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Dr. Wilhelm Gasse ehemals Pastor in Grevesmühlen
Die Evang.-luth. Kirche Mecklenburgs
zu DDR-Zeiten
Dr. Wilhelm Gasse
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Der Webmaster erlebte Pastor Wilhelm Gasse in Grevesmühlen nach
dessen Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1949 und erhielt
nachfolgenden Text von ihm im Jahre 1998 zugeschickt.
D. theol. Wilhelm
Gasse (* 1907 - † 2000)
schrieb 1998 in Goslar als Oberkirchenrat
und Landessuperintendent i. R. seinen
Dank an Mecklenburg
Lobe den Herren, der deinen
Stand sichtbar gesegnet,
der aus dem Himmel mit
Strömen der Liebe geregnet!
Denke daran, was der
Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.
Die dankbare Feststellung,
dass Hille Behrendt diese Erinnerungen stenographiert, dann
geprüft, korrigiert und schließlich geschrieben hat, ist
einfach unerlässlich. Gott segne und behüte sie.
Dank an Mecklenburg
Günter Pilgrims
Buch „Die Ameisenstraße - oder vierzig Jahre Pastor in der
DDR“ (Stock & Stein-Verlags GmbH Schwerin -
ISBN 3-910179-68-1), das soeben in Schwerin wie ein
Geschenk zu meinem 90. Geburtstag erschienen ist, erfreut, will
mich aber auch – so scheint mir wenigstens – verpflichten,
auch meinerseits Rückschau zu halten. Und wie könnte ich das
zwangloser, leichter, besser als so, dass ich – mich auf
Mecklenburg und auf das Persönliche beschränkend – einfach
fragmentarisch ihm folge. Ich kenne Günter Pilgrim seit seiner
Jugend und war sein kirchlicher „Chef“, als er zunächst
Pastor in Boddin, dann Domprediger in Schwerin und Akademieleiter
war, hatte also immer mit ihm Kontakt „und es wirklich immer
gut mit ihm gemeint“ Seite 12.
Im 8. Kapitel
seines Buches , das sich bezeichnenderweise mit dem Humor in der
Kirche befasst, lässt er mich als Superintendenten „Willi
Stramm“ auftreten, und ich lasse die ganze Passage hier folgen:
„Landessuperintendent
Dr. Gasse rief mich an: ‚Ich bitte Sie, dass Sie die Cura der
Nachbargemeinde übernehmen. Der dortige Pfarrstelleninhaber
wird in Kürze die Stelle wechseln. Am besten wird sein, Sie
setzen sich mit ihm gleich in Verbindung, noch ist er am Ort. Seine
Frau wird bis zum Jahresende im Haus bleiben. Dann nach
Weihnachten erfolgt der Umzug.’ Seine Stimme klang amtlich
und bestimmt. Ausreden, dass ich in der eigenen Gemeinde genug
Arbeit hatte, würde er nicht gelten lassen. Ich merkte, die
Cura, die Verwaltung der anderen Gemeinde für eine Zeit, würde
sich nicht umgehen lassen. Ich wusste außerdem, der
Superintendent war mit dem schönsten Argument nicht zu
überzeugen. Er war ein Mann, der brüderlichen Gehorsam
schätzte. Im Krieg war er Offizier gewesen. Er hatte, wie
man so sagt, sich den Wind um die Ohren wehen lassen. Er war,
wie durch ein Wunder, dem Schreckenstod des Krieges entronnen. Wir
jungen Pastoren des Kirchenkreises mochten ihn gern. Und der
Name „Willi Stramm“ war liebevoll gemeint. Ich war
plötzlich Pastor von zwei Gemeinden.“
Mir ist nicht
ganz wohl, wenn ich das lese, und ich frage mich etwas beklommen:
war ich tatsächlich so, dass die jungen Amtsbrüder, die es
zweifellos gut meinten, mich, ihren Landessuperintendenten, kaum
als „Bruder“, eher als „Kommandeur“ sahen? Verbergen
sich da meinerseits Versäumnisse und Schuld? Angesichts der
notvollen Tage, die auf uns zukamen, kann ich mich dieser Frage
nicht ganz erwehren.
Was waren das
aber auch für prächtige junge Brüder, die damals im
Kirchenkreis Malchin ihren Dienst begannen! Nur einige Namen
fallen mir nach 40 Jahren noch ein: Ludwig Wegner (Seine Frau
Margarete, geb. Reuter, aus Hohenkirchen bei Grevesmühlen war
als Katechetin zur „Märtyrerin“ geworden, indem sie
jahrelang wegen angeblicher friedensfeindlicher
Christenlehre-Äußerungen im Gefängnis hatte dulden müssen. Als
ich sie später fragte, ob sie sich daran erinnern könne, dass
ich sie im Jahre 1939 vertretungsweise unterrichtet hätte,
antwortete sie: „Ja, aber ich weiß nur noch, dass Sie beim
Singen sagten: ‚Nehmt endlich die Zähne auseinander!’ Mehr
nicht, da hatte ich mein Fett.), Winfried Wegener, Werner
Bollmann, Harald Weinrebe, Hans-Werner Fehlandt, Theodor Kayatz,
Wolfgang Ruess („Merkst du gar nicht, wie du ihn kränkst, wenn
du von ihm als ‚Wölfchen’ sprichst?“, wies meine Frau mich
zurecht, Ulrich Gurske,
Heinz Pulkenat, Rüdiger (Pongo) Timm,
Günter Pilgrim (Buch: "Ameisenstraße")! Und wenn
ich daran denke, wie die jungen Pfarrfrauen strahlten, wenn sie
uns – eigentlich meiner Frau, zu der auch die Männer fast
lieber kamen als zu mir – ihre Babis „präsentierten“, dann
werden meine Augen in Erinnerungsrührung heute noch nass.
Vor allem müssen
die Frauen gepriesen werden, unsere Frauen, die Frauen der
Kirche, die sich öffentlich meist bescheiden im Hintergrund
hielten, die tapfer und entsagungsvoll mit wenig Geld im Haus, in
der Gemeinde, in Christenlehre und Diakonie ihren Dienst taten,
vor den größten Schwierigkeiten, vor Verleumdung und übler
Nachrede nicht kapitulierten und uns Männern Vorbilder waren,
wobei mir widerstrebt, Namen zu nennen. Aber ich habe noch
heute mit Elisabeth Brügmann, Wera Bollmann, Hanna Pilgrim,
Elisabeth Taetow und Elisabeth Weinrebe Kontakt und bin dafür
herzlich dankbar.
Ob ich nun mehr
„Bruder“ oder mehr „Willi Stramm“ war, wir mussten
einfach zusammenhalten und aus dem Schlechten Gutes machen. In
den schwieriger werdenden Verhältnissen neutestamentliche
Parallelen zu entdecken, konnte rechter Orientierung dienen,
gegen Bitterkeit helfen und des Glaubens immer von neuem froh
machen – und das waren wir mit Gottes Hilfe denn auch –
hoffentlich!
Eindrücklich war
während einer Propteisynode in Schorrentin, dass wir den
Kirchturm besteigen und von dessen „Laterne“ aus in ein auf
dem Dachfirst liegendes Storchennest hinunterschauen und das
intensive Familienleben der Störche, die sich von uns nicht
stören ließen, beobachten konnten. Beinahe andächtig sahen
wir hin, und unser Respekt, unsere Liebe, unsere Ehrfurcht
gegenüber der Kreatur, gegenüber der Schöpfung, gegenüber der
Umwalt wurden bestätigt und bekräftigt, und sicherlich kam das
dem Dienst und der Verkündigung zugute.
Das war in den
50er Jahren. Ich war zunächst wieder Pastor in Grevesmühlen
gewesen wie vor dem Krieg. Und diese kurze Zeit war schön und
schwer. Die „Partei“ hasste mich und atmete auf, als ich
Anfang 1952 Grevesmühlen
verließ. Zu meinem dortigen Amtsbruder Propst Münster
hatte ich ein so herzliches Verhältnis, dass wir uns fast wie
Vater und Sohn vorkamen, und dich verdanke ihm viel an
geistlicher Erkenntnis. Er blieb für mich unerreichbares
Vorbild, weil er besonnener war als ich.
Durch die Stadt
ging wieder das Gerücht: „Pastor Gasse ist abgeholt und wohl
schon in Sibirien.“, und als meine Frau und ich einmal
fröhlich auf einer Bank am Vielbecker See den Kuchen aßen, den
wir für unser letztes Geld soeben bei der gerade gegründeten HO
gekauft hatten, rief eine vorübergehende Frau
entsetzt-erleichtert aus: „Was, Sie sind noch hier?!“ Darüber
konnte man lachen, aber bitter schwer war so manche Beerdigung
von Gemeindemitgliedern, die in der Haft oder bei der Stasi
hatten leiden müssen.
Der Umschwung,
der eine gewisse Erleichterung brachte, kam 1953, und da war ich
bereits in Malchin. Er war aber nicht die Folge des
Volksaufstandes vom 17. Juni, sondern hatte diesen erst
ermöglicht und veranlasst, weil er den Menschen Mut machte. Unvergessen
sind mir Betroffenheit, Bestürzung, ja auch Ratlosigkeit des
sowjetischen Bezirkskommandanten, zu dem vorzudringen mir
schließlich dank meiner damals noch vorhandenen russischen
Sprachkenntnisse und dank meiner fröhlichen Dreistigkeit – es
waren damals zunächst alle menschlichen Zusammenkünfte verboten
– gelang und den ich bat, das Verbot von Gottesdiensten
aufzuheben. Er war zugänglich, sah ein, dass es auf
„Beruhigung“ ankomme und entsprach meiner Bitte, sagte aber
immer wieder bekümmert, ratlos: „Warum deutsches Mensch das
machen?“
Im Sprengel
Malchin machte die Jugendweihe-Kampagne Kummer und Ärger und
forderte ganzen Einsatz. Örtlich durchaus verschieden, im
ganzen doch mit einer Skrupel- und Rücksichtslosigkeit, ja
bisweilen mit einer Brutalität ohnegleichen wurde für die
Jugendweihe „geworben“. Was man wollte, war klar: die
Konfirmation als kirchliche Volkssitte beseitigen und damit der Volkskirche
selbst einen schweren Schlag verpassen. Der diesbezüglichen
Propaganda war eigentlich jedes Mittel recht, und die Presse
wurde nicht müde, auf kirchliche Rückständigkeit, ja
Borniertheit in Sachen Jugendweihe hinzuweisen. Wiederum gebe
ich Günter Pilgrim mit einem Zitat das Wort:
„Es ist längst
bekannt, dass einigen kirchlichen Kreisen die Jugendweihe ein
Dorn im Auge ist. Sie versuchen mit allen nur möglichen
Argumenten den Wert und die Bedeutung der Weihe zu schmälern. So
schreibt z.B. Herr Superintendent Dr. Gasse in einem Brief, die
Jugendweihe setze den Menschen an die Stelle des lebendigen
Gottes. ‚Herr Superintendent, ich frage Sie: Wer hat die
Atomkraft gebändigt, wer erobert mit Sputniks den Weltraum, wer
entreißt dem lebendigen Gott nach und nach alle Geheimnisse? Ist
es nicht an der Zeit, den wahren Schöpfer aller Dinge – den
Menschen – in den Vordergrund zu rücken?’“
In Gottesdiensten
und „Bibelstunden“ (nur die waren ohne Genehmigung erlaubt)
musste ich daraufhin immer wieder betonen, dass auch die
„Eroberer des Weltraums“ an sich und ihren Mitmenschen
schuldig würden, auf Vergebung angewiesen seien und dass nur
Gott der Herr einen echten, frohen, neuen Anfang schenken könne.
