Paul Hatje

 


Erinnerungen an den Diakon des Rauhen Hauses,

Paul Hatje - geboren 1903 –

Paul Hatje *) wurde 1903 als jüngstes von fünf Geschwistern in Altona geboren. Sein Vater war um die Jahrhundertwende als gelernter Bäcker aus der Provinz in die Stadt gekommen und arbeitete nun als Straßenbahnschaffner in Altona, damals noch eigenständige preußische Stadt. Die Eltern waren beide „gut kirchlich, aber nicht ausgesprochen fromm“. Die Weimarer Republik war im Elternhaus unbeliebt; Hungersnot und Arbeitslosigkeit verstärkten die Sehnsucht nach den „glorreichen Zeiten“ vor 1914.

Paul Hatje arbeitete nach seiner ersten Lehre als Verwaltungsangestellter beim Magistrat der Stadt Altona. 1923 wurde er nach mehrjähriger Berufspraxis entlassen, weil er sich nicht parteipolitisch binden und der SPD beitreten wollte. Er absolvierte eine zweite Lehre als Versicherungsangestellter. Er arbeitete ehrenamtlich in der evangelischen Jugendarbeit der St. Petri-Gemeinde in Altona mit.

1927 trat er schließlich in das Rauhe Haus ein und begann seine dritte Ausbildung, diesmal zum Diakon und Wohlfahrtspfleger. Über die theologische Ausbildung seiner Zeit (1927-31) berichtet Bruder Hatje: „Es war überwiegend biblische Wissensvermittlung; die Theologie Schlatters stand im Mittelpunkt; Barth, Schweitzer und andere Theologen wurden wahrscheinlich ganz bewusst ausgespart. Die politische Ausrichtung des Unterrichts war noch überwiegend von den einzelnen Dozenten abhängig und sehr unterschiedlich (SPD bis NSDAP). Sozialpolitik lehrte der Leiter des Hamburger Arbeitsamtes, ein engagiertes SPD-Mitglied. Als der die Schüler einmal eine Arbeit über die „Bedeutung der politischen Parteien in heutigen Deutschland“ schreiben ließ, maßen fast alle diesem Haufen von Parteien wenig Bedeutung bei.“ Die Nationalsozialisten nahm Bruder Hatje erst am Ende der zwanziger Jahre bewusst war: Sie waren für ihn „Wirrköpfe“.

