Bände 11 und 13 in der gelben
Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags" von Jürgen
Ruszkowski
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2. Teil des von
Hugo Wietholz selbst verfassten Textes: Kopien und Veröffentlichungen - auch auszugsweise nur
mit vorheriger Genehmigung!
Der Text dieser Seite ist recht
interessant, zeitgeschichtlich aufschlussreich und sehr
umfangreich. Geplant ist die Herausgabe als eigenständiges Buch
und auszugsweise als Beitrag in einem Sammelband von Diakonenlebensläufen.
Es wird bis zur endgültigen Fertigstellung noch Monate dauern.
Jugend von der Konfirmation bis zum Eintritt
ins Rauhe Haus
Jugendzeit aus freier Erinnerung,
1938-1991 aus
Tagebuch-Aufzeichnungen, abgeschlossenim Sommer 1992.
Vorher gab es aber noch ein anderes
Ereignis. In unserer Straße lernte ich einen Jungen, Kurt
Beisinger, kennen.Wir freundeten uns an und spielten
zusammen, bauten hinten in seinem Garten eine Erdhöhle und
hatten so unser Vergnügen.Eines Tages erzählte er mir,
er sei in einer Jungengruppe in der Esplanade 12, im dortigen
CVJM.Da ginge es toll her, Geschichten würden erzählt,
Brettspiele gebe es und zum Schluss würde eine Andacht gehalten.Der Leiter, Herr Bock wäre ein prima Mann.Nun, ich sollte
doch einmal mitkommen und mir das ansehen, es wäre ein schönes
Haus, sogar mit einer Turnhalle.Ich habe meine Mutter dann
bedrängelt, bis ich mit Kurt den weiten Weg in die Innenstadt
machen durfte.Das Vereinshaus war ein großes Gebäude,
als Eingang eine große Doppeltür mit einem gekachelten Flur,
der nach hinten zur Turnhalle und zu einem großen Saal führte. Das Grundstück reichte bis zur Fehlandtstraße.Dies alles
sollte ich aber erst später kennen lernen.Jetzt ging eslinks
ein paar Stufen hinauf in einen Büroraum, durch diesen Raum
gingen wir zum Treppenaufgang und stiegen in den 2. Stock und
landeten dort in einem schönen, hellenJugendraum. An den
Tischen saßen Jungen in unserem Alter und spielten Brettspiele.Außerdem standen in dem Zimmer ein Bücherschrank und ein
Klavier.Wir wurden von dem Leiter sehr herzlich begrüßt
und konnten erst mal spielen.Später wurden die Spiele
eingesammelt und der Leiter erzählte eine spannende Geschichte,
von der wurde für später eine Fortsetzung angekündigt.Zum
Schluss wurde eine Andacht gehalten.Das Thema war die
Sturmstillung.Noch heute, nach fast 70 Jahren klingt mir
das Lied im Ohr:„Mächtig tobt des Sturmes Brausen,
um ein kleines Schiff, Jesus kommt, um uns zu erretten, er führt
dich nach Haus.“Ohne zu wissen, was diese Einführung
für mein Leben bedeuten sollte, gingen wir beide, Kurt und ich,
seit 1923 immer wieder in den Verein.
Eines Tages gab uns Hans Bock einen
Zettel mit einer Einladung zu einem Jungenlager in Schäferhof
bei Appen.Natürlich habe ich meine Eltern gelöchert, mir
die Teilnahme zu erlauben.Endlich ging Mutter mit zum
CVJM, um auch die finanzielle Seite zu klären, wir hatten es ja
nicht so dicke.Dann kam der Tag der Abfahrt.Mit
einer großen Gruppe ging ich mit meinem kleinen Gepäck zum
Dammtorbahnhof.Von dort fuhren wir dann für 14 Tage mit
dem Bummelzug nach Pinneberg.An der Kirche sammelten wir
uns dort mit anderen Jungengruppen und dann ging der Marsch auf
der Landstraße Richtung Appen-Schäferhof.Hier auf dem
Gelände der Arbeiterkolonie hatte der CVJM schon seit Jahren
sein Freizeitgelände.Einige Männer wie v. Stockhausen,
Hermann Geißler und Sechinger hatten diesen Platz gepachtet.Im Wald war ein großes Zeltlager mit tollen Hauszelten.Die
waren innen abgeteilt zu Schlafstätten, die mit Stroh gefüllt
waren.Etwas höher gab es dann eine Ablage für das
Gepäck.Leider war für uns Jüngere dort keinen Platz,
vielleicht war das Zeltlager überbelegt, jedenfalls mussten wir
in die geräumten Jungtierställe.Dort hatten wir unsere
Strohsäcke und wir schliefen auch hier prima.Abends kam
ein Leiter des Lagers, wir sangen ein Abendlied und er sprach das
Nachtgebet.
Morgens wurden Waschschalen mit
Pumpenwasser gefüllt und sich gewaschen, puh, war das Wasser
kalt.Unser Strohlager wurde aufgeschüttelt, Ordnung
musste sein.Dann ging es zur großen Buche.Da waren
Tische und Bänke aufgestellt.Am Küchenhaus stand ein
langer Tisch, an dem die Lagerleiter saßen, daneben auf Böcken
die Töpfe mit Suppe.Meistens gab es Haferflockensuppe und
eine große Semmel.Nach dem Tischgebet wurde das Essen
ausgegeben.
Aus Kiel und Umgebung hatten wir
Realschüler, die schon 14-16 Jahre alt waren.Die
schliefen in den Zelten, mussten zeltweise die Nachtwache
stellen.Der jeweils Verantwortliche einer Gruppe musste
dann einen Wachbericht über die Nacht schreiben.Das wurde
oft in Gedichtform geschrieben und nach einer bekannten Melodie
gesungen.Hermann Geißler spielte dann dazu auf der
Klampfe.Nach dem Essen saßen wir auf einer Wiese hinter
dem Wald und hielten eine Bibelarbeit, die für uns sehr
verständlich dargebracht wurde.Überhaupt hat uns das
Lagerleben viel Spaß gemacht.Wenn es zu heiß war, ging
es zum Karpfenteich, dort gab es ein altes Rettungsboot, auf dem
wir herumtollten, meistens mehr unter Wasser als darüber.
Wir erlebten viele Überraschungen.Einmal wurden Spaten und Schaufeln ausgegeben und es ging zu
einer nahegelegenen Sandkuhle.Da war ein sogenannter
Burggraben, vor dem Gelände ein Sandturm und in der Mitte des
Burggrabens ein Hügel.Dies Gelände hatte den Namen
Treuburg.Draußen vor diesem Gelände gab es einen
Gedenkstein mit dem Namen seines Gründers, von Stockhausen.Dieser war auch 1912, der Erbauer des Elbtunnels.Leider
ist er schon gleich zu Beginn des ersten Weltkriegs gefallen.
Also unter Beratung unserer Leiter wurde
die Treuburg wieder für einen großen Burgenkampf hergerichtet.Der Sandturm wurde mit Grassoden befestigt, die Burg und der Wall
neu aufgeschüttet.Auf dem Hügel errichteten wir einen
Turm mit Stangen und verkleideten ihn mit Zeltbahnen.Als
alles fertig war, sah das Ganze recht imposant aus.Vorher
wurde mit Speeren, die ich noch nicht kannte, geübt.Wir
waren ca. 150 Jungen im Lager, diese wurden in zwei Abteilungen,
mit je einem Heerführer, eingeteilt.Eine Abteilung bekam
die Farbe blau, die andere rot.Als wir dann ins Gelände
marschierten sangen die einen:„Rot ist die Liebe und
blau kriegt die Hiebe.“Die anderen sangen:„Blau
ist die Treue und rot bekommt Bläue.“
Eines Tages wurden wir wieder in zwei
Abteilungen, rot und blau eingeteilt.Jede Abteilung nahm
am Haus aus der Kammer, wo viele Gerätschaften aufbewahrt
wurden, die Speere entgegen, zwei für jeden.Diese Speere
waren aus Bambusstangen und hatten an der Spitze ein dickes
Polster, damit man sich nicht verletzen konnte.Dann gab es
auch noch ein Stück Kreide. Bevor nun der Kampf gegen die andere
Abteilung losging, wurde das dicke Ende des Speers mit Kreide
eingerieben und dann der Speer gegen den Gegner geschleudert.Wer auf seiner Kleidung einen Kreidefleck hatte, musste aus dem
Kampfgetümmel ausscheiden, was der Kämpfer ungern tat.Aber
der Schiedsrichter holte ihn heraus und stellte ihn an die Seite.Da machten dann die Toten dann das meiste Geschrei, um ihre
Mannschaft zum Sieg anzuspornen. Die Abteilung mit den meisten
Überlebenden hatte gewonnen und durfte geschmückt mit
Eichenlaub ins Lager einziehen.Dort gab es einen
Jubelempfang und der Sieg wurde noch lange gefeiert.
Beim Essen sang Hermann Geißler oft
Lieder zur Laute.Und dann im Chor der Ruf nach Post, die
immer mit großem Hallo ausgeteilt wurde.
Ein Höhepunkt des Lagers war dann der
Treuburgkampf.Schon früh am Tag rückten beiden Gruppen
aus, die einen als Verteidiger, die anderen als Angreifer.War
das eine Aufregung, denn die Angreifer durften sich nicht von den
Verteidigern überraschen lassen.Diese waren auf der Hut
und hatten im Gelände kleine Trupps im Hinterhalt.Bis wir
endlich das Vorwerk genommen hatten, waren schon etliche auf der
Strecke geblieben und waren nun Zuschauer.Es war ein
hartes Ding bis wir die Burg geknackt hatten, da mussten noch
viele ausscheiden.Selten geschah es, dass die Verteidiger
gewannen.Nach dem Kampf zogen wir, staubbedeckt zum
Karpfenteich, um uns zu säubern.Nach diesem Kampftag
konnten wir dann bei schönstem Sonnenschein mit Kaffee und
Kuchen Abschied feiern.
Für mich war dieses Schäferhofer Lager
ein großes Erlebnis.Als wir nach den Ferien in der Klasse
bei unserem Lehrer Prätorius, den wir sehr schätzten, unser
Ferienerlebnisse zum besten gaben, staunten alle über meinen
Bericht, so etwas hatte man noch nicht erlebt.Etwas ist
mir von diesem letzten Tag besonders im Gedächtnis geblieben.Als wir vom Dammtorbahnhof zum Vereinshaus marschierten, sah ich
auf dem Weg eine Obstkarre.Dort war der Preis für 1 Pfund
Pflaumen mit 1000.- Mark verzeichnet.Ich konnte es nicht
fassen, wie konnten nur die Preise so klettern.Im
Vereinshaus nahmen wir dann Abschied von den Lagerleitern.Dies
war eine der schönsten Erinnerung meiner Kindheit.
Danach kam wieder der Alltagstrott,
Schule, Konfirmandenunterricht, leider war der Pastor oft krank.
Es kam nun die Frage, was nach der
Schulzeit werden würde.Vater meinte, ich solle doch auch
Klempner und Mechaniker werden, denn beim Großvater in der
Bankstraße hätte ich mich beim Löten ganz gut angestellt.Damals war mein Vater schon bei einer Firma Schmidt in der
Hansastraße und dort war eine Lehrstelle frei.Vater nahm
mich mit zur Vorstellung und ich wurde angenommen.Jetzt
wurde Arbeitszeug gekauft, ein Klempnerkittel und eine blaue,
lange Hose.Stolz bin ich mit der Büx durch die Straßen
marschiert.Wir trugen ja sonst bis zur Schulentlassung
kurze Hosen.
Der Konfirmationstag stand fest, es
sollte der 23. März 1924 sein.Vorher war in der Turnhalle
der Schule die Entlassungsfeier.Die war sehr feierlich,
der Chor sang:„Nun zu guter Letzt, geben wir dir
jetzt...“Ansprachen wurden gehalten, Mutter war ganz
gerührt.Dann kam der 23. März.Ich zog den
Konfirmandenanzug an und musste dazu einen Hut aufsetzen, der mir
gar nicht passte.Ich weiß heute noch, wir gingen die
Eppendorferlandstraße bis zur Bogenstraße.Die Pfützen
waren gefroren.In der Kirche waren viele Eltern mit ihren
Sprösslingen.Als wir zur Einsegnung vor dem Altar
knieten, gab Pastor Bernitt mir den Spruch aus dem 73. Psalm:
„Dennoch bleibe ich stets an dir,
denn du hältst mich mit deiner Hand.“Christus
ist Gottes Hand.
Nach der Feier in der Kirche wurde zu
Haus mit Freunden tüchtig gefeiert.Mariechen und ich
haben uns bald verkrümelt.Diese Zecherei und Skatspielen
waren nichts für uns.
1924-1927, Lehrzeit
Bis zum 1. April hatte ich noch Ferien.Dann hieß es: Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.Ich
musste meine Lehrstelle bei Firma Schmidt antreten.Diese
Episode dauerte aber nur 4 Wochen. Vater war mit dem Betrieb
nicht einverstanden, denn es stellte sich heraus, der Meister
hatte mehr Lehrlinge als Gesellen.So kam es, dass wir uns
in der freien Zeit wieder auf Lehrstellensuche machten.Dabei
kamen wir in die Eichenstraße.In einem Lampengeschäft
entdeckte ich ein Schild: Lehrling gesucht!Vater und ich
sind dann am Abend gleich dort aufgekreuzt und ich habe mich
vorgestellt.Der Meister, Herr Lampe, ein etwas älterer,
recht kleiner Herr, machte auf uns einen guten Eindruck.Er
erzählte uns einiges über seinen Betrieb.Sein Sohn, der
mit im Geschäft arbeitete, sei in der Elektrobranche tätig und
so könnte ich neben dem Beruf des Klempner und Mechaniker auch
Elektriker lernen.Wir waren mit dem Angebot einverstanden
und so wurde der Lehrvertrag geschlossen.Am 1. Mai konnte
ich die Lehrstelle antreten.Noch heute frage ich mich,
warum musste es gerade diese Lehrstelle sein?Der Weg war
doch ziemlich weit aber ich habe unendlich viel gelernt und bin
dafür jetzt noch dankbar. Zunächst war ich wohl über die Lage
der Werkstatt etwas erstaunt.Sie lag hinten auf dem Hof.
Um dorthin zu gelangen, musste man durch den langen
Wohnungskorridor.In der Werkstatt roch es immer nach
Hühnerdreck, daran musste man sich erst gewöhnen.Die
etwas hagere Frau Meisterin hielt im Garten Hühner.Der
Meister hatte einen Altgesellen mit krausem Haar, den die
Meisterin immer für einen Juden hielt, weil er ein so dunkles
Aussehen hatte.Mein Lehrkollege war ein langer Kerl, der
schon im dritten Lehrjahr war und mich als den Jüngsten anlernen
musste.Dann war da noch ein junger Elektrikergeselle, der
ganz umgänglich war. Eines Tages kam er nicht zur Arbeit.Seine
entsetzte Mutter berichtete dem Meister, dass er sich das Leben
genommen habe.
Hier bei Meister Lampe wurde ich
ordentlich in das Handwerk eingewiesen.Zuerst hieß es am
Sonnabend, die Werkstatt aufzuräumen.Aller Dreck von
Werkbank und Fußboden musste ordentlich zusammen gefegt und in
den Ascheimer befördert werden.Als ich am Montag in die
Werkstatt kam, hatte der Meister den Inhalt des Ascheimers
ausgeschüttet und alles Metall schön sortiert, hier Zink, dort
Messing und Kupfer.Er zeigte auf die verschiedenen
Häufchen und sagte nur:„Nicht noch einmal so mit dem
Metall umgehen.“Den Rüffel habe ich gut
verdaut und in Zukunft kam das nicht mehr vor.