Vor allem die Frauen horchten auf, wenn ich so etwas mit
Beispielen aus dem Alltag belegte. Oftmals folgten Mütter und
Väter atemlos gespannt in überfüllten Räumen solchen
Ausführungen.
Besonders klar,
entschieden und erfolgreich vertrat Pastor Karl-Heinz Stüber in
Levin-Zarnekow bei Dargun die kirchliche Haltung, und weil man
ihn deshalb „abschießen“ wollte, veranstaltete man mit Hilfe
der Massenorganisation „Nationale Front“ eine
Volksversammlung, für die überall prangende Plakate „Der
Weltfriedenskampf und Herr Pastor Stüber“ warben. Als
Referent hatte man sich einen an sich liebenswürdigen und
harmlosen „Friedenspastor“ aus der pommerschen Landeskirche
besorgt, verschwieg diesem aber die zweite Hälfte des Themas,
die in Wirklichkeit für die Veranstalter die Hauptsache war. Ich
weiß bis heute nicht den für diesen zweiten Stüber-Teil des
Themas vorgesehenen Redner – er trat dann auch nicht in
Erscheinung.
Die Sache erregte
Aufsehen, und die Versammlung hatte großen Zulauf. Sogar aus
der Bezirkshauptstadt – von den Kreisstädten Malchin, Teterow
und Demmin ganz zu schweigen – kamen Partei- und
Staatsfunktionäre. Als der pommersche Amtsbruder – übrigens
ein guter und freundlicher Herr – die geläufigen Thesen der
Weltfriedensbewegung christlich begründet und mit Herz
angereichert bewegend vorgetragen hatte, ohne seinen Amtsbruder
Stüber auch nur mit einem Wort zu erwähnen, musste er, aus
verblüfften Versammlung heraus mit Zwischenrufen befragt,
zugeben, dass er von Stüber nichts wisse, nur den
„Friedensauftrag“ bekommen und übernommen habe und –
weiter befragt – ganz entschieden ablehnen müsse, sich gegen
einen Amtsbruder ausspielen und gebrauchen zu lassen.
Der folgende
Tumult war unbeschreiblich. Die entrüstete Volksseele machte
sich Luft, und man musste mit schlimmsten Reaktionen rechnen,
sowohl von der einen wie von der anderen Seite, man denke an den
17. Juni 1953. Schließlich musste ich die Leitung der
Versammlung übernehmen und die Funktionäre schützen, im
übrigen aber die Versammlung um Besonnenheit bitten. Das war
nötig, denn „geknistert“ hatte es von Anfang an. Denn
nicht umsonst hingen die Plakate „...und Herr Pastor Stüber“
überall und heizten die Atmosphäre in dem bis auf den letzten
Platz gefüllten großen Saal der unmittelbar an der
vielbefahrenen Fernverkehrsstraße 110 Rostock-Berlin gelegenen
Gaststätte auf. Ein junger, mir wohlbekannter
Kirchenältester, dessen Neigung zu Jähzorn mit bekannt war,
sprang auf, ballte die Fäuste und schrie in Richtung der
Funktionäre: „Wenn ihr so mit uns umgeht und uns unseren
Glauben madig macht, dann schlagen wir euch tot!“, und der Saal
tobte. Aber schließlich sangen wir alle: „Großer Gott, wir
loben dich“, sogar Leute, von denen man das nicht erwartet
hätte.
Ich kann es nicht
leugnen, irgendwie hatte mir das Ganze „Spaß“ gemacht, und
als ich auf der Rückfahrt (mit Taxe Opel P 4 von 1934) das
meiner Frau zu erkennen gab, war sie mit mir gar nicht zufrieden.
Etwas unglücklich sagte sie, ihr sei bei meiner
„Kaltschnäuzigkeit“ nicht ganz wohl gewesen. Meine
Antwort: „Mir wäre lieber, wenn du von „Kaltblütigkeit“
gesprochen hättest“, befriedigte sie nicht. Sie hatte doch
wohl recht!?
Von Kollegen und
anderen Bürgern musste ich mich noch manches Mal
spöttisch-ironisch fragen lassen, ob ich wohl in Levin-Zarnekow
die DDR gerettet bzw. einen zweiten 17. Juni verhindert habe. Dass
ich damals solche Fragen ernst nahm, zeigt, wie naiv ich war.
Bruder Stüber, der meiner Bitte gefolgt
war und an der Versammlung nicht teilgenommen hatte, aber nach
wie vor und nun erst recht als gefährdet gelten musste, wurde
anschließend nach Güstrow berufen, das im Bezirk Schwerin, also
nicht unmittelbar in seiner Abschusslinie lag. Er und seine
Gemeinde trennten sich ungern. Erst allmählich wurden sie mir
wieder gut, erst recht, als der Nachfolger sehr schnell ihre
Herzen gewann.
Unsere Kinder liebten Stüber, weil er
ein Mann voll Humor war. So hatte er beispielsweise die
Toilettentür seines Pfarrhauses mit dem Schild
"Apotheke" versehen, was meine Kinder zu belustigten
und tiefsinnigen Vorstellungen über die Verwendung dessen, was
hinter dieser Tür "gemacht" wurde, veranlasste.
Bruder Stüber hat mich später noch in Goslar besucht, ist nun
aber schon seit Jahren tot. Dem Andenken dieses treuen Bruders
schulde ich Dank und Ehre. Ob seine Frau Alexandra noch lebt?
Wie es mit der ärgerlichen und
beschwerlichen, für viele junge und alte Menschen notvollen
Jugendweihe-Kampane weiterging, ist bei Günter Pilgrim (DIE AMEISEN-STRASSE - VIERZIG
JAHRE PASTOR IN DER DDR - Stock & Stein-Verlags GmbH Schwerin
- ISBN 3-910179-68-1) auf den Seiten 126 ff
nachzulesen. Es war so, wie er es selbst erlebt und beschrieben
hat. Das Ergebnis, dass die Volkssitte der Konfirmation durch
die der Jugendweihe abgelöst wurde, konnte nur zähneknirschend
hingenommen werden. Gegen diese "Werbung" mit allen
Mitteln ist eben kein Kraut gewachsen. Es flossen aber auch
Tränen! Und je länger je mehr wurde deutlich, dass der
Marxismus nicht Unrecht hat, wenn einer seiner Kernsätze lautet:
"Das Sein prägt das Bewusstsein." Das Leben, eben
das "Sein", unter und mit einer atheistischen Doktrin
hat dann in Jahrzehnten dazu geführt, dass bis heute die
dortigen Menschen meist an der atheistischen Jugendweihe
festhalten. Gerade jetzt hat mir eine liebe, tüchtige
Amtsschwester geschrieben, dass in ihrer Gemeinde 8 junge
Menschen konfirmiert, aber ca. 100 jugendgeweiht worden seien.
Welch eine Verpflichtung ergibt sich
daraus? Aber auch welch eine Erwartung, welch eine Hoffnung
durch ein anderes, ein neues "Sein": Dürfen wir nun,
da nach der Wende das "Sein" ein anderes geworden ist
und nicht mehr von einer atheistischen Doktrin beherrscht wird,
hoffen, dass das "Bewusstsein" sich wandelt? Oder ist
etwa der gegenwärtige "Zeitgeist" gar nicht so sehr
hierzulande vom Atheismus entfernt? Fragen über Fragen,
Verpflichtung, Hoffnung, Skepsis - wer weiß den Weg?
Bei allen Turbulenzen und
Erschütterungen blieb der kirchliche Dienst als solcher
ungebrochen, und es ist in diesem Zusammenhang nicht
uninteressant zu wissen, dass in nicht ganz wenigen
mecklenburgischen Kirchengemeinden sich schon in den 20er Jahren
auf aufgesiedelten Gütern Neubauern niedergelassen und aus ihren
Heimatgemeinden - etwa in Westfalen oder Schwaben - kirchliches
Bewusstsein und Verantwortungsgefühl mitbrachten und mit ihnen
die Kirchlichkeit unseres Landes befruchtet und bereichert
hatten. Auch Pilgrims erste Gemeinde Boddin profitierte von
diesen Neubauern, die fast ausnahmslos auch in ihren Berufen
beispielhaft tüchtig waren. Ich nenne als leuchtendes Beispiel
den Namen "Stühmeyer" und komme damit nur einer
längst fälligen Dankespflicht nach.
Man sagt, dass kaum jemand in seiner
Berufsausübung so frei sei wie wir Pastoren, und das stimmt ja
wohl auch. Man sollte aber auch sagen, dass die meisten
Pastoren sehr fleißig sind - ich weiß das! Und ich weiß
auch, dass viele von meinen Amtsbrüdern sich im Diensteifer
verzehren. Ein Beispiel zu nennen kann ich mir nicht
versagen: Einer unserer Besten, mein Amtsbruder Kurt Runge,
Propst in Schönberg, dem Hauptort des Gebietes, das weit bis ins
20. Jahrhundert hinein "Fürstentum Ratzeburg" genannt
wurde, klug, zielstrebig und zurückhaltend, theologisch
und allgemein hochgebildet, guter Prediger, starb, und in der
Gemeinde und von den Amtsbrüdern seiner Propstei wurde gewagt:
Der hat sich totgearbeitet. Bei der Trauerfeier, an der auch
unser lieber Landesbischof teilnahm und die ich hielt, war die
große St. Lorenz- und Katharinen-Stadtkirche bis auf den letzten
Platz gefüllt. Soweit war es nicht gerade gut, aber doch
bemerkenswert und beweglich. Aber was nun kommt, lässt mich
bis heute nicht ruhig bleiben. Die Witwe des Heimgegangenen,
Frau Runge also, eine damals noch lange nicht alte, kluge Frau,
die auch mir nahe stand (aus dem Heiligen Land hatte ich ihr ein
kleines Kreuz mitgebracht, das aus dem Holz eines Ölbaumes aus
dem Garten Gethsemane geschnitzt war) kam, hielt mir den
vorjährigen und den Amtskalender der letzten Monate ihres Mannes
und eine Aufstellung vor, um mit beiden nachzuweisen, dass
an dem frühen Tod ihres Mannes wir alle, sie selbst, ich die
Kirchenleitung überhaupt schuldig seien. Wir hätten nicht nur
geduldet und zugelassen, sondern sozusagen stillschweigend
verlangt, dass ihr Mann sich totgearbeitet habe. Ihre
Aufstellung war sorgfältig erstellt, die Amtskalender so
gewissenhaft und minutiös geführt, dass von frühmorgens bis
spätabends fast über jede Minute Rechenschaft abgelegt wurde.
