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Das Rauhe
Haus gilt als
„Brunnenstube der Inneren Mission“ und ist die
Wiedergeburtsstätte des Diakonenamtes
in den Kirchen der Reformation nach über
tausendjährigem Dornröschenschlaf während der
Kirchengeschichte.
Johann HinrichWichern,
geboren am 21. April 1808, hatte angesichts des
Kinderelends seiner Zeit das dasRauhe
Haus 1833 als junger
Kandidat der Theologie mit Hilfe einflussreicher
Hamburger Bürger in dem Dorf Horn vor den Toren Hamburgs
aus kleinsten Anfängen als „Rettungshaus“ für
gefährdete Kinder und Jugendliche gegründet und
aufgebaut. Für seine immer umfangreiher werdende
pädagogische Arbeit benötigte er schon bald
Gehilfen. Aus dem Kreis dieser Gehilfen
entwickelte sich später der Beruf des Diakons.
Das
Familienprinzip, in dem Wichern seine Schützlinge betreute und
erzog, erforderte eine größere Anzahl von Gehilfen. Im Sommer 1834 zog ein Bäckergeselle, namens Josef
Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg, um Wichern als
erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100 Mark im Jahr
bei freier Kost und Logis als Betreuer einer
„Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen.Nach drei
Jahren übernimmt Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes
Rettungshaus in Mitau im Kurland.1839 ermächtigte
der Verwaltungsrat Wichern, der Ausbildung von Gehilfen im Rauhen
Haus "die gröstmögliche Veröffentlichung zu
geben". Wichern ließ deshalb von 1843 an über die
Gehilfen, schon damals Brüder genannt, eigene Jahresberichte
erscheinen. Auf ihre theologische Ausbildung in seinem
"Gehilfeninstitut" verwandte er große Sorgfalt. Aus seinen „Gehilfen“, die Wichern aus ganz
Deutschland rief und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit im
Rauhen Haus unterstützten und von den Jungen der
Erziehungsfamilien „Brüder“
genannt wurden, baute er den hauptberuflichen Mitarbeiterstab der
Inneren Mission auf, die „Berufsarbeiter“, die als
Hausväter in „Rettungshäusern“, als
Strafvollzugsbetreuer oder als Stadtmissionare in ganz
Deutschland und im Ausland bis hin nach Übersee tätig wurden.
Wichern:
„Treue,
gottesfürchtige Männer, so ernst als wahr, so klug als weise,
in der Schrift bewandert, im Glauben gegründet, voll Liebe zum
armen Volke, geschickt zu solch einem Umgang, der Menschen fürs
Himmelreich gewinnt, wünschen wir in Scharen unter das
Volk.“
Erst
Jahrzehnte später nannte man diese „Gehilfen“ entgegen
Wicherns ursprünglichen Vorstellungen Diakone. Bis in die
1970er Jahre sprach man von der männlichen Diakonie.
Daneben gab es den Beruf der Diakonisse. Danach wurden
Ausbildung und Beruf im Rahmen der allgemein sich durchsetzenden
Emanzipation auch für Frauen geöffnet. Aus der
Brüderschaft wurde die Brüder- und Schwesternschaft des Rauhen
Hauses. Heute bildet die Fachhochschule des Rauhen
Hauses in Hamburg Frauen und Männer zu
Diplom-Sozialpädagog(inn)en und Diakon(inn)en aus.
DiakonKarlheinz Franke
* 6.04.1930,
ins Rauhe Haus
eingetreten am 9.04.1954,
Wohlfahrtspflegerexamen am 8.
März 1958,
Diakonenexamen am 2. März
1959, eingesegnet
am 4.10.1961,
berichtet auf
über 60 Seiten über sein Leben: Autobiographie
Für 12 €
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hier einige Auszüge:
Kindheit
Am 6.4.1930 wurde
ich in Frankfurt an der Oder in der Kleinen Müllroser
Straße geboren.Wie meine Mutter immer wieder betonte, war
ich ein Sonntagskind, sollte also besonders viel Glück im Leben
zu erwarten haben.
Küstrin
Mein Vater war
der Tischler Karl Franke aus Hohenwalde bei Frankfurt/Oder.Meine Mutter stammte aus Gnesen in der preußischen Provinz
Posen.Sie wurde im August 1925 von der neuen polnischen
Regierung aus Polen ausgewiesen, weil sie deutsche
Staatsbürgerin bleiben wollte.Nach der Heirat gab meine
Mutter 1929 in der bitter armen Inflationszeit das zusammen mit
zwei Geschwistern gegründete Lebensmittelgeschäft in
Frankfurt/O und Müllrose wieder auf.1931 zogen meine
Eltern nach Küstrin um, wo mein Vater eine Stelle als
Kassierer bei der Teerfabrik Max Veith in der Landsberger Straße
bekam.Dafür musste er eine Kaution bei der Firma
hinterlegen, die verloren war, als diese Firma in Konkurs ging.Es blieb nur die Dienstwohnung im Keller des Bürohauses, in der
wir noch einige Jahre wohnten.Ich war zwei Jahre alt, als
mein Bruder Jürgen geboren wurde.Ich freute mich zwar
darüber, hatte aber fortan immer die Pflicht, auf den
„Quaden“ aufzupassen.Als er einmal gegen einen
Briefkasten gelaufen war und mit blutender Kopfwunde nach Hause
kam, war ich natürlich der Schuldige.Meine Mutter,
gelernte Schneiderin, machte aus uns Anziehpuppen.Wir
trugen meistens Matrosenanzug und weiße Kniestrümpfe.Meine
erste Expedition führte in ein Loch in der Drehscheibe für die
Waggons der Teerfabrik.Anschließend sah der Anzug
entsprechend aus!Im Alter von drei Jahren wurde ich 1933
mit Keuchhusten und viel Ausschlag ziemlich krank.
Der Arzt schob
dies auf das Sumpfklima von Küstrin am Zusammenfluss von Oder
und Warthe.So wurde ich zur Schwester meiner Mutter, die
keine Kinder hatte, nach Köslin in Hinterpommern
geschickt.Ihr Mann war während des 1. Weltkieges
Oberfeldwebel in Gnesen gewesen und nun Stadtoberinspektor bei
der Kösliner Stadtverwaltung.Das Hobby meines Onkels war
die Fotografie, damals noch mit Glasplattenkamera und
Magnesiumbeutelblitzlicht.So wurde die gesamte
Verwandtschaft mit Bildern versorgt.In der Stadt spielte
er eine wichtige Rolle als Führer der Kriegerkameradschaft im
Kyffhäuserbund.Wenn er samstags in vollem Ordenschmuck
zum Appell ging, sagte Tante Trudchen stolz zu ihm: „Mann,
du siehst heute wieder wie ein Pfingstochse aus.“Das
zweite Hobby meines Onkels Fritz war das Angeln.Oft
mussten erst die Fische in einen Eimer umquartiert werden, wenn
ich abends in die Badewanne gesteckt wurde.
In den ersten
Jahren fuhren wir mit den Rädern nach Nedlin an der Heika, wo
das Wasser eines großen Stausees die Turbinen eines Kraftwerkes
antrieb, oder an den Jamunder See, wo ein Nachbar ein Segelboot
zu liegen hatte.Mir war angeln zu langweilig, weil man
dabei nicht sprechen durfte.Außerdem war ich wegen der
vielen Gräten kein Freund vom Fischessen.Ich ging lieber
mit Tante Trudchen auf Pilzsuche.Die ersten Jahre
hatte der Onkel für mich einen Kindersattel auf der
Fahrradstange, später bekam ich ein eigenes Kinderrad.Da
ich aber nicht vom Sattel bis zu den Pedalen reichte, wurde ein
Kissen um die Stange gewickelt.Manchmal fuhren wir auch
zum Baden nach Großmöllen an die Ostsee, mal mit dem Fahrrad,
aber auch mit der Straßenbahn.Die hatte auf der
Rückfahrt immer einen Anhänger mit Fischen angekoppelt.Später
haben sich Onkel Fritz und Tante Trudchen ein Auto angeschafft,
einen Opel-Kadett.Dadurch kam ich viel im Lande herum, mal
nach Kolberg oder zum Teufelsstein auf dem Friedhof von
Großtychow.Im Winter zogen wir mit dem Schlitten zum
Gollenturm.Wir hatten einen großen Bekanntenkreis.So
kam es auch manchmal vor, dass ich Onkel Fritz aus einer
Gaststätte abholen musste, wenn er „überfällig“ war.Einmal kam er angesäuselt nach Hause und bekam seine Predigt.Da sagte ich dann zu Tante Trudchen: „Warum todderst du denn
so viel mit ihm rum, er ist doch lustig?“Ich erinnere
mich auch noch, dass meine Mutter zu Besuch kam und ich auf ihr
Klingeln naseweis die Tür öffnete.Ich rief dann:
„Tante Trudchen, komm mal, da steht eine fremde Frau vor der
Tür“, worauf meine Mutter in Tränen ausbrach.
Wie alles im
Leben einmal zu Ende geht, so auch meine drei schönen frühen
Lebensjahre in Köslin.Als ich sechs Jahre alt wurde, da
lautete der Beschluss meiner Eltern, dass ich zum Besuch der
Schule wieder nach Küstrin zurückkehren sollte.Dafür
erhielt ich das Versprechen, in jedem Jahr meine Sommerferien in
Köslin verbringen zu dürfen.Als Abschiedsgeschenk bekam
ich von Tante und Onkel noch einen schönen Tornister aus
Vollrindleder, der meine acht Schuljahre durchhielt und später
in den Nachkriegsjahren noch meiner Cousine Sieglinde gedient
hat.So manchen Winter bin ich auf dem Heimweg aus der
Schule auf ihm die Rodelbahn heruntergerutscht.Zu Beginn
der Sommerferien wurde ich von meiner Mutter in Küstrin mit
einem Schild „Ferienkind nach Köslin“ um den Hals in
den Zug gesetzt.Der Schaffner sorgte dann in Stettin
dafür, dass ich in den richtigen Zug nach Köslin umstieg.In Stettin begeisterte ich mich immer an dem im Krieg
eingeschmolzenen Manzel-Brunnen, und sah gerne zu, wenn an der
Drehbrücke über die Oder die Schiffe durchfuhren.
Das erste
Schuljahr habe ich nicht unbedingt ernst genommen.Wir
mussten jeden Tag Schiefertafel, Schwamm und Griffel mit zur
Schule schleppen und lernten noch zwei Jahre lang die altdeutsche
Sütterlinschrift: auf , ab, auf, Pünktchen drauf, fertig ist
das i.Als wir später auf Schreibhefte und
Tintenfederhalter umstiegen, gab es schon manche Ohrfeige wegen
der Kleckse.Unser Lehrer Zimmermann hat uns getreulich die
vier Grundschuljahre hindurchgeleitet: streng, aber gerecht.Auf dem Schulweg mussten wir immer an der Verladerampe der Bahn
vorbei.Als dort einmal Soldaten verladen wurden, war es
für meinen Freund und mich so interessant, dass wir vergaßen,
zur Schule zu gehen.Zufällig kam mein Vater vorbei, nahm
uns beide aufs Rad und lieferte uns in der Schule ab.Ein
besonderes Erlebnis war es für mich, als einmal ein Zeppelin
über Küstrin schwebte...
1937 zogen wir
dann in die Landsbergerger Straße 6a über dem Restaurant
Hohenzollern.Die Häuserblocks gehörten dem Unternehmer
Kube.Wir wohnten im Hinterhaus im 4. Stock direkt unter
dem Pappdach.Im Winter war es lausig kalt, im Sommer vor
Hitze nicht auszuhalten.Da mussten wir als Kinder die
Kohleeimer die vier Treppen aus dem Keller hochschleppen.Für
fünf Familien gab es eine Toilette und einen Wasserhahn,
glücklicherweise neben unserer Wohnung.Zur
Waschküchengemeinschaft gehörten noch die Mieter des
Nachbarhauses.Zum Baden wurde abends eine Wanne in die
Küche gestellt und Wasser auf dem Kohleherd heiß gemacht. Das
gebrauchte Wasser wurde wieder mit Eimern in den Ausguss
gegossen.Wir hatten mit vier Personen nur zwei Zimmer und
so baute mein Vater für uns beide ein Doppelbett, um alle im
Schlafzimmer unterzubringen.Mein Vater war als
Lokomotivheizer auch nachts unterwegs und musste anschließend
tagsüber schlafen.Dann mussten wir immer leise sein.Das änderte sich erst, als er eine Stellung beim
Elektrizitätswerk am Bahnhof erhielt.Für mich war es
immer interessant, wenn ich ihm seinen Henkelmann mit dem
Mittagessen bringen musste...
Es gab viele Jungen in meinem Alter, und wir waren ständig
auf Entdeckungen aus.Schon der Park des Restaurants
„Hohenzollern“ bot ungeahnte Möglichkeiten, ebenso der
alte Friedhof und die Feuerwache gegenüber.Auf dem
Schießstand buddelten wir im Auffangsand nach den Bleikugeln der
Kleinkalibergeschosse, die wir als Munition für unsere
Gummischleudern benötigten.
Auch die ersten
Rauchversuche wurden hier unternommen.Die
Zigarettenautomaten waren damals noch nicht so sicher wie heute,
und nach heftigem Klopfen fiel schon mal eine Schachtel durch.
