Diakon Hugo Wietholz

im Beruf als Diakon des Rauhen Hauses

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Lebensbilder von Diakonen des Rauhen Hauses

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Die Bücher mit Lebensportraits von Diakonen des Rauhen Hauses als

Bände 11 und 13 in der gelben Zeitzeugen-des-Alltags-Buchreihe von Jürgen Ruszkowski

Band 13:

Autobiographie:

Diakon Hugo Wietholz

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Johann Hinrich Wichern, geboren am 21. April 1808, hatte angesichts des Kinderelends seiner Zeit das das Rauhe Haus 1833 als junger Kandidat der Theologie mit Hilfe einflussreicher Hamburger Bürger in dem Dorf Horn vor den Toren Hamburgs aus kleinsten Anfängen als „Rettungshaus“ für gefährdete Kinder und Jugendliche gegründet und aufgebaut. Für seine immer umfangreiher werdende pädagogische Arbeit benötigte er schon bald Gehilfen. Aus dem Kreis dieser Gehilfen entwickelte sich später der Beruf des Diakons.

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Das Familienprinzip, in dem Wichern seine Schützlinge betreute und erzog, erforderte eine größere Anzahl von Gehilfen. Im Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle, namens Josef Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg, um Wichern als erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100 Mark im Jahr bei freier Kost und Logis als Betreuer einer „Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen. Nach drei Jahren übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes Rettungshaus in Mitau im Kurland. 1839 ermächtigte der Verwaltungsrat Wichern, der Ausbildung von Gehilfen im Rauhen Haus "die gröstmögliche Veröffentlichung zu geben". Wichern ließ deshalb von 1843 an über die Gehilfen, schon damals Brüder genannt, eigene Jahresberichte erscheinen. Auf ihre theologische Ausbildung in seinem "Gehilfeninstitut" verwandte er große Sorgfalt. Aus seinen „Gehilfen“, die Wichern aus ganz Deutschland rief und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit im Rauhen Haus unterstützten und von den Jungen der Erziehungsfamilien „Brüder“ genannt wurden, baute er den hauptberuflichen Mitarbeiterstab der Inneren Mission auf, die „Berufsarbeiter“, die als Hausväter in „Rettungshäusern“, als Strafvollzugsbetreuer oder als Stadtmissionare in ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach Übersee tätig wurden.

„Treue, gottesfürchtige Männer, so ernst als wahr, so klug als weise, in der Schrift bewandert, im Glauben gegründet, voll Liebe zum armen Volke, geschickt zu solch einem Umgang, der Menschen fürs Himmelreich gewinnt, wünschen wir in Scharen unter das Volk.“

Erst Jahrzehnte später nannte man diese „Gehilfen“ entgegen Wicherns ursprünglichen Vorstellungen Diakone. Bis in die 1970er Jahre sprach man von der männlichen Diakonie. Daneben gab es den Beruf der Diakonisse. Danach wurden Ausbildung und Beruf im Rahmen der allgemein sich durchsetzenden Emanzipation auch für Frauen geöffnet. Aus der Brüderschaft wurde die Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen Hauses. Heute bildet die Fachhochschule des Rauhen Hauses in Hamburg Frauen und Männer zu Diplom-Sozialpädagog(inn)en und Diakon(inn)en aus.


4. Teil des von Hugo Wietholz selbst verfassten, von Jürgen Ruszkowski überarbeiteten, Textes: Kopien und Veröffentlichungen - auch auszugsweise nur mit vorheriger Genehmigung!

Der Text dieser Seite ist recht interessant, zeitgeschichtlich aufschlussreich und sehr umfangreich. Sie können den Text in Buchform lesen.

Auszugsweise als Beitrag in einem Sammelband von Diakonenlebensläufen.

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Siehe ganz unten!


Wietholz Herkunft und Kindheit

Wietholz Jugend bis zum Eintritt ins Rauhe Haus

Wietholz Diakonenausbildung im Rauhen Haus, Kriegsdiesnt und Kriegsgefangenschaft

Diakonenexamen 1848 im Rauhen Haus: Dann kam der 15. März und wir wurden im Haus Tanne ins Prüfungszimmer geführt, wo an einem langen Tisch die Dozenten saßen, die uns prüfen sollten. Wer war dabei? In Erinnerung habe ich noch den Bischof Schöffel, die Pastoren Donndorf, Schade, Hennig, Kreye, Germann, Wölber und die Diakone Füßinger und Jahnke. Einen Tag vorher haben wir verschiedene Arbeiten geschrieben. Eines weiß ich noch, jeder Einzelne musste nach vorne dem Dozenten gegenüber auf einen Stuhl, der zu prüfen hatte.

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Im Beruf als Diakon des Rauhen Hauses

Wir aber waren froh, jetzt ordentliche, mit der Ausbildung fertige Diakone zu sein. Die volle Aufnahme in die Brüderschaft sollte erst später geschehen. Offiziell wurde ich nun zum 1. April 1948 in die Martinsgemeinde Horn entsandt. Damals wurden die Brüder noch von der Leitung des Rauhen Hauses in die Arbeit gesendet. Horst Zielasek und ich waren die ersten Diakone, die nach dem Krieg wieder aus dem Rauhen Haus hervorgingen.

In unserer Familie war nun eitle Freude, aus einem Diakonschüler war nun ein anerkannter Diakon geworden.

In der Zwischenzeit waren wir in der Gemeinde auch nicht faul geblieben. Fräulein Saul übergab die männliche Jugendarbeit den Diakonen. Zwischendurch war auch eine ältere Gruppe entstanden. Der 6. Mai 1948, Himmelfahrt, kam und damit offiziell der Beginn der Jugendarbeit. Und gleich zu Beginn ging es mit 80 Jungen und Mädel zur Heideburg in die Harburger Berge. Dort versammelten sich ca. 2.000 evangelische Jungen und Mädel zum Waldgottesdienst und zu viel Spaß und Sport. Die Heideburg war schon seit Jahren ein Ort der Begegnungen, wo große und kleine Treffen stattfanden. Schon vor dem 1000jährigen Reich fanden hier große Treffen statt und am Schluss der Feier sind wir in großen Kolonnen mit Wimpel und Fahnen durch Harburg marschiert mit den Bekenntnisliedern der evangelischen Jugend auf den Lippen.

 

Vor einiger Zeit hat man die schöne Heideburg verpachtet, weil in Hamburg die evangelische. Jugend nicht mehr in großer Zahl existierte. Sie war bestens ausgebaut worden in den letzten Jahren. Traurig, aber wahr!

Immerhin, am 9. Mai 1948 war großes Jungschartreffen auf der Heideburg. Wir waren mal eben mit 52 Jungen dabei. Gottesdienste und große Geländespiele fanden statt. Die Fahrt ging zunächst mit der Eisenbahn (Holzklasse) zum Harburger Bahnhof und dann mit der Straßenbahn zur Goldenen Wiege und zu Fuß durch den Wald. Es war immer ein schönes Erlebnis, mit fliegenden Wimpeln und Gesang durch die Straßen und Wälder zu ziehen. Mit vielen Erlebnissen kehrten unsere Jungen nach Hause zurück.

Bei allem Aufbau im Gemeindehaus und in der Jugendarbeit gab es viele Dinge, die nicht übersehen werden durften. Die Kellerräume waren stockdunkel, also mussten Fensteröffnungen in die Außenwand geschlagen werden. Dies war wegen der dicken Außenmauern gar nicht so einfach. Wo die Fenster hernehmen? Wir hatten in der Familie einen Maurermeister, Onkel Johannes aus Billwerder, der war nicht ausgebombt. Also mal seh'n, ob der nicht so einiges auf Lager hatte. Tatsächlich konnte er uns alte Eisenfenster zur Verfügung stellen, die dann mit wahrer Freude eingebaut wurden. Jetzt hatten wir Tageslicht in den vorderen Räumen, aber nun fehlten die Sitzgelegenheiten für die Jugendlichen. Wir entdeckten auf der Kirchenempore Klappstühle, die wir uns von unserem lieben Kantor Helmke ausliehen. So viele, wie wir brauchten, waren es aber nicht. Also nahmen wir Baubretter und haben so die Lücken ausgefüllt.

Der Zulauf von Jugendlichen nahm unaufhaltsam zu. Abends kamen die Älteren, erst einmal 12 an der Zahl. Mitte Mai machten wir unsere erste Freizeit auf der Heideburg. Abends gab es dann die erste Feuerrunde. Na, na, später versuchten die Mädel in den Schlafraum der Jungen einzudringen, um diese im Schlaf mit schwarzer Stiefelcreme einzuschmieren, was natürlich misslang. Es gab einen Rachefeldzug!

Jeden Morgen, nach dem Frühstück, wurde eine Bibelstunde abgehalten, wobei eifrig mitgemacht wurde. Später gab es eine Wanderung durch den Rosengarten mit dem Hintergedanken, man sollte das Gelände besser kennen lernen. Spät abends wurde eine Nachtwanderung angesetzt, die mit großer Fröhlichkeit begann, aber im Laufe der Nacht, als es im Wald immer unheimlicher wurde, waren die Teilnehmer immer stiller.

Am 19.05.1948 waren wir abends wieder im Hause bei der Familie. Mein Frauchen hatte nicht nur mit der Kleinen zu tun, sondern war auch oft im Geschäft der Eltern.

Zwischendurch war ein Laienspiel mit Herrn Kochheim einstudiert und vorgetragen worden. Die Jugendarbeit lief auf vollen Touren. Der Kindergottesdienst durfte nicht vernachlässigt werden. Zwischendurch musste eine Quartiersfahrt wegen eines Zeltlagers unternommen werden. Der Jugendpfarrer hatte uns in Schleswig-Holstein auf Gut Bothkamp, ein Lager, angeboten, für das wir uns entscheiden mussten. Wir nahmen an, denn vor unserem würde bereits ein Lager stattfinden und die Zelte, englische Spitzzelte, sollten stehen bleiben. Nun wurde eifrig geworben.

Noch eine Schwierigkeit, außer der mit den Lebensmittelmarken, kam hinzu: Die Währungsreform. Sie fand am 20. Juni 1948 statt. Was nun? Die Leute mit ihren DM 40 Mark pro Kopf konnten keine großen Sprünge tun und nun noch die Kinder ins Zeltlager mitgehen lassen? Wir aber kamen auf den Gedanken, den Jungen, die mitwollten, eine Sammelpatenkarte in die Hand zu geben und darauf sollten sie sich das Lagergeld bei Freunden und Bekannten zusammenholen. Einer der Jungen war so eifrig im Sammeln, dass er zwei Karten mit dem Lagerbetrag füllen konnte. So konnte auf diese Weise noch ein anderer Minderbemittelter mit. Es klappte ausgezeichnet mit der Werbung und über 80 Jungen hatten sich angemeldet.

Karl und ich saßen abends zusammen und mussten die Lebensmittelmarken, die die Jungen abgegeben hatten, für die Zeit des Lagers zusammenrechnen und auf Bögen kleben. Weil wir so ins Schwitzen kamen, hatte uns Karls Frau Eis zum Schlecken gegeben, aber es war sehr wässerig, dieses erste Eis.

Nicht vergessen werden soll, dass wir mit den Kindergottesdienstkindern zum Missionar Bahlsen fuhren und an einer großen Veranstaltung im Garten teilnahmen. Auch wurde später das erste Jugendtreffen in Hamm für den Südkreis durchgeführt. Es diente dazu, uns gegenseitig besser kennen zulernen.

In der Familie gab es viel Arbeit und manche Schwierigkeiten, aber auch viel Erfreuliches durften wir erleben. Denn am 23. Juli 1948, wir hatten leider Sommerzeit, kam mit Geschrei Renate auf die Welt. Wenn nicht Sommerzeit gewesen wäre, dann wäre sie am 24. Juli geboren worden. Nun, wichtig war, Mutter und Kind waren wohlauf. Wir konnten Gott immer wieder dankbar sein. Da waren ja auch noch die Großeltern und in ihrer Wohnung konnte die Kleine das Licht der Welt, im Beisein des Vaters, erblicken.

Durch die Eltern wurde mir auch manche Arbeit abgenommen, die dann wieder der Gemeindearbeit zu Gute kam. So konnten wir am 2.08.1948 mit 88 Jungen, einem Pastor und zwei Diakonen auf Lastwagen unserem Ziel Bothkamp entgegenfahren. Nun ja, die Zelte standen, dazu eine Hundehütte, eine lange Plane auf Pfählen, niedrig und langgestreckt. Jungen, die in der Mitte liegen mussten, krabbelten beim "muss Mal" über die anderen hinweg. Da waren auch noch andere Beanstandungen: Bei Regen waren die alten Spitzzelte nicht dicht. Oft mussten die Sachen getrocknet werden. Dazu hatte man die Zelte auf Lehmboden gesetzt. Die Katastrophe kam dann bald. Das Wetter machte nicht mit. Es gab zwei Tage Regen und einen Tag Sonnenschein.

Pastor Niemann war davon so "begeistert", dass ihn der Mut zum Durchhalten verließ und er uns gegenüber den Gedanken aussprach, das Lager abzubrechen. Wir aber, Karl und ich, sprachen ihm Mut zu, und als wieder ein Tag voller Sonnenschein kam, sah die Welt schon wieder besser aus. Also blieben wir, wenn auch der nächste Tag uns Lügen strafte. Mit der Verpflegung kamen wir gut zu recht, hatte doch das Hilfswerk Lebensmittel ausgiebig zu unserer Markenration dazu gespendet. Bruder Schmidt mit Frau von St. Michaelis sorgten für das leibliche Wohl. Bei der guten Erdbeermarmelade hatten wir jeden Morgen mit einem Schwarm Wespen zu tun, die sich wohl unser Lager besonders ausgesucht hatten. Bei einem Geländespiel war Karl bei seiner Gruppe mit fliegendem offenen Hemd, wegen der Hitze, dabei und bekam einen Schwarm unters Hemd. Hättet mal sehen sollen, wie der Arme gehüpft ist!

 

Trotz allerlei Schwierigkeiten gab es einen Lagerzirkus und ein Sportfest. Nachts machten wir falschen Alarm: Lagerüberfall! Wie sind die Kerle aus den Zelten gesprungen und in welchem Zustand! Auch ging das Gerücht um, nachts spuke es im Schloss. Man habe die weiße Frau auf Sprungfedern gesehen. Am letzten Tag gab es eine Abschiedsfeier mit Siegerehrung und dann fuhren uns die Lastwagen nach Hause.

Auch im Rauhen Haus mussten Trümmer beseitigt und vieles neu aufgebaut werden. Frauen, Brüder und Amerikaner stellten sich zur Verfügung.

Bei uns im Gemeindehaus ging der Aufbau weiter. Herr Geyer, unser Kirchbuchführer, musste die Geschäfte für die Martinskirche in Borgfelde im dortigen Büro tätigen. Dies war für unsere Gemeinde auf Dauer kein Zustand. Also musste eben im Flur nach hinten, wo früher schon das Büro war, der Raum wiederhergestellt werden. Von oben war schon eine Holzdecke vorhanden, die von unten verkleidet werden musste. Unser Tischler machte wieder ein Fenster und setzte es zusammen mit einer neuen Tür ein. Wir verputzten die Wände und der Maler gab den Räumen die Schönheit wieder. Möbel und ein Schreibtisch wurden besorgt und Herr Geyer konnte in Horn seine Arbeit aufnehmen.

Auf dem Flur gab es noch die ehemaligen Garderobenräume, die wir zu Einzelzimmern herrichteten. Die großen Öffnungen zum Flur hin mussten wir zumachen. Noch heute sieht man die Buckel in der Wand, nicht sehr auffällig.

Dann kam das Erntedankfest. Wir hatten ja in Horn viele Schrebergärten, und aus Dankbarkeit gegenüber unserem Herrn, wurde viel gespendet. Nach dem Gottesdienst stellten sich viele Helfer ein und verteilten diese Gaben an Alte und Hilfsbedürftige. Zum Erntedank gab es im Kindergottesdienst noch eine besondere Feier. Unsere Tochter Renate wurde getauft, was für die Kleinen etwas Besonderes war. Später wurde im Haus gefeiert. Unsere lieben Eltern und Verwandten waren dabei. Diesmal konnte die Feier etwas üppiger ausfallen, denn so langsam kehrte das normale Leben wieder ein.

Vermerkt werden soll auch die Vorbereitung zur ersten Herbstfahrt. Bruder Karl sollte mit und bekam von meinem Schwiegervater das Fahrrad geliehen. Aber der liebe Karl war nicht sicher, denn auf den Heidewegen hinter Buchholz-Seppensen bekam er immer das Schaukeln und fiel oft vom Rad.

Nach unserer Erkundigungsfahrt und als wir unsere Quartiere hatten, oft sehr primitiv, war ich froh, wieder in Horn zu sein. Diese erste Herbstfahrt fand dann mit einer kleinen Schar Jungen statt und ging dann über Buchholz in die dortige Umgebung. In einem Wirtshaus auf dem Boden, wo am Morgen, als wir aufwachten, das Tageslicht durch die Ritzen der Dachpfannen schien, haben wir übernachtet. Zum Mittag gab es eine Wassersuppe, für die wir auch noch unsere Marken abgeben mussten. Die Fahrt dauerte nur 4 Tage und wir kamen trotz allem Mangel gesund über die Runde.

Langsam ging das Jahr 1948 zu Ende. In der Kirche gab es wieder einen großen Weihnachtsbaum, den ich mit elektrischen Kerzen versah. Unsere Gemeinde wurde von Monat zu Monat größer. Die Weihnachtsgottesdienste mussten schon in mehreren Etappen durchgeführt werden.

Im Gemeindehaus, auf dem Flur, wurden Deckenplatten angenagelt und langsam wurde auch die Umgebung schöner, denn der Schutt draußen wurde geräumt.

In der Familie ging es bei den zwei Kleinen lustig vorwärts. Wie gut, dass Lisas Elternhaus da ist. So kann mancher Ausgleich geschaffen werden. Nur soll man nicht meinen, dass es keine Meinungsverschiedenheiten gab. Nicht nur in der Familie, auch mit der Führung der Gemeinde. Einmal kam es wieder zwischen Karl und mir zu Unstimmigkeiten. Wir waren zwei verschiedene Temperamente. Dann ging es heiß her, aber immer wieder fanden wir wieder zusammen. Wir zählten uns ja zu den Christen, und unter denen gibt es ja die Möglichkeit der Vergebung.

1949

Wir schrieben das Jahr 1949 und neue Aufgaben wurden in Angriff genommen. Für ein neues Lager suchen wir bei Pinneberg-Schäfershof (da war ich früher ja schon einmal) einen neuen Platz. Es war möglich, aber es fehlten viele Voraussetzungen.

Schon im Januar wurde mit Kochheim, Beauftragter von der Kirche fürs Laienspiel, ein Passionsstück eingeübt. Dieses Spiel wurde später bei uns und in verschiedenen Gemeinden aufgeführt. Die Spieler für das Spiel gewannen wir aus dem Martinskreis, den Pastor Niemann gegründet hatte, und weil es ältere Jugendliche waren, besonders betreute. Herr Kochheim schrieb später noch das Horner Passionsspiel.

Auch damit mussten wir fertig werden: Der Schatten des Todes kam über uns. Helmut Schlicht, aus einer uns bekannten Familie, verstarb ganz plötzlich. In Ohlsdorf, vor Kapelle IV, wurde er beerdigt. Ein ganz junges Leben wurde von einer großen Trauergemeinde zu Grabe getragen.

Immer mehr Kringsgefangene kamen heim, die auch von uns betreut wurden. In Kellerlöchern und zerbombten Wohnungen besuchten wir sie. Das Hilfswerk und auch Helfer aus Schweden waren an Kleiderspenden beteiligt, die wir im Keller des Gemeindehauses, hintere Front, verteilten.

Zwischendurch war auch zu Hause Hand anzulegen. Der Hühnerstall musste vergrößert werden, denn die große Familie brauchte Hühner und Eier, die meine Schwiegermutter in ihrem Eierschrank nach Datum verstaute.

Jugendstunden waren regelmäßig zu halten, und ab und zu wurde eine Fahrt unternommen. Nicht zu vergessen ist, dass alle 4 Wochen sonntags ein Jugendgottesdienst stattfand. An bestimmten Abenden wurde Jungendienststunden abgehalten und am Sonntag nachmittags wurde die Jugend auch betreut. Am Ostersamstag ging es mit 20 Jungen auf Fahrt nach Reiherhorst. Ostersonntag hat uns Pastor Ahnert den Gottesdienst gehalten. Sein Name soll auch hier erwähnt werden, denn für eine längere Zeit stand auch er uns in der Gemeinde zur Verfügung.

Für unsere Freizeit hatten wir an diesem Ostern herrliches Wetter, konnten abends ein Osterfeuer abbrennen und dann noch ein zünftiges Geländespiel machen. Wir waren am nächsten Tag froh, die Meute wieder heil zu Hause abzusetzen zu können. Im Hause wartete mein Frauchen schon sehnsüchtig. Für die viele Arbeit vorher gab es jetzt einen Ruhetag.

Ein neuer Plan wurde aufgegriffen: Die Horner Marsch, ein großes Schrebergartengelände, sollte auch betreut werden, denn hier gab es eine große Schar Kinder. Mit dem Vorsteher dieses Kleingartenvereins wurde um eine Baubude verhandelt, um hier eine Jugendgruppe zu gründen, was dann auch gelang.

Eines lag mir immer wieder am Herzen, meine kranke Mutter nicht zu vergessen. Also musste ich mir Zeit für einen Besuch nehmen. Lisa kam mit den Kleinen mit. Mutter sollte sie doch auch mal kennen lernen.

Das große Gelände am Querkamp, lauter Kleingärten, gehörte zu unserer Gemeinde und wurde auch von den Pastoren betreut. In einem Siedlungshaus zwischen den Hecken wurden auch Bibelstunden abgehalten. Nur die Jugendarbeit war nicht in Gang gekommen. Also musste auch hier ein Stützpunkt her. Dann noch einmal auf zum Vereinsvorsteher des Kleingartenvereines und da wieder verhandeln. Es gab hier eine Holzlaube, die man gut für die Jugendarbeit brauchen konnte. Nach langem Hin und Her gab man uns die Genehmigung, und wir konnten mit dem Werben anfangen. Nach kurzer Zeit entstand auch hier eine Jugendgruppe. Die Jugendlichen mussten in der kalten Jahresszeit Briketts mitbringen, um einen warmen Raum zu haben.

Im Mai wurde auch eine kirchliche Woche durchgeführt, um die Gemeinde von Jung und Alt unter dem Wort Gottes noch besser zusammen zu führen. Der Diakoniegroschen wurde eingeführt mit Mitgliedskarte und Eintragebuch für die gesammelten Beiträge. Ja, erst einmal mussten Mitglieder geworben werden, die sich dann verpflichteten, regelmäßig einen Betrag zu stiften. Dies war gar nicht so einfach. Das gesammelte Geld wurde zum Erhalt der Schwesternstation benötigt. Die Gemeinde musste ihren Schwestern ein Gehalt zahlen. Immerhin wurde die Pflegearbeit so umfangreich, dass zwei Schwestern bei uns ihren Dienst taten. Wir hatten ein gutes Verhältnis zu Schwester Lore und Schwester Annie.

Jetzt wurde es auch Zeit, für das Sommer-Zeltlager zu planen. Irgendwie hatten wir gehört, dass es in Bahlburg eine Möglichkeit gäbe. Wir also hin, Niemann, Karl und ich. Wir fanden heraus, dass ein Landwirt Meyer seine Meierei zu einem Jugendheim umbaute. Speiseraum und etwas zum Übernachten gab es schon. Wir aber brauchten einen Zeltplatz, der auch nicht weit vom Jugendheim im Wald gefunden wurde.

Mein freier Tag wurde für die Zukunft auf den Montag gelegt. Am 16. Mai wurde er auch sofort ausprobiert und am Nachmittag zogen wir, meine Frau und Klein Christa zum Steinbeker Markt, der alle Jahre mit viel Rummel und Karussels stattfand. Christa sollte mit ihren 2 Jahren mal Karussel fahren, aber sie wollte nicht und gab es mit lauten Brüllen zu verstehen.

An einem Sonntag wurde ein spannendes Geländespiel in Horn gestartet. Himmelfahrt waren wir mit den älteren Jugendlichen, 60 an der Zahl, auf der Heideburg. Diesmal hatte es meine liebe Frau auch möglich gemacht, dabei zu sein. Am Sonntag Exaudi war wieder das Jungschartreffen auf der Heideburg. Jede Gemeinde musste bei der großen Veranstaltung die Zahl ihrer Jungscharler nennen. Die Hornissen, so nannten wir uns, waren mit 90 Jungen die größte Gruppe aus Hamburg. Später wurde auf dem Sportplatz ein Handballspiel gegen die Langenhorner ausgetragen, das wir mit 2:1 gewannen. Natürlich waren unsere Jungen stolz auf ihre Erfolge und konnten fröhlich nach Hause ziehen.

Vorbereitungen für die Pfingstfreizeit wurden getroffen, und wir waren dann im Jugendheim Bahlburg, um es einmal auszuprobieren. Mit den Herbergseltern Meyer und ihren Kindern kamen wir gut zurecht. Was uns auffiel: Es gab viel Quarkbrot. Das lag wohl daran, dass das Haus eine ehemalige Meierei war. Immerhin, die 80 Mäuler konnten gesättigt werden. Später hatte uns der Alltag wieder. Die Jungschar im Querkamp lief auch gut an. Mit der Zeit kamen über 40 Jungen ins Holzhaus.

Jetzt kam noch eine andere Arbeit auf uns zu, die erste Sammlung der Inneren Mission. Im Jahr wurden es mit der Zeit 5 Sammlungen. Im Herbst für die Caritas, Kriegsgräberfürsorge und das Müttergenesungswerk und zu Weihnachten für die Alten von der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände. Es waren Dosensammlungen. Hierfür musste bei der Schule und in unseren Kreisen um Mithilfe geworben werden.

Es gab eine Fahrt mit den Jungen ins Gehege vom Klövensteen und weiter über Pinneberg nach Schäferhof. Nach langer Zeit mal wieder im Karpfenteich gebadet. Anschließend war ich bei meiner Mutter, die sich gefreut hat. Sie lebte im Heim bei Pinneberg, darum konnte der Besuch noch am selbigen Tag stattfinden.

Am 28. Juni konnte mein Urlaub beginnen. Vorher hatten wir vom Hilfswerk einen Platz in einem Heim in Grömitz erworben. So zogen wir mit den beiden Kindern, Koffern und Kinderbett nach Grömitz. Verpflegung Note 3-4. Für die Kinder gab es nur Schwarzbrot, wir mussten uns auf unsere Art helfen. Es war im allgemeinen nicht besonders schön. Essen im großen Saal und auch manches andere ließ zu wünschen übrig. Auch mit der Jüngsten, Renate, hatten wir viel Arbeit . War ein kleiner Schreihals geworden und am Strand war es manchmal nicht ganz einfach. 12 Tage haben wir dann diesen Urlaub mit den 2 Krabben durchgehalten. Wir aber haben nicht geahnt, dass Grömitz später noch eine besondere Rolle spielen sollte.

Bald hatte uns der Alltag wieder fest in der Hand mit all den Aufgaben in der Gemeinde. Von der Jugendbehörde konnten wir leihweise die großen Zelte haben, die dann nach Bahlburg in den Wald transportiert und aufgebaut wurden. In 2 ½ Tagen musste das Lager stehen, denn am Freitag, dem 15.7.1949 abends, kamen die Jungen in großer Zahl. Zeltgemeinschaften wurden eingeteilt. Zum Essen ging es zu Meyers ins Heim. Morgens wurde Lagerappell abgehalten, die Lagerlosung gemeinsam besprochen. Das Essen wurde im Heim eingenommen, was nicht weit weg war. Nach der Bibelarbeit war durch Anschlag der Tagesablauf festgeschrieben. Einteilen der Lagerwache und abends für die Nachtwache. Die Luhe, ein Fluss der zum Baden noch sauber war, lud zu tollen Wasserschlachten ein.

Am Sonntag ging es zur Kirche nach Pattensen. Im Lager wurde viel Kurzweil getrieben. Man bastelte oder zeichnete und werkelte sich allerlei zurecht. Dann kam der Tag, an dem ein großes Indianerspiel stattfand. Federn und was man so zum Ausschmücken brauchte, wurden vom Meyer-Hof geholt. An diesem Tag ging es hoch und toll her. Der Marterpfahl durfte natürlich auch nicht fehlen. Zum Ärger der Angreifer hatten wir im Lager die Fahne verschwinden lassen. Natürlich gab dies eine große Aufregung: Wer konnte dies wohl gewesen sein? Mit großem Kampfgeschrei stürzte man sich auf die Verteidiger und die wurden arg gebeutelt. Bei dem Kampf ums Lager wurde mir eine Rippe verbogen. Noch Wochen später spürte ich den Schmerz im Brustkorb. Trotzdem, das Lager wurde weitergeführt. Es gab einen Besuchstag mit einem Waldgottesdienst, anschließend für alle ein Eintopfessen. Eine große Zahl von Eltern und Bekannten waren gekommen. Selbst meine Frau mit Christa waren erschienen. Die wollten vor Begeisterung gar nicht wieder weg. Lisa blieb dann mit der Kleinen später über Nacht im Heim bei Meyer.

Wir hatten uns auf den großen Besuch eingestellt und am Nachmittag startete der Lagerzirkus mit hinreißenden Sensationen. Es wurden Sachen aufgeführt, die die Welt noch nicht gesehen hatte. „Agamemnon, der hüpfende Floh“, „Bienchen gib mal Honig“, manche Überraschung für die Erwachsenen. Der Tag war aufregend genug und ging im Fluge dahin. Abends bei der Schlussandacht wurde dem gedankt, der alles so gut gelingen ließ, denn das Wetter war an diesem Tag besonders schön.

Viele Spiele und Entdeckungen wurden getrieben. Natürlich ging auch die Furcht vor Gespenstern um. Manche Zeltbewohner trauten sich nachts nicht zum Donnerbalken und mussten einen Eimer im Zelt haben, damit der Schlafsack nicht feucht wurde. Große Nachfrage gab es für die Besetzung der nächtlichen Feuerwache. Immer musste diese Nachtwache mit einem Gespensterüberfall rechnen. Nur die, die Gespenster spielten, durften sich nicht erwischen lassen. Ja, da musste man schon gerissen sein. Einmal spielte die eine Tochter von Meyers das Lagergespenst. Sie ließ sich nicht fangen. Eines Abends kam der Karl auf den Gedanken und offenbarte Niemann und mir, er wolle die Nachtwache mal einschüchtern. Wir hörten von ihm ein tolles "Uhu, Uhu" durch den Wald dröhnen. Karl machte seine Sache gut, aber dann war mit einem Mal der Teufel im Wald los. Später kam das arme Gespenst außer Atem bei uns an und erzählte, es habe Pech gehabt. Sie hätten ihn bei der Büx gehabt. Nur mit Schokolade als Lösegeld konnte er sich freikaufen. Natürlich haben wir beide, Niemann und ich, geschmunzelt, ihn aber öffentlich bedauert. Ja, ja, Gespensterspielen muss gelernt sein.

Über Bahlburg könnte viel geschrieben werden, aber manches würde sich wiederholen. Der Platz gefiel uns so gut, dass wir im nächsten Jahr nochmals ein Lager dort machten.

Am 1. August 1949 haben wir das Lager abgebrochen und die Zelte zur Jugendbehörde gebracht. Nach einer Rüststunde für die älteren Jungen fuhren wir Tage später mit dem Dampfer "Friesland" von den Landungsbrücken zur Insel Wangerooge. Am Westturm hatten wir unser Zeltlager. In der Jugendherberge haben wir zu Mittag gegessen, so war die Verpflegungsfrage gut gelöst. Morgens haben wir immer unsere Bibelarbeit gehalten, um dann den Tag mit Baden oder Spielen am Strand auszufüllen. Wir lernten auch Bruder Dietrich`s Jugendgruppe kennen. Gegen sie wurde ein Spiel um ein Schiffswrack durchgeführt. Selbstverständlich musste der Leuchtturm bestiegen werden, denn so etwas war für Landratten eine seltene Gelegenheit.

In der Inselkirche gab es an einem Sonntag einen Jugendgottesdienst, abends wurde "Der Freischütz" im Dorf aufgeführt, mit anderen Gruppen ein Strandfeuer gemacht und dabei gruselige Geschichten erzählt. Bei Entdeckungsfahrten durch die Dünen fanden wir einen Bunker in gutem Zustand, den man für die Jugendarbeit als Stützpunkt gebrauchen konnte. Habe Jugendpastor Hans-Otto Wölber von unserem Fund erzählt, er solle weitere Schritte zum Erwerb unternehmen. Leider war im Jugendpfarramt kein Mumm vorhanden und die Sache schlief ein.

Im Dorf von Wangerooge machten wir noch manche Begegnung mit anderen Jugendgruppen. Die 14 Tage gingen wie im Fluge dahin. Am 17. August 1949 mussten wir nachts um 3.00 Uhr aufstehen, die Zelte abbauen und unser Gepäck und die Tornister verstauen, und ab ging es zum Dampfer. Diese Rückfahrt wird wohl keiner so schnell vergessen. An der Elbmündung haute die See so hoch auf das Schiff, dass bald alle seekrank wurden. Manch armer Karl hat sehr unter dieser Fahrt gelitten. Da hieß es: "Nie wieder auf See!". Immerhin, wir kamen doch noch heil in Hamburg an und noch heute ist diese Fahrt bei manchen Teilnehmern in guter Erinnerung geblieben.

In meinem Tagebuch ist auch der Fahrtenbeitrag für diese Wangerooge-Fahrt vermerkt: ganze 35 DM. Heute kann man über solchen Preis staunen!

Wir vermissten bei unserer Jugendarbeit Liederbücher. Aber kaufen konnte man damals keine. Also wurde ein Liederbuch von uns zusammengestellt, bekannte und unbekannte Lieder abgeschrieben, vervielfältigt und zu einem Buch zusammengesetzt. Es kostete eine Menge Zeit und Arbeit. Noch heute habe ich so ein selbstgemachtes Buch.

Zwischendurch unternahmen wir an einem Wochenende eine Heide-Nachtfahrt nach Reiherhorst. Auch musste die nächste Herbstfahrt vorbereitet und Obst, Gemüse und Kartoffeln für das Erntedankfest herangeholt werden. Nach dem Erntedankgottesdienst ging es dann Richtung Wilsede-Totengrund, Bispingen, Raven. Trafen hier einen Bekannten aus der Zeit in der Bethlehemsgemeinde. Von Raven ging es durch den Winsener Forst, durch Wald und Heide. In Bahlburg und später in Reiherhorst hatten wir abends unser Quartier. Meistens aber gelang es uns, den Bauern von unserer Harmlosigkeit zu überzeugen, und wir konnten im Stroh schlafen, eine tolle Angelegenheit für unsere Jungens. Sie lernten auf den Bauernhöfen manches kennen, was sie als Städter nie zu Gesicht bekommen hätten!

Wir kochten unterwegs an ganz bestimmten Stellen und zeigten den Jungen, wo nur Feuer gemacht werden durfte. Das Schrubben des Hordentopfes war nicht jedermanns Sache, aber jeder kam nach einen Plan, den Karl aufgestellt hatte, dran. Hier konnte man sich nicht drücken. Auch das Tragen des Topfes machte den Trägern viel Ärger, aber in der Meute musste jeder mal ran. Von Maschen fuhren wir auf („Vieh“)-Sammelschein nach Hamburg zurück.

Am nächsten Tag waren wir schon wieder gefordert: Jugendkreis, Vorbereitungen zum Kindergottesdienst. Am Montag mussten wir eine Diakonenfreizeit mit Pastor Kreye in Grömitz mitmachen. Drei Tage wurden wir mit Vorträgen und Aussprachen gefordert.

Der Herbst mit seinem bunten Blätterkleid verschönte mal wieder die Natur und gleichzeitig wurde dann im Garten hinter unserem Haus das Obst gepflückt. Es gab Apfel- und Birnenbäume, der eine Birnenbaum hatte schon eine beträchtliche Höhe und die Birnen mussten mit einer sehr hohen Leiter heruntergeholt werden, was nicht ganz ungefährlich war. Das Pflücken wurde meist in der Mittags- und Nachmittagszeit durchgeführt. Wir hatten meistens so viel Obst, dass die Nachbarn auch davon profitierten. Jahr um Jahr wiederholte sich im Herbst dieses Abernten der Obstbäume.

Heinz Hinze und Doris wollten Hochzeit machen. Voran ein zünftiger Polterabend und am Sonntag, den 17.9., waren wir dann auf der Hochzeit.

Einen Sonntag haben wir mit den Wangeroogefahrern den ersten bescheidenen Fahrtenabend mit Lichtbildern im Keller gehalten.

Auch im Gemeindehaus durfte ich als Handwerker nicht müde werden. Ein Schornstein war nicht da, also musste das Rohr durch die Außenwand geführt werden. Zwischendurch musste ich auch einige Konfirmandenstunden halten. Hier gab es Gelegenheit, für die Jugendstunden zu werben. Wenn es mal zu einer Fahrt kam, ging es am Sonnabend nachmittags los: Übernachtung auf der Heideburg und am Sonntag Waldandacht und dann zum Karlstein, der im Rosengarten nicht leicht zu finden war.

Für die Schulkinder gab es am Reformationstag für die vielen Klassen, die dann kamen, zwei Gottesdienste. Auf unseren Stützpunkten Marsch und Geest entwickelte sich eine große Jungschargruppe.

Auch die große Familie kam nicht zu kurz. Die Familie Hinze hatte ihren Spielwarenladen wieder aufgebaut und auch Tante Erna bekam dabei einen kleinen Tabackladen ab. Es fehlten am Dach die Dachrinnen. Flugs stellte der Hugo in Friesens Werkstatt die Dinger her. An einem freien Tag wurden die dann am Billstedter Haus angebracht. Nach Feierabend wurde mit der Familie ein Dom-Bummel gemacht. Dies wurde alle Jahre durchgeführt.

Für die Gemeinde haben wir eine Bibelwoche, an der auch die ältere Jugend teilnahm, abgehalten. Die üblichen Veranstaltungen abends entfielen dann. Das Jugendpfarramt setzte alle Monate in der Trostbrücke, altes Rathaus, Konferenzen an, auf denen über die nächsten Aufgaben gesprochen wurde. Dann waren in den nächsten Tagen Proben für das Hirtenspiel dran, das vor Weihnachten bei uns in der Kirche aufgeführt werden sollte. Das Worpsweder Hirtenspiel, von Hausmann von Kochstein geleitet, wurde im Advent gut aufgenommen. Karl und ich waren die Hirten, die allerlei aufsagen mussten. Es wurde auf St. Pauli bein der Mitternachtsmission, in Neuengamme im Gefängnis und in Kirchsteinbek aufgeführt. Weil es in seinem Inhalt so gut war, wurde es mehrere Jahre hintereinander aufgeführt. In Langenhorn war sogar das Fernsehen dabei.

Natürlich musste auch in diesem Jahr der große Christbaum mit elektrischen Kerzen versehen werden. Die Weihnachtsgottesdienste nahmen an Besuchern zu. Nach Weihnachten wurden für die Jugendkreise Weihnachtsfeiern abgehalten. Im Kindergottesdienst bekamen die Kleinen ein Büchlein. Es waren wohl insgesamt ein halbes Dutzend Feiern, die wir durchführten. Später aber haben wir diesen Weihnachtsrummel gedrosselt. Das Jahr ging voller Dank unserem Herrn gegenüber in der Familie still zu Ende. Was würde wohl in der Tiefe des neuen Jahres schlummern?

1950

Durch Horn rasselte die Trümmerbahn, die den Schutt von den zerstörten Häusern nach Öjendorf brachte. Langsam begann der Aufbau in unserer Stadt.

Zwischendurch führte ich mit den Jungen auch eine Besichtigung in den Alsterdorfer Anstalten durch: Für den Menschen ganz heilsam, auch eine solche Welt der Behinderten zu erleben.

Immer wieder wurden auch Gemeindebesuche eingeschoben, ganz zu schweigen von all den anderen Aktivitäten. Für die Familie musste auch wegen einer Wohnung etwas unternommen werden, aber zur Zeit war in dieser Sache noch kein Land zu sehen. Unsere Verbindung nach Billstedt wurde weiter geknüpft. Elternabende wurden durchgeführt, denn die Eltern sollten unsere Arbeit auch kennen lernen.

Wir waren in Bahlburg und haben mit Meyer die Termine für das Sommerlager festgelegt. Dann brachten die Jungen Werbematerial von der Gemeinde unter die Leute. Wir waren jetzt schon so weit, dass man auch in einer Druckerei Werbezettel für unsere Arbeit drucken lassen konnte. Auch ein Krankenhausbesuch war fällig, Herr Geyer wurde sehr krank, erst im letzten Augenblick hatte man den Krankheitsherd entdeckt und konnte die Krankheit nun wirksam behandeln.

Im März hielt wir in Horn eine Diskussionsveranstaltung mit der FDJ aus der Zone ab. Es kam zu einer Auseinandersetzung und die Führerin der FDJ-Gruppe machte massive Angriffe auf die christliche Jugend: „Von wegen! Wo ist denn euer Gott? Wo war er denn, als die Frau im Krieg ihren Mann verlor und sie betete, ihr Haus möge verschont bleiben und die Bomben fraßen es auch?“ Meine Antwort war, der liebe Gott kann ein furchtbarer Gott sein. Furchtbar ist es, in die Hände dieses Gottes zu fallen ohne Jesus Christus. Mit ihrer Ideologie hatte sie bei uns hier im Westen und unter den Jungen keinen Erfolg. Wir haben diese Begegnung bald vergessen.

Auf der Heideburg waren wir wieder mal mit 140 Jungen und Mädel zu einer Freizeit. Montags war ja immer mein freier Tag. Einmal fuhren mit Lisa zur Schwägerin, um Einkäufe zu machen. Abends waren zum ersten Mal in Billstedt, und wir gründen dort mit 25 Jungen eine Jungschar. Aus der gingen später ganz tüchtige Jungen hervor. Noch nach Jahren riss auch hier die Verbindung nicht ab. Eines muss mal bemerkt werden: Die Frau von Pastor Gronau war eine geborene Mumsen. Der Vater war in der Eimsbütteler Christuskirche Pastor gewesen. Mit dem hatte ich schon in jungen Jahren als Klempner im Pastorat etliche Berührung durch meine Arbeit.

In der Geest kam so langsam auch eine Mädchenjungschar zustande. Durch einen Jugendleiter hörte ich von einem Gelände in Jesteburg. Also hin und mit der Familie Unteutsch, die dort einen Hof gepachtet hatte, verhandelt. Der Hausvater Unteutsch kam aus der Jugendbewegung, "Fahrende Gesellen" hieß die Gruppe, und war uns freundlich gesonnen. So begann dieses Jahr die erste Osterfahrt nach Jesteburg. Das erste Osterfeuer wurde hier entzündet und Karl bekam auf dem Heuboden im Schlaf die Stiefelwichse zu riechen.

In den Neubauhäusern verteilten wir ca. 700 Gemeindeblätter. Die gesammelten Gelder für die Innere Mission mussten gezählt und abgerechnet werden. Beim Schulanfänger-Gottesdienst mussten wir wegen der großen Zahl dabei sein. Auch im Haus gab es viel zu tun, Gartenarbeit tat sich nicht von allein.

Die Vorbereitung einer neuen Fahrt wurde erforderlich. Ich fand ein Quartier in Asendorf, ein Jugendheim, das für unsere Ansprüche ideal war. Diesmal fiel der 1. Mai auf einen Montag und so gab es zwei Feiertage. Das Heim hatte vor dem Haus eine große Wiese und am Rande floss die kalte Seeve als Heidefluss vorbei. Gleich am ersten Tag wurden Pfadfinderspiele durchgeführt. Eine kaputte Brücke, auf der die Bretter fehlten, wurde als Mutprobe-Objekt benutzt. Jeder, der die Mutprobe bestehen wollte, musste über diese Brücke. Alle außer einem schafften es. Alwin Bien, er war ängstlichen Gemüts und musste aus einer Zwangslage gerettet werden. Eine andere Übung ist mir im Gedächnis geblieben: Da war doch die Seeve, eine Möglichkeit, unser Programm zu bereichern, mit der Aufgabe, trockenen Fußes zum anderen Ufer gelangen. Da gab es Bäume mit langen Zweigen. Also sollte so etwas geangelt und hinüber gehangelt werden. Nur bei Kuddel Schrödter klappte es nicht. Er hatte sein Gewicht falsch eingeschätzt und so ging er mit seinem Ast baden. Ein herrlicher Anblick, als der Lange im Wasser hing. Noch heute habe ich dieses Bild, das ich damals geknipst hatte. Es wurden viele Prüfungen abgelegt. Der Tag ging mit einem Lied und einer Andacht zuende.

Dann kam der 1. Mai 1950 und keiner von uns ahnte, dass dieser Tag in unserer Gemeindegeschichte noch einmal so berühmt werden sollte. Für diesen Tag gab es ein großes Geländespiel im Hanstedter Forst. Nach dem Spiel fanden wir uns auf Töpst ein. Dies war ein markanter Punkt im Gelände. Dort standen wir in einem Karree und hier wurde verkündet: „Von nun an gibt es eine Pfadfindergruppe, die FCP - Freie Christliche Pfadfinder - der Martinsgemeinde zu Hamburg-Horn. Wer mitmachen will, bekommt einen Zettel für die Personalangaben und ab wann er mitmachen will. Wer diesen Zettel ausfüllt und abgibt, bekundet hiermit seine Mitgliedschaft.“

Das Echo war überwältigend. Vor dieser Entscheidung hatte ich mit Pastor Niemann gesprochen und auf die entstehenden Schwierigkeiten in der Jugendarbeit hingewiesen. Die Gruppen wurden zu groß und der Kontakt zu den Einzelnen wurde immer schwächer. Also musste ein anderes System her. Und da ich aus der Pfadfinderarbeit kam, wurde diese bei uns eingeführt. Von nun an gab es die FCP, gegründet am 1. Mai 1950 in Asendorf. Jetzt aber kam eine Menge Arbeit auf mich zu. Es waren keine Unterlagen für diese Arbeit da. Diese mussten herbeigeschafft werden. Probenzettel, Ausweise, Wimpel, Lagermaterial, Abzeichen und auch an eine Lagerfahne musste gedacht werden. Bei einer Besprechung mit den Älteren wurde die erste Sippe "Der springende Hirsch" gegründet. Welches Hemd, Hose und Hut mussten für die Pfadfinder her? Das Hemd sollte eine grüne Farbe haben, das Halstuch mausgrau. Wir wollten nicht das Barett der anderen Pfadfinder, sondern entschieden uns für den Pfadfinderhut, der auch vom Gründer der Pfadfinder, Baden Powel, getragen wurde. Also ein echter Filzhut mit Sturmriemen. Die Hemden wurden in Billstedt bei Magnus angefertigt. Die Pfadfinderzeichen stickte unsere Pfadfindermutter Lisa, die bereit war, manches für die werdenden Pfadfinder zu machen. Sie machte auch später die tolle Lagerfahne, schwarzes Tuch, Lilie in rot und das Kreuz in gelb. So hatten wir gleichzeitig die Farben unseres Landes. Der Vater eines unserer Jungen, wir hatten 3 Sohnemänner von ihm, war Goldschmied und machte uns aus Silber die Anstecknadeln, die bei der Aufnahme verliehen wurden.

Etwas später, als einige ihre Prüfungen als Pfadfinder bestanden hatten, gründeten wir den Späher-Rat. Dies war die oberste Instanz, die einmal im Monat zusammen kam, um über den weiteren Fortgang zu beraten. Der Aufbau des Pfadfinderstammes kam so zustande: Jeder Junge musste erst Wölfling werden, verdiente sich durch Ablegen einer Prüfung erst einen Stern und bei der 2. Prüfung den 2. Stern. Erst jetzt konnte der Wolf, der auf der Brusttasche des Hemdes aufgenäht war, "sehen". Die nächsten Ränge waren dann die Jungpfadfinder, Pfadfinder, Jungspäher, Späher, und die Alten hießen Rover. Die Sippenführer hatten bei den Wölflingen eine gelbe Pfeifenschnur, grün bei den Jungpfadfindern, rot bei den Spähern. Der Stammführer trug eine blaue Schnur. Viele Kleinigkeiten kamen hinzu, aber es machte den Jungen, die ja in kleinen Sippen zusammengeschlossen waren, viel Spaß. Der Stamm der Pfadfinder hatte einen tollen Namen und dazu das richtige Lied. "Jörg v. Frundsberg" war der Name; nach einem alten Ritter, der Luther in Worms noch auf die Schulter geschlagen und gesagt hatte: „Mönchlein, Mönchlein du gehst einen schweren Gang.“ Das Stammeslied hieß: "Die Bauern wollten Freie sein, es sollt ihnen schlecht gelingen...".

Einmal im Monat kamen alle Sippen, die Zahl war auf über 15 angestiegen, zu einer Stammstunde zusammen. Hier wurden die neuesten Beschlüsse des Späherrates bekannt gegeben. Manch eine Verleihung gab es dabei auch, und der Betroffene war stolz, auch als vollwertiges Mitglied dabei zu sein.

Für unser Lager brauchten wir richtige Zelte; nicht nur die einfachen Hauszelte (die auch), sondern Kothen. In diesen Lappenzelten konnte man eine Feuerstelle anlegen. Diese Zelte waren nicht billig, aber mit der Zeit brachten wir es auf ein halbes Dutzend. Manches hätten wir nicht anschaffen können, wenn nicht Beitragspflicht bestanden hätte. Der Beitrag war nicht hoch und so konnte auch der Ärmste seinen Obolus zur Sache beitragen. Einen tüchtigen Kassenwart fanden wir auch, der sehr aufpasste, dass keiner mit dem Beitrag in Verzug kam.

Wir brauchten auch Räume für unsere Sippen. Zuerst war ja alles sehr eng. Später, als das Gemeindehaus ausgebaut wurde, haben wir darauf geachtet, dass kleine Räume entstanden und zum Keller ein neuer Zugang geschaffen wurden. Später entstand noch eine Zelthütte, genauer eine Blockhütte. Das Holz hatten wir aus dem Sachsenwald geholt. Darin befanden sich eine Kasematte, ein großer Thingraum und eine Werkstatt zum Basteln. Unsere Räume waren so sehenswürdig, dass viele kamen, um diese zu besichtigen. Natürlich schleusten wir bei Elternabenden die Eltern durch die Kellerräume. Ein Keller war Archiv und Büroraum für mich. Manche Trophäe brachten wir von Auslandsfahrten mit und die wurden hier dann ausgestellt.

Am 6. Mai 1950 ging Pastor Fork um in Luckenwalde eine Stelle als Superintendent annehmen. Am Sonntag darauf machen wir eine Wanderung durch den Sachsenwald.

An einem Montag war um 18.00 Uhr im Rauhen Haus meine Einsegnung als Diakon, zusammen mit 6 Brüdern, und anschließender kleiner Feier. Natürlich war auch mein kleines Frauchen mit dabei.

Nach einer neuen Liste, die angefertigt werden musste, kamen wir inzwischen mal eben auf ca. 150 Jungscharler. Etliche wurden später von den Pfadfindern übernommen. Bei all den Stunden, die gehalten wurden, und bei den vielen Fahrten, kann man heute nur staunen, wie dies nur alles möglich war. Auf dem Heideburgtreffen, zu Exaudi, letzter Sonntag vor Pfingsten, kamen 4.000 Teilnehmer zusammen. Es war ein sehr schöner Tag.

Noch eines wurde für die Pfadfinderarbeit in Angriff genommen: Es wurde ein Mitteilungsblatt der FCP herausgebracht, "Die Fährte", die Jahrzehnte ihren Weg durch unsere Gemeinde nahm. Immer mussten Pfadfinder gefunden werden, die die Redaktion des Blattes übernahmen.

Nachdem Pastor Forck gegangen war, benötigte die Gemeinde, die mit der Zeit immer größer wurde, einen zweiten Pastor. Endlich, nach langer Gefangenschaft, wurde der frühere Pastor Dubbels aus russischer Gefangenschaft frei. Sein erster Besuch bei uns zu Hause erfolgte am 25. Mai 1950.

Jetzt begann die Zeit, ab der wir Jesteburg als unseren Stützpunkt ansahen. Wir konnten dort im Gelände prima zelten und das Feuermachen war dort unter Berücksichtigung besonderer Vorschriften erlaubt. Pfingsten erfolgte dort ein Treffen mit Pfadfindermädeln, die auf einige Pfadfinder eine besondere Anziehungskraft ausübten. Die Fahrt ist wohl nicht so gut verlaufen, wie es sich die Führung gewünscht hat, wenn wir auch dazu beigetragen haben, dass manch einer unser Pfadfinder dabei seine Holde fürs Leben gefunden hat.

Ein großes Jungscharspiel auf der Heideburg machten wir mit 124 Jungen mit. Aufgabe war es, in Kannen Wasser zur Heideburg durchzubringen, ohne, dass das Wasser vom Gegner ausgeschüttet wurde. Unsere Gruppe schaffte es und war bei den Siegern. Zwischendurch hatte man uns die Fahne gestohlen. Im Wald begann eine große Suche danach. Ausspioniert wurde, wer sie hatte; und siehe da, es waren unsere "Freunde" von der CP. Die Fahne wurde zurückgeholt und einem CPler das Halstuch abgenommen. Einen Tag später holte sich der Führer bei uns in Horn das Halstuch ab.

An einem Montag, meinem freien Tag, deckte ich in Billstedt bei Hinze auf dem Neubau das Dach. Abends war Jungscharstunde bei Gronau. Endlich bekamen wir eine Wohnung in unserem Haus in Horn zugesprochen (Tiefparterre links im Haus 439. Früher hatte Firma Frieß die ganze Wohnung als Büro, jetzt blieb ihnen nur das vordere Zimmer mit Eingang von der Straße). Wir konnten von hinten über den Hof durch die Küche oder vom Keller-Treppenhaus in die Wohnung. Immerhin hatten wir 2 Zimmer und Bad. Dies war schon ein großer Fortschritt. Natürlich mussten die Räume erst einmal in Ordnung gebracht werden. Die Malerarbeiten und was sonst so anlag, haben wir, meine Frau und ich, ausgeführt. Zwischendurch gab es immer wieder Unterbrechungen, denn mehrere Freizeiten standen an.

Das Jungendpfarramt plante eine Freizeit am Schliersee mit den Jugendleitern, die der Jugendpastor Wölber leiten wollte. Meine Frau gab mir "Urlaub" und am 14. August 1950 fuhren wir mit einem großen Bus nach Bayern. Eine Erholungsfahrt war es nicht, denn Wölber hielt jeden Morgen ein Arbeitsreferat über Jugendarbeit. An einem Tag gab es dann einen Aufstieg zur Brecherspitze. Wir waren bald den ganzen Tag unterwegs und kamen hungrig ins Quartier zurück. Beim Essen stellten wir fest, dass zwei Gemeindehelferinnen nicht da waren. Abends bin ich mit noch einem Bruder bei Gewitter aufgestiegen und fanden die Mädel oben bei einer Hütte unterm Dach stehen. Sie hatten Angst, den Berg alleine abzusteigen. Wir sind später noch mehrere Male aufgestiegen; Alpspitz und Rotwand haben wir bezwungen. Karl und seine Lydia hatten doch allerlei Mühe mitzukommen. Bruder Wilhelm Schmidt hatte sich an der Rotwand festgeklammert und wartete auf uns, um wieder abzusteigen.

In diesem Jahr waren in Oberammergau die Passionsspiele. Wölber hatte Karten besorgt und wir fuhren zu der Mammutvorstellung, die allein 6 Stunden dauerte. Waren von dem Spiel beeindruckt. Vor Abschluß der Freizeit wurde noch ein zünftiger Abschiedsabend durchgezogen. Bruder Höllenriegel hatte tolle Plakate gezeichnet, wonach ein Teilnehmer sich als Karrikatur wiedersah. Einen Tag später saßen wir im Bus und es ging über Nürnberg, Würzburg, Fulda nach Hamburg zurück. Ich wurde mit lautem Hallo in der Familie begrüßt.

Der nächste Alltag brachte eine Besprechung mit Dubbels. Die Zahl seiner Konfirmanden war so groß, dass er den 1. Jahrgang abgeben musste und so kam ich dann an die Reihe, von nun an den Unterricht zu übernehmen.

Zweierlei kam hinzu: Die 100-Jahrfeier der Alsterdorfer Anstalten in der Musikhalle, und bei einer Sitzung der Jugendleiter im Jugendpfarramt wurde ich als neues Mitglied in die Jugendkammer gewählt, verantwortlich für die ganze Jungschararbeit im Raum Hamburg.

Große Lieferungen vom Hilfswerk kamen. Milchpulver, Käse und Butter. Tüten mussten besorgt werden und das Milchpulver, das in Tonnen angeliefert worden war, in den Tüten abgewogen werden. Im hinteren Raum vom Keller des Gemeindehauses, dieser hatte einen eigenen Eingang, war unsere Stelle für die Verteilung und Ausgabe. Die Blöcke Käse und Butter konnten wir mit dem Messer nicht zerteilen. Also kamen wir auf den Gedanken, die Zerteilung mit einem dünnen Draht, an dem Holzgriffe befestigt worden waren, vorzunehmen. Es gelang ausgezeichnet und Karl konnte dann die Stücke in Butterbrotpapier einpacken.

Die bedürftigen Gemeindemitglieder bekamen eine Karte zugeschickt, die dann auch berechtigte, die Lebensmittel abzuholen. Viele kamen in den Genuss der Spenden aus den USA. Auch bekamen wir Carepakete. Mit der Verteilung gab es aber auch manche Schwierigkeiten.

Wenn nun wieder über eine Herbstfahrt erzählt wird, dann wegen einiger Erlebnisse, die nie wieder kommen werden. Bei dieser Wanderung hatten wir uns den schönsten Forst, Raubkammer bei Bispingen, vorgenommen. Ich kannte ihn von früher, also los! Der Wald war so richtig urwüchsig. Unterwegs fanden wir viele essbare Pilze. An einer Wasserstelle haben wir abgekocht. Karl, der Oberkoch, hatte Nudeln auf dem Speisezellel, die auch ganz gut gekocht waren. Nur viel zu viel! Einiges mussten wir für die Tiere zurücklassen. Weiter ging der Weg nach dem Marschkompass auf unser Quartier zu. Unterwegs kam uns plötzlich ein englischer Offizier in die Quere. In gutem Deutsch erklärte er, dass dies militärisches Gelände sei und es verboten sei, es zu betreten. Wir hätten Glück, an diesem Tag seien keine Schießübungen. Nun, ich zeigte ihm unser Ziel Lopau, wo wir in einer Jugendherberge übernachten wollten. Er gab sich mit der Auskunft zufrieden. Weiter ging es durch wildverwachsenes Gelände. An einer Stelle war ein Kahlschlag und hier lagerten Granaten. Die Erde war mehrere Quadratmeter schwarz, hier hatte man Giftgasgranaten vernichtet. Wir machten einen großen Bogen um diesen Platz. Man konnte ja nicht wissen, was uns passieren konnte. Stunde um Stunde ging es durch die wildbewachsene Raubkammer. Karl lag mir oft in den Ohren, dass mein Kompass nicht stimme und wir von der Zielrichtung abgekommen seien. Aber ein alter Pfadfinder lässt sich wohl nicht aus der Ruhe bringen. Es ging stur nach der Marschzahl und siehe da, mit einem Mal waren wir in dem kleinen Dorf Lopau. Nur eine Überraschung gab es: Der Herbergsvater hatte unsere Anmeldung verlegt. Das Haus war proppevoll. So mussten wir mit einem Notquartier vorlieb nehmen. Auch dies wurde überstanden und am nächsten Tag ging es über Wolfsrode zum Gut von Kloster Lüne.

Vorher wurde bei einem Krämer im Dorf eingekauft. Immer wurden ein paar Jungen ausgewählt, d.h. ausgelost, denn um das Amt des Tragens drängte man sich nicht. Beim Krämer gab es aber meistens eine süße Zugabe. Wir kauften große Brote, Käse und oft große Scheiben gekochten Schinken. Am Anfang der Fahrt waren wir zunächst recht sparsam mit dem Geld. Manchmal hatten wir aus dem Laden meines Schwiegervaters Erbswürste mitgebracht und dazu gab es dann eine dicke Knackwurst. Zum Abendessen, das wir meist in der Waschküche fertig machten, hatten wir schon eine Mordsarbeit, um für die große Meute (ca. 3o Jungen) die Brotscheiben zu streichen und zu belegen. Meistens gab es zwei ganz dicke Scheiben, die als „Wunderschnitten“ in die Geschichte eingingen. Von diesen zwei Schnitten wurde man reichlich satt. Wer noch Hunger hatte, bekam natürlich mehr. Manchmal blieb noch einiges übrig, was am anderen Morgen nach der Morgenandacht verteilt wurde. Zuerst haben wir abends Tee gekocht, später ließen wir uns aber vom Bauern etliche Liter Milch geben.

Zurück zum Gut Lüne. Es war schon dunkel, als wir dort ankamen und uns beim Verwalter meldeten. Er wies uns zu einer alten Scheune, in der auf dem Boden Heu lag, und sagte uns, dass es elektrisches Licht dort nicht gebe. Machte nichts, denn wir waren mit Taschenlampen ausgerüstet. Bevor wir zum Heuboden aufstiegen, mussten alle ihren Trainingsanzug anziehen. Keiner durfte mit anderen Sachen ins Heu oder ins Stroh. Immer ging einer von uns zuerst nach oben und untersuchte das Lager. Auch in diesem Fall war ich eigentlich der erste Mann, aber schnell hatte sich einer der Jungen an mir vorbei gemogelt und wollte das beste Lager haben. Ich erzähle dies, weil es noch so ulkig wurde. Wir hatten zwei Brüder in unserer Gruppe mit Namen Ostrowsky, die sich oft zankten, sich also nicht vertragen konnten. Nun, dieser eine war der, der an mir vorbei auf den Heuboden gehuscht war, der bis zur Spitze vollgepackt war. Mit einem Mal ein Schrei, der verhallte und dann aus der Tiefe ein Jammern. Aber sein Bruder war nun auch gekommen und schrie in einem fort: "Mein Bruder ist weg, mein Bruder ist weg. Mein armer Bruder!" Dieser schrie aus der Tiefe: „Ich bin in einen Keller gefallen. Hilfe!“ Wir natürlich wieder runter und fanden die Scheune weit offen, stockdunkel, und auf dem Boden lag unser voreiliger Knabe, den wir erst einmal beruhigen mussten. s war kein Keller, sondern der leere Kuhstall. Nachdem sich alle im Heu eingekuschelt hatten, kam eine spannende Geistergeschichte dran. Nach der Tagesmüh’ und den berühmten Luftblasen an den Füßen, schlief man schnell ein. Das Ende der Geistergeschichte sollte ich gleich am nächsten Tag weitererzählen, ich war jedoch nicht zu erweichen. Die Fortsetzung gab es erst am nächsten Abend im Strohquartier.

Auf der Wanderung gab es auch Pausen, die zum Spielen benutzt wurden. Wir hatten verschiedene Anlaufstellen, wo wir nachts bleiben konnten. Alle Quartiere wurden meistens Wochen vorher abgefahren und die Erlaubnis zum Bleiben eingeholt.

Zurück in Hamburg, ging ich in einem Trödlerladen, der viele Sachen auch von der Wehrmacht aufgekauft hatte. Von ihm kauften wir "für ´n Appel und ´n Ei" Hocker für die Jungschargruppe im Ried. Wir mussten einen Bunker an der Legienstraße sauber machen und dann konnten wir dort bei Kerzenschein und mit den Wehrmachtshockern die Jungscharstunde beginnen.

Mit dem Schrebergartenverein auf der Geest gab es Schwierigkeiten und wir mussten die Holzbude räumen. Ja, wohin jetzt mit den Jungscharlern?

Zwischendurch gab es mal wieder eine Nachtfahrt zum Paul-Roth-Stein im Rosengarten. Dieser Stein musste nach einer Skizze gefunden werden. Natürlich belauschten wir die Sippe. Einer lag im Gelände und prüfte mit dem Kompass die Richtung. Er merkte es nicht, dass der Kompass nicht stimmte. Man lag ja unter einer Stromleitung. Ha, ha! Es dauerte sehr lange, bis alle den Paul-Roth-Stein gefunden hatten. Am Horizont graute schon der neue Morgen, als wir die erste Straßenbahn nahmen und nach Hause fuhren. An diesem Sonntag hatte ich nur 3 Stunden geschlafen, aber abends musste eine Jungspähertruppe betreut werden. Einer der nächsten Tage war ich dann auch mal wieder im Männerkreis, zu dem Pastor Dubbels regelmäßig bat. Der nächste Jugendgottesdienst fand um 15.00 Uhr mit über 200 Jungen und Mädel statt.

Am 26. Oktober 1950 hatte Lisa ihre schwere Stunde. Unter Schwierigkeiten kam 5 Minuten vor 6 Uhr abends ein Junge zur Welt. Als alles überstanden war, waren wir sehr glücklich und dankbar. Wir gaben ihm den Namen Helmut.

Eine neue Aufgabe musste angepackt werden: Wir hatten herausbekommen, dass die Verwaltung für Wehrmachtsgut eine leerstehende Baracke zu vergeben hatte. In ihr hatten Litauer als Flüchtlinge gewohnt. Also zur Stadtverwaltung, um diese Baracke zu bekommen. Wegen knappen Wohnraums begann ein zähes Ringen mit den Bürokraten, bis wir auf dem alten Zoogelände in Hamburg diese Baracke übernehmen durften. Die Finanzbehörde hatte auch noch ein Wort mitzureden, bis es endgültig so weit war. Abbauen mussten wir die Baracke schon selber. Weil der Wind von unten die Baracke ausgekühlt hatte, hatte man an die hintere Längsfront Sand angehäufelt. Beim Auseinandernehmen stellten wir fest, dass alle hinteren Platten am Boden verrottet waren. Das Baugeschäft Kröning in der Horner Landstraße übernahm das Abfahren der Barackenteile. Glücklicherweise kanten wir im Querkamp, im ehemaligen Flaklager der Wehrmacht, eine Familie Sturm. Bei der konnten wir die Teile vor der Tür abladen. Hier im Lager bekamen wir auch einen Platz, wo wir unsere Baracke später aufstellen konnten. Die Sturms waren für uns keine Unbekannten, denn über die zwei Mädels, die zur Jungschar gehörten, und den Jungen, der bei den Pfadfindern war, waren genug Berührungspunkte da. Um die Baracke wieder aufstellen zu können, wurden die kaputten Platten an den unteren verfaulten Teilen erneuert. Jeden Morgen, bei Regen, Schnee und Kälte, bin ich mit dem Rad ins Lager gefahren und bei der Reparatur der Platten hat oft der gute Herr Sturm mitgeholfen.

Unterbrochen wurde die Tätigkeit dort und in der Gemeinde durch die Taufe unseres kleinen Helmut am 1. Advent im Gottesdienst. Bemerken muss ich hier noch: Als wir unseren Jungen im Gottesdienst taufen lassen wollten, regte sich der Kirchenvorstand auf: Ich wolle eine besondere Ausnahme haben und mir darauf etwas einbilden. Wir, Lisa und ich, waren sprachlos über solch eine Haltung. Den Herren vom Kirchenvorstand war überhaupt nicht klar geworden, dass die Taufen in den Gottesdienst gehören und die Gemeinde daran teilhaben muss, und diese nicht nach dem Gottesdienst, letztlich ohne Gemeinde, stattfinden sollten. Heute haben viele Gemeinden ein besseres Verständnis zur Taufe. Trotz aller Querelen haben wir in der Familie eine schöne Feier gehabt.

Der Alltag hatte uns bald wieder und Tag für Tag ging es zum Querkamp, um die Baracke zum Aufstellen fertig zu bekommen. Das Fundament musste auch noch erstellt werden. Dann kam der 15. Dezember 1950. Ich kam durchgefroren nach Hause. Meine Frau kam mir mit verweinten Augen entgegen. In der Stube stand das Körbchen mit dem Kleinen, aber er war nicht mehr am Leben. Da lag der kleine Körper, als wäre er noch im Schlaf. Mich hat dies sehr tief getroffen. Am Morgen als ich wegging, war scheinbar noch alles in Ordnung. Lisa war auch noch mit ihm zum Arzt gewesen, der aber an dem Jungen nichts Auffälliges feststellen konnte. Um so schockierter waren wir über den Tod unseres Kleinen. Es war Adventszeit und so haben wir ihm Tannengrün mit in den kleinen Sarg gelegt. Wir hatten uns über den Jungen besonders gefreut, denn zwei Mädel waren ja da - und nun dies? Es war für uns nicht leicht, den Hiobsatz nachzusprechen: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen. In aller Stille haben wir ihn dann in Schiffbeck auf dem Kinderfriedhof zur letzten Ruhe gebettet. Hier in der Erinnerung soll er einen bleibenden Platz haben. Der 3. Advent war für uns ein sehr trauriger Sonntag, denn in unsere Mitte war eine Lücke gerissen worden.

Jetzt waren wir mit der Baracke so weit, dass sie aufgestellt werden konnte. Ja, als die Dachlatten aufgelegt wurden, fehlte die Dachpappe. Wir hatten aber Glück. Herr Hinze aus dem Kirchenvorstand war bei einer Dachpappenfabrik in Billwerder tätig. Durch ihn stiftete die Firma die Rollen Dachpappe und das Klebematerial.

Es wurde wieder Weihnachten. Das Worpsweder Krippenspiel wurde an mehreren Stellen aufgeführt. Das Fest und das Ende des Jahres gingen still vorüber.

1951

Auch im neuen Jahr gingen die Arbeiten an der Baracke weiter, denn der Holzfußboden musste gelegt und die Türen eingesetzt werden. Mit einem Installateur wurde verhandelt, damit wir auch Licht in die Baracke bekamen.

Die erste Jungscharstunde in der Baracke startete mit über 40 Jungen. Damit wir auch heizen konnten, musste ein Schornstein gemauert werden. Einen Ofen bekamen wir aus der Siedlung. Oft wurden uns die Scheiben eingeworfen, also musste Abhilfe her. Bei meinem Onkel Frieß in der Klempnerbude wurden aus Blech zwei Fensterläden angefertigt und angebracht. Damit war der Ärger mit den kaputten Scheiben aus der Welt. Für unseren Jugendstunden im Gemeindehaus konnten wie einen Kriminalinspektor gewinnen, der in mehreren Stunden, und dies immer sonntags, aus seiner Arbeit erzählte. Manche Aufklärung wurde an die jungen Menschen weitergegeben.

Mit Pastor Niemann und etlichen Mitarbeitern aus dem Jugendpfarramt fuhren wir am 12.2.1951 zum ersten Mal nach Heiligenhafen. Auf dem Graswarder, vorgelagerte Insel von Heiligenhafen, wurden zwei Häuser besichtigt, die zum Verkauf anstanden. Von der Landeskirche wurde ein ehemaliges Cafe abgelehnt. Das zweite Haus war ganz am Ende der Insel. Ein kleines, strohgedecktes Sommerhaus, das eine Kieler Familie verkaufen wollte. Pastor Niemann nahm die Verbindung zu der Familie auf, später sollten die Verhandlungen beginnen. Es mussten noch allerlei Hürden genommen werden. Dafür war dann am 26.2.1951 eine neue Fahrt angesagt.

Mitte Februar begannen wir mit den ersten Filmstunden in verschiedenen Bezirken. Es war schon ein großes Ereignis, als die Gemeinde einen großen Posten Stühle kaufte, damit hörte ein Provisorium auf. Die Klappstühle konnten wieder auf die Empore, denn der Kirchenchor musste auch endlich wieder Sitzplätze bekommen. In der Passionszeit führten wir mit unserer Laienspielgruppe, die einen guten Ruf genoss, das Spiel "Des Todes Tod" auf.

Immer wieder fanden Fahrten statt, so zur Heideburg. Ostern waren wir in Moisburg, wo Pastor Schwieger im Ostergottesdienst in der alten Dorfkirche zu oft von dem alten Sauerteig sprach, so dass unsere Jungen es später immer wiederholen. Gemeint war das alte im Menschen immer wieder zum Durchbruch kommende Wesen, das nicht gottgefällig ist.

Am 18. April 1951 lärmte mit einem Mal die Feuerwehr vor unserem Haus. Nachbarn hatten sie gerufen, denn der Dachstuhl brannte über uns. Wir hatten es nicht bemerkt. Gab das eine Aufregung! Das Haus musste geräumt werden und nun wurden wir Zuschauer, wie die Leitern blitzschnell ausgezogen wurden, die Feuerwehrleute zum Boden eilten, andere von außen die Schläuche mit Wasser in Marsch setzten. Man bekam das Feuer schnell in den Griff und so wurde nur links oben der Dachstuhl vernichtet. Wir konnten glücklicherweise nach Stunden in unsere Wohnung zurück, die kaum Wasserschaden abbekommen hatte. Ursache des Brandes: Der obere Mieter auf der letzten Etage hatte in einen Eimer heiße Asche auf den Boden gestellt. Wir stellten den Einwohner zur Rede, aber meinem Schwiegervater gegenüber leugnete er es ab. Von diesen Leuten wäre sowieso nichts zu holen gewesen. Den Schaden hat dann die Brandkasse übernommen. Ein neues Dach wurde wieder dran geflickt. Noch heute kann man auf dem Boden die schwarzen Wände sehen, die der Brand verursacht hat. Es war für unsere Kinder ein tolles Erlebnis, die Feuerwehr so zu erleben. Gott sei gedankt, dass kein Mensch zu Schaden kam.

An der Baracke war noch manches fertigzustellen. Auch der Transport etlicher geschenkter Möbel musste zum Querkamp, zu unserem neuen Stützpunkt, durchgeführt werden. Immer wieder machten wir am Sonnabend oder Sonntag unsere Filmvorführungen. Dazu ließen wir aus einem Verleih in Berlin die Filme kommen. Den Filmapparat bekamen wir vom Jugendpfarramt. Sogar in Billstedt hatten wir Erfolg. 130 Jungen waren zum Filmabend gekommen.

In Billbrook gab es ein Flüchtlingslager, das auch von uns betreut wurde. Später kam es dort unter zwei Insassen zu Mord und Totschlag.

Von den Engländern hatte Pastor Niemann viele Möbel und Geschirr aus Lagerbeständen organisiert. Für uns fielen auch noch ein paar Sachen ab. Etliches wurde auf einem Flohmarkt vor dem Gemeindehaus verkauft. Der Erlös wurde für Heiligenhafen gebraucht.

Zwischendurch war auf einer Sitzung im Kirchenrat der Landeskirche die Frage erörtert worden, ob eine Gemeinde, wie die unsrige, ein Freizeitheim haben dürfe. Wenn nicht Bischof Herntrich ein klares Ja gegeben hätte (von den älteren Herren kam ein Nein) und sich mit seiner Meinung durchgesetzt hätte, wäre unser Projekt noch gescheitert. Noch zwei Tage vor Pfingsten hatten wir die gesamten Sachen nach Heiligenhafen gebracht. Für DM 3.000,-- konnte das Haus der Kieler Familie abgekauft werden. Aber ganz so billig ging es doch nicht. Die Kirche musste dann noch den hohen Lastenausgleich blechen.

Als wir das Haus betraten, sah es trostlos aus. In dem großen Vorderzimmer, mit Blick auf die See, lag ein kaputter Korbstuhl und Teile einer zersägten Fahnenstange. Wir organisierten schnell die Mithilfe eines Bauern - mit Namen Stüven -, denn nur er durfte mit dem Pferdefuhrwerk über die Holzbrücke fahren, die mit der Insel verbunden war. Er holte die vielen Sachen, die wir im Hafen hatten liegen lassen. Als die Sachen am Haus waren, konnten wir uns erst einmal für die Nacht einrichten. Für das kleine Zimmer an der Treppe brachte uns unser Bauer eine Fuhre Stroh. Hier konnten wir erst einmal schlafen. Das Zimmer bekam den Namen Massengrab. Wir haben im neu erworbenen Haus keine Erholungstage eingelegt, sondern es wurde tüchtig gewerkelt. Lichtleitungen wurden gelegt, im oberen Zimmer ein Waschbecken installiert und tüchtig der Pinsel geschwungen.

Danach waren wir wieder mit vielen Jugendlichen zu einer Tagung. Dann kam eine denkwürdige Besprechung und Zuweisung neuer Arbeitsgebiete mit Karl in der Wohnung von HaJuDu, wie wir Pastor Dubbels nannten, in der Horner Landstr. Unser Pastor wollte uns klarmachen, die Lagerarbeit wäre nicht die eigentliche Gemeindearbeit. Wir aber als Gemeindediakone haben nur grinsen können und versuchten, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Bis er es verstanden hatte, musste noch manches Wassser die Elbe herunter fließen.

Auch die Baracke ließ einen nicht los. Das Holz brauchte unbedingt einen Anstrich. Wir organisierten einen Kübel grüner Farbe. Von jetzt an hieß die Baracke auf der Geest "Der grüne Dom".

Mitte Juni fand in Steinbek ein Jugendtag statt, an dem wir teilnahmen. Aber unser Urteil: Hier wurde gezeigt, wie man es nicht machen soll. Es war in dem alten Kinosaal kein schönes Miteinander.

Mein Schwiegervater brauchte auch mal wieder meine Hilfe. Das Markisenbrett über der Ladenscheibe musste mit Zinkblech abgedeckt werden.

Wir konnten Dubbels schon mit seiner Frage "Lager oder Lager nicht" verstehen, denn es gab viel zusätzliche Arbeit für Heiligenhafen. Pastor Niemann hatte irgendwoher seinen geliebten Kombüsenherd erwischt.

Von der Jugendbehörde liehen wir uns die großen Zelte aus, unter anderen ein großes Gemeinschaftszelt, und alles musste vom Knabeweg Osdorf geholt und im Gemeindehaus gelagert werden. Dazu vom Hilfswerk die Spenden, Milchpulvertonnen, Käse, Butter und Marmelade. Die Rüststunde für die Teilnehmer wurde abgehalten, vorher war mächtig geworben worden. Dann kam das Aufladen und der Transport nach Heiligenhafen, dafür hatte Niemann einen Busunternehmer ausfindig gemacht. Selaske hieß er. Am Hafen wurde alles abgeladen, unter den Augen der neugierigen Fischer, die nach ihrem Fischfang dort herumsaßen. Die Fischer fragten ausgerechnet Ernst Alm, unseren Küster, der auch mit von der Partie war, was in der Tonne sei? "Ein Pulver, das verstreut wird, wenn der Graswarder zu nass ist!" Er konnte den Fischern mit einer Überzeugung den Bären aufbinden, dass sie das glaubten. Gut vier Tage brauchten wir zum Aufbau der Zelte und das Einrichten. Bevor der Bettkasten in die obere Hälfte des Zeltes eingesetzt wurde, kam Dachpappe auf den Boden, der Bettkasten darüber und darauf das Stroh. Wohl so an die 15 Zelte mussten wir aufstellen, haben oft bis spät in den Abend geschuftet.

Nach dem Aufbau ging es wieder nach Hause. Halt, eines darf nicht vergessen werden: Wir hatten vorher noch die Möglichkeit, Urlaub mit der Familie auf Graswarder zu machen. Im Haus gab es natürlich immer etwas zu tun.

Mit Beginn der Sommerferien hatten wir ca. 100 Jungen zusammen, die wir mit Bussen und Gepäck nach Heiligenhafen brachten. Vergessen darf ich nicht unsere Kochmütter, Frau Görlich, Frau Scheuermann und Frau Alm, die für das leibliche Wohl zu sorgen hatten. Es gehörte schon viel Talent dazu, die Magenfrage so zu lösen, dass die Kerle auch satt wurden, denn Seeluft macht hungrig. Viel hing auch vom Wetter ab, aber im Allgemeinen kamen wir gut davon. Das Lager dauerte 14 Tage. Jeden Morgen, nach dem Hissen der Lagerfahne - wir hatten unsere Kirchenfahne mitgenommen - wurde in Gruppen eine Bibelarbeit gehalten, zu der wir uns immer am Abend vorbereiteten. Auch das Programm für den nächsten Tag wurde besprochen. Gegessen wurde im großen Versorgungszelt. Bänke und Tische hatten wir von Hamburg mitgebracht.

Am 2. Sonntag war ein Besuchssonntag und die Eltern kamen in großen Scharen. Sie waren natürlich neugierig, wie ihre Jungen so lebten. Niemann hatte dem Haus den Namen "Sturmmöve" gegeben. Natürlich mussten nicht nur die Zelte, sondern auch das Haus besichtigt werden. Hinter dem Haus zur See war ein Stück Düne, dann kam die Schutzmauer, denn bei Sturm rollte die See mächtig an die Mauer heran. Der schmale Strand bot nicht viel Schutz. Die Eltern bekamen mittags einen Eintopf. Am Nachmittag boten wir Spiele an und einen tollen Lagerzirkus. Wir hatten wirkliche Talente unter uns, selbst der Karl konnte so manche Nummer vom Stapel lassen. Als es gegen Abend ging, und die Eltern nach diesem schönen Tag befriedigt abzogen, waren wir von der Lagermannschaft froh. Es war doch ein anstrengender Tag gewesen. Nach dem Schlafengehen - wir waren todmüde - kam in der Nacht ein Sturm auf. Mich störte im Schlaf ein komisches Geräusch, von dem ich glücklicherweise wach wurde. Ich schaute aus dem Zelt und sah, wie unser Versorgungszelt sich wie ein Ballon aufgebläht hatte und dabei war, auf und davon zu stürmen. Alarm! Die anderen beiden geweckt und dann aber hin, um den Ballon fest zu machen. Nur unter großer Anstrengung gelang es, dass uns das Zelt nicht landeinwärts davon ging. Wir sind dabei mächtig ins Schwitzen gekommen.

Beliebt war natürlich das Baden. Die See vor unserem Haus hatte Bojen bekommen, die als Markierung für die Schwimmer dienten. Unter anderem hatten wir ein Floß gebastelt, das in einiger Entfernung an der Kette lag und zum Tummeln diente. Einmal hatte die wilde See das Floß losgerissen, und unter großer Mühe mussten wir es bergen. Jeden Morgen ging unser Karl mit einem Badethermometer zum Strand und hat die Wassertemperatur gemessen. Meistens waren ihm 18 Grad zu kalt und er unterließ das Baden.

In Verbindung mit einem alten Seemann in Heiligenhafen, der ein altes Motorboot von der Wehrmacht hatte, machten wir mit allen Lagerinsassen eine Fahrt nach Fehmarn. Wir nahmen unsere ausgeliehene Filmkamera mit und filmten die ganze Fahrt. Den Film, der gut gelang, haben wir später mehrere Male aufgeführt, bis er beim Gemeindeumbau verloren ging.

Auf Fehmarn besichtigten wir in Petersdorf die Kirche. Von unserem Haus auf Graswarder konnte man deren Turm sehen. Der Pastor von Petersdorf erklärte uns manches zur Kirche. Dort hing auch ein kostbares Bild. Um ein Haar hätte der Nazi Göring sich das Bild unter den Nagel gerissen; man konnte dies aber noch verhindern. Auf der Rückfahrt nach Heiligenhafen setzte sich der alte Kahn an der Seite der Fahrrinne fest, aussteigen und nachschieben hieß die Parole.

Gleich nach Beendigung des Lagers, am übernächsten Tag, begann mit den Pfadfindern die Teuteburger-Wald-Fahrt. Die ganze Deutschlandfahrt wurde mit Fahrrädern absolviert. Vergessen werden soll auch nicht ein dänischer Pfadfinder, Sven Petersen, der als Gast diese Fahrt mitmachte. In Bielefeld haben wir die Fahrradwerke von Göricke besichtigt. Wenn wir schon in Bielefeld waren, durften wir die Betheler Anstalten von Bodelschwingh nicht vergessen, und wir besichtigten sie. In Bethel wurden wir durch verschiedene Häuser der Behinderten geführt und man zeigte uns, wie die Kranken betreut wurden. Das erste Haus, in dem Pastor Bodelschwingh seine Arbeit begann, war jetzt eine Webstube und wir konnten sehen, wie behinderte Mädchen mit dem Weben zurechtkamen. Um aber von Bethel aus zu Fuß durch den Teuteburger Wald zu wandern, wurden die Räder mit der Bahn nach dem Ort Horn befördert. In Bethels Speisesaal konnten wir noch essen, bevor wir die Wanderung antraten.

Natürlich ging es zum alten Herrmann. Dieses Standbild konnte erklettert werden. Später ging es durch Stendelupers Schlucht. Es war eine warme Sommernacht. Nie werden wir diese Nacht vergessen, denn in der Dunkelheit umschwirrten uns die Johannisleuchtkäfer in großer Zahl. Einen phantastischen Anblick hatten wir auszukosten. Im Berleberger Quellental machten wir einen Ruhetag. Hier kochte sich Ernst Günther Beygang, genannt Agamemnon, eine Wurzelsuppe und Pudding, aber dies Essen ist ihm nicht gut bekommen. Er lag da mit einem kaputten Magen. Alles geht mal vorüber und mit einer Verspätung ging es dann zu den berühmten Externsteinen.

Nach unserer Wanderkarte fanden wir heraus, dass es dort eine verlassene Höhle gab. Wir haben sie gesucht und in einer verlassenen Gegend gefunden. Mit dem mitgebrachten Lasso haben wir uns abgeseilt und die Höhle erkundet. Es gab jedoch kein Weiterkommen, so stiegen wir bald wieder auf.

Am Sonntagmorgen wurden wir von einem Dreiradwagen mit zur Kirche genommen. Später holten wir die Fahrräder von der Bahn, die aber nicht besonders gut behandelt worden waren. Unsere Fahrt ging an der Weser entlang. In Hameln besuchten wir den alten Rattenfänger, dann weiter zum Steinhuder Meer, in die Heide zu den Siebensteinhäusern, ein großes Hünengrab. In Bahlburg haben wir zum letzten Mal übernachtet und ab ging es nach Hause. Am Hauptbahnhof war meine liebe Frau mit den Kleinen da und holte mich ab. Später gab es Urlaub und den konnten wir mit den Kindern in Heiligenhafen im Haus Sturmmöve verbringen.

Die Gemeindearbeit in ihrer vielfältigen Form riss einfach nicht ab. Die Herbstfahrt stand nach dem Erntedank wieder an. Diesmal ging es mit 33 Jungen durch die Göhrde, ein tolles Waldgebiet in dem man im Herbst den Brunftschrei der Hirsche hört. In Wiezetze konnten wir in einem Pfarrhaus, bei Regenwetter, Quartier beziehen. Mussten uns aber vom Bauern noch das Stroh besorgen. Dieses Pfarrhaus wurde mehrere Jahre später zum Verkauf angeboten und unsere Gemeinde, heißt der Kirchenvorstand, war zu dumm, dieses wunderschöne Haus mit großem Pfarrgarten zu kaufen. Man hatte erst unseren Kirchenrendanten, Herrn Stahl, nach Hannover zur Kirchenleitung zum Verhandeln geschickt und dann später einen Rückzieher gemacht. Heute, im Nachhinein, bereut man es.

Auf dieser Wanderung passierte es, dass unser Quartier für diesen Tag nicht zu haben war und die Jungen mussten zum nächsten Quartier weiter wandern, also doppelt so viele Kilometer an diesem Tag zurücklegen. Bei Lüdersburg konnten wir endlich landen. Dafür haben wir erst einmal tüchtig ausgeschlafen, bevor es am nächsten Tag weiter ging. An einem Kanal (Lühe) haben wir abgekocht und später gebadet. Frisch gestärkt fielen wir wieder in Hamburg ein.

Dann wurde wieder einmal ein Stadtspiel durchgeführt und am Reformationstag fand ein großer Gottesdienst statt. Die Filmnachmittage am Sonntag wurden wieder aufgenommen und erfreuten sich großen Zuspruchs. Erste Vorstellung um 14.00 Uhr, zweite um 15.50 Uhr und die dritte abends um 19.30 Uhr. Es war schon was los bei uns!

Natürlich durften in den Jugendgruppen die Adventsfeiern nicht fehlen. Durch die Hilfswerkausgabe hatten wir mit der Zeit eine große Kartei mit Namen. Viele wurden betreut, aber später, als man diese Gaben nicht mehr brauchte, nahm auch das Interesse zur Kirche und Gemeinde ab.

Der Heiligabend war diesmal spannend, denn meine liebe Frau sollte niederkommen. Blieb die ganze Nacht auf, als dann nach langem Zögern am 27.12.1951 um 5.45 Uhr ein Mädel das Licht der Welt erblickte. Wir waren unserem Gott sehr dankbar, dass alles so gut abgegangen war und das Mädel, die Barbara, gesund und munter in die Welt schaute. Diesmal ging die Familie mit drei Mädeln ins neue Jahr. Alles was uns bewegte legten wir getrost in die Hände unseres Heilandes und dies war gut, denn wir wussten ja nicht, was auf uns zukommen würde. Lisa hatte vor ihrer Entbindung im Laden der Eltern tüchtig mitgeholfen und sich dabei mit Keuchhusten angesteckt, was wir erst gar nicht bemerkt hatten, sich aber später bei dem neugeborenen Kind katastrophal auswirken sollte.

1952

Zum ersten Mal wurde eine Kinderstunde durchgeführt. Mit Märchenbildern fingen wir an und zum Schluss wurde eine biblische Geschichte erzählt. Später übergaben wir diese Arbeit an die Gemeindehelferin Fräulein Hoppe, die bei uns neu eingestellt wurde.

Lisa fing seit längerer Zeit stark zu husten an und steckte damit die Kleine an. Oft wurde die Kleine blau bei diesen Hustenanfällen. Uns wurde angst und bange. Wieder konnte es passieren, dass uns ein Kind wegstirbt. Der Arzt, Dr. Geßner aus Billstedt, untersuchte und verschrieb Medikamente. Wir holten am 21.01.1952 Pastor Niemann und ließen sie taufen. Als der Hausarzt das Kind untersucht hatte, als es wieder so blau angelaufen war und nach Atem rang, stand er hilflos davor und wusste nicht, was zu tun war. Da fasste ich mir ein Herz und forderte, er solle sofort einen Einweisungsschein für das Krankenhaus ausschreiben. Er tat es auch, denn so war er der Verantwortung entbunden. Um 19.00 Uhr brachten wir sie ins Krankenhaus in Borgfelde. Der Herr sei unser Schutz und Schirm! Von nun an musste Lisa Tag für Tag mit ihrer abgepumpten Muttermilch ins Krankenhaus. Dort war die Kleine in guten Händen. Tag und Nacht haben die Schwestern sich um sie gekümmert, zuerst noch mit Sauerstoff nachgeholfen. Später bekam sie ein Medikament, was eben erst auf den Markt gekommen und sehr teuer war (Aureomyzin). Die Krankenkasse hat es trotz allem bewilligt und es half. Aber erst musste Lisa mehrere Wochen täglich ins Krankenhaus. Erst am 25. Februar konnten wir unsere wieder gesunde Barbara holen. War dies eine Freude bei uns im Haus! Für die gute Betreuung im Krankenhaus bekamen die Schwestern eine Torte, die Lisa gemacht hatte.

In Billstedt wurde mit Pfarrer Busch für mehrere Gemeinden eine Evangelisationswoche durchgeführt, die von den Jugendlichen gut besucht wurde. Über Ostern waren wir in Jesteburg mit den Pfadfindern, und da kam die erste Zeichenverleihung für die Jungspäher nach bestandener Prüfung.

Dann kam die Beerdigung eines Jungen, der auf einer Alleintour über die Autobahn bei Hittfeld lief und überfahren wurde.

In der Pfadfinderschaft im SR (Späherrat) wurde über die erste Auslandsfahrt gesprochen, mit dem Vorschlag, einmal den Norden unter die Lupe zu nehmen: Schweden-Lappland, es ist zum größten Teil unberührte Landschaft.

Nach einer Orientierungsfahrt waren wir am 1. Mai 1952 auf der Heideburg. Es waren viele Gruppen da, und ein junger Schwede, der sich als Pfadfinder ausgab, nahm mit unserer Gruppe Verbindung auf. Im Laufe der Bekanntschaft, vorher waren schon mal Pfadfindersachen getauscht worden, hörte er davon, dass wir nach Schweden wollen, und er könne Verbindungen anbahnen. Sein Vater habe mehrere Schiffe, die uns vielleicht mitnehmen könnten. Da der Schwede einen solchen Bart hatte, nannten unsere Jungens ihn Rauschebart. Er sei auf einem Trip durch Deutschland. Wir gaben ihm unsere Adresse, und prompt am nächsten Tag - wir waren mit der Familie beim Mittagessen im Garten - tauchte der Knabe auf und bekam auch etwas zu essen. Wir hatten es an diesem Tag eilig, denn Pastor Dubbels hatte seine Trauung in der Martinskirche. Auf dem Weg zur Kirche erzählte er uns, sein Segelschiff liege bei Cuxhaven und er könnte nicht weiter und wollte zum Hilfswerk hier in Hamburg. Mir gab er beim Weggang noch eine Adresse in Stockholm. Seine Erzählungen kamen uns aber sehr komisch vor, sollte es vielleicht ein Schwindler sein? Nun war unsere ehemalige Gemeindeschwester Angelin in Stockholm verheiratet. Flugs wurde ein Brief an sie geschickt mit der angegebenen Adresse des Schweden in Stockholm. Siehe da, bald kam ein Brief von ihr, sie hätte die Adresse aufgespürt und es wäre nur ein alter Schulhof. Unsere Pfadfinder waren erstaunt und enttäuscht über diesen Rauschebart. Natürlich ging ich mit den Pfadfindersachen, ein blaues Halstuch und Fahrtenmesser zur Kriminalpolizei, die damals noch in der Weddestraße amtierte. Erzählte den Beamten von unserer Begegnung und dem Schwindel, den er uns aufgebunden hatte. Wochen später kam ein Bericht über ihn in der Zeitung zum Vorschein. Man hatte ihn in Hildesheim in einer Jugendherberge beim Klauen von Fotoapparaten erwischt. Ihm wurden auch noch andere Straftaten nachgewiesen. Unsere FCP in Horn war nun um ein tolles Erlebnis reicher.

Wenn man mit den Pfadfindern nach Schweden wollte, brauchte die Gruppe ein Visum. Also, ich hin zum schwedischen Konsulat. Nach langem Warten wurde unser Antrag angenommen und ein großer Stempel kam in den Pass. Ein Witz: Ich hatte den Pass noch gar nicht ganz in den Händen, machte man das Visum wieder ungültig. Nanu, was war denn nun los? Man erklärte mir, dass wir erst eine Einladung von drüben vorzeigen müssten, denn dann könnte man uns die Genehmigung zur Einreise geben. Was nun? Da kam mir ein rettender Gedanke. Mein ehemaliger Jugendleiter, Peter Jäger vom CVJM an der Alster, könnte helfen. Tatsächlich war er bereit, und nach Tagen hatte ich die Einladung vom CVJM in Stockholm in den Händen. Jetzt begann die Organisation, um die Fahrt auf die Beine zu stellen. Ein Sammelpass mit allen Namen der Jungen, die mitwollten, musste bestellt werden. Zur Devisenstelle, damals musste man noch dorthin, um Geld einzutauschen.

Zwischendurch hatten wir einen Gemeindetag in Allermöhe mit über 400 Gemeindemitgliedern. Natürlich ging es auf der Festwiese hoch her. Für Erwachsene und Kinder gab es viele Spiele und Spaß. Lisa hatte die Kinder mitgenommen. Die Kleinste, also Barbara, durfte im Pfarrhaus dort in einem Bett schlafen, das Familie Dwenger zur Verfügung stellte. Zum Abschluss gingen wir zum Gottesdienst in die schöne Kirche. Pastor Dwenger erklärte vieles in dieser Bauernkirche. Z. B., wie es denn um den Gottesdienst am Sonntag bestellt war. Die Gemeindebauern waren nicht sehr scharf auf den Gottesdienst, aber wenn eine Trauerfeier war, dann war die Kirche proppevoll und dann bekamen seine Schäflein das Evangelium tüchtig hingereicht.

Schon nahten die großen Ferien und die Vorbereitungen für Heiligenhafen liefen an. Dann kam das Lager selbst mit allem drum und dran. Nach dem Lager gab es ein Mädellager, das von den Gemeindehelferinnen durchgeführt wurde.

Ein Geburtstag soll nicht vergessen werden, denn so langsam wurde die Renate verständig, und sie konnte den Geburtstag schon gut miterleben.

Mit den gemeldeten Großfahrt-Teilnehmern wurde eine Rüststunde mit "Klamottenappell" abgehalten. Es mussten bestimmte Dinge mitgenommen werden und Überflüssiges blieb zurück. Dann kam der 26.07.1952, der bewusste Tag in der Geschichte des FCP. Dies wurde die erste Großfahrt. Später zeugte eine kleine Schwedenfahne am Stammeswimpel von diesem Unternehmen. Keiner von den Jungens war je im Ausland gewesen. Wir begannen den ersten Sprung über das Wasser zu den Schweden, die im Krieg neutral geblieben waren. Aber wie würden diese die jungen Deutschen aufnehmen? Nun, "das Wagnis, das ist eben, das Schönste ja im Leben". Also, wir reisten mit der ansehnlichen Meute per Bahn bis Travemünde. Dort lag im alten Hafen die Fähre, die uns nach Malmö bringen sollte, aber erst mussten die Zollformalitäten erledigt werden, bevor das Schiff losmachen konnte. Über 7 Stunden dauerte die Überfahrt und die Geduld der Jungen war auf eine harte Probe gestellt. Eingebläut hatten wir ihnen immer wieder: Denkt an gutes Benehmen! Es wird da draußen vieles anders beurteilt, als bei uns in der Heimat.

Kurz vor Mitternacht erreichten wir Malmö und strebten sofort zum Bahnhof, wo der Zug nach Stockholm schon auf uns wartete. Mehrere Abteile wurden belegt. Wir wussten, erst am anderen Morgen um 8.00 Uhr würden wir in Stockholm sein. Jetzt galt es, eine Mütze voll Schlaf zu ertrotzen, was gar nicht so einfach war.

Verschlafen kamen wir auf dem großen Bahnhof in Stockholm an. Wir mussten uns zunächst orientieren. Wir hatten einen Stadtplan. Zuerst steuerten wir ein Lokal an, in dem wir erst mal tüchtig frühstücken konnte. Vieles war uns natürlich unbekannt, da man sich aber an einem Büfett die Speisen selber auswählen konnte, war es nicht so schwer, zurecht zu kommen. Zuerst holte man sich eine Grütze mit viel Milch und Zucker und danach den Kaffee mit den belegten Brötchen, Wurst oder Käse. So niedrig wie in diesem Jahr waren die Preise in den späteren Jahren nie wieder.

Jetzt kamen die Tage, an denen wir in Stockholm "herumschwammen". Am Schloss haben die Wachablösung miterlebt; war ein prächtiges Bild. Besuch der ehemaligen Gemeindeschwester Angelin. Wir füllten ihre kleine Wohnung so aus, dass keine Sitzmöglichkeit mehr vorhanden war. Also mit den übrigen Pfadfindern hübsch auf den Teppich. Die Gastfreundschaft war einmalig. Es gab in der Eile Kekse und Saft. Die arme Angelin war auf so großen Besuch nicht eingestellt. Na ja, wenn wir wie die Stare einfielen! Dann ging es zurück zum Centrum der Stadt. In der Mitte der Stadt gab es einen Ausguck. Dort fuhren wir mit dem Fahrstuhl in die Höhe. Dieser Punkt, Schlüssen, bot von oben ein tolles Bild auf die verkehrsreiche Stadt. Was sich von hier oben unseren Augen bot, hatten wir überhaupt noch nie gesehen. Die Autobahnen liefen oben und unten, quer und von allen Seiten durch den Mittelpunkt der Stadt. Da fuhr ein Auto, und plötzlich war da die Unterführung und wir hatten den Wagen aus den Augen verloren. Es war einfach toll, was die Schweden am Straßenbau geleistet hatten. Das große Stadthaus und die Krönungskirche mit all den Königsgräbern wurde besucht. Natürlich auch das Königsschloss, es sprach uns aber nicht besonders an. Dann war da ein Zoo mit Vergnügungspark, genannt Skansen, der unbedingt besichtigt werden musste. Durch einen Hinweis von einem Jugendlichen lernten wir eine Kochschule in Drontongatan kennen, wo man sich für einen niedrigen Preis - die Kronen wurden langsam weniger – satt essen konnte. Hier war wieder das schwedische Büfett, an dem man sich die Speisen selber holen konnte, bis man satt war. Von der vielen Lauferei hatten die Jungens auch einen Mordshunger. Die Frau, die das Büfett beaufsichtigte, hat wohl auch gedacht: Sind die Pfadfinder aber gefräßig.

Ja, nun kam das Problem des Übernachtens. Wir gingen zum KFUM-CVJM. Da aber zur Zeit alles in den Ferien war - die Schweden machen wegen der langen Wintermonate ¼ Jahr Ferien - war nur der Hausmeister da. Wir bekamen im Keller einen kahlen Raum und mussten mit dem Fußboden vorlieb nehmen. Na ja, wir hatten Schlafsäcke, und so konnten wir wenigstens einigermaßen auf dem harten Boden die Nacht überstehen. Waschmöglichkeiten waren vorhanden. Im Treppenhaus, das sehr groß war und beim Reden gut schallte, nutzte Kuddelhein seine Stimme kräftig und sang: "Unrasiert und fern der Heimat zog der Hugo mit uns durch das Land." Später kamen noch etliche Verse dazu.

Wir hatten auch einen schwedischen Diakon mit Namen Svente kennen gelernt, der uns zu seiner Diakonenanstalt und Altenheim einlud. Er gab uns die Adresse, und wir machten uns auf den Weg. Es dauerte bald so lange wie bei Odysseus. Als wir auf der Suche nicht mehr weiter wussten, nahm uns ein Obsthändler mit, der uns auf den richtigen Weg brachte. Nun, in der Anstalt angekommen, mussten wir noch ein Weilchen warten, bis wir in den Speisesaal eingelassen wurden. Wieder ein tolles Büfett mit vielen leckeren Speisen. Hatte den Jungens gesagt, seid vorsichtig und benehmt euch. Aber einige konnten es nicht lassen, sich den Teller voll zu hauen. Sie hatten so etwas Rotes erwischt und meinten wohl, es wäre eine Süßspeise. Aber es war Fischpastete und salzig. Wir gingen oft an das Büfett und haben uns von diesem und jenem auf den Teller getan, dieweil ein paar von unseren Helden immer noch vor ihrer Pastete saßen. Erst einmal ließen wir sie schön zappeln, bis sie ihren Teller im Eimer entleeren konnten.

Nach dem guten Essen zeigte uns Svente die Ausbildungsstätte der Diakone. Wir waren sehr beeindruckt von der Einrichtung der Zimmer. Der Diakon verlieh mir ein schwedisches Diakonenkreuz und er bekam auch von uns die silberne Pfadfindernadel.

Von Stockholm aus fuhren wir ins Innere des Landes, um unterwegs noch im Gelände zu zelten. Zelten war damals überall in Schweden erlaubt. In der Nähe eines Dorfes gingen wir zu Anker, bauten unsere Zelte auf und kochten erst einmal ab. Hier passierte es, dass ein Junge plötzlich Fieber bekam und dolle Halsschmerzen. Wir waren auf so etwas überhaupt nicht eingestellt. Wir hatten zwar eine Sanitätstasche, aber der Junge brauchte ein Bett und Betreuung. Wir hatten Glück. Zwei ältere Lehrerinnen, die ein Haus in der Nähe hatten, nahmen sich unserer schwierigen Lage an, und der Pfadfinder durfte ins Haus und wurde dort gesund gepflegt. Durch diesen Umstand, der ja nicht vorauszusehen war, wurden wir mehrere Tage an diesem Platz festgehalten. Mit einem Abschiedslied und einem besonderen Dankeschön, fuhren wir nach Göteborg, wo wir versuchten, etwas Billiges zum Essen aufzugabeln, denn unsere Kasse hatte langsam Ebbe. Ich erinnere mich noch, dass wir, Aga und ich, in einem Lokal "Zum König Carlos" landeten und mächtig von dem, was man uns anbot, enttäuscht wurden. Hungrig zogen wir von dannen und schworen: Nie wieder König Carlos. Von Göteborg fuhren wir nach Malmö zu unserer Fähre und waren froh, unser bald altes Hamburg wiederzusehen.

In der Gemeinde passierte ein großes Unglück, denn in einer Familie im Schrebergartengelände an der Washington-Allee (heute stehen dort Etagenhäuser) spielte ein zehnjähriger Junge mit einem Gewehr und erschoss seine 16-jährige Schwester. Es wurde eine traurige und bewegende Beerdigung. Es war ein liebes, nettes Mädchen und gehörte zum Mädelkreis.

Dann steht da ein netter Ausspruch im Tagebuch. Christa sagte, als die Großmutter so lange in der Stadt blieb: "Großvater, solche Frau hätte ich doch nicht geheiratet, die so lange weggeht!"

In meinem Urlaub stellten wir fest, die Renate entwickelte sich zu einer Märchenschreiberin. Aber ein Schnack von ihr soll auch nicht vergessen werden. Sie sagte zu uns: "Es ist unerhört, dass ich immer muss." Es lag aber kein Durchfall vor.

Der Geburtstag von Christa war diesmal auf einem Sonntag und wurde natürlich besonders gefeiert. Trotzdem war ich abends noch im Jugendkreis, denn wir hatten wieder mal den Inspektor von der Kriminalpolizei zum Erzählen da. Er erzählte, wie kleine Diebe zu großen Verbrechern werden, wenn nicht in der Familie aufgepasst wird. Sehr ausführlich schilderte er einen Fall, wo ein Junge seinem Onkel die goldene Uhr gestohlen hatte und man den Fall aus Gleichgültigkeit vergaß. Der Junge wurde dadurch ermuntert, immer größere Sachen und Beträge zu stehlen, bis man ihn als Erwachsenen erwischte und er bei all den Straftaten, die er begangen hatte, ins Zuchthaus kam. Auf noch etwas machte der Inspektor aufmerksam: Große Bahnhöfe sind für Jugendliche ein gefährliches Pflaster. Dort treibt sich gefährliches Gesindel herum.

Vorbereitungen für die Herbstfahrt waren erledigt. In Kirchboizen hausten wir mit der Meute im Konfirmationssaal. Am anderen Tag waren wir auf dem Jahrmarkt und vergnügten uns. Dies muss auch vermerkt werden, denn es kommt nicht oft vor: Die Frau vom netten Pastor Koch, kochte für uns eine gute Linsensuppe. Auf dem Weg zum nächsten Quartier, als wir durch ein Waldgebiet wanderten, kam plötzlich ein Junge und zeigte mir eine Schlange, die er in der Hand hielt. Ich gucke mir die Schlange genau an und sage zu dem Jungen: "Lege sie ganz vorsichtig ins Gras." Als er dies getan hatte, konnte ich ihm sagen, dass es eine Kreuzotter gewesen war. Er war darüber natürlich sehr erschrocken.

Einmal hatten wir ein Quartier im Gasthof, dafür hatte der nette Pastor Neumann in Osternholz gesorgt. Nächsten Tag ging die Fahrt nach den 7 Steinhäusern. Die waren aber mit einem Zaun umgeben, denn das andere Gebiet war ringsherum Militärgelände. Wir hatten aber Glück, denn es war ein schießfreier Tag. Dies wurde mit einem Signalball angezeigt. In Dorfmark hatte der Pastor uns ein tolles Quartier bei sehr ordentlichen Bauersleuten besorgt. Kartoffeln bekamen wir umsonst. Wir kochen eine kräftige Kartoffelsuppe, dann gab es noch Milch, Suppe und Marmelade umsonst. Abends durften die Jungen noch alle duschen, was wir noch nie gehabt hatten. Natürlich hat die Gruppe den freundlichen Gastgebern ein Lied gesungen.

Nachdem wir wieder in Hamburg waren und der Alltag von uns viel forderte, kam noch eine Abwechslung in unser Leben. Wir machen eine Diakonenfreizeit von der Landeskirche mit. Diesmal war der Tagungsort das Schloss Göhrde. Eigentlich war es kein Schloss, denn dies war mal abgebrannt. Man hatte die Pferdeställe zu einem schlossartigen Gebilde angebaut. Bei allen Konferenzen und Vorträgen gab es auch mal einen lustigen Abend.

Später, wieder im Haus, haben wir dann Karl und Lydia mit viel Krach überrascht, denn Görlichs hatten Blechhochzeit und dass so etwas nach 12 ½ Jahren Ehe gefeiert wurde, wussten sie nicht.

Seit einiger Zeit hatten wir einen Schaukasten am Gemeindehaus, der auch immer wieder mit neuem Material ausgefüllt werden musste. Es wurde von den Pastoren ein Gemeindepflegeausschuss gegründet und ich musste den Protokollführer machen und den Bericht schreiben; also noch mehr Arbeit. Dem Kirchenvorstand, mit dem besonderen Einsatz meines Schwiegervaters, gelang es, im Querkamp ein Haus zu kaufen. Dies wurde umgebaut und der neue Pastor vom Querkamp bekam es als Pfarrhaus. Nun konnte Pastor Fischer die angefangene Gemeindearbeit ausbauen. Stützpunkt für die ersten Jahre war der grüne Dom - sprich die Baracke.

Dann kam der 20. November 1952, an dem wir den Vater von unsrem Kuddel-Hein Schroedter in Ohlsdorf zu Grabe tragen mussten.

Immer wieder wird die Jungschar im Ried-Bunker in meinem Kalender angeführt. Darum muss auch über diese Siedlung einige Dinge erzählt werden. Diese Siedlung wurde vom Staat für alle Bewohner aus dem Gängeviertel in Hamburg gebaut, denn dieses Gebiet wurde saniert, weil die Häuser baufällig waren. In diesem Gängeviertel wurden damals die Ärmsten von Hamburg angesiedelt. Kanalisation gab es nicht. Die Nachttöpfe wurden vom Fenster auf die Straße geschüttet. Dort befand sich eine Rinne, die zum Fleet führte. Man kann sich schon vorstellen, welch sozial schwaches Volk hier angesiedelt wurde. Nun wurden viele dieser Einwohner hier nach Horn in eine neuerbaute Siedlung eingewiesen. Lisa, die ja Gemeindehelferin war, hatte viele Besuche in der Siedlung gemacht. Am Wochenende, wenn Geld vorhanden war, lebte man in Saus und Braus. Später ließ man anschreiben oder schnorrte. Der Pastor erzählte uns zwei tolle Geschichten: Bei einer Amtshandlung hatte man in einem unbeachteten Augenblick den geliehenen Talar vom Rad gestohlen. Ein anderes Mal hatten Einwohner der Siedlung ein Pferd gestohlen und wollten es in der Küche schlachten. Das Pferd wehrte sich so, dass die Kücheneinrichtung in Scherben ging. Es lebte in dieser Siedlung schon ein besonderes Völkchen. Der Staat hatte auch Schuld: Man bringt nicht solche Leute auf einem Haufen in so eine Wohnsiedlung. Die Häuser waren auch nicht mit dem besten Material aufgebaut worden. Später musste viel repariert werden.

In dem Zusammenhang ein Wort zu der Familie meiner Schwester, die 4 Jahre jünger als ich ist. Der Kontakt war mal durch verschiedene Umstände verlorengegangen. Jetzt, da so langsam alles wieder in normale Bahnen kam, wurden die Besuche häufiger. Sie selbst konnte nicht sehr oft kommen. Die Familie Peters, so hieß auch sie, war in Borstel in einem Barackenlager, Am grünen Jäger, untergebracht. Es war ein großes Lager aus Wellblechbaracken und die standen in langen Reihen. Betreut wurden die Menschen dort von der Fürsorge. Auch die Kirche kümmerte sich um diese Flüchtlinge und Ausgebombten. Wir haben oft Familie Peters, also meine Schwester Mariechen, mit unseren Kindern besucht. Für manche ist es sehr heilsam, solche Menschen zu sehen, die so primitiv leben mussten.

So ab und an musste ich auch zum Ortsamt Billstedt, um mit den dortigen Altenpflegern und dem Ortsamtleiter zu verhandeln. Es ging um die Pflegebedürftigen und geldliche Zuschüsse. Auch musste der Ortsamtsleiter gebeten werden, auch ein Wort bei der großen Weihnachtsfeier zu sagen. Diese Weihnachtsfeier bei uns im großen Saal vor über 200 Personen wurde finanziert von der Straßensammlung der Freien Wohlfahrtspflege. Wir hatten oft verschiedene Pastoren als Redner, denn den alten Leutchen sollte auch ein geistliches Wort mit auf dem Weg gegeben werden. Bei Torte, Kuchen und "Kaffee satt" gab es dann noch besondere Attraktionen. Unter anderem kam Rudolf Kinau oder Johannes Fleischer und trugen plattdütsche Geschichten vor. Ein Krippenspiel wurde geboten oder unsere Kantorin, Anna Groth, kam mit ihrem Kinderchor und sang Weihnachtslieder. Ein Mandolinenclub, von der Hochbahn, erfreute uns mit seiner Musik. Es gab eine Vielfalt von Unterhaltungen und sogar die"Finkwarder Speeldeel" hatte sich aufgemacht, mit ihrer Trachtengruppe ihr Können zu zeigen. An dieser Stelle darf nicht das Hilfspersonal vergessen werden, denn die Vorbereitungen beanspruchten viel Zeit und Liebe, um alles recht nett für unsere Alten zu machen.

Später kam dann noch die große Paketausgabe für solche Alten hinzu, die nur eine kleine Rente hatten. Über 500 Pakete lagerten erst bei uns im Keller des Gemeindehauses und wurden hier an die Bezirke und die Gemeinde nur mit einem Gutschein ausgegeben. Vorher mussten die Listen der gemeldeten Leute durchgesehen werden, ob nicht irgendwo in einer Liste von einem anderen Bezirk der Name auch angeführt war. Es gab manchmal auch Reibereien, die man mit Geduld und Einfühlungsvermögen beseitigen konnte.

Vielleicht ist es gut, einmal auf die eigenartige Regelung, des Kirchenaustritts, hinzuweisen. Der Staat hat hier nach meiner Sicht nicht richtig gehandelt. Denn wenn einer austreten wollte, brauchte er sich mit seiner Kirche gar nicht abzusprechen, sondern ging einfach zum Ortsamt und meldete dort seinen Austritt. Wir bekamen nur den Austrittswisch und dann war es meistens zu spät, mit den Menschen noch ein Gespräch über die Gründe oder auch über einen Wiedereintritt zu führen. Meistens waren die Gründe so banal, dass man vielleicht den Menschen vorher besser hätte helfen können. Bei einem jungen Mann war es möglich. Statt zum Ortsamt zu gehen, verirrte er sich bei uns ins Gemeindehaus. Hier hatte ich ein längeres Gespräch mit ihm. Der Anlass des Austritts waren die Kirchensteuern, die ja nur einen kleinen Betrag ausmachten, den man vom Lohn abzog, 8% von der Lohnsteuer. Ich konnte ihm klar machen, er sei doch durch die Taufe in der Kirche aufgenommen. Machte ihm bewusst, dass die Taufe ja etwas Besonderes sei und die Kirche kein Verein. Eines merkte ich im Laufe des Gesprächs: Er wurde doch nachdenklich und ging nicht mehr mit dem Schwung nach draußen, wie er gekommen war.

Zu Weihnachten machten wir es möglich, dass einsame Alte über das Hilfswerk verschickt wurden. Eine der ersten Adventsfahrten für die Pfadfinder begann. Diesmal nach Holm-Seppensen, denn dort hatte die Veddeler Gemeinde ein Freizeitheim in einer gut eingerichtete Baracke.

Am 4. Advent machte Christa wieder mal einen netten Spruch. Sie sagte: "Ich möchte bis Weihnachten ja gern artig sein, aber immer kann man das ja nicht. Ich bin doch ein Mensch." Wie wahr doch Kindermund sein kann.

Nun kam wieder der Augenblick, wo der große Tannenbaum in der Kirche geputzt werden musste. Am Heiligabend hatten wir mal eben 4 Gottesdienste und alle waren gut besucht. Die Nachfeiertage waren auch mit Gemeindearbeit ausgefüllt. Selbst eine Fahrt zur Heideburg war dabei. Am 31.12.1952 wurden noch Programme für die Jugend verschickt. Dann konnte Sylvester kommen.

 


Rauhes Haus Hamburg: Diakonenportraits

© Jürgen Ruszkowski

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Diese Internetseite wurde vom früheren langjährigen Geschäftsführer und Heimleiter des Seemannsheimes erstellt, der hier sein Rentner-Hobby vorstellt:

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 Diakon Hugo Wietholz

 
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