Im Durchschnitt ergab sich eine tägliche Arbeitszeit von maximal
16 und minimal 12 Stunden. "Ich konnte es nicht verhindern
und ihn nicht bremsen, so oft und so sehr ich es auch versucht
habe!", sagte sie. "Aber ihr, ihr habt es auch
gewusst und nicht nur geduldet, sondern direkt verlangt, wenn ihr
von euren Pastoren Pflichterfüllung und entsprechende Gelübde
verlangtet und entgegennahmt." Das Wort
"Mörder" stand in der Luft, wurde allerdings nicht
ausgesprochen. Obwohl es gut war, dass sie sich selbst
mitschuldig mit einbezog, war ich doch umso mehr erschüttert,
als ich Runge sehr geschätzt und fast geliebt hatte und die
Trauer auch meinerseits groß war. Das Gespräch endete ohne
Ergebnis, ohne Einigung; mir aber lag seitdem am Herzen, das mir
Mögliche dafür zu tun, dass die Amtsschwestern und -brüder
sich erholen können (freier Montag etwa). Außerdem bin ich
aber seitdem allergisch gegenüber an sich harmloser,
spießbürgerlicher Redeweise bezüglich bequemen Pastorenlebens
und gerate an die Grenze von Wutanfällen, wenn ich solche
Bemerkungen höre, die aber heute - wir sollten Gott dafür
danken - viel seltener sind als früher.
1963 wurde ich als Oberkirchenrat nach
Schwerin berufen, blieb aber auch Landessuperintendent, und
sowohl dem Oberkirchenrat als auch dem Schweriner
Landessuperintendenten musste baldigst klar werden, dass die
etwas komplizierten und verworrenen Verhältnisse am Schweriner
Dom, an der ersten Kirche des Landes also, eines Neuanfangs,
mindestens aber einer Veränderung bedurften, und aufgrund meiner
Kenntnis des Menschen, des Theologen, des Pastoren, auch seiner
lieben Frau, hielt ich Günter Pilgrim als den in dieser
Situation für den Dom am besten geeigneten Mann und betrieb
deshalb seine Berufung, die zum Glück dem Oberkirchenrat und
nicht der Ortsgemeinde zustand. Pilgrim selbst beschreibt das
folgende Geschehen:
"Ich fuhr nach
Schwerin. Ich traf den Landesbischof. Ich sprach mit dem
Oberkirchenrat. Wir rechnen mit Ihnen, sagten beide.
Natürlich hatte ich auch Zweifel. Ist das richtig, dass du
nach Schwerin gehst, wenn ein Teil der Gemeinde dich ablehnt?
Ich musste nicht weg aus Boddin, ich konnte bleiben. Die
Zweifel waren quälend. Wie entscheiden? Ich blieb bei meinem
Ja. Heute nach fast 30 Jahren bekomme ich eine wunderbare
Bestätigung für die richtige Entscheidung von damals. In
diesen Wochen, da ich diese Zeilen schreibe, hatte ich einen
Briefwechsel mit dem Oberkirchenrat, der zu seiner Zeit die
Angelegenheit mit mir von der Kirchenleitung her durchgestanden
hat. Ich schrieb ihm von meinen Überlegungen. Er erinnerte
sich genau und schrieb mir zurück und gab mir die Erlaubnis, aus
seinem Brief zitieren zu dürfen. Es war Oberkirchenrat Dr.
Gasse, der es immer gut mir mir gemeint hat und der heute in
Goslar lebt. Ich danke ihm diese Erinnerung, weil sie mich
freut und mir mein Handeln von damals bestätigt. Er schreibt
unter dem 19.0.1995: "...mir wird alles lebendige
Erinnerung, was zu tun war, bevor Sie an den Dom kamen. Stadt,
Partei, Stasi waren dagegen. Ich weiß noch, dass ich dem
Stasimann sagte: Sie haben Ihre Gründe, ich lasse sie gelten,
aber ich habe kirchliche Gründe, die gebieterisch Pilgrims
Durchsetzung an den Dom fordern, und sie allein sind für mich
maßgeblich. Welch ein Glück, dass ich mich auf Sie verlasen
konnte... Wir setzten durch, was die groteske Situation am Dom
erforderte. Gott sei Dank! Aber auch Ihnen. Denn auch in
der Kirche gab es Widerstand, sogar im Oberkirchenrat hatte man
Bedenken, aber Niklot Beste gab mir freie Bahn für Sie."
Wir wissen heute, dass es immer mal wieder auch im Oberkirchenrat
Leute gegeben hat, leider und Gott sei's geklagt, die im Auftrag
der Stasi dort Kirchenpolitik machen wollten. Dass die
politischen Stellen zu der Zeit keinen Einfluss in der Kirche
bekamen, das ist so mutigen und geraden Männern der Kirche wie
Beste und Gasse zu danken."
Mit den "Funktionären" der
Stadt bzw. notfalls der Partei und sogar der Stasi verhandelte
ich meist so, wie es da steht: Sie haben Ihre Gründe
und ich lasse sie, auch wenn sie mich nicht überzeugen, für Sie
gelten; aber ich habe meine, kirchliche Gründe, und die
sind für meine Überlegungen und Entscheidungen allein
verpflichtend, und ich wäre dankbar, wenn Sie meine kirchlichen
Gründe ebenso gelten ließen, wie ich die Ihrigen gelten lasse.
Im allgemeinen bewährte sich diese meine
Methode. Sie hatte aber die Gefahr, dass sie die Möglichkeit
in sich schloss, dass der Partner mein "Geltenlassen"
als Zustimmung interpretierte. Wachsamkeit war also geboten.
Ich bin in der "Nachfolge" nie
so weit gegangen, dass ich gleichsam zu dem Obersten der Zöllner
- s. Lukas 19 - gesagt hätte: Ich will in
deinem Haus einkehren. Aber andererseits bin ich auch niemals
diesbezüglichen Gesprächen ausgewichen. Und dass mir beim
Staatsapparat einschließlich Staatssicherheit auch Menschen
begegneten, mit denen sich reden ließ, die manchmal menschlich
fast sympathisch, verständnisvoll, hilfsbereit waren, sage ich
offen. Und was die Stasi angeht, so hätte man über deren
selbstgestrickten "Nimbus" der Übermenschlichkeit
lachen müssen und können, wenn er nicht Furcht und Schrecken
verbreitet hätte, was wohl auch beabsichtigt war, mindestens
bereitwillig hingenommen wurde und auch wohl Schicksal aller
Gemeindienste auf dieser Erde ist.
Es waren Menschen "wie du und
ich", ich gehe so weit zu sagen, dass es bei und mit ihnen
nicht so sehr anders zuging als bei uns. Warum sollte es
auch? Was die Marxisten sich an Unmenschlichkeiten alles
geleistet haben, begegnet uns auch in der Kirchengeschichte.
Der alles entscheidende Unterschied ist, dass der Marxismus nach
eigener Einsicht an seinem - verkehrten - Menschen- und Weltbild
festhalten und deshalb scheitern muss, während Kirche und
Christenheit vom Wesen und vom Auftrag her Pflicht und Fähigkeit
zu Buße, Erneuerung und Änderung haben.
Ob nun die Gespräche mit den
Funktionären leicht- oder schwerfielen, ob sie manchmal
"Opfergänge" waren, die an die Grenze des menschlich
Erträglichen gingen - hätte man sie verweigert oder auch nur
vermieden, dann hätte man den verleugnet und gelästert, den wir
unseren Herrn nennen und der den Weg des Kreuzes von uns auch in
dieser seiner Nachfolge erwartet - das meine ich auch jetzt noch.
Gutwilligen Funktionären mag es bei
allen diesen Gesprächen und Verhandlungen wohl tatsächlich um
Frieden nach außen und um Harmonie nach innen gegangen sein.
Wir wurden deshalb auch immer wieder zu Gesprächen eingeladen,
wowohl schon in Malchin, Teterow, Waren, Röbel, Neubrandenburg
(dort sogar mit Propst Grüber, dem ich klar widersprechen
musste, als er praktisch als Anwalt der DDR auftrat) wie auch
später in Schwerin, in Gadebusch, in Grevesmühlen. Da ich bei
diesen Einladungen Einseitigkeit, die uns verpflichten könnte,
vermeiden wollte, luden wir unsererseits die Schweriner
Funktionäre einmal nach Rostock zur Besichtigung des
Michaelshofes, unserer größten diakonischen Einrichtung der
Behindertenbetreuung ein. Einladung und Bewirtung wurden
angenommen, der Dienst im Michaelshof erschütterte die
hartgesottenen Funktionäre und beeindruckte sie tief. Ob etwas
hängen blieb? Ich meine: Ja, denn ich erinnere die Fahrt und
die Gespräche während der Fahrt ganz anschaulich.
Aber: eine andere Erfahrung! Eine
Auseinandersetzung mit Marxisten kann die Wahrheitsfrage nicht
ausklammern. Aber in dem Augenblick, in dem man sie stellte,
war es "aus". Die andere Seite brach ab, machte nicht
weiter mit, und ich muss leider für mich das Verdienst oder die
Schuld dafür in Anspruch nehmen, dass die ursprünglich
aufwendig geplanten, vorbereiteten und begonnenen sogenannten
"Schweriner Gespräche" fast in dem selben Augenblick
platzten, aufhörten, in dem sie gestartet waren. Der
Oberreferent für Kirchenfragen bei dem Rate des Bezirks und
einer unserer Amtsbrüder, der später einer anderen Landeskirche
in leitender Stellung diente, waren die wohlmeinenden
Initiatoren.
Und die erste Zusammenkunft im
repräsentativen Rahmen des besten Weinhauses der Stadt war von
Referaten beider Seiten geprägt, die an gutem Willen nichts, an
sachlicher Klarheit aber einiges zu wünschen übrig ließen, was
mich veranlasste, bei grundsätzlicher Gesprächsbereitschaft
dies festzustellen und sachliche Nüchternheit als unverzichtbar
zu bezeichnen. Sehr konziliant verwies ich auf die
"Ergänzungsbedürftigkeit" der sowjetischen
Anthropologie. Aber der im Marxismus versierte Stadtrat roch
sofort den Braten, und wie er von Anfang an schon skeptisch
gewesen war, bezeichnete er die Fortsetzung der Gespräche als
zwecklos. Auf weitere Gespräche wurde verzichtet. Dass unser
geliebter Landesbischof mir am anderen Tage für meine
Klarheitsinitiative dankte, war mir eine besondere Freude. Auf
der anderen Seite verlor der Oberreferent für Kirchenfragen beim
Rate des Bezirks seinen Posten und verschwand - jedenfalls für
mich - in der Versenkung. Sein Nachfolger war ein nüchterner,
sachlicher, besonnener Mann, der in seiner Stellung bis zur
"Wende" verblieb.
