 |

|
im
Rauhen Haus in Hamburg
in den 1950er Jahren
|
Zugriffszähler seit 16.11.2003 / 7.06.2008
Unterricht während meiner Diakonenausbildung im Rauhen Haus
- Auszüge aus meiner Autobiographie "Rückblicke"
- 
direkt für 12 Euro zu bestellen bei:

Das Rauhe
Haus gilt als
„Brunnenstube der Inneren Mission“ und ist die
Wiedergeburtsstätte des Diakonenamtes in den Kirchen der
Reformation nach über tausendjährigem Dornröschenschlaf
während der Kirchengeschichte.
| Johann
Hinrich Wichern hatte diese Anstalt 1833
als junger Kandidat der Theologie mit Hilfe
einflussreicher Hamburger Bürger in dem Dorf Horn vor
den Toren Hamburgs aus kleinsten Anfängen als
„Rettungshaus“ für gefährdete Kinder und
Jugendliche gegründet und aufgebaut. |

|
Im Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle,
namens Josef Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg, um Wichern als erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100
Mark im Jahr bei freier Kost und Logis als Betreuer einer
„Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen. Nach drei Jahren
übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes Rettungshaus
in Mitau im Kurland. Aus seinen „Gehilfen“, die Wichern aus
ganz Deutschland ruft und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit im
Rauhen Haus unterstützen und von den Jungen der
Erziehungsfamilien „Brüder“ genannt werden, baut er den
hauptberuflichen Mitarbeiterstab der Inneren Mission auf, die
„Berufsarbeiter“, die als Hausväter in
„Rettungshäusern“, als Strafvollzugsbetreuer oder als
Stadtmissionare in ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach
Übersee tätig sind.
„Treue, gottesfürchtige Männer,
so ernst als wahr, so klug als weise, in der Schrift bewandert,
im Glauben gegründet, voll Liebe zum armen Volke, geschickt zu
solch einem Umgang, der Menschen fürs Himmelreich gewinnt,
wünschen wir in Scharen unter das Volk.“
Erst Jahrzehnte später wird man diese
„Gehilfen“ entgegen Wicherns ursprünglichen Vorstellungen
Diakone nennen.
Im
Jahre 1955 komme ich also doch in den Diakonenunterricht, der am
22. August beginnt. Pastor Donndorf hat das Prinzip des
Zusammenhangs von Erziehungsdienst und Brüderunterricht in einer
Verwaltungsratssitzung mit folgenden Worten beschrieben:
„Die 125jährige Geschichte ist diesen Weg nicht nur
aus Tradition gegangen, weil Wichern damals seinen Erziehern für
später Arbeit und Brot sichern musste. Brüder dienen in einem
stillschweigenden Abkommen, weil sie für ihre Ausbildung keinen
Pfennig zahlen. Diakonenausbildung und Erziehungsarbeit sind
verflochten wie in einem Teppich. Man kann sie nicht trennen.
Im Erziehungsdienst wachsen Dienstwilligkeit und Formniveau. Das
ist das ungeschriebene Gesetz aller Diakonenanstalten.“
Zu
meiner Klasse gehören, nach Eintrittsdatum geordnet:
eingetreten am:
Oskar Wollner, gelernter
Maurer, unser „Boss“, 15.04.53
Manfred Schleeh, gelernter
Gärtner,
2.06.53
Heinz Löffelmacher, vormals
Kaufmannsgehilfe, 8.07.53 verstorben 2007
Gottfried Schönknecht, gelernter
Mechaniker,
5.10.53
Hans-Werner Schauer, gelernter Gärtner,
12.10.53
Walter Lorenz, Vorberuf
Kfz-Schlosser, 1.04.54
Johannes Gebauer, von Beruf
Müller,
1.04.54
Karlheinz Franke ,
Tischler, Flussschiffer und Seemann, 9.04.54
Gottfried Wendt, mit
Mittlerer Reife,
4.05.54
Dieter Herrmann, vormals
Bau- und Möbeltischler, 5.05.54
und Schüler des
diakonischen Proseminars des Johannestiftes in Berlin-Spandau,
sowie unser an
Lebensjahren und -erfahrung ältestes, aber dienstjüngstes
„Klasssenbaby“, der aktive Kriegsteilnehmer
Siegfried Strathmeier , zuvor
gelernter Tischler,
26.5.54. verstorben am 13.12.2007
Ostern 1956
stößt noch
Reinhard Gringmann zu uns, vormals Drogist,
1.10.52
Schönknecht,
Schauer und Gringmann bleiben nicht bis zum Examen in der Klasse.
Im
ersten Unterrichtsjahr werden wir zunächst in allgemeinbildenden
Fächern unterwiesen, in Deutsch, von Lehrer Hirsch, in
Mathematik von Lehrer Schlage, in Biologie und Physik von Herrn
von der Brelje. Damit sollen wir auf die
„schulwissenschaftliche“ Prüfung vorbereitet werden, die zur
Fachschulreife führt, Bedingung für den Besuch der staatlich
anerkannten Wohlfahrtspflegerschule.
Parallel
dazu wird uns in der D II diakonisch-theologisches Wissen
vermittelt. Im Fach „Neues Testament“ doziert Pastor Alfred
Krüger hervorragend und textkritisch über die Entstehung des NT
sowie exemplarisch und gründlich über das Markus-Evangelium. -
Das Alte Testament wird uns von Pastor Kreye sehr gut
nahegebracht: Der alttestamentliche Kanon besteht aus drei
Teilen: den Gesetzen, den Propheten und den Schriften. Kreye
referiert über die Entstehung des AT: Die ersten Bücher der
Bibel entstanden aus verschiedenen Schriftgruppen: 1. Die
Sammlungen der Jahwisten aus der Zeit Sauls und Salomos benutzten
noch den Namen Jahwes. 2. Die Sammlung der Eloisten sprachen
den Namen Jahwes nicht mehr aus. 3. Die vom Hohenpriester
Hilkia um 622 v.Chr. wiederentdeckten alten Gesetzesvorschriften
des Deuteronomium. 4. Ein Priesterkodex enthält
priesterliche Lehren, etwa die über die Schöpfung in Genesis 1.
Trotz der langen Entstehungszeit ist der Kanon des AT kein
Sammelsurium, sondern ein geordnetes Ganzes. Von den beiden
Schöpfungsberichten bis zu den Propheten ackert Kreye mit uns
die wichtigsten Stücke des AT durch. - Bibelkunde lehrt Pastor
Brückner. - Kirchenkunde und zeitweilig auch Wortverkündigung
haben wir bei Pastor Dr. Hennig, einem Sohn des früheren
R.H.-Vorstehers, der aber sehr im Schatten seines berühmtes
Vaters steht und als Dozent recht schwach ist. Eine von ihm oft
gebrauchte Formel: „Vater hat auch schon gesagt...“ Oder
ein Zitat: „Ich werde das auf der nächsten Dozentenbesprechung
vorbringen, wenn Sie sich nicht ändern!“ - Dogmatik wird uns
durch Pastor Dr. Gregor Steffen vermittelt, der teilweise recht
gut referiert, aber doch oft einen etwas arroganten Ton
anschlägt und sich und sein Fach für den Mittelpunkt der
theologischen Welt hält: Dogma, die „objektiv gültige
Wahrheit“! Damit habe ich meine Probleme. - In
Kirchengeschichte ist zunächst Pastor Brückner ein guter
Dozent. Diese theologische Disziplin wird, so erklärt er uns,
in der Regel in 4 Semestern gelehrt: 1. Von der Urchristenheit
bis Augustin, 2. die Zeit bis vor Luther, 3. die Reformation und
Gegenreformation, 4. die Kirche in der Neuzeit. Wir werden
gründlich über die frühe Kirche und ihre theologischen
Strömungen aufgeklärt, über die Gnosis und Marcion, die
Herausbildung der katholischen Kirche, die Anfänge der
kirchlichen Theologie, die Apologeten, die Agnostiker, die
altkatholischen Väter Irenäus, Tertullian und Cyprian und
lernen die Alexandriner Clemens und Origenes kennen. Manichäismus,
Neuplatonismus, Bildung der römischen Reichskirche unter
Konstantin mit den Toleranzedikten und dem staatlich anerkannten
Sonntag, Synodalwesen, Ausbildung des Klerus in einer
hierarchischen Verfassung, Trennung von Klerus und Laientum,
Entstehung der armenischen Kirche, die Anfänge des Mönchstums.
- Auch das Fach Ethik unterrichtet Pastor Alfred Krüger sehr
engagiert: „Jeder Mensch hat sich in Freiheit vor Gott zu
verantworten.“ Der Kantsche kategorische Imperativ:
„Handle so, dass die Maxime deines Handelns zugleich als
Prinzip für die Gesetzgebung anderer dienen kann.“ Krüger
behandelt die Themenbereiche: Der Mensch in seiner Freiheit vor
Gott, Feiertag, Gebet, Mensch in der Gemeinschaft:
Mitmenschlichkeit, Volk, Ehe, Eros und Sexus, Geburtenregelung
und Eugenik, Familie, Eltern und Kinder, der Mensch und das
Leben, der Mensch in der Zeit, Wahrheit, Lebensbejahung und
Lebensverneinung, Fragen des Schönen und der Kunst. - Die
Geschichte der Diakonie bringt uns Bruder Friedrich Jahnke nahe.
Er lehnt sich dabei an Erich Freudensteins „Vom Wesen und
Werden der Inneren Mission“ an. Wortverkündigung
unterrichtet Pastor Donndorf. Das Erkennen des „Skopus“ ist
ihm dabei sehr wichtig. Für kirchliche Jugendarbeit ist der
Landesjugendpastor und spätere Hauptpastor und Bischof Dr.
Hans-Otto Wölber ein sehr guter Experte. Seine Schriftenreihe
über Themen der evangelischen Jugendarbeit, etwa über
Entwicklungsspychologie, Geschlechtererziehung und Typologie
waren bei uns in Mecklenburg bereits gründlich von mir
studiertes Standardwerk. - Kirchenkunde lehrt Pastor Schmidt,
Katechismuskunde Pastor Brückner. - Im Fach Literatur, das wir
zusammen mit oberen Klassen erteilt bekommen, ist wieder Pastor
Krüger ein sehr guter Experte. Wir lesen bei ihm u. a. mit
seiner Interpretation Werke von Sartre, Wolfgang Borchert
(Draußen vor der Tür), Edzard Schaper (Sterbende Kirche) und
mit großem Gewinn auch Goethes Faust. Ich habe ein Referat
über Anna Seghers’ Roman „Der Aufstand der Fischer von St.
Barbara“ zu halten und schneide dabei auf Grund meiner in der
DDR gewonnenen Vorkenntnisse über den „sozialistischen
Realismus“ sehr gut ab. Krüger empfiehlt uns als Lektüre
den Roman „Die Heiligen gehen in die Hölle“ von Gilbert
Cesbron, in dem das aufopferungsvolle Wirken der französischen
Arbeiterpriester beschrieben wird. Ich lese das Buch mit
großer Anteilnahme. - Später doziert Studienrat Dr. Schmidt
über Literatur, jedoch sehr mäßig und viel zu steif und
trocken nach altväterlicher Paukermanier. - Fiete Bihn,
Kirchenmusikdirektor am Michel, ein Original besonderer Art,
bringt uns im Fach Kirchenlied etliche wenig bekannte Choräle
bei. - Posaune üben wir bei Diakon Maaz, Schreibmaschine bei
Fräulein Esmarch.
Karlheinz Franke
kommentiert Pastor Dr. Gregor Steffens Dogmatikunterricht wie
folgt:
„Fern in Eilbecks Pastoraten schlummern
dickbeleibte Schwarten.
Doch ihr Geist wird transformiert auf einem
blau gestrichnen Fahrrad
in das Rauhe Haus geführt.
Abellard und all die Hechte wollen sicher
schon das Rechte.
Leider kann in unsern Klassen trotz der
Schwachbegabtenprüfung
jeder Kopf nicht alles fassen.
Hab ich nicht Zeit zum Studieren,
muss ich schnellstens kombinieren:
Luther, Zwingli und Calvin hatten fast
dieselben Ideen
wie der alte Augustin.
Eutiches und Doketisten, Trinität und
Modalisten,
Existenz prae oder post haben mich bei
mein’m Studieren
manche Stunde Schlaf gekost’.
Wunder, Sünde, Augustana und die bösen
Nestorianer
haben mit teuflischer Macht manchen braven
Diakonen
an den Rand ‘ner 5 gebracht.
Nur die Hoffnung hielt ihn aufrecht, und
die sei auch hier gesagt:
dass nach durchgestandner Prüfung ihn kein
Mensch mehr danach fragt.
Mein
Tagebuch am 22. August 1955: „Heute begann der
Unterricht. - Nicht für mich. Gestern Nachmittag bekam ich die
Anweisung, heute beim Schlachten zu helfen. Während die
anderen Brüder meiner Klasse über Unterrichtsmethodik und N.T.
belehrt wurden, habe ich drei Schweine zu Fleisch verarbeitet. Es
war zwar auch interessant und etwas lehrreich, jedoch hatte ich
Wut im Bauch, als es acht Uhr wurde, der Unterricht begann und
ich nicht daran teilnehmen konnte. Bis um 19.30 h war ich mit
dem Schlachten und der anschließenden Fahrt zum Kühlhaus
beschäftigt.“
23.
August 1955: „Das war der erste Unterrichtstag für
mich. Wir hatten bei Herrn Hirsch Deutsch, Staatsbürgerkunde
und Geographie. Hirsch ist ein sympathischer Mensch, der den
Unterricht lebendig gestaltet, bei dem wir schon etwas lernen
werden. Herr von der Brelje, bei dem wir heute Biologie hatten,
sagt mir weniger zu. Er unterrichtet zu trocken. Bei Herrn
Schlage besteht Aussicht, im Fach Rechnen etwas zu lernen. Der
Posaunenunterricht fällt vorläufig aus.“
29.