Hinter unserem
Park floss die Warthe, die oft Hochwasser führte.Wir
tobten dann viel auf den Flößen herum.Auch die Pioniere
mit ihren Pontonbrücken konnten uns begeistern.Besonders
bewundert habe ich den Mut der Pioniere, die mit langen Stangen
und Sprengladungen auf der Oder von Eisscholle zu Eisscholle
sprangen und die Packeisbarrieren vor den Brückenpfeilern
sprengten. Im Winter wurde der Kaiserkolk zum Schlittschuhlaufen
freigegeben.Auch die Brauereien ließen ihre Arbeiter hier
ihr Eis für den Eiskeller sägen.
Es gab viele
Höhepunkte im Jahr.Da waren die Sonnenwendfeiern in der
Altstadt, immer mit viel Trommlern und Fanfaren der Hitlerjugend.Da war der Tag der Wehrmacht in den Kasernen.Ich war
meistens bei den Pionieren oder der Artillerie, wo wir mit den
Geschützen mitfahren konnten.Die Infanterie hatte da
weniger zu bieten.Besonders in Erinnerung ist mir noch
eine Vorführung der Kosaken, die auf ihren flinken Pferden mit
Säbeln Tücher von der Erde aufhoben.Auch der 1. Mai mit
den Umzügen der Betriebe war für uns Kinder interessant,
besonders der Wagen der Norddeutschen Kartoffelmehlfabrik, von
dem aus man so einen weißen Fabrikzucker in die Menge warf.Im Sommer gingen wir oft ins Freibadan der Warthe zwischen
den beiden Bahnbrücken.
Ein schwerer
Knacks für meine junge Seele war der Tag nach der
„Reichskristallnacht“ am 10. November 1938.Ich
kam gerade vom orthopädischen Turnen, das mir der Arzt verordnet
hatte, da meine Körperhaltung nicht den damaligen Vorstellungen
entsprach: Bauch rein, Brust raus!Die Luft roch nach
Brand, und ich sah, dass die Synagoge abgebrannt war.Eine
große Volksmenge warf Steine gegen die neben der Synagoge
liegende Villa eines Rechtsanwalts.Mir wurde erklärt,
dort wohne ein Jude, ein Begriff, mit dem ich nicht viel anfangen
konnte.Ich inspizierte dann die rauchenden Trümmer der
Synagoge und fand in einer Ecke einen Haufen angekokelter
Bücher.Da mich Bücher schon immer interessiert haben,
nahm ich eins mit nach Hause.Mein Vater schimpfte
fürchterlich, was er damit solle, die Schrift könne doch kein
Mensch lesen.Ich entdeckte noch, dass auch am
"Stern" etliche Schaufensterscheiben eingeschlagen
worden waren.
Besonders lustig
fanden wir Kinder es, Zündblättchen auf die
Straßenbahnschienen zu legen, da diese beim Überfahren immer
laut knallten.Wir beobachteten das Ereignis natürlich
immer aus gehöriger Entfernung, denn es konnte auch passieren,
dass der Schaffner heraussprang und hinter uns herlief.Aber
auf dem dahinter liegenden Friedhof wussten wir besser Bescheid.
Am 1. September
1939 brach der Krieg aus.Ich saß abends am Fenster und
beobachtete aus dem vierten Stockwerk den Abendhimmel, wie die
Sonne hinter den Wolken unterging und sah in meiner Phantasie
einen Sarg und ein Schwert.Meine Mutter, die ja schon vom
1. Weltkrieg her Hunger kannte, schickte uns zu mehreren
Bäckern, um Brot zu kaufen.Als wenige Tage später
Lebensmittelmarken ausgegeben wurden, wurden die Brotrationen
für uns gekürzt.Bei einer befreundeten Familie Thomas
machten wir uns ein Stück Garten urbar.Der Mann fiel als
Feldwebel bei den Pionieren bereits in den ersten Kriegstagen.Auch unser Klassenlehrer wurde Soldat.Ich wurde für
fähig befunden, auf die Mittelschule in der Altstadt
überzugehen.Dort waren monatlich 10 Reichsmark Schulgeld
fällig, die meine Eltern nicht übrig hatten, jedoch von Onkel
Fritz anstandslos übernommen wurden, ebenso die
Straßenbahnmonatskarte.Auch die neuen Schulbücher
kosteten viel Geld.Mit mir gingen meine alten
Schulkameraden Siegfried Zedler und Friedrich Wilhelm Mollenbauer
zur neuen Schule.In der Altstadt eröffnete sich mir eine
völlig neue Welt, die Friedrichs des Großen mit den Kasematten.Oft ging ich sonntags in das unterirdische Museum mit den
Pyramiden aus Kanonenkugeln.Eindrucksvoll waren für mich
auch das Museum im Schloss und die Schlossfestspiele.Als
wir in der Schule von der Schlacht bei Zorndorf sprachen, setzte
ich mich sofort aufs Rad und glaube dort noch Spuren zu finden.Meine Zeit war jetzt sehr begrenzt, denn es gab viele
Hausaufgaben, vor allem das Pauken englischer Vokabeln, die meine
Mutter streng überwachte.Den Rest der Freizeit
beanspruchte „der Führer“.Trotz unserer
knappen Haushaltskasse wurde ich für meinen Stand als Pimpf
vorschriftsmäßig eingekleidet: Für den Sommer erhielt ich ein
braunes Hemd und eine kurze Manchesterhose: eine Handbreit über
dem Knie.Sie wurde von einem Koppel und einem
Schulterriemen gehalten.Das Koppelschloss trug die
Aufschrift „Blut und Ehre“.Am Ärmel trugen wir
ein Dreieck mit der Aufschrift „Gau Ost – Mark
Brandenburg.Ein schwarzes Halstuch wurde von einem
Lederknoten zusammengehalten.Es wurde genau festgelegt, ab
wann die Winteruniform zu tragen war: schwarze Skihose, am
Knöchel zusammengebunden, Skibluse und Skimütze.
In einem
Bodenraum der ehemaligen Kaserne in der Landsberger Straße
befand sich unser Kameradschaftsheim.Hier lernten wir das
Lesen von Landkarten und die Dienstorder.Der praktische
Teil spielte sich auf dem Hof ab.Bisher gute Freunde
bekamen eine „Affenschaukel“, rotweiß für
Jungschaftsführer, grün für Jungzugführer, rot für
Fähnleinführer und sollten uns zu tüchtigen Hitlerjungen
machen.Wir übten Antreten in drei Reihen, Marschieren und
richtig grüßen.Wer unangenehm auffiel, musste Kniebeugen
oder Liegestützen machen oder auf dem Bauch robben.Manchen
Sonnabend und Sonntag machten wir auch Fahrten in die Umgebung
mit Geländespielen, Reiterkämpfen und Völkerball.Nach
dem Willen des Führers sollten wir „zäh wie Leder, flink
wie Windhunde und hart wie Kruppstahl“ werden.
Küstrin als
Garnisonstadt hatte an der Zorndorfer Straße auch ein Lazarett
mit vielen Kranken und Verwundeten.Für deren Genesung
mussten wir Heilkräuter sammeln die auf dem Schulboden
getrocknet wurden.1940 war noch ein Jahr der Siege, und
nach jeder Sondermeldung im Radio mussten wir auf dem Schulhof an
der Oderbrücke antreten und bekamen eine Ansprache des Rektors
zu hören.Anschließend sangen wir das Deutschland- und
das Horst-Wessel-Lied und konnten danach wieder in die Klassen
zurückgehen.In der Knabenmittelschule waren wir aus allen
drei Stadtteilen (Neustadt, Altstadt und Kietz)
zusammengewürfelt, aber auch aus den umliegenden Dörfern.Ich erinnere mich noch an einen Lehrer, der immer ein Loch in der
Zeitung hatte, wenn er uns Arbeiten schreiben ließ.So
merkte er schnell und unauffällig, wer beim Nachbarn abschrieb.Er ließ auch unartige Schüler nach vorne kommen.Dann gab
es Hiebe mit dem Rohrstock auf die Handfläche.Einmal zog
jemand seine Hand weg, und unter dem Gelächter der Klasse schlug
er sich selber aufs Knie.Seitdem hielt er die Hand des
Opfers immer fest.
Gnesen
Im November 1941
zogen meine Eltern nach Gnesen um.Meine Mutter
freute sich, wieder in ihrer Heimat im Kreise ihrer Geschwister
zu sein.Bis auf zwei Schwestern, deren Männer in Berlin
gute Beamtenstellungen hatten, waren alle noch lebenden zwölf
Geschwister wieder zusammen.Mein Vater hatte in der
Volksschule eine Stelle als Hausmeister mit Dienstwohnung
bekommen.Die Wohnung hatte aber nur drei kleine Zimmer
für vier Personen.So erreichte ich es, dass ich wieder zu
den jetzt in Gnesen wohnenden Onkel Fritz und Tante Trudchen
ziehen durfte, die mit zwei Personen eine Vierzimmerwohnung und
noch zwei Zimmer auf dem Boden hatten.Onkel Fritz war
Standesbeamter und hatte auch die „Deutsche Volksliste
„ zu verwalten, die festlegte, wer Deutscher und wer Pole
war.So musste er auch seine Schwägerin und seinen
Schwager wieder zu Deutschen machen, die zusammen mit dem
Großvater das elterliche Geschäft in der Bromberger Straße in
der polnischen Zeit weitergeführt hatten.Im Dezember 1939
wurde meine Cousine Sieglinde Brummund geboren.Da Tante
Alma durch das Lebensmittelgeschäft mit polnischem Personal und
das Markeneinkleben sehr eingespannt war, gab sie Sieglinde auch
zu Tante Trudchen in Obhut.Dadurch wurde ich wieder
Babysitter.Einmal habe ich beim Spielen den Kinderwagen
umgekippt.Ich kam in Gnesen wieder auf die Mittelschule,
die anfangs neben der evangelischen Kirche in der
Friedrichstraße war.Dort wurde dann ein Internat für
auswärtige Schüler eingerichtet und wir zogen in die Schule am
Wasserturm um, was für mich zu einem sehr langen Schulweg durch
die ganze Stadt führte.Dadurch bekam ich trotz des
Krieges ein neues Fahrrad.Da wir ein Vierpersonenhaushalt
waren und auch einen großen Garten hatten, bekamen wir eine
polnische Haushaltshilfe, Helene Frankowski.Tante Trudchen
versuchte, ihr die deutsche Sprache beizubringen, musste aber
meistens polnisch mit ihr sprechen.Wir haben uns gut
verstanden, was ich von ihrer Nachfolgerin, Therese Wisnewski,
nicht sagen konnte.Helene musste dann in einen
Rüstungsbetrieb.Unter uns wohnte eine Familie Book, die
auch ihren Garten neben unserem hatte.Mit deren Tochter
Ursel habe ich viel zusammen gespielt.Als wir beide etwa
14 Jahre alt waren, wollte sie plötzlich nichts mehr von mir
wissen und ging nur noch mit ihrer Freundin Inge Reimann.Ich
hatte dann immer nur Umgang mit Jungen, mit Klassenkameraden und
welchen, die ich vom Jungvolk her kannte.Vom
Jungvolkdienst hielt ich nicht viel.Wir hatten unser Heim
in einer Baracke neben dem Arbeitsamt, mit einem großen freien
Platz, auf welchem wir ständig gedrillt wurden, meistens am
Mittwoch Nachmittag und fast jeden Sonntag.Es gab
Sportfeste und Parteiversammlungen, auf denen wir singen mussten.Einmal wurde mir wegen Befehlsverweigerung vor versammelter
Mannschaft Halstuch und Knoten abgenommen, weil ich mich
geweigert hatte, mit meiner frisch gewaschenen Uniform durch eine
Pfütze zu robben.In sehr übler Erinnerung ist mir auch
ein Ferienlager auf der Insel im Lettberger See.Wir
schliefen auf dem Dachboden einer Fischerhütte im Stroh.Als
Latrine diente eine Grube mit Donnerbalken.Eines Morgens
lag ein „Nachtwächter“ in der Nähe des Hauses.Da
hatte es wohl jemand nachts nicht mehr bis zur Latrine geschafft.Da sich niemand als Verursacher meldete, wurden wir alle den
ganzen Tag über die Wälle der alten Piastenburg gescheucht.Weil auch das Essen so miserabel war, sind dann nachts heimlich
einige über den See geschwommen und haben von einem Bauern aus
die Eltern angerufen.Es kamen dann viele Eltern, darunter
auch mein Vater.Er brachte mehrere Körbe voll
Johannisbeeren aus unserem Garten mit.Davon haben wir
jeder nur drei Trauben gesehen, den Rest verputzten unsere
Führer mit den BDM-Führerinnen, die für uns kochen sollten.Mein Vater hat dann meinen Bruder mit nach Hause genommen.Bei
mir half alles Betteln nichts, ich musste bis zum Ende aushalten
und sollte abgehärtet werden.
In der
Mittelschule war ich ein guter Schüler und brauchte mich nicht
besonders anzustrengen.Eines Tages hatte mein Onkel
erfahren, dass durch eine Schulreform die beiden obersten Klassen
abgeschafft werden sollten.Das war eine der Neuerungen,
die der Gauleiter Greiser in seinem Reichsmustergau einführte.Es gab dann nur noch eine achtklassige Hauptschule.Danach
sollten die Schüler Fachschulen besuchen, weil er hauptsächlich
Verwaltungskräfte auf unterer Ebene benötigte.Onkel
Fritz nahm dann Verbindung zu Direktor Dr. Schlau vom Gymnasium
auf und erreichte, dass ich überwechseln konnte.Leider
bekam ich kurze Zeit später eine schwere Krankheit, die ich mir
wahrscheinlich beim Baden geholt hatte: Lungen-, Rippenfell- und
Mittelohrentzündung.Im Krankenhaus Bethesda wirkte wegen
kriegsbedingter Personalnot nur der alte Sanitätsrat Anders, der
unsere Familie schon während des 1. Weltkrieges betreut hatte.Die heute schnell wirksamen Medikamente gab es damals noch nicht.