Überhaupt war das erste Lehrjahr sehr
interessant.Ich wurde von dem Gesellen viel mit auf
Kundschaft genommen. Dabei lernte ich Menschen und ihre Wohnungen
kennen.Die Firma Lampe war mehr auf solche
Reparaturarbeiten eingestellt als auf große Bauten.In der
Gegend waren sehr viele Beamte zu Hause und oft stöhnte der
Meister, dass sie sich so viel Zeit beim Bezahlen der Rechnungen
ließen.
Mein erstes Lehrlingsgeld betrug 3.- Mark
in der Woche, die Löhne waren damals niedrig.Später
bekam ich als Geselle einen Stundenlohn von 0,82 RM. Der Meister
musste zusätzlich noch Urlaubsmarken kleben.Die
Klempnerinnung war die erste, die diese Errungenschaft vor allen
anderen Handwerksbetrieben einführte.So konnte der
Geselle nach einem Jahr mit diesen Urlaubsmarken, die dann
eingelöst wurden, unbeschwert in Urlaub gehen.Für mich
war es bis dahin noch ein weiter Weg.
Unser Meister war die Sparsamkeit in
Person, ebenso wie seine Frau, die auch selbst die Ladenscheibe
putzte. Ihr Wahlspruch hieß:„Arbeit regiert die Welt
und der Knüppel den Hund.“Der Meister muss früh
nach Hamburg gekommen sein, durch Fleiß und Sparsamkeit war er
zum Besitzer von zwei Wohnhäusern geworden.Eines war das,
in dem er wohnte in der Eichenstr.27, das andere befand sich in
der Fruchtallee 5. Seine Sparsamkeit kann man auch daran
erkennen, dass er seine Lehrlinge mit der Schottschen Karre nach
Barmbek schickte, um da bei den Gaswerken ein Fass Teer zu holen.
Der Liter kostete 5 Pfg.In der Eichenstraße wieder
angekommen, wurde das Fass auf Brettern durch die Wohnung
getrudelt, zum Hof hinaus zu einer Grube.Dort wurde der
Teer in Eimer oder Kannen abgefüllt.
Bei einer der ersten Teerarbeiten auf
einem Dach in der Eichenstraße, machte ich eine böse Erfahrung.Wir mussten die Teereimer bis zur Dachluke im 5. Stock
hinauftragen.Das Pappdach war sehr schräge.Der
Meister, der Geselle und ich machten uns fertig zum Dachteeren
mit dem Teerbesen.Der meister zeigte mir, wie der Teer
ausgeschrubbt wird.Dabei waren ein paar Tropfen vom Besen
auf das Dach gekleckert, ich rutschte darauf aus und stieß den
vollen Teereimer um.Bei der großen Schrägung rutschte
der Eimer immer schneller auf die Dachkante zu und keiner konnte
ihn aufhalten.Am Ende des Daches kippte der Eimer über
die Mansarde und sein Inhalt ergoss sich nach unten.Einige
Fenster waren offen und es hing auch Wäsche draußen.Der
Teer verschonte weder Fenster noch Wäsche.Der leere Eimer
polterte in den Garten.Nun musste ich mit Petroleum die
Fenster wieder reinigen.Eigenartig, mein Meister schalt
mich überhaupt nicht aus, er war wohl froh, dass keiner zu
Schaden gekommen war.Ich denke, alles andere hat die
Versicherung bezahlt.
In der Werkstatt zeigte mir der Meister,
wie die vielen Kochtöpfe, die zur Reparatur gebracht wurden,
geflickt werden konnten.Es waren Pütt und Pann, manchmal
auch ein großer Waschtopf.Die undichte Stelle oder das
Loch wurden am Schleifstein gereinigt, ein entsprechend großer
Blechflicken wurde dann aufgelötet.Zum Schluss wurde das
Gefäß mit Wasser gefüllt, um zu prüfen ob es dicht war.Der Meister hatte mit dieser Arbeit, die ja auch von Lehrlingen
gemacht werden konnte, einen guten Nebenverdienst.Es gab
viel zu reparieren, Die Badewannen und die Waschbecken waren ja
damals aus Zink, dazu kamen die kupfernen Badeöfen, bei denen
der Boden oder das Flammrohr durch unsachgemäßes Heizen oft
zerfressen waren.
Ich durfte viel lernen.Wenn ein
neuer Badeofen gesetzt wurde, musste auch getöpfert werden.
Manchmal musste der Steinfußboden oder eine aufgeschlagene Wand
wieder vermauert werden.
Mit dem jungen Meister ging es auf
Montage, da wurde dann eine Wohnung mit elektrischen Brennstellen
versehen.Die meisten Wohnungen in dieser Gegend hatten
noch Gas zum Beleuchten.Viele Leute wollten vom Gas
loskommen.Es war gefährlich und die Glühstrümpfe
mussten sehr oft erneuert werden.Dazu schickte mich der
Meister oft in die Häuser, nachdem der Meister mir das Aufsetzen
der Glühstrümpfe beigebracht hatte.Man musste diese
Dinger vorsichtig aufsetzen und dann abbrennen, wehe, man
berührte den Strumpf, dann zerfiel er.
Ich muss schon sagen, mein Beruf machte
mir viel Spaß, wenn ich auch abends müde ins Bett fiel.Mein
Vater fragte oft, was den ganzen Tag so los war.Er wollte
ja, dass ich auch richtig etwas lerne.
Schwer war es, wenn in einer Wohnung die
Zinkbadewanne durch eine emaillierte Gusswanne ersetzt wurde.Einmal mussten wir mit vier Mann so ein Ding mehrere Etagen
raufschleppen.In der Badestube musste der Bleiboden, auf
dem die neue Wanne stehen sollte, untersucht und ausgebessert
werden.Oft musste auch der Dreck von mehreren Jahren
beseitigt werden, denn die Hausfrau konnte vorher nie hinter und
unter die Wanne kommen.
Mit dem jungen Meister war ich gern
unterwegs, um elektrische Leitungen zu legen.Zuerst war
ich gespannt, wie wohl der Draht in die Mitte der Zimmerdecke
kommt.Dort hing ja vorher die Gaslampe, die wurde entfernt
und die Gasleitung mit einem Kapphaken verschlossen.Damals
hatten wir keine elektrische Bohrmaschine, wir machten die
Löcher mit einem Rohrbohrer, der beim Lochschlagen immer gedreht
werden musste, sonst könnte auf der anderen Seite ein Stein
herausfliegen, dies geschah auch manchmal.
Eines musste man dem jungen Meister
lassen, er sah sehr auf Sauberkeit.Beim Schlagen oder
Bohren wurde stets eine Schaufel oder ein Karton untergehalten.Wenn etwas vorbei fiel, wurde es sofort aufgefegt, es sollte so
wenig Schmutz wie möglich geben.Die Hausfrau war dann
auch immer froh darüber.Nachmittags gab es dann oft eine
Tasse Kaffee mit einem Keks.
Nun aber kurz die Erklärung, wie der
Draht in die Mitte der Decke kam, ohne dass er zu sehen war.Meistens hatten diese Altbauwohnungen in den Stubendecken eine
Gipskehle.Vom Korridor wurde ein Loch geschlagen, um in
den Hohlraum zu gelangen. Die Gipskehle wurde aufgeschnitten und
in der Mitte der Decke ein Loch gebohrt, um in den Blindboden der
Decke zu gelangen.Mit einem dünnen Draht wurde nun
versucht, von der Mitte bis zu der Gipskehle zu gelangen und dort
wurde der Draht mit einem Gegendraht herausgezogen.Daran
wurde nun der Leitungsdraht gebunden und zur Mitte gezogen.Nun war die Leitung in der Decke und viele staunten, wie das
möglich war.Ich selber wurde zum Gipsen angelernt und
konnte später die ausgesägten Gipsstücke so gut wieder
einsetzen, dass man die Stelle nicht mehr erkennen konnte.
Lange Zeit war ich begeisteter
Strippenzieher, wie man den Elektriker nannte.Mein Vater
hat dann dem Meister klargemacht, der Junge soll doch den
Klempner und Mechanikerberuf erlernen.Aber noch war ich
von dem Elektrikerberuf wie besessen.Es gab ja so viele
Neuigkeiten.Die Kronleuchter, die mit Gas gespeist wurden,
mussten auf elektrisch umgearbeitet werden.Dabei mussten
Drähte eingezogen und Fassungen montiert werden.Einmal
passierte es mir, dass ein Glasarm der Krone entzwei ging.Da
war ich aber in Druck. Der Meister sagte: „Sieh man zu, wie
du das wieder in Ordnung bringst.“So bin ich bis zur
Feldbrunnenstraße gelaufen.Dort fand ich einen
Glasschleifer, der mir den Schaden in Ordnung brachte.Ich
hatte doch einen Bammel gehabt, ich dachte, ich müsste die
Glaskrone ersetzen.
Wenn eine Wohnung fertig installiert war,
kam der spannende Augenblick, wenn der Beamte von den HEW den
Zähler anbrachte und die Lampen angingen.Die Bewohner
solcher Wohnung freuten sich riesig über das neue Licht.Auch
ich hatte meinen Spaß und dazu das Trinkgeld.Oft war ich
um 21 Uhr noch nicht im Haus und mein Vater erkundigte sich beim
Meister, was denn los sei.Der Meister sagte dann, der
Junge ist nicht von der Arbeit wegzubringen.
So kam Weihnachten 1924 heran.Es
war ein trauriges Fest, denn Vater lag mit einer schweren
Lungenentzündung im Bett.Mutter machte sich große
Sorgen, denn Vater war aus dem Krieg schon nicht als Gesunder
heimgekehrt.Er hatte ein Kehlkopfleiden.Natürlich
kam der Arzt mehrere Male.Mutter kochte dann eine
kräftige Hühnerbrühe und langsam ging es besser.Wir
bekamen dann doch noch unsere Geschenke, Marie ihre Puppe und ich
mein Buch:„Quer durch die Wüste Gobi“ von Sven
Hedin.Später gab es noch ein Buch: „Mit Stanley
durch Afrika“.Ich hatte solche Lektüre sehr gern,
die Schilderungen von Land und Leuten fand ich spannend.
Zum Jahresende 1924 musste in der
Fachschule ein Probestück abgeliefert werden.Bei mir war
es ein Wasserkastenschwimmer aus Zink, der sauber gelötet sein
musste.Für gute Arbeit gab es eine besondere Zensur und
der Meister bekam ein Lob für gute Lehrlingsbetreuung.
Das Jahr 1925 war für mich besonders
inhaltsreich.Meine Zeugnisse waren ganz gut geraten und
die Schulleitung meinte, der Lehrling muss in eine andere Klasse,
wo mehr gefordert wird.Das geschah dann auch.Ganz
leicht war es in dieser Klasse zunächst nicht.Es waren da
etliche Meistersöhne, die eine andere Schulbildung genossen
hatten.Auch war ihre Art oft recht überheblich.Zum
Glück fand ich später einen Freund, der auch im Wesen zu mir
passte.
In unserem Betrieb in der Eichenstraße
war viel los.Die heißen Sommertage wurden zum Dachteeren
genutzt.Es gab in der Gegend viele Pappdächer, die nach
Jahren immer wieder geteert werden mussten.Wenn das nicht
rechtzeitig geschehen war, musste das ganze Dach neu mit
Dachpappe gedeckt werden.Dazu wurde eine Klebemasse
gebraucht, die auf einem Ofen gekocht wurde.Dabei musste
man höllisch aufpassen, damit die Masse nicht überkochte.
So langsam gewöhnte ich mich an die
Höhenluft, denn man musste schon schwindelfrei sein. Die Dächer
hatten nach hinten ausgebaute Mansarden, diese Schrägen mussten
auch geteert werden.Nachdem nun feststand, dass ich
schwindelfrei bin, wurde ich ans Ende der Mansarde geschickt, um
diese zu teeren.Dabei stand man in der Dachrinne und wenn
die voll Klebemasse war, blieb man mit dem Schuh darin stecken
und kam nur mit Mühe wieder frei.Eigentlich gab es eine
Vorschrift, dass man diese Arbeit nur angebunden machen sollte,
aber darunter litt die Beweglichkeit.Manchmal war es auf
dem Dach so heiß, dass wir öfter Pausen einlegen mussten.Ich wurde dann zum Milchhändler geschickt, um mehrere Liter
Buttermilch zu holen.
Oft hatte man Sehnsucht nach Urlaub, aber
während der guten und heißen Tage ging das nicht, nur die
Fachschule hatte Sommerpause.Später bekam ich im Herbst
mal 3 Tage frei und war darüber schon ganz froh.
Eines Tages, ich hatte schon Feierabend,
bekamen wir Besuch . Durch meine viele Arbeit beim Lehrmeister,
hatte ich den CVJM ganz vergessen.Nun war der Leiter, Hans
Bock, persönlich erschienen, um mich zur Jugendabteilung, die
immer Sonntagabend stattfand, einzuladen.Ich war ganz
gerührt, dass er den weiten Weg meinetwillen gemacht hatte, um
den vergesslichen Jungen zurückzuholen.Von meinem
ehemaligen Freund, Kurt Beisinger, war nichts mehr zu sehen.Der muss seine eigenen Wege gegangen sein.Später hörte
ich, er sei bei der Fliegerei gelandet und ist im Krieg mit dem
Flugzeug abgestürzt.Nun, am Sonntag ging ich dann den Weg
zu den Colonaden.Im Heim traf ich eine muntere Schar von
jungen Leuten.Es wurde gespielt, erzählt und von
Wanderungen berichtet, die schon stattgefunden hatten oder noch
geplant wurden.Dann setzten wir uns rund ums Klavier und
Hermann Schmidt begleitete die Fahrtenlieder, die wir aus voller
Kehle sangen.Zum Schluss wurde uns Gottes Wort ausgelegt
und mit in die Woche gegeben.Mir gefielen diese
Sonntagsstunden sehr und ich löste mich langsam von der Klicke
aus der Knauerstraße.
Bald fand ich Freunde, die in der
Frickestraße in Eppendorf wohnten.Es waren drei Brüder,
der Hermann wurde mein besonderer Freund.Wir holten uns am
Sonntag gegenseitig ab und marschierten zum CVJM.Eines
Sonntags wurde angekündigt, wir treffen uns am nächsten
Sonnabend mit Übernachtungsgepäck, es geht zur Heideburg, einem
Heim des Nordbundes. Es sollte eine Nachtwanderung gemacht
werden.Am Sonnabend ging es dann mit der Bahn bis Harburg
und dann mit der Straßenbahn bis zur „Goldenen Wiege“.
Das war die Endstation an den Schwarzen Bergen.Es war
schon dunkel geworden, die Gruppe musste dicht beieinander
bleiben, damit keiner verloren ging.Hans Bock mit seinen
Helfern führte uns plötzlich vom Weg ab, quer durchs Gelände.Wir mussten eine ausgewaschene Sandrinne durchklettern.Auf
Händen und Füßen ging es durch dies Hindernis.Nach
einer guten Stunde waren wir am Eingang zur Heideburg angelangt.Jetzt musste noch ein Berg genommen werden, denn die Heideburg
lag hoch oben.Der Hausvater gab uns den Schlüssel zur
Holzbaracke, die seitwärts im Wald lag.Es war ein großer
Raum mit Doppelstockbetten.Die Bettsäcke waren mit Stroh
gefüllt, zum zudecken gab es zwei Wolldecken.Nach der
anstrengenden Wanderung schliefen wir bald ein.Morgens
ging es früh raus, Frühsport im Wald und dann im Waschraum mit
Kaltem Wasser frisch gemacht.Im Haupthaus wurde dann
gefrühstückt.Beim Hausvater konnte man für 15 Pfennige
einen Becher Heidetrank erstehen.
Der Tag hatte ein volles Programm,
Andacht, Waldspiele usw. Nachmittags ging es durch den Wald
wieder zur Goldenen Wiege und von dort nach Hause.Zu Hause
konnte ich dann meine Erlebnisse spannend erzählen.Es war
ja meine erste Nachtwanderung.In der Firma ging der
Betrieb abwechslungsreich weiter.