August 1955: „Ein aufregender, aber doch schöner
Tag. Heute früh um 6 Uhr holte ich Mutti und Karin vom
Hauptbahnhof ab. Sie blieben bis zum Nachmittag. Obwohl ich
vorschlug, länger zu bleiben und auch schon Unterkunft für die
Nacht bei Pastor Donndorf erwirkt hatte, sie sollten ein
Gästezimmer bekommen, wollte Mutti durchaus heute noch weiter.
So kamen wir nur dazu, das Wichtigste zu erzählen. Um 13.30 h
saßen wir in der Tanne. 14.15 h fuhren wir mit der
Straßenbahn in Richtung Altona. Am Hauptbahnhof wollten wir
umsteigen und Mutti kaufte für das letzte Westgeld noch bei
der Kepa ein. Als sie wieder herauskam - ich wartete mit Karin
draußen - , war es schon nach 15 Uhr und es bestand wenig
Aussicht, mit der Straßenbahn noch bis zum Altonaer Bahnhof zu
kommen. So fuhren wir mit der S-Bahn. Wir kamen dort an, kurz
bevor der Zug eingesetzt wurde. Auf dem Bahnsteig traf ich noch
Harry Lenz. Er fuhr per Bahnpost mit dem Interzonenzug nach
Schwerin zurück. Es gab am Interzonenzug wie immer ergreifende
Abschiedsszenen und das Winken wollte nicht aufhören. Harry
schaute auch aus dem Wagenfenster. Ich löste mir eine neue
S-Bahn-Karte und fuhr zurück zum Hauptbahnhof. Dort wollte ich
mal nachsehen, ob der Interzonenzug noch da war. Er fuhr gerade
aus dem Bahnsteig, als ich ankam. Harry Lenz lehnte aus dem
Fenster.“
Hilfsdiakon
Eine
Notiz vom 4.10.1955, die Fü abgezeichnet hat, lautet:
„Bruder R. hat sich als ehrlich,
fleißig und brauchbar erwiesen. Er ist sauber, ordentlich und
intelligent. Seine Aufnahme als Hilfsdiakon wird empfohlen.“
5.
Oktober 1955: „Das war heute ein besonderer Tag. Alles
kam recht konzentriert. In dieser Woche findet ab heute im
Rauhen Haus der Brüdertag statt. Er wurde eingeleitet durch
eine Sitzung des großen Brüderrates. Bei dieser Gelegenheit
wurden die restlichen Brüder unserer Klasse, außer Gottfried
Wendt, zum Hilfsdiakon ernannt. Wir waren acht Mann. Dazu kam
Bruder Gerd Gerdts. Um 10 Uhr sollten wir uns bereit halten. Um
12.30 h wurde der erste Bruder, Karlheinz Franke, gerufen. Er
kam ziemlich deprimiert wieder zu uns. Man hatte ihm sein
‚Sündenregister’ aus der Gehilfenstellung vorgehalten. Dann
kam Johannes Gebauer an die Reihe. Es ging ziemlich schnell,
offenbar ein Zeichen, dass man zufrieden mit ihm war. Eine
Mittagspause wurde eingelegt. Anschließend kamen wir anderen
an die Reihe. Pastor Donndorf sagte mir, alle diejenigen, die
ein Urteil abzugeben hatten, hätten nur Gutes berichtet. Vor
allem freue es ihn, dass ich vor keiner Arbeit zurückschrecken
würde und mich für nichts als zu gut betrachte. Dies sei eine
rechte diakonische Einstellung. Als er mir genug Honig ums Maul
geschmiert hatte, wünschte er mir Gottes Segen für meine
weitere Arbeit und händigte mir die Ordnung der Brüderschaft
aus. Damit war ich als Hilfsdiakon in die Brüderschaft des
Rauhen Hauses aufgenommen, ‚zum Ritter geschlagen’. Bei
Bruder Düwel musste ich anschließend noch die Brüderordnung
unterschreiben. - Der größte Teil der Brüder, die am
Brüdertag teilnehmen, kam heute angereist. Ich half im Büro
bei der Aushändigung der Essenscheine und Tagungsunterlagen. In
den letzten Tagen war ich mit den Vorarbeiten beschäftigt. Bruder
Jetter und Frau aus Damshagen kamen auch. Sie schlafen unten in
der Kastanie. Am Abendmahl konnte ich heute Abend leider nicht
teilnehmen. Ein schöner Tag geht zu Ende.“
In
der Nacht vom 7. zum 8. Oktober 1955: „Endlich
ist es mir heute gelungen, eine Gebetsgemeinschaft mit Siegfried
Strathmeier und einigen weiteren Brüdern unserer Klasse zustande
zu bringen. Trotz aller menschlichen Schwächen, die immer
wieder das eigene Bemühen hindern, wurde diese Gemeinschaft ein
kraftvolles bewegendes Ereignis. Wir brachten es fertig, über
schwere Missstände, die in diesen Tagen unsere Brüderschaft
trüben, unsere Hände zu falten und sie in gemeinsamem Gebet
Gott anzuvertrauen. Wir konnten für einige Brüder, die zur
Zeit in innerer und äußerer Not stecken, miteinander beten. So
verstehe ich Brüderschaft, für die ich Gott danke.“
16.
Oktober 1955: „Ich komme von einem Vortrag, den
Professor D. Dr. Thielicke in der Petrikirche aus Anlass des
heutigen Männersonntags über das Thema hielt: ‚Was hat der
Westen am Tage X den jungen Kommunisten zu sagen?’ Er meinte,
an diesem Tage, bis zu dem noch eine längere Zeitspanne vergehen
würde, gäbe es nicht nur einige organisatorische Fragen zu
lösen, sondern man müsse sich mit schwerwiegenden Problemen
auseinandersetzen. Zwei Beispiele: Was wird aus den
volkseigenen Betrieben? Was wird man für die Förderung des
geistigen Nachwuchses tun? Werden weiterhin, wie bisher in der
Bundesrepublik, nur 1% aller Studenten auf Staatskosten studieren
oder gibt es eine großzügige Studienförderung wie jetzt im
Osten? - Was werden wir den jungen Kommunisten zu bieten haben,
nur einen westlichen Materialismus im Gegensatz zum dialektischen
Materialismus? Welche Freiheit bieten wir ihnen? Besteht
diese Freiheit nur im gesicherten Lebensstandard, Autos und Eisschränken?
Wenn wir nicht mehr zu bieten haben, ist es sehr fraglich, ob
der Tag X ein Tag der Freude für den Westen sein wird.“
19.
Oktober 1955: „Bruder Mahnke fragte mich heute, ob
ich an der Andacht teilnehmen wolle, die bei ihm im Konvikt
stattfinden soll. Ich nahm teil. Es kamen die Brüder Speck
und Schröder. Letzterer hatte die Aufgabe, die Sammlung um das
Wort zu gestalten. Er begann mit einem kurzen Gebet um das
rechte Verständnis des Bibelwortes. Dann las er den Text aus
Philipper 1, 1-11 nach der Schlachter-Übersetzung, wiederholte
mit Luthers Version und brachte sehr gute eigene Gedanken dazu.
Jeder von uns konnte seine Meinung beitragen. In der Kürze
dieser Bibelarbeit lag die Würze. Zu Vers 7 wurde
festgestellt, dass Paulus ‚sein Gefängnis’ als den ihm
zugewiesenen Platz betrachtet und an dieser Stelle seinen Mann
steht. Wir meinten, dass uns dieses Wort ungeheuer viel zu
sagen habe: Das Rauhe Haus, mein Platz in der Kastanie oben,
das ist ‚mein Gefängnis’. Hier habe ich meinen Mann zu
stehen, auch wenn es manchmal nicht so nach unserem Geschmack
geht. Mir wurde klar, das dies eine Bewährungsstation für
mich ist. Dort im Osten habe ich den mir gestellten Platz
verlassen, bin fahnenflüchtig geworden, habe mich in eine
bequemere Lage begeben. Jetzt gibt mir Gott Gelegenheit, mich
zu bewähren. Er hat mir diesen Ort gewiesen. Hier werde ich
zu seinem Diener geschmiedet. Gott möge mir Kraft schenken, an
‚meinem Platz’ durchzuhalten.“
Zu
dieser Zeit plane ich die Organisation einer Sendfahrt, die eine
Gruppe Studenten um Hans Gottschalk aus dem Missionsseminar
Leipzig durch Norddeutschland unternehmen will. Ich soll für
den Raum Hamburg Aufführungen ihres Verkündigungsspiels „Die
Pforten der Hölle“ für mehrere Gemeinden vorbereiten. Die
Gruppe wird im Clemens-Schulz-Freizeitheim in Kuddewörde wohnen
und von dort aus die Aufführungen starten.
Sonntag,
23. Oktober 1955: „Vor einer Stunde bin ich
total erschlagen von Kuddewörde zurückgekehrt. Ich war mit
dem Fahrrad dort. Bei ununterbrochenem Regen bin ich hin- und
wieder zurückgefahren. Es war ein Erlebnis. Mit der
Gewissheit, den Freund nach langer Zeit mal wieder sehen zu
können, werden alle Schwierigkeiten überwunden. Ich fuhr erst
zum Clemens-Schulz-Heim und erkundigte mich, wo ich Hans und
seine Leute treffen würde. Bruder Kindermann verwies mich ans
Pfarrhaus. Daraufhin fuhr ich zur Kirche und fand dort die
gesuchte Gruppe. Hans begrüßte mich vor der versammelten
Mannschaft in seiner Art mit einem lauten „Mensch Jimmy, da
biste ja...“ Wir hatten nur wenig Zeit, ein paar Worte
miteinander zu wechseln; denn der Gottesdienst, den die Gruppe
gestalten sollte, begann dann bald. Der Leiter dieser Gruppe,
Pastor Dr. W. Nagel, Dozent für Neues Testament im Leipziger
Missionshaus, hielt die Predigt. Darin eingeschoben war ein
Spiel aus dem Wirken der Mission. Vor und nach dem Gottesdienst
wurde geblasen. Hans spielte Zugposaune. Als Einleitung zum
Gottesdienst blies man in erstklassiger Qualität mit Vorspiel
,Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr...‘ Die
Gruppe bestand nur aus 13 Personen, aber alles was sie brachte,
war sehr gut. Auch nach dem Gottesdienst hatten wir wenig Zeit,
miteinander zu reden, denn die Teilnehmer einer anderen Gruppe
aus dem Tagungsheim wollten auch noch gerne mit den Leipzigern in
einem Gespräch zusammen sein. Der Leiter der Leipziger
Gruppe berichtete mit Beispielen aus dem regen Leben der jungen
Kirchen und aus der Arbeit der Mission. Ich aß mit der Gruppe
zusammen. Nach der Mittagsmahlzeit mussten sie dann wieder
aufbrechen. „Kludden“, „Strandgaul“ und „Schnecke“
waren auch mit dabei. Kludden hat sich inzwischen verlobt,
Strandgaul geheiratet. Wie ändern sich doch die Zeiten. Adi
Möller ist wieder gesund, wie mir Hans berichtete. Er ist
jetzt auf der Arbeiter- und Bauernfakultät und will später
studieren. Er habe einen schweren Stand wegen seines
Bekenntnisses zur Jungen Gemeinde. Jedoch soll er zu Hans
gesagt haben, er würde für eine Sache eintreten, zu der er im
Grunde gar nicht mehr so klar stehe. Schade!“
24.
Dezember 1955: „Es ist schon lange her, seit ich
die letzte Eintragung ins Tagebuch vornahm. Ich finde selten
die Muße, mal einige Zeilen niederzuschreiben. Heute am
Heiligen Abend will ich mir die Zeit nehmen. - Weihnachten im
Rauhen Haus! Da ich nicht mit der Möglichkeit gerechnet hatte,
dass man mir eine Aufenthaltsgenehmigung für Grevesmühlen
gibt, hatte ich auch keinen Weihnachtsurlaub beantragt. Dann
kam am 19. Dezember die Überraschung: Mit einem Brief der Eltern
traf ein ppopyck (Propusk / Einreisegenehmigung) ein. Bruder
Füßinger bewilligte mir für die Zeit vom 28.12.55 bis zum
1.1.56 doch noch Urlaub. So komme ich wenigstens noch einige
Tage nach Hause. Andererseits freue ich mich, dass ich das
Weihnachtsfest auch mal im Rauhen Hause erleben kann. Ich muss
sagen: Man gibt sich die größte Mühe, es uns schön zu
gestalten. Das hätte ich so nicht erwartet. In den letzten
Tagen habe ich Bruder Ochs bei den Vorbereitungen geholfen. Wir
haben die Weihnachtsbäume geschmückt und beim Verpacken der
Geschenke mitgewirkt. Um 16 Uhr war im Wichernsaal eine
Andacht. Pastor Donndorf hat die Weihnachtsgeschichte verlesen
und gepredigt. Um 17 Uhr gab es die große Bescherung. Anschließend
haben wir um 18 Uhr in der Tanne zusammen gegessen. Die bunten
Teller, die Geschenke, das Festessen, alles ist so reichhaltig,
dass ich mich frage, ob diese Großzügigkeit verantwortbar ist,
wenn man bedenkt, dass andererseits von der armen Witwe Spenden
erbettelt werden. - Nachdem ich das vorige Tagebuch abgeschlossen
habe, möchte ich fortfahren, möglichst oft einige Gedanken und
Erlebnisse zu notieren. Es gäbe ja so viele Dinge, über die
ich berichten könnte, ja müsste, aber dazu gehört auch die
nötige Ruhe, die ich abends leider nicht mehr habe, wenn der Tag
mit anstrengendem Erziehungsdienst geschafft ist und ich die
Stunden berechnen muss, die ich noch bis zum nächsten
Weckerklingeln brauche, um dem Körper die dringende Erholung
für die Aufgaben des neuen Tages zu gönnen.“
28.
