berliner Bankkaufmann. Er war nach seiner Ausbildung als
Diakon, noch vor dem Krieg als Gemeindediakon eingestellt worden.
Nun, die Kellerräume waren erst einmal
wasserdicht und bald konnten wir mit den Jugendstunden beginnen.
Aber erst musste der Karl mit seiner Frau eine Bleibe haben. Die
hinteren Räume vor dem Saal im Keller, waren für ihn
vorgesehen. Vorher galt es, in der Ruine des zerstörten
Pastorats Steine zu brechen und diese heranzukarren. Das war
für den Karl ein schweres Stück Arbeit, aber unverdrossen wurde
geschuftet. Am Haupteingang, Treppe hoch und gerade aus und
rechts waren die ehemaligen Garderobenräume. Dann führte eine
Treppe in die Kellerräume. Dieser Gang musste unbedingt
überdacht werden, um überhaupt trockenen Fußes in die unteren
Räume zu gelangen. Also mussten Holz und Balken her. Durch
allerlei Verbindungen gelang es, das Material noch für
Reichs-Mark zu bekommen. Die Überdachung wurde geschafft und
mein Onkel Fritz Frieß lieferte die Dachpappe. Wie gut, dass
wir in der Verwandtschaft einen Klempner mit einem gutgehenden
Geschäft hatten. Am Haupteingang fehlte die Tür. In der
Kirche war eine zuviel, die wir dann abmontierten und im
Gemeindehaus neu einsetzten. Der Gang zum Saal wurde
zugemauert. Sogar ein Fenster konnten wir einsetzen, so kam
Licht in den Hauptflur. Durch das Dach wurde der Regen
abgehalten und der Keller hatte keine Fußspülung mehr.
In der Zeit unseres Ausbauens ging ich brav
zum Unterricht ins Rauhe Haus. Natürlich durfte die Familie
nicht zu kurz kommen, aber mein Frauchen half bei all diesem Hin
und Her tapfer mit.
Eines Tages musste noch im Flur eine Wand
gezogen werden und Karl und ich waren eifrig dabei, sie zu
vollenden, das heißt, bis zur Decke hochzuziehen. Es begann zu
regnen. Der Regen kam von der Seite und benässte die Mauer. Diese
war kurz vorm Umfallen, als ich Karl bat, sie zu halten, damit
sie nicht zusammenkrachte. Unser lieber Karl hielt sie dann
über eine Stunde treulich fest. Hier hätten wir eine
Gedenktafel hinhaben müssen: "Für treues Aushalten".
Zwischendurch bekam ich auch Hausaufgaben
für den Unterricht mit. Ich saß abends noch in der Küche der
Eltern und mache Schularbeiten. Im Rauhen Haus musste ich eine
Predigt halten, die dann kritisiert wurde. Hätte im Text
zentraler sein müssen, nächstes Mal. Pastor Donndorf legte
uns bei einer biblischen Darlegung von Moses Bitte, Gott zu
sehen, diesen Text aus und haute mächtig daneben. Wir waren
mit dieser Auslegung nicht zufrieden und haben tüchtig Kritik
geübt.
Bei unserer Arbeit setzte Karl längere Zeit
wegen Krankheit aus. Zum Glück hatten wir im Rauhen Haus
Ferien und dadurch war ich den ganzen Tag für die Gemeinde da.
Das Weihnachtsfest stand vor der Tür. Zum
Lobe der Verantwortlichen darf man sagen, trotz Not und Trümmer
ging die Gemeindearbeit in der Kirche weiter und Gottesdienste
fielen kaum aus. Zu Weihnachten hatten wir auch einen
Christbaum, wenn auch nur einen kleinen im Verhältnis zu
früher. Wir aber halfen uns, nahmen eine ausgediente
Teertonne, verkleideten sie und stellten den Christbaum darauf.
In der Familie konnte ich nun als freier Mann, zum ersten Mal
ohne Krieg, das schöne Fest begehen.
1948
Nach einer Unterrichtspause von einigen
Tagen begann das Jahr 1948 mit den besten Wünschen und
Segensgrüßen. Am 5. Januar 1948 wurd im Rauhen Haus der
Unterricht wieder aufgenommen. Mit der Zeit ging es hart ran,
denn im März sollte das Diakonenexamen stattfinden. Jetzt saß
ich oft abends bis spät in die Nacht hinein in der Küche der
Eltern und büffele.
Im Januar gelang es, dass Karl mit Ehefrau
ins Gemeindehaus einziehen konnte. Möbel wurden bei Bekannten
und Verwandten zusammengeholt und zwei Zimmer damit ausgerüstet.
Vorher gelang es, unseren ehemaligen Tischler Bruns zu gewinnen,
um ein paar neue Fenster für die Gemeinde herzustellen und
einzusetzen.
Oft wurden auch bei uns in der Horner
Landstraße 439 II wegen Mangel an Räumen in der Gemeinde die
Kirchenvorstandsitzungen abgehalten. Mein Schwiegervater war
Mitglied im Vorstand und so konnte die Sitzung in der großen
Stube durchgeführt werden. In einer dieser Sitzungen wurde
Pastor Niemann aus Horn zum Jugendpastor gewählt.
Mit Pastor Forck verhandelten wir über die
Belegung der Räume, die bald gebrauchsfertig werden sollten. Bevor
alles in Gebrauch genommen werden konnte, mussten noch allerlei
Dinge bedacht werden. Es gab keine Toilette und kein Licht. Auch
Türen fehlten und die Decken und die Wände sahen verdreckt aus,
also auch der Maler musste her. Nun, eines kam zum anderen. Erst
wurde in der damaligen Toilette wieder ein Klobecken aufgestellt,
die Anschlüsse wurden frei gelegt, auch das Wasser kam dazu. So
hatten Görlichs bald wieder Wasser in der ehemaligen Küche, die
ja auch als Schlafzimmer diente. Auch ein Malermeister fand
sich, der uns den Keller mit einer gelblichen Farbe anpinselte.
Jetzt musste noch das elektrische Licht installiert werden. Ein
Zähler war schon da, und so konnten wir hinter der Sicherung die
Leitungen spannen. Ja, wir mussten sie spannen, denn Rohre
hatten wir nicht, also wurde der Draht auf Isolatoren verlegt. Aber
woher die Schalter nehmen? In ganz Hamburg gab es keine. Frau
Lydia Görlich kam auf den richtigen Gedanken. Weil sie
nämlich aus Schalksmühle stammte, wusste sie, da gab es kleine
Betriebe, die elektrische Sachen herstellen, also auch Schalter.
Sie besorgte uns diese notwendigen Sachen und so konnten dann
eines Tages die Kellerräume im elektrischen Licht erstrahlen. Pastor
Forck besorgte immer wieder Geld, damit wir auch weiter bauen
konnten!
Am 15. März 1948 war vom Rauhen Haus der
Tag des Examens festgelegt und von Januar bis März war eine
Zeit, in der es Tage gab, an denen wir (es gab noch einen Bruder
Zielasek, der die Prüfung mitmachen sollte) bis tief in die
Nacht hinein unsere Aufgaben machten. Es sollte in vielen
Fächern geprüft werden. Da war Altes Testament, Neues
Testament, Dogmatik, Religion, Kirchengeschichte, Innere Mission,
Diakonie, Geschichte der evangelischen Jugend,
Wohlfahrtsgeschichte, Buchführung und Schreibmaschinenschreiben.
Über all den vielen Fächern hat uns oft der Kopf gebrummt. Pastor
Donndorf, der Vorsteher des Rauhen Hauses, sagte immer, es wird
nicht so schlimm werden. Dann kam der 15. März und wir wurden
im Haus Tanne ins Prüfungszimmer geführt, wo an einem langen
Tisch die Dozenten saßen, die uns prüfen sollten. Wer war
dabei? In Erinnerung habe ich noch Donndorf, Schade, Hennig,
Kreye, Füßinger,
Jahnke, Germann, Wölber und den Bischof Schöffel. Einen Tag
vorher haben wir verschiedene Arbeiten geschrieben. Eines weiß
ich noch, jeder Einzelne musste nach vorne dem Dozenten
gegenüber auf einen Stuhl, der zu prüfen hatte. Bei dem Stoff
Neues Testament, hatte uns Pastor Schade gesagt, er wolle
bestimmte Kapitel abfragen, auf die wir uns natürlich
eingestellt hatten. Nun war er daran, uns zu prüfen und war so
nervös, dass er etwas ganz anderes abfragte und mich damit
durcheinander brachte. Nur mit etwas Haltung ging
glücklicherweise diese Panne noch glimpflich vorüber. Später
gab es nach dem bestandenen Examen eine kleine Feier. Viel
konnte das zerbombte Rauhe Haus nicht locker machen. Wir aber
waren froh, jetzt ordentliche, mit der Ausbildung fertige Diakone
zu sein.
Die volle Aufnahme in die Brüderschaft
sollte erst später geschehen. Offiziell wurde ich nun zum 1.
April 1948 in die Martinsgemeinde Horn entsandt. Damals wurden
die Brüder noch von der Leitung des Rauhen Hauses in die Arbeit
gesendet. Horst Zielasek und ich waren die ersten Diakone, die
nach dem Krieg wieder aus dem Rauhen Haus hervorgingen.
In unserer Familie war nun eitle Freude, aus einem
Diakonschüler war nun ein anerkannter Diakon geworden.
© Jürgen Ruszkowski  Diese Internetseite wurde vom früheren langjährigen Geschäftsführer und Heimleiter des Seemannsheimes erstellt, der hier sein Rentner-Hobby vorstellt:  zur gelben Zeitzeugen-Bücher-Reihe des Webmasters aus Rissen: zu meiner maritimen Bücher-Seite  Weitere Informationen zu den Büchern finden Sie hier: navigare necesse est! Diese Bücher können Sie für je 12 € direkt bei mir gegen Rechnung bestellen: Kontakt: Zahlung nach Erhalt der der Ware per Überweisung. 
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Weltkrieg Soldat an der Front Bestellungen | Band 21 - Band 21 Ein Seemannsschicksal: Gregor Schock  Der harte Weg zum Schiffsingenieur  Beginn als Reiniger auf SS "RIO MACAREO" Bestellungen | Band 22 - Band 22 Weltweite Reisen eines früheren Seemanns als Passagier auf Fähren, Frachtschiffen und Oldtimern  Anregungen und Tipps für maritime Reisefans  Bestellungen | Band 23 - Band 23 Ein Seemannsschicksal: Jochen Müller  Geschichten aus der Backskiste Ein ehemaliger DSR-Seemann erinnert sich Bestellungen | Band 24 - Band 24 Ein Seemannsschicksal: Der maritime Liedermacher (seine Lieder-CD kann bestellt werden) Mario Covi: -1-  Traumtripps und Rattendampfer  Ein Schiffsfunker erzählt über das Leben auf See und im Hafen Bestellungen | Band 25 - Band 25 Ein Seemannsschicksal: Der maritime Liedermacher (seine Lieder-CD kann bestellt werden) Mario Covi: -2-  Landgangsfieber und grobe See  Ein Schiffsfunker erzählt über das Leben auf See und im Hafen Bestellungen | Band 26 - Band 26 Monica Maria Mieck:  Liebe findet immer einen Weg  Mutmachgeschichten für heute Besinnliche Kurzgeschichten auch zum Vorlesen Bestellungen | Band 27 - Band 27 Monica Maria Mieck:  Verschenke kleine Sonnenstrahlen  Heitere und besinnliche Kurzgeschichten auch zum Vorlesen Bestellungen- Band 30 | Band 28 - Band 28 Monica Maria Mieck:  Durch alle Nebel hindurch  erweiterte Neuauflage Texte der Hoffnung besinnliche Kurzgeschichten und lyrische Texte ISBN 978-3-00-019762-8 Bestellungen | Band 29 - Band 29  Logbuch einer Ausbildungsreise und andere Seemannsschicksale  Seefahrerportraits und Erlebnisberichte ISBN 978-3-00-019471-9 Bestellungen | Band 30 - Band 30 Günter Elsässer  Schiffe, Häfen, Mädchen Seefahrt vor 50 Jahren Bestellungen | Band 31 - Band 31  Thomas Illés d.Ä. 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Ein Junge aus der Seestadt Bremerhaven träumt von der großen weiten Welt Bestellungen | Band 36 - Band 36 Rolf Geurink:  In den 1960er Jahren als Seemaschinist weltweit unterwegs Bestellungen | Band 37 Schiffsfunker Hans Patschke:  Frequenzwechsel  Ein Leben in Krieg und Frieden als Funker auf See auf Bergungsschiffen und in Großer Linienfahrt im 20. Jahrhundert | Band 38 - Band 38 Monica Maria Mieck:  Zauber der Erinnerung  heitere und besinnliche Kurzgeschichten und lyrische Texte reich sw bebildert Bestellungen Seemannsschicksale realhomepage/seamanstory erwähnte Schiffe E - J erwähnte Schiffe S-Z erwähnte Personen - erwähnte Schiffe schiffsbild meine google-Bildgalerien Leseproben und Bücher online | Einige maritime Buchhandlungen in Hamburg in Hafennähe haben die "Seemannsschicksale" meistens vorrätig: WEDE-Fachbuchhandlung, Hansepassage, Große Bleichen 36, Tel.: 040-343240. 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