Die Heideburg sollte in meinem Leben noch
eine große Rolle spielen.Der CVJM ließ dort verschiedene
Tagungen abhalten.Da war einmal eine mit dem
Missionsdirektor Freytag.Er machte uns schon damals klar,
dass es einmal heißen wird, Afrika den Afrikanern, Asien den
Asiaten.
Eines Tages lud mich unser Jugendleiter
Hans Bock zur Bibelstunde ein, die jeden Dienstagabend stattfand.Wie dort Gottes Wort erklärt wurde, so hatte ich es noch nicht
erlebt.Nach einigen Wochen meinte Hans Bock zu mir, komm
doch am Sonnabendabend zu einem Gebetskreis.In dieser
Gemeinschaft erlebte ich dann, ganz ungewollt und doch sehr
bewusst, wie mir das Wort Gottes bis in die Seele drang.Glauben
heißt ja, im Gewissen überwunden werden, durch Sein Wort,
sodass man nicht anders konnte, als den eigenen Willen in Seinen
Willen zu legen, im Vertrauen zum Gehorsam der Treue.Das
Wort aus dem Psalm 42, V.2, wo es heißt: „Meine Seele
dürstet nach Gott“, wurde mir wichtig und sollte erst
später zum Durchbruch kommen.
Es war an einem Sonntag, wir waren schon
nachmittags im Vereinslokal, da spielte Hermann Schmidt am
Klavier das Lied: „Welch Glück ist es, erlöst zu
sein“, als sich in mir plötzlich etwas frei machte und ich
mit großer inneren Freude in das Lied einstimmte.Später,
es war im September 1926, kaufte ich mir eine Taschenbibel und
las darin.Mir wurde mit einem Mal der Römerbrief, der ja
oft schwer zu verstehen ist, verständlich und das was Paulus
schrie konnte ich gut nachvollziehen.Von jetzt an ging es
mit dem Verständnis langsam aber stetig voran. Wichtig war
aber jetzt, in der Gemeinschaft zu bleiben, die sich um Sein Wort
versammelte.
Zu Hause spürte man wohl auch etwas von
meiner inneren Umstellung . Vater war neugierig und inspizierte
den Inhalt meiner Schublade, in der die Bibel und Schriften vom
CVJM lagen.Zu Mutter sagte er nur: „Lass den Jungen
man.“Vaters Wahlspruch lautete : „Tue recht und
scheue niemand.“Nur hat er sich nie gefragt, wie geht
das eigentlich.Denn wie kann man das Recht Gottes tun,
wenn man nicht vorher von seinem Unrecht vor Gott erlöst ist.Das Recht, das vor Gott gilt, kann einem nur klar werden, wenn
man die Bindung an Jesus Christus erfahren hat.Alles
andere ist das sogenannte Recht, das Menschen aufstellen.
In der Gemeinschaft der Gleichgesinnten
im CVJM herrschte ein Miteinander, wie ich es noch nie erlebt
hatte.Im Glauben ging es langsam voran, es gab auch
Schwierigkeiten, aber das Lesen in der Bibel war schon eine
Hilfe.Es gab eine Anleitung zur täglichen Morgenwache,
für jeden Tag einen bestimmten Text.
Oft machten wir Fahrten durch die
Nordheide, nachts schliefen wir beim Bauern im Stroh. In
einer Herberge in Schätzendorf erlebten wir beim Singen andere
Gruppen.Dort hörte ich zum ersten Mal das Lied:
„Wilde Gesellen vom Sturmwind umweht...“ mit dem
Refrain: „Uns geht die Sonne nicht unter.“Eines
Tages sagte mir unser Jugendleiter, auf der nächsten Fahrt solle
ich die Andacht halten.So etwas hatte ich ja schon oft
gehört, doch wenn man selbst vor der Gruppe steht, das ist schon
etwas eigenartig.
Der Sonntag kam und es ging über die
Holmseppenser Mühle, weiter zum Büsenbachtal. Unterwegs
wurde Halt gemacht und nun konnte ich meine vorbereitete Andacht
vortragen. Es war bestimmt mit Zittern und Zagen, aber es ging
ganz leidlich.Das Wort, das ich ausgesucht hatte, war aus
dem Johannesevangelium, Jesus Christus spricht: „Ich lebe
und ihr sollt auch leben.“Das habe ich bis heute
nicht vergessen.
Im Büsenbachtal machten wir Rast und
tobten herum.Da kam einer auf den Gedanken, den Wimpel von
dem Ger, das ist die Stange, an der er befestigt ist, abzulösen.
Wir teilten uns in zwei Gruppen und dann wurde das Spiel
„Treiben“ durchgeführt.Der Ger wurde
geschleudert und von da, wo er die Erde berührte, musste die
andere Gruppe den Ger schleudern.Zu Anfang ging das alles
prima, bis einer der Jungen versuchte, den Ger aufzufangen und so
zugriff, dass er ihm in den Handballen fuhr.Jetzt mussten
wir mit ihm auf dem schnellsten Wege zum Arzt in der nächsten
Ortschaft.Die Fahrt war durch diesen Unfall schnell zu
Ende gekommen.Uns aber war klar geworden, das war eine
Riesendummheit.
Bei unseren vielen Wanderfahrten waren
wir immer eine große Schar und wenn wir in der Eisenbahn unsere
Lieder sangen, gab es bei den Mitreisenden großes Staunen und
viel Beifall.
Bei all dem Erleben durfte die Ausbildung
nicht zu kurz kommen.Oft war es am Montagmorgen nicht so
leicht, richtig in Schwung zu kommen.Die Glieder waren von
den Wanderungen oft noch müde.
Unser Altgeselle hatte in Langenhorn ein
Siedlungshaus, an dem er noch viel zu arbeiten hatte. Eines Tages
bat er mich, ob ich ihm beim Anbringen der Dachrinne helfen
würde.Ich sagte zu und auf dem Foto sieht man den
Altgesellen Rautenberg und den Wietholz auf dem Gerüst stehen.
Die Weihnachtszeit kam heran, es gab viel
zu tun.An der Ecke Eichenstraße gab es eine Apotheke.In dem Haus sollten wir beim Ausbau des Dachgeschosses zur
Wohnung mitarbeiten.Das Schieferdach musste umgedeckt
werden.Hier lernte ich, wie Schiefer eingebunden wird.
Auch die Sanitäranlagen wurden neu eingebaut.
Dann kam von der Schule die Aufgabe, ein
Prüfungsstück musste angefertigt werden und bis zur
Weihnachtsausstellung der Innung fertig sein.
Der Meister meinte, ich solle eine
Kaffeedose aus Weißblech herstellen.Diese Arbeit war gar
nicht so einfach.Das Blech durfte keine Falten haben und
die Lötstellen mussten ganz glatt und sauber sein.Es
durfte an den Nähten nicht geschabt werden.Die Dose wurde
termingerecht fertig und der Meister meinte, sie sei gut geworden
und ich könnte sie abgeben.Wie immer, fand die
Ausstellung der Innung, mit allen Arbeiten der Lehrlinge und
Gesellen, statt.Mit meinem Vater besuchte ich die
Ausstellung.Es wurden interessante Stücke aus den
verschiedenen Lehrjahren gezeigt.Für uns war auch
wichtig, zu entscheiden, welcher Art mein Gesellenstück werden
sollte. Wir suchten natürlich auch meine jetzige Arbeit.Plötzlich
fanden wir meine Kaffeedose, herausragend auf der Fensterbank.Daran steckte ein blauer Zettel mit dem Vermerk
„Prämiert“ und die Zeugnisnote „Sehr gut“.Als Preis bekam ich einen Fachkalender.Natürlich war mein
Vater stolz auf seinen Sprössling.Das spätere
Weihnachtsessen zu Hause mundete dann besonders gut und Mutter
bekam für ihre Kochkunst auch ein Lob.
Am Sonntag vor unserer Jugendstunde
gingen wir mit einer größeren Gruppe durch die Straßen, um
andere junge Leute einzuladen, auch zum CVJM zu kommen.Zu
diesem Dienst wurden wir eingeteilt, natürlich war das
freiwillig.Auf einer Tafel am Eingang unseres Heims stand
ein Wort Lord Williams, dem Begründer des CVJM: „Gerettet
sein, gibt Rettersinn“.Dieser Wort Lord Williams
wurde in England später geadelt.Zuerst hatte es mit einer
kleinen Gruppe in einer Gebetsgemeinschaft begonnen.Auch
diese jungen Leute sind auf die Straße gegangen und haben
eingeladen.Heute ist der CVJM eine weltweite Organisation
mit vielen Vereinshäusern.
Der Verein will keine Konkurrenz gegen
die Kirche sein, doch bei der Amtskirche klaffte eine Lücke, die
durch den CVJM mitgefüllt wurde.Bevor wir jeweils auf die
Straße gingen, wurde unser Handeln im Gebet unter die Hand des
Herrn gestellt.Zum ersten Mal, mit den Einladungszetteln
in der Hand, auf die Straße zu gehen, war schon ein Wagnis.Es war das Jahr 1927, (Dies war auch das Jahr, in dem mein
Großvater aus der Bankstraße starb, den ich sehr gern gehabt
habe).
Die Erwerbslosigkeit war schon groß.Viele Gruppen der verschiedensten Parteien trieben ihr Unwesen.Ohne Straßenschlachten ging es schon nicht mehr ab.Wir
sprachen trotzdem junge Männer an und etliche folgten unserer
Einladung.Im Verein waren verschiedene Berufsgruppen, die
ihre Veranstaltungen hatten, so konnte sich jeder aussuchen,
wohin er gehen wollte.Immer aber wurde das Evangelium, die
frohe Botschaft verkündigt, damit der Mensch heraus kommt aus
seinem Todeskreis zu einem Leben mit Jesus Christus.Es
tummelten sich ja draußen viele Weltanschauungsgruppen.Da
waren nicht nur die Kommunisten, auch die SPD, die völkischen
Gruppen, unter anderen die von Mathilde Ludendorff (am heiligen
Quell der Germanen), eine gefährliche Gruppe.Auch die
Nazis versuchten, durch diese Gruppe, politischen Boden zu
gewinnen.
Bei meiner Arbeit in der Fruchtallee, im
Zinshaus meines Meisters, wohnte eine Familie, die dieser Gruppe
anhing.Ich versuchte mit ihnen ins Gespräch zu kommen.Was da gegen die Bibel und Gottes Wort hervorgebracht wurde, war
unglaublich.Es war überhaupt nicht an sie heran zu
kommen.Man spürte, diese Leute hatten so etwas, wie ein
Brett vor dem Kopf.
Der Stadtmissionar Dr. Witte rief zu
einer Versammlung bei Sagebiel auf, um mit den Ludendorffern zu
diskutieren.Der Saal in der Nähe des Gänsemarkts war
brechend voll.Auch ich saß auf der Empore und schaute auf
die große Versammlung.Pastor Dr. Witte versuchte, ihre
Angriffe auf die Bibel zu widerlegen, aber immer wieder kamen
Redner von der Gegenseite und brachten Texte aus der Bibel, ganz
aus dem Zusammenhang gerissen.Man konnte mit Engelszungen
reden, es half nichts, hier war eine Sperre, die man nicht
beiseite bringen konnte.
Eigenartig aber war, ich war oft froh,
konnte abends in die Stille des Borsteler Waldes flüchten und in
meiner Bibel lesen, um die Orientierung nicht zu verlieren.
Später habe ich erkannt, wie wichtig es
für das innere Wachsen des Glaubens war, denn was war noch alles
in der Zukunft verborgen.Nur einer, der alles in Händen
hält, kann uns bewahren.So etwas von Bewahrung erlebte
ich mehrere Male.
Im Betrieb hatten wir ein Fahrrad, das
für weite Entfernungen zur Kundschaft gebraucht wurde.Eines
Tages bekam ich den Auftrag, etwas aus der Innenstadt zu
besorgen.So fuhr ich mit dem Rad durch die Bankstraße,
geriet mit dem Vorderrad in die Straßenbahnschiene und schlug
hart aufs Pflaster.Da die Bankstraße eine
Durchfahrtstraße zum Gemüsemarkt war, gab es hier sehr
lebhaften Verkehr.Die Leute blieben stehen, als ich das
verbeulte Rad aus den Schienen zog.In dem Augenblick kam
mein Vater, der damals bei seinem Vater in der Bankstraße
arbeitete, die Straße entlang und sah seinen Sohn inmitten einer
Menschenansammlung stehen.Zum Glück hatte ich keine
nennenswerten Verletzungen, und so war auch mein Vater froh und
gab mir einen Wink, schnellstens mit dem ramponierten Rad zu
verschwinden.Mein Meister sagte auch nicht viel, auch er
war froh, dass es noch so gut abgegangen war.Das Rad wurde
dann in unserer Werkstatt repariert.
Mit Fahrrädern hatte ich überhaupt so
einiges am Hut.Als ich genug Taschengeld gespart hatte,
kaufte ich ein gebrauchtes Fahrrad.Daran hatte ich nicht
viel Freude, denn es gab dauernd Reparaturen.Einmal
schickte der Meister den Gesellen und mich mit einer Karre voll
Zement, wieder zu seinem Haus in der Fruchtallee.Mein
Altgeselle konnte auch Wände verputzen und ich lernte es von
ihm.Wir hatten dort aber auch einiges im Garten zu tun,
und dabei entdeckte ich unter der Veranda, ein altes, rostiges
Opelrad.Ich fragte den Eigentümer, ob ich es haben
dürfte.Nach einer zustimmenden Antwort zog ich glücklich
damit nach Hause.Nach einiger Zeit hatte ich es auf
Vordermanngebracht.Jetzt konnte ich zur Arbeit
radeln, das war doch eine große Erleichterung.
An einem Sonntagmittag kam ich auf den
Gedanken, mit dem Rad nach Kiel zu fahren, um dort das Meer zu
sehen.Spät kam ich da an, musste aber gleich den Heimweg
wieder antreten, damit ich wenigstens bis Mitternacht wieder zu
Hause sein würde.Als ich Quickborn erreicht hatte, ging
nichts mehr, mein Hintern hatte Hornhaut, nun mussten mal die
Füße dran glauben.Kaputt und zerschunden erreichte ich
mein Ziel und bin halb tot ins Bett gefallen.Meine Eltern
haben nur den Kopf geschüttelt: Was ist das nur für ein
verrückter Jung.Der nächste Arbeitstag ist mir recht
schwer gefallen, vor Müdigkeit wäre ich fast von der
Trittleiter gefallen.
Wenn wir mal einen Auftrag für das Cafe
Lehfeld am Schulweg bekamen, freuten wir uns, denn vielleicht
fiel ja mal ein Stück Kuchen für uns ab.Groß war die
Enttäuschung, als der Chef in der Backstube uns nicht von der
Seite wich, so konnte uns kein Geselle etwas zustecken.Einmal
wurde uns diese Aufpasserei zu dumm.Als es Mittag wurde,
gab mir der Geselle etwas Geld, um in einer naheliegenden
Bäckerei einige Brötchen zu holen.Die verzehrten wir nun
vor den Augen des alten Geizkragens.
Wie ganz anders war der Chef in einer
Schokoladenfabrik.Nach getaner Arbeit, bekam man ein Paket
mit Bruchschokolade.Zu dieser Arbeitsstelle bin ich
besonders gern gegangen, denn Süßigkeiten hatten es mir schon
immer angetan.Wenn es das Taschengeld erlaubte, habe ich
mir später sonnabends eine Tafel Schokolade gegönnt.