Als Bruder Hatje im Jahre 1931 mit zehn anderen Diakonenschülern das Examen machte, konnten nur sehr wenige Mitglieder seines Jahrgangs einen Arbeitsplatz finden. Er wurde in das Amt des Landesjugend- und Posaunenwarts des Evangelischen Jungmännerwerks Schleswig-Holstein nach Kiel berufen. Dort war er Angestellter eines eingetragenen Vereins; denn die Landeskirche stellte damals nur Gemeindediakone ein und gab ihm lediglich einen Gehaltszuschuss. Im Vordergrund seiner Arbeit „stand die Jugendarbeit mit Besuchsdienst und Betreuung der dem Landesverband angeschlossenen Gemeindejugendkreise im Lande“. Über die Bedingungen seiner Arbeit erzählt Bruder Hatje: „Nach 1931 begann die rasante politische Entwicklung, und auch in den evangelischen Jungmännerkreisen machte sich die nationalsozialistische Propaganda immer mehr bemerkbar. Es wurde immer schwieriger, sich dagegen abzuschirmen. Aber trotz der starken politischen Werbung von Seiten der SA und der NSDAP unter unseren weithin arbeitslosen Mitgliedern unserer evangelischen Jugendkreise waren wir bemüht, unsere Arbeit parteipolitisch neutral und als kirchliche und missionarische Aufgabe weiterzumachen.“ Den „Tag der Machtergreifung“ verbrachte Bruder Hatje auf einem Bibelkursus mit Pastor Engelke: „Seine Auslegungen zum Neuen Testament waren einmalig und sehr systematisch“. Bruder Hatje: „Nach dem 30.1.1933 haben wir unsere Arbeit zunächst weitergemacht, obwohl wir sehr bald als ‚Saboteure der Einheit der deutschen Jugend’ beschimpft wurden. Es kam vielfach zu Übergriffen, so dass ich mehrfach bei den Gruppen im Lande Frieden stiften musste.“ Dennoch konnte Bruder Hatje im Sommer 1933 noch zwei große Zeltlager mit über 200 Jungen ungestört durchführen. Auch in Kirche und Diakonie spürte Bruder Hatje nun immer deutlicher die Erfolge der nationalsozialistischen Propaganda. Auf der 100-Jahrfeier des Rauhen Hauses hatte er den Eindruck, „als sei ein großer Teil der Teilnehmer von der ‚nationalen Erhebung’ berauscht“. Zusammen mit anderen jüngeren Diakonen aus der Jugendarbeit führte er eine scharfe Auseinandersetzung mit dem damaligen Bundeswart des ostdeutschen Jungmännerwerkes und späteren Bischof von Magdeburg, dem NSDAP-Mitglied Friedrich Peter. „Wir wollten Diakone sein und evangelische Jugendführer bleiben, und das war damals schon bei gewissen Männern der offiziellen Kirche nicht mehr erwünscht.“ Schließlich fügten sie sich „den Beschwichtigungsversuchen eines bestimmten Kreises, der die brüderliche Einheit erhalten wollte – Bestimmen von oben her war ja allgemein üblich.“ Im Rahmen der Festlichkeiten zum Jubiläum des Rauhen Hauses 1933 wurde beschlossen, dass alle deutschen Diakone der ‚Glaubensbewegung Deutsche Christen’ korporativ beitreten sollten. Als zwei Monate später im Berliner Sportpalast die wahren Ziele dieser ‚Glaubensbewegung’ bekannt wurden, weigerte sich Bruder Hatje, die ihm zugesandte Mitgliedsbestätigung anzuerkennen. Angeregt durch den Kontakt zu dem damaligen Landesjugendpastor Wolfgang Prehn und dessen Amtsvorgänger Wester, trat er stattdessen der Bekennenden Kirche bei. Es war für Paul Hatje ein ziemlich isolierter Entschluss: „Für mich begann ein weiter, einsamer Weg.“ Aber auch viele seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter aus dem Jungmännerwerk hielten sich zur Bekennenden Kirche. In der Rauhhäusler Brüderschaft selbst jedoch war kaum noch eine offene Aussprache möglich: „Es gab viel Misstrauen, weil überall viel denunziert wurde.“ Nach 1933 fanden keine brüderschaftlichen Treffen mehr statt. „Von diesem Zeitpunkt an begann für viele eine große Einsamkeit.“ Rückblickend sagte Bruder Hatje über seine Erfahrungen in der NS-Zeit mit der Brüderschaft: „Die negativen Erlebnisse haben mich an der Brüderschaft nicht irre gemacht. Ich weiß um Brüder, die in dieser Zeit in der Verantwortung standen, dass sie sich bis zur Selbstaufgabe eingesetzt und gelitten haben. Auf der anderen Seite darf man sicher nicht unterschätzen, wie unsere Generation erzogen worden ist: Gehorsam! Ich glaube nicht, dass viele aus Überzeugung der NS-Partei beigetreten sind, sondern vielmehr unter dem Druck der Verhältnisse und dass sie keinen anderen Weg sahen.“

Bis Anfang 1934 konnte Bruder Hatje noch als Landesjugendwart arbeiten, bis dann die Reste der Evangelischen Jugend durch einen von der offiziellen Kirche gedeckten Eingliederungsvertrag in die Staatsjugend HJ überführt wurde. „Von Stund an nannte ich mich Landesposaunenwart und konnte dadurch die Kontakte zu den illegal weitergeführten evangelische Jugendkreisen aufrecht erhalten.“ Auf Drängen der Brüder aus der Bekennenden Kirche führte Paul Hatje im Sommer 1934 ein Zeltlager des Landesjugendpfarramtes, das inzwischen von einem deutschchristlichen Pastor geleitet wurde, durch. Das Lager wurde von Jugendlichen aus der Bekennenden Kirche besucht und von Mitarbeitern der Bekennenden Kirche geleitet. Sie führten eine „sehr stramme Bibelarbeit über das Glaubensbekenntnis“ durch. Eines Nachts wurde das Lager von einem benachbarten HJ-Führungslager mit Messern und Gaspistolen überfallen. Daraufhin erhob das deutschchristlich orientierte Landesjugendpfarramt gegen Bruder Hatje den Vorwurf, er hätte den Überfall provoziert. Als er aus Protest gegen diesen Vorwurf jede weitere Zusammenarbeit mit dem Jugendpfarramt aufkündigte, erhielt er vier Wochen später vom Landeskirchenamt den Bescheid, dass sein landeskirchlicher Gehaltszuschuss mit sofortiger Wirkung gestrichen sei. Ein Jahr konnte Bruder Hatje von den Rücklagen leben und arbeiten. Mit Jugendlichen und Mitarbeitern aus Gemeinden der Bekennenden Kirche führte er im Sommer 1935 noch zwei große Zeltlager durch; ein Lager fand im Garten von Pastor Prehn statt, der inzwischen nach St. Peter-Ordung versetz worden war. Beide Lager waren mit Genehmigung der Gestapo durchgeführt worden, nachdem die Gebietsführung der HJ die Genehmigung zunächst versagt hatte. Im September 1935 waren Bruder Hatjes Finanzmittel aufgebraucht, und er musste wieder eine feste, legale Einstellung aufnehmen.