Dezember 1955: „Schwerin Hauptbahnhof - Wartesaal -
19.15 h: Ein inhaltsvoller Tag. - 7.02 h ab Hamburg Hbf. Am
Mittag, kurz vor 12 Uhr war ich in Schwerin.
Zuerst suchte ich das Postamt II auf, erkundigte mich nach Uli
Fentzahns Wohnung (ich hatte mein Adressenverzeichnis vergessen)
und begab mich dorthin. Frau Fentzahn öffnete mir. Uli war
nicht da. Nach kurzem Warten ging ich, traf ihn aber gleich
danach auf der Straße. Ich bekam bei Fentzahns etwas zu essen.
Anschließend ging’s zum Postamt 1. Dort traf ich unter
anderen Bekannten auch Chrischan. Danach fuhr ich in den
Schlosspark, besuchte Luckow und Kränz und ging dann zur
Schlossgartenallee ins Lehrlingsheim. Es gibt allerhand
Neuigkeiten: Bei Luckows ist ein zweites Mädchen angekommen. Das
dritte Kind ist unterwegs. Kränz ist verheiratet und hat schon
einen Stammhalter. Trulsons Gabi hat sich zu einem netten
Püppchen entwickelt. Rolf Broeker hat sich verheiratet, Pepo
(Peter Erdmann) verlobt, Adele Scheffelmeyer geheiratet. Im
Postlehrlingsheim wohnen jetzt auch wieder drei Jungen. Sonst
ist dort alles beim alten. Frau Trulson gefällt es im Heim gar
nicht mehr. Sie übt die Heimleitergeschäfte jetzt vollkommen
alleine aus. - Uli zeigte mir dann noch das Institut für
Berufsschullehrernachwuchs, in dem er ausgebildet wird. Das ist
ein mächtiger Bau, ausgestattet mit allem Komfort. Enorm, was
da so für Gelder hineingesteckt worden sind. Es hat Platz für
500 Studenten. Ein Internat ist angeschlossen. Allein sechs
Klubräume stehen zur Verfügung. Der Bau wurde begonnen, als
ich noch bei der Post lernte. Ich bin ja mal gespannt, ob Uli
sich in der Praxis als Lehrer bewähren wird. Durchs Examen
wird sein Vater ihn wohl durchschleifen. Schon bei der Post
hatte er im Unterricht seine Schwierigkeiten. - Seit 17 Uhr döse
ich hier in Schwerin so herum. Den Nachmittagszug habe ich
nicht mehr bekommen. Zuerst bin ich noch etwas in der Stadt
herumgelaufen. Seit 18.30 h sitze ich im Wartesaal. Wenn man
den ganzen Tag auf den Beinen ist, wird man abends doch mürbe.
Ich bin froh, dass ich nun bald in Grevesmühlen
sein werde.“
Als
ich Uli Fentzahn im Oktober 1995 beim Postlertreffen in
Schwerin-Müß nach 40 Jahren wiedersehe, ist er ein einsamer
Mensch.
19.
Januar 1956: „Heute gab Pastor Donndorf vor den
versammelten Brüdern aller vier Klassen bekannt, dass in Zukunft
jeden Sonnabend um 21 Uhr eine Wochenschlussandacht für die
Brüder stattfinden soll. Außerdem soll den Brüdern der
beiden ältesten Klassen die Möglichkeit gegeben werden, an den
Konventen des Hamburgischen Verbandes teilzunehmen. Endlich
sind wir nun mal soweit! Hoffentlich bewährt sich diese
Regelung und schläft nicht sobald wieder ein. Es wäre zu
wünschen, dass bei uns nun doch ein Stück Brüderschaft wachsen
würde und wir daraus neue Kraft für unseren Dienst tanken
könnten.“
Im
Protokoll der Dozentenkonferenz am 28.1.1956 heißt es
über mich: „Seine
Leistungen sind gut. Es bestehen keine Bedenken.“
Am
22.3.1956 wird mir das Zeugnis erteilt: „... R. seine schulwissenschaftliche Prüfung zur
Aufnahme in die Wohlfahrtsschule des Rauhen Hauses unter Leitung
von Oberstudiendirektor Dr. Gustav Schmidt bestanden hat.“
23.
März 1956: „Die erste und kleinste der Prüfungen,
die in der Ausbildungszeit im Rauhen Haus meiner harren, habe ich
nun hinter mir, die ‚schulwissenschaftliche’, die statt des
Mittelschulabschlusses die Fachschulreife bescheinigt. Ich habe
dieser Prüfung keine große Bedeutung beigemessen, als ich noch
davor stand. Jetzt muss ich gestehen, so ganz ohne war sie
nicht, wenn auch manches lächerlich war. Immerhin ist Bruder
Schauer nicht zur Prüfung zugelassen worden und beinahe - es
fehlte nicht mehr viel - wäre Bruder Herrmann durchgerasselt. Mit
der Note „durchaus befriedigend“ kann ich sehr zufrieden
sein. Ich teile mir mit Bruder Franke bei zehn Mann den dritten
Platz. Sehr erfreut können wir alle über das Ergebnis bei
Oskar Wollner sein, der mit „befriedigend und besser“ als
Zweiter durchs Ziel ging. Enttäuscht hat mich Dieter Herrmann.
- Jetzt liegen zwei harte Jahre vor uns.“
Vorbereitung auf das Wohlfahrtspflegerexamen
Nach
dem ersten Unterrichtsjahr mit theoretischer Diakonenausbildung
in theologischen und diakonisch-praktischen Fächern, folgen zwei
Jahre mit solchen, die auf das staatliche Wohlfahrtspflegerexamen
vorbereiten sollen: W II und W I. - Im Fach Rechtslehre führt
uns der Dozent Regierungsrat Winkelmann sehr gut allgemein mit
folgenden Themen in die Jurisprudenz ein: Rechtsstaat als
Gegensatz zum Polizeistaat. Dreiteilung der Gewalten,
Rechtsquellen: Das Gesetz, die Rechtsverordnung,
Verwaltungsvorschriften, autonome Satzungen, Gewohnheitsrecht,
Herkommen, die normative Kraft des Faktischen, öffentliches
Recht, Privatrecht. Die Arten der Rechtsvorschriften: Gemeines
Recht und partikuläres Recht, allgemeines Recht und Sonderrecht,
zwingendes und dispositives, strenges und billiges Recht,
Auslegung der Rechtssätze, Lückenauslegung. Entwicklung des
Rechtes: Germanisches und römisches Recht, gemeines,
preußisches, sächsisches und französisches Recht, Entstehung
und Charakter des BGB und dessen Gliederung und Inhalt. -
Fürsorgerecht wird von Herrn Lung, einem ehemaligen Rauhhäusler
und späteren Freibruder, der bei der Sozialbehörde eine
leitende Funktion ausübt, unterrichtet. Er hat fachlich viel
drauf und eine große Praxiserfahrung, kann es aber leider
didaktisch nicht gut rüberbringen, da er sich meist in endlosen
Sätzen verheddert. Trotzdem lernen wir viel bei ihm. - In
Jugendpflege und Familienrecht doziert Regierungsrat a. D.
Lembke, ein Original und alter Haudegen aus der Jugendbehörde
mit sehr guten didaktischen Fähigkeiten. In originellen
Beispielen lässt er die trockenen Paragraphen des BGB lebendig
werden. Er führt uns gründlich in Erbrecht, Familienrecht,
Eherecht, Jugendwohlfahrts- und Jugendstrafrecht ein. -
Sozialpolitik unterrichtet Frau Dr. Boehlke, Leiterin der
Betriebssozialabteilung der Phönix-Gummiwerke in Harburg. Sie
bringt einen guten Unterricht und wir unternehmen mit ihr mehrere
Betriebsbesichtigungen, so bei Phönix und bei einer
Zahnpasta-Fabrik der Konsumgenossenschaften. - In Volkswirtschaft
haben wir in Dr. Böttcher einen sehr guten Dozenten, der uns
ausgezeichnet in Wirtschaftsgeschichte und ökonomische
Gegenwartsprobleme einführt. Die Erkenntnisse Max Webers (1864
- 1920), des großen Nationalökonomen und Soziologen, zu den
religionsgeschichtlichen Hintergründen, die Böttcher uns
nahebringt, werden mich noch oft beschäftigen und mein eigenes
Arbeitsethos einzuordnen verstehen: die Wirkung der Reformatoren
auf die wirtschaftliche Dynamik des Kapitalismus: Die Reformation
wirft das starre standesorientierte Ordnungsbild des Thomas von
Aquin um. Es entsteht ein völlig anderes Denken. Die
aristokratische zweifache Moral des Mittelalters gilt nicht mehr.
Die Einstellung zur Arbeit wird neu ausgerichtet. Den gnädigen
Gott erwirbt der Protestant nicht mehr durch Vermittlung des
Priesters in Beichte und Absolution, sondern im „sola fide“
und der Bewährung im Alltag. Dadurch kommt es zu einer neuen
Einstellung zur Arbeit, zum allgemeinen Arbeitsethos. Die
Arbeit wird aus dem Fluch des Sündenfalles befreit. Der Mönch
hatte auch vor der Reformation bereits die Berufung zur Arbeit.
Ora et labora. Diese mönchische Arbeitseinstellung geht auf
die allgemeine Gesellschaft über. Die Mönche arbeiteten
rational. Sie kannten eine Einteilung des Arbeitsalltags, der
Arbeitszeit. Der im Kloster geprägte Luther fordert von jedem
Gläubigen Askese. Jede Abschweifung ist vom Übel. „Wenn
ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich heute
noch mein Apfelbäumchen pflanzen und meine Schulden bezahlen.“
Weber: „Luther hat uns alle zu Mönchen gemacht.“ Noch
deutlicher als bei Luther findet sich eine neue
Arbeitseinstellung bei den Reformierten und in ihrer
Prädestinationslehre: Alles ist von Gott vorherbestimmt. Demnach
ist der ökonomische Erfolg das Zeichen des Segens Gottes. Noch
deutlicher als bei Calvin, kommt das bei Zwingli zum Ausdruck. So
kommt es, dass der Kapitalismus sich besonders im
rheinisch-bergischen Land, in der Schweiz, den Niederlanden und
durch den Puritanismus in England und später durch die
puritanischen Auswanderer in Nordamerika entwickeln kann. Für
Japan weist Weber ähnliche Zusammenhänge zwischen Religion und
Arbeitsmoral nach. - Im Fach Pädagogik und Geschichte der
Pädagogik finden wir in dem Rauhhäusler Diakon und
Sonderschulleiter der Alsterdorfer Anstalten, Rudolf
Höllenriegel, einen ausgezeichneten Dozenten. Mit Engagement
und pädagogischem Eros vermittelt er uns systematische
Kenntnisse pädagogischer Wissenschaft. Er prägt uns ein:
„Erziehung ist kein Job. Erziehung ist eine Leidenschaft! Ich
bin Erzieher oder ich bin es nicht. Man kann sich nicht in der
Pädagogik versuchen. Jeder Versuch, den man unternimmt,
schafft Tatsachen, die bleiben. Die Natur erzieht nicht. Erziehung
geschieht nur zwischen Menschen und ist stets an den
Menschenbezug gebunden. Ich werde nur Mensch durch Menschen. Das
Handwerk des Pädagogen ist ein vollkommen anderes als das eines
Schlossers oder Steinmetz’. Was ich als Erzieher an einem
Tage durch schlechte Laune verdorben habe, kann ich nicht wieder
gutmachen.“ Die historischen Väter der Pädagogik von den
alten Griechen Sokrates und Platon über Augustin, Luther,
Comenius, Francke, Rousseau, Pestalozzi, Herbart, Fröbel,
Wichern bis zu den Reformpädagogen der 1920er Jahre, Spranger,
Litt, Nohl, Flitner, lässt er uns lebendig werden. Jeder von
uns hat sich mit einem dieser pädagogischen Pioniere speziell zu
befassen, ich mit Herbart. - Im Fach Psychologie gibt uns der
Theologe Dr. Walter Uhsadel, späterer Universitätsprofessor,
eine sehr gute allgemeine Einführung in die Tiefenpsychologie
und Traumanalyse des Siegmund Freud und erläutert uns seine
Begriffe der „Libido“, des „Es“ und „Ich“ und
„Über-Ich“, des „Ödipuskomplexes“, des Verdrängens,
des Abreagierens und der Sublimierung. Auch Alfred Adler, ein
Schüler Freuds, der statt beim Sexualtrieb beim Macht- und
Geltungstrieb ansetzt, sowie Fritz Künkel, ein Berliner Arzt,
der 1933 in die USA emigriert und der adlerschen Psychologie eine
christliche Prägung und seelsorgerliche Anwendung gibt, bringt
Dr. Uhsadel uns nahe. Künkels „Arbeit am Charakter“ lese
ich mit großem Gewinn. Besonders C. G. Jung mit seiner
„Komplexen Psychologie“ im Gegensatz zu Freuds analytischen
Psychologie nimmt in seinem Unterricht breiten Raum ein. Begriffe
wie das „Selbst“, die „Persona“, das persönliche und
das
„kollektive Unbewusste“, die „archetypischen Symbole“ und
Instinkte im kollektiven Unbewussten, die „Anima“ und der
„Schatten“ werden durch Usadel für mich aufschlussreiche
neue Begriffe. Leider verlässt uns Usadel schon nach einigen
Monaten. Dr. Plaetzer führt sein Werk fort mit Informationen
über Intelligenzquotient und psychologische Tests,
Binet-Simon-Test, Charlotte Bühler, Hildegard Hetzer, HPT-Test,
HAWIK-Test, Projektionstests, Düß-Test, Heuer-Test,
Warteg-Zeichentest, Zullinger, Wilhelm Wunds Lügendetektor, mit
der Erkenntnis: „Aus dem Test kommt immer soviel heraus, wie
der herausholt, der ihn auswertet.“ Er gibt uns auch eine
Einführung in die Entwicklungspsychologie. - Gesundheitslehre
mit erster Hilfe lehrt Frau Dr. Gleim und später Dr. Graul,
Buchführung und Anstaltsverwaltung Bruder Niemer.