Nun muss mal wieder die Rede vom CVJM
sein.Unsere Eppendorfer Gruppe war sehr stark geworden.So kam der Plan auf, doch in Eppendorf eine Zweigabteilung zu
gründen.Bis der Plan aber ausgereift war und sich ein
Leiter fand, ging noch viel Wasser die Elbe runter.Für
ein Ferienlager in Sarow am Müggelsee wurde geworben und bald
war eine Gruppe zusammen, die am Lager teilnehmen wollte.Es
war eine Bibelfreizeit mit vielen anderen jungen Leuten.Nicht
viel ist davon bei mir haften geblieben, nur ein neues
Erweckungslied, das damals aufkam.Später wurde mit der
Gruppe Berlin besucht.Wir fuhren mit einem Doppeldeckerbus
und hatten von oben eine herrliche Aussicht.Natürlich
wurde das CVJM-Haus in der Wilhelmstraße besucht, in dem der
Rittmeister Rothkirch so segensreich gewirkt hatte.
Nach den kurzen Ferientagen gab es im
Beruf allerlei zu tun.Jetzt war ich im 3. Lehrjahr und der
Meister konnte mich schon allein zur Kundschaft schicken.Ein
neuer Lehrling war eingetreten.Das war ein Windbeutel, der
seine Ausbildung nicht ernst nahm, was sich dann nach 4 Jahren
zeigte.Wenn ich ihm eine Arbeit in die Hand gab, war die
so mies ausgeführt, dass man es noch einmal machen musste.Ich sagte ihm, wenn er sich keine Mühe gebe, könne ich ihn
nicht zur Kundschaft mitnehmen.
In der Schule wurde tüchtig auf die
Gesellenprüfung hin gearbeitet.Unser Lehrer Meyer hatte
immer einen besonderen Ausspruch: „Junge Leute, wir müssen
die Prüfungshürde nehmen.“
Für die Prüfung gab es bestimmte
Verordnungen.In der Schule wurde die Prüfung über vier
Stunden abgehalten.In der Innungswerkstatt mussten dann,
unter Aufsicht eines Prüfungslehrers, aus Abflussrohr und
Wasserleitung besondere Sanitärteile hergestellt werden.Die
Lötstellen auf dem Bleimaterial mussten besonders sauber
gelötet sein.Und dann kam das Gesellenstück, das auch
ansprechend sein sollte.Ich entschied mich für einen
Dokumentenkasten aus Weißblech.Diese Arbeit durfte in der
Werkstatt meines Meisters hergestellt werden.Manchmal
werkte ich bis spät in den Abend an diesem Stück.Der
Kasten musste ohne Fehler und Kratzer erstehen, damit er vor der
Prüfungskommission bestehen konnte.
In der Innungswerkstatt wurden meine
Sanitärteile aus Blei, ein Abflussbogen mit T-Stück und eine
Wasserleitungsabzweigung, gut zensiert.
Dann kam der theoretische Teil der
Prüfung.Bevor die Hefte mit den Prüfungsaufgaben
verteilt wurden, sagte ein Lehrer: „Jetzt wird sich die
Spreu vom Weizen scheiden.“Nach der Prüfung zeigte
sich, dass gerade seine Favoriten, die Meistersöhne, schlecht
abgeschnitten hatten.In dieser Klasse war überhaupt nur
ein Schüler mit dem ich guten Kontakt hatte und der war auch der
christlichen Botschaft nicht ablehnend gegenüber.
Einmal hatten wir eine Auseinandersetzung
mit einem anderen Schüler.Wir gingen zusammen durch die
Michaelisstraße.Er wollte nicht einsehen, dass die Welt
vergänglich ist und der Mensch mehr braucht, als das, was er
sieht.Ich weiß noch heute, dass von mir der Einwand kam:
„Und wenn dies alles einmal in Schutt und Asche
fällt?“Ich ahnte nicht, dass es 1943 die
Michaelisstraße nicht mehr geben würde, die Bomben sorgten
dafür.
Als die Prüfungen abgeschlossen waren
und das Gesellenstück bei der Innung hinterlegt war, hörten
wir, die Prüfung sei bestanden.Die Auslieferung der
Gesellenstücke würde noch vor dem 1. April geschehen.Doch
für mich kam erst der 15. März.Vater war krank, er
wollte aber doch zur Arbeit gehen.Ich sehe ihn noch vor
mir, wie er aus dem Bett kam und in der Küche versuchte, seine
Arbeitshose anzuziehen, was ihm aber nicht gelang.Mutter
machte sich große Sorgen und schickte mich zu unserem Hausarzt
Dr. Meyer, der seine Praxis in der Eppendorferlandstraße hatte,
er solle schnell kommen.
Von dort ging ich weiter zur Arbeit.Ich bekam den Auftrag, in der Bornstraße das Treppenlicht
nachzusehen.Wie ich feststellte, hatte es einen
Kurzschluss durch eine Glühbirne gegeben. In der 2. Etage
ließ ich mir von einem Nachbarn eine Trittleiter geben und
schraubte die Glaskuppel ab.Ich stellte sie fest auf die
oberste Sprosse der Leiter und schraubte eine neue Glühbirne
ein.Ohne die Glaskuppel berührt zu haben, viel sie runter
und zersprang.Meine Uhr zeigte Punkt 11 Uhr.Ich
fegte die Scherben zusammen und fuhr wieder in die Werkstatt.
Dort kam mir die Meisterin entgegen und
sagte, es wäre angerufen worden, ich solle schnell nach Hause
kommen.Im Haus fand ich Mutter und Schwester in einem
aufgelösten Zustand.Vater war tot.Er hatte
plötzlich einen Schlaganfall bekommen und hatte sich davon nicht
erholt.Als Mutter mir erzählte, dass Vater um 11 Uhr
eingeschlafen war, dachte ich an die heruntergefallene
Glaskuppel.Auch meine Schwester erlebte, dass unsere
Stubenuhr um 11 Uhr stehen geblieben war.Als es Vater am
Morgen so schlecht ging, konnte ich ihm noch sagen, dass ich die
Gesellenprüfung bestanden habe.Ob er das noch aufgenommen
hat, weiß ich nicht.
Der Tod von Vater war für unsere Familie
besonders tragisch, denn am drauffolgendem Sonntag war die
Konfirmation meiner Schwester in der Andreaskirche.Es
wurde eine bedrückende Angelegenheit.Wir waren
erleichtert, als am 19.3. die Beerdigung überstanden war.Es
war eine große Trauergemeinde in der Kapelle 1 auf dem
Ohlsdorfer Friedhof.Viele Freunde und Arbeitskollegen
waren gekommen.Vater hatte ja bei der Firma Oldenburg und
Hengstler eine Vorarbeiterstellung innegehabt.
Aber alles, was Mutter an Zuspruch
entgegen gebracht wurde, konnte die tiefe Wunde nicht heilen.Sie litt unendlich unter dem Verlust ihres Mannes.Es kam
zu einer Gemütskrankheit, die sich noch zu einem Verhängnis
für sie entwickeln sollte.
1927-1937- Gesellenzeit
Von meinen ehemaligen Klassenkameraden
hörte ich, die Feier zur Ausschreibung zum Gesellen sei schon
gewesen und ich war nicht dabei.Durch meinen Meister
hörte ich dann, weil meine Lehrzeit erst am 1. Mai begonnen
hatte, bekäme ich den Gesellenbrief auch erst am 1.5.Mein
Meister war aber so anständig, dass er mir schon ab April den
Gesellenlohn auszahlte.Die Löhne waren damals niedrig.Als Junggeselle hatte ich einen Stundenlohn von 87 Pfennigen. Das
Schlimmste war, dass die Wirtschaft darniederlag.Man
musste auf Kundschaft warten.Die Zahl der Erwerbslosen
wurde immer größer.
Im Betrieb hatten wir ein Auftragsbuch,
in das wir schauten, den Auftrag erledigten und unseren Namen
dann dahinter setzten.Eines Tages stand kein Auftrag mehr
in dem Buch.Weil ich der jüngste Geselle war und den
Altgesellen nicht verdrängen wollte, bat ich den Meister um
meine Entlassung.Über die Antwort vom Meister und seiner
Frau war ich sehr erstaunt.Sie sagten:
"Nein Hugo, dich entlassen wir
nicht, wir haben hinten im Büro noch Aufträge, von denen die
anderen nichts wissen." Wenn ich dann oft in der
Werkstatt wartete, bis ein Auftrag kam, so war mein Wochenlohn
nicht groß, aber wir konnten davon leben.Mutter hat
versucht, eine Rente zu bekommen.Weil Vater schon mit 41
Jahren gestorben war, hatte er nicht genügend Beiträge für die
Rentenversicherung gezahlt und so wurde ihr Antrag abgelehnt.Später bekam sie im Eppendorfer Krankenhaus eine Arbeitsstelle
in der Küche.Wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit konnte
sie dies aber nicht lange durchhalten.
Meine Schwester versuchte, eine
Lehrstelle zu bekommen, was aber wegen der schlechten
Wirtschaftslage nicht gelang.
Mein Leben war bestimmt vom CVJM.Es
wurde nun eine Zweigabteilung in Eppendorf gegründet.Georg
Andresen, ein Kaufmann, war bereit, die Leitung zu übernehmen.Wir nahmen Verbindung zum Volksheim Tarpenbekstraße auf.Der
dortige Hausmeister konnte uns für sonntags ein großes Zimmer
zur Verfügung stellen und außerdem einen Kellerraum für die
Jungschararbeit.Den Kellerraum hatte eine Jugendgruppe von
der KPD gestaltet.Er war ganz in blau gehalten und mit
einem Sowjetstern an der Decke geschmückt.Also, die
Räume waren gemietet.Vom CVJM an der Esplanade bekamen
wir Einladungsmaterial, um Jungen und junge Männer auf der
Straße einzuladen.Mit unserem neuen Leiter hatten wir
abgesprochen, dass mein Freund Hermann Schmidt die Jungschar I
leiten sollte und ich die Jungschar II.Also konnte es
losgehen.Mit meinen Einladungszetteln zur Jungscharstunde
ging ich auf die Straße. Zwei Jungen waren dann ins Volksheim
gekommen.Nun, der Anfang war gemacht.Nach dem
Spielen, las ich ihnen eine Geschichte vor und zum Schluss noch
eine biblische Geschichte.Beim Weggehen bekamen sie den
Wunsch mit, doch beim nächsten Mal jeder einen anderen Jungen
mitzubringen.Es dauerte nicht lange, so reichte der Raum
nicht mehr aus.Auch wurde der Wunsch geäußert, einen
eigenen Jungscharwimpel zu haben.
Wir trugen uns mit großen Plänen, die
im nächsten Jahr erfüllt werden sollten.In meinem Beruf
lief die Arbeit auf Sparflamme.So hatte ich hier für die
Jugendarbeit viel Zeit.Abends traf ich oft mit Hermann
zusammen, um mit ihm Pläne und auch Probleme zu diskutieren.Wenn wir Geld hatten, gingen wir in Groß Borstel ins Cafe,
saßen da in einer Ecke und tranken eine Tasse Kakao.Wie
es so bei jungen Menschen ist, es gab ja so viele Probleme, die
gelöst werden mussten.
Meine Mutter war immer erstaunt über
meine abendlichen Aktivitäten.In der Woche hatten wir mit
den Älteren unsere Bibelstunden und am Sonntagnachmittag unsere
Versammlung mit Vorträgen und Berichten von Tagungen und Reisen.Der Verein mit seinen verschiedenen Abteilungen wuchs und
blühte.
Dann kam für mich ein Schlag. Hermann
traf eine Mädchengruppe in der Breitenfelderstraße und
verknallte sich in eins der Mädchen, so doll, dass unsere
Freundschaft in die Brüche ging. Wie wir hörten, verlobte er
sich noch, doch dann platzte diese Verlobung.Für unsere
Abteilung war er verloren, er ging seine eigenen Wege.Viel
später kam er mal zu uns in der Horner Landstraße zu Besuch.Er hatte geheiratet, aber vom CVJM wollte er nicht mehr viel
wissen, warum, das konnte ich nicht herausfinden.Dann habe
ich nichts mehr von ihm gehört, bis ich in der Zeitung seine
Todesanzeige las.
In meinem Beruf war in der Zeit mit
Arbeit nicht viel los.Oft saß ich in der kalten Werkstatt
und wartete auf Aufträge.Manchmal waren es in der Woche
nur 15 Stunden, die ausbezahlt wurden.Mein Mittagbrot war
in der Kälte so gefroren, dass ich die Brotscheiben über der
Gasflamme auftaute.
Mutter muss schon gezaubert haben, um mit
dem wenigen Geld über die Runden zu kommen.
Mit meiner Schwester hatten wir auch
Erziehungsschwierigkeiten.Mutter litt unter dem Verlust
des Ehemanns und ich selber hatte meine Probleme und die Aufgabe
mit der Jungschar.So konnten wir Mariechen in ihrer
Entwicklung nicht verstehen und darum auch nicht helfen.
Der harte Winter 1928/29 ging vorüber.Es waren viele Frostschäden entstanden, verstopfte Abflüsse und
eingefrorene Wasserleitungen.Dadurch hatten wir wieder
mehr Arbeit und ich brachte mehr Geld nach Hause.
Als Pfingsten kam, rüstete der CVJM
Esplanade zu einem Jungmännertreffen in Stuttgart.Eine
Gruppe von uns durfte dabei sein.Ich bekam ein paar Tage
Urlaub und fuhr mit dem Generalsekretär Stoelzner nach Stuttgart
zur großen Tagung.Auf dem Marktplatz war das Treffen der
vielen jungen Männer aus ganz Deutschland.In Stuttgart
besaß der CVJM ein großes Vereinshaus mit einem Wohnheim für
junge Männer . Das Haus hatte sogar ein eigenes Schwimmbad und
ein eigenes Kraftwerk.Auf dem Dach des Hauses war in
großen Buchstaben die Losung der Tagung zu lesen: „Wir
sollen Gott fürchten und lieben.“
Wir Hamburger wurden in Privatquartieren
untergebracht.Ich wohnte bei einer Familie Thierfelder in
Feuerbach. Es waren sehr liebe Leute, wir verstanden uns
prächtig.Zum Abschluss der Tagung, ging es nach Degerloch
zu einem Waldcafe mit einer großen Wiese.Hier sprachen
dann Männer aus dem Verband des weltweiten CVJM.Ein
älterer Herr mit Namen Elsässer rief uns zu: „Junge
Männer, nehmt aus unseren Händen die Kreuzesfahne und tragt sie
weiter ins deutsche Volk.“Nach der
Schlusskundgebung war eine Schwarzwaldwanderung vorgesehen.So zogen wir dann mit unserem Leiter durch den Schwarzwald und
besuchten das Monbachtal mit seiner romantischen Umgebung.In
Freudenstadt machten wir Quartier und von dort ging es zur Ruine
Hohen-Urach.Zum Abschluss besichtigten wir das
Heidelberger Schloss und sahen dort im Keller das große Fass.An der Wand hing ein Kasten, wenn man an dem Griff zog, kam ein
Fuchsschwanz herausgeschossen und konnte einen schon erschrecken.Von dieser erlebnisreichen Fahrt sind wir froh nach Hamburg
zurückgekehrt und hatten daheim viel zu erzählen.
Der CVJM Eppendorf machte weitere
Fortschritte.Oft gingen wir mit einer großen Schar auf
Heidefahrt.
In Deutschland sah es wirtschaftlich mies
aus.Die Erwerbslosenzahlen stiegen und stiegen, bald hatte
man 6 Millionen erreicht und die Verzweiflung stieg.Man
versuchte, mit Notverordnungen etwas Ordnung in die Wirtschaft zu
bringen, aber dem Reichskanzler Brüning gelang das nicht.Auf
den Straßen nahmen die Parteienauseinandersetzungen blutige
Formen an.
Es war eigenartig, zu der Zeit hatten wir einen großen Zulauf
von Jungen und jungen Männern. Die Jungschar war auf über
50 Jungen angewachsen. Der Wunsch wurde laut, doch einmal
draußen im Zelt zu schlafen. Nahe am Flughafen fand ich
ein passendes Waldgelände. In der Nähe war ein Bauernhof,
denn wir brauchten Wasser zum Abkochen. (Heute hat der Flughafen
das ganze Gebiet geschluckt).