Was überhaupt die Atmoshäre betrifft,
so ist sie schwer zu beschreiben. Es gab das Folgende: Im
Verkündigungsdienst war ich unterwegs und sah bei der Durchfahrt
durch eine Ortschaft zwischen Stavenhagen und Waren vor einem
Haus im Sonnenschein einen mir bekannten VPKA (Volkspolizeikreisamts)-Leiter sitzen. Da ich wegen eines
Gänserudels ohnehin Schritt fahren musste, machte es mir nichts
aus, rechts ran zu fahren, anzuhalten und diesem Mann fröhlich
einen schönen, gesegneten Sonntag zu wünschen. Der
konsternierte Mann wusste zunächst gar nicht, wie er reagieren
sollte, war dann aber vor Begeisterung fast außer sich, rief
Frau und Schwiegereltern (brave, fromme Leute, bei denen er zu
Besuch war) heraus, und alle dankten stürmisch. Seitdem hatte
ich im Kreis überall "freie Fahrt", und bei den
häufigen Kontrollen hörte ich nur: "Herr Dr. Gasse, bitte
fahren Sie weiter, gute Fahrt!"
Aber wenig später in Waren war die
Atmosphäre ganz anders. Es war das Jahr 1961, in dem die
Landwirtschaft zwangsweise vollständig kollektiviert wurde, und
seitdem gab es selbständige Bauern nicht mehr. Ich fühlte
mich verpflichtet, dem Vorsitzenden des Rates des Kreises Waren
meine Sorgen vorzutragen, die ihren Grund und Gegenstand in der
Verhaftung einiger Bauern hatten, die ihren Beitritt in die LPG
standhaft und hartnäckig verweigert hatten. Herr Hasse empfing
mich höflich, ja fast freundlich, bedauerte die
"Inhaftierung" (sein eigener Ausdruck) und betonte,
dass sie wegen gefährlicher Auswirkung der Weigerungen
unvermeidlich gewesen seien. Der "Marxismus-Leninismus auf
der Grundlage des historischen und dialektischen
Materialismus" vertrete zwar ein humanistisches Anliegen und
sei "allmächtig, weil er wahr sei", und obwohl das
"bewiesen" sei, gebe es leider immer noch Leute, die -
beeinflusst vom Westen - das nicht wahrhaben und sich den sich
daraus ergebenden Konsequenzen des richtigen Handelns nicht
öffnen und fügen wollten.
Das Gespräch wurde grundsätzlich.
Immer wieder griff ich das Absurde seiner Behauptung "Das ist
bewiesen" auf, aber er blieb dabei, räumte aber ein, dass
menschliche Nöte und Probleme in der Durchführung leider
begegneten, wertete dies aber als jetzt unvermeidbare
Übergangsschwierigkeiten auf dem Weg zum guten Ziel, und fast
mit eschatologischer Inbrunst schloss er: "Dann aber
wird...!" Dass es aber einmal so kommen wird, dass der
Mensch dem Menschen zum "Bruder" wird, das ist
"bewiesen"! Dabei blieb er, wir konnten uns
nicht einigen. Aber ein Verhafteter, den ich persönlich
kannte, wurde sofort freigelassen, die anderen einige Tage
später. Aber dieses "das ist bewiesen" ging
mir noch lange nach und bestätigte mich in der Erkenntnis, dass
der Kommunismus eine Art Religion, eine negative Parallele zum
Evangelium, zum Christentum und deshalb zum Scheitern verurteilt
ist, weil sein Welt- und (vor allem) sein Menschenbild der
Wirklichkeit nicht standhalten. Manchmal musste man das immer
wieder sagen, vor allem denen, die ihre humanistische Sendung
ernstnahmen, und die gab es durchaus! Eins macht mir jetzt noch
das Herz und die Gedanken schwer, nämlich die Situation, in der
auf der einen Seite die Funktionäre steckten, die von ihrem
humanistischen Sendungsauftrag erfüllt waren, es also in diesem
Sinne "echt" gut meinten, auf der anderen Seite aber
von einem seelen- und herzlosen System
"instrumentalisiert" wurden, das zwar nicht wussten,
zwischendurch aber ahnten, bzw. fühlten und irgendwie darunter
litten. Marianne Hahn (s.u.) machte in einer Anwandlung von
Offenheit auch einmal eine Bemerkung in dieser Richtung. Weil
ich das zwar nicht häufig, aber doch immer wieder - sozusagen
zwischen den Zeilen - herausgehört habe, was manche guten
Funktionäre von sich gaben, möchte ich das mir Mögliche dafür
tun, dass diese alten DDR-Funktionäre nicht diffamiert, sondern
in geeigneter Weise menschlich "rehabilitiert",
gewissermaßen "begnadigt" werden. Sie sind es
wert! Dass sie und die vielen Bürger der neuen Bundesländer,
die der DDR nachtrauern, Neuanfang und Hoffnung finden, darauf
kommt einiges an. Und schließlich: Ist nicht Barmherzigkeit
immer noch die erste Christenpflicht?
In diesem Zusammenhang bin ich den
anständigen Funktionären noch einen besonderen Platz
schuldig. Sowohl im Bezirk Neubrandenburg als auch später in
Schwerin hatte ich wiederholt mit Funktionären zu tun, die
meiner hohen Achtung würdig waren. Das Andenken an die oben
schon genannte "Oberreferentin für Kirchenfragen beim Rat
des Bezirks Neubrandenburg", Frau Marianne Hahn
("Henne", wie etwas respektlos meine lieben Amtsbrüder
sagten) kann meinerseits durchaus in Ehren gehalten werden.
Mein Malchiner Nachfolger Martin Lippold war dann auch von ihrer
menschlichen Lauterkeit so angetan, dass er bei ihrem Tod tief
bewegt an der sozialistischen Trauerfeier teilnahm. Allerdings:
Nüchternheit ist auch geboten!
Als Frau Hahn und ich der Familie ihres
Mannes, frommen Wolhyniendeutschen, bei Malchin begegneten, war
die kirchliche Trauung der Kinder auch für Frau Hahn
selbstverständlich. Aber Jahre später - ich war bereits in
Schwerin und Frau Hahn besuchte im Auftrag ihres Rates die Tagung
unserer Landessynode - beantwortete sie meine teilnahmsvolle
Frage nach dem Ergehen dieser ihrer frommen Verwandten mit der
Mitteilung, dass die Mutter kürzlich verstorben und
"sozialistisch" begraben worden sei. "Eine
kirchliche Trauerfeier konnten wir uns nicht erlauben",
sagte sie etwas verlegen und achselzuckend. Die alte fromme
Frau wird sich entsetzt im Sarg umgedreht haben, aber die
Ideologie forderte je länger je mehr ihren Tribut.
Mit Respekt und Dank denke ich an den
Vorsitzenden des Rates des Kreises Malchin, "Stellvertreter
für Inneres", Herrn Schenk, der als in der Wolle gefärbter
Marxist sein Amt antrat, mit dürren Worten uns Glaubensfreiheit
nur "in kultischen Räumen" zuzubilligen bereit war,
dem Atheisten aber jede Propaganda gestatten wollte, von Kirche
und Christentum keine Ahnung hatte, dann aber - er war
gewissenhaft und fleißig - durch Kontakte mit Pastoren und
anderen Christen so zugänglich und freundlich wurde, das er
allgemein Pastor Schenk genannt wurde. Allerdings musste er
schließlich "gehen" und begründete das vertraulich
mir gegenüber mit der Feststellung, dass über seine
Amtsführung seine eigenen und die Vorstellungen des
Bezirksbüros der SED, also seiner Partei, differierten. Ihn
und seine wortgewandte freundliche Frau, die noch viel offener
als er war, vergesse ich nicht.
Neben dem "Vorsitzenden des Rates
des Bezirks Neubrandenburg" (das Land Mecklenburg gab es ja
nicht mehr), dem wackeren alten Sozialdemokraten Jendretzky (auch
er hatte eine sehr sympathische Frau), mit dem ich ab und zu
konferieren musste, bzw. konnte und der mir für meinen Ifa F9
Benzingutscheine wie für Dienstwagen bewilligte, muss ich auf
den Besten und Bedeutendsten von ihnen allen, auf Bernhard Quandt
zu sprechen kommen. Zum Glück brauche ich nicht viel zu sagen,
weil Günter Pilgrim das auf Seite 132 bereits getan hat. Da
lesen wir:
"Beim Rundgang im Dom
war der politisch mächtigste Mann aus Schwerin dabei, Bernhard
Quandt, Mitglied des Politbüros, und wie man oft scherzhaft
sagte: Der Großherzog von Schwerin. Er war ein Mann, der
zuhören konnte, und ich denke gern an die Gespräche zurück,
die wir anlässlich eines Domjubiläums hatten. Er genoss in
Mecklenburg, aber auch darüber hinaus, eine ungewöhnliche
Popularität, und wenn einer sich ungerecht behandelt fühlte
oder eine gute Sache in der engen Bürokratie stecken blieb, dann
hieß es im Lande, da musst du zu Bernhard Quandt gehen, der kann
helfen. Das konnte er wirklich und das tat er auch, am Dom
haben wir es erlebt."
Übrigens war die Dombesichtigung, von
der Günter Pilgrim schreibt, das Ergebnis eines Gesprächs mit
Bernhard Quandt, in dem ich ihn auf den besorgniserregenden
Zustand der Bausubstanz des Domes aufmerksam gemacht und den
Verfall des Domes als einen großen Schmerz für uns Christen und
als eine noch größere Schande für Stadt, Staat, Partei
bezeichnet hatte - von der Zerstörung des Stadtbildes mal ganz
abgesehen. Bernhard Quandt hatte mir zugestimmt, und das
Ergebnis war die Besichtigung, von der Pilgrim schreibt. (Ich
sehe noch heute den 65jährigen Quandt wie ein Wiesel die Leitern
im Innern des 120 m hohen Domturmes hinaufflitzen. Er sorgte
dafür, dass endlich Kupferplatten aus dem Westen eingeführt
werden konnten.)
Ich beschränke mich darauf, auszugsweise
den Brief folgen zu lassen, den ich um Quandts willen an den
Vorsitzenden der Bundestagsfraktion CDU/CSU, Herrn Wolfgang
Schäuble, geschrieben habe:
"Bernhard Quandt
stammt aus Gielow, einem größeren Dorf im Osten Mecklenburgs,
und da sein Vater im 1. Weltkrieg gefallen war und mein dortiger
lieber Amtsbruder Fuhrmann bei der Weihe des Kriegerdenkmals die
Gefallenen und ihre hinterbliebenen Waisen wegen ihrer Opfer
glücklich pries, wurde der halbwüchsige Bernhard nachdenklich
und landete schließlich beim Kommunismus, der alle Lebensfragen
lösen zu können schien. Er machte dort Karriere, war im
"Dritten Reich" 11 Jahre lang im Konzentrationslager,
überstand sie dank eiserner Gesundheit und entkam auch nach dem
Kriege und nach der Befreiung den Sowjets, die ihn zunächst
verhaftet hatten. Sie gaben ihn wieder frei, und er wurde
Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern und dann
jahrzehntelang 1. SED-Sekretär in Schwerin. Er war auch
Mitglied des Zentralkomitees der SED und des Staatsrates der DDR.
Seit ich ihn 1952 im Hause
seines Bruders in Gielow, mit dem ich in Friedhofsfragen zu
verhandeln hatte, kennen gelernt hatte, verband uns ein gewisses
Vertrauensverhältnis, das sowohl ihn wie auch mich veranlasste,
schwierige, besonders menschliche Probleme dem anderen
vorzutragen, und so haben wir miteinander gesprochen, besonders
nachdem ich in Schwerin Oberkirchenrat geworden war.
Ich weiß, dass und
wie sehr er sich bemüht hat, Böses zu verhindern, Härten zu
mildern und den Menschen zu helfen, wo es nur ging, und wie sehr
menschliche Not ihn bedrückt hat.
Mit dem letzten
Landesbischof von Mecklenburg-Strelitz, D. Gerhard Tolzien,
zuletzt 1945 segensreicher Pastor in Basedow, war er befreundet,
mit Landesbischof D. Dr. Beste DD Tischgast bei mir zu Hause.
Er hat nie den Kontakt zur Christenheit verloren, und noch vor
kurzem hat ihn Landesbischof em. Dr. Rathke in Schwerin besucht,
und ich war am 30.6.1996 bei ihm.
Die von der DDR ihm
gewährte Ehrenrente "Kämpfer gegen den Faschismus"
hat ihm das Bundessozialgericht wenigstens, nachdem sie ihm ganz
entzogen war, teilweise wieder zugesprochen und in diesem
Zusammenhang festgestellt, dass er sich der Verletzung der
Menschenrechte nicht schuldig gemacht hat. Andere Instanzen
haben leider gleichwohl die tatsächliche Gewährung der Rente
verhindert."
Die Fürbitte für Bernhard Quandt ist
eines der letzten Anliegen meines Lebens!
Ich kann aber den Quandt gewidmeten
Abschnitt nicht abschließen, ohne so kurz wie möglich auf die
Episode "Bredentin" geschildert zu haben, die
seinerzeit großes Aufsehen erregte.
Der 25-Jahr-Feier der mecklenburgischen
"Bodenreform" hatte für mich ein etwas peinliches
Nachspiel. Bernhard Quandt veranstaltete sie dort, wo er -
damals Landrat des Kreises Güstrow - sie zusammen mit Amtsbruder
Siegert im damals verlassenen Gutsdorf Bredentin 1945 eröffnet
hatte. Bei der Jubelfeier 1970 sollte wie vor 25 Jahren ein
Vertreter der Kirche mitwirken. Die Wahl fiel auf mich. Der
große Volksredner Quandt hielt den Hauptvortrag und pries den
Segen, den die "Bodenreform" (die entschädigungslose
Enteignung allen Grundbesitzes über 100 ha) für die besitzlosen
Landleute gebracht hatte. Ich erbat in meiner kurzen Ansprache
von Gott, dass die Erwartungen und Hoffnungen, die 25 Jahre
vorher an dieser Stelle mein Amtsbruder Siegert ausgesprochen
hatte, Erfüllung finden möchten - Siegerts Ansprache von 1945
hatten wir zum Glück in unseren Akten. In keiner LPG, in
keinem Dorf überhaupt fehlte übrigens in DDR-Zeiten das Bild,
das Quandt mit Ballonmütze und Siegert mit Pralenéhut beim
Abstecken der Neubauern-Parzellen zeigte. Presse und Rundfunk
berichteten am anderen Tag ausführlich über diese
Großveranstaltung mit Tausenden von Teilnehmern, verdrehten aber
meine Ansprache ins Gegenteil dessen, was ich gesagt hatte.
Nicht eine Bitte, sondern Dankbarkeit und Freude hätte ich Gott
gegenüber zum Ausdruck gebracht.
Berichtigung und Korrektur waren nur
innerkirchlich möglich, mein Ruf und Ansehen aber
angeschlagen. Obwohl mein Verhältnis zu Bernhard Quandt litt,
ändert das aber nichts daran, dass mein sozusagen letzter Wunsch
seine menschliche Rehabilitierung ist. Er war immer ein
aufrechter, ehrlicher, humaner Mensch. Meinen Amtsnachfolger
Siegert, Sohn des oben erwähnten Pastors Siegert, habe ich ihm
aber noch vorgestellt. Und Bernhard Quandt hat Ende der 70er
Jahre dafür gesorgt, dass ich in die DDR besuchsweise einreisen
durfte.
Um der Wahrheit willen möchte ich noch
etwas anderes sagen: Was Günter Pilgrim auf den Seiten 221 und
222 über seine Berufung zum Akademieleiter schreibt:
"Am 18. Januar 1967
bat mich Oberkirchenrat Dr. Gasse zu einem Einzelgespräch.
Ohne große Umstände kam er auf den Hauptpunkt: 'Der
Oberkirchenrat plant, Sie zum Leiter der Evangelischen Akademie
von Mecklenburg zu berufen.' Er erläuterte, was damit
zusammenhing. Er bat mich: 'Bitte überlegen Sie sich das und
teilen Sie mir Ihre Entscheidung mit.' Ich war ganz
durcheinander. Akademie, gab es denn die auch in Mecklenburg?
Ich hatte wenig davon gehört...
Kurz darauf berief mich
der Oberkirchenrat zum Leiter der Evangelischen Akademie von
Mecklenburg. Die Anfangsprobleme waren groß. Die Akademie
bestand in Mecklenburg bereits 10 Jahre. Der Leiter war der
damalige Rostocker Landessuperintendent Pflugk. Der befand sich
kurz vor dem Ruhestand. Er gab das Akademieamt nicht gern ab.
Es musste diplomatisch mit ihm verhandelt werden. Gasse konnte
diplomatisch verhandeln, so diplomatisch, dass man mittendrin
nicht wusste, was er wollte, aber zum Schluss brachte er die
Sache auf den Punkt und seinen Plan voran. Er machte das
konziliant und zielbewusst und äußerst zäh. Das größte
Problem war die Ablehnung der staatlichen Stellen."
deutet nicht einmal an und lässt nicht
ahnen, wie es damals zuging und was das Entscheidende war,
nämlich er, Pilgrim, musste in eine Bresche springen und sich
sozusagen "opfern" - man verzeihe den zweifellos
dramatisierenden Ausdruck. Das gilt von seiner Bestellung zum
Akademieleiter fast noch mehr als bei seiner Berufung an den
Dom. Die kirchliche Akademiearbeit lag darnieder, und wenn man
sagen würde, sie vegetierte dahin, dann wäre das noch höflich
ausgedrückt. Und die Lage am Dom war verworren und
zwiespältig, sehr schwierig und unglücklich, aber doch von
starken Persönlichkeiten beeinflusst, die ihrerseits viel
Positives aufzuweisen hatten, andererseits aber doch Wege wagten,
die keine Aussicht hatten und denen gegenüber sich durchzusetzen
und zu behaupten sehr schwer sein würde.
In beiden Fällen konnte für einen
höchst notwendigen Neuanfang nur ein Mann in Betracht kommen,
der 1. "Köpfchen" und noch etwas mehr aufzuweisen
hatte - das war schlechterdings bei Pilgrim unbestritten -, er
musste 2. "Herz" haben - das stand für mich, der ich
Pilgrim wirklich kannte, fest, wurde aber von manchen, die
ihn nur aus der Distanz kennen gelernt hatten, bezweifelt -, und
er musste 3. - konkret fast das Wichtigste - über "harte
Bandagen" verfügen, also hart im Nehmen und - notfalls -
auch hart im Geben, also "eiskalt" sein können.
Günter Pilgrim, der Kopf, Herz und feste
Hand hatte, setzte sich durch. Und der Erfolg gab ihm recht.
Schließlich war es so, dass auch die, die zunächst gegen seine
Berufung revoltiert hatten, ihn liebgewonnen und mit ihm durch
dick und dünn gingen, und seine Predigten und Vorträge kamen
an. Wie viel Kraft es aber gekostet hat, dass seine tapfere
Frau und er bei alldem ihre fröhlichen Herzen behielten - wer
kann das wissen?
Pilgrim trat nicht nur damit hervor, dass
er die zeitgenössische Literatur kannte und in zahllosen
Vorträgen popularisierte, er hielt auch mit anderen
Wissenschaften Kontakt. So hatte er schon in seiner Boddiner
Zeit Prof. Dr. Ewald Schildt, Direktor des Schweriner Museums
für Ur- und Frühgeschichte und Herausgeber der ausgezeichneten
Jahrbücher für Bodendenkmalspflege in Mecklenburg kennen
gelernt, der in diesem Kerngebiet altslawischer Siedlungen
Ausgrabungen veranstaltete. Für mich war es Glücksfall und
Freudenquell, dass ich durch einen anderen Amtsbruder, Dr.
Pinkpank in Behren-Lübchin, von den dortigen Ausgrabungen erfuhr
und deren Leiter Schuldt kennen- und schätzen lernte. Ich
weiß mich genau zu erinnern, wie schön (!) es war, wenn Prof.
Schuldt die slawischen Burgwälle von Behren-Lübchin und auf der
Insel im Teterower See und die großen Steingräber an der
mittleren Recknitz zeigte, beschrieb, erklärte und dabei ganz im
Zusammenhang mit dem heutigen Stand der historischen Wissenschaft
überhaupt blieb. Da hätte es nicht passieren könnnen, dass
einer seiner Studenten ganz naiv hätte fragen können, ob etwa
Thietmar von Merseburg, der Geschichtsschreiber dieser Epoche,
"katholisch" gewesen wäre. Ob Prof. Dr. Schuldt, den
ich in herzlich-dankbarer Erinnerung habe, noch lebt? Dass er
mir einmal sagte: "Mein Sohn wird konfirmiert!",
vergesse ich nie.
Viele Jahre später konnte mein lieber
Schwiegersohn Heino, der mich 1083 noch einmal durch den
Malchiner Kirchenkreis fuhr, es gar nicht fassen, als in
Behren-Lübchin Dr. Pinkpank und ich beim unerwarteten
Wiedersehen Tränen vergossen. "Kirche ist doch wohl eine
andere Welt!", sagte er etwas ratlos seiner Frau, meiner
Tochter. Hatte er recht? Ist Kirche eine andere Welt? Wird
sie es etwa? Manche Anzeichen sprechen dafür.
Die Volkskirche schwindet, zieht die
Kirchengemeinde sich ins Ghetto zurück? Von allem anderen
abgesehen, macht der Kommentar "Künstlich" in Nr.16/97
der Mecklenburgischen Kirchenzeitung, wenn man ihn recht zu lesen
und zu werten versteht, das wahrscheinlich. Mit dürren Worten
wird m.E. die Gliedschaft in der "Universitas" der
Künste und er Wissenschaften, in der Kirche und Theologie sich
durch die Jahrhunderte hindurch zugehörig wussten, praktisch
aufgekündigt. Eine neue Epoche! Aber warum nicht? Hat
nicht das Ghetto auch seine Verheißung (s. die Geschichte der
Judenheit)? Von der Judenheit könnten wir lernen, dass wir vor
Engstirnigkeit bewahrt und wenigstens in der Universitas der
Verheißung verbleiben.
Jugend
Meinen letzten Kriegurlaub hatte ich im
Oktober 1944. Am 1. Oktober 1949, dem Tag meiner Heimkehr
aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, waren also fünf Jahre
vergangen, und alles war anders geworden, aber doch irgendwie
vertraut geblieben, und nichts war für den Neuanfang hilfreicher
als die Herzlichkeit, mit der mich Frau, Kinder, Amtsbruder Propst
Münster und viele Gemeindeglieder, besonders die jungen,
schon am Bahnhof
begrüßten. Vor allem die Oberschüler, die Abiturienten -
nach allem, was gewesen war, skeptisch und wohl auch ratlos -
erwarteten von dem Heimkehrer einiges an Wegweisung. Und sie
riskierten viel, als sie sich zur "Jungen
Gemeinde" hielten und mich zu den Bibelstunden, die ich
im Winter in den abgelegenen Ortsteilen und in den Dörfern
hielt, begleiteten und mitwirkten. Da diese Bibelstunden
tatsächlich volksmissionarische Veranstaltungen waren, mussten
diese Prachtmädchen
und -jungen, die da mitmachten, mit Schulverweisung
und Schlimmerem rechnen, wenn ihre Teilnahme rauskam. Es
passierte, dass wir alle nachts mit unseren Rädern abseits
hinter Bäumen standen, um nicht von Volkspolizisten gesehen zu
werden. Hans
Gottschalk, der dann auch Theologie studierte, ist mir
unvergesslich, und es tut mir leid, dass ich die Namen der
tapferen, unverwüstlichen Mädchen nicht mehr weiß; ohne sie
wäre nichts gegangen!
| Hans Gottschalk wurde am 19.02.1935 in Elbing
/ Ostpreußen geboren. Er wuchs in
Grevesmühlen/Mecklenburg auf.
An seinem 18. Geburtstag wurde er
als einer der ersten zehn in der DDR wegen Zugehörigkeit
zur "Jungen Gemeinde" fünf Monate vor dem
Abitur von der Oberschule verwiesen.
Hans Gottschalk studierte am
Evangelisch-Lutherischen Missionshaus in Leipzig
Theologie. Er gehörte zu der Fußballmannschaft der
Theologischen Fakultät, die 1956 die Meisterschaft der
Karl-Marx-Universität gewann.
Hans Gottschalk war Pfarrer in
Petschow bei Rostock, in den Pfeifferschen Stiftungen in
Magdeburg, in Rätzlingen und zuletzt in Schönebeck. In
Schönebeck war er 1989 bei den Demonstrationen vor der
Wende maßgeblich beteiligt.
1998 ging er im Ruhestand und wohnte
in Magdeburg-Randau.
Sein Hobby war das Schreiben.
Verstorben am 20.05.2007. Letzte Ruhestätte in
Magdeburg-Randau.
|
Vergessen kann ich nicht, dass ich
später als Oberkirchenrat zuständig für kirchliche
Jugendarbeit, an einer Diskussion im Güstrower
Dom teilnahm und dass dort Repräsentanten unserer kirchlichen
Jugend auf meinen Einwand antworteten, in gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Fragen sei der Kommunismus dem westdeutschen
Kapitalismus überlegen und vorzuziehen. Ob sie das heue anders
sehen? Aber vielleicht hatten sie gar nicht ganz unrecht?!
Der kirchlichen Jugendarbeit
- die Landesjugendpastoren Friedrich-Franz Wellingerhof
und Wolfgang Schmidt standen bzw. stehen mir besonders nahe -
galten seitens der Staatsorgane besonderes Misstrauen, Kontrolle,
Behinderung, Verbote. Gleich zu Beginn kostete es viel Zeit,
Kraft und Nerven, das wunderschön am Krakower See gelegene
Pfarrgehöft Serrahn, das staatlicherseits "gesperrt"
war, wenigstens eingeschränkt für kirchliche Nutzung wieder
freizukämpfen. Zwar blieb das Tauziehen um Bibelrüstzeiten
und anderes mehr eine mühselige Sache, und die brachte außerdem
dem bösen Oberkirchenrat wegen seiner Machtlosigkeit auch noch
Tadel seitens kirchlicher Gruppen ein. Diese Jugend
war tapfer, scheute keine Auseinandersetzungen, hatte auch keine
Angst vor "großen Tieren". In ihrer "Oase"
traf sie einmal auch mit Berhard Quandt zusammen, was beiderseits
gebührend gewürdigt wurde; das Foto habe ich noch und ist wie
das von Eberhard Beyer ein wertvolles Erinnerungsstück.
Was wäre wohl aus Serrahn, aus dem
"Haus der Kirche Siebrand Siegert" in Güstrow, was aus
der kirchlichen Jugend bzw. Jungmännerarbeit überhaupt
geworden, wenn nicht der großartige Eberhard Beyer und der
ebenso großartige aber eigenwillige Hans Zinnow ihre Leiter,
Betreuer, "Schutzengel", Initiatoren und Organisatoren
gewesen wären!
Die Namen derer, deren Wirken das
Überleben der kirchlichen Jugendarbeit zu danken ist, dürfen
nicht vergessen werden. Außer Beyer und Zinnow nenne ich
Krenz, Elisabeth Frahm, Gertrud Hartmann, der ich übrigens den
ersten Courvoisier meines Lebens verdanke. Dass der
"Alte" auf die Namen derer, die in seiner Vorstellung
noch sehr lebendig sind, nicht kommen kann, jedenfalls nicht
jetzt, möge man ihm verzeihen.
Volksmission
Die "Volksmission" und der
"Gemeindeaufbau", ein weites Feld und eine komplexe,
vielschichtige Aufgabe unserer Kirche, bei der es auf
organisatorisches Geschick, volksmissionarische Rednerbegabung
und geistlichen Tiefgang ankam, war bei Traugott Ohse, der dann
anschließend als Landessuperintendent segensreichen Dienst tat,
in den besten Händen. Er war überhaupt auf allen Gebieten
untadelig und hatte selbstverständlich sowohl nach außen wie
nach innen sehr viel zu tun. Er bleibt mein liebster Bruder in
Christo und ist jetzt auch schon im Ruhestand.
Dass er Landessuperintendent wurde, sagte
ich; als Landespastor folgte ihm Dr. Heinrich Rathke. Wir
hätten keinen besseren haben können! Und als das Alter und
die schlechte Gesundheit unseren unvergesslichen Landesbischof D.
Beste in den Ruhestand zwangen, da kam für mich nur Heinrich
Rathke als sein Nachfolger in Frage. Ich liebe ihn als
"anuma pia et candida", als einen hochgebildeten
Theologen und als einen "wachen" Kirchenpolitiker.
Ein Herzenswunsch wurde mir erfüllt, als die Landessynode ihn
wählte. Dass er nach zwölf Jahren sich nicht wiederwählen
ließ und ins Pfarramt zurückging, ehrt ihn. Ich bedauere es
sehr.
Besonders dankbar bin ich dafür, dass er
sich der "Wolga-Deutschen", die Stalin während des
Krieges nach Kasachstan hatte verschleppen lassen und mit deren
einigen als Zwangsarbeitern ich während meiner
Kriegsgefangenschaft bewegenden Kontakt hatte, annahm und heute
noch annimmt. Und schließlich zu meiner dankbaren Freude hat
er auch Bernhard Quandt besucht!
Unser derzeitiger Landesbischof wird es
sich gefallen lassen müssen, wenn ich sage. dass ich mich über
seine Wahl zu Bischof herzlich freue!
In den wenigen Fällen, in denen ich mit
dem vielgelästerten Berliner Rechtsanwalt Vogel wegen Schicksal und
Hinterlassenschaft republikfüchtiger Amtsbrüder zu verhandeln
hatte, erwies sich dieser als ehrlicher Makler und zuverlässiger
Helfer. Die schnelle Freilassung des Ehepaares M. und W.R. ist
ihm zu danken. Die unsagbare Schwierigkeit seiner Funktion
"zwischen allen Stühlen" zwang ihn gewiss zu
mancherlei Jonglierungskunststücken, die jetzt von denen, die
alles besser wissen, in Wirklichkeit aber keine Ahnung haben,
verdammt werden. Ich aber lege hiermit ein gutes Wort für ihn
ein!
Aber nun zurück zum Thema
"Volksmission"! Anfang der 50er Jahre bemühten wir
uns unter "Schirmherrschaft" des unvergesslichen OKR
Maerker, die Gemeindeglieder in sog. diakonischen Rüstzeiten
für aktive Mitarbeit willig und fähig zu machen. Das
"stewardship" unserer amerikanischen Brüder war
Leitbild und Ansporn. Unvergessen sei Max Herberg, erst Diakon,
dann Pastor als unermüdlicher und unentbehrlicher Helfer! In Grevesmühlen
erreichte ich ein sprunghaftes Ansteigen des Ertrages der
Straßensammlungen für die Innere Mission dadurch, dass
möglichst viele Sammler für möglichst viele kleine Bezirke
zuständig und diese gebunden waren. Eine derartige und
erfolgreiche Sammlerin war die attraktive Almut Sperling, die
m.W. jetzt im Schweriner Augustenstift lebt und immer noch sehr
attraktiv sein soll. Und meine siebenjährige Tochter Gretchen
war vom Sammeleifer so gepackt, dass sie sich spontan eine
Sammelbüchse schnappte, mit ihr auf dei Straße sauste und die
Passanten mit den Worten anbettelte: "Ach bitte, geben Sie
doch etwas für Inneres Mijon!" Sie hatte sogar Erfolg,
leider hat ihr Eifer inzwischen nachgelassen. Vielleicht hat
ihr Erfolg zu meiner mich sehr überraschenden Berufung zum
Landessuperintendenten beigetragen. Jedenfalls habe ich im
Malchiner Sprengel dann versucht, in Zusammenhang mit den
Bemühungen um Gemeindeaufbau und "Besuchsdienst" neue
Wege bei der Kirchensteuer zu gehen, die in der DDR nicht im
geringsten irgend etwas mit dem zu tun hatte, was der normale
Mensch unter Steuern versteht, sondern ein freiwilliger Beitrag
war, zu dem niemand gezwungen werden konnte und sollte. Und aus
der Erkenntnis heraus, dass passive Gemeindeglieder eher dann
aktive und praktizierende Christen werden können, wenn sie
Aufgaben und Verantwortung übernehmen, bemühte ich mich darum,
dass die Gemeinden sich in kleine Bezirke so gliedern, dass für
jeden Bezirk ein Helfer für die Kirchensteuer sich zuständig
wusste, sowohl bei der Veranlagung beriet wie auch dann
"kassierte".
Der Versuch hatte Erfolg, wurde auch in
der Landessynode besprochen und gelobt, verlief sich aber doch im
Laufe der Zeit.
Angesichts unserer schwindenden Zahlen
kann er aber in noch nicht absehbarer Zukunft wieder höchst
aktuell werden.
Frauen
Auch auf die Gefahr hin, dass es
missverstanden wird, sage ich am Schluss meines Lebens, dass ich
die Frauen immer geliebt habe. Dass gute Frauen mit den Jahren
auch an Schönheit zunehmen, ist eine These, die ich seit
Jahrzehnten fast mit Leidenschaft vertrete und an meiner eigenen,
der Gattin unseres derzeitigen Landesbischofs, die heute den
mecklenburgischen Kirchenkalender herausgibt, redigiert und
gestaltet, der m.E. an künstlerischem Rang von Bild und Text und
an sachlicher Substanz des Inhalts im deutschsprachigen Raum
seinesgeleichen nicht hat, besonders aber an vielen Damen unseres
"Abendfriedens" bestätigt finde - von meinen lieben
verehrten Amtsschwestern einmal ganz zu schweigen.
In den Zeiten, Tagen, Augenblicken, in
denen es unmittelbar um Sein oder Nichtsein, um Tod oder Leben
ging, nicht nur im Krieg und im Kampf, sondern auch in anderen
Zeiten der Not, etwa auch der Kriegsgefangenschaft, des Sterbens,
erwiesen sich Frauen stärker als Männer. Und von daher halte
ich schon seit Jahren eine Umkehrung unserer traditionellen
Männerwelt auf allen, mindestens den meisten Gebieten des Lebens
für überfällig und geboten.
Es wäre gewiss gut, wenn wir uns mehr
und gründlicher als bisher darüber Gedanken machen würden,
dass die großen deutschen Katastrophen dieses Jahrhunderts
"Männer"-Katastrophen waren, in Wilhem II. zwar schon
typisch, aber noch sehr maßvoll, dann aber von Adolf Hitler
radikal-satanisch repräsentiert. Haben die deutschen Männer,
haben wir aus dieser Tatsache Konsequenzen gezogen? Oder haben
wir wenigstens das Problem , die Aufgabe, die darin gestellt ist,
gesehen? Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Worte, die
mir Graf Krockow in einem Brief schrieb, und die Hilfe und
Weisung sind:
"Sie treffen in der
Tat genau den Punkt, der mir wichtig war: davon exemplarisch zu
erzählen, dass im Untergang einer Männer-Wahn-Welt die Frauen
es waren, die schlicht und tapfer das Leben retteten. Zur Sache
gehört leider, dass dieser offenkundige Tatbestand schon wenig
später in den Jahren des Wiederaufbaus verdrängt und vergessen
wurde. Um aber etwas Erfreuliches anzufügen: Obwohl doch das
Buch viele für die Polen sehr bittere Geschichten enthält, ist
die erste Übersetzung 1990 in Polen erschienen, und mehrere
Neuausgaben sind seither gefolgt. Man hat dort verstanden und
gewürdigt, dass das Buch nicht auf Abrechnung, sondern aufs
verbindend Menschliche angelegt ist... Keine mir bekannte
Rezension hat den Punkt hervorgehoben, auf den Sie mit Recht den
Finger legen."
Für mich als Mann der Kirche ist ein
zweites Gottesgeschenk ebenso kostbar, nämlich die Erfahrung,
dass Frauen die biblischen Aussagen und Wahrheiten über Welt und
Mensch im allgemeinen behutsamer und treffender als Männer
interpretieren und vor allem lebens- und herzensnäher
aktualisieren, als Männer das meistens tun. Schon deshalb ist
Sorge um die Zukunft unserer Kirche nicht statthaft. Ich
verweise auf meinen Osterartikel in der 'Mecklenburgischen
Kirchenzeitung' von 1969, in dem ich auch für die "weißen
Talare" eine Lanze breche (s. Günter Pilgrim, Seite 69).
Mecklenburgische Kirchenzeitung
Und damit bin ich bei dem, was mir
besonders am Herzen liegt: der Mecklenburgischen
Kirchenzeitung. 1969 habe ich in ihr schon darauf
hingewiesen, dass nach dem Karfreitag die Männer wegliefen und
Frauen ihnen die Auferstehung mitteilen und bezeugen mussten.
Die MKZ war mir als Herausgeber sozusagen
"unterstellt", und ab und zu machte ich von den mir
damit gegebenen Befugnissen Gebrauch. So habe ich einmal den
Abdruck eines Artikels verhindert, in dem der Verfasser - er ist
heute noch im Amt und wird von mir hoch geschätzt - geschrieben
hatte, dass die jungen Amtsbrüder ihre Ordinationsgelübde nicht
ernstnehmen. Wenn unsere schlichtgläubigen Gemeindeglieder im
offiziellen Organ ihrer Kirche das lesen, so meinte ich, können
sie in ihrem Glauben irritiert werden. Der Aufsatz gehöre
nicht in ein Gemeinde-, sondern als Gesprächsanregung in ein
Blatt für Mitarbeiter. Eine mich tadelnde Frage in der
Landessynode wegen dieses meines autoritären Eingriffs in die
kirchliche Pressefreiheit konnte ich wohl überzeugend
beantworten und unbeschädigt überstehen. So wie es damals
zuging, war es manchmal fast erheiternd. Weniger gut war, dass
der Chefredakteur und der Herausgeber nicht oft, aber doch ab und
zu bei dem Leiter des Presseamtes der Regierung in Berlin, Herrn
Blecha, dessen Frau übrigens nach dem Krieg eine Zeitlang
Oberbürgermeisterin in Schwerin gewesen war (Die missglückte
"Blecha-Burg" erinnert daran) antreten mussten. Ich
erinnere noch das Erschrecken des Chefredakteurs bei den
Frechheiten, die ich Herrn Blecha zu sagen nicht vermeiden
konnte, die nicht böse gemeint, aber nötig waren. Es gab
keine Zensur. Aber man sorgte durch "technische
Pannen" oder durch Weigerung der Drucker dafür, dasss
unerwünschte Artikel nicht erschienen. Blecha war übrigens
einer von diesen gar nicht unsympathischen Typen, die ich in den
Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft erlebt habe, die zu gog.
"Antifa"-Kursen eingezogen wurden und als völlig
veränderte Menschen Monate später ins Lager zurückkehrten und
alle Fragen des Lebens nur auf der Grundlage des
"historischen und dialektischen Materialismus im Sinne des
Marxismus-Leninismus" schlüssig, das heißt aber:
stereotyp-schablonenhaft beantworteten und echte Gespräche
unmöglich machten. Das waren Erlebnisse, die besonders schwer
zu schaffen machten, wenn man sie mit guten Menschen erfuhr.
Der derzeitige Chefredakteur, der einem neunzigjährigen
abgängigen Greis nicht antwortet, ist diesem Greis trotzdem im
ganzen eine Freude. Allerdings kann der "Alte" sich
einer gewissen Sorge über den Weg unserer Kirche und den Kurs
unserer Kirchenzeitung
nicht erwehren: Führt er ins Ghetto? Nach wie vor gehört aber
der
der MKZ meine ganze Liebe, und ich trage
sie und ihre weiblichen und männliche Mitarbeiter in meinem
Herzen.
Stolz bin ich darauf, dass wir in den
60er Jahren für die Leitung unseres landeskirchlichen Archivs (www.kirche-mv.de/Archi),
einer wahren Schatzkammer an historischem Quellenmaterial, einen
hochqualifizierten Archivrat gewinnen konnten, nämlich Erhard
Piersig.
Weiterer Text folgt
gelegentlich!
Getrostes Sterben
Unser verehrter Landesbischof schaute bei
uns in Malchin ein. Wir freuten uns, ich musste aber nach einer
Weile mich entschuldigen, weil ich nach X fahren wollte, um
unseren dortigen schwerkrank darniederliegenden alten Amtsbruder
A.B. zu besuchen. Als dann der Bischof sagte, da würde er gern
mitkommen, war ich selbstverständlich gern einverstanden. Wir
fuhren also nach dem 30 km entfernten X. Ich wusste, dass
Bruder A.B. im Sterben lag. Wir trafen ihn bei voller
Besinnung, und er freute sich sichtlich auch darüber, dass der
Bischof, mit dem er bisher ein etwas gespaltenes Verhältnis
gehabt hatte, dabei war. Dass ich kommen würde, das wusste
er. Wir sprachen miteinander, und Bischof Beste und ich waren
im Begriff, uns zu verabschieden, da - ich vergesse seine
erschütternde Eindringlichkeit nie - richtete der Todkranke sich
mühevoll und ächzend auf, lächelte dann zwar verhalten, aber
doch irgendwie schelmisch und sprach klar und vernehmlich (Lukas
19,47): "Da ratschlagten sie, wie sie ihn
umbrächten." Am anderen Morgen war er tot, und das fast
etwas spitzbübische Lächeln, das um seine Lippen noch immer
spielte, sehe ich noch heute klar und fast mit ergriffener
Dankbarkeit; es sollte wohl sagen: Endlich kehre ich heim! Ich
meine, es war ein frohes, getrostes Sterben.
Bruder A.B. war Glied einer in
Mecklenburg angesehenen Familie, die dem Lande seit Generationen
in Staat, Kirche und Wirtschaft wertvolle Dienste geleistet
hatte. Er konnte mit Menschen gut umgehen. Besonders für die
Frauen hatte er ein Faibel, hatte Humor und großes Redetalent.
Mich mochte er und hatte mich schon vor dem Krieg in
Grevesmühlen besucht. In den 20er Jahren hatte er in der
Landespolitik eine Rolle gespielt, war Landtagsabgeordneter
gewesen und hatte, wofür ich ihm besonders dankbar war, dafür
gesorgt, dass dort, wo 1549 an der Sagsdorfer
Brücke bei Sternberg die mecklenburgischen Stände kaiserlicher
Drohung zum Trotz in ihrem Reformationsbeschluss standhaft und
fest geblieben waren, ein Gedenkstein aufgestellt wurde, der
heute noch steht. Im "Dritten Reich" hatten die Nazis
ihn kaltgestellt. Er blieb immer ein fröhliches Gotteskind,
und ich trauerte um ihn.
Als ich aus der Gefangenschaft
heimkehrte, war ich 42 Jahre alt; 44jährig wurde ich
Landessuperintendent in Malchin. Unser Landesbischof meinte
etwas besorgt, dass ich mit den alten Propsten meines Sprengels
es nicht ganz leicht haben würde. Aber mit den meisten, wenn
auch nicht mit allen - einem musste ich aus Fürsorge und
Dankbarkeit den "Ruhestand" nahe legen - kam ich gut
zurecht. Als einer von ihnen, den ich sehr gern hatte, sterben
wollte und ich ihn besuchte, bestand er darauf - das ging bei ihm
nicht anders, jeder wusste es -, dass mir ein opulentes
Frühstück serviert wurde und auch er selbst eines bekam. Er
meinte, dass es mich freuen würde, wenn er, der Sterbende,
mithalten würde. Und so frühstückten wir beide fröhlich im
Angesicht des Todes und der Ewigkeit. Selten habe ich so bewegt
und dankbar am Sarg eines Amtsbruders gestanden und gesprochen
wie an seinem wenige Tage später.
Das folgende ist m.E. typisch für das
brüderlich dichte Verhältnis, das die Atmosphäre zwischen uns
bestimmte und weil es den alten Propst so auftreten lässt, wie
er war. Ganz aufgebracht kam er einmal und berichtete
zornbebend, bei der Besprechung der Schöpfungsgeschichte hätten
seine Konfirmandinnen eingewandt, dass der Mensch vom Affen
abstamme, und nun würde überall in der Gemeinde erzählt, er,
der Propst habe erwidert: "Dann lasst euch auch vom Affen
beficken!" "Herr Landessuperintendent, was soll ich
machen!", war seine wütende, aber ratlose Frage.
"Nichts!", war meine Antwort, "Weitermachen wie
bisher!" Er war zunächst gar nicht zufrieden: "Das
kann ich doch nicht auf mir sitzen lassen!", gab mir aber
schließlich recht; die Sache war dann auch bald vergessen und
hatte seinen Ruf und seine Stellung nicht im geringsten
beeinträchtigt. Er war ganz Pfarrherr alten Stils, aber von
großer Herzensgüte, untadelig, Musterbeispiel an
wirtschaftlicher Tüchtigkeit in Haus, Hof, Stall und
Landwirtschaft überhaupt und deshalb in allen Alltagsdingen ein
unentbehrlicher Ratgeber seiner Gemeindeglieder, im übrigen auch
in Predigt und Seelsorge unübertroffen.
Sein Sohn, Apothekenbesitzer, Mitglied
der Landessynode, war republikflüchtig geworden, weil die
Staatssicherheit ihn zu Berichten über die Synodaltagungen
aufgefordert hatte.
Worüber in unserer Jugend die
"Gebildeten" und in einem gewissen Sinne
"Klugen" wohl leicht etwas mitleidig zum Lächeln
neigten, wenn vom Gebet, vom Beten überhaupt gesprochen und zu
ihm auch gebeten wurde, so ist inzwischen der menschliche Geist
doch wohl in solche Tiefen vorgedrungen und hat solche Höhen
erklommen, dass kein "Kluger" und wahrhaft
"Gebildeter" skeptisch widersprechen wird, wenn ich
feststelle, dass ernsthaftes Gebet nicht nur für den, dem es
gilt und bei dem, an den es gerichtet wird, sondern auch bei dem
Betenden selbst tröstende, helfende, heilende Kräfte
freisetzt. Das erfuhr ich am Bett eines anderen sterbenden
guten alten Bruders, den ich sehr liebte, weil er jahrzehntelang
treu, geduldig, fleißig, liebevoll und sehr bescheiden seines
Dienstes gewaltet hatte. Als ich neben ihm saß, klagte er mir
sein Leid: Seine Frau und seine erwachsenen Kinder sollten ihn
trösten, indem sie ihn einfach und schlicht belögen, ihm
gegenüber nicht wahrhaben wollten, dass er stürbe. Im
Widerspruch zur ärztlichen Diagnose bestünden sie ihm
gegenüber unentwegt weiter auf dem bürgerlichen
Allerweltstrost: Wird schon wieder werden, nur nicht aufgeben...
und derartigem. "Und ich weiß doch, dass ich
sterbe. Und ich bin bereit zu sterben. Ich freue mich auf den
Himmel. Warum lügen sie und stören mich?" "Aus
Liebe", sagte ich, "nur aus Liebe!" und dann kam
es so, dass wir schließlich alle zusammen beteten und dankbar
auseinandergehen konnten, weil Gottes Wahrheit über uns war.
Dankbar standen wir dann auch am Sarg, und ich möchte wohl heute
noch herzlich gern am Grab dieses treuen Mannes seiner gedenken.
Günter Pilgrim schreibt auf Seite 180
seines Buches, ich sei "wie durch ein Wunder" dem Tode
im Krieg entronnen. Ganz abgesehen davon, dass ich des öfteren
als "gefallen" galt (Brief eines Kameraden vom
15.4.1945 an meine Frau) - dieses Mal war das "Wunder",
dem ich das Leben danke, "der gute Kamerad". Im März
1945 stand ich im Nahkampf wehr- und hilflos inmitten von Russen,
die ihre Waffen auf mich richteten oder über mich schwangen.
"Das Ende ist also da", dachte ich, war zwar nicht
gerade froh, aber ebenso wenig erschrocken oder entsetzt, sondern
irgendwie einverstanden und zufrieden, wofür es ja auch Gründe
gab. Was in solch einer Situation Herz und Sinn an Gedanken und
Erinnerungen in Bruchteilen von Sekunden in allen Einzelheiten
erleben und verarbeiten können, habe ich damals durchgemacht!
Und ist mir bis heute unfassbares Wunder. Ein Wunder war aber
auch, dass die russischen Soldaten, deren einem ich klar ins gar
nicht böse Auge sah, von meinen Kameraden getroffen umfielen und
ich unversehrt blieb, meine Waffe wieder laden und mich wehren
konnte. Erst hinterher erfuhr ich, was geschehen war.
Oberwachtmeister Wittkowski hatte mit dem Ruf "Wir können
unseren Leutnant nicht im Stich lassen!" einige Männer um
sich geschart und mich "herausgeschossen". Aber er
selbst und die anderen fielen dabei und starben für mich, und
das ist es, was mir zeitlebens lang zu schaffen macht.
"Sie hatten's ja nicht nötig!" - Wenige Tage später
kam ich im mörderischen Nahkampf an die Seite eines Goslarer
Jägers, und das war wohl die Rettung.
Wittkowski, ca. 35 Jahre alt, also mir
etwa gleichaltrig, in der sozialistischen Jugendorganisation
großgeworden, hasste die Nazis, lehnte entschieden den
Kommunismus ab und ließ uns - Kirche, Christentum - anfangs nur
insoweit gelten, als uns, was damals klar hervortrat, der Hass
der Nazis galt. Nachdem er zunächst mir mit Vorbehalt und
Skepsis begegnet war, waren wir uns in der schweren Zeit
nähergekommen, hatten manches Gespräch auch über
Glaubensfragen gehabt, und das "Freidenker"-Klischee
seiner Jugend bzw. seines Elternhauses, das ihm in den Knochen
steckte, schien sich zu lösen, und er vertraute mir
vollständig, als er mit durchmachte, wie ich die Truppe führte,
bei Tag und Nacht "mit Herzen Mund und Händen" -
äußersten Notfalls auch mit einem kräftigen Tritt in den
Hintern! - Seel- und Fürsorge praktizierte und ging schließlich
mit mir durch dick und dünn. Ohne ihn hätte ich diese Zeit
nicht durchstehen können!
Dass er in dem Augenblick, in dem er -
für mich! - in den Tod ging, "den Himmel offen sah"
(Apostelgeschichte 7), ist mir nicht nur
zuversichtlich-tröstliche Hoffnung, sondern getroste
Gewissheit. Aber genügt das? Ich meine, Gott will mehr.
In der Nacht hatte Wittkowski noch
gesagt: "Wenn wir alle hopsgehen, sie müssen
durchkommen!", und ich könnte mir vorstellen - und je
länger es dauert, umso mehr klammere ich mich an diese
Vorstellung - dass er im Augenblick seines Sterbens gedacht,
"gebetet" hat: "Gott, du hast mit ihm noch was
vor, lass ihn leben." Wie verpflichtend diese Vorstellung
mir bis heute ist, kann ich mit Worten nicht sagen, aber sie war
mir stets mahnende Gegenwart.
Weiterer Text folgt
gelegentlich!
Republikflucht
Indem ich das sage, muss ich auf ein
Thema eingehen, dass mich jahrzehntelang zwar nicht immer, aber
doch immer wieder beschäftigte, mir Not machte und vielleicht
mich schuldig werden ließ, und zwar so, dass auf alle Fälle ein
Rest offen bleibt, nämlich die Republikflucht der Amtsbrüder in
den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren. Bei der
Republikflucht handelt es sich um ein illegales Verlassen der
Pfarre ohne unser Wissen, meist auch gegen unseren Willen. In
wirklicher Notlage halfen wir sowohl gegenüber den Staatsorganen
der DDR wie auch bei der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Eine wahrhaft bischhöfliche, geistlich
eindrucksvolle Persönlichkeit war der Münchner Oberkirchenrat
Schabert, m.W. baltischer Herkunft, von heiligem Geist erfüllter
Bibelkommentator. Schabert kannte die "östliche"
Welt aus leidvoller Erfahrung und versäumte keine Begegnung mit
uns, ohne um Barmherzigkeit für unsere
"republikflüchtigen" Amtsbrüder zu bitten, denen wir
die "Rechte des geistlichen Standes" aberkannt hatten
und die nunmehr ohne unsere Zustimmung im Westen nicht wieder ins
Amt kommen konnten. Wenn ich Bruder Schabert vorhielt, dass
jedes Weglaufen eines Amtsbruders die treuen Gemeindeglieder
schmerze und enttäusche, die Glaubensfeinde dagegen mit
hämischer Genugtuung erfülle, und von daher uns zu einer klaren
Haltung verpflichte, erkannte er das an, machte aber fast
beschwörend geltend, dass auch diesen Brüdern gegenüber
Barmherzigkeit die erste Christenpflicht sei, und bat in diesem
Sinne um sorgfältigste menschliche Prüfung jedes einzelnen
Falles.
Heute frage ich mich, ob ich damals als
Mitglied des Oberen Kirchengerichts nicht doch zu wenig die
individuellen menschlichen und persönlichen Umstände gewürdigt
habe. Aber andererseits: Womit die Republikflüchtigen ihr
Weglaufen rechtfertigten, hätte im Grunde jeder für sich
geltend machen können, der "blieb". Und so, wie die
uns umgebenden Verhältnisse "urchristlicher" wurden,
also neutestamentlichen Verhältnissen sich annäherten, so wurde
unsere Glaubwürdigkeit im ganzen wie im einzelnen immer
wichtiger.
Hart machte folgender Fall: Einer unserer
Brüder (Typ, der "ankommt") hatte mit dem Prinzen von
Hannover (Chef des Welfenhauses), dem er auf einem Kirchentag
begegnet war, abgesprochen, dass er als Religionslehrer an die
berühmte Schlossschule Salem berufen wurde, und trat diese
Stelle auch an. Als der zuständige Oberkirchenrat seine
kirchliche "Vokation" mit der Begründung verweigerte,
der Amtsbruder habe die Rechte des geistlichen Standes verloren,
gab es Krach. Wir blieben aber gegenüber diesem durch keine
Notlage zu rechtfertigenden abgekarteten Spiel hart, und der
Prinz bezeichnete uns in seinem Zorn als kommunistische
Handlanger und Söldlinge. Wir mussten das auf uns nehmen,
obwohl wir durchaus mit gemischten Gefühlen die staatliche
Genugtuung registrierten, wenn wir Republikflucht mit
Dienstentlassung ahndeten.
Das Problem belastet mich noch immer.
Vor Gottes Thron werden wir Rechenschaft ablegen müssen.
Abschließend kann ich mich der Frage
nicht erwehren, ob ich nicht versagt habe.
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