Karlheinz Franke
komprimiert Dr. Böttchers Volkswirtschaft in folgenden Reim:
Auf der allerletzten Seite steht
in jedem Käseblatt,
welche Firma machte pleite oder welche
Schulden hat.
Schulden sind in diesem Sinne nicht ein
leeres Portemonnaie,
diese Schulden sind Gewinne, wenn ich es
nur richtig seh’!
Vom Kredit und auch vom Sparen lernten wir
in der Vw.
Dank wir Dr. Böttcher sagen, weil wir
manches jetzt verstehn.
Bundesbürger produzieren, schaffen dabei
viel Gewinn,
und was sie nicht konsumieren, bringen sie
zur Kasse hin.
Unternehmer investieren, setzen dabei
Menschen frei.
Männer jagen nach den Tieren, Frauen
kochen Hirsebrei.
Ackernahrung schafft der Bauer, produziert
und konsumiert.
Doch die Arbeit wird ihm sauer, wird vom
Ritter schikaniert.
Alle Ritter bauen Burgen, gründen dabei
eine Stadt,
und die Meister schaffen Zünfte, damit
jeder Arbeit hat.
Diese Ordnung ohnegleichen hält sich fast
500 Jahr’.
Dann muss sie der nächsten weichen: Kap’talismus
wohl, nicht wahr?
Denn die Herren Reformierten mit der
Prädestination,
die darauf bald emigrierten, setzten ihn
auf seinen Thron.
Man sollt’ sich mit Marx befassen, mit
dem Himmelreich auf Erden;
müsst’ das Kapital dann hassen, Klassenkämpfer
sodann werden.
Doch weil wir aus frommem Hause, glauben
wir nicht recht daran.
Marx’ Gedanken waren krause. Luther, das
war ein Tyrann.
Weil als Mönch er seine Tage teilte nach
der Managerart,
darum hat sich diese Plage auch bis heute
hin bewahrt.
Wollt’ Moral der Arbeit lehren. Armer
Luther, merkst du nicht,
was aus diesem hoh’n Begehren du in
Deutschland angericht?
Jetzt grub man den Maulwurf aus, forschte,
ob er Augen hat,
dreht die Sterne in Ellipsen. Und die Erde
war mal platt.
Unternehmer bau’n Fabriken, Handwerk lebt
in Krisenzeit.
Der Prolet schafft 14 Stunden, weil es -
heidi - aufwärts geiht.
Maschine muss amortisieren, Unternehmer
wird schwerreich,
Fürsten lassen Leut’ studieren Liberalismus
macht uns gleich.
Banken jetzt zu krachen drohten. Buchgeld
schaffte der Bankier.
Maschinchen spuckten blaue Noten: Nur die
Zentralbank kennt den Dreh.
Ich im stillen zog Vergleiche: Einen Haken
hat das auch,
denn Kredit kriegt nur der Reiche, der ihn
meistens gar nicht braucht.
Und so sucht’ ich einen Posten. Sollte
man ins Bankfach geh’n? -
Ach, mein Geld, das würde rosten, müsst’
auf Hypotheken stehn.
Unter allen den Berufen wär’s der
schönste wohl auf Erden. -
Ja, man müsste mal Direktor bei der
Reichszentralbank werden.
Hätt’ im Keller mein Maschinchen, könnte
jede Menge drucken,
und ich schickt’ das Geld nach Hamburg. Ach,
die Leute würden gucken!
Hätt’ dann teil am Wirtschaftswunder auch
der ärmste Diakon?
Nein, man hätt’ damit verursacht nur
‘ne dritte Inflation.
Ostern
1956 besucht mich Lothar Goeritz im Rauhen Haus.
9.
April 1956: „Umwälzungen von großer Bedeutung. Im
ganzen Rauhen Haus finden in diesen Tagen große Veränderungen
statt. Ich werde davon auch stark betroffen. Bruder Mahnke
übergibt die Familie an Bruder Volkmar Lange. Ich bleibe mit
Gottfried Wendt als Gehilfe hier. Das gibt eine gewaltige
Umstellung in der Arbeit. Mahnke und Lange sind zwei totale
Gegensätze. Das wirkt sich besonders im pädagogischen Stil
aus. Während Bruder Mahnke der väterlich-strenge Erzieher
war, arbeitet Bruder Lange recht frei nach modernen
Gesichtspunkten. Ich weiß nicht, ob ich mich da so schnell
umstellen kann und vor allem, ob die Jungen so eine Umstellung
akzeptieren; denn sie kennen mich eben nur im bisherigen Stil. Es
ist ja mal etwas ganz Neues. Es kennen zu lernen, interessiert
mich schon. Aber ob mir die Umstellung gelingt, mich plötzlich
locker und liberal zu geben, wo die Jungen mich doch bisher ganz
anders erlebt haben. Wird das gut gehen?“
14.
Mai 1956, 9.15 Uhr: „Genau vor drei Jahren um diese
Zeit saß ich in einem Berliner S-Bahn-Zug, der mich in den
Westsektor bringen sollte. Vor genau drei Jahren wurde eine
bedeutende Weiche meines Lebensgleises umgestellt. Drei Jahre
lang lebe ich nun in der sogenannten ‚Freien Welt’. Ein
Jahr brauchte ich zur Akklimatisierung, zwei Jahre lebe ich in
ziemlicher Weltabgeschiedenheit fern von allen Problemen der
Öffentlichkeit und der Politik das Leben eines
Durchschnittsbundesbürgers. Aber dennoch habe ich in diesen
Jahren viel gelernt. Hier im Rauhen Haus werde ich nach und
nach zur Persönlichkeit geformt. Obwohl vieles recht dürftig
erscheint, z. B. der Unterricht, so ist dieses harte Leben doch
prägend und man wird doch langsam zum erwachsenen Menschen.“
Fahrradtour mit Oskar Wollner nach Mecklenburg
17.
Juli 1956: „Vor mir auf dem Tisch liegt eine alte
Landkarte vom Gebiet Schwerin und westlichem Mecklenburg. Ein
roter Strich verläuft entlang der Strecke Bergedorf-Geesthacht -
Lauenburg - Boizenburg - Zahrensdorf - Camin - Ziggelmark -
Wittenburg- Püttelkow - Pokrent - Bendhof - Hindenberg -
Schildberg - Sievershagen - Wotenitz - Grevesmühlen. Morgen in
einer Woche soll, wenn alles klappt, diese Wegstrecke mit Hilfe
meiner ‚Omma’ per Fahrrad zurückgelegt werden, zusammen mit
Oskar Wollner. Hoffentlich geht alles gut. Dann werden wir
zwei Wochen Urlaub in Mecklenburg verbringen. Ich habe mich
wohl selten so auf den Urlaub gefreut wie diesmal.“
4.
August 1956: „Die Reise per Fahrrad nach Grevesmühlen
verlief vorzüglich. Es war eine herrliche Tour. Am frühen
Morgen ging es über eine schöne Asphaltstraße durch das
Lauenburger Land. Der Grenzübergang war problemlos. Als
einzige West-Ost-Passierer waren wir in Kürze abgefertigt. Über
schlechte Landstraßen und viel schönere Landwege, vorbei an
wogenden Kornfeldern, an grünen Wiesen und durch herrliche
Wälder ging es Grevesmühlen
entgegen. Das Wetter war überaus günstig. Lediglich gegen
Nachmittag kam etwas Wind auf, der uns meist von vorne
entgegenblies. - Höhepunkte der Urlaubstage waren bisher eine
Kahnfahrt bei herrlichem Wind auf dem Ploggensee, eine
Wochenschlussandacht, die Hans Gottschalk hier in der
Grevesmühlener Kirche hielt, ein Spaziergang zum Iserberg, eine
Fahrt nach Boltenhagen, ein Gottesdienst in Börzow mit Hans,
eine Fahrt nach Schwerin und ein Diskussionsabend mit Klaus
Schüler, einem ehemaligen Klassenkameraden, der durch und durch
ehrlicher Marxist ist. Einiges über die Schwerin-Fahrt: Bei
saumäßigem Wetter wagten wir es, per Fahrrad die Tour
anzutreten. Es regnete ununterbrochen den ganzen Tag. Nach
dem Mittagessen fuhren Oskar und ich los. Nach zweistündiger
Fahrt standen wir mit unseren Rädern im Kreuzgang des Schweriner
Domes und machten uns daran, uns umzuziehen. - Bei der
Paketannahme oder besser gesagt am Schalter 13 traf ich Christel
Winkel. Nach kurzem ‚Wie geht’s, wie steht’s’ guckte
ich noch mal in die Schalterhalle des Posthauptgebäudes und fuhr
dann zum Schlossgarten. Wir wollten Luckow und Kränz besuchen.
Luckow war gerade in der ‚Oase’,
um ein Spiel für den Kirchentag einzuüben. Um 17 Uhr sollte
er zurück sein, sagte Frau Luckow. Eine halbe Stunde war noch
Zeit. Wir gingen so lange zu Kränz
runter und unterhielten uns über die Jugendarbeit
in Mecklenburg, speziell in Schwerin, und über die Lage, die
durch den Weggang PWs und Luckows entstehen wird. Kränz war
der Ansicht, dass der Wechsel in der Leitung des
Landesjugendpfarramtes unübersehbare Auswirkungen haben wird. Kränz
selber, der für die Nachfolge Luckows in Frage käme, wolle
diese nicht antreten, sondern Stadtjugendwart bleiben. Demnach
wird wahrscheinlich Beyer Landesjugendwart werden. Im
Augenblick ist in der mecklenburgischen
evangelischen Jugendarbeit wirklich allerhand in Bewegung. Man
arbeitet mit allen technischen Mitteln und Raffinessen. Mit
Megnetophonband werden Hörspielaktionen durchgeführt. Die
Filmarbeit läuft sehr gut. Das Landesjugendpfarramt besitzt
ein eigenes Motorboot mit Namen ‚Otto’ mit einem
Fassungsvermögen für 20 Personen. PW
(Pastor Wellingerhof) war
gerade mit dem Kahn unterwegs. Freizeiten zu Wasser: tolle
Sache! Bis zum Plauer See waren sie schon damit. - Die
Jugendarbeit in Schwerin steht ausgezeichnet da. Kränz sagt,
er habe Kreise mit einer Beteiligung bis zu 50 Mann. Es gibt
alleine in Schwerin eine große Anzahl solcher Jugendkreise. Wer
hätte das im Mai 1953 zur Zeit der Verfolgung der Jungen
Gemeinde gedacht. - Aus dieser segensreichen Arbeit gehen nun
zwei begnadete Kapazitäten, die das Menschliche an diesem Werk
geleistet haben, heraus: PW,
weil er mittlerweile gesundheitlich fertig ist und es auch sonst
Zeit für einen Wechsel der Arbeit wird. Er hatte sich
vorgenommen, zehn Jahre diesen Dienst zu machen. Diese zehn
Jahre sind nun rum. - Luckow wird seine Wohnung zu klein. Er
hat jetzt immerhin drei Kinder und haust in einer
Mansardenwohnung von drei kleinen Zimmerchen unter schrägen
Decken. Er hat dem Oberkirchenrat zu verstehen gegeben, unter
diesen Umständen könne er die Arbeit nicht mehr weiter machen.
Der Bischof hat ihm darauf geantwortet: ‚Der eine geht, der
andere kommt. Die Kirche besteht nun schon zweitausend Jahre.
Sie wird auch weiterbestehen. Dann ist es besser, Sie gehen
gleich mit. So wird das eine völlig neue Besetzung.’ PW
hatte sich um eine Pfarrstelle in Schelf beworben. Obwohl er in
der Gemeinde mehr Stimmen hatte als seine beiden Mitbewerber, hat
der Oberkirchenrat seine Zustimmung verweigert. Man bot ihm die
Pfarrstelle in Dassow an. PW hat abgelehnt. Daraufhin wurde
ihm die Pfarrstelle in Gnoien
zur Verfügung gestellt. - Luckow wird die Hausvaterstelle in
einem Lehrlingsheim in Güstrow übernehmen. - Nachdem es
inzwischen 17 Uhr geworden war, gingen wir zu Luckow hoch. Dort
saßen schon zwei Mann: Ein Neinstedter und ein alter Schweriner,
der jetzt in Berlin-West studiert. Wir waren noch etwa 1 ½
Stunden beisammen. Es war doch schön, noch mal so mit Luckow
klönen zu können. Er ist doch immer noch der alte prächtige
Kerl. Ich traue ihm auch für seine zukünftige Aufgabe zu,
weiterhin für seine Kirche gute Leistung zu erbringen. Jedenfalls
habe ich PW
und besonders Luckow sehr viel zu verdanken. Sie waren für
mich die Hand Gottes. Ohne sie wäre ich nicht auf meinem
jetzigen Wege. - Anschließend war ich noch bei Trulsons im
Lehrlingsheim. Frau Trulson war nicht zu Hause. Ich freute
mich, Herrn Trulson mal anzutreffen. Im Heim hat sich nicht
viel verändert. Mit den Lehrlingen war er nicht zufrieden. Wir
hielten uns nicht mehr lange auf. Kurz nach 19 Uhr traten wir
die Rückfahrt an. Erschöpft und ausgelaugt kamen wir gegen 22
Uhr wieder in Grevesmühlen
an.“
8.
August 1956: „Nach einer schönen Rückfahrt total
erschöpft wieder in Hamburg. Zehn Stunden Fahrt.“
18.
August 1956: „Seit einigen Tagen habe ich an der
Rückseite der rechten Ohrmuschel einen ziemlich starken Knoten.
Ich befürchte, dass die Sache tuberkulös ist. Wenn sich das
bis Montag nicht verzogen hat, werde ich, wenn ich ohnehin zum
Gesundheitsamt gehe, dem Arzt die Sache zeigen.“
Mittwoch,
22. August 1956: „Die Geschwulst am Ohr hat sich
noch nicht verzogen, im Gegenteil, es weist alles darauf hin,
dass es die gleiche Sache ist, wie seinerzeit an Hals und
Oberschenkel. Ich muss damit rechnen, dass die Angelegenheit
ernst wird. Ob ich weiterhin im Rauhen Haus bleiben kann, ist
ungewiss, zumindestens ist es möglich, dass ich die Ausbildung
längere Zeit unterbrechen muss. Seit einigen Tagen schlucke
ich wieder regelmäßig „Neoteben“. Wenn die Geschwulst
nicht aufgeht, werde ich warten, bis das Unternehmen ‚Die
Pforten der Hölle’ vorbei ist, und dann mal zur
Fürsorgestelle für Körperbehinderte gehen. Es ist ja ein
harter Schlag, wenn ich noch monatelang krank spielen oder gar
die Diakonenausbildung ganz aufgeben muss. Aber ich will mich
ganz in Gottes Hand geben. Was Er mit mir vorhat, wird schon
richtig sein! So singe ich: ‚Und ob das Herz auch klagt, aus
harr’ ich unverzagt. Wer Gottes Pfad gewagt, trägt still sein
Kreuz.’“
1.
Advent, 2. Dezember 1956: „Schon lange wäre
eine Tagebucheintragung fällig gewesen, aber ich kam nicht dazu.
Meine Angst wegen der Geschwulst war zum Glück unbegründet. Es
handelte sich lediglich um einen Grützbeutel. - Inzwischen ist
das Unternehmen ‚Sendfahrt’ glücklich beendet. Die letzten
Geldgeschäfte sind inzwischen abgeschlossen worden. Ich muss
noch mal zum Landesjugendpfarramt und mit Bruder Metzkes
sprechen. Dann wird hoffentlich Moos darüber wachsen können.
Es ist ja doch alles noch einigermaßen glimpflich abgegangen. Vor
allem bin ich jetzt die Geldsorgen los. Ein Unternehmen von
1.092,- DM völlig auf eigenes Risiko mit 25 DM Taschengeld
monatlich ist ja auch etwas gewagt. Bei der ganzen Sache habe
ich aber ungeheuer viel gelernt. Ich bedaure nicht, die
Leipziger nach Hamburg geholt zu haben. Jedoch werde ich
während meiner Ausbildungszeit ähnliches nicht wiederholen. -
In der Familie ist bisher noch keine Verbesserung der Zustände
eingetreten, im Gegenteil, es wird immer schlimmer. Rudi
Müller meinte neulich, wenn er an meiner Stelle wäre, wäre er
sicher schon ‚zum Mörder geworden’. Ähnlich äußerte
sich Gerd Jeromin. Das Niveau von ‚Saat der Gewalt’ (Film
über gewalttätige Jugendliche) haben wir bald erreicht. Mein
ganzes Harren gilt der Umbesetzung zu Ostern.“
16.
Dezember 1956: „Gestern Abend gab es für mich
Stellungswechsel. Bruder Füßinger teilte mir offiziell mit,
dass ich nach unten ziehen solle. Um Mitternacht hatte ich
meine Sachen unten. Der heutige Tag war reich an Kämpfen. Ich
will von vornherein konsequent vorgehen. Das kostet erst einmal
Energie, vor allem, da die Verhältnisse hier unten denen oben
nicht viel nachstehen. Dennoch besteht ein gewisser
Unterschied. Während Lange gar keine Grenzen steckt, findet
man bei Bruder Heidrich solche, wenn auch ziemlich weite. Ein
genaues Urteil werde ich mir aber erst nach einigen Tagen
erlauben können.“
18.
Dezember 1956: „Heute Morgen war ich in der
Freizeitfamilie. Zusammen mit den Brüdern Udo Pütt und
Hans-Martin Kreye soll ich dort in dieser Woche wirken. Am
Nachmittag ging es bei uns in der Kastanie verhältnismäßig
gut. Ich habe alleine die Lernstunde beaufsichtigt. Bruder
Heidrich ist heute Abend mit Braut ins Weihnachtsoratorium. So
gerade eben habe ich die Ordnung bewahren und die Knaben ins Bett
bringen können. Ich glaube, dass es auch nicht leiser gewesen
wäre, wenn der Chef hier gewesen wäre. Eigentlich wollte ich
unseren Jungen noch etwas vorlesen, da das Fertigmachen aber so
umständlich verlief, fiel das Vorlesen natürlich aus. - Über
Weihnachten werde ich in der Johannesburg eingesetzt werden. Dienst
ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.“
1.
Januar 1957: „Es ist mir doch noch gelungen, für
drei Tage Urlaub zu bekommen. Loli (Lothar Goeritz) hatte bei
mir angerufen und mich zu sich nach Hannover eingeladen. Ich
hatte ihm schon so gut wie abgesagt. Am Freitag fragte ich
Bruder Füßinger, ob ich noch Urlaub bekommen würde. Er
bewilligte ohne Zögern. So habe ich denn von Sonnabend bis
heute ein paar schöne Tage in Hannover verbracht. Es war
einmal etwas ganz anderes.“
2.
Januar 1957: „Unsere Knaben sind alle wieder aus den
Weihnachtsferien zurück. Der Alltag hat uns wieder. Ich
fühle mich richtig glücklich. Um 20.30 Uhr ist überall das
Licht aus. Es herrscht himmlische Ruhe. Nur von oben her
tönt noch Gepolter und Geschrei. Wie bin ich froh, dort nicht
mehr sein zu müssen. Hier kann ich doch frei und - in gewissen
Grenzen natürlich - nach eigenem Ermessen walten. Das bringt
doch Spaß, wenn alles so flutscht. Ich muss sehen, dass ich
das Steuer fest in der Hand behalte, damit ich mir zum einen die
Arbeit leichter und zum anderen meinen Familienleiter tatkräftig
unterstützen kann. Er machte eben eine Äußerung, nach der er
mit mir zufrieden zu sein scheint. Das wäre für mich, wenn es
ehrlich gemeint war, der größte Erfolg, den ich mir denken
kann. - Aus dem Urlaub bin ich gut erholt zurückgekehrt. Wenn
es auch nur drei Tage waren, es war eine notwendige Erholung für
mich. Das war einmal etwas ganz anderes. Ich habe in den drei
Tagen in einer ganz anderen Welt gelebt, der
‚Inneren-Missions-Luft’ einmal ganz entrückt. Es war
doch schön, dieses gelassene Leben in Lolis Bude bei Mate-Gold
und Speckbrot, das Schlafen im Schlafsack auf der Liege mit
angestelltem Stuhl, die langen Spaziergänge durch die Stadt,
über den zugefrorenen Maschsee und durch die Parkanlagen, unser
Besuch in der Niedersachsenhalle mit dem Kampf um die
Stehplatzkarten für die Donkosaken. Ich lernte das
Stephansstift kennen, besuchte Erich Eggert und schaute mir die
herrliche Pfarrkirche an. Überhaupt das Zusammensein mit Loli,
dieser treuen Seele, war doch ein Erlebnis.“
Mit
Loli Goeritz habe ich über Jahrzehnte hin immer mal wieder
lockeren Kontakt. Als wir in Soest leben, besucht er uns mit
seiner Frau, und wir sind später auch bei ihm in Barsinghausen
in seinem neuen Haus. Als ich in Hamburg bin, ruft er mich ab
und zu von Hannover aus an. Erst 1998 erfahre ich von seinem
frühen Tod durch Hautkrebs.
Ende
Dezember 1956: „Neulich erhielt ich einen Brief von
Eveline Steffen, einer Mitschülerin aus Grevesmühlen. Sie
teilte mir mit, sie sei seit einigen Wochen in Hamburg, wohne bei
Herrn von der Brelje, meinem Biologie-Dozenten aus dem
schulwissenschaftlichen Unterricht und studiere am Pädagogischen
Institut. Sie äußerte den Wunsch nach einem Wiedersehen. Nach
einem gescheiterten Treffen am Hauptbahnhof besuchte ich sie dann
am 27. Dezember in Fuhlsbüttel, nachdem sie mich telefonisch zu
sich eingeladen hatte. Ihr Vermieter hätte gegen einen Besuch
nichts einzuwenden, sondern ein solches Treffen in ihrem Hause
sogar vorgeschlagen. So war ich denn für gut eine Stunde zum
Plaudern dort und wir unterhielten uns über unser jeweiliges
Ergehen und die Wege, die uns nach Hamburg geführt hatten. Bei
passender Gelegenheit wollen wir uns noch mal treffen.“
16.
März 1957: „Mit Eveline Steffen habe ich mich noch
ein zweites Mal getroffen, seitdem aber nichts wieder von ihr
gehört. Es erscheint mir auch gut, den Kontakt möglichst
locker und auf Distanz zu halten.“
Unsere
Klasse soll dieses Jahr wieder Pastor Donndorfs Geburtstagsfeier
gestalten. Wir sind dabei, ein Spiel zusammenzubauen, das
Pastor Donndorfs Wirken im Rauhen Haus von 1939 bis heute zeigen
soll. Hoffentlich kriegen wir das hin. Nach dem Reinfall vom
vorigen Jahr müssen unsere Bemühungen in diesem Jahr einen
besseren Erfolg bringen. Manfred Schleeh wird sich der Sache
annehmen.
Er formuliert am 16.3.1957
folgende Gedanken in später Abendstunde: „Lieber Gotthold
Donndorf, so lautet mein Gedanke, den ich an den Anfang dieser
Niederschrift stelle, du bist es, der mir und den anderen
Brüdern unserer Klasse Sorgen macht. Du kannst sicher nichts
dafür, dass du am 29. April vor 70 Jahren geboren wurdest, aber
wir müssen darunter leiden. ‚Warum?’, wirst du fragen und
uns dabei erstaunt ansehen, ‚mein Geburtstag ist doch ein
fröhliches Ereignis.’ ‚Ja’, antworte ich stockend,
‚aber nicht für uns. Du hast uns letztes Jahr zu sehr
enttäuscht. Wir brachten Dir mit Eifer unsere Geschenke, wir
sangen, bliesen und spielten für dich, meinten es gut und
sprachen von Nudelsuppe. Und du, du konntest deine jungen
Freunde nicht verstehen. Es ist auch schwer, nur eine Stufe
abwärts sich zu bewegen. Lieber Gotthold, verzeihe, wenn ich
dich so anrede, nun steht dein Geburtstag schon wieder vor der
Tür. Was hörst du gern und was klingt angenehm in deinen
Ohren? Werden wir deinen Geburtstag überleben, und wie wird
uns dann zumute sein? Wenn ja, dann werden wir unsere Gläser
mit Apfelsaft füllen und gemeinsam sprechen: „Hoch soll er
leben, dreimal HOCH!’ Strathmeier, Wendt, Ruszkowski und
Löffelmacher werden sich vielleicht noch an diesen Freitagabend
erinnern.“
Der
Unterricht ist für uns inzwischen vorerst beendet. Vor uns
liegt die große Umschichtung, der allerseits mit großer
Spannung entgegengesehen wird. Wir arbeiten zur Zeit tüchtig
am Handwerkerhaus (ehemalige Druckerei). Die neue Wichernschule
geht im ersten Bauabschnitt ihrer Vollendung entgegen. Der Bau
des neuen Jungenhauses wird demnächst beginnen. - Ich bin zur
Zeit dabei, eine Stoffsammlung für meine Jahresarbeit anzulegen.
Das Thema soll etwa folgendermaßen lauten: „Freizeitprobleme,
die durch die Einführung der 40-Stunden-Woche bei jugendlichen
Industriearbeitern auftreten“. Ich will versuchen, die Arbeit
noch in diesem Jahr fertig zu bekommen, um die letzten drei
Monate vor dem Examen intensiv lernen zu können.
20.
März 1957: „Seit gestern mache ich Familienleiter
in Vertretung. Bruder Heidrich ist mit der gesamten DI auf
einer Rundfahrt zu den norddeutschen Diakonenanstalten. Ich
habe fünf Jungen hier. Gestern wurde probiert, wie weit man
gehen kann. Wir sind erst um 15.30 Uhr zum Mittagessen gegangen.
Bis kurz vor 17 Uhr war Lernstunde.“
21.
März 1957: „Gestern Nachmittag und am Abend ging
in der Familie alles gut. Wir haben tüchtig gebastelt und
M.’s Segelflugmodell bis auf’s Bespannen fertigbekommen. Auch
heute Nachmittag war ich zufrieden.“
22.
März 1957: „Der heutige Tag verlief wieder recht
temperamentvoll. Ich bin aber durchaus Herr der Lage, wenn
ich konsequent bleibe.“
28.
März 1957: „Spannung liegt in der Anstalt. Was
wird sich in den nächsten Tagen ergeben? Die
Familienzusammenstellungen sind fertig. Die Brüderbesetzung in
der Johannesburg ist bekannt geworden. Einige unklare
Bemerkungen Pastor Brückners über Herrmanns und Strathmeiers
Schicksal geben uns zu denken. Wir versuchen, zwischen den
Zeilen zu lesen. Wird unsere ganze Klasse zu Ostern
freigestellt? Bis heute hielt ich es für möglich, dass ich
die Familie übernehmen könnte. Jetzt fange ich an zu
zweifeln. Oskar Wollner soll in den nächsten Tagen in den
Anker ziehen. Hannes Gebauer ist heute in den Goldenen Boden
gezogen. Was wird werden?“
12.
April 1957 in Grevesmühlen: „Wieder einmal zu
Hause. Am 9. April bin ich mit dem Fahrrad herübergekommen. Es
ist recht öde in Grevesmühlen.
Hans ist noch in Leipzig. Er wird erst nächste Woche kommen.
Gestern war ich bei Bruder Jetter in Damshagen. Er wird zum 1.
Mai in den Ruhestand treten. Nach dem, was er erzählte und was
ich von Frau Behnke hörte, sieht die kirchliche Situation in
Mecklenburg recht trostlos aus. Sehr viele Pfarrstellen sind
unbesetzt. Die Bezahlung der Pastoren und Diakone in
Mecklenburg ist sehr gering. Jetter bekommt etwas über 400
Mark. Ein junger Pfarrer oder Diakon mit Frau und Kind muss mit
etwa 240 Mark zurecht kommen. In der Gemeinde
Grevesmühlen sieht es trostlos aus: Pastor Boddin
ist krank. Propst Lietz soll meist unvorbereitet auf die Kanzel
kommen. Zur Zeit ist noch ein junger Vikar, namens Merker, in
der Gemeinde. Jugendarbeit
und Posaunenchor so gut wie eingeschlafen. ‚Herr Du weißt
wie arm wir wandern durch die Gassen dieser Welt, wo ein Strahl
aus einer andern nicht auf unsre Tritte fällt.’“
13.
April 1957: „Am liebsten möchte ich nie wieder in
meinem Urlaub nach Grevesmühlen
kommen. Ein kurzer Wochenendaufenthalt zu Hause genügt
vollkommen. Wenn ich sagen würde: Es ist traurig bestellt um
Grevesmühlen, so könnte ich damit meine Seelenstimmung nicht
genügend ausdrücken. Grevesmühlen
ist eine alte zahnlose Greisin. Früher war mir diese Stadt
einmal Heimat. Heute Nachmittag machte ich einen Spaziergang um
den Ploggensee. Da verspürte ich so ein klein wenig von diesem
Gefühl, an heimatlicher Stätte zu weilen. Weit und breit war
kein Mensch zu sehen. Der See glitzerte in der Sonne. An der
Böschung spross das erste saftige Grün. Für einen Augenblick
überkam mich so etwas wie ein glückliches Gefühl. Erinnerungen
an alte Zeiten wurden wach. Sonst ist wenig an Heimat und
Erinnerung. Die Stadt mit ihren Straßen und Häusern bietet
einen trostlosen Anblick. Man trifft kaum einen Bekannten. Meine
Freunde, Schulkameraden und Spielgefährten von damals sind nicht
mehr am Ort. Entweder studieren sie, arbeiten außerhalb oder
sind irgendwo im Westen. Die Zustände in der Kirchengemeinde
sind über alle Maßen trostlos. Der Posaunenchor hat sich
trotz siebenjährigen Bestehens nicht weiterentwickeln können.
Heute Abend gab es eine Passionsmusik. Ich war froh, als die
Stunde herum war. - Wenn Hans nicht noch kommen würde, würde
ich wohl wieder vorzeitig abreisen. ‚O Traurigkeit, o
Herzeleid...’“
Dienstag,
am 16. April 1957 in Grevesmühlen: „Am
Sonntag war ich mit dem Fahrrad losgefahren. Es war am frühen
Nachmittag. Ich wollte etwas durch die nähere Umgebung radeln.
Es war herrliches Wetter. Die Sonne schien. Nur am Horizont
waren vereinzelt Wolken zu sehen. Es war nicht gerade warm,
denn ein sachter Nordwind blies über die Landschaft. Ich
bewegte mich in Richtung Wismar über den Asphalt. Da kam mir
der Einfall, über Gressow, Beidendorf und die
Wismar-Schwerin-Chaussee in die Landes-, jetzt Bezirkshauptstadt,
zu radeln. Es wurde eine herrliche Fahrt. Den Wind im Rücken
ging’s über die in gutem Zustand befindliche Straße im
Eiltempo nach Schwerin. Gegen 16 Uhr war ich dort. Zuerst
stieg ich bei Fentzahns ab. Uli war nicht da. Ich ließ
Grüße an ihn ausrichten. Beim Schalter 13 erfuhr ich, dass
Christel Winkel krank sei. Zuerst hatte ich die Absicht gehabt,
sie in der Schulstraße aufzusuchen, gab es aber doch auf. So
fuhr ich dann zu Bernhard Kränz. Wir unterhielten uns über
die Jugendarbeit, über die alten Hasen aus dem
Berufstätigenkreis, Minna, Pepo..., sprachen über PW und
Luckow, streiften die neuen Verhältnisse, und so war die Zeit
bald herum. - Wie üblich besuchte ich dann auch noch Trulsons.
Kurz vor 20 Uhr war ich wieder in Grevesmühlen. Heute brachte
Vater mir eine Ostergrußkarte mit, die in Grevesmühlen
abgestempelt, nach Hamburg adressiert war und von Christel Winkel
stammte. Ohne zu zögern machte ich mich auf zur Neustadt und
wollte mich für die Karte bedanken und der Absenderin mitteilen,
dass der Empfänger nicht in Hamburg, sondern am Ort selbst
weilt. Vor der Wohnung traf ich ihre Mutter, erfuhr, dass
Christel krank sei und im Bett läge, wollte einen Gruß
bestellen und mich wieder in den Wind schlagen, da öffnete Frau
Winkel auch schon die Zimmertür, stellte eine optische sowie
akustische Verbindung zwischen dem im Bett liegenden Mädchen und
mir her und nötigte mich somit, in das Gemach einzudringen. Ich
machte es kurz. Nach einem kleinen Wortwechsel zog ich mich mit
besten Wünschen für baldige Genesung und ein frohes Osterfest
zurück. - Bei Frau Behnke erfuhr ich, dass Hans heute morgen
gekommen sei. Ich habe ihn noch nicht aufgesucht. Er kann zu
mir kommen.“
21.
April 1957, 1. Ostertag in Grevesmühlen: „Am
Donnerstag packte ich meinen Affen und fuhr nach dem Mittagessen
in Richtung Retgendorf. Dort war Bernhard
Kränz mit einer Konfirmierten-Freizeit. Den Abend und die
Nacht blieb ich dort. Am Karfreitagmorgen fuhr ich um 9.30 h
bei Nieselregen weiter nach Güstrow. In Witzin unterbrach ich
die Reise für 20 Minuten und besuchte Bruder Herberg, den ich
unbedingt mal kennen lernen wollte. - Verhältnismäßig trocken
kam ich gegen 14 Uhr in Güstrow an. Das Lehrlingsheim im
Grünen Winkel 10 hatte ich bald gefunden. Luckow
traf ich in alter Frische, trotz der rheumatischen Schmerzen,
über die er klagt. Haus und Einrichtung machen einen
erneuerungsbedürftigen Eindruck. Als ich meinte, er habe sich
ja eine schöne Bruchbude ausgesucht, entgegnete er, da sei seit
seiner Anwesenheit schon viel geändert worden, früher habe es
viel wüster ausgesehen. Mit einem Augenzwinkern meinte er,
vieles werde sich noch ändern. Da gab es dann einiges zu
erzählen über die Kirche in Mecklenburg, über die
Jugendarbeit, über sein Heim. Um 15 Uhr besuchte ich den
Gottesdienst, den Pastor Bosinski hielt (gut!). Anschließend
ging ich zum Bahnhof, um mich in der Bahnhofsgaststätte an
Linseneintopf zu sättigen. Bis zum Abendessen um 18 Uhr haben
wir uns dann noch unterhalten. Dabei stellte sich heraus, dass
Luckow dem Kreis um Tillich geistig sehr nahe steht. Das war
natürlich für mich das Thema. Er meinte, wenn er im Westen
wäre, würde er in die Gewerkschaftsarbeit gehen. Meine Frage,
ob er eine separate christliche Gewerkschaft gutheißen würde,
verneinte er. Die Einheitsgewerkschaft müsse von christlichen
Leuten durchsetzt werden, wobei ich ihm völlig zustimme. - Um 20
Uhr ging ich mit einigen Leuten aus dem Heim zur Johannespassion,
die in der Pfarrkirche aufgeführt wurde.“
Dienstag,
30. April 1957: „Die Urlaubstage habe ich hinter
mich gebracht. Waren die ersten Tage in Grevesmühlen auch
recht öde, so habe ich in der letzten Urlaubswoche doch
allerhand erleben dürfen. - Nach Hamburg zurückgekehrt, war
dann Thema Nr. 1 nur noch Pastor Donndorfs Geburtstagsfeier. Mit
viel Energie und einiger Nachtarbeit ging es daran, das Spiel mit
einem historischen Rückblick auf 18 Jahre Kriegs- und
Nachkriegsgeschichte im Rauhen Haus unter Donndorfs Leitung in so
kurzer Zeit noch bühnenreif zu machen. Die Generalprobe am
Sonntag war ein großer Reinfall und löste - vor allem bei mir
selber - großes Erschrecken aus. Bis 2 Uhr haben wir in der
Nacht noch beisammen gesessen, die Einzelheiten durchgesprochen
und geprobt. - Am Montag morgen traten wir zum Blasen an. Wir
hatten gut geübt und so gelang uns unser Ständchen. Um 11 Uhr
wurde ein Empfang gegeben. Prominenz war erschienen, so der
Bischof und drei Senatoren. Die große Überraschung: Pastor
Donndorf wurde das große Bundesverdienstkreuz überreicht. Nach
Beendigung der Ansprachen reichten wir Brüder Wein herum. - Um
19 Uhr sollte die Feier für die Jungen beginnen. Mit 20
Minuten Verspätung ging es los. Nach einigen von den kleinen
Jungen der Schönburg gesungenen Liedern und einer Flötenmusik
brachte Bruder Antholz mit seiner Jugendgruppe das Spiel „Die
Gans“ von Steguweit. Es gelang ganz ausgezeichnet. Danach
war die Kaffeepause angesetzt. Wir bauten währenddessen die
Bühne um. Kurz nach 20.30 Uhr begannen wir. Es klappte alles
prima. Wenn vielleicht auch einige Kleinigkeiten zu bemängeln
waren, so hätten wir es doch kaum besser bringen können. Die
allgemeine
Beurteilung: Ein
gelungener Abend. Heute folgt eine Wiederholung unseres Spiels.
- Mein Familienleiter ist zur Zeit Bruder Udo Pütt.“
Vom
16. Dezember 1956 bis 30. Juni 1957 bin ich
Erziehungsgehilfe in der Kastanie unten.
Zu
unserer Wohlfahrtspflegerausbildung gehört es, zwei
Behördenpraktika zu durchlaufen. Vom 1. Juli bis 30.
Oktober 1957 bin ich Praktikant im Jugendamt Altona,
zunächst sechs Wochen im Innendienst, danach mache ich mit einem
Jugendfürsorger (die aus dem
angelsächsischen Raum stammende Bezeichnung Sozialarbeiter
kannte man damals noch nicht) Außendienst
und nehme mit ihm an Hausbesuchen teil. Man drückt mir oft
Akten in die Hand, die ich studieren soll, um dann
„Aktenauszüge“ zu fertigen. Während dieser Zeit wohne ich
mit Siegfried Strathmeier zusammen im Keller des Goldenen Boden.
28.
Juli 1957: „Nun bin ich schon vier Wochen als
Praktikant bei der Jugendbehörde im Bezirksjugendamt Altona. Die
Zeit verging wie im Fluge. Es ist sehr gut, dass wir mal aus
dem engen Raum des Rauhen Hauses herauskommen. Der
Milieuwechsel tut mir gut. Aber auch die Arbeit hier verschafft
Weitblick. Das bei Papa Lembke Gelernte bekommt Plastik. Mein
Zusammenleben mit Siegfried Strathmeier in der ‚Katakombe’
gestaltet sich harmonisch. Ich fühle mich zur Zeit so richtig
frei und unbeschwert.“
Der Vorsteher Pastor Donndorf geht 1957 in den Ruhestand.
Er
wird von Propst Wolfgang Prehn abgelöst, der vorher das Amt des
Propstes in Husum innehatte und von Bischof Herntrich ins Rauhe
Haus gerufen wurde. Mit dem neuen Mann an der Spitze des Rauhen
Hauses beginnt eine neue Ära. Prehn war ein Vertreter der
Bekennenden Kirche in Schleswig-Holstein. Er ist ein
warmherziger, sehr engagierter Mann und bringt die von mir so
sehr vermisste seelsorgerliche Komponente ins Rauhe Haus.
Eine
von einem Regierungsamtmann Sierakowski unterzeichnete
Beurteilung meines Praktikums beim Bezirksjugendamt Altona
formuliert:
„...noch sehr jung... daher zu erklären,
dass er immer sehr zurückhaltend, still, bescheiden auftrat. Er
besitzt ein ausgeprägtes Pflichtgefühl und eine relativ gute
Urteilsfähigkeit. R. war stets bemüht, sich Kenntnisse
anzueignen und sich mit den an ihn herangetragenen Aufgaben
auseinanderzusetzen. Verwaltungstechnische Arbeiten erledigte
er gut und gewissenhaft. Sein schriftlicher Ausdruck in
Anträgen, Stellungnahmen und Aktenauszügen war noch etwas
schwerfällig. - Im Außendienst zeigte sich R. gleichfalls
willig und eifrig in der Arbeit. Seine Aufgaben zeugten von
Überlegen und klarem Erkennen der Gegebenheiten. Insgesamt
konnte jedoch auch hier beobachtet werden, dass R. es vermied,
eine eigene Meinung herauszustellen. Es wäre wünschenswert,
wenn es Herrn R. gelänge, etwas lebhafter und aktiver zu werden.
Insgesamt war R. pünktlich, zuvorkommend und taktvoll. Das
Verhalten im Dienst war einwandfrei.“
Vom
1. Oktober bis 31. Dezember 1957 absolvierte ich ein
Behördenpraktikum bei der Sozialabteilung des Ortsamtes
Hamburg-Billstedt. Es geht hauptsächlich um Bewilligung
und Berechnung von Fürsorgeunterstützung, später sagt man dazu
Sozialhilfe zum laufenden Lebensunterhalt.
Die
Beurteilung vom 16.1.1958: „... R. hat sich sehr bemüht, die Zusammenhänge der
Arbeit in der Sozialabteilung zu erfassen. Dank seines
Fleißes und seiner Gewissenhaftigkeit ist er schnell in diese
Arbeit hineingewachsen. Insbesondere ist seine gute, ruhige und
bestimmte Art in dem Umgang mit dem Publikum aufgefallen. gez.
Heuer, Regierungsoberinspektor.“ Eine zweite, etwa
wortgleiche Beurteilung durch einen Regierungsoberinspektor
Claußen folgte noch am 8.2.1958.
In
einem vertrauensärztlichen Gutachten, das offenbar bei der
Anmeldung zur Wohlfahrtspflegerprüfung vorgelegt werden musste,
heißt es zur Vorgeschichte: „...1952 feuchte Rippenfellentzündung links, 3
Monate Krankenhaus, häufig punktiert, 3 Wochen Erholung,
insgesamt 7 Monate arbeitsunfähig, anschließend
Mittelohrentzündung rechts. 1953 tuberkulöse Abzesse am Hals
und rechten Oberschenkel hinten. Beobachtung durch
Lungenfürsorge Besenbinderhof. - 23 Jahre, guter
Allgemeinzustand und Kräftezustand, 177 cm, 71 kg, Sehschärfe:
6/6 ohne Glas, Gehör: Flüstersprache 5 m re + li, Trommelfell:
keine Perforation sichtbar. Blutdruck: 110/70. Ärztlicherseits
keine Bedenken gegen Beschäftigung als Wohlfahrtspfleger.“
Vor
der Wohlfahrtspflegerprüfung wird uns von Januar bis Mitte
März 1958 Gelegenheit gegeben, uns intensiv auf das Examen
vorzubereiten. Wir wohnen in dem neu erbauten Wichernhaus im
Einzelzimmer.
In
einer Beurteilung des praktischen Dienstes vom 23.4. bis 3.6.1955
im Krankenrevier und vom 4.6.1955 bis 30.6.1957 als „Erzieher
in einer Schülerfamilie“ für die Zulassung zum
Wohlfahrtspflegerexamen ist formuliert: „Herr R. hat die ihm übertragenen Aufgaben mit
Gewissenhaftigkeit, Eifer und Fleiß erfüllt. Seine Arbeit ist
gekennzeichnet durch starkes Pflichtbewusstsein. Seine
praktische Bewährung war gut. gez. Donndorf“
Meine
Jahresarbeit zum Thema „Arbeitszeitverkürzung und
Freizeitverhalten bei Jugendlichen“ habe ich fertig und
abgeliefert. Am 20.2.1958 urteilt Frau Dr. Boehlke: „...übersichtlich und gut aufgebaut ...
einigen kaum ins Gewicht fallenden Unebenheiten ... die Forderung
des Themas gut erfüllt ... Problem gründlich behandelt und
recht selbständig durchdacht. Die Arbeit zeigt Können und
Reife und wird ‚gut’ beurteilt.“ -
Auch Dr. Böttcher bewertet die Arbeit „gut“: „ ... die Arbeit gefällt mir ... einige
wesentliche Argumente ausgewählt worden ... Es spricht für den
Kandidaten und seine Kritikfähigkeit, dass er sich nicht
eindeutig für einen bestimmten Standpunkt ausspricht. Dieses
vorsichtige Abwägen möchte ich besonders hervorheben...“
Die
Klausurarbeit zum Thema „Das Spiel als pädagogische
Aufgabe“, geschrieben am 5.2.1958, beurteilt Pädagogik-Dozent
Höllenriegel am 14.2.1958: „Das Wesen des Spiels ist erfasst und richtig
wiedergegeben. Die sich ergebenden erzieherischen Folgerungen
sind gut dargestellt. Die Arbeit lässt Selbständigkeit des
Denkens erkennen und kann mit dem Prädikat ‚gut’ beurteilt
werden.“ - Dr. Plaetzer hat die Arbeit
ebenfalls zu beurteilen und schreibt am 5.3.1958: „Die Arbeit zeugt von gutem Verständnis des
dargestellten Sachverhaltes, von kritischer Stellungnahme und
Selbständigkeit. Das Wesentliche ist gut erkannt und wird in
klarer Weise dargestellt. Ich beurteile die Arbeit mit
‚gut’.“
Am
18. März 1958 bestehen wir das Wohlfahrtspflegerexamen im
Hauptfach Jugendwohlfahrtspflege und Sozialpädagogik. Siegfried
Strathmeier schneidet als Spitzenreiter ab. Ich bestehe mit dem
Ergebnis „gut“. Auch meine Bewährung in der Praxis wird
mit „gut“ beurteilt.
28.
März 1958: „In den letzten sieben Monaten hat sich
sehr viel ereignet. Es gab für mich sehr glückliche, aber
auch sehr kummervolle Stunden und Tage. Ich habe in dieser Zeit
viel gelernt und bin innerlich reifer geworden. Ich lebe
augenblicklich in einem Zustand geistlicher Vertiefung und
Erneuerung. Besonders die Lektüre von Bonhoeffers
‚Nachfolge’ stimmt mich sehr nachdenklich. Monica ist nach
den Turbulenzen im Rauhen Haus nach Castrop-Rauxel
zurückgekehrt. Wir stehen in regelmäßigem Briefwechsel.“
Jugendarbeit
in St. Nikolai am Klosterstern
Nach
dem Wohlfahrtspflegerexamen werde ich vom 1. April 1958 bis
zum 31. März 1959 neben dem Diakonenunterricht im Rauhen
Haus als Praktikant in der Hauptkirchengemeinde St. Nikolai am
Klosterstern bei Hauptpastor Dr. Wölber eingesetzt. Nachmittags
und abends soll ich mich vor allem um die Jugendarbeit im
Jungscharbereich kümmern. Ich baue einen Jungenkreis auf, der
sich wöchentlich zu Gruppenstunden trifft und unternehme mit den
Jungen Wochenendzelttouren per Fahrrad und Jurtenzelt in Hamburgs
Umgebung. Eine längere Ferien-Radtour machen wir von
Jugendherberge zu Jugendherberge über Mölln, Ratzeburg, Lübeck
in die Holsteinische Schweiz bis nach Plön zum Koppelsberg. Eine
Zeltfreizeit organisiere ich im Sommer 1958 in Verden an der
Aller im „Sachsenhain“, einer aus der NS-Zeit stammenden
Tagungsstätte, die einmal von der SS gegründet worden war. Hunderte
von Findlingen und Felssteinen sollten an die von Karl dem
Großen „geschlachteten“ Sachsen erinnern. „Minna“
Senkpiel aus Grevesmühlen, der jetzt in Hamburg lebt, hilft mir
in der Freizeit. Adi Möller besucht uns. - Ich helfe auch in
anderen Bereichen der Gemeinde mit, soweit es meine Zeit neben
dem Unterricht zulässt, organisiere z.B. die Haussammlung für
die Diakonie und halte Verbindung zur Patengemeinde in Stralsund.
- Wölber hatte kurze Zeit vorher die alte Hauptkirchengemeinde
vom Hopfenmarkt in der menschenleeren City zum Klosterstern in
Harvestehude verlagert, um dort im vornehmen gutbürgerlichen
Wohnbereich zwischen Isestraße und Leinpfad an der Alster eine
moderne Modellgemeinde aufzubauen. Neben ihm als Hauptpastor
sind noch zwei Gemeindepastoren, einer ist Albrecht Nelle, der
spätere Rundfunkbeauftragte, eine Gemeindehelferin, eine
Gemeindeschwester, ein Verwaltungsmann und ein Küster
hauptamtlich tätig. Ein Damenkomitee kümmert sich neben dem
Gemeindekirchenrat und den Hauptamtlichen etwa um die
geschmackvolle Einrichtung des Gemeindehauses und die Ausrichtung
besonderer Veranstaltungen. In einer der feudalen
Vorkriegsvillen war ein Kirchsaal, in einer anderen das
Gemeindehaus installiert worden. Während meiner Zeit läuft
unter schwierigen Bedingungen der Ankauf des Grundstückes für
die Kirche und die Planung des Kirchbaus.
Vorbereitung
auf das Diakonenexamen
Während
der Praktikumzeit, die auch als Anerkennungsjahr für die
staatliche Anerkennung als Wohlfahrtspfleger gewertet wird,
besuche ich werktäglich den Unterricht in der D I im Rauhen Haus
mit den aus der D II bekannten theologischen Fächern. Pastor
Alfred Krüger doziert wieder in bewährter Weise über
neutestamentarische Themen: Zunächst hören wir bei ihm noch
einmal Grundsätzliches über das NT, dann behandelt er die
Bergpredigt nach Matthäus, die Gleichnisse vom verlorenen Schaf,
Groschen und Sohn nach Lukas 15, referiert über Paulus, die
Gnosis und über den Römerbrief. Bestimmte Arten pietistischer
Frömmigkeit erscheinen Krüger recht fragwürdig. Ein Zitat:
„Zum Glauben kommen - das ist ein übler pseudochristlicher
Jargon. Man kann wohl zum Bahnhof kommen, aber nicht zum
Glauben.“ Auch Kreye gibt wieder sein Bestes und führt uns in
die Propheten ein. Sein Steckenpferd ist der Prophet Amos, der
unter den Brüdern auch zu Kreyes Spitznamen wird. Das hängt
wohl mit seiner unglücklich verlaufenden Ehe zusammen. - Wir
hören bei Propst Prehn Themen der Kirchengeschichte in der
Gliederung: I. Apostelzeit bis Gregor I. um 600. Augustinus
spielt dabei eine besondere Rolle. - II. Von Gregor bis zu den
Kreuzzügen, 600-1200, mit Schwerpunkt Germanenmission mit der
arianischen Gotenkirche, der fränkischen Kirche und der
friesisch-sächsischen Mission. Prehn macht uns bewusst, dass
beispielsweise Schleswig-Holstein, wo er sich gut auskennt, mit
Ausnahme der Gegend um Breklum, nie missioniert, sondern nur
christianisiert wurde. - III. Von den Kreuzzügen bis zur
Reformation, 1200 - 1520, wobei Prehn die Reformation zu einem
Schwerpunktthema macht. IV. Von der Reformation bis zur
französischen Revolution, 1520-1800, V. Neuzeit. - Im Fach
Mission doziert Pastor Dr. Pörksen, ein alter Freund Prehns,
ebenfalls sehr engagiert. - In Gruppenarbeit unterrichtet Diakon
Gert Müssig, den ich noch in der Ausbildung erlebt habe, über
Sketche, Spiele und sonstige praktische Arbeitsmittel für
Jugendgruppen. Er ist mir damals in seiner Art damals zu aalglatt und
überperfektioniert. Später werde ich ihn und besonders sein
Engagement für Diakonie und Brüderschaft sehr schätzen. -
Parallel läuft Unterricht in Fächern mit Inhalten der
kirchlichen Verwaltung und wir legen eine Prüfung ab, die uns
befähigt, Kirchenbuchführer zu werden. Mit dem kirchlichen
Verwaltungsapparat habe ich große Probleme. Ich möchte Diakon
werden und nicht Aktenmuffel und würde auf diese Prüfung am
liebsten verzichten. Hinzu kommt, dass unsere Dozenten in den
Verwaltungsfächern, etwa Dr. Pietzker, Kluge, Möller,
Kühmichel oder Steenhusen, in meinen Augen unmögliche Typen
sind. Sie nehmen sich und ihren Verwaltungsapparat tierisch
ernst. So erklärt uns Dozent Steenhusen im Fach Finanzwesen
voller Ernst, ohne zu merken, was er da verzapft: „Die 5
Einnahmequellen sind die Grundlage für unsere Arbeit in der
Landeskirche.“ Oder er freut sich darüber: „Alles ist
schematisiert, durch Formulare festgelegt.“ Albers
(Kirchenbuchführung) behauptet: „Ein Pastor darf nicht mehr
als 120 Kinder haben (er meint: im Konfirmandenunterricht).“ August
Füßinger besteht jedoch darauf, dass wir an dem Unterricht
teilnehmen und die Prüfung ablegen, denn er argumentiert, ein
Diakon könne nicht sein Leben lang Jugendarbeit machen und
fände mit diesem Zeugnis in vorgerücktem Alter eine dankbare
Aufgabe. Später bin ich auch ganz froh, dass ich mit dem
Verwaltungszeugnis in der Tasche einige offene Türen finde,
obwohl ich mit dem in diesen Fächern Gelernten wenig anfangen
kann und mir meine Verwaltungskenntnisse anderweitig aneignen
muss. Am 16. März 1959 bestehe ich die kirchliche
Verwaltungsprüfung, die mir später sogar als die „zweite“
bescheinigt wird. Wir werden auch im Fach
„Unterrichtsmethodik“ unterwiesen und halten Lehrkatechesen
vor Klassen der Wichernschule. Die Prüfungskatechese halte ich
am 22. Januar 1959 über Johannes 4, 1-42 mit einem
befriedigenden Ergebnis. Ich bekomme ein Zeugnis über die
bestandene Prüfung als Religionslehrer für den kirchlichen
Religionsunterricht.
Am 2. März 1959 bestehe ich im Alter von 24
Jahren das Diakonenexamen mit dem Prädikat „befriedigend“,
bin nun nach fünf harten Jahren mit der Ausbildung fertig und
habe einen von der Kirche und einen vom Staat anerkannten Beruf.
Am 21.12.1959 wird mir noch mit einem Ausweis die staatliche
Anerkennung als Wohlfahrtspfleger bescheinigt. Aus dem oft
gehemmten und unsicheren Jüngling ist ein recht selbstsicherer
junger Mann geworden. © Jürgen Ruszkowski  Diese Internetseite wurde vom früheren langjährigen Geschäftsführer und Heimleiter des Seemannsheimes erstellt, der hier sein Rentner-Hobby vorstellt:  zur gelben Zeitzeugen-Bücher-Reihe des Webmasters aus Rissen: zu meiner maritimen Bücher-Seite  Weitere Informationen zu den Büchern finden Sie hier: navigare necesse est! Diese Bücher können Sie für je 12 € direkt bei mir gegen Rechnung bestellen: Kontakt: Zahlung nach Erhalt der der Ware per Überweisung. 
Bücher in der gelben Buchreihe" Zeitzeugen des Alltags" von Jürgen Ruszkowski: Seemannsschicksale Band 1 - Band 1 - Band 1 - Band 1 Begegnungen im Seemannsheim ca. 60 Lebensläufe und Erlebnisberichte von Fahrensleuten aus aller Welt  Bestellung | Seemannsschicksale Band 2 - Band 2 - Band 2  Lebensläufe und Erlebnisberichte  Lebensläufe und Erlebnisberichte von Fahrensleuten, als Rentner-Hobby aufgezeichnet bzw. gesammelt und herausgegeben von Jürgen Ruszkowski Bestellungen | Seemannsschicksale Band 3 - Band_3  Lebensläufe und Erlebnisberichte  Lebensläufe und Erlebnisberichte von Fahrensleuten Bestellungen | Band 4 - Edition 2004 - Band 4 Seemannsschicksale unter Segeln  Die Seefahrt unserer Urgroßväter im 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts neu überarbeitet! Bestellungen | Band 5 - Band 5  Capt. E. Feith's Memoiren:  Ein Leben auf See amüsant und spannend wird über das Leben an Bord vom Moses bis zum Matrosen vor dem Mast in den 1950/60er Jahren, als Nautiker hinter dem Mast in den 1970/90er Jahren berichtet Bestellungen | Ich hoffe noch auf einen weiteren Band von Capt. E. Feith : Band 6 ist in Arbeit: Seemannsschicksale Band 6 in der gelben Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags" Master next God | Band 7 in der Reihe Seemannsschicksale: Dirk Dietrich: Auf See ISBN 3-9808105-4-2 Dietrich's Verlag Band 7 = 12,80 € Bestellungen | Band 8: Maritta & Peter Noak auf Schiffen der DSR ISBN 3-937413-04-9 Dietrich's Verlag Bestellungen | Band 9 - Band 9 Die abenteuerliche Karriere eines einfachen Seemannes  Endstation Tokyo Bestellungen | Band 10 - Band 10 Autobiographie des Webmasters  Rückblicke: 27 Jahre Himmelslotse im Seemannsheim - ganz persönliche Erinnerungen an das Werden und Wirken eines Diakons  Bestellungen | Band 11 -- Band 11  Genossen der Barmherzigkeit  Diakone des Rauhen Hauses Diakonenportraits Bestellungen | Band 12 - Band 12  Autobiographie: Diakon Karlheinz Franke  Bestellungen | Band 13 - Band 13 Autobiographie: Diakon Hugo Wietholz  Bestellungen | Band 14 - Band 14 Conrad H. v. Sengbusch Jahrgang '36 Werft, Schiffe, Seeleute, Funkbuden  Jugend in den "goldenen 1959er Jahren"  Lehre als Schiffselektriker in Cuxhaven Bestellungen | Band 15 - Band 15 Wir zahlten für Hitlers Hybris  mit Zeitzeugenberichten aus 1945 über Bombenkrieg, Flucht, Vertreibung, Zwangsarbeit und Gefangenschaft. Ixlibris-Rezension Bestellungen | Band 16 Lothar Stephan  Ein bewegtes Leben - in den Diensten der DDR - - zuletzt als Oberst der NVA ISBN 3-9808105-8-5 Dietrich's-Verlag 8,90 € Bestellungen | Band 17 - Band 17 Als Schiffskoch weltweit unterwegs  Schiffskoch Ernst Richter Bestellungen | Band 18 - Band 18 Seemannsschicksale aus Emden und Ostfriesland  und Fortsetzung Schiffskoch Ernst Richter auf Schleppern Bestellungen | Band 19 - Band 19 ein Seemannsschicksal: Uwe Heins  Das bunte Leben eines einfachen Seemanns  Bestellungen | Band 20 - Band 20 ein Seemannsschicksal im 2. Weltkrieg  Kurt Krüger  Matrose im 2. Weltkrieg Soldat an der Front Bestellungen | Band 21 - Band 21 Ein Seemannsschicksal: Gregor Schock  Der harte Weg zum Schiffsingenieur  Beginn als Reiniger auf SS "RIO MACAREO" Bestellungen | Band 22 - Band 22 Weltweite Reisen eines früheren Seemanns als Passagier auf Fähren, Frachtschiffen und Oldtimern  Anregungen und Tipps für maritime Reisefans  Bestellungen | Band 23 - Band 23 Ein Seemannsschicksal: Jochen Müller  Geschichten aus der Backskiste Ein ehemaliger DSR-Seemann erinnert sich Bestellungen | Band 24 - Band 24 Ein Seemannsschicksal: Der maritime Liedermacher (seine Lieder-CD kann bestellt werden) Mario Covi: -1-  Traumtripps und Rattendampfer  Ein Schiffsfunker erzählt über das Leben auf See und im Hafen Bestellungen | Band 25 - Band 25 Ein Seemannsschicksal: Der maritime Liedermacher (seine Lieder-CD kann bestellt werden) Mario Covi: -2-  Landgangsfieber und grobe See  Ein Schiffsfunker erzählt über das Leben auf See und im Hafen Bestellungen | Band 26 - Band 26 Monica Maria Mieck:  Liebe findet immer einen Weg  Mutmachgeschichten für heute Besinnliche Kurzgeschichten auch zum Vorlesen Bestellungen | Band 27 - Band 27 Monica Maria Mieck:  Verschenke kleine Sonnenstrahlen  Heitere und besinnliche Kurzgeschichten auch zum Vorlesen Bestellungen- Band 30 | Band 28 - Band 28 Monica Maria Mieck:  Durch alle Nebel hindurch  erweiterte Neuauflage Texte der Hoffnung besinnliche Kurzgeschichten und lyrische Texte ISBN 978-3-00-019762-8 Bestellungen | Band 29 - Band 29  Logbuch einer Ausbildungsreise und andere Seemannsschicksale  Seefahrerportraits und Erlebnisberichte ISBN 978-3-00-019471-9 Bestellungen | Band 30 - Band 30 Günter Elsässer  Schiffe, Häfen, Mädchen Seefahrt vor 50 Jahren Bestellungen | Band 31 - Band 31  Thomas Illés d.Ä. Sonne, Brot und Wein  ANEKIs lange Reise zur Schönheit Wohnsitz Segelboot Reise ohne Kofferschleppen Fortsetzung in Band 32 Bestellungen | Band 32 Thomas Illés d.Ä. Sonne, Brot und Wein Teil 2  Reise ohne Kofferschleppen Fortsetzung von Band 31 - Band 31 Bestellungen | Band 33 - Band 33 Jörn Hinrich Laue: Die große Hafenrundfahrt in Hamburg reich bebildert mit vielen Informationen auch über die Speicherstadt, maritime Museen und Museumsschiffe  184 Seiten mit vielen Fotos, Schiffsrissen, Daten ISBN 978-3-00-022046-3 Bestellungen | Band 34 - Band 34 Peter Bening  Nimm ihm die Blumen mit Roman einer Seemannsliebe mit autobiographischem Hintergrund Bestellungen | Band 35 - Band 35 Günter George  Junge, komm bald wieder... Ein Junge aus der Seestadt Bremerhaven träumt von der großen weiten Welt Bestellungen | Band 36 - Band 36 Rolf Geurink:  In den 1960er Jahren als Seemaschinist weltweit unterwegs Bestellungen | Band 37 Schiffsfunker Hans Patschke:  Frequenzwechsel  Ein Leben in Krieg und Frieden als Funker auf See auf Bergungsschiffen und in Großer Linienfahrt im 20. Jahrhundert | Band 38 - Band 38 Monica Maria Mieck:  Zauber der Erinnerung  heitere und besinnliche Kurzgeschichten und lyrische Texte reich sw bebildert Bestellungen Seemannsschicksale realhomepage/seamanstory erwähnte Schiffe E - J erwähnte Schiffe S-Z erwähnte Personen - erwähnte Schiffe schiffsbild meine google-Bildgalerien Leseproben und Bücher online | Einige maritime Buchhandlungen in Hamburg in Hafennähe haben die "Seemannsschicksale" meistens vorrätig: WEDE-Fachbuchhandlung, Hansepassage, Große Bleichen 36, Tel.: 040-343240. Schifffahrtsbuchhandlung Wolfgang Fuchs, Rödingsmarkt 29, 20459 Hamburg, Tel: 3193542, www.hafenfuchs.de Ansonsten auch bei Buchhandlungen in der Regel nur über mich bestellbar Ich sammle weitere maritime Lebensläufe und Erlebnisberichte. - Wer erzählt mir noch aus seinem Seemannsleben? - Kontakt Leserreaktionen Seemannssprache http://www.zeitzeugenbuch.klack.org http://www.zeitzeugenbuch.klack.org Da
Dietrich’s Verlag seine Aktivitäten stark reduziert, werden einige
meiner Bücher mit einer von ihm vergebenen ISBN ab 2007 nicht mehr im
Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) des Buchhandels zu finden sein.
Das bedeutet nicht, dass die Bücher nicht mehr lieferbar sind. Bestellen Sie direkt bei mir: Telefon: 040-18090948, Fax: 040-18090954  | Diese Bücher können Sie für je 12 € direkt bei mir gegen Rechnung bestellen: Kontakt: Zahlung nach Erhalt der der Ware per Überweisung.  Meine Postadresse / my adress / Los orden-dirección y la información extensa: Jürgen Ruszkowski, Nagelshof 25 (Hobökentwiete 44), D-22559 Hamburg-Rissen, Telefon: 040 - 18 09 09 48 - Anrufbeantworter nach 30 Sekunden - Fax: 040 - 18 09 09 54 Tel.: 040-81961102 - Anrufe werden bei Abwesenheit weitergeleitet skype: juergen_ruszkowski Bestellungen am einfachsten unter Angabe Ihrer Anschrift per e-mail: Kontakt |  | Bücher in der gelben Buchreihe" Zeitzeugen des Alltags" von Jürgen Ruszkowski: Weitere Informationen zu den Büchern finden Sie hier: navigare necesse est! Wenn Sie an dem Thema "Seeleute" interessiert sind, gönnen Sie sich die Lektüre dieser Bücher und bestellen per Telefon, Fax oder am besten per e-mail: Kontakt:  Meine Bücher der gelben Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags" über Seeleute und Diakone sind über den Buchhandel oder besser direkt bei mir als dem Herausgeber zu je 12,00 € Euro, (Band 7 = 12,80 € ) zu beziehen, bei mir in Deutschland portofrei (Auslandsporto: ab 3,00 € ) Bestellungen am einfachsten unter Angabe Ihrer Anschrift per e-mail: Kontakt Sie zahlen nach Erhalt der Bücher per Überweisung. Los libros en el idioma alemán lo enlatan también por 12 € Euro, ( + el extranjero-estampilla: 3,00 €), directamente con la editor Buy de. Ab und an werde ich für zwei bis drei Wochen verreist und dann, wenn überhaupt, nur per eMail: Kontakt via InternetCafé erreichbar sein! Bestellungen und Nachfragen am einfachsten über e-mail: Kontakt  Wenn ich nicht verreist bin, sehe ich jeden Tag in den email-Briefkasten. Dann Lieferung innerhalb von 3 Werktagen. Einige maritime Buchhandlungen in Hamburg in Hafennähe haben die Titel auch vorrätig: WEDE-Fachbuchhandlung, Hansepassage, Große Bleichen 36, Tel.: 040-343240. Schifffahrtsbuchhandlung Wolfgang Fuchs, Rödingsmarkt 29, 20459 Hamburg, Tel: 3193542, www.hafenfuchs.de Ansonsten, auch über ISDN über Buchhandlungen, in der Regel nur über mich bestellbar. Für einen Eintrag in mein Gästebuch bin ich immer dankbar. Alle meine Seiten haben ein gemeinsames Gästebuch. Daher bitte bei Kommentaren Bezug zum Thema der jeweiligen Seite nehmen! Please register in my guestbook  Leseproben und Bücher online Empfehlungen: | Zum Thema "Seemannsschicksale" passend wird empfohlen: "Westsee" von Hans Gert Franzkeit. Er schildert die Seefahrt der 1950er Jahre. Verlegt über BOD - ISBN 3-89811-424-4 Bestellungen nur noch über den Buchhandel | Schmidt, Wolfram Wolfsdreck Erinnerungen an die DDR-Seefahrt ISBN 3-936904-07-3 Bestellungen | Manfred Hessel Das etwas andere Abenteuer An Bord von Handelsschiffen im Zweiten Weltkrieg Verlag Reinhard Thon, Schwerin - ISBN3-937515-38-0 Kontakt | Meine Index-Seiten bei: last update - Letzte Änderung: 25.10.2008 © Jürgen Ruszkowski
|