Onkel Fritz hat dann einen Krankenwagen bestellt und mich nach
Posen bringen lassen.Dort war ich mit vielen Verwundeten
zusammen auf einem Zimmer.Später kam ich ins
Kinderkrankenhaus, wo es langsam wieder aufwärts ging.Gerettet
hat mich wahrscheinlich eine Blutspende meiner Mutter.Meine
Mutter hatte sich in Posen ein Zimmer genommen und war jeden Tag
bei mir.Als Dank für meine schnelle Genesung hat sie mir
ihre goldene Armbanduhr geschenkt.Da meine Krankheit über
das Ende der Sommerferien hinaus dauerte, fehlten mir auf dem
Gymnasium die Anfangsgrundlagen in Latein und höherer
Mathematik.Die Vokabeln paukte dann Tante Trudchen mit
mir.Die Vokabeln, die ich nicht konnte, musste ich zehnmal
aufschreiben.Wir waren 50 Schüler in der Klasse, und es
herrschte Mäuschenstille.Wer nicht mitarbeitete, lief
bald im blauen Anzug als Lehrling rum.Meine
Lieblingsfächer waren Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Physik und
Chemie.Da sich die Ostfront allmählich auf Richtung
Heimat zu bewegte, häuften sich die Verwundeten in den
Lazaretten und unsere Schulen wurden geräumt, um als
Hilfslazarette zu dienen.Unsere Klasse wurde geteilt und
der Unterricht in Gaststätten, Gemeinderäumen und
Bahnhofswartesälen abgehalten.Unsere Lehrer, meist alte
Damen und Herren aus der Kaiserzeit, mussten in den Pausen quer
durch die Stadt rasen.War nachts Fliegeralarm, brauchten
wir am nächsten Morgen erst zwei Stunden später zum Unterricht
kommen.Am 25. März 1944 wurde mein Vater Soldat und kam
zu einer Kraftfahrereinheit, die im Spessart Holz für die
Holzgasgeneratoren fällte.In den letzten Kriegstagen kam
er wegen Magenbeschwerden nach Prag in ein Lazarett, von wo aus
er dann in russische Gefangenschaft nach Sibirien gebracht wurde.Wir Jungen stürzten uns nach seiner Einberufung sofort auf seine
Werkzeugkiste, die wir vorher nur bewundern durften.Meine
Mutter musste mit einem polnischen Hausmeister und einem
polnischen Dienstmädchen die Volksschule in Ordnung halten und
die tägliche Milch an die Schulkinder ausgeben.Ich hatte
jeden Tag von den Feldrändern Kaninchenfutter herbeizuschaffen
und wöchentlich die Kaninchenställe auszumisten.Onkel
Fritz war der Ansicht, dass ich auch musikalisch werden müsste,
da er leidenschaftlich gerne Zither spielte.Ein Klavier
hatte mir zu viele Tasten, und so entschied ich mich für die
Geige.Mein Lehrer war eine Kapazität, nämlich der
Domorganist, den Onkel Fritz einige Zeit zuvor vom Polen zum
Volksdeutschen gemacht hatte, damit er seine Stellung behalten
konnte.Ich konnte inzwischen einige Volkslieder
mittelmäßig spielen, hatte aber nach einigen Monaten keine Lust
mehr.Viel lieber kletterte ich in den Türmen des Domes
herum, der den ganzen Krieg über geschlossen und Baustelle war.Auch den Stadtförster hatte Onkel Fritz zum Volksdeutschen
befördert, und dafür gab es dann gelegentlich auch mal einen
Hasen.Gehungert haben wir während des Krieges jedenfalls
nicht.Wenn es zum Mittag Schwarzsauer gab, oder
„nackte Mäuse“, rohe graue Kartoffelklöße, habe ich
manche Tracht mit der Klopppeitsche eingesteckt und musste
hungrig vom Tisch aufstehen.Ich bin dann zu Tante Alma
gefahren und habe mit Vetter Ulli Wettessen gemacht, wobei ich
einmal mit 13 Schmalzstullen
Sieger blieb.Bei mir machten sich inzwischen auch
die Flegeljahre bemerkbar, die Onkel Fritz als ehemaliger
pommerscher Feldwebel mit seinem eisernen Gewehrreinigungsstock
und der siebenstriemigen Klopppeitsche mehr oder weniger
erfolgreich bekämpfte.Einmal hatte ich mich nach seiner
Ansicht nicht richtig gekämmt.Er ging mit mir zum Friseur
und ließ mir eine Glatze schneiden.Meine stolze
Hitlertolle mit linkem Seitenscheitel sank auf den Fußboden.Ich habe dann täglich sein Haarwuchsmittel (Klettenwurzelöl)
mit benutzt und hatte bald wieder meine alte Haarpracht.Seine
ständigen Begleitworte waren: „Du kannst bei mir das
Himmelreich auf Erden haben, aber parieren musst du!“ und:
"Du musst mit den Augen stehlen und jedem das Seine
lassen." Wir haben zusammen stundenlang Holz gesägt
und bei den gemeinsamen Spaziergängen hat er mir viel erklärt.Ansonsten haben wir uns gut verstanden und waren mit Patti,
Manni, Putti und Moppel (Begriffe, die meine Cousine Sieglinde in
ihrer Kindersprache geschaffen hatte) eine prächtige Familie.Onkel Fritz nahm mich auch mit, wenn der Kyffhäuserbund seine
wöchentliche Schießübung mit Kleinkalibergewehren hatte.Ich musste dann im Unterstand die Treffer anzeigen.Anschließend
durfte ich auch selber schießen.Das führte dazu, dass
ich beim Jugendwettbewerb in Gnesen den zweitbesten Platz holte.Auch Pistolenschießen hat er mir beigebracht.Einige Male
bin ich auch zum Konfirmandenunterricht gegangen, aber bald ließ
uns der HJ-Dienst dazu keine Zeit mehr.An einem
Sonntagvormittag mussten wir im Stadttheater antreten.Wir
mussten auf der Bühne einige Lieder singen, mehrere Reden
anhören und bekamen dann ein Sparbuch mit 5 Reichsmark Guthaben
in die Hand gedrückt.Onkel Fritz erklärte mir später,
dies sei meine Jugendweihe gewesen.
Im Sommer 1944
wurden wir vom Jungvolk in die Hitlerjugend übernommen.Dazu
fuhren wir mit dem Zug nach Posen, wo im Reichsgautheater extra
für uns eine Egmont-Aufführung gespielt wurde.Das war
sehr erhebend, wie die Schauspieler mit wehenden Fahnen und
Trommelwirbel über die Bühne zogen.Vom ewigen
Marschieren hatte ich die Nase voll und meldete mich zur
Motor-HJ.Da mussten wir dann jede Woche an einem
Nachmittag auf den städtischen Bauhofund haben ein
Motorrad auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt.1944
gab es noch einen schönen Sommer.Wir waren viel in der
Badeanstalt, und ich erwarb mein Fahrtenschwimmerzeugnis: 45
Minuten über den See schwimmen.Gelegentlich waren wir mit
dem Direktor Dr. Schlau auch mit dem Viererruderboot auf dem
Tremessener See, wo die Schule ein Bootshaus hatte.In
gewissen Abständen kamen auch die Werbeoffiziere der SS zu uns
in die Klasse und wollten uns als Nachwuchs anwerben.Aber
wir hatten dazu keine Meinung und meldeten uns geschlossen mit 14
Jahren als Offiziersbewerber des Heeres, um endlich Ruhe vor den
SS-Werbern zu haben.In den Ferien habe ich zusammen mit
meinem gleichaltrigen Vetter Ulli einen Sanitäterkursus im
Lazarett mitgemacht.Man hat uns dann weggejagt, weil wir
zu viele Dummheiten machten.Ullis Vater, früher
polnischer Soldat, war auch schon vor längerer Zeit zur SS
geholt worden.So mussten wir auch viel in Tante Almas
Laden helfen, etwa Sauerkraut stampfen und Kartoffeln abwiegen.Trotzdem blieb uns noch Zeit, die Bauern der umliegenden Dörfer
zu besuchen, die im Laden der Tante Kunden waren.Ich bin
da auch mal auf einem Ziegenbock geritten.
Zum Herbst 1944 gab es dann keine
Siegesmeldungen im Radio mehr, nur noch Nachrichten über
strategische Absetzbewegungen.Ulli musste mit seiner
Klasse der Volksschule in Richtung Osten und Panzergräben
ausheben.Wir vom Gymnasium blieben davon verschont.Weihnachten
1944 haben wir im Kreise unserer Verwandtschaft das Fest mit
Mohnkuchen und Mohnstriezeln gefeiert, jeden Feiertag in einer
der fünf Familien.Als einziger Mann war nur noch Onkel
Fritz zu Hause, der mit seiner Plattenkamera und Blitzlichtpulver
fotografierte.Wenn er dann anschließend bei rotem Licht
stundenlang die Bilder entwickelte, lag immer die Badewanne
voller Bilder oder sie hingen an der Wäscheleine darüber.Es war für uns Ehrensache, auch immer zwei Verwundete aus den
Lazaretten zu Weihnachten einzuladen.Im Januar 1945 wurde
es unheimlich kalt, und ich bemerkte, dass ganze Gruppen von
Pferdewagen in der Dunkelheit auf Nebenstraßen um die Stadt
herumgeleitet wurden.In der Zeitung hieß es, dass kein
Mensch seinen Platz verlassen dürfe und der Führer bald seine
Wunderwaffe einsetzen werde, die mit einem Schlage alle Feinde
vernichten würde.Onkel Fritz musste mit anderen nicht
mehr wehrfähigen alten Herren und ab 15jährigen Jünglingen
auch zum Volkssturm.Sie sammelten sich in einer
Gaststätte und erhielten einen Karabiner und eine Armbinde mit
der Aufschrift „Volkssturm“, dazu einige
„Hindenburglichter“ (ähnlich den heutigen Teelichtern)
und für drei Tage Marschverpflegung.Da Onkel Fritz
starker Raucher war, musste ich ihm noch 300 Zigarettenhülsen
mit Tabak stopfen.Etliche fielen davon auch für mich ab
und eine Zigarre habe ich auch probiert.Aber das waren
meine letzten Rauchversuche.
Flucht nach Wildau bei Berlin
Bis zum 19. Januar hatten wir noch
geregelten Schulunterricht, obwohl schon einige Mitschüler aus
den Dörfern fehlten.Dann hieß es plötzlich:
„Gnesen muss geräumt werden.“Tante Alma gab
Ulli und mir 1.000 RM.Wir sollten sehen, dass wir bei
einem befreundeten Gutsbesitzer Pferd und Wagen bekämen.Aber
der war schon per Auto geflüchtet.So packten wir einige
Taschen und gingen zum Bahnhof.Ich hatte meinen Tornister
mit Karabinermunition gefüllt und darum vorschriftsmäßig eine
Decke gerollt.Tante Trudchen hat dann die Munition
ausgeschüttet und dafür Wäsche eingepackt.Ich zog die
langen Stiefel meines Vaters an und den Pelzmantel von Onkel
Fritz.Auf dem Bahnhof stand ein Zug mit offenen
Güterwagen, der schon fast besetzt war.Die
Neuankömmlinge haben dann einfach Gepäckstücke rausgeworfen
nach dem Motte: Erst kommen die Menschen mit!Ich fand
einen Platz in einem leeren Bremserhäuschen, wo ich glaubte, den
Zug gegen Partisanen und Tiefflieger verteidigen zu müssen.Als der Zug sich in Bewegung setzte, waren die Russen schon vor
Posen, und wir fuhren einen Umweg nach Süden über Schlesien,
von Glogau an dann wieder nordwärts in Richtung Berlin.Die
Reise dauerte bei 20 ° Kälte mit Unterbrechungen zwei Tage und
zwei Nächte.Als meine Tante Anni mit ihrer dreijährigen
Ingrid einen Halt zum Austreten nutzen wollte, fuhr der Zug
plötzlich an, und sie blieben zurück.Auf dem nächsten
Bahnhof fuhren dann zwei Männer mit einer Draisine zurück und
holten sie wieder ab.Kurz vor Berlin türmten der
polnische Heizer und Lokführer, obwohl der Bewacher noch
hinterhergeschossen hatte.Unser Zug wurde dann von einer
Werkslokomotive der Schwarzkopfwerke auf ein Werkgleis in Wildau
gezogen, und wir wurden in Holzbaracken untergebracht.Unsere
Sippe bestand aus sieben Frauen und acht Kindern, wobei ich mit
14 Jahren der Älteste war.Tante Alma hat dann alle
Lebensmittelvorräte, die sie aus dem Laden noch mitgenommen
hatte, an alle Verwandten verteilt. Wir kamen
vorübergehend für etwa zwei Wochen in ein Barackenlager der
Lokomotivfabrik Schwarzkopf.Als erstes hat meine Mutter
den Lagerleiter darum gebeten, uns die Gewehre wegzunehmen.Dann wurden wir entlaust und ärztlich untersucht, auch auf
Läuse.Wir bekamen Lebensmittelmarken.Dieser
Zuwachs an Flüchtlingen stellte die kleine
Fabrikarbeitergemeinde von ca. 3.000 Einwohnern und zusätzlich
3.000 Fremdarbeitern vor gewaltige Versorgungsprobleme.Anschließend
wurden wir in Privatwohnungen untergebracht.Wir kamen mit
drei Familien (8 Personen) im Dachgeschoss der Villa des
Fabrikdirektors Stamm unter.Dort hatten wir es warm und
sogar eine kleine Küche.Toilette und Badewanne mussten
wir mit dem Direktor zusammen benutzen.Er war meistens im
Werk und seine Frau war schon „zu Besuch“ bei
Verwandten in Westdeutschland.Wir fünf Jungen, alle etwa
im gleichen Alter, begannen dann, die neue Umgebung zu erkunden.Die nachfolgenden Russen waren noch für einige Wochen an der
Oder aufgehalten worden.Meine Mutter bat den Direktor
Stamm, ob er mir nichteine Arbeit im Werk besorgen könne,
damit ich von der Straße käme. Sie meldete mich zur
Kaufmännischen Handelsschule von Dr. Großstück in
Königswusterhausen zum Abendkursus an.So fand ich mich
schon am nächsten Tag als Praktikant in Blauleinen in der
Lehrlingswerkstatt wieder.Als erste Arbeit musste ich
einen dicken Eisenklotz 1 cm rechtwinklig feilen, in meinen Augen
eine sinnlose Arbeit.Später kam ich an die elektrische
Eisensäge und musste von einem langen Rohr dünne Eisenringe
abschneiden.Die wurden dann in der Schweißerei zu
Panzerfausthaltern für die Fahrräder des Volkssturms
verarbeitet, die letzte Wunderwaffe des Führers gegen die
russischen Panzer.Jeder Werksangehörige bekam einen
Ausweis, den er dem Werkschutz beim Betreten und Verlassen des
Werkes vorweisen musste.Außerdem mussten alle Mitarbeiter
sichtbar in einer Hülle einen Button mit dem Namen und in der
Farbe ihrer Abteilung tragen.Niemand durfte ohne
Genehmigung eine fremde Halle betreten.Nachts haben wir
meistens im Keller oder im kurz zuvor erbauten Luftschutzstollen
geschlafen, da in und um Berlin herum viele Bomben abgeworfen
wurden.