Die ganze Meute zog also los. Als Zeltmaterial hatten
wir Dachpappe mitgenommen. Aus Holzstangen machten wir ein
Gerüst, worauf die Dachpappe kam. Die Jungen waren
begeistert. Abends lagen wir am Lagerfeuer und es wurden
Geistergeschichten erzählt. Wasser holten wir beim Bauern
aus einem Soot, wo das Wasser in einem tiefen Loch gesammelt
wurde. Für unsere Verpflegung hatten wir Brote von zu
Hause mitgenommen. So kochten wir nur Kaffee.
Solche Fahrten haben wir oft unternommen, dann aber nicht mehr
mit Dachpappe. Es gab eine Möglichkeit, uns bei Serchinger
in der Bachstraße, Zeltbahnen zu leihen. Am Montag mussten
diese in ordentlichem Zustand wieder zurückgebracht werden, was
immer viel Zeit kostete.
Im Herbst starteten wir die erste Herbstfahrt in meinem Leben,
(später kamen noch viele dazu).
Bei Maschen hatte ich ein Heim der Veddeler Gemeinde ausfindig
gemacht. Ein Diakon Unverricht war auf diesem Grundstück,
Reiherhorst, der Hausvater. Auf dem Gelände stand eine
große Baracke mit Waschraum. Dazu gab es ein paar kleine
Hütten. Die Küche war in einem festen Bau untergebracht.
Wir waren eine nette Gruppe, die auch
äußerlich erkennbar war, durch die grünen Fahrtenhemden mit
dem grauen Halstuch.Wir streiften durch die Gegend, einmal
nahm uns der Bauer auf seinem Tankwagen mit.Zum Mittag
mussten die Jungen Kartoffel schälen und beim Kochen des Essens
helfen.Kein Tag verging ohne ein biblisches Wort mit
Auslegung.Auch wurde kräftig gesungen.
In der Jugendabteilung ging es auch
interessant zu.Für den Sonntag hatten unsere Leiter
meistens einen Redner verpflichtet.Einmal war es ein
Sachse, der uns mit seinen Geschichten mächtig zum Lachen
brachte.Ein anderes Mal berichtete uns ein Vikar Hennig,
von seinem Japanaufenthalt.Besonders beeindruckte uns, als
er uns erzählte, wie sie den Vulkan Futschiyama auf männliche
Weise gelöscht hätten.
Dann kam eines Tages ein Stadtmissionar
mit Namen Zeisig, der prima aus dem Erzgebirge erzählen konnte.Seine Geschichten hatten Fortsetzungen und so saß dann wieder
einmal der Zeisig vor uns und plauderte lustig darauf los.Als
er fertig war, sagte er, ich bin der Bruder von dem, der vorher
hier war.Sein Bruder war krank und er war für ihn
eingesprungen.Es waren Zwillinge und sie glichen sich wie
ein Ei dem anderen.Wir hatten nichts gemerkt.Später
in der Martinskirche entdeckte ich, das die Zeisigs Diakone des
Rauhen Hauses waren und einer von ihnen um 1888 hier Dienst getan
hatte.
Jetzt planten wir ein Ferienlager
Schäferhof und der CVJM gab uns einen Zuschuss, damit viele
mitkommen könnten.Wir hatten eine schöne Gruppe aus
Eppendorf zusammen.Natürlich war es für alle ein großes
Erlebnis, nicht nur all die Spiele und das Baden.Man war
auch erstaunt über die große Schar, die sich morgens um das
Wort Gottes versammelte.
Für die Regentage gab es ein Tummelzelt,
ausgelegt mit Stroh.Außerdem hatten wir Glück, einen
besonderen Mann vom Reichsverband der Jungmännerwerke zu
bekommen.Der Jungschar-Onkel Horch war ein lustiges Haus,
der hatte tolle Scherze auf Lager und konnte Geschichten
erzählen, sodass die Jungen nicht genug bekommen konnten.Natürlich
gab es auch die berühmten Speergefechte und abends am Lagerfeuer
Geistergeschichten.
Mit meiner Eppendorfer Gruppe gab es noch
eine kleine Panne, einige hatten sich daneben benommen, was
natürlich wieder ausgebügelt wurde.
Sonst war es eine erlebnisreiche Zeit.Unsere Jungschar wuchs und wuchs.Wir schafften eine
Wanderkluft an, dazu eine Kopfbedeckung.Unsere Gruppe
konnte sich schon sehen lassen.
Im Volksheim war unser Bleiben nicht mehr
angebracht.So suchte Georg Andresen ein neues Quartier und
hatte Glück.Im Lokstedter Weg fand er in der Villa von
Fräulein Bertoh eine Unterkunft.Wir konnten uns dort
häuslich einrichten.Weil das Haus mit Garten an der
Straße lag, musste am Gartenzaun ein Schaukasten angebracht
werden.Für den Inhalt, mitsamt Bildern, sorgte ich.
Inzwischen hatte ich mir einen
gebrauchten Fotoapparat gekauft und nun machte ich viele
Aufnahmen.Ich bin oft am Flughafen gewesen und habe dort
photographiert.Die Bilder zeigten dort noch Wald und dann
die Regulierung der Tarpenbek.Das kostete uns den
Zeltplatz, den wir bisher so in der Nähe hatten.Natürlich
musste der Flughafen vergrößert werden, denn Hamburg wollte das
Kreuz des Nordens für den Flugverkehr werden.
Die Wirtschaft in Deutschland lag
danieder, die ehemaligen Feinde verlangten Milliardenbeträge als
Kriegsschuld und so machten sie die Wirtschaft immer mehr kaputt.Es geht aber oft in der Welt so, wo der Sieger meint über den
Schwachen zu herrschen, wird er eines Tages die Früchte seines
Hasses ernten.Im Deutschen Volk kamen immer mehr radikale
Kräfte an die Oberfläche, wer Wind sät, wird Sturm ernten!
Bei uns hier in Eppendorf ging die
Jugendarbeit fröhlich weiter.Im nächsten Sommer, wir
schrieben das Jahr 1931, gab es auch politische
Auseinandersetzungen mit den Jungkommunisten.Sie hatten
sich von der Kirche losgesagt.Ihr Wahlspruch hieß:
"Wir haben Gott aus den Herzen entfernt, nun erst haben wir
lachen und spielen gelernt." In der Kegelhofstraße
war die Hochburg der Kommunisten.Gegenüber der
Tarpenbekstraße, Ecke Lokstedterweg, hatte Ernst Thälmann seine
Wohnung.Der Balkon war stets mit kommunistischen Parolen
geschmückt.
In diesem Sommer also, nahm ich mir
mehrere Tage Urlaub, um als Helfer im Ferienlager Schäferhof
mitzumachen.Das waren tolle Tage und Nächte!Mit
einem Freund zusammen haben wir das Lager in Atem gehalten.Eines Nachts war in einem Zelt die
Schwarze Handam Werk.Mit
Tusche haben wir die Schläfer gekennzeichnet.Ein Zettel
am Zeltpfosten mit einer gemalten schwarzen Hand darauf, zeugte
von der Gegenwart dieser Bande.Am anderen Morgen beim
Antreten gab es ein großes Hallo und die Jungen aus den anderen
Zelten hatten ihren Spaß.Oho, noch manch einer sollte das
Unwesen dieser Bande zu spüren bekommen.Am Leitertisch
wurde ich scharf ins Verhör genommen, aber wir schwiegen wie das
Grab.
Eines Morgens hing an der Buche ein roter
Fehdehandschuh, das bedeutete, dass, trotz verschärfter Wachen,
das Wachzelt überfallen war.Das Wachzelt war
zusammengebrochen.Die Wachen suchten, wie wild, das ganze
Gelände ab, konnten aber nicht verhindern, dass im Wald die
Pumpe quietschte und das Lagerfeuer gelöscht war.
Der Wachbericht am nächsten Morgen
brachte viele zum Aufhorchen und man schwor der Bande Rache.Abends wurde der Wald abgesucht nach diesem unheimlichen
Gesindel.Manch einer kam nicht ins Lager zurück, als man
danach suchte, fand man ihn gefesselt am Baum.Am nächsten
Tag berichteten unsere Krankenschwestern, sie hätten Mühe
gehabt, in ihr Haus zu kommen, denn Schloss und Türgriff waren
mit Fliegenfängern umwickelt gewesen.
Im Lager wurde der eine oder der andere
Leiter verdächtigt, aber die Bande trieb ihr Unwesen weiter.Eines Nachts musste dann auch der Hauptleiter, Herr Serchinger
dran glauben.Der schlief in dem Gerätehaus auf einem
Feldbett.Wir besorgten uns eine Menge Fliegenfänger und
drangen in das Haus ein.Der Leiter lag friedlich auf
seinem Bett und schnarchte.Wir konnten in aller Ruhe über
seine Bettdecke die Fliegenfänger ausbreiten und zum Schluss auf
die Oberkannte der Tür eine Wasserschale stellen.Dann
machten wir am Fenster einen Höllenlärm, flitzten durch den
Wald zur Lagerwache und spielten die Unschuldigen.Wir
warteten jetzt auf den gestörten Schläfer, der auch nach
einiger Zeit auftauchte und von der Belästigung erzählte. Wir
aber taten wie die Unschuldslämmer.
Am nächsten Morgen gab es über diesen
Vorfall Rätselraten, aber wer die Unholde waren, ist nie
herausgekommen.Jedenfalls war das Lager in diesem Jahr
voller Überraschungen gewesen.
Ein Missionar Deckert machte mit uns ein
Spiel, er ließ ein Negerdorf bauen, das von einem feindlichen
Negerstamm überfallen und angezündet wurde.Natürlich
gab es dazu auch eine Geschichte, warum dies Dorf dran glauben
musste, weil es einen christlichen Missionar in seiner Mitte
duldete.
Bei einem Speergefecht hatte ich eine
Gruppe gegen die Blauen zu führen.Diese Gruppe wurde von
dem Jugendsekretär Peter Jäger angeführt.Wir hatten uns
in einer Sumpflandschaft zum Kampf gestellt.Meine Parole
war, wie bei der Schlacht in den Masuren, es hier im Sumpf
gleichzutun.Es gab einen tollen Kampf und der Wietholz kam
als Sieger hervor.War das ein Jubel und die andere Partei
mit ihrem Häuptling zog traurig von dannen.Es wurde im
Lager noch lange über dieses Geländespiel debattiert, denn so
was hatte man noch nicht erlebt.
Wir hatten auch einen jungen Theologen im
Lager, der es gut verstand, Gottes Wort zu erklären. Vergessen
werde ich nie die Stelle aus dem Korintherbrief, wo Paulus
schreibt: „Ihr seid ein Brief Christi.“Dieser
Vikar Halfmann wurde später Bischof in Schleswig Holstein.
Von meiner Arbeit bei Meister Lampe gibt
es nicht viel zu berichten.Es wurden nur kleine Aufträge
vergeben, die nicht viel einbrachten.Was nötig war, wurde
geflickt, sonst hatten die Hauseigentümer kein Geld für große
Reparaturen.
Im CVJM war plötzlich eine Änderung
für unser Heim eingetreten.Wir mussten das Lokal bei
Fräulein Bertoh räumen.Es gelang uns, eine Bleibe im
großen Saal auf der Anscharhöhe zu bekommen.Aber das war
nicht mehr das, was wir brauchten.Dann kam eine
Führungskrise hinzu.Ich musste die Jungschararbeit
abgeben, was bei mir zu einem Protest führte, ich blieb dem
Verein fern.
Inzwischen lernte ich einen jungen Mann
kennen, Heini von Glan.Wir hatten beide unsere Probleme,
er wurde mein Freund.Zu Ostern 1932 machten wir uns auf,
an die Ostsee, auf den Priwall zu fahren.
Dort fanden wir ein Heim, wo wir, trotz
schlechtem Wetter unsere weiteren Pläne besprachen. Wir waren
beide nicht mehr im CVJM Eppendorf, denn uns gefiel die Art und
Weise nicht, wie man mit uns umgegangen war.
Heini von Glan gehörte der Späherschaft
Concordia in Hoheluft an.Eines Tages nahm er mich zu einem
Elternabend mit, der im Gemeindesaal der Bethlehemkirche
stattfand.Wir erlebten einen Elternabend, der ein großer
Reinfall wurde.Ich sehe noch, wie die Jungen versuchten,
ein Zeltlager auf der Bühne aufzubauen, was überhaupt nicht
gelang.Auch waren nur sehr wenige Eltern gekommen.Zum
Schluss mussten wir uns einen Streit der älteren Pfadfinder mit
anhören.Keiner wollte die Verantwortung für die Gruppe
übernehmen.Der bisherige Leiter war schwer erkrankt.
Da fragte man mich, ob ich das nicht
übernehmen könnte. I ch willigte ein, doch nur zusammen mit dem
Späherführer Herbert Künzel.
Ich hatte noch keine Ahnung von
Pfadfinderarbeit.Der Herbert gab mir Unterricht und nach
etlichen Monaten wurde ich zum Bundesleiter der CSC (Christliche
Späherschaft Concordia) im Reichsverband der Jungmännerbünde
verpflichtet.Jetzt durfte ich das Fahrtenhemd mit dem
blauweißgestreiftem Halstuch tragen und bekam dazu den
Späherausweis.
Nun gingen wir daran, den Mitgliederstand
in die Höhe zu bringen.Ringsherum gab es mehrere Schulen
und das Werben gelang besonders gut.Der Zustrom der Jungen
war enorm, die Jungschar wurde größer, etliche ließen sich zum
Jungspäher ausbilden und so hatten wir bald mehrere Sippen.
Leider wurde unsere Freude getrübt, weil
der ehemalige Leiter der Concordia starb.Auch am
politischen Himmel standen die Zeichen auf Sturm.Hitler
hatte mit seiner Partei die Mehrheit im Reichstag gewonnen.Das Deutsche Volk wollte mit aller Macht aus der Krise heraus.Hitler versprach Arbeit und Brot und Schluss mit dem Gezänk der
Parteien.Das Volk hörte diese Klänge gern und hatte zum
Teil keine Ahnung, was dahinter steckte, aber viele glaubten ihm.Einmal waren es die Deutschnationalen, die mit ihren Verbänden
in Hitler ihren Mann sahen.Und dann die alten Offiziere,
die von einer neuen Wehrmacht träumten.Das Großkapital
wiederum sah eine Chance, um wieder an die Macht zu kommen.Noch war das große Heer der Arbeitslosen da, die nicht mehr an
die Parolen ihrer alten Parteien glaubten, man wollte aus der Not
heraus und griff zum Parteiprogramm der Nazis.
So kam der 30. Januar 1933, wo Hitler mit
dem Willen des Volkes Reichskanzler und dann von Hindenburg in
der Garnisonskirche feierlich vereidigt wurde.Als der
Volksverdreher erst die Macht hatte, konnte er schalten und
walten, wie er wollte.Seine Nebenbuhler stellte er kalt
oder ließ sie ohne Gerichtsurteil umbringen.Dabei denke
ich an die Rhön-Affäre.Die SA wollte die erste Geige
spielen, doch Hitler und die SS waren dagegen und so starben
Rhön und seine Männer, über Nacht umgebracht von der SS.
Inzwischen hatte ich einen Vikar mit
Namen Schmid kennen gelernt.In seinem Freundeskreis
diskutierten wir, die jetzt in Gang gesetzten Verordnungen.Im März kam schon das Gesetz heraus, das die Hitler-Jugend zur
Staatsjugend machte.Dazu gab es ein Gesetzblatt, das
regelte, welche Jugend sich noch öffentlich zeigen durfte.Vieles wurde verboten oder aufgelöst.Parteien gab es bald
nicht mehr.Wir sahen in Hitler den großen Elektriker, der
alles gleichschaltete, ausschaltete, umpolte und isolierte.Wenn mehr Menschen Hitlers „Mein Kampf“ richtig gelesen
hätten, hätte man gewusst, wohin der Karren läuft.
Als es mit der Eingliederung der
Verbände begann, tauchten bei uns einige Führer der bündischen
Jugend auf und wollten ihr Fell retten.Aber weil bei uns
die Bibel im Mittelpunkt stand, zogen sie bald wieder ab.Später
übernahmen diese Leute bei der Hitler-Jugend Führerposten und
meinten, den Laden unterwandern zu können, doch daraus wurde
nichts.
Hitler spielte eine neue Trumpfkarte aus,
er trat aus dem Völkerbund aus und führte die allgemeine
Wehrpflicht ein.So waren viele junge Leute von der
Straße, andere mussten zum Arbeitsdienst.Noch einen
Trumpf hatte er, er ließ Autobahnen bauen und siehe da, die
Erwerbslosenzahlen schrumpften.
In der Kirche machte sich eine politische
Gruppe mausig, die Deutschen Christen, die auch Handlanger
Hitlers wurde.Der hatte ja in seinen Reden immer das Wort
von der Vorsehung gebraucht und dann die Fabel vom positiven
Christentum.Wie das aussah, bekamen alle zu spüren, die
nicht für Hitler waren.Mit Hitlers Gunst wurde ein
Reichsbischof gewählt.Jetzt hatten die Deutschen
Christen, unter dem „Rei-Bi“ Müller, in der Kirche was
zu sagen.Die meisten von ihnen waren dem Hitler
verschworen.Einige Männer mit Rückgrat erkannten, dass
der Weg der DC verkehrt war.Sie gründeten unter
Niemöller die Bekennende Kirche.
Auch bei uns in der Bethlehemkirche habe
ich für diese Gemeinschaft geworben.Die Veranstaltungen
fanden in der St. Gertrudkirche bei der Mundsburg Pastor Remee
statt.In der Hamburgischen Landeskirche unter Bischof
Tügel machten sich die Deutschen Christen mausig und hatten das
Ruder an sich gerissen.Jugendpfarrer wurde der Sohn des
alten Pastor Wehrmann, der natürlich an der Spitze SA-Mann sein
musste.
Wir von der Pfadfinderschaft hatten alle
Hände voll zu tun, denn zu uns kamen viele Jungen und wollten
bei uns mitmachen, nur nicht in der Hitler-Jugend.In den
Schulen wurde unsere Pfadfinder Flagge gehisst, von der H-J
wollte man nichts wissen.Dies alles wurde später
natürlich anders.Mit Druck und Rausschmiss wurde viel
erreicht.
Dann kam von oben die Anordnung, wer in
staatlichem Dienst steht, darf seine Kinder nicht in kirchliche
Verbände schicken.Noch aber hatten wir freie Hand und
nutzten unsere Freiheit für viele Fahrten.
Die Concordia hatte bei Langenhorn ein
Freizeitgelände, wo wir uns oft aufhielten.Eines Tages
waren wir wieder draußen und suchten uns Holz für unsere
Feuerstelle auf einer nahegelegenen Wiese.Plötzlich
tauchte der Bauer auf und pöbelte sehr laut herum.Ich
höre noch, wie er der Stadt, Feuer und Schwefel wünschte zu
ihrer Vernichtung.Keine 10 Jahre später traf dieser Fluch
ein und über 40.000 Menschen mussten ihr Leben lassen.Natürlich
haben wir dem Bauern das Holz wieder hingetragen, uns aber war
für alle Zeit der Platz, den die Jungen Bundesfarm nannten,
vergällt.
Die nächste Pfingstfahrt ging dann an
den Schaalsee, nach Zarrentin, wo wir wunderschöne Stunden am
See erlebten.Auch hier ahnten wir nicht, dass wir hierher
erst wieder nach über 40 Jahren fahren durften.Eine
andere Fahrt ging nach Bliesdorf an die Ostsee, in der Nähe von
Grömitz.Hier war die Concordia schon früher gewesen.Es war eine tolle Stelle am Steilufer.Auf dem Bauernhof in
der Nähe, konnten wir unsere Milch kaufen.Bei einem
Nachtspiel erlebten wir, wie uns wildgewordene Kühe über die
Weide hetzten und wir uns dann aufeinen Baum flüchteten.Als wir eine Mittagspause auf dem Bauernhof hielten, kamen einige
Jungen auf die Idee, mit einem Futtertrog und einem Holzkübel
auf dem Jaucheteich in der Mitte des Hofes zu schippern.Alle
anderen der Gruppe sahen vom Ufer aus zu.Ich fürchtete,
dass die Sache nicht gut gehen könnte und siehe da, die Dinger
kippten um und man lag in der Jauche.Wir mussten die
Bengel erst mal abspritzen und die Klamotten wurden in der Ostsee
gewaschen.Die Jungen stanken immer noch 10 Meilen gegen
den Wind.
Die Hin- und Rückfahrt wurde damals
immer mit einem Lastwagen mit Anhänger gemacht.Auf der
Ladefläche waren Bänke befestigt und die Seitenwände waren mit
Brettern abgesichert.Nur noch kurze Zeit waren diese
Fahrzeuge zur Personenbeförderung zugelassen.
Im September bekamen wir eine Einladung
vom Rauhen Haus.Dort wurde am 12.9.1933 das 100. Jubiläum
gefeiert.Mit einer Hundertschaft nahmen wir mit einem
Fackelzug daran teil.
Wenn der Herbst nahte, gingen wir mit
einer Meute auf Herbstfahrt.Natürlich wurde unterwegs
abgekocht.Der Hordentopf war immer dabei.Eingekauft
wurde vorher, meistens leichte Sachen: Reis, Rosinen, Linsen,
Pflaumen, dazu eine Schweinebacke, die ein Jungscharler mit Namen
Jocki tragen musste.Wir hatten ihm eingeschärft, bei
jeder Rast zu melden, dass die Schweinebacke noch da sei.Mittags
machten wir Rast auf einem Bauernhof und futterten unser Brot.Plötzlich schrien die Jungen: „Der Hofhund, der Hund hat
die Schweinebacke.“Der Hund lief mit der
Schweinebacke über den Hof.Nun gab es für die Jungen
kein Halten.Mit Geschrei ging es hinter dem Hund her und
der ließ aus Angst die Schweinebacke fallen.Von da an
hieß unsere Schweinebacke die mit dem Hundebiss.Diese
Geschichte passierte bei Dersau.Abends landeten wir in der
Plöner Gegend auf einem Bauernhof, dort konnten wir im Backhaus
abkochen und später im Stroh schlafen.Hier konnten die
Jungen auch sehen, wie eine geschlachtete Kuh zerteilt wurde.Das ist für Städter ja nicht gerade alltäglich.Hier
hatten wir noch ein aufregendes Erlebnis.Das
„Örtchen“ befand sich inmitten eines Jaucheteichs,
über einen Steg zu erreichen.Wir waren im Backhaus, als
ganz aufgeregt einige Jungen zu uns geeilt kamen.Sie
erzählten, einer sei in der Dunkelheit von dem Steg abgerutscht,
als er das Örtchen aufsuchen wollte.Wir eilten raus, um
zu sehen, was der Unglücksrabe machte.Der war schon aus
der Brühe raus, aber er stank fürchterlich.Die
Bauersfrau besorgte warmes Wasser und wir haben den Jaucheheini
tüchtig abgespritzt.Sein Zeug wurde gewaschen, doch auch,
als es trocken war, stank es immer noch.Dieser Geruch war
nachhaltiger als 4711.Solche Abenteuer auf Fahrt sind doch
unvergesslich geworden.
Doch nun muss ich mal wieder von meiner
Arbeit berichten.Eines hatte der politische Wandel mit
sich gebracht, der Arbeitsmarkt wurde langsam lebendig.Es
gab wieder mehr Material, manches konnte neu gefertigt werden.Mit der Arbeit ging es langsam aufwärts, die Wirtschaft erholte
sich.Dem Hitler war es gelungen, die Großindustriellen
auf seine Seite zu ziehen.
In meinem Beruf machte die Arbeit wieder
Spaß, denn die Hauswirte ließen mehr arbeiten.Es wurden
Dächer neueingedeckt.Bei so einer Arbeit wäre es durch
meine Schuld beinahe zu einem Brand gekommen.Es war Im
Gehölz, auf dem Dach kochte der Topf mit der Klebemasse, als der
Feuertopf plötzlich umkippte und Klebemasse samt Kohlenglut auf
dem Dach lag.Die flüssige Masse fing Feuer und lief die
schräge Dachfläche herunter, wie ein glühender Lavastrom.Im Nu brannte die ganze Dachfläche und es gab eine große
Rauchwolke, die weithin sichtbar war.Irgendjemand hatte
die Feuerwehr alarmiert.Ich behielt die Ruhe und
versuchte, mit dem Sand, der immer mit aufs Dach gebracht wurde,
die Flammen zu ersticken.Als die Feuerwehrmänner zur Luke
herausschauten, hatte ich den Brand gelöscht und die Männer
zogen wieder ab.Es gab noch ein paar Hinweise auf die
Vorschriften, sonst nichts.Mein Meister war froh, dass
alles noch so gut abgegangen war.Überhaupt muss ich eine
gute Hand und Spürnase gehabt haben, denn bei Dachreparaturen
hieß es meistens, schicken Sie den jungen Gesellen, der kann
was.
Einmal mussten wir in einer Bäckerei die ganze Nacht arbeiten.Im Klo musste der Zementboden aufgeschlagen und die versackte
Sielleitung ins rechte Lot gebracht werden.Das konnte
nicht am Tag geschehen, weil der Betrieb nicht gestört werden
sollte.Am anderen Tag war es mir doch komisch, so ohne
Schlaf auskommen zu müssen.
Im Sommer gab es einmal einen Auftrag in
der Bornstraße.Dort in der Wohngegend der Juden, mussten
wir die Dachrinnen erneuern.Die wurden zunächst in der
Werkstatt zu 4 Meter-Stücken zusammen gelötet und dann an Ort
und Stelle gebracht.Da es ein sehr heißer Sommer war und
man es um 10 Uhr auf dem Schieferdach kaum noch aushalten konnte,
verabredete ich mit dem Lehrling, dass wir schon morgens um 4 Uhr
anfangen und dann unsere Arbeit vor der großen Hitze beendet
haben wollten.So hatten wir ganz früh Feierabend.Der
Meister war mit unserer Arbeitszeit einverstanden.Ich
durfte mir meine Arbeit oft mit Erlaubnis der Firma so einteilen,
wie ich die Zeit brauchte.
Wegen der Jugendarbeit war es nötig
geworden, am Donnerstag schon um 17 Uhr frei zu sein.So
machte ich an dem Tag keine Mittagspause und konnte früher
weggehen.
Bei meiner Meisterin muss ich wohl einen
Stein im Brett gehabt haben, sie hatte eine besondere Art, mit
mir umzugehen.Einmal brachte sie mir einen Teller mit
Roter Grütze in die Werkstatt.Diese Grütze mit Früchten
aus ihrem Niendorfer Garten hat mir ganz besonders gut
geschmeckt.Ein anderes Mal hatte sie eine Bitte, ich
möchte für sie ein Huhn schlachten.Das hatte ich noch
nie getan.So wurde mir dann gezeigt, dass ich das Huhn
erst mal tüchtig durch die Luft schleudern sollte, damit es
besinnungslos sei und dann sollte der Kopf mit dem Beil auf dem
Hauklotz abgeschlagen werden.Diese Henkerarbeit musste ich
noch mehrere Male tun, bis die Hühner alle in die Pfanne
gewandert waren.
Eines Tages hatte ich in einer Wohnung in
der Lutterothstraße einen Rohrbruch zu beseitigen.Mit
dieser Arbeit war ich nach ein paar Stunden fertig und erledigte
dann noch einige andere Aufträge.Als ich danach wieder
ins Geschäft kam, war jene Frau, bei der ich in der Küche den
Rohrbruch repariert hatte, im Laden und klagte mich beim Meister
an, ich hätte das Geld, das ihr Mann auf den Küchentisch gelegt
hatte, gestohlen.Da kam aber meine Meisterin in Rage: "Unser
Geselle tut das nicht, dafür kann ich meine Hand ins Feuer
legen."Die Alte mit ihrem Vorwurf, ich sei ein Dieb,
ließ sich nicht beruhigen und zog wutschnaubend ab.Erst
am Abend, als ich von einer anderen Arbeit zurück kam, stand die
Frau wieder im Laden und stammelte eine Entschuldigung.Ihr
Mann wollte das Geld hinlegen, hatte es aber vergessen.
Hier kann man sehen, wie wichtig es ist,
dass ein Meister ehrliche Mitarbeiter hat, denn wir arbeiteten ja
meistens in den Wohnungen.Uns war auch wichtig, dass der
Wohnungsinhaber bei der Arbeit dabei war, damit kein böses
Gerücht aufkommen konnte.
Wir hatten die verschiedensten Arbeiten
zu tun.Auch für die Klingelleitungen waren wir
zuständig.Einmal bekam ich den Auftrag, in der
Alardusstraße bei der Klingelleitung den Fehler zu suchen, den
schon mehrere nicht finden konnten.Nun hieß es, Hugo,
versuch du doch mal dein Glück.Also, ich hin, alle
Leitungen durchprobiert, kein Strom, was nun?Ich nahm das
Klingelbrett mit den Druckknöpfen ab, ich zog und bekam einige
abgerissene Drähte zu Gesicht.Dann bin ich in die
Parterrewohnung gegangen und habe mir die Stubenwand angesehen,
an der draußen die Klingelleitungen waren.Dort in der
Zimmerecke hing ein Spiegel, der wurde abgenommen und da sah ich,
wie man versucht hatte, eine Haken in die Wand zu bekommen.Man hatte eine Reihe von Löchern in die Wand geschlagen, um den
Haken zu befestigen.Nun hab ich die Wand aufgeschlagen und
hervor kam die zerschlagene Klingelleitung.Die Leitung
wurde erneuert und die Einwohner waren froh, wieder durch
Klingeln erreicht zu werden.Die zerschlagene alte Leitung
nahm ich mit in die Werkstatt und konnte dem Meister stolz meinen
Arbeitserfolg melden.Der war natürlich froh, dass die
Fehlerquelle endlich beseitigt war.Warum soll man nicht
auch mal von Erfolgen aus seiner Arbeitswelt berichten, denn das
gab auch Mut, den nächsten Arbeitstag wieder zu bewältigen.
Der Lehrling bei uns, der es mit der
Ausbildung nicht so ernst genommen hatte, musste ein halbes Jahr
nachholen.Ein neuer Lehrling kam.Er war Jude.Als wir ihn fragten warum er gerade dies Handwerk lernen wollte,
antwortete er, dass er später nach Israel auswandern wolle.Er verschwand später heimlich von der Bildfläche, hoffentlich
hat er es geschafft, vor Hitlers Judenverfolgung rechtzeitig aus
Deutschland herauszukommen.
Man kümmerte sich um die ausländischen
Mächte.Mit der neuen Wehrmacht marschierte man ins
Ruhrgebiet und hat die Franzosen, die nicht weichen wollten
einfach verdrängt.
Ja jetzt ging es also mit der Arbeit
voran, Fleischfabriken stellten Konserven mit Fleisch im eigenen
Saft, her.Wir wurden hellhörig.Ob da nicht etwa
Vorrat für einen kommenden Krieg gehortet wurde?Auch die
Waffenherstellung begann, und die Autobahnen wurden weiter
gebaut, sollten das strategische Mittel beim Vormarsch werden?
Längst hatte Hitler die Hakenkreuzfahne
zur nationalen Fahne erhoben und das Horst-Wessel-Lied als
ergänzende nationale Hymne zum Deutschlandlied befohlen.Wo
waren die nationalen Verbände und die Männer , die gegen Hitler
waren?Wer den Mund aufmachte, wurde eingesperrt.Überall
gab es 150%ige Nazis, die zu höheren Posten aufsteigen wollten
und ihre Mitbürger bespitzelten.
Jetzt wird es wieder Zeit, aus der
Jugendarbeit zu erzählen.So langsam machte sich die
Hitler-Jugend mausig.Sie wollte Staatsjugend sein und
duldete keine kirchlichen Verbände neben sich.Mehrere
Male war der Schaukasten am Gemeindehaus eingeschlagen.Wir
aber haben immer wieder neue Plakate hineingehängt, zum Ärger
der H-J.Immerhin machten wir noch unsere Fahrten.Eine
Sippe hatte beschlossen, im Sunder, einem Waldgebiet bei Klecken,
in Zelten zu übernachten.Herbert Künzel, der
Späherführer und ich hatten vor sie dort zu überfallen.Dafür
hatten wir eine besondere Idee.Wir wollten uns als
Landstreicher verkleiden.So fuhren wir von Hamburg aus in
Richtung Klecken und tippelten als Landstreicher mit Wanderstock
und Bündel zum Sunder.Bei Morgengrauen hatten wir den
Zeltplatz entdeckt.Keine Wache war aufgestellt, alles
pennte in seliger Ruh.Wir haben einen Höllenlärm gemacht
und die Bande, die da unerlaubt im Wald zeltete, ausgeschimpft.Schlaftrunken krochen die Jungen voller Angst aus den Zelten und
wollten fliehen.Uns aber hatten sie nicht erkannt.Wir
mussten uns erst zu erkennen geben, dann brach ein erlöstes
Gelächter aus.Wir haben dann noch mit den Jungen
gefrühstückt und sind dann müde nach Hamburg gezogen.
So langsam wurde es politisch
gefährlich.Es wurden Großkundgebungen im Sportpalast in
Berlin abgehalten.Hitler und seine Männer mussten sich
Gehör verschaffen.Auch die Deutschen Christen melden
sich, es sollte eine neue Kirchenverfassung her.Ein Gesetz
wurde durchgepaukt: Nichtarier durften nicht mehr Mitglied der
Kirchen sein.Und das ließen sich die Bischöfe gefallen,
außer Maharens in Würtemberg, Lillje in Hannover und Debelius
in Berlin.Die traten sogar vor Hitler und fordern, er
solle seine Hände von der Kirche lassen.Natürlich fand
man bei Hitler kein Gehör.
Wir schrieben das Jahr 1935, es wurde ein
gefährliches Jahr für uns.Einmal kam der Reichsbischof
Müller nach Harburg und sprach in der Stadthalle.Wir
fuhren hin: Was für ein Krampf.Er hatte eine Saalwache
aus SA-Leuten bestellt und sprach über das Gleichnis vom
verlorenen Sohn.Er redete von Gott und dem Volk, das
heimkehre und vom Vater-Gott wieder aufgenommen werde.Von
Jesus Christus war überhaupt keine Rede.Und dabei ist es
doch Jesus Christus, in dem Gott dem Menschen entgegen kommt.Nichts davon bei dem Reichsbischof.In meiner Erinnerung
sehe ich diesen Müller nur schweißtriefend auf dem Rednerpult
stehen, armer Mann.Nach dem Krieg fand ich in der Zeitung
eine kleine Notiz, er habe sich das Leben genommen.
In Hoheluft flatterte mir ein Zettel auf
den Tisch, ich solle alle Juden und Halbjuden aus der
Jugendarbeit ausweisen.Diesem Befehl von Pastor Clausen,
DC-Mann und förderndes Mitglied der SS, konnte ich natürlich
nicht folgen.Wenn ich mich nicht für die Bischöfe
Müller und Tügel entscheide, müsste ich die Schlüssel für
das Gemeindehaus abgeben, die Jugendarbeit würde von Pastor Horn
übernommen werden.
Daraufhin haben Herbert Künzel und ich
uns mit dem Großen Kathechismus von Luther, auf den Weg zu
Clausen gemacht.Ich hatte den Schlüssel in der Tasche
aber auch unseren Entschluss, keine der beiden Bischöfe werden
von uns anerkannt.Wir sagten dem Clausen, er solle den
Absatz 7 im großen Kathechismus einmal lesen, wir beugten uns
keinem Diktat, wir gehörten zur Bekennenden Kirche und hofften,
ihm, Pastor Clausen später einmal die Hand geben zu können.Dann zogen wir ab.Noch am selben Tage, holten alle
Sippenführer ihre Leute vor dem Gemeindehaus zusammen.Wir
erzählten von unserem Entschluss.Wer bei dem neuen
Jugendleiter bleiben wolle, solle das gerne tun.Aber was
geschah?Alle wollten lieber mit uns ins Abenteuer ziehen,
als im Gemeindehaus zu bleiben.Jetzt wurde abgesprochen,
wenn wir ein neues Heim gefunden hätten, würde dies durch die
Läufer der einzelnen Sippen bekannt gemacht.Nun ging ich
auf die Suche und landete im Pfarrhaus der Phillipuskirche in der
Bismarckstraße.Dort am Platz gab es einen
Konfirmandensaal und ein Kirchenschiff ohne Turm.Mit dem
Pastor Jensen kam ich schnell ins Reine.Unsere Concordia
durfte im Konfirmandensaal ihre Stunden abhalten.Dies ging
eine Zeitlang gut, bis ich eines Nachmittags unsere Leute vor dem
Pfarrhaus versammelt antraf.Auf meine Frage, was los sei,
hörte ich, dass der Pastor uns nicht mehr in den Saal ließe.Ich hab also nachgefragt und hörte, Pastor Clausen habe
angerufen und darauf aufmerksam gemacht, dass ich gegen den
Reichsbischof und Tügel sei.Solche Leute seien in der
Kirche nicht tragbar und so müssten wir raus.Nun waren
wir wieder vogelfrei, und ich lief durch die Straßen, um ein
Lokal zu finden.Überall wollte man für die leerstehenden
Läden Miete haben, wir aber hatten kein Geld.
Hinter dem Gemeindehaus verlief die
Alsenstraße.Dort sah ich auf dem Hof eines Etagenhauses
eine Wellblechbaracke, die leer stand.Beim Verwalter
fragte ich nach dem Eigentümer und bekam eine Telefonnummer in
Rissen.Nach einem längeren Gespräch, in dem ich unsere
Lage schilderte, gab der Mann, den ich nie gesehen habe, die
Einwilligung, dass wir die Baracke benutzen dürften.Der
Verwalter bekam die Anweisung, uns den Schlüssel auszuhändigen.Bei den Jungen war der Jubel natürlich groß.Der Raum
musste noch wohnlich hergerichtet werden, auch ein kleiner
Kanonenofen wurde beschafft.Die Jungen brachten alles
herbei, Hocker und Kohlen für den Ofen.So konnten wir
unsere Stunden wieder aufnehmen.
Im Hintergrund versuchte die HJ, uns
Schwierigkeiten zu machen.In der Wrangelstraße hatte
dieser Verein sein Unterbannbüro. Ein gewisser Hohmann,
der sich aufspielte, die einzige deutsche Jugend zu vertreten,
verlangte von mir, ich solle mich wegen der Concordia
verantworten.Da saßen dann seine Unterführer mit ihm,
mir gegenüber und wollten mir klar machen, dass der deutsche
Mensch zuerst einmal Nationalsozialist sei.Ich aber
entgegnete ihm,durch die Geburt und Gottes Willen sei er
Deutscher.Man musste mich ziehen lassen.Unsere
Arbeit war nicht illegal.Ich hatte den Leiterausweis vom
Jungmännerwerk mit dem silbernen Eichenkreuz.Wenn auch
die Kirche nicht ihre Hand über uns hielt, dem Verband, der ja
einkirchlicher war, konnten sie nichts anhaben.
Diesen Hohmann traf ich nach dem Krieg,
in einem Gefangenenlager am Rhein, wieder, wo er vor seinem Zelt
saß und vergangenen Zeiten nachtrauerte.Zum Gottesdienst,
zu dem ich ihn einlud, wollte er nicht kommen.Ja, dass es
mal so kommen sollte, damit hatten diese Angeber nicht gerechnet.
Doch zurück zu 1935.Vom
Reichsverband der Jungmännerbünde wurde eingeladen, im Sommer
ein Bibellager auf Borkum mitzumachen.Mit einer kleinen
Gruppe sind wir dann über mehrere Jahre immer zu diesem
14tägigen Lager gefahren.Wir fuhren mit dem Rad Richtung
Emden.Unterwegs konnten wir in Apen in dem Pfarrhaus
übernachten.Wir hatten ein herzliches Verhältnis zu
Pastor Stöver.Bei der Morgenandacht legte er Texte aus
dem Alten Testament so aus, dass das Reich Adolf Hitlers, dem
Untergang geweiht sei.In Emden sind wir auf die Fähre
gestiegen und nach Borkum geschippert.Am Anlegesteg auf
Borkum wartete die Inselbahn und brachte uns zur Waterdelle.Dort hatte der CVJM ein Grundstück mit einem Wirtschaftshaus.Ringsum in den Dünen standen die Zelte.Wir hatten
berühmte Männer aus dem Werk, die hielten uns die Bibelarbeit.Über 100 junge Männer saßen morgens in den Dünen und
lauschten den Worten von Paul le Seur, der es besonders gut
verstand, uns das Wort Gottes lebendig auszulegen.Zu
bestimmten Zeiten, wegen der Tide, durften wir in der Brandung
baden.Ich war der Gruppe der Rettungsschwimmer zugeteilt,
denn ich hatte zuvor im Kellinghusenbad die Prüfung zum
Rettungsschwimmer abgelegt und dabei die silberne Nadel erworben.Anfangs waren es noch unbeschwerte Stunden.Später musste
bei Freizeiten immer erst eine Genehmigung eingeholt werden, denn
die Partei wollte wissen, was die evvangelische Jugend so treibt.
Inzwischen hatten wir mit unseren Jungen
ausgemacht, jeden Morgen treffen wir uns in unserer Baracke zur
Morgenandacht, soweit jeder Zeit hatte.Wir waren immer
eine kleine Gruppe, die mit Gottes Wort in den Tag ging.Nach
einem halben Jahr sah der Kirchenvorstand ein, der Wille der
Concorden war nicht zu brechen und wir durften wieder im
Gemeindehaus unsere alten Räume einnahmen.Die
Hitlerjugend hatte dabei das Nachsehen.
Zu Pfingsten 1936 wurde vom Reichsverband
zu einem Jungmännertreffen nach Danzig eingeladen.Danzig
war Freistadt, um dorthin zu kommen, brauchte man einen Pass und
musste durch den polnischen Korridor fahren, den die Feinde
Deutschlands, damals beim Friedensvertrag, Polen zugesprochen
hatten.Den ersten Pass mit dem polnischen Vermerk und der
Quittung über 5 RM habe ich heute noch, wenn er auch jetzt nicht
mehr gültig ist.In Danzig haben wir an den
Veranstaltungen des Männerwerks teilgenommen, dann aber auch die
alte Hansestadt besichtigt, den Artushof, den Dom und den alten
Kran.Dabei gab es einen Zusammenstoß mit Führern der HJ,
die uns die neuesten Nachrichten um die Ohren schlugen.Es
gäbe nur eine Staatsjugend und das sei die Hitlerjugend.Alle
anderen Verbände würden aufgelöst werden.So hatten alle
Bemühungen, die christliche Jugend zu erhalten, nichts genutzt,
es war ja auch nicht anders zu erwarten gewesen.
Jetzt gingen wir harten Zeiten entgegen.Im Heim hatten wir uns Hitlers „Mein Kampf“vorgenommen.Dieses Machwerk wurde zerpflückt und kritisiert.Das muss
wohl auch nach draußen gedrungen sein.Auf Umwegen hörten
wir, dass die SA unser Heim stürmen und auseinander nehmen
wolle.Also mussten wir auf der Hut sein.Inzwischen
begannen die HJ und die SS gegen uns zu hetzen und Lügen zu
verbreiten.Wir aber demonstrierten mit Wimpeln und Fahnen
in Hamburgs Straßen.Auch durch die Mönckebergstraße
ging unser Marsch mit dem Lied: Es rauscht durch deutsche
Wälder... Refrain: Deutsche Jugend heraus.Ein Vers
lautete: Erst vom eitlen Wesen und falschem Götzentand, im
innersten genesen, sich Herz zu Herzen fand, denn wie in
Vätertagen mag für das deutsche Haus, der Freiheit Stunde
schlagen: Deutsche Jugend heraus.Dieses Lied stand gegen Hitler
und seine Meute.
In Hamburg hatte Bischof Tügel für die
Eingliederung der Evangelischen Jugend den Pastor Vorrath
ernannt.Er hieß bei uns nur Pastor Verrat.Die
Kirche ließ sich die Jugend aus der Hand nehmen.Jetzt
wurde auch die Überwachung unserer Arbeit von Seiten der HJ
immer stärker.Im Hamburger Tageblatt, einem Naziblatt,
brachte man unwahre Artikel über die Evangelische Jugend an die
Öffentlichkeit.Kurz vor der Eingliederung wurden
Flugblätter gedruckt und von Klebekolonnen der HJ und der SS an
die Häuserfronten geklebt.Wir überraschten so eine
Kolonne, gingen hinterher und rissen die Plakate mit den dicken
Lügen wieder ab.Dabei kam es in Eimsbüttel zu
Handgreiflichkeiten, wobei mein Schneidezahn ein Stück verlor,
was bis heute zu sehen ist.
Dann kam der Sonntagnachmittag, an dem
unsere ganze, große Gruppe vor dem Gemeindehaus angetreten war.Ich gab vor der versammelten Mannschaft bekannt, was uns
erwartete: Die Evangelische Jugend darf nicht mehr in alter Weise
auftreten, keine Fahrten machen, auch die Pfadfinderkluft und
alle Wimpel und Fahnen seien verboten worden.Man dürfe
nur in kirchlichen Räumen christliche Stunden abhalten.Ich
habe dann jedem freigestellt, unter diesen Bedingungen bei uns
weiter mitzumachen.Für uns galt in dieser Stunde nur
eins, die Eingliederung machen wir so nicht mit.Wir sangen
nochmals unser Lied: „Deutsche Jugend heraus“, rollten
Fahnen und Wimpel ein und traten weg.Wir würden nicht zur
HJ übergehen, wo Eltern meinten, sie müssten ihre Jungen zur
Staatsjugend schicken, mögen sie es tun, wir aber stünden gegen
diese Art Jugenderziehung.
Am Abend wurden sämtliche Jugendleiter
von dem obersten Führer der HJ, Kohlmeyer, ins Gewerkschaftshaus
am Besenbinderhof, eingeladen.In seiner Ansprache wollte
er uns vor Augen führen, wie gut doch die Arbeit der
Hitlerjugend sei.Unter anderem meinte er, mit den Worten
des Alten Fritz, jeder könne ja nach seiner Fasson selig werden.Darauf ging ein ablehnendes Raunen durch den Saal.Nun
konnte uns die HJ Führung den Buckel runterrutschen.
Ein paar Tage später, hatte man mir das
Kampfblatt der SS, das „Schwarze Korps“ vor die
Bürotür gelegt.In einem Artikel wollte man Pastor Dr.
Witte etwas anhängen.Er war früher in Lübeck
Diakonissenpastor gewesen, da wäre etwas mit einer Schwester
gewesen.So versuchte man auf allen Gebieten, kirchlichen
Mitarbeiten etwas anzuhängen, immer mit dem Gedanken, auch wenn
das nicht stimmte, etwas bleibt schon hängen.
Eines Abends, wir waren in meinem Büro
um die Bibel versammelt, klopfte es an der Tür, zwei HJ Führer
mit einer dicken Kordel vor der Brust wollten wissen, was wir so
treiben.Natürlich konnten sie an der Bibelstunde
teilnehmen.Bald ging man zum Angriff auf Bibel und Kirche
über.Natürlich bekamen sie von uns tüchtig Kontra.Dann spielten sie ihren Trumpf aus, wenn das Reich erst
ordentlich gefestigt sei, innen wie außen, dann werde es keine
Kirchensteuern mehr geben.Wir antworteten darauf, dann
würde man sehen wo die wirklichen Gemeindeglieder sind.Dann
wussten sie bald nicht mehr weiter und nahmen die katholische
Kirche ins Vesier.Ich sagte nur, das sei nicht unser
Gebiet.Dann zogen sie bedeppt ab, ob sie klüger geworden
waren, wussten wir nicht.
Von nun an, durften wir uns nicht mehr
Concordia nennen.Wir legten uns den Namen Evangelischer
Jungendienst Hoheluft zu.Es war erstaunlich, wie viele
Jungen noch zu uns kamen.Natürlich machten wir jetzt
vermehrt Bibelfreizeiten.Jede dieser Freizeit musste über
das Jugendpfarramt gemeldet werden.Seit einiger Zeit
hatten wir ein Kinderheim in Alveslohe als Stützpunkt.Das
Haus hatte einen Saal.In der Küche aßen wir mit dem
Hausvater Wendt und den Kindern unser Mittagessen. Es war immer
schön, mit der Kindergemeinschaft und dem Hausvater, der auch
die Morgenandacht hielt, zusammen zu sein.An einem
Wochenende waren wir wieder draußen in Alveslohe zur
Bibelfreizeit, als plötzlich die Saaltür aufgerissen wurde und
eine Gruppe von HJ Führern in den Saal stürmte und unsere
Versammlung störte.Natürlich wollte man uns überraschen
und feststellen, dass wir keine Bibelarbeit trieben, aber damit
hatte man kein Glück, die Bibeln lagen auf dem Tisch.Man
brüllte in den Raum, alle HJ-Mitglieder sollten ihre Ausweise
zeigen, um zu sehen, ob sie auch berechtigt seien das
Koppelschloss zu tragen.Man konnte uns nichts anhaben, und
so zogen sie wutschnaubend wieder ab.Geärgert hatte ich
mich nur über den Hausvater, er hätte sie wegen
Hausfriedensbruch feuern sollen, aber er hatte keinen Mumm.
Wir ließen uns aber nicht verschrecken,
sondern fuhren im Sommer weiter ins Bibellager nach Borkum.Auch weiterhin wurden wir in Hoheluft überwacht.Das
zeigte sich darin, dass ich eine Vorladung zur Gestapo
Stadthausbrücke bekam.Dort sollte ich mich wegen der
Jugendarbeit und der Verbreitung unserer Monatsblätter
verantworten.In meiner Aktentasche hatte ich mehrere
Exemplare dabei.Dem Beamten konnte ich Rede und Antwort
stehen.Ich musste meinen Ausweis vom CVJM vorlegen und
ebenso die Monatsblätter.Der Beamte hat sich alles
aufgeschrieben, um den Bericht weiterzugeben.Wie es
weitergehen sollte, habe ich später noch erfahren, denn die
Nazis ließen so schnell keinen aus ihren Klauen.Man hatte
auch herausgefunden, dass es bei uns in Hoheluft eine Gruppe der
Bekennenden Kirche gab.
Natürlich machte sich das Muss zur
Staatsjugend bemerkbar.Etliche sprangen ab.Was mich
aber besonders wunderte, dass der Werner Landauer, ein Halbjude,
eines Tages bei uns in SS-Uniform auftauchte.Von den alten
Concorden waren schon damals einige zur SA gegangen.
Im Jungendienst waren wir aber immer noch
eine Gruppe, die sich sehen lassen konnte.Wir waren eine
verschworene Gemeinschaft, die sich treu zur Gemeinde bekannte.Ein Vater, eines unserer Jungen, der Maler war, hat uns im Heim
einen Vers aus dem Gesangbuch an die Wand gemalt: Dein Kampf ist
unser Sieg, dein Tod ist unser Leben, in deinen Wunden ist die
Freiheit uns gegeben.Das entsprach ganz unserer
Einstellung.
In der Adventszeit, 1936, gelang es mir,
dass Pastor Dr. Schumacher, der unser persönlicher Freund war,
für mich Geld locker machte, damit ich ein Bibelseminar in der
Sekretärschule des CVJM in Kassel besuchen konnte. Ich wurde bei
meinem Meister von der Arbeit beurlaubt und bekam die Genehmigung
am Seminar teilzunehmen.Dafür war ich dem Pastor Dr.
Schumacher sehr dankbar.In der Bibelschule gab es einen
Kurs über den Korintherbrief, gehalten von Dr. Stange.Oft
war nachmittags Sport, denn es gab auch eine Sportschule im Haus.Hero Lüst war für die Verwaltung des Hauses zuständig und hat
uns vieles, was zur Jugendarbeit nötig ist, beigebracht.Mein
Zimmer teilte ich mit einem Tschechen.Ab und zu wurde auch
missionarisch gearbeitet.Ich trug Sonntagsblätter aus,
oder wir gingen in ein nahegelegenes Dorf und luden die Jugend
zur Sonntagsstunde ein.Eines steht fest, diese 14 Tage
haben mir am inwendigen und äußeren Menschen gut getan.Später
konnte ich viel von dem brauchen, was ich dort gelernt hatte.
In meinem Beruf durfte ich natürlich
nicht schlechter werden.Arbeit war genug da, doch für den
Erwerb von Metallen, gab es Bezugscheine.Wir konnten uns
schon einen Reim darauf machen, Hitler brauchte das Metall für
die Rüstung.Weil so schwer Blei zu bekommen war, hatte
mein Meister versucht die angebotenen Plastikrohre zu verkleben,
doch wenn der Wasserdruck sich nur wenig änderte, flog alles
auseinander.
Eine neue Tätigkeit gab es für mich.Im Sommer mussten die Giebelwände geteert werden, weil sie sonst
bei Regen die Feuchtigkeit durchließen.So schwebte ich
oft in luftiger Höhe im Fahrstuhl an der Hauswand.Die
Arbeit zwischen Himmel und Erde machte mir schon Spaß, nur das
Anbringen der Haltetaue war oft schwierig.Wo es ging,
wurden die Dachbalken zum Befestigen genommen, aber manchmal
waren die Balken nicht in der gewünschten Nähe.Dann
mussten Schornsteine her, und die waren nicht immer so standfest,
wie man es sich wünschte. Wenn dann alles festgemacht war, wurde
mit mehreren Mann die Belastungsprobe vorgenommen.Man
stellte sich in den Fahrstuhl und dann wurde tüchtig geruckt.Einer war auf dem Dach und beobachtete, wie sich die Seile
verhielten.Es war immer spannend, denn man wollte ja nicht
abstürzen, wenn man mal eben in der 5. Etage hing.Oft
wurden bei der Pinselei auch die Fenster mit Teer bekleckert.Dann musste ein Lappen mit Petroleum her und die Fenster wurden
gründlich gesäubert.
Nicht nur im Fahrstuhl hing ich in
großer Höhe, auch auf den Dächern war ich zu Hause.Oft
kam der Ruf: „Hugo, du musst mal wieder auf das Dach der
Christuskirche.“Es hatten sich etliche Schiefer aus
der Befestigung gelöst, die mussten wieder eingebunden werden.Also ging es dem Dach mit besonders langen Schieferleitern zu
Leibe.Die mussten wir erst durch kleine Erkerfenster
ziehen, dann wurden sie auf dem Schieferdach in Dachhaken
gehängt und erst dann konnte die Reparatur beginnen.Beim
Bombenangriff wurde diese Kirche auch getroffen und bekam später
ein Pfannendach.Noch heute kann man sehen, wie hoch das
alte Dach gewesen ist, an der Turmwand sieht man die alte
Markierung.Überhaupt hatten wir dort an den drei
Pastoraten viel zu tun.Oft waren wir in dem ersten
Pastorat an der Fruchtallee.Dort wohnte Pastor Mummsen mit
Frau und vielen Kindern.Bei einer Arbeit erlebte ich etwas
Unvergessliches.Der Pastor kam nach Haus und rief im
Treppenhaus: „Miezi bist du da?“Von oben
kam die Stimme seiner Frau: „Ja, Putzi ich bin hier.“Wir haben uns über diese Begrüßung köstlich amüsiert.Noch
heute brauche ich bei Lisa mal diese Anrede.
Noch etwas aus der Arbeitswelt, was nicht
verschwiegen werden soll und sich ja später in einer anderen
Gemeinde wiederholen sollte.Vor Weihnachten mussten immer
zwei große Christbäume mit elektrischen Kerzen bestückt
werden.Ich turnte dann mit einer langen Leiter um die
Bäume herum, um sie mit den Kerzenketten zu behängen.Wenn
dann alle Kerzen brannten, hatte ich ein stolzes Gefühl des
Erfolges.
Eines steht fest, mein Beruf war sehr
abwechslungsreich, manches habe ich auf diesen Kundschaftsfahrten
erlebt, manches Gespräch geführt und dabei viele Menschen
kennen gelernt.
Wie gesagt, unsere Jugendarbeit war,
trotz der Eingliederung, nicht kaputt zu machen.Wir
bekamen oft ältere Jungen, die bei uns mitmachen wollten.Unter
anderen drei Brüder Schmidt, deren Mutter später sogar zu
unserer Trauung in die Martinskirche kam.Dann war da
Helmut Wittmaak, den wir „Langes Hemd“ nannten, der
nach mir auch ins Rauhe Haus ging.Und dann Rudolf Wentorf,
der Kirchenmusiker werden wollte und bei uns den Spitznamen
„Halbe Note“ bekam.Viel später, so nach 40 Jahren trafen wir uns
wieder, da war er Pastor in Seedorf am Schaalsee.
Da das 40ste Jahresfest der Concordia
bevorstand, wurde zeitig ein Festprogramm aufgestellt und ein
Laienspiel einstudiert.Aus dem Nordbund des CVJM hatte ich
Pastor Forck, der auch Pastor in Hamm war, als Festredner
gewinnen können.Wir waren mächtig dabei, damit das Fest
gut gelingen sollte.Eine Bühne im Saal wurde erstellt und
zum ersten Mal hing als Fahne das Kreuz auf der Weltkugel im
Saal.Später wurde dieses Symbol, das Zeichen der gesamten
Evangelischen Jugend Deutschlands.Wir hatten die
Werbetrommel tüchtig gerührt, auch die alten Concorden wurden
eingeladen.Eine Festfolge wurde gedruckt.Rudolfs
Mutter hatte diese aufbewahrt und so konnten wir dieselbe
ablichten.
Der Abend war gut besucht und alles
klappte vorzüglich.Erst am Schluss gab es in der
Garderobe eine Auseinandersetzung mit einigen alten Concorden,
die in SA-Uniform gekommen waren. Man warf uns vor, wir
hätten die Concordia verraten, und es wären staatspolitische
Dinge zum Vorschein gekommen, die sich gegen den Staat richteten.Bei ihrem Abgang hieß es, wir würden noch so einiges erleben.
Später, als ich mit Pastor Forck in der
Martinskirche zusammenarbeitete, erzählte er mir, auf Grund
dieses Jahresfestes und seines Vortrags, sei er zur Gestapo
befohlen worden.Mit den Concorden, die heute noch leben,
sind wir stolz, dass wir damals solche Feier haben durften.Wir sangen damals das Lied: „Wach auf, wach auf du deutsches
Land...“
Im Tausendjährigen Reich wurde man immer
kühner, das Rheinland war jetzt frei, nun kam die
Tschechoslowakei dran, dann Österreich und danach begann die
Judenverfolgung ganz massiv.Als im Eppendorfer Weg bei
einigen Juden, die Geschäfte zertrümmert wurden und die
Synagogen brannten, wurden wir hellwach.Hatte nicht Hitler
schon in „Mein Kampf“ allerlei Drohungen ausgestoßen.Jetzt hieß es, „Juden raus zum Arbeitseinsatz“.Wie
man aber mit den Juden in den KZ`s umgegangen war, das kam für
uns erst bei der Besetzung durch die Amerikaner heraus.Wohl
ahnten viele von dem wüsten Treiben der SS etwas, aber das
schreckliche Vernichten in den Gaskammern, wurde erst zu spät
bekannt.
In Hamburg ging die Arbeit ihren
gewohnten Gang.Wir schlugen uns recht und schlecht durch
und merkten immer mehr, wo die sogenannte Reichspolitik hintrieb.Es roch nach Kriegsvorbereitung.Bischof Lilje und
Niemöller hatte man verhaftet und die Deutschen Christen machten
sich in der Kirche mausig.
Im Sommer waren wir wieder auf Borkum und
erleben schöne Tage.Wir hatten viel inneren Gewinn.In der Freizeit sahen wir uns auch mal auf der Insel um.Borkum
entwickelte sich langsam zu einem großen Seebad.Es gab
aber auch noch die kleinen Häuser, deren Gärten mit großen
Walknochen eingezäunt waren.Hier konnte man sehen, dass
die Borkumer früher Walfänger waren, mancher Reichtum zeugt von
dem damaligen Erfolg.Wir haben auch mal einen tüchtigen
Sturm erlebt, an der Kurpromenade spritzte die Gischt haushoch.Die Nordseite der Insel muss jedes Jahr neu befestigt werden,
denn das Meer frisst immer wieder an einigen Stellen.Früher
konnte man die Nordseite nicht richtig befestigen und so hat der
blanke Hans immer große Teile weggespült und manches Dorf
versank.
Unsere Lagerleitung holte manchmal einen
bekannten Borkumer Seemann zum Erzählen.Dabei wurde auch
Seemannsgarn gesponnen, aber auch manche wahre Begebenheit kam
zur Sprache.Wenn ein Schiff auf dem gefährlichen
Borkumriff gestrandet war, waren die Borkumer als Strandräuber
schnell zur Stelle, ehe der Strandvogt kam, um das angeschwemmte
Strandgut zu beschlagnahmen.Wenn eine Zeitlang kein Schiff
gestrandet war, war am Strand ein falsches Signalfeuer entzündet
worden, um mal wieder Beute machen zu können.Wir waren
von diesen Erzählungen des alten Seebären sehr angetan.
Eines Tages wurde mir im Lager gesagt,
aus Hamburg kommt ein Pastor Wegeleben vom Rauhen Haus.Er
sollte mit dem Flugzeug kommen, ob ich ihn wohl abholen würde.Also hin zum Inselflugplatz, gerade war die alte JU gelandet, und
der Pastor entstieg dem Flugzeug.Wir machten uns bekannt
und gingen zum Lager, wo Pastor Wegeleben später vor der
Lagergemeinschaft einen Vortrag über das Rauhe Haus hielt.Er berichtete über die Ausbildung von jungen Männern für den
Diakonenberuf in der Kirche.Von den Ausführungen des
Redners und dem Prospekt über die Diakonenanstalt war ich ganz
angetan und später kam dann der Entschluss, mich im Büro des
Rauhen Hauses zu melden.
Ich schrieb einen Lebenslauf für die
Anmeldung im Rauhen Haus und hatte ein Gespräch mit Tilman
Frieß, über die beruflichen Möglichkeiten eines Diakons.Er meinte. ich könne auch Beamter werden.Ich möchte eine
Ausbildung als Gemeindediakon machen und nicht zum Beamten.Ich bat gleichzeitig auch noch um etwas Zeit, um die Arbeit in
der Concordia zunächst weiter zu machen.Von 1938 bis 1939
gelang es noch - später musste einer der anderen Concorden ran.
Wir feiertenn 1938 das Kirchweihfest der
Bethlehemskirche mit.Mutter bekam eine Arbeit im
Eppendorfer Krankenhaus.Sie war natürlich mit meinem Eintritt
ins Rauhe Haus nicht einverstanden.Aber der
31.3.1938 war der Tag, ab dem es kein Zurück mehr gab.Bei
Klempnermeister Lampe, Eichenstr. 27, schien mein Schritt kein
Unbehagen auszulösen.Ersatz war da.Eine liebe
Kundin aus der Alardusstraße wünschte mir Gottes Segen.Meine
letzte Arbeit im März hatte ich im Pinneberger Weg.Ich
musste eine neue Dachrinne anbringen.
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