Er übernahm zunächst ein Waisenhaus der Inneren Mission in Schwerin. Im April 1938 wurde das Haus an die Stadt Schwerin verkauft und Bruder Hatje sollte als städtischer Beamter weiterbeschäftigt werden. Dafür hätte er allerdings das Diakonenamt aufgeben und aus der Kirche austreten müssen. Er wollte jedoch Diakon und Kirchenmitglied bleiben. So folgte er einem Ruf in die Diakonissenanstalt „Alten Eichen“ nach Hamburg-Altona, wo er fünf Jahre als Hausvater und Versehrtensportlehrer in einer Unfallheilstätte arbeitete.

1943 wurde er als Sanitätssoldat eingezogen. Als er 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, ging er für weitere fünf Jahre als Wirtschaftsinspektor nach „Alten Eichen“. 1950 bis 1954 wirkte er – sozusagen als Leihgabe des Rauhen Hauses – als Brüderältester, Brüderhausvater und Brüderlehrer in der Stiftung Tannenhof in Remscheid-Lüttringhausen, bis dort ein geeigneter Nachfolger aus der eigenen Brüderschaft nachgewachsen war.

Ab 1954 leitete er ein großes evangelisches Altenheim in Dortmund-Hombruch, bis er 1968 in Rente ging. In dem damals sehr aktiven Verband Rheinland-Westfalen der Rauhhäusler war er eine der tragenden Persönlichkeiten. 1958 war er zum ersten Mal in den Brüderrat gewählt worden. Nach seiner Pensionierung und der Übersiedlung in die Nähe Hamburgs wirkte er ab 1969 noch als ehrenamtlicher Brüderältester im aktiven Ruhestand segensreich für seine Brüderschaft des Rauhen Hauses. 1973 trat er aus Altersgründen von diesem Amt zurück und arbeitete noch bis 1978 im Brüderrat mit.

Paul Hatje zog mit seiner Frau Anni, die seine Arbeit als Heimleiter aktiv mittrug, vier Söhne und eine Tochter groß. Einer der Söhne, Klaus, wurde auch Diakon des Rauhen Hauses, die Tochter heirate einen Diakon. Als Ruheständler pflegte er seine an Blasenkrebs erkrankte Frau bis an ihren Tod. Es schmerzte ihn, dass er zwei seiner Söhne überlebte, die auf tragische Weise verunglückten. Zuletzt fand der Witwer jahrelang bis zu seinem Tode in dem von Rauhhäusler Diakonen aufgebauten und geleiteten Altenheim der Martha-Stiftung in Hamburg-Rahlstedt eine von ihm sehr geschätzte Bleibe.

*) Daten und Formulierungen zum großen Teil aus der Studie „Brüderschaft und 3. Reich“ eines Forschungssemimars der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik der Diakonenanstalt des Rauhen Hauses – 1981/88


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Der Band "Traumtrips und Rattendampfer" ist ein sehr gut gelungenes Abbild der Seefahrt. Endlich hat jemand den Mut zu einer ehrlichen Darstellung, besonders "hinter den Kulissen", gefunden. Vieles kann ich nur bestätigen, einiges war auch für mich neu. Hervorzuheben und beeindruckend sind die geschilderten Hierarchieverhältnisse an Bord, das zwangsweise Zusammenleben aller Besatzungsmitglieder, die wahre Beschreibung bei Begegnungen mit der 3. Welt sowie das tabulose Darstellen aller Lebensgewohnheiten an Bord und bei Landgang. Auch ist es unbegreiflich, was Profitsucht aus einem Menschenleben machen kann! Alle Härten auf See, aber auch die Schönheiten der Welt sind vom Funker Mario Covi in ausgezeichneter Weise dargestellt. Bestimmt könnten viele ehemalige Seeleute dicke Bände schreiben, aber leider hat nicht jeder das Talent von Herrn Covi dazu. Oft verblassen auch die Erinnerungen zu schnell und so wird vieles bedauerlicherweise ungesagt bleiben. --- Nochmals vielen Dank für die interessanten Aufzeichnungen von Herrn Mario Covi und auch für die Bemühungen zum Druck von Herrn Jürgen Ruszkowski.

Peter J.

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