Kriegsende
Am 2. April hörten wir dann das Donnern der
näherkommenden Kanonen und Panzer und gingen in den Stollen, 40
Meter tief unter der Erde.Bald darauf kam ein Trupp
deutscher Soldaten durch den Stollen, und meine Tante sagte zu
ihnen: „Macht, dass ihr wegkommt, die Russen sind schon
da.“Aber ein Soldat erwiderte: „Wir sind SS und
keine Wehrmacht, wir kennen keine Angst.“Kurz darauf
kamen dann die Russen und trieben uns nach draußen.Da
wurden alle Männer aussortiert.Mich wollten sie auch
mitnehmen, aber meine Mutter schimpfte auf Polnisch mit ihnen,
dass ich noch ein Kind sei, da ließen sie mich bei ihr.
Die Fremdarbeiter verließen ihr Lager und
plünderten den Ort Wildau völlig aus.Dann zogen sie in
ihre Heimatländer.Auch an Direktor Stamm, den die Russen
mitgenommen hatten, meinten sie Rache nehmen zu müssen, und
zündeten die Direktorenvilla an, die bis auf die Kellermauern
niederbrannte. Dadurch verloren wir auch noch die letzten
Kleidungsstücke und das Geschirr, das uns Tante Martha aus
Berlin gebracht hatte.Tante Hilda aus Berlin hatte selber
nichts mehr, da sie ausgebombt war und mit ihrer Familie in einer
notdürftig reparierten Ruine lebte.Die zweite
Plünderungswelle brach durch die russischen Nachschubsoldaten
mit ihren kleinen Panjewagen über uns herein.Da wurde ich
auch noch meine Stiefel los und musste ein freundliches Gesicht
dazu machen.Den Pelzmantel ließ man mir, weil der Mai
schon sehr warm war.Er hat mir in dem kommenden Winter als
Zudecke nachts gute Dienste geleistet.Wir wurden durch den
Bürgermeister bei einem älteren Ehepaar untergebracht, das uns
ein Zimmer abgeben und in seiner Küche kochen lassen mussten.Wasser und Strom gab es nicht.Zur Verrichtung unserer
Notdurft mussten wir in die Büsche der Dahmewiesen gehen.Onkel
Fritz und Tante Trudchen hatten es noch am besten getroffen, sie
wohnten allein in einer Gartenlaube.Hier tagte dann auch
regelmäßig der Familienrat, zog Bilanz und plante die weitere
Zukunft.Onkel Fritz hatte noch mit erfrorenen Füßen
flüchten und sich bis Wildau durchschlagen können.Onkel
Alfred war mit Pferd und einer Kutsche von Gnesen bis
Frankfurt/Oder und die letzten 100 km zu Fuß nach Wildau
gekommen.In den letzten Kriegstagen wurde er noch nach
Hannover eingezogen und galt seitdem als vermisst.Onkel
Rudi galt schon längere Zeit nach Kämpfen mit Partisanen in
Jugoslawien als vermisst.Onkel Hermann war in
amerikanischer, mein Vater in Sibirien in russischer
Gefangenschaft.In Wildau kursierte das Gerücht, der
Bürgermeister soll zum sowjetischen Ortskommandanten gesagt
haben, er solle doch die vielen Schwarzmeerdeutschen wieder nach
Russland zurückschicken, besser auch gleich alle Flüchtlinge in
die Sowjetunion bringen, da er sie nicht ernähren könne.Daraufhin
haben wir eine zweirädrige Karre organisiert, unser Gepäck
darauf geladen und sind die 50 km nach Berlin gezogen.Unterwegs
brach ein Rad, und jeder musste bei der Hitze seinen Rucksack
selber tragen.So standen wir unverhofft bei Tante Martha
in Wilmersdorf vor der Tür.Glücklicherweise war ihre
Nachbarin verreist, und wir konnten deren Wohnung mitbenutzen, da
sie den Schlüssel bei Tante Martha abgegeben hatte.In
Berlin gab es für uns keine Zuzugsgenehmigung und keine
Lebensmittelkarten, und nun musste jeder seinen eigenen Weg
gehen.Tante Anni beschloss, mit ihren beiden Kindern in
den Westen zu gehen, ebenfalls Tante Else und Frau Schiewe, die
im Laden zusammengearbeitet hatten.Onkel Fritz und Onkel
Hermann übernahmen jeder eine 20 Morgen große Siedlerstelle des
aufgeteilten Gutes in Kotzen bei Rathenow, wo sie im Schloss
wohnen konnten.Tante Irma und meine Mutter beschlossen,
nach Frankfurt/Oder zu ziehen, wo sie hofften, bei Verwandten
unterzukommen.Wir fuhren die 80 km in zwei Tagen und eine
Nacht auf einem Güterzug, der mit demontierten Maschinen in
Richtung Sowjetunion rollte und wurden unterwegs ständig von
plündernden Polen und Russen belästigt, die meine Mutter mit
polnischen Schimpfwörtern verscheuchte.In Hohenwalde gab
es keine Möglichkeit für uns, da das Elternhaus meines Vaters
schon bis unters Dach voll belegt war.
Müllrose
Im Juli 1945 kamen wir in Müllrose
an, einer märkischen Kleinstadt südlich von Frankfurt von etwa
2.000 Einwohnern.Bei einer Schwester meines Vater, die
zwei kleine Kinder hatte, fanden wir eine Unterkunft.So
wohnten wir mit acht Personen in zwei Zimmern und Küche.Der
Ort war bei Kriegsende von Zivilisten geräumt und
Hauptkampflinie gewesen.Die Brücke über den
Oder-Spree-Kanal war gesprengt, und die Russen hatten eine
hölzerne Notbrücke erbaut.Die Stadt selbst war nicht
zerstört, nur durch Plünderungen schwer in Mitleidenschaft
gezogen.Es gab kein Vieh und keine Lebensmittel für die
allmählich zurückflutendeBevölkerung.Glücklicherweise
wuchs in den Gärten schon etwas Gemüse, und aus den umliegenden
Wäldern sammelten wir Blaubeeren und Pilze, die meine Tante Anni
dann bei den Bauern gegen Getreide eintauschte.Das Korn
haben wir in der Kaffeemühle zu Schrot für eine Suppe gemahlen.Die Stadt lag an der Reichsstraße von Frankfurt/Oder nach
Beeskow und wimmelte von durchziehenden Menschen. Meistens
waren es entlassene deutsche Kriegsgefangene, die zu Fuß nach
Hause wollten, aber auch Flüchtlinge, die glaubten, wieder in
ihre Heimat jenseits der Oder zurückkehren zu können.Tante
Anni schaute immer auf die Straße, ob nicht ihr Mann unter dem
zerlumpten Volk wäre, das mühsam über die Hauptstraße
humpelte.Eines Tages brachte sie einen Schmied aus
Ostpreußen mit, der völlig entkräftet war.Unsere
Hausvermieterin, Frau Dornemann, genehmigte dann, dass Gustav
Snoek und ich in die leerstehende Gesellenstube auf dem Hof
einziehen durften.Dafür mussten wir beiden Männer den
ganzen Tag Holz sägen und spalten.Weil das Holz so schön
roch, beschloss ich, Tischler zu werden, wie mein Vater und
Großvater es auch waren.
Da ich mit 15 Jahren schon zur
arbeitsfähigen Bevölkerung gehörte, wurde ich als Gänsejunge
beim russischen Stadtkommandanten beschäftigt.Da bekam
ich wenigstens Essen.Auf der Weide hüteten andere Jungen
die Pferde, und wir sind dann ohne Sattel und Zaumzeug
umhergeritten...Inzwischen hatten wir nach vielen Gängen
zum Rathaus auch eine Aufenthaltsgenehmigung und
Lebensmittelmarken bekommen.
Tischlerlehre
Meine Mutter machte jetzt den Versuch, mir
eine Lehrstelle zu besorgen, was für einen dahergelaufenen
Flüchtlingsjungen nicht einfach war.Es gab in Müllrose
nur eine Tischlerei, die von Otto Heinze.Der Meister hatte
große Bedenken, einen Lehrling zu nehmen, da er nicht wusste, ob
er die Werkstatt behalten könne.Er musste auch
befürchten, dass die Maschinen ausgebaut und nach Russland
gebracht werden könnten.Da er aber meinen Großvater gut
gekannt hatte, der im Nachbardorf Hohenwalde Tischlermeister
gewesen war, und seine Tochter mit meinem Vater früher zusammen
im Mandolinenclub in Müllrose war, bekam ich die Lehrstelle
doch.So begann ich im August 1945 meine Tischlerlehre.Damals gab es noch keinen elektrischen Strom in Müllrose, da die
Russen gerade das Braunkohlekraftwerk Brieskow-Finkenheerd an der
Oder demontiert und nach Russland geschafft hatten.So
lernte ich, wie man Bretter mit der Handsäge und mit dem
Handhobel bearbeitet.Als es später wieder tagsüber
stundenweise Strom gab, musste ich jeden Tag einen Sarg bauen, da
es wegen der schlechten Versorgung und der kaum zu bekämpfenden
Krankheiten sehr viele Todesfälle gab.Die Hauptarbeit
entstand durch die Reparatur eingetretener Türen, die neue
Türfüllungen erhielten.Es waren auch viele aufgebrochene
Schlösser zu reparieren.Auch bei den Fenstern mussten die
abgefaulten Wasserschenkel erneuert werden, damit die
Glasscheiben wieder hielten.Als Material hatten wir nur
ausgeglühte Beschläge aus den Brandruinen oder alte Nägel, die
wir gerade klopfen mussten.Da die Russen in den Wäldern
Raubbau trieben und es auch viele Kriegsschäden gab, war das
Holz knapp.Eine meiner ersten Aufgaben war es, zusammen
mit einem Bauern eine Panzersperre vor Mixdorf auszugraben,
aufzuladen und zum Sägewerk zu fahren.Das waren gewaltige
Stämme, die wir mit zwei Mann und zwei Pferden mit Hilfe von
Wagenhebern und Ketten bewältigt haben.Der Tischler Otto
Heinze hatte für die damaligen Verhältnisse eine sehr moderne
Werkstatt.1940 waren die alten Maschinen mit Gasmotor und
Transmissionsriemen abgebrannt und durch moderne ersetzt worden,
die alle einen eigenen Elektromotor hatten.Inzwischen
waren auch die Gesellen aus der Gefangenschaft zurückgekommen,
und die Belegschaft bestand jetzt aus drei Gesellen und fünf
Lehrlingen.Auch der Bruder des Meisters, Karl Heinze, der
schon Rentner und von Beruf Schiffbauer war, half gelegentlich
mit, besonders beim Schärfen der Sägen und Hobelmesser und beim
Ausräumen der Toilette auf dem Hof, die von 16 Personen täglich
benutzt wurde.Einmal bekamen wir vom Forstamt im Sommer
eine Holzzuteilung in Biegenbrück zum Selberschlagen.Da
mussten wir mehrere Tage lang 10 km laufen und die Birken und
Kiefern mit Beil und Schrotsäge fällen.Ein Bauer hat die
Stämme dann mit seinen Pferden zum Kanal gezogen, wo wir ein
Floß daraus gebaut und es mit Stricken zum Sägewerk getreidelt
haben.Später mussten wir dann die Bohlen und Bretter auf
Pferdewagen aufladen und sie anschließend auf unserem Hof zum
Trocknen aufstapeln.Unsere wöchentliche Arbeitszeit
betrug 48 Stunden.Samstags arbeiteten wir bis 12 Uhr
mittags.Anschließend mussten wir Lehrlinge noch etwa zwei
Stunden die Werkstatt aufräumen und Brennholz sägen.Jede
Woche hatte einer der Lehrlinge Feuerungsdienst.Er musste
eine halbe Stunde früher in der Werkstatt sein und den Leimofen
anheizen, damit der Leim warm war, wenn die Gesellen kamen.Im Winter mussten auch noch die Einsätze für den großen
Späneofen gestopft und in die obere Werkstatt getragen werden.Der Maschinenraum zu ebener Erde hatte keine Heizung.Zu
unseren Gesellen hatten wir ein gutes Verhältnis.Sie
hatten alle drei früher beim Meister gelernt.Sie halfen
uns, manchen Pfusch wieder in Ordnung zu bringen.Das war
auch notwendig, denn Meister Heinze „schrieb eine gute
Handschrift“, wenn er morgens die Hobelbänke entlangging.Anschließend musste ein Lehrling mit ihm runter in den
Maschinenraum und beim Aufreißen und Zuschneiden der Fenster und
Türen helfen.Meistens nahm er mich mit.Wahrscheinlich
mochte er mich, weil ich in Küstrin zur Schule gegangen war und
er in seiner Jugend in Küstrin bei den Pionieren gedient hatte.Manchmal bekam ich auch zu hören: „Höhere Töchterschule
besucht, aber doofer als jeder andere!“Einmal bekam
ich eine Ohrfeige, dass ich lang über einen Bretterstapel flog,
weil der Anlasser der Hobelmaschine durchgebrannt war, obwohl ich
mir keiner Schuld bewusst war.Am anderen Tag sagte ihm
dann der Elektriker, dass die Ursache ein eingeklemmter Ast in
einer Walze war.
Oft forderten die Russen Arbeitskräfte bei
den Betrieben an, und der Meister hat dann natürlich uns
Lehrlinge geschickt.So haben uns im Frühjahr 1946 die
Russen auf Lastwagen geladen und nach Biegen aufs Gut gefahren,
wo wir mit etwa 100 Leuten mit Spaten den Acker umgraben mussten.Neben dem Stadtkommandanten gab es noch den Mühlenkommandanten,
der in Schmidts Villa residierte.Er wollte unbedingt
Frühbeete haben, und so mussten alle Bau- und Holzhandwerker ins
Speerlager und die Tore der Hallen und die verglasten großen
Fenster rausreißen und bei ihm im Garten daraus Frühbeete
bauen.In den Hallen bauten die Maurer dann Bassins zum
Einlegen von Gurken und grünen Tomaten.Da bekamen wir
wenigstens mehrere Wochen ordentliches Essen.Auch die
roten Tomaten durften wir essen, aber nichts mit nach draußen
nehmen.Einmal musste ich zwei Tage und eine Nacht
hintereinander mit einem Russenauto nach Frankfurt in das halb
zerstörte Rathaus mitfahren und dort Getreide umschaufeln, damit
es besser trocknen konnte.
Abends hatten wir noch oft Versammlungen zur
politischen Umerziehung.Außerdem wurde die Gewerkschaft
FDGB gegründet, in der wir alle Mitglieder werden mussten.Wer nicht Mitglied war, bekam keine Bezugscheine.So habe
ich einmal einen Bezugschein für eine Hose und einmal für ein
Paar Turnschuhe erhalten.Einmal habe ich mich bei der
Gewerkschaft über die zu lange Arbeitszeit für uns Lehrlinge
beschwert.Das gab natürlich Ärger.Aber die
Ursache meiner Beschwerde wurde abgestellt.Die 48 Stunden
Arbeit verteilten sich nun aufMontag bis Freitag.Am
Freitag durften wir zwei Stunden vor Feierabend mit dem
Aufräumen und Schneiden des Brennholzes beginnen.Dafür
hat der Meister dann am Samstagvormittag mit uns Technisches
Zeichnen geübt und uns über die verschiedenen Holzsorten
unterrichtet.Berufsschule hatten wir erst drei Monate vor
der Prüfung.Ein Lehrer unterrichtete die männlichen
Lehrlinge alle in einer Klasse: Zimmerleute, Maurer, Dachdecker
und Tischler.Die weiblichen Jugendlichen hatten Unterricht
bei einer Lehrerin.Der Unterricht fand im Jugendheim neben
dem Schützenhaus statt.Außer Rechnen und Rechtschreibung
und Informationen über die neuen sozialistischen
Errungenschaften haben wir dort nichts gelernt.Dann begann
ich mit meinem Gesellenstück, einem doppelten Kastenfenster.Im August fuhr ich nach Fürstenwalde zur Gesellenprüfung.Es wurden meistens politische Fragen gestellt. Meister
Heinze hat mich noch ein halbes Jahr als Geselle behalten.Dann
hat er uns mit zwei Gesellen entlassen und Ostern wieder zwei
neue Lehrlinge eingestellt.
Wir hatten inzwischen in der Frankfurter
Landstraße eine eigene Wohnung mit Stube und Küche für drei
Personen bekommen.Ich schlief in der Dachkammer, wo ich im
Winter entsetzlich fror, da wir nur ein paar Decken hatten.Schrot für die Suppe mussten wir morgens durch die Kaffeemühle
drehen und im gegenüberliegenden Wald Zweige und Tannenzapfen
zum Kochen suchen.Feuerholz gab es sonst nur, wenn es
irgendwo einen Waldbrand gegeben hatte.Meine Mutter nähte
für Bauern, damit wir etwas zum Essen bekamen.Ich habe
mir dann beim Stellmacher Lange einen Handwagen gebaut, damit wir
damit nach Hohenwalde und Biegen zum Kartoffelstoppeln und
Ährenlesen ziehen konnten.Unsere Wirtin hatte uns auch
ein Stück Garten zur Verfügung gestellt, aber auf dem weißen
Sand wuchs kaum etwas. So kam es immer zu einem Kampf um
den düngenden Inhalt der Toilettengrube auf dem Hof.Auch
die Pferdeäpfel auf der Straße wurden in einem Wettlauf unter
den Nachbarn eifrig gesammelt.Diese Pferdeäpfel waren
meistens rot, denn die Pferde bekamen fast ausschließlich rote
Rüben als Futter.Hafer war zu schade für sie, der wurde
mit im Brot verbacken.Fleisch gab es selten, außer
Pferdefleisch, davon auf Fleischmarken sogar die doppelte Ration.
1948 kam mein Vater aus russischer
Kriegsgefangenschaft zurück und war nur noch Haut und Knochen.Er sollte in den letzten Kriegstagen in Prag im Lazarett am Magen
operiert werden, wurde statt dessen von den sowjetischen
Befreiern mit nach Russland verschleppt und musste dort zwei
Jahre im Wald arbeiten.Er war nach seiner Heimkehr völlig
arbeitsunfähig und wurde dann endlich in Müllrose im
Krankenhaus (im ehemaligen Beamtenhaus an der Mixdorfer Straße)
operiert.Danach ging es ihm wieder besser.Wir
bekamen auch eine Zweizimmerwohnung bei Kanalmüller für 4
Personen, in der wir etwas mehr Platz hatten.Außerdem
hatten wir dort einen Stall, in dem wir Kaninchen halten konnten.Wir nutzten auch die Gelegenheit, von gestoppelten Zuckerrüben
Sirup zu kochen, wobei manche Nacht draufging.Mein Vater
fertigte Holzpantoffeln und tauschte sie gegen Lebensmittel ein.Ich lief in den Sommermonaten immer in aus alten Autoreifen
selbst gemachten Sandalen zur Arbeit, im Winter in
Holzpantoffeln, längere Zeit auch den weiten Weg bis zur
Heilstätte, die wir wieder renovierten.
Mein Bruder Jürgen hatte inzwischen auch
eine Lehrstelle bei dem taubstummen Schneider Hübner erhalten,
wo er sich aber nicht wohl fühlte.Sie war ihm vom
Arbeitsamt zugewiesen worden, und er musste sie annehmen.Nach
einem Jahr hatte er schon so viel gelernt, dass er mir aus einem
eingetauschten alten Russenmantel eine wunderschöne warme Joppe
für den Winter nähen konnte.Weil wir drei Männer keine
Oberhemden hatten, nähte meine Mutter uns
„Schmisetts“.Sie bestanden aus einem Stofflappen
mit Kragen und aufgenähter Krawatte.Man sah damit beim
Tanzen recht vornehm aus.Mit dem kulturellen Angebot war
es in Müllrose nicht weit her.An manchen Samstagen war
abends Tanz mit der Dreimannkapelle „Blitz“.Wenn
in Müllrose kein Tanz war, sind wir zu Fuß die 5 bis 10 km zu
den Dörfern Hohenwalde, Biegenbrück, Biegen oder Mixdorf
gelaufen.Die Kapelle und deren Instrumente wurden vom
jeweiligen Gastwirt per Pferdewagen abgeholt und wieder
zurückgebracht.Einmal war bei Fröhlich am Markt schon am
Sonntag gegen Nachmittag Tanz.Da haben uns die Russen dann
mit Lastwagen weggeholt und zur Heilstätte gebracht, weil dort
ein Waldbrand entstanden war, den wir mit Hilfe nasser Zweige
löschen mussten.Einmal im Monat war bei Fröhlichs im
Saal auch Kino.Meistens wurden russische Filme mit
deutschen Untertiteln gezeigt.Besonders spannend war immer
der Maskenball zu Silvester bei Lamms an der Schlaubebrücke,
wenn um 24 Uhr die Masken abgenommen werden mussten.Schön
waren auch die Tanzabende im Schützenhaus, obwohl es dort sehr
eng war.Einige Bauernjungs brachten dorthin ihren
selbstgebrannten Rübenschnaps mit und verteilten Kostproben.Wenn der Polizist zur Ausweiskontrolle kam, hüpften die
jüngeren Jugendlichen schnell aus dem Fenster, denn es waren
vorsorglich immer Wachen aufgestellt.Einige Jungs hatten
mit gefundener Munition gespielt, wurden verraten und mussten zur
Umerziehung für mehrere Jahre nach Russland.Am 1. Mai
mussten wir jedes Jahr auf dem Marktplatz antreten und lange
antifaschistische Reden anhören, aber den Nachmittag hatten wir
wenigstens zur freien Verfügung...
Nach meiner Kündigung durch den Lehrherrn
ergab eine Anfrage beim Arbeitsamt,dass in Müllrose keine
Arbeit zu bekommen war, ich deshalb nach Aue im Erzgebirge in den
Uranbergbau sollte.Daraufhin beschlossen mein Freund Edgar
Witzke und ich, dass wir in den Westen gehen wollten.Meine
Mutter war von meinem Plan begeistert, weil ihr eine Wahrsagerin
prophezeit hatte, dass sie einen ihrer Söhne verlieren werde und
sie Angst hatte, die Russen könnten mich eines Tages abholen.Mein Vater tobte: „Jetzt, wo du uns ernähren kannst, haust
du ab.Aber verlaust und verdreckt wirst du eines Tages
wieder nach Hause kommen.“Da mein Freund Edgar noch
einige Wochen auf seine Gesellenprüfung als Zimmerer warten
musste, meldete ich mich polizeilich zu meinem Onkel Fritz nach
Kotzen bei Rathenow ab, habe mich dort aber nie wieder
angemeldet.Kotzen war ein größeres Gutsdorf.Das
Gut war in Siedlerstellen für Flüchtlinge mit je 20 Morgen Land
aufgeteilt worden.Onkel Fritz und Tante Trudchen sowie
Onkel Hermann und Tante Alma hatten je eine solche Siedlerstelle
bekommen und wohnten mit anderen Familien zusammen in den großen
Zimmern des nach dem 30jährigen Krieg erbauten Schlosses.Zur
Bestellung der Felder hatten Onkel Fritz seinen Ochsen Anton und
Onkel Hermann ein Pferd zugeteilt bekommen.Zum Pflügen
wurden beide zusammengespannt.Später wurde das Schloss
abgerissen, weil nichts mehr an die Junkerherrschaft erinnern
sollte.Onkel Fritz baute sich im riesigen Pferdestall eine
Wohnung aus und benutzte die übrigen Gebäudeteile als
Stallungen und Scheune.Onkel Hermann riss die alte aus
Lehm gestampfte Gutsscheune zur Hälfte ein und baute aus alten
Ziegeln, Fenstern und Türen des Gutshauses ein Einfamilienhaus
und einen Stall für Pferd, Kuh und Schweine.Mein Vater
und ich waren öfter im Urlaub hingefahren, um beim Bau zu
helfen.Dort hatte es wenigstens immer satt zu essen
gegeben.Der gute Lehmboden lieferte bessere Erträge als
der Sand in Müllrose.So half ich denn auch jetzt etwa
vier Wochen lang dem Onkel Fritz bei den schweren Arbeiten, denn
er war damals auch schon 63 Jahre alt.Er bot mir an, mir
seine Siedlung zu vererben, verkaufen durfte er sie nicht.Doch
ich lehnte ab, weil wir beide darauf nicht existieren konnten und
ich ja auch andere Pläne hatte und etwas von der Welt sehen
wollte.Einmal fuhr er mit dem Rad nach Neunhausen und trug
mir auf, Anton anzuspannen und zum Kartoffelacker zu fahren,
wohin er eine Frau bestellt hatte, die den Anton beim Anhäufeln
führen sollte.Da er sehr spät zurückkam, hatte ich
zusammen mit der Frau bereits angefangen, die Kartoffeln
anzuhäufeln.Er staunte, dass der halbe Acker schon fertig
war, wenn auch die Furchen nicht seinen Vorstellungen eines
pommerschen Feldwebels entsprachen.Einige Jahre später
haben Onkel Fritz und Tante Trudchen heimlich ihr Haus verlassen,
um nach Westberlin zu flüchten, da sie aus gesundheitlichen
Gründen die Arbeit nicht mehr schaffen konnten.Er hat
dann eine gute Beamtenpension bekommen.
Go west
Inzwischen war auch mein Freund Edgar
eingetroffen, und wir kauften die Fahrkarten nach Oebisfelde.Bis ganz an die Grenze konnten wir nicht fahren, weil dort die
Bahnhöfe streng kontrolliert wurden.So stiegen wir eine
Station vorher aus.Wir haben dann mit unseren Rucksäcken
nachts den Weg zu Fuß gemacht und die Grenze erreicht, die
damals noch von Russen mit Hunden kontrolliert wurde.Eine
Grenzlinie war nicht zu erkennen, aber wir gingen immer in
Richtung Westen.Als wir meinten, weit genug von der Grenze
entfernt zu sein, legten wir uns übermüdet in eine Roggenstiege
und schliefen.Anschließend fragten wir einen Mann, wo es
zum Bahnhof gehe.Wir waren erleichtert, als er uns
bestätigte, dass wir im Westen seien.Wir kauften uns eine
Fahrkarte nach Hannover und wollten weiter zu meiner Cousine
Ursel nach Hessisch Oldendorf.Dort schliefen wir eine
Nacht auf dem Fußboden in der Küche, da sie zusammen mit ihrem
Mann auch nur in einer kleinen Wohnung der Schwiegermutter lebte.Ihr Mann Alfred, der bei der Stadtverwaltung tätig war, klärte
uns über die nötigen Formalitäten auf.Uns beim
Durchgangslager Uelzen zu melden, habe keinen Zweck, da dort
alles überfüllt sei und Niedersachsen keine Flüchtlinge mehr
aufnähme.Bessere Aussichten hätten wir in Wipperfürth,
da im Rheinland bessere Arbeitsbedingungen gegeben seien.Auf
dem Wege dorthin wollten wir noch in Warendorf Tante Else, eine
Cousine meiner Mutter, und Onkel Adolf besuchen.Sie waren
bei einem Bauern untergekommen.Onkel Adolf, früher
Hauptmann bei der berittenen Polizei, schlief in der
Knechtekammer auf der Diele über dem Pferdestall.Tante
Else hatte ein Bett in der Mägdekammer.Da die Polizei ihn
nicht wieder einstellen wollte, ging er vorzeitig in Pension.Nachdem wir mit Butterbroten und etwas Fahrgeld versehen worden
waren, fuhren wir am nächsten Tag nach Wipperfürth.Unterwegs
musste ich im Zug wohl eingeschlafen sein.Jedenfalls war
meine Brieftasche aus der Joppe weg!Anständigerweise
hatte der Dieb meinen Gesellenbrief zu meinen Eltern nach
Müllrose geschickt.Im Lager Wipperfürth wurden wir
registriert und bekamen einen Westausweis.Wir schliefen in
einem großen Saal auf Strohsäcken.Wenn wir zu Behörden
mussten, hat immer einer von uns auf die Rucksäcke aufgepasst,
die wir nachts unter dem Kopf hatten.Auf dem Arbeitsamt
sah es für Handwerker schlecht aus.So blieb nur die
Arbeit in der Landwirtschaft.Nach zwei Tagen nahmen wir
dann eine angebotene Stelle bei einem Bauern in Oberdrees bei
Rheinbach im Bonner Raum an.Wir waren enttäuscht, dass
Rheinbach so weit vom Rhein weg war.
Bauernknecht
Am 13. Mai 1949 kamen wir auf dem Bahnhof in
Rheinbach an und liefen mit unserem Rucksack nach Oberdrees, wo
ich mich auf dem Bauernhof K... meldete.Meine Unterkunft
war eine unbeheizte Kammer über dem Schweinestall.Das
Mobiliar bestand aus einem Bett, einem Schrank und einer alten
Treckerbank.Gewaschen habe ich mich unter dem kalten
Wasserahn in der Waschküche.Samstags wurde im
Schweinestall eine Holzwanne aufgestellt, ein Kessel Wasser heiß
gemacht, und man konnte zu einer festgesetzten Zeit baden.Frau
K... war Witwe.Ihr Mann war in den letzten Kriegstagen mit
dem Trecker auf eine Miene gefahren.Ihr Sohn Joseph war
etwas jünger als ich und spielte den Chef.Außerdem waren
noch die beiden Töchter im Hause.Die ältere Tochter war
Kriegerwitwe und hatte ihren Hof in der Altmark verloren, die
jüngere war mit einem Gutsbesitzer aus dem Nachbardorf
befreundet und hoffte, dass er sie heirate.Zur
„Herrschaft“ gehörte auch noch ein entlassener Soldat
aus Ostpreußen.Sein Vater war früher Hotelbesitzer
gewesen, und er hatte während des Krieges dort im Quartier
gelegen.Die Herrschaft aß die Mahlzeiten im Wohnzimmer
und wenn abgeräumt wurde, bekamen wir, Anna und ich, manchmal
auch noch Arbeiter aus dem Dorf in der Küche unser Essen.Anna
war Flüchtling aus Schlesien und hatte einen fünfjährigen
Jungen, der von einem Russen stammte.Ich hatte morgens die
vier Pferde zu putzen und zu füttern.Es waren schwere
Belgier, die hart arbeiten mussten, besonders beim Pflügen auf
dem schweren Lehmboden. Anschließend gab es Frühstück.Nach
dem Frühstück fuhren wir auf die Felder, um Futter für die
Kühe zu holen.Die Felder lagen sehr weit auseinander, da
Frau Kleefuß mehrere Hektar mit in die Ehe gebracht hatte.Die Kühe standen das ganze Jahr über im Stall, und das Jungvieh
lief auf dem Misthaufen herum und wurde dort gefüttert.Es
gab einen leichten Trecker, der aber nur zum Mähen des Futters
gebraucht wurde.Das Gemenge, Klee und Seradella, mussten
wir zusammenharken und auf einen einachsigen Wagen laden, der auf
dem Hof abgekippt wurde.Wenig begeistert war ich von der
Arbeit des Rübenverziehens.Es wurde mit der Hacke
vorgearbeitet und dann auf den mit alten Säcken umwickelten
Knien verzogen und nur eine Rübenpflanze stehen gelassen.
Sonntags gingen Edgar und ich zu Fuß nach
Rheinbach zur Kirche.Die evangelische Kirchengemeinde war
mit ihren Gottesdiensten in einer kleinen Klosterkapelle zu Gast.Inzwischen hatten wir uns aus alten Teilen ein Fahrrad
zusammengebaut und beschlossen, an den Rhein zu fahren.Wir
landeten in Remagen, wo mehrere Rheinschiffe am Ufer lagen und
auf Schleppdampfer warteten.Ich fragte einen Schiffer, ob
er nicht einen Matrosen gebrauchen könne.Er sagte ja,
aber dann müsse ich spätestens in zwei Tagen anfangen, weil
dann der Dampfer käme.Auch für Edgar war auf dem
Nachbarschiff eine Stelle frei geworden, und wir fuhren
glücklich nach Oberdrees zurück.Als ich kündigte, gab
es mit Jupp Kleefuß eine handgreifliche Auseinandersetzung, die
seine Mutter aber dann schlichtete.Ich nahm Abschied von
meiner Kammer mit den russischen und polnischen Beschriftungen an
der Holzwand und schrieb an einer freien Stelle das Goethe-Zitat
hinzu: „Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht, wer
sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht.“Dann
fuhren wir mit dem Bus nach Remagen, weil Jupp mir das Rad
weggenommen hatte.
Rheinschiffer
Mein Schiff hieß „Helene“, war
etwa 70 Jahre alt und konnte 1.200 Tonnen laden.Da es
mehrere Helenen gab, musste der Heimathafen Altrip, ein kleines
Dorf am Oberrhein, hinzugefügt werden.Es gehörte einem
Reeder in Gernsheim, der es von seiner Mutter Helene geerbt
hatte.Diese Schiffseigner nannte man im Gegensatz zu den
großen Reedereien mit mehreren Schiffen Partikuliere.Im
hinteren Teil des Schleppkahns wohnte Schiffmann Otto Müßig aus
Hasmersheim am Neckar mit seiner Frau, und vorne wohnte ich
zusammen mit dem Matrosen Wilhelm Trunk aus Bad Dürkheim, wo
auch seine Familie lebte.Die Arbeit war sehr vielseitig,
und ich habe viel Neues hinzugelernt.Wir kochten beide
immer wöchentlich abwechselnd.Ich wurde wegen der Größe
des Schiffes zwar als Matrose geführt, bekam aber nur den Lohn
eines Schiffsjungen.Die erste Zeit gab es noch
Lebensmittelmarken, aber bald konnte man alles frei kaufen –
wenn man Geld genug hatte.Ich war ein Jahr auf der
„Helene“ und bin siebenmal den Rhein rauf und runter
gefahren und interessierte mich für alle Städte und Burgen, die
ich vom Schiff aus sah.Wir haben in Duisburg oder manchmal
auch in einem Kanalhafen Kohle geladen.Öfter mussten wir
wegen der niedrigen Brücken das Steuerhaus abbauen.Es
waren schlechte Zeiten für die Schiffer, und wir haben oft drei
Wochen auf Ladung gewartet.Dann wurden wir von einem
kleinen Hafendampfer auf den Rhein geschleppt und haben dort
Anker geworfen, bis genügend Schiffe für einen Schleppzug
beisammen waren.Es kam dann der Raddampfer vorbei und gab
jedem Schiff ein Schleppseil, das an den vorderen Pollern
festgemacht wurde.Wenn der Dampfer dreimal tutete, ging
die Fahrt los, und wir mussten den Anker hochwinden.Nachts
ruhte der Verkehr auf dem Rhein. Tagsüber musste ich
entweder steuern, anstreichen oder zusammen mit dem Matrosen mit
Hilfe eines Eimers an einer Leine und eines Schrubbers das Deck
waschen.Ich lernte Backbord und Steuerbord zu
unterscheiden, in Steuerbord ist ein r enthalten, also rechts in
Fahrtrichtung mit grünem Licht.Außerdem war der Schlager
populär: „Das rote Licht an Backbord ist die Liebe, das
grüne Licht an Steuerbord das Glück“So ging die
Fahrt bis St. Goar, wo wegen der Hungersteine im Fahrwasser ein
Lotse an Bord kommen musste.Er fuhr bis Kaub mit, wo durch
das Binger Loch ein anderer Lotse an Bord kam.Dabei
erfuhren wir immer Neuigkeiten, da wir an Bord weder Zeitungen
noch Radio hatten.Es waren 1949 und 1950 sehr heiße
Sommer und der Rhein führte wenig Wasser, so dass wir das Schiff
nicht voll beladen konnten.Normalerweise hat der Rhein auf
100 m einen Meter Gefälle.Im Binger Loch beträgt das
Gefälle jedoch auf zehn Meter einen Meter.Da wurde der
Schleppzug aus etwa sechs Schiffen geteilt, oder wir bekamen
einen zweiten Dampfer als Vorspann.In die zwei
Felsbarrieren beim Mäuseturm am Binger Loch hat man für die
Bergfahrt zwei Löcher von 10 m Breite gesprengt.Die
Talfahrt ging nebenan durch das „Neue Fahrwasser“,
wegen der besseren Steuerungsmöglichkeit immer mit vier Schiffen
gleichzeitig, jeweils zwei parallel aneinander vertäut.Einmal
hatte sich das Schiff vor uns losgerissen, weil sich ein Seil in
unsichtbaren Brückentrümmern verfangen hatte.Unser Kahn
bekam am Bug eine Beule und musste für mehrere Wochen in eine
Werft.Im Winter hatten wir immer genug Kohle zum Brennen
an Bord.Manchmal tauschten wir auch welche bei Winzern
gegen Wein ein.Neujahr lagen wir in Gernsheim, und ein
Matrose von einem anderen Schiff unseres Reeders nahm mich mit zu
sich nach Hause.Dort gab es Wellwurst und jungen Wein,
dessen Wirkung ich noch nicht kannte.Es ist mir heute noch
ein Rätsel, wie ich die schmale Planke ohne Geländer wieder
heil an Bord gekommen bin.Da wir wegen des Eisgangs nicht
fahren konnten, musste ich draußen bei 10° Kälte Rost klopfen.Ich lebte sehr sparsam und wollte mir endlich meinen ersten Anzug
kaufen.Da das Geld aber nicht reichte, gab mir der
Schiffsmann einen Vorschuss, den ersten in meinem Leben.Ich
hatte zeitweilig auch einen Hund zu versorgen, der mir zugelaufen
war, aber eines Tages auch wieder verschwand.Bei einem
Gespräch mit dem Schiffer eines in Duisburg neben unserem
liegenden Schiffes bot der mir höheren Lohn an.Der
Schiffer der Helene meinte, ich müsse erst noch die Reise bis
Ludwigshafen mitmachen, weil er so schnell keinen Ersatz bekomme.Von Ludwigshafen aus bin ich dann mit dem Zug nach Duisburg
zurückgefahren und musste auch noch für meinen Hund den halben
Fahrpreis entrichten.Dort sagte mir dann jedoch der
Schiffer, dass er mich nun so schnell doch noch nicht gebrauchen
könne.Da stand ich nun ohne Wohnung und ohne Arbeit.Einige Nächte kam ich bei Verwandten eines Matrosen auf dem Sofa
in der Küche unter.Dann lernte ich einen Matrosen kennen,
der beschlagnahmte belgische Schiffe in einem abgelegenen
Hafenbecken bewachte.Der bot mir an, dass ich auf einem
dieser Schiffe übernachten könne, wenn ich ihm etwas bei seiner
Arbeit hülfe.Ich ging jeden Tag zum Arbeitsamt und fragte
nach einer freien Stelle.
Eines Tages hatte
ich Glück und konnte auf dem Hafendampfer „Luise“ von
Ruhrort anfangen,einem schon reichlich betagten Schiff von
etwa 80 Jahren.Es gehörte dem Reeder Hermann Kawater.Der stand den ganzen Tag zusammen mit anderen Reedern vor dem
Haus des Schifferbetriebsverbandes und wartete auf eine
Schleppfahrt.Vorne im Schiff war die Kapitänskajüte des
Kapitäns Laux.Er benutzte sie aber nur zur Mittagsruhe,
da er nachts zu Hause schlief und jeden Morgen mit dicker
Aktentasche an Bord kam.In der Tasche hatte er sein
Kochgeschirr und die Brote für den Tag.Man nannte diese
Sorte Schiffsführer immer etwas herablassend
„Henkelmannkapitäne“.Ansonsten saß er fast den
ganzen Tag zusammen mit anderen Kapitänen in einem der
Steuerhäuser und diskutierte.Wir beide hatten öfter
Meinungsverschiedenheiten, da mir sein herablassender Kommisston
nicht gefiel.Mit dem Maschinisten Grundmann verstand ich
mich gut.Er war früher auf großen Dampfern in der ganzen
Welt herumgekommen und konnte spannend erzählen.Er wohnte
außerhalb von Duisburg und kam jeden Tag mit einem Moped zur
Arbeit.Am Markttag hatte er einen Anhänger mit Gemüse
dahinter und brachte auch seine Frau mit, denn sie hatten zu
Hause eine Gärtnerei.Der Maschinist erklärte mir die
vielen Leitungen und Ventile, und einmal haben wir eine Nacht
lang die ganze Dampfmaschine auseinandergenommen, weil ein Lager
erneuert werden sollte.Am nächsten Tage musste das Schiff
ja wieder fahrbereit sein.Meine Aufgabe war es, die Kohle
zu beiden Seiten des Kessels vorzuholen und ins Feuerloch zu
werfen, damit immer genug Dampf vorhanden war.Eine
Toilette gab es auf der Luise nicht.Das Geschäft wurde
auf der Kohlenschippe erledigt und dann ins Feuer geworfen.Wenn wir im Hafen lagen, musste ich das Schiff mit Schrubber und
Wassereimer waschen oder mit Teer oder Farbe streichen.Wenn
wir schleppten, musste ich die Schleppseile einhängen, beim
Steuern helfen und vor den Brücken den Schornstein schnell
umlegen und anschließend wieder hochziehen, damit nicht zu viel
Rauch ins Steuerhaus kam.Viel zu fahren gab es in den
ersten Nachkriegsjahren nicht, gelegentlich mal ein Kiesschiff
von der anderen Rheinseite oder ein Kohleschiff aus den
Rheinhäfen.Unseren größten Auftrag hatten wir in Wesel,
wo wir den Engländern beim Manöver halfen, als sie eine
Pontonbrücke über den Rhein bauten.Als an einem Sonntag
die Arbeit ruhte, packte mich die Abenteuerlust, und ich bin
über den Rhein geschwommen, der hier bei Wesel ziemlich breit
war und eine starke Strömung hatte.Bei Mainz hatte ich
den Rhein schon einmal schwimmend überquert.Die Abende
alleine an Bord waren ziemlich öde für mich.Ich bin dann
manchmal nach Duisburg gelaufen und habe mir Schaufenster
angesehen und mir ein Bier getrunken.
Auf der Walz
Nachdem ich ein
Jahr lang den Rhein kennen gelernt hatte, interessierte mich auch
die Nordsee.Ich wusste allerdings nicht, dass es mit
Arbeit in Niedersachsen und Schleswig-Holstein wegen der vielen
Flüchtlinge viel schlechter aussah, als im Ruhrgebiet.
So kaufte ich mir
für 20 DM ein gebrauchtes Fahrrad und fuhr in Richtung Norden
los, pro Tag etwa 20 km.Nach einigen Tagen war der
Hinterradreifen hinüber.Ich wog ja nicht viel, aber der
schwere Rücksack drückte hinten auf das Rad.Geld hatte
ich nicht, aber noch eine Büchse Kakao, die mir ein englischer
Soldat während unseres Manövereinsatzes in Wesel geschenkt
hatte.In jedem Ort zeigte ich bei den Tischlern meinen
Gesellenbrief vor und fragte nach, ob sie Arbeit für mich
hätten.
Wenn sie keine
Arbeit hatten, bat ich um eine Scheibe Brot und ein Zehrgeld, wie
es Handwerksbrauch war.Meistens bekam ich eine oder zwei
Mark.Nachts schlief ich in Roggenstiegen, denn es war ein
warmer Sommer, oder auch mal in einem Spritzenhaus, wo immer
einige Pritschen vorhanden waren.So kam ich bis Cuxhaven,
wo ich in der Jugendherberge Unterkunft fand, die damals in der
Festung Kugelbake untergebracht war.Ich besuchte dann
meine Cousine Gerlinde Arndt, die inzwischen von Berlin nach
Cuxhaven umgezogen war und hier den Segelmacher Herbert Blohm
geheiratet hatte.Durch die Heirat und wegen ihrer Tochter
Ingrid hatten sie eine klitzekleine Neubauwohnung erhalten, denn
Cuxhaven war als ehemaliger Hauptmarinestützpunkt größtenteils
zerstört gewesen.Auch im Hafen sah es traurig aus, da die
Schiffe entweder versenkt oder an die Engländer abgeliefert
worden waren und die Werften nur die nötigsten Reparaturen
durchführen durften.Für alles mussten die Engländer
ihre Genehmigung erteilen.Gerlinde begleitete mich noch
zur Elbfähre nach Brunsbüttel und schenkte mir das Fahrgeld.Auf der anderen Elbseite fuhr ich mit der Kanalfähre über den
Nordostseekanal, von dem wir im Erdkundeunterricht einen Film
gesehen hatten, in dem mich besonders die 30 m hohe
Eisenbahnhochbrücke bei Rendsburg mit ihrer Schleife beeindruckt
hatte. In einem Ort gefiel mir ein Kriegerdenkmal auf dem
Markt mit dem Spruch: „Wanderer, der du hier verweilst,
falte still die Hände, denke, eh du weitereilst, einmal an dein
Ende.Suchst du eigenen Gewinn, wirst du rastlos wandern.Diese gaben alles hin für die Not der Andern.“Auch
vom Freiheitskampf der Dittmarscher Bauern gegen die Eiserne
Garde des Erzbischofs von Bremen hatten wir im
Geschichtsunterricht gehört, und so besuchte ich die
„Dusenddüwelswarft“.So kam ich bis Heide, wo
eine Schwester und die Mutter meiner Tante in Hohenwalde wohnten,
die ich schon in Müllrose kennen gelernt hatte.Dort
machten wir mit den Fahrrädern Ausflüge zu den Kögen im
Wattenmeer und zum Großsteingrab in Albersdorf, von denen ich
schon im Erdkundeunterricht gehört hatte.In
Friedrichsstadt, einer freundlichen Holländersiedlung, hatte es
mir die Pumpe auf dem Marktplatz angetan, die auf jeder Seite
einen Spruch trug.In Erinnerung geblieben ist mir:
„Drink all dag Water und holt sik rin, so ward sik de Engeln
in Himmel frien.“Dann fuhr ich weiter nach Husum, wo
ich mich für Theodor Storm und das Nissenmuseum, das ein reich
gewordener Auswanderer seiner Heimatstadt gestiftet hatte,
interessierte.Von Husum radelte ich nach Flensburg an die
Ostsee und fand eine schöne, völlig unzerstörte Stadt.Hier
war der Krieg mit der Kapitulation durch Dönitz zu Ende
gegangen.Ich fuhr wieder in Richtung Süden und kam nach
Rendsburg, wo es mir das Lornsen-Denkmal antat, das nach dem
deutsch-dänischen Krieg 1864 errichtet worden war.Als
Küstriner Schüler hatten wir viel von Pionier Klinke gehört,
der sich bei der Erstürmung der Düppeler Schanzen selber mit
dem Pulver in die Luft gesprengt hatte, weil man vergessen hatte,
eine Lunte mitzunehmen.Jetzt musste ich wieder über den
Kaiser-Wilhelm-Kanal und benutzte dazu die Hängefähre unter der
Eisenbahnbrücke.Bis auf den heutigen Tag sind alle
Kanalfähren kostenlos zu passieren, weil der Kanal bei seiner
Erbauung die bestehenden alten Straßenverbindungen durchtrennt
hatte.So landete ich schließlich in Hamburg.Aber
die Stadt war damals noch ein einziger Trümmerhaufen.Die
dortige Jugendherberge war ein Dreckstall.Als ich mich
beim Herbergsvater darüber beklagte, entgegnete er mir, ich
solle mich an die Stadtverwaltung wenden, die zögere einen
geplanten Neubau seit Jahren hinaus.Hamburg hielt mich
nicht lange.Ich fuhr weiter südwärts nach Hannover.Unterwegs lernte ich einen Kumpel kennen, der mir zeigen wollte,
wie man schneller vorankommt, indem man sich an die damals noch
recht langsam fahrenden Lastautos anhängt.Nach etwa zwei
Stunden hatte ich ihn überholt, weil sich inzwischen die Polizei
mit ihm unterhielt.Hannover war auch schwer zerstört und
gefiel mir auch nicht.So kam jetzt der für mich
schwierigste Teil meiner Wegstrecke über den Deister, wo ich
mein Rad viele Kilometer bergan schieben musste.Bis nach
Springe ging es dann wieder bergab, und dann kam kurz vor
Altenhagen noch mal ein kleiner Berg.Ich schob mein Rad
durch das Dorf Altenhagen I, das am Hang des Kleinen Deisters lag
und suchte nach Tischlereien.
Wieder sesshaft
Ich wollte wieder meinen Spruch aufsagen,
als Tischlermeister H. P. mir entgegnete, er wolle noch einen
Gesellen einstellen.Einige Wochen schlief ich über der
Werkstatt im Stroh und ging dem Bürgermeister wegen eines
Zimmers laufend auf die Nerven.Eines Tages erhielt ich ein
kleines Dachzimmer bei Familie Hölscher in der Siedlung
außerhalb des Dorfes für 10 DM Miete monatlich.Die
Siedlung war zwar der Wasserleitung angeschlossen, aber der Druck
reichte selten.Ich begann, meinen Hausstand einzurichten.Von der Gemeinde bekam ich ein Bettgestell und einen Strohsack.Vom Kaufmann erbettelte ich zwei leere Marmeladeneimer, einen
für Trink-, den anderen für Schmutzwasser.Nach der
Arbeit ging ich an den Bach, der vom Katzberg herunterkam,
schöpfte mit einer Konservendose Wasser und goss es durch ein
Tuch in meinen Eimer, damit nicht zu viele Wassertierchen in
meinen Haushalt kamen.Ich kaufte mir zwei billige
Wolldecken, nähte sie zusammen und stopfte sie mit Hobelspänen
zu einer wärmenden Zudecke, die natürlich mächtig staubte.Mein Stundenlohn war nach „Haustarif“ festgesetzt und
belief sich auf 72 Pfennig, weniger als der Lohn einer
Fabrikarbeiterin, die in den Stuhlfabriken 75 Pf bekamen.Mittagessen
erhielt ich bei der Mutter und Schwester des Meisters, die einen
gemeinsamen Haushalt führten.Dafür ging schon über die
Hälfte meines Verdienstes weg.Die Tochter meiner
Wirtsleute wollte heiraten und versuchte, mein Zimmer für sich
frei zu bekommen.Sie wollte mir allerhand „gute
Partien“ unter den Dorfschönheiten schmackhaft machen,
teilweise mit der Aussicht, später ein Haus erben zu können.Aber die Damen arbeiteten alle in den Forstpflanzungen des
Nesselberges und hatten keinerlei geistige Interessen.Vater
Hölscher hatte es tatsächlich geschafft, mir ein neues Zimmer
im Dorf zu besorgen.So zog ich zur Familie Ernst in eine
neue Bleibe von stolzen 6 m² mit Steinfußboden.Mein
Wasser musste ich aus einem unterirdischen Kellerbrunnen vom
Nesselberg her holen.Es war wenigstens sauber.Die
Miete betrug ebenfalls 10 DM monatlich.Die Zahlung
wurde in einem Heft quittiert.Da ich mir inzwischen ein
kleines Radio angeschafft hatte, musste ich noch 2 DM Stromgeld
extra zahlen.An den Sonntagen fuhr ich mit dem Fahrrad zum
Saupark nach Springe, nach Hameln an die Weser oder zu meiner
Cousine nach Hessisch-Oldendorf.Nicht weit entfernt waren
auch Bad Münder und der Süntelturm. Es war gerade die
Zeit, als auf einer Kuhweide die Romelquelle entstanden war und
munter sprudelte.So fuhr ich jeden Tag nach der Arbeit mit
dem Rad und mehreren Flaschen die Feldwege über den Katzberg
nach Bad Münder und holte „Heilwasser“ für mich und
die Verwandtschaft des Meisters.Niemand wusste jedoch
genau, wofür oder wogegen es half.Ich erfuhr auch, dass
aus dem Sandstein des Nesselberges das Leineschloss in Hannover
und die Reichskanzlei in Berlin erbaut worden waren.Durch
den Wiederaufbau waren damals noch mehreren Steinbrüche in
Betrieb, und ein reger Verkehr ging durch die engen und
winkeligen Dorfstraßen.Die Tischlerei Püster stellte mit
7 Mann Belegschaft runde, mit Eiche furnierte Ausziehtische her,
ein beliebtes Möbelstück bei den damals überall noch engen
Wohnverhältnissen.Wir belieferten damit einen im
Nachbardorf Hachmühle tätigen Großhändler.Ich musste
tagelang nur Tischbeine oder Tischplatten oder runde Zargen mit
Eiche furnieren, eine geisttötende Arbeit.Nachdem ich den
Meister mehrmals vergeblich um Lohnerhöhung gebeten hatte, trat
ich der Gewerkschaft bei und bekam dann auch meinen Tariflohn von
84 Pf.Nun stand ich aber auch auf der Abschussliste...
Unsere Ausziehtische hatten ein
kompliziertes Innenleben mit viel Handarbeit.Da kam ich
auf die Idee, die Sache mit Hilfe einer Lehre und der kleinen
Handfräse zu vereinfachen.Ich suchte mir ein passendes
Eichenbrett und wollte an der großen Fräse die Führung
einfräsen.Aber der Fräskopf war stumpf, traf auf einen
Ast, und das Brett schlug zurück.Für den Zeigefinger
meiner linken Hand war er aber noch scharf genug.Der
Meister fuhr mich mit dem Auto zum Friederiken-Stift nach Bad
Münder, wo zufällig der Chefarzt, Prof. Dr. Edelmann, mit
seinen Assistenten zur Visite weilte.Er hat sofort meinen
linken Zeigefinger bei örtlicher Betäubung amputiert und den
Lappen an den nächsten Finger angenäht, so dass kein Stumpf,
wie sonst üblich, zurückblieb.Ich hatte mich schon für
eine längere Zeit im Krankenhaus eingerichtet, wurde aber schon
am zweiten Tag nach Hause geschickt und musste täglich zum
Verbinden nach Bad Münder fahren.Als alles verheilt war,
bekam ich Massagen, so dass bis auf die Narben und die Stoß- und
Kälteempfindlichkeit alles noch einmal gut gegangen war.Als
ich wieder gesund geschrieben wurde, hatte ich beim Drehen der
Schraubzwingen noch starke Schmerzen.Einige Wochen später
hat mich Meister P.dann wegen Arbeitsmangel gekündigt.
Ich musste nach Springe zum Arbeitsamt,
bekam eine Stempelkarte und musste zweimal wöchentlich die 5 km
nach Springe fahren, mich in die Schlange der Wartenden stellen
und den Stempel eintragen lassen, sonst bekam ich kein Geld.Manchmal gab es sogar kurzfristige Arbeit.So hatte eine
Firma den Auftrag, die Kanalisation von der neu gebauten
Gewerkschaftsschule zur Stadt Springe zu legen und suchte für
mehrere Wochen Arbeiter.Das Ausheben der Gräben war in
dem harten Lehmboden schwere Knochenarbeit, denn Maschinen dafür
gab es damals noch nicht.Dann mussten die schweren
Betonrohre mit Flaschenzügen eingelagert und mit Teerstricken
und Zement zusammengefügt werden.Nach Abschluss der
Arbeiten wurden wir wieder entlassen.Ich bekam noch mal
eine Arbeit bei einem Tischler in Springe, wo wir mit zwei
Gesellen Stühle produzierten.Wenn vier Stühle fertig
waren, setzte sich der Meister damit in den Zug und brachte sie
zu einem Händler nach Hannover.Geld haben wir aber erst
viele Tage später gesehen.Ich meldete mich wieder beim
Arbeitsamt.Zufällig fand in der Heimvolkshochschule
Springe ein Kursus für 40 arbeitslose Holzarbeiter aus ganz
Niedersachsen statt, zu dem ich mich anmeldete.Es war
inzwischen Winter geworden, und wir konnten dort wohnen und
wurden verpflegt.Die Schule lag hoch über der Stadt im
Deister.Sie wurde von zwei jüdischen Studienräten
geleitet, die aus der sozialistischen Arbeiterjugend kamen und
Nazizeit und Krieg überstanden hatten, Frau Blenke als
Emigrantin in Amerika, Herr Hampe beim Wetterdienst der
Wehrmacht.Wir hatten mehrere Betriebsbesichtigungen und
frischten das notwendige Grundschulwissen auf, wobei auch die
aktuelle Politik nicht zu kurz kam.So vergingen die vier
Wochen, und ich meldete mich wieder beim Arbeitsamt.Ich
schrieb einen Brief an den Neffen meines Meisters, der in Bergen
bei Celle als Vorarbeiter in einer großen Bautischlerei tätig
war und fragte nach Arbeit.Er antwortete mir, dass ich
kommen und auch bei seiner Familie wohnen könne.Dort
wurde im Akkord gearbeitet, aber auch gutes Geld verdient.Anstrengend
war der Weg zur Arbeit von Wesen bei Hermannsburg nach Bergen,
etwa 15 km.Oft waren wir auch wochenlang auf den
Baustellen in Hannover und Hamburg und haben Fenster und Türen
eingesetzt.Da mussten wir uns einen Raum mit
verschließbarer Tür einrichten und bekamen eine Schütte Stroh
in die Ecke, wo wir schlafen konnten.Am Samstag hat uns
der Meister mit dem Auto wieder abgeholt.Acht Tage vor
Weihnachten wurden wir beiden Ledigen plötzlich entlassen, weil
die Aufträge erledigt waren.Es gab auch kein
Weihnachtsgeld für uns, damals noch keine tarifliche
Pflichtleistung.Ich reiste wieder zurück in mein Zimmer
nach Altenhagen.Zum Heizen meines eisernen Kanonenofens
fuhr ich in den Wald und sammelte trockene Zweige, die ich auf
dem Fahrradgepäckträger transportierte.Verbotenerweise
hatte ich ein Beil bei mir, das mir der Förster abnahm, obwohl
ich bei der Gemeindeverwaltung einen Holzleseschein gekauft
hatte.Langeweile hatte ich in den Wochen meiner
Arbeitslosigkeit nicht, denn ich holte mir viele Bücher aus der
Stadtbibliothek in Springe und nahm auch an einem Fachkursus für
technisches Zeichnen in Bad Münder teil.Ich fuhr mit dem
Rad nach Hildesheim, wo gerade wieder der Dom aufgebaut wurde.Jeder vorhandene Stein war genau nummeriert worden, und der
1000jährige Rosenstock kam auch wieder aus den Trümmern hervor.Einen Sonntag fuhr ich zum Flüchtlingstreffen nach Hannover und
habe viele Gnesener wiedergesehen, die größtenteils in der
Heide gelandet waren.Ich bekam auch viele Adressen von
früheren Schulkameraden.Für Mädchen habe ich mich wenig
interessiert, weil sie alle irgendwelche Ziele verfolgten.Einige
wollten gerne heiraten, weil sie damit ihre Kinder von den
Pflegeeltern zurückbekamen.Eine junge Dame, die ich
Springe beim Mittagstisch kennen lernte, sagte zu mir, sie suche
einen Freund mit Motorrad, damit sie mal in die Umgebung käme,Rad fahren könne sie alleine.
Eines Tages verspürte ich mal wieder Fernweh und sattelte
meinen Drahtesel.Es sollte nach Bremen gehen, das ich noch
nicht kannte.Die Stadt war schwer zerstört, aber schon
wieder gut aufgeräumt.Ich suchte mir eine Unterkunft in
der Jugendherberge, die damals auf dem Segelschulschiff
DEUTSCHLAND im Europahafen untergebracht war.Ich sah, dass
an Bord viele Leute rumwerkelten, einige auch in richtigen
Matrosenanzügen, wie ich sie als kleiner Junge getragen hatte.Ich fragte dann Kapitän Hattendorf, ob er mich nicht auch als
Schiffszimmermann gebrauchen könne.Er meinte dann, dass
es wohl etwas zu hoch gegriffen sei, aber als Schiffsjunge
könne ich anfangen.So ging ich zum Amtsarzt, machte die
nötigen Untersuchungen durch und holte mir vom Seemannsamt mein
Seefahrtbuch.Soweit ich mich erinnern kann, bekam ich
neben Unterkunft und Verpflegung 50 DM im Monat.Die
Verpflegung erhielten wir zusammen mit den Jugendherbergsgästen,
mal mehr, mal weniger.Da mussten dann immer Tische und
Bänke aufgestellt und wieder weggeräumt werden.Nachts
wurde der Raum als Schlafsaal benutzt, wozu die Hängematten an
der Decke befestigt wurden.Manchmal kamen auch größere
Gruppen zu Gast, und auch wir Schiffsjungen erhielten Zuwachs,
einmal vier Kadetten vom Norddeutschen Lloyd, die bei uns
Seemannsbeine bekommen sollten.
Die Stammbesatzung bestand aus Kapitän Hattendorf, der aber
zu Hause bei seiner Frau wohnte und an Bord den Salon und die
Kapitänskajüte im Achterschiff hatte, alles in feinstem
Mahagoniholz getäfelt.Außerdem gehörten zur
Stammbesatzung noch der Segelmacher, ein Freiherr von
Kieseritzky, der in seiner Jugend von seinem polnischen Gut
getürmt war und schon viele Fahrten der DEUTSCHLAND mitgemacht
hatte, die 1927 bei Blohm & Voss erbaut worden war.
Da gab es noch
den Maschinisten Gerdes aus der Braker Gegend, der für Technik
und Elektrik zuständig war.Da das Schiff mit einem
Elektroaggregat für 110-Volt-Spannung eingerichtet war, wir aber
den Strom vom Elektrizitätswerk von Land mit 220-Volt-Spannung
bekamen, musste man bei den elektrischen Geräten immer
aufpassen, wenn umgeschaltet wurde.Außerdem war da noch
der Bootsmann, der aus Cuxhaven stammte und die Köchin für die
Jugendherberge, eine Kriegerwitwe mit ihrem Sohn.Sie alle
wohnten im Achterschiff in den Offizierskammern.
Wir Jungen
konnten jetzt in die sogenannten Unteroffizierskammern mit
mehreren doppelstöckigen Kojen in einen Raum im Vorderschiff
einziehen.Zu unserer Gruppe gehörten Pidder, der Maler,
ein Hilfsarbeiter und die vier Kadetten vom Norddeutschen Lloyd.Neben mir gab es noch einen Tischler, Dietmar Wolff, der aber zu
Hause in der Neustadt wohnte.
Wir hatten eine
kleinen Werkstatt mit Hobelbank und führten kleinere
Holzreparaturen durch.Wir beiden Tischler haben uns gut
verstanden.Dietmar hat später noch ein Studium
aufgenommen und wurde Geschäftsführer der Handwerkskammer in
Hoya und später in Wiesbaden.
Gelegentlich
musste ich zusammen mit den Kadetten bei der Decksarbeit helfen.Da mussten wir mit Ziegelsteinen, sogenannten
„Gesangbüchern“ – weil früher bei dieser Arbeit
gesungen wurde -das Teakholzdeck scheuern.Später
kam ein Linoleumbelag darauf und heute ist es durch ein völlig
neues Teakholzdeck ersetzt.Wir wurden auch in die 30 m
hohen Masten und in die Rahen gejagt, und ich lernte den
Unterschied zwischen Wanten und Pardunen, sowie die Namen der
Masten: Fock-, Groß- und Kreuzmast, denn die DEUTSCHLAND war ein
Vollschiff ohne eigenen Besanmast.Auch Spleißen und
Knoten machten mir Spaß.Aber das konnte ich ja alles
schon von meiner Rheinschifffahrtszeit, obwohl die Seeleute etwas
verächtlich von den Süßwassermatrosen sprechen.Ich
wollte aber gerne richtig zur See fahren und andere Länder
sehen.
Ich sprach mit
Kapitän Hattendorf darüber, zu dem ich ein gutes Verhältnis
hatte und das auch später noch viele Jahrzehnte anhielt, als er
Werftkapitän bei Stülken in Hamburg war und ich im Rauhen Haus
studierte und als er Geschäftsführer des Deutschen
Schulschiffsvereins wurde und ich wenige Straßen weiter beim
Diakonischen Werk in Bremen arbeitete.Der Kapitän
versprach mir, dass er sich mal umhören wolle, denn es gab
damals nur eine Handvoll deutscher Schiffe.Nicht weit von
uns entfernt lag die PