Das Rauhe
Haus gilt als
„Brunnenstube der Inneren Mission“ und ist die
Wiedergeburtsstätte des Diakonenamtes in den Kirchen der Reformation
nach über tausendjährigem Dornröschenschlaf während der
Kirchengeschichte.Johann HinrichWichern hatte diese Anstalt 1833 als
junger Kandidat der Theologie mit Hilfe einflussreicher Hamburger
Bürger in dem Dorf Horn vor den Toren Hamburgs aus kleinsten
Anfängen als „Rettungshaus“ für gefährdete Kinder und
Jugendliche gegründet und aufgebaut.
Im Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle,
namens Josef Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg, um Wichern als erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100
Mark im Jahr bei freier Kost und Logis als Betreuer einer
„Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen.Nach drei Jahren
übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes Rettungshaus
in Mitau im Kurland.Aus seinen „Gehilfen“, die Wichern aus
ganz Deutschland ruft und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit im
Rauhen Haus unterstützen und von den Jungen der
Erziehungsfamilien „Brüder“ genannt werden, baut er den
hauptberuflichen Mitarbeiterstab der Inneren Mission auf, die
„Berufsarbeiter“, die als Hausväter in
„Rettungshäusern“, als Strafvollzugsbetreuer oder als
Stadtmissionare in ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach
Übersee tätig sind.
„Treue, gottesfürchtige Männer,
so ernst als wahr, so klug als weise, in der Schrift bewandert,
im Glauben gegründet, voll Liebe zum armen Volke, geschickt zu
solch einem Umgang, der Menschen fürs Himmelreich gewinnt,
wünschen wir in Scharen unter das Volk.“
Erst Jahrzehnte später wird man diese
„Gehilfen“ entgegen Wicherns ursprünglichen Vorstellungen
Diakone nennen.
Auf
der Rückfahrt von einer Kur in Westerland nach Stukenbrock am
19. März 1954 unterbreche ich die Reise in Hamburg und besuche
den mir bekannten Rauhhäusler Diakon Karl Fischer, der nach dem Kriege als Gemeindediakon in
Grevesmühlen gewirkt hatte und nach seiner Rückkehr von
Grevesmühlen nach Hamburg wieder als Fürsorger bei der
Hamburger Jugendbehörde arbeitet.Mit seinem Motorrad war er
jahrzehntelang engagiert in seinem Fürsorgebezirk in Osdorf
unterwegs.Nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt habe und
die Auffassung vertrete, aus meinen Plänen, Diakon zu
werden, werde aus gesundheitlichen Gründen wohl nichts mehr,
ermuntert er mich, mich sogleich im Rauhen
Haus zu bewerben.Ich habe zwar
keinerlei Hoffnung - aber schaden kann es wohl kaum?!Also
fahre ich nach Horn und stelle mich vor.Da die Entscheidung
nicht am selben Tag gefällt werden kann, bietet mir Bruder
Niemer an, im Rauhen Haus zu übernachten, aber nicht, bevor er
mit einer Ärztin, Frau Dr. Krüger, abgeklärt hat, ob ich mit
meiner Krankheit ein Infektionsrisiko für die Diakonenschüler
darstellen könnte, mit denen ich zusammen in einem Raum schlafen
soll.Diese Ärztin hält die Einquartierung bei den Brüdern
für „...gänzlich unbedenklich, da die Drüsentbc nicht
ansteckbar und außerdem nicht überzubewerten sei.Im
allgemeinen heile sie völlig aus.“
Schon
seit Wicherns Zeiten fühlten sich die Brüderhausleitungen in
den Diakonenanstalten „zu einer strengen Auslese des
Nachwuchses nach geistlichen und charakterlichen Kriterien“
verpflichtet.
„Die
vielbeschworenen „preußischen“ Sekundärtugenden Treue,
Opferbereitschaft, Fleiß, Pünktlichkeit, Gehorsam und
Bescheidenheit, ergänzt um die „christlichen“ Tugenden der
Demut, Züchtigkeit und Mäßigung - das waren bis in die Zeit
nach dem zweiten Weltkrieg die Hauptanforderungen an die
Persönlichkeit eines Diakons.“(Michael Häusler:
Dienst an Kirche und Volk / E. Bunke, „Berufskunde“)
So
werde auch ich gründlich unter die Lupe genommen.Ich habe
einen Lebenslauf zu schreiben.Man gibt mir einen
Zeitungsausschnitt, einen Artikel aus dem Feuilleton von einem
gewissen Anatol France, den ich mir durchlesen und mir den Inhalt
einprägen soll, um ihn dann als Test meiner Merk- und
Ausdrucksfähigkeit mit eigenen Worten wiederzugeben.Ich werde
von Pastor Donndorf, Diakon Füßinger und Diakon Niemer getrennt nacheinander jeweils in
einem kurzen Gespräch in Augenschein genommen.Dann muss ich
zu einem Arzt in der Nachbarschaft des Rauhen Hauses, zu Dr. med.
Siegfried Spitzner, zu einer Untersuchung.Ich brauche meinen
Oberkörper nicht freizumachen.Meine Hemdsärmel habe ich
unter der Jacke aufgekrempelt.Genau dort tastet er nach meinen
Bizeps.Im Fragebogen des Rauhen Hauses soll angekreuzt werden,
ob ich ein leptosomer, pyknischer oder muskulöser Typ sei.Natürlich
bin ich bei diesen Bizeps ein „muskulöser“.Ich traue
meinen Ohren nicht, als man mir unterbreitet, ich sei als
Bewerber akzeptiert und könne zum 1. April 1954 den Dienst als
Diakonenschüler aufnehmen.So reise ich hoch erfreut weiter
ins Flüchtlingslager nach Stukenbrock, um am 27.3.1954 von dort
aus meine offiziellen Bewerbungsunterlagen ins Rauhe
Haus nachzusenden.
Am
1. April kehre ich wieder zurück nach Hamburg.Vier Jahre habe
ich auf diesen Tag des Eintritts in die Diakonenanstalt gewartet.Nun ist es endlich soweit.Mit mir zusammen treten am 1. April
noch zwei weitere Diakonenschüler den Dienst an:Johannes
Gebauer und Walter Lorenz.Da ich den weitesten Weg habe, komme
ich als letzter der drei, ich bin also der Dienstjüngste.
Die
Anstaltshierarchie
Ja,
das Dienstalter spielt 1954 und noch etliche weitere Jahre für
die Hierarchie im Rauhen Hause eine entscheidende Rolle.Es
herrschen klare Verhältnisse.Der jeweils dienstältere Bruder
ist in der Rangordnung dem jüngeren übergeordnet.Ich wage es
als Neuling, einen dienstälteren „Bruder“ zu duzen und werde
zusammengepfiffen, ob wir denn zusammen im Sandkasten gespielt
hätten, er verlange gefälligst, dass ich ihn sieze.Es war
Bruno Schulze.Als ich ihn viele Jahre später darauf
anspreche, will er es nicht mehr wahrhaben, denn inzwischen
unterrichtet er als Professor an der Fachhochschule des Rauhen
Hauses im Kreise der von der 68er-Bewegung geprägten Dozenten
und dem Prinzip der Egalität verbundenen emanzipierten
„Studenten“.Fünfzehn Jahre später wird man diese von mir
vorgefundene und akzeptierte Hierarchie „feudalistisch“
nennen.Aus der Feudalzeit stammen tatsächlich einige gängige
Begriffe, die sich aus der wichernschen Epoche herübergerettet
haben.
Der
leitende Pastor ist der „Direktor“ und er hat tatsächlich
eine Position nach Gutsherrenart.Die Brüderhausvorsteher
hatten im 19. Jahrhundert und weit bis ins 20. Jahrhundert hinein
eine unangefochtene Patriarchenstellung.Diese galt in einigen
Brüderhäusern, die nach dem „Mutterhausprinzip“ arbeiteten,
etwa in Nazareth/Bethel, bis in die 60er Jahre mit
uneingeschränktem Sendungsprinzip als selbstverständlich, auch
für gestandene Männer und bereits examinierte Diakone mit
lebenslanger Unterordnung und Gehorsam bei ihrem beruflichem
Einsatz.Das Rauhe Haus ist in punkto Sendungsprinzip und freie
Stellenwahl Mitte der 50er Jahre schon sehr liberal.Der
fertige Diakon kann zwar die Hilfe des Brüderhauses bei
Stellensuche und Erstellung des Dienstvertrages in Anspruch
nehmen, sich seine Arbeitsstellen aber selbst wählen, soll
jedoch laut Brüderordnung das Rauhe Haus über jeden
Stellenwechsel informieren.
Die
hauptamtlich verantwortlichen Diakone im Rauhen Haus nennen sich
„Inspektoren“, ähnlich wie die Verwalter auf einer
landwirtschaftlichen Domäne, und sie haben in ihrem
Verantwortungsbereich weitreichende Vollmachten.Der für den
manuellen Arbeitseinsatz in der „Anstalt“ verantwortliche
Bruder wird „Vogt“ genannt und handelt nach den Weisungen des
Wirtschaftsinspektors und Konviktmeisters.Es werden also
Bezeichnungen benutzt, wie sie in den Gutsverwaltungen bis in
diese Zeit hinein üblich waren.Begriffe wie
„Mitbestimmung“ sind Mitte der 50er Jahre im internen Bereich
des Rauhen Hauses und auch bei den anderen Brüderhäusern
völlig unbekannt und undenkbar.Bis zum ersten Weltkrieg
hatten auch die fertig ausgebildeten Diakone in den
Brüderschaften keinerlei Mitbestimmungsrecht.Alle
Entscheidungen trafen die Vorsteher, es waren immer Theologen,
selber.Erst mit zunehmender beruflicher und fachlicher
Professionalisierung in den 20er und 30er Jahren emanzipierten
sich die Diakone, besonders durch die „doppelte
Qualifikation“ durch ein staatlich anerkanntes Examen als
Wohlfahrts- oder Krankenpfleger von „Gehilfen“ der Pastoren
zu einem eigenständigen Berufsstand mit eigenem fachlichen
Aufgabenbereich und entsprechendem Standesbewusstsein.Noch
Ende der 50er Jahre versuchte ein Pastor in
Hamburg-Rothenburgsort, „seinen“ Diakon als persönlichen
Aktentaschenträger auf seinen Dienstgängen zu missbrauchen.
Am
Tage des Eintritts erhalte ich einen „Laufzettel“, mit dem
ich mich bei einigen wichtigen Persönlichkeiten der Anstalt
melden muss:Bruder Friedrich
Düwel, ein älterer Diakon,
verwaltet das Diakonenbüro mit den Brüderakten.Er
erzählt mir, dass er Anfang der 20er Jahre zusammen mit Kurt
Esmarch das Hamburger Hafenkonzert, die älteste deutsche
Rundfunklivesendung, mitbegründet habe.Düwel war wohl
früher selber mal zur See gefahren und weiß spannend
Seemannsgarn zu erzählen.Außerdem spricht er in der Weise
eines Franz von Assisi mit den Vögeln, die vor seinem
Bürofenster von den dort rot prangenden Vogelbeeren fressen. -
Gerhard Füßinger (*1930) ergänzt dazu:
Vor der Kriegszerstörung hatte Bruder Düwel sein Büro im
damaligen Wichernhaus mit Erdgeschossfenster in Richtung Straße
Beim Rauhen Hause. Vorgelagert war eine mit alten Bäumen
bestandene Rasenfläche und rechts vom Fenster befand sich der
Weg zur sog. Rosentreppe Beim Rauhen Hause Nr. 13. Bäume und
Büsche einschließlich Rosenhecke waren ideale Aufenthalts- und
Nistplätze für Vögel. Bruder Düwel hatte unmittelbar vor
seinem Fenster - befestigt am Gebäude -, eine große Vogelrinne
mit Tränke und Vogelfutterung. Bei offenem Fenster kamen die
Vögel, auch die Singvögel, ohne Scheu in sein Büro. An der
Wand hing eine große Bestimmungstafel für Vögel. Bei meinem
Besuch als Kind habe ich bei ihm viel über Vögel gelernt.
Als Nächstes führt mich mein Weg zu Pastor Gotthold Donndorf, dem Direktor des Rauhen Hauses, einem würdevollen,
von liberaler Theologie geprägten Patriarchen, der seit 1939 in
diesem Amt ist.Auch „Frau Pastor“ Juliane Donndorf hat
ein gewichtiges Wörtchen in der Hierarchie mitzureden.Sie
wacht über sittsames und wohlanständiges Benehmen der jungen
Brüder, die ja schließlich in der gutbürgerlichen
Gesellschaft, von der der kirchliche Betrieb geprägt ist, nicht
unangenehm auffallen dürfen.So mancher junge Bruder wird von
ihr beiseitegenommen und über falsches Verhalten bei Tisch oder
anderen Lebenssituationen aufgeklärt. Pastor Gotthold Donndorf, der Direktor des
Rauhen Hauses der 40er und 50er Jahre.
Ferner
muss ich zu Bruder Friedrich
Jahnke, dem damaligen
Brüderältesten, der dieses Amt neben seinem Job als
Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerkes und der Inneren
Mission in Hamburg ausübt, einem begabten und umsichtigen Mann
und Hansdampf in allen diakonischen Gassen, dem die
Diakonenschaft berufspolitisch viel zu verdanken hat und der
wesentlich an der Emanzipation der Diakone mitgewirkt hat.Jahnke
hält sich nur alle paar Tage mal für einige Stunden im Rauhen
Hause auf. - Er ist Geburtsjahrgang 1903, Sohn eines Rauhhäusler
Diakons, der im Alter von 48 Jahren „an Überarbeitung
verstarb“.Daraufhin beschloss Friedrich: „Ich werde, was
mein Vater war!“, brach seine Gymnasialausbildung ab und ging
ins Rauhe Haus, wo er zeitgleich mit August Füßinger
ausgebildet wurde.Friedrich Jahnke war schon zu Beginn der
NS-Zeit Landeswart der Bezirksgruppe Hamburg des Deutschen
Diakonenverbandes und Wortführer der gemäßigten
deutschchristlichen Richtung der Brüderschaft des Rauhen Hauses
und hatte auch die später viel gescholtene
Ergebenheitsentschließung formuliert, die der Deutsche
Diakonentag 1933 an die Reichsleitung der Deutschen Christen
richtete:
„Die an der
Geburtsstätte des erneuerten Diakonenamtes, dem Rauhen Hause,
zum 9. Deutschen Diakonentage versammelten 1000 deutschen Diakone
versichern der Reichsleitungder „Deutschen Christen“ ihre
Treue und stellen sich geschlossen und vorbehaltlos hinter ihre
Führung.Sie erwarten, dass diejenigen Diakone, die sich
dieser Bewegung noch nicht angeschlossen haben, ihren
organisatorischen Beitritt unverzüglich erklären. - Wir
begrüßen den nationalsozialistischen Aufbruch unseres Volkes
als eine Gnade Gottes und nehmen mit unserem ganzen Sein, Denken,
Fühlen und Wollen daran teil, hoffend, dass nun Volk und Kirche
eine lebendige Gemeinschaft werde.Wir bieten der Kirche
erneut, wie einst Wichern schon, unseren Dienst an, um im
notwendigen Helferdienst am Leben mitzuwirken, dass endlich die
deutsche evangelische Volkskirche des Dritten Reiches werde, in
der alle evangelischen Deutschen Heimatrecht finden“ (Siehe
Martin Häusler: „Dienst an Kirche und Volk“, S. 246).
Nach
der anfänglichen Begeisterung der deutschen Diakonenschaft für
die nationalsozialistische Bewegung, die insbesondere auf dem
Hamburger Diakonentag anlässlich des 100jährigen Jubiläums des
Rauhen Hauses 1933 ihren Höhepunkt fand und noch große
Hoffnungen - auch für das volksmissionarische Anliegen der
Diakone - in die „neue Zeit“ setzte, wollte man später
gegenüber dem Machtanspruch der Nazis im Rahmen der
„Entkonfessionalisierung“ durch allerlei Anpassungstricks
versuchen, der Umklammerung und später der Verstaatlichung des
Rauhen Hauses zu entgehen.
Nach
dem Kriege ist Jahnke als aktives CDU-Mitglied in der Hamburger
Kommunalpolitik stark engagiert.Sein kirchenpolitisches
Engagement im Dritten Reich bringt ihm in den 70er Jahren bei der
Aufarbeitung der NS-Vergangenheit erhebliche Vorwürfe ein.
Der
für alle Ausbildungsbrüder wichtigste Mann ist darnach an der
Reihe:BruderAugust
Füßinger.
Er verdient
besondere ausführlichere Erwähnung, denn er bestimmt als graue
Eminenz, Konviktmeister und Erziehungsinspektor, später
zeitweise auch als Brüderältester, das Leben im Rauhen Haus und
für jeden einzelnen Ausbildungsbruder in jener Zeit entscheidend
mit.Nach Meinung des Vorstehers des Rauhen Hauses Mitte
der 30er Jahre, Pastor Wegeleben, war August Füßinger schon
damals „der ungekrönte König des Rauhen Hauses“.„Fü“,
wie wir ihn kurz nennen, wurde am 13.09.1900 in München als Sohn
des Maschinenschlossers Otto Fühsinger geboren. Die
katholische Familie zog 1904 von München nach Wesermünde-Lehe
(heute Bremerhaven). 1914 konvertierte die Familie wegen
unüberbrückbarer Streitigkeiten mit dem katholischen
Geistlichen und Lehrer und einer nicht gerechtfertigten
körperlichen Züchtigung von Sohn August durch diesen. Sie
wurde Mitglied der evangelisch-reformierten Gemeinde in Lehe.
Dementsprechend hatte August Füßinger profunde Kenntnisse
katholischer Dogmen, Riten und Denkungsart, was gelegentlich in
Gesprächen angewendet wurde und in seiner Denk- und
Handlungsweise auch immer wieder durchbricht. Der Vater Otto
Fühsinger war beim Norddeutschen Lloyd tätig und wurde bald
Werkmeister. Seine fünf Söhne absolvierten beim Norddeutschen
Lloyd eine Lehre. August hatte den Beruf eines
Elektromechanikers erlernt und darin fünf Jahre lang gearbeitet.
In seiner Freizeit war er für den Christlichen Verein junger
Männer (CVJM) tätig und wurde schließlich dessen zweiter
Vorsitzender. Der erste Vorsitzende war Pastor Rosenboom, der
ihm eine Ausbildung im Rauhen Haus empfahl und ihn auch zu seinem
Antrittsbesuch nach Hamburg begleitete.
Ins
Rauhe Haus trat August am 1.10.1923 ein.Das Diakonenexamen
bestand er am 21.3.1927, wurde am 22.3.1927 Oberhelfer im Rauhen
Haus, am 1.10.1927 Anstaltsinspektor und am 1.7.1928 der für die
praktische Brüderausbildung verantwortliche Konviktmeister. Er
wollte nach seiner Ausbildung nicht im Rauhen Hause tätig sein,
da er das Kommen und Gehen seiner potentiellen Vorgänger
beobachtet hatte und das Rauhe Haus zu diesem Zeitpunkt praktisch
zahlungsunfähig war. Die Anstalt rettete sich durch
Landverkäufe (z.B. gegenüber dem Horner Weg 170 - auch den
Holtsenhof). Beispielsweise war im großen Speisesaal des
Wirtschaftsgebäudes (heute steht dort die Mitte der
Wichernschule) nicht genügend Geschirr und Bestecks für alle
Essenden vorhanden. Das sofortige Abräumen nach dem Essen war
nicht Ausdruck übertriebener Ordnungsliebe, sondern aus der Not
geboren. Nach sofortigem Spülen kamen Geschirr und Bestecke
sogleich wieder zum Einsatz. Aus dieser Zeit stammt August's
extreme Sparsamkeit, die Angst vor Liquiditätsproblemen und vor
Zinslasten. Nach seinen Erfahrungen war eine Anstalt wie das
Rauhe Haus mit ihrem sehr langsamen Kapitalumschlag nicht in der
Lage, Zinsen mit normalen Zinssätzen zu erwirtschaften.
Das
Rauhe Haus benötigte damals dringend eines Sanierers mit Härte
und Konsequenz und war deshalb auch zu Zugeständnissen bereit.
August Füßinger setzte als vermutlich erster Diakon einen
unkündbaren Anstellungsvertrag nach Beamtenrecht durch, ein
Musterfall für viele spätere Diakonen-Anstellungsverträge.
Das
Rauhe Haus war auch eine Ausbildungsstätte für Hauswirtschaft,
die unter dem Regiment von Frau Runge stand. Bruder Runge war
zu der Zeit als Inspektor im Rauhen Hause tätig. Mädchen aus
christlichen Familien wurden dort in allen hauswirtschaftlichen
Fächern ausgebildet. Etliche Ehen mit Brüdern sind aus dieser
Stätte entstanden, so fand auch August Füßinger hier seine
Frau.
Am 23.3.1928 heiratete Augsust Füßinger Elisabeth
Holve aus Hemer in Westfalen, die ihm zwei Söhne gebar und
ihm fleißig und aufopfernd als Wirtschafts- und Küchenleiterin
beruflich zur Seite stand.Fü: „Die Westfalen haben eine
hohe Wohnkultur und ihre Frauen verstehen die Kunst, mit wenig
gut zu kochen.Ich hielt ja von Natur aus nicht viel von der
Einrichtung Ehe, aber als ich 1922 zu einem Besuch in Westfalen
war, stand für mich fest: Wenn ich eine Frau heirate, dann
nur aus diesem Land.“„Man hat mir gesagt, mit der Wahl
meiner Frau habe ich die größte Leistung meiner
Menschenkenntnis erwiesen.“
„Darüber,
wie ich meine Frau kennen gelernt haben soll, erzählt man sich
viele Geschichten.So soll ich meine Taschenuhr gezogen und zu
ihr gesagt haben:Wenn Sie meine Frau werden wollen, überlegen
Sie sich das.Es ist jetzt 9 Uhr.Bis 12 Uhr sagen Sie mir
Bescheid.“ - Nach Einführung der Wohlfahrtspflegerausbildung
im Rauhen Haus bestand Füßinger das staatliche anerkannte
Wohlfahrtspflegerexamen am 13.6.1930.
Die
Sanierungsmaßnahmen bezogen sich sowohl auf die Kosten- als auch
auf die Einnahmeseite. Beispielsweise wurden alle Gehälter um
10% gekürzt. Mit der Stadt Berlin wurde ein Vertrag zur
Aufnahme von Fürsorgezöglingen abgeschlossen, die dann in der
Fischerhütte untergebracht wurden. Die Notwendigkeit eisernen
Sparens blieb bis weit nach dem 2. Weltkrieg zwingendes Gebot,
zumal die Anstalt nach den Bombenschäden fast gänzlich wieder
aufgebaut werden musste. Da das Rauhe Haus nach Wicherns
Konzeption ein offenes Gelände ohne Einzäunung sein sollte,
sich aber langsam Gewohnheitsrechte regen Durchgangsverkehrs zu
entwickeln drohten, wurde unter Füßingers Einfluss ein stabiler
Eisenzaun rund um das Anstaltsgelände herum gezogen (den der Webmaster Mitte der 1950ger Jahre zeitweilig zu
entrosten und neu zu streichen hatte).
Sonst ging der weitere Aufbau im Vergleich zu anderen Anstalten
(z.B. Alsterdorf) wegen Füßingers Bedenken gegen Kredite und
Zinsen sehr langsam voran. Pastor Donndorf war ein begnadeter
Spendenwerber , der nach dem Vorsteherwechsel schnell die
notwendige Liquidität schaffte. Bezüglich der Kosten war
jedoch weiterhin äußerste Sparsamkeit angesagt. Die
Arbeitsleistung der Ausbildungsbrüder trug wesentlich dazu
bei. Aber auch das von Füssinger und seiner Frau aufgebaute
Beziehungsnetz zur Veiling, Gemüsegroßmarkt,
Lebensmittelverarbeitern ect. ermöglichte kostengünstigen
Einkauf oder kostenfreie Abholung von nicht absetzbarem Obst,
Gemüse und anderen Lebensmitteln. Die sofort erforderliche
Verarbeitung machte eine große Flexibilität des Speiseplanes
wichtig, was öfter zu Differenzen mit Frau Donndorf führte.
Eine größere Käsespende aus den USA konnte trotz guter
Qualität wegen geschmacklicher Schärfe der Ware nicht in der
eigenen Küche verbraucht werden. So wurde sie einer
Käsefabrik im Austausch gegen Streichkäse angeboten. Auch bei
Personalkosten in Küche und Gartenpflege wurde gespart. Neben
Ausbildungsbrüdern wurden behinderte Frauen und Männer durch
Vermittlung des beim Arbeitsamt tätigen Bruders Mielenz
eingesetzt, gleichzeitig eine sinnvolle Arbeitstherapie für die
sonst schwer vermittelbaren Behinderten. Sowohl die
Mitarbeiterführung als auch der sparsame Einkauf erforderten vom
Ehepaar Füßinger außergewöhnlichen Einsatz.
DiakonAugust Füßingerist
als Konviktmeister, Erziehungs- und Wirtschaftsinspektor die
"graue Eminenz" des Rauhes Hauses der 30er bis 60er
Jahre.
Füßinger wurde 1933 auf Wunsch des damaligen
Vorstehers des Rauhen Hauses, Pastor Fritz Engelke, Parteigenosse
der NSDAP und später Kreisamtsleiter der Nationalsozialistischen
Volkswohlfahrt (NSV). Von diesem Ehrenamt trat er 1935 zurück,
als es hauptamtlich wurde. Er sah seine Aufgabe im Rauhen Haus.
Der Rang "Kreisamtsleiter" konnte ihm jedoch nicht
genommen werden, was sich im 3. Reich noch als hilfreich, nach
dem Kriege jedoch als nachteilig erwies. Der
„Reichsführer“ der Diakone, Fritz Weigt, berief Füßinger
1933 in den „Führerrat“ der Deutschen Diakonenschaft.Michael
Häusler kennzeichnet Fü in seiner Studie „Dienst an Kirche
und Volk“ als „...einen mit der Kirche verbundenen, aber
theologisch indifferenten Pragmatiker, der in der Diakonenschaft
wie auch im eigenen Brüderhaus stets auf weitgehende politische
Loyalität gegenüber dem nationalsozialistischen Staat
drängte... Als Taktiker war er bereit, „alle mögliche Unbill
zu schlucken“.„Wenn andere im Himmel Bescheid wissen, dann
weiß ich auf der Erde Bescheid.“ Füßinger warnte vor einem
voreiligen Abrücken von den Deutschen Christen, denn es sei
„für die Kirche entscheidend, ob Hitler auf ihrer Seite
steht“, eine Haltung, die er auch innerhalb der deutschen
Diakonenschaft vertrat.“ Nachdem das eigene
Jungvolk-Fähnlein (Nr.282) unter der Führung des angestellten
Fähnleinführers Kakerbeck (?) und die SA-Schar der Brüder unter Leitung von Bruder
Koch nicht ausreichten, die Begehrlichkeiten der NS-Funktionäre
bezüglich Jugendführung durch das Rauhe Haus zu bremsen, wurde
1937 ein neues Arbeitsgebiet eröffnet. August Füßinger hatte
an der Gründung des Altenheimes im Goldenen Boden unter Leitung
von Schwester Else Burrow maßgeblichen Anteil. Dieses
Arbeitsgebiet war für den auf die Jugend konzentrierten NS-Staat
uninteressant. Aber die private Wichernschule, in die viele
Eltern, die bezüglich der NSDAP skeptisch waren, ihre Kinder
schickten, blieb den Nazis ein störender Faktor. Von außen,
aber auch teilweise von innen (z.B. durch den damaligen
Schulleiter Ackermann) wurde die Verstaatlichung der Schule
betrieben und am 1.01.1939 vollzogen. Füßinger hatte alle
Punkte eines Mietvertrages sehr intensiv und zu Gunsten des
Rauhen Hauses verhandelt. Dann sollte das Rauhe Haus zu einer
SS-Heimschule gemacht werden. Wegen des für den Staat
ungünstigen Mietvertrages für die Schule musste zunächst
Füßinger ausgeschaltet werden. 1941 wurde er per
Seitenwagenmotorrad zur Musterung abgeholt. In seiner Akte beim
WBK wurde er als vorbestraft geführt, was zwangsläufig
Infanterie und Russlandeinsatz zur Folge gehabt hätte. Aber er
fand einen Gesprächspartner, der die üblen Absichten
durchschaute, den unehrenhaften Vermerk löschte und ihn für die
Marineinfanterie einzog. Dadurch blieb er in Schleswig-Holstein
und betrieb unter Nutzung der Erfahrungen aus seinen Lehr- und
Berufsjahren beim Norddeutschen Lloyd ein Stromaggregat für die
Scheinwerfer der Flugzeugabwehr. An
freien Tagen und im Urlaub stand er dem Rauhen Haus zur
Verfügung, um zu retten, was noch zu retten war. Jetzt befand
er sich unter dem Schutz der Marine und war im Gegensatz zu
früher vor weiteren Gestapoverhören einigermaßen sicher.
Wegen seiner Funktion bei der NSV saß er nach
dem Zusammenbruch 1945 zwei Jahre bis 1947 bei der britischen
Besatzungsmacht im Internierungslager. Im anschließenden
Entnazifizierungsverfahren 1947 erhielt er Berufsverbot. Zu
dieser Zeit wurde der erste Abschnitt des Goldenen Bodens wieder
aufgebaut. Damit August Füßinger dem Rauhen Haus trotz des
Verbotes wieder zur Verfügung stehen konnte, hatte ihn der
ausführende Bauunternehmer Hammers bis zur Aufhebung des
Berufsverbotes angestellt. Bruder Gottfried Scheer, der später
mit mir zusammen in Dortmund als Geschäftsführer bei der
Inneren Mission arbeitet, steht Fü lange Jahre ablehnend
gegenüber und verurteilt besonders sein Verhalten während der
NS-Zeit, bis er eines Tages ein Gespräch mit ihm unter vier
Augen hat und von Fü Details erfährt, die ihn in seiner Meinung
gegenüber Füßinger völlig umschwenken lassen.Fortan redet
er nur noch in Hochachtung über diesen Mann.
Füßinger arbeitet unentwegt vom frühen Morgen bis tief in
die Nacht hinein.Er redet nicht mehr, als er für unbedingt
nötig hält und verabscheut unnötiges Geschwätz.
Fü ist in der Brüderschaft sehr umstritten.Wegen seiner
spröden und konservativen Art und oft wunderlichen Ansichten und
Entschlüsse mögen ihn viele seiner Mitmenschen nicht.Sein
Gerechtigkeitssinn und sein diakonischer Opfergeist bringen ihm
aber auch viel Freundschaft und Anerkennung ein. Etliche
ältere Brüder verehren ihn. Akademikern gegenüber ist er sehr
skeptisch.Sie müssen ihm ihre Lebenstüchtigkeit in der
Praxis erst unter Beweis stellen, bevor er ihre Leistung gelten
lässt. - Fü hält viel von Physiognomie und Graphologie.Er
schwört bei der Einschätzung ihm bisher unbekannter Menschen
auf Lichtbild und Schriftprobe.Eltern, die ihre Söhne dem
Rauhen Haus zur Erziehung anvertrauen wollen und sich um einen
Platz bewerben, müssen ihm von diesen auch immer Bild und
Schriftprobe vorlegen. -Fü ist durch und durch
Sicherheitsfanatiker.Als ich ihn später einmal von Soest aus
mit dem Auto mitnehme, ermahnt er mich immer wieder, ja nicht so
schnell zu fahren, er habe ständig Angst vor einem Unfall.Er
selber „schleicht“ als Autofahrer immer und hält den Verkehr
hinter sich auf. - Ich kenne ihn nur mit Nickelbrille und in
schwarzem Anzug mit schwarzer Krawatte.
Füßinger spricht immer etwas näselnd.Einige seiner
Zitate mögen ihn mit seinen eigenen Worten charakterisieren:„Samariter
sein wollen mit Rat und Tat: das ist unser Lebenselixier.“ -
„Wahrheit ist die beste Taktik.“ - „Leere Töpfe klappern
am meisten.“- „Es menschelt überall.“ - „Die Weisheit
hat nichts mit Großmächtigkeit zu tun.“ - „Die Demokratie
endet an den Mauern des Rauhen Hauses.“ - „Wer gut
verheiratet ist, der hat ein natürlich gutes Ansehen.“ „Die
Ehe ist die Verknüpfung des Herzhaften mit dem Maßvollen.“ -
„Die Vernunftehe richtiger Prägung ist eine Neigungsehe mit
sozialer Durchführbarkeit.“ - „Komplikationen in der Ehe
kann man nicht zurechtreden, sondern nur zurechtschweigen.“ -
„Man soll der Frau immer das letzte Wort, dem Mann aber die
letzte Entscheidung lassen.“ - „Der Schrei nach dem Kinde
wird bei der Frau nicht verstummen.“ - „Nach dem zweiten Kind
hört die Gemütlichkeit auf.“- Über die Frauen behauptet
er: „Sie sagen nicht, was sie denken, und denken nicht, was sie
sagen.“ - „Eine gute Frau ist immer schön, auch wenn sie
einen Buckel hat.“ - „Die Frau soll im allgemeinen 7 bis 9
Jahre älter als die halben Lebensjahre des Mannes sein.“ -
„Im weiblichen Wesen ist eine atmosphärische Kraft
vorhanden.“ - „Eine untüchtige Frau ist eine dauernde
Missernte.“ - Ein Soll-Zitat: „ Für unsere Brüder haben wir
immer Arbeit, und wenn sie einen Haufen Dreck von hier nach dort
und von dort wieder nach hier karren müssen.“Fü machte
sich auch gerne das Bismarckzitat zu eigen: „Gelogen wird am
meisten vor der Wahl, im Kriege und nach der Jagd.“ - Über
sich selber sagte er: „Ich habe ein besonderes Verhältnis zu
Metall.Auch wenn ich Millionär wäre, würde ich nur in
Metallbetten schlafen.“ - „Ich war in meinem Leben nur bei
zwei Arbeitgebern tätig: beim Norddeutschen Lloyd und beim
Rauhen Haus.“ - „Ich pflege alle Erfahrungen nur einmal zu
machen, wenn ich sie überhaupt an mich herankommen lasse.“ -
„Fremde, etwa Mitreisende im Zug, schätzen mich entweder als
Pastor oder als Kriminalbeamten ein.“ -„Niemand war in der
130jährigen Geschichte des Rauhen Hauses dort so lange mit
Verantwortung tätig wie ich.“ - Von seinen Nachfolgern im
Rauhen Haus erwartet er, „...dass sie den jetzigen Status dem
Jahre 2000 kräftig entgegenführen.“ -
Am 1. April 1966 traten August Füßinger und seine Frau nach
fast 40jähriger aufopfernder Tätigkeit für das Rauhe Haus in
den Ruhestand. Ein Zitat im Juni 1966: „Jetzt
bemühe ich mich, ein tüchtiger Rentner zu sein.“
Nach Füßinger ist BruderGerhard
Niemerauf meinem Rundgang bei
den Verantwortlichen an der Reihe.Er wurde 1916 in
Cottbus geboren und lernte schon als Kind unterschiedliche
soziale Verhältnisse und politische Standpunkte von hart links
bis stramm rechts kennen.Seine Jugend verbrachte er in
Schlesien und durchlief Anfang der 30er Jahre eine kaufmännische
Lehre in einem jüdischen Betrieb.Bruder Niemer ging 1935 ins
Rauhe Haus, als es als „völliger Wahnsinn“ galt, eine
Diakonenausbildung zu beginnen.Er musste sie wegen Arbeits-,
Kriegsdienst und Gefangenschaft in Russland mehrmals unterbrechen
und konnte erst nach Kriegsende das Diakonenexamen ablegen.Danach
war er als Inspektor für die Finanz- und Büroverwaltung und
für die Leitung des Altenheimes im Hause „Goldener Boden“
verantwortlich und trug wesentlich zum Wiederaufbau der Anstalt
bei. - Unter seiner Führung soll ich im ersten Ausbildungsjahr
oft im Büro beschäftigt werden und in der Krankenstube als
Gehilfe arbeiten.Ich werde ihn in seiner korrekten, offenen
und ehrlichen Art bald sehr schätzen.
Nach
dem Laufzettel muss ich mich anschließend noch beim Vogt melden,
der die Einteilung der manuellen Arbeiten im Anstaltsgelände zu
erledigen hat.Das Amt wird von einem Diakonenschüler
wahrgenommen, damals von Bruder Hans Niethammer.Zum Schluss muss ich noch zu Frau Rottländer, einer Kriegerwitwe
aus Köslin in Pommern, die als Wirtschaftsleiterin den Bereich
des kurze Zeit später eingeweihten Hauses „Bienenkorb“ mit
Waschküche und Nähstube zu verantworten hat.
Auf
dem Rüttelrost
Mir
wird eine Unterkunft zusammen mit sieben weiteren Brüdern unter
dem Dach im 4. Stock des Hauses „Goldener Boden“ zugewiesen.Ich nenne diese Bude scherzhaft „Massengrab“.
Mein
erster Job ist der eines Trümmerjünglings.Die
Kriegsfolgen sind in Hamburg noch allenthalben stark sichtbar,
obwohl schon sehr viel wieder neu aufgebaut worden ist.In
Hamburg-Hamm gibt es noch Nissenhütten, halbrunde
Wellblechbaracken, als Notunterkünfte für Ausgebombte.Am
Horner Weg, direkt neben dem Rauhen Hause, lagen bis kurz vor
meinem Eintritt noch die Gleise der Trümmerbahn, die den
Bauschutt an den Stadtrand befördert hatte.
„Wie
eine Insel des Friedens, so liegt das Rauhe
Hausinmitten der Großstadt
Hamburg.Im weiten Park rings um den Teich finden wir die
Häuser, von alten Linden umgeben.“So formuliert der
damalige Prospekt der Diakonenanstalt des Rauhen Hauses.Das
Rauhe Haus war bei einem Bombenangriff im Juli 1943 wenige Wochen
nach der Räumung durch die Innere Mission von Brandbomben fast
vollständig vernichtet worden.Da die meisten Häuser nach der
Enteignung durch den Staat für eine geplante SS-Heimschule leer
standen, war niemand da, der die Brandbomben rechtzeitig hätte
löschen können.Von den 28 Anstaltsgebäuden waren bei
Kriegsende nur noch vier erhalten, nämlich die Häuser
„Tanne“, „Anker“, „Schönburg“ und „Kastanie“.Das
Rauhe Haus war durch den Krieg arm geworden.Der Neuaufbau wird
zu einem nicht unwesentlichen Teil durch den unermüdlichen
Arbeitseinsatz der hauptamtlichen Diakone und der
Diakonenschüler ermöglicht.Neu erbaut oder
wiederhergerichtet sind bereits die „Johannisburg“, der
„Goldene Boden“ und „Ora et Labora“ mit dem noch kleinen
Wichernsaal und fragmentarisch die alte Schule mit der Küche im
Keller, Speisesaal im Hochparterre und Wohnräumen für zwei
Jungenfamilien in den Obergeschossen.Eine Holzbaracke am Teich
ersetzt die „Fischerhütte“.Das Haus „Bienenkorb“ ist
im Bau.Auch das „alte Rauhe Haus“ war im Kriege zerstört
worden.Die restlichen Steine berge ich zusammen mit den
Brüdern Lothar Schulz und Udo Pütt.Füßinger will sie
später mal bei einem eventuellen Wiederaufbau mit verwenden.
Mehrere
Fassaden der ausgebrannten alten Häuser im Anstaltsgelände
stehen am Beginn meiner Ausbildungszeit noch und werden von uns
Diakonenschülern eingerissen:Ein Seil wird an einem oberen
Fenstersims befestigt, etliche Männerarme packen zu und mit
„Hau Ruck“ und einer Staubwolke geht die Mauer zu Bruch.Ich
sammle die Steine in eine Schubkarre und fahre sie zu einem hohen
Haufen zusammen.Ein Brett wird angelegt und mit Kraft geht es
mit der Karre bergan.Mit einem Hammer bewaffnet darf ich Tag
um Tag, Woche um Woche, von morgens bis abends die Steine vom
alten Mörtel befreien.Mein Weg führt also aus dem Sanatorium
übergangslos und direkt hinein in härteste Knochenarbeit.Abends
und am Sonntag darf ich anschließend bis 22 Uhr Telefonwache an
der Zentrale im Haus „Tanne“ machen und alle eingehenden
Gespräche vermitteln.
Die
Führung der Diakonenanstalt des Rauhen Hauses betreibt die
Strategie, den Weizen von der Spreu zu trennen.Wer zu leicht
befunden wird, fällt durchs Rüttelrost!Nur handverlesene
Männer sollen Diakon werden.Eine harte Schule
zum Beginn der Diakonenausbildung ist daher oberstes Gebot.Beim
Abbruch der Trümmer der alten Schlosserei (dort befinden sich
jetzt die Unterrichtsräume der Fachhochschule) stehe ich an der
Rutsche für die Trümmersteine, um diese abzukarren.Dabei
geht mir folgendes Bild durch den Kopf:Die Steine werden heil
oben in die Rutsche geworfen.Wenn sie unten ankommen, sind sie
vom gröbsten Mörtel und Dreck gereinigt, schon durch die
Reibung und den Zusammenprall.Aber nicht alle kommen unten
heil an.Ein Teil geht entzwei und ist nicht mehr zu
gebrauchen.Ebenso ist es mit den jungen Brüdern.Durch
die harte Schule in der ersten Zeit fallen alle Illusionen ab.Etliche
stehen diese Zeit nicht durch.Sie gehen wieder.Die
Austrittsquote liegt zeitweise bei 50 %!Ich bin jedoch durch
Gerhard Luckow darauf
vorbereitet, dass ich mit einer harten Prüfung meiner Dienstbereitschaft rechnen muss und habe eine starke Motivation
mitgebracht. - Später entroste ich wochenlang den das Gelände
des Rauhen Hauses umgebenden Gitterzaun und streiche ihn neu an.So viel und so schwer wie in dieser Zeit im Rauhen Haus habe ich
bisher noch nie gearbeitet, aber ich gewöhne mich daran.In
einem anderen Beruf hätte ich nie so engagiert zugepackt, hier
lerne ich das freudige Arbeiten nach Luthers Mönchsmotto: Auch
die Arbeit der Magd im Kuhstall kann Gottesdienst sein.Ora et
labora!Getreu dem Wahlspruch der Diakonissen nach Wilhelm
Löhe:
„Was will ich?Dienen will ich.Wem will ich
dienen?Dem Herrn in Seinen Elenden und Armen.Und was ist
mein Lohn?Ich diene weder um Lohn noch Dank, sondern aus Dank
und Liebe; mein Lohn ist, dass ich darf.“
Wenn
etwa dieser Diakonissenspruch von einigen Diakonenschülern schon
seinerzeit kritisch hinterfragt oder das Choralversfragment
„Gott soll’n wir billig loben“ spöttisch zitiert wird, so
kann ich diese damals für mich blasphemische Haltung nicht
nachvollziehen.
Der
frühere Leiter der Höheren Fachschule, Peter Stolt, bemerkt
dazu:
„Über das
Phänomen Brüderschaft ist nur richtig zu urteilen, wenn
spirituelle Traditionen mit berücksichtigt werden.Für jede
Kommunität ist „disciplina“ ein hoher Wert, so hart die
Novizen darunter leiden mögen.Die Sache konnte unter
patriarchalischen oder faschistischen Vorzeichen Entstellungen
erleiden; es sind Schwachpunkte aufweisbar.Doch blieb für die
Ära der Brüderschaft, die Anfang der 70er Jahre endete, nicht
wenig vom ursprünglichen, heilsamen Sinn kommunitärer
disciplina erhalten:Arbeit an sich selbst, Zurückstellung des
Ich-Willens unter dem aufmerksamen Blick für andere.“
Ich
bekomme zu Beginn der Ausbildung ein Taschengeld von 20,- DM
monatlich.Drei Jahre später, im Sommer 1957, werden es schon
stolze 35,- DM sein.Davon muss ich Zahnpasta, Friseur,
hin und wieder Fahrgeld und Kleidung bestreiten.Meine Eltern
unterstützen mich aus der DDR, indem sie mir Unterwäsche und
Socken schicken.Aus amerikanischen Kleiderspenden, die das
Rauhe Haus zum Anerkennungsentgelt von ein bis zwei Mark je
Stück zum Aussuchen anbietet, decke ich mich mit Schlafanzügen,
Hosen und einmal sogar mit meinem späteren Hochzeitsanzug, einem
abgeschabten schwarzen Kellneranzug, ein.Unterkunft und
Verpflegung stellt das Rauhe Haus.Der versicherungspflichtige
Wert beträgt 1957 monatlich 72,- DM.Meine Wäsche wird auch
kostenfrei gewaschen und gepflegt.Geldprobleme habe ich in
meinem Leben, auch bei geringem Einkommen, nie.Über einige
Notgroschen verfüge ich immer.Eine asketische
Grundeinstellung bringe ich mit.Begierde auf Luxus ist mir
stets fremd.Einigen Mitbrüdern ist meine Lebenseinstellung zu
„karg“ und „kleinkariert“.Genuss ohne Reue zuzulassen
lerne ich erst Jahrzehnte später mühevoll von meiner Frau.
3. Juni 1955, 23
h:„Stellungswechsel.Ich bin gerade damit fertig, meine
Sachen einzuräumen.Soeben bin ich umgezogen.Ab sofort habe
ich im Erziehungsdienst zu arbeiten.Meine neue Wirkungsstätte
ist die Familie „Kastanie oben“.Bruder Binder ist
Familienleiter und Bruder Kreye mit mir Gehilfe.Hoffentlich
arbeite ich mich hier gut ein.Gott möge mir Kraft für meinen
neuen Dienst schenken, dass ich ihn in rechter Verantwortung
tue.“
Wir
haben in der „Kastanie oben“ Jungen im Schulalter von etwa 12
bis 15 Jahren zu „erziehen“.Ich selber bin mit meinen 20
Jahren noch dabei, erst langsam erwachsen und reif zu werden.Der
Altersabstand zu den uns anvertrauten Jungen ist noch recht
gering.Ein natürlicher Respekt ist daher kaum vorhanden und
die Autorität muss unter den Gegebenheiten des Rauhen Hauses
jeden Tag neu erkämpft werden.Der Erziehungsdienst ist eine
Arbeit, die mich stark fordert und formt. Jede Heimerziehung ist
problematisch und kann immer nur ein schwacher Ersatz für eine
gute Familienerziehung sein.Was in früher Kindheit versäumt
oder gar zerstört wurde, ist nur unter großen Mühen wieder zu
therapieren.Die Erziehungsarbeit im Rauhen Haus ist in den
50er Jahren unter Füßingers Verantwortung zunächst oft nur
Verwahr- und Drillerziehung.Gewöhnung an einen geordneten
Tageslauf und an regelmäßige Leistungen in Schule und
Familienalltag sind jedoch auch wichtige erzieherische Momente,
die man nicht unterbewerten sollte.Dazu gehört es, den Jungen
Grenzen zu stecken, und diese werden immer wieder versuchen, die
Grenzen auszutesten und in Frage zu stellen.Einige selbst
bereits gereiftere Brüder können als Familienleiter mit
pädagogischem Eros darüber hinaus auch ein kleines Stück
pädagogischen Bezug und Geborgenheit für die Jungen schaffen.Alle geben wir uns aber erdenkliche Mühe in dieser schweren
Aufgabe an oftmals in der Entwicklung geschädigten Jungen im
schwierigen Pubertätsalter.Zwanzig Jahre später wird man die
„Professionalisierung“ der Erziehungsarbeit betreiben und als
Fortschritt loben.Ob die für die Kinder und Jugendlichen mehr
bringt, ist noch fraglich. - Die Rund-um-die-Uhr-Pädagogik, die
damals im Rauhen Haus praktiziert wird, ist für uns Brüder
sicherlich sehr anstrengend, für die Jungen aber durchaus von
Vorteil.Sie haben über lange Zeitspannen feste Bezugspersonen
und sind keinem Erzieherschichtbetrieb ausgeliefert.Und was
hat die antiautoritäre Welle der 70er Jahre bewirkt?Haben wir
weniger Neurotiker und Straftäter als zur Zeit der
„repressiven“ Erziehung?
Bruder
Walter Mahnke übernimmt wenig später die Familie.Er ist ein
recht reifer Mensch, macht seinen „Job“ sehr gut und mit
vollem Einsatz, ist pedantisch genau und gerecht und genießt bei
den Jungen eine natürliche Autorität.
Einen
guten Einblick in den Alltag des Erziehungsdienstes gibt ein
Aufsatz, den ich am 9. September 1955 im Deutschunterricht unter
dem vorgegebenen Thema schreibe:
Meine Aufgabe als
Erziehungsgehilfe bei der Arbeit in einer Jungenfamilie des Rauhen
Hauses
„Als
Diakonenschüler des Rauhen Hauses stehe ich neben meiner
theoretischen Ausbildung in der praktischen Arbeit als
Erziehungsgehilfe.In einer Schülerfamilie betreue ich mit
zwei anderen Diakonenschülern, die „Brüder“ genannt werden,
19 Jungen im Alter von 12 bis 15 Jahren. - Was bedeutet
„Familie“?In der natürlichen Familie sind die besten
Erziehungsmöglichkeiten gegeben.Wir versuchen, diese Familie
so gut wie möglich zu ersetzen.Es wird uns wohl nicht ganz
gelingen; denn uns fehlen ja der Vater und die Mutter.Ein
junger Erzieher von ca. 25 Jahren kann auch schlecht den Vater
bei dreizehnjährigen Jungen ersetzen.Deshalb soll er den
älteren Bruder der Jungen darstellen.Die ganze Jungengruppe
zusammen mit den Erziehern bildet so unsere „Familie“.Das
kommt auch darin zum Ausdruck, dass wir Erzieher mit den Jungen
zusammen essen, zusammen mit ihnen in einem Zimmer schlafen,
überhaupt das ganze Leben gewissermaßen mit ihnen teilen. - Wir
bewohnen mit unserer Familie eines der vier Häuser, die den
Bombenangriff im letzten Kriege überstanden haben.Es ist also
ein älteres Haus, das Haus „Kastanie“.Im oberen Stockwerk
stehen uns 9 Räume zur Verfügung.Sieben davon werden von den
Jungen bewohnt.In jedem Zimmer stehen zwei bis vier Betten. -
Man kann bei unseren Jungen nicht von „schwer erziehbaren“
sprechen, aber doch werden in den meisten Fällen die Eltern
nicht mit ihnen fertig und schicken sie dann zu uns.Bei vielen
leben die Eltern in Scheidung oder auch getrennt und vertrauen
uns ihre Kinder an.Die Jungen besuchen teils die Volks-, teils
die Oberschule.Die kleinsten in unserer Familie sind im 6.,
die ältesten im 9. Schuljahr. - Was ist nun meine Aufgabe in
dieser Familie?Ein älterer Bruder, der im letzten
Ausbildungsjahr steht, ist bei uns Familienleiter.Mit einem
anderen Bruder zusammen stehe ich ihm als Gehilfe in seiner
Arbeit zur Seite.Wir haben uns die anfallende Arbeit
aufgeteilt, so dass jeder von uns seine Aufgaben hat.Der
Familienleiter hat natürlich die Verantwortung für alles und
daher auf alles zu achten.Er hat uns Gehilfen sozusagen von
seiner Arbeit etwas abgegeben.So kümmert sich der zweite
Gehilfe, der schulisch etwas mehr vorgebildet ist als ich, um die
Schularbeiten der Jungen und hat nebenbei noch einige andere
kleine Aufgaben.Ich habe für die Aufsicht beim Spielen sowie
für die Fluraufsicht aufzukommen und bin für die Sauberkeit und
Ordnung verantwortlich.So muss ich zum Beispiel prüfen, ob
die Jungen morgens ihr Hausgeschäft ordentlich erledigen, muss
die Ordnung in den Zimmern und den Schränken überprüfen.Ich
muss sehen, dass die Jungen sich regelmäßig und ordentlich
waschen, dass sie ihre Schuhe putzen und überhaupt ihre Sachen
in Ordnung halten. - Wie sieht nun so ein Alltag für mich in der
Familie aus?Morgens um 5.30 Uhr stehe ich auf.Um 6 Uhr,
wenn die Jungen geweckt werden, muss ich „einsatzbereit“
sein.Ich halte mich hauptsächlich auf dem Flur auf, sehe hin
und wieder in die Zimmer, um nach dem Rechten zu schauen.Die
Jungen machen dann die Räume sauber und melden ihr Hausgeschäft
bei mir ab.Das geht bis kurz vor sieben Uhr.Dann gehen wir
geschlossen in den Esssaal im ehemaligen Schulgebäude zum
Frühstück.Bis 8 Uhr sind alle Jungen zur Schule, soweit sie
nicht zur Schule müssen, in der „Freizeitfamilie“.Ich
selber habe den Vormittag über Unterricht.Komme ich mittags
gegen 13 bis 13.30 Uhr aus dem Unterricht, so sind dann auch
schon einige Jungen von der Schule zurück.Die übrigen kommen
bis 15 Uhr nach und nach an.Dann geht in dieser Zeit immer ein
Bruder mit einigen Jungen zum Mittagessen.Von 13 bis 16 Uhr
ist die Lernstunde angesetzt, in der die Jungen ihre
Schularbeiten machen oder die Aufgaben erledigen, die sie vom
Familienleiter zur Übung aufbekommen; denn die meisten unserer
Jungen stehen in der Schule sehr schlecht, und wir haben es uns
zur Hauptaufgabe in unserer Familie gemacht, die schulischen
Leistungen der Jungen zu verbessern, damit sie nach Möglichkeit
bessere Zeugnisse bekommen.Denn an den Zeugnissen wird der
Erfolg unserer Arbeit von den Eltern doch in erster Linie
gemessen. - In dieser Lernstunde muss völlige Ruhe im Hause
herrschen.Dafür zu sorgen, ist in dieser Zeit meine Aufgabe.Nebenbei sehe ich auch bei Überlastung der anderer Brüder die
Hausaufgaben nach. - Nach dieser Zeit der Anspannung und
Konzentration sollen die Jungen sich wieder entspannen können.Sie haben daher die Möglichkeit, von 16 Uhr bis zum Abendessen
um 18 Uhr und danach bis 19.30 Uhr draußen zu spielen, sich auf
dem Zimmer zu beschäftigen, zu lesen oder was sie sonst wollen.Die Aufsicht dabei führe ich.Um 19.30 Uhr machen sie sich zur
Nachtruhe fertig.Es werden die Schuhe geputzt, es wird sich
gewaschen, das Zimmer aufgeräumt.Um 20.15 Uhr mache ich den
„Stubendurchgang“.Dabei sehe ich, ob alle im Bett liegen
und ruhig sind.Bis 20.30 Uhr können die Jungen noch lesen.Jetzt
geht der Familienleiter durch die Zimmer, wünscht den Jungen
eine gute Nacht und löscht das Licht.Hiernach kommt für mich
die letzte Tages-„Arbeit“:Für kurze Zeit muss ich noch
auf dem Flur die Ohren spitzen, um zu hören, ob überall Ruhe
herrscht, was aber in der Regel der Fall ist.Dann kannich
mich auf „mein“ Zimmer zurückziehen.Dort muss ich aber
gut die Lampe verhängen und mich geräuschlos bewegen, um nicht
die beiden Jungen zu wecken, die mit mir zusammen in einem Zimmer
schlafen.Wenn die Arbeit auch öfter schwer fällt, wenn man
oft viel Energie aufwenden muss und der Tag lang ist, so bringt
sie doch viel Freude.“
Der
Aufsatz wurde vom Dozenten übrigens „gut“ bewertet.
Im
Jahre 1955 komme ich also doch in denDiakonenunterricht, der
am 22. August beginnt.Pastor Donndorf hat das Prinzip
des Zusammenhangs von Erziehungsdienst und Brüderunterricht in
einer Verwaltungsratssitzung mit folgenden Worten beschrieben:
„Die 125jährige Geschichte ist diesen Weg nicht nur aus
Tradition gegangen, weil Wichern damals seinen Erziehern für
später Arbeit und Brot sichern musste.Brüder dienen in einem
stillschweigenden Abkommen, weil sie für ihre Ausbildung keinen
Pfennig zahlen.Diakonenausbildung und Erziehungsarbeit sind
verflochten wie in einem Teppich.Man kann sie nicht trennen.Im Erziehungsdienst wachsen Dienstwilligkeit und Formniveau.Das
ist das ungeschriebene Gesetz aller Diakonenanstalten.“
Neben allgemeinbildenden und praktischen Fächern, wie
Schreibmaschine, Posaune, kirchliche Verwaltung, werden wir in
den theologischen Disziplinen unterrichtet: Bibelkunde, Altes und
Neues Testament, Dogmatik, Kirchengeschichte, Missionskunde,
Wortverkündigung, Methodik der Jugendarbeit (bei
Hans-Otto Woelber). Der theologische Unterricht dauert zwei
Jahre.
Weitere
zwei Jahre sind für das sozialpädagogische Studium mit den
Fächern Pädagogik, Geschichte der Pädagogik, Psychologie (u.a. bei Dr. Uhsadel ), Sozialmedizin, Rechtskunde,
Bürgerliches, Jugend- und Sozialrecht, Sozialpolitik,
Volkswirtschaft eingeplant.
Vor
der Wohlfahrtspflegerprüfung wird uns von Januar bis Mitte März
1958 Gelegenheit gegeben, uns intensiv auf das Examen
vorzubereiten.Wir wohnen in dem neu erbauten Wichernhaus im
Einzelzimmer.
In
einer Beurteilung des praktischen Dienstes vom 23.4. bis 3.6.1955
im Krankenrevier und vom 4.6.1955 bis 30.6.1957 als „Erzieher
in einer Schülerfamilie“ für die Zulassung zum
Wohlfahrtspflegerexamen ist formuliert:
„Herr R. hat
die ihm übertragenen Aufgaben mit Gewissenhaftigkeit, Eifer und
Fleiß erfüllt.Seine Arbeit ist gekennzeichnet durch starkes
Pflichtbewusstsein.Seine praktische Bewährung war gut.gez.
Donndorf“
Meine Jahresarbeit zum Thema
„Arbeitszeitverkürzung und Freizeitverhalten bei
Jugendlichen“ habe ich fertig und abgeliefert.
Am 18. März 1958 bestehen wir das
Wohlfahrtspflegerexamen im Hauptfach Jugendwohlfahrtspflege und
Sozialpädagogik. Siegfried Strathmeier schneidet als
Spitzenreiter ab.Ich bestehe mit dem Ergebnis „gut“.Auch
meine Bewährung in der Praxis wird mit „gut“ beurteilt.
Am 18. März 1958 bestehen wir das
Wohlfahrtspflegerexamen im Hauptfach Jugendwohlfahrtspflege und
Sozialpädagogik. Siegfried Strathmeier schneidet als
Spitzenreiter ab.Ich bestehe mit dem Ergebnis „gut“.Auch
meine Bewährung in der Praxis wird mit „gut“ beurteilt.+Nach dem Wohlfahrtspflegerexamen werde ich vom 1. April
1958 bis zum 31. März 1959 neben dem Diakonenunterricht im
Rauhen Haus als Praktikant in der Hauptkirchengemeinde St.
Nikolai am Klosterstern bei Hauptpastor Dr. Woelber(späterer Bischof)eingesetzt.Nachmittags
und abends soll ich mich vor allem um die Jugendarbeit im
Jungscharbereich kümmern.Ich baue einen Jungenkreis
auf, der sich wöchentlich zu Gruppenstunden trifft und
unternehme mit den Jungen Wochenendzelttouren per Fahrrad und
Jurtenzelt in Hamburgs Umgebung.Eine längere Ferien-Radtour
machen wir von Jugendherberge zu Jugendherberge über Mölln,
Ratzeburg, Lübeck in die Holsteinische Schweiz bis nach Plön
zum Koppelsberg.Eine Zeltfreizeit organisiere ich im Sommer
1958 in Verden an der Aller im „Sachsenhain“.
Ich
helfe auch in anderen Bereichen der Gemeinde mit, soweit es meine
Zeit neben dem Unterricht zulässt, organisiere z.B. die
Haussammlung für die Diakonie und halte Verbindung zur
Patengemeinde in Stralsund. -Woelberhatte kurze Zeit vorher die alte
Hauptkirchengemeinde vom Hopfenmarkt in der menschenleeren City
zum Klosterstern in Harvestehude verlagert, um dort im vornehmen
gutbürgerlichen Wohnbereich zwischen Isestraße und Leinpfad an
der Alster eine moderne Modellgemeinde aufzubauen.Neben
ihm als Hauptpastor sind noch zwei Gemeindepastoren, einer ist
Albrecht Nelle, der spätere Rundfunkbeauftragte, eine
Gemeindehelferin, eine Gemeindeschwester, ein Verwaltungsmann und
ein Küster hauptamtlich tätig.Ein Damenkomitee kümmert sich
neben dem Gemeindekirchenrat und den Hauptamtlichen etwa um die
geschmackvolle Einrichtung des Gemeindehauses und die Ausrichtung
besonderer Veranstaltungen.
Während
der Praktikumzeit, die auch als Anerkennungsjahr für die
staatliche Anerkennung als Wohlfahrtspfeger gewertet wird,
besuche ich werktäglich den Unterricht in der D I im Rauhen Haus
mit den aus der D II bekannten theologischen Fächern.
Am
16. März 1959 bestehe ich die kirchliche Verwaltungsprüfung,
die mir später sogar als die „zweite“ bescheinigt wird. Wir
werden auch im Fach „Unterrichtsmethodik“ unterwiesen und
halten Lehrkatechesen vor Klassen der Wichernschule.Die
Prüfungskatechese halte ich am 22. Januar 1959 über Johannes 4,
1-42 mit einem befriedigenden Ergebnis.Ich bekomme ein Zeugnis
über die bestandene Prüfung als Religionslehrer für den
kirchlichen Religionsunterricht.
Am 2. März 1959 bestehe ich im Alter von 24
Jahren das Diakonenexamen mit dem Prädikat „befriedigend“, bin nun nach
fünf harten Jahren mit der Ausbildung fertig und habe einen von
der Kirche und einen vom Staat anerkannten Beruf.Am 21.12.1959
wird mir noch mit einem Ausweis die staatliche Anerkennung als
Wohlfahrtspfleger bescheinigt.Aus dem oft gehemmten und
unsicheren Jüngling ist ein recht selbstsicherer junger Mann
geworden.
Ein Leben auf See amüsant und spannend wird über das Leben an Bord vom Moses bis zum Matrosen vor dem Mast in den 1950/60er Jahren, als Nautiker hinter dem Mast in den 1970/90er Jahren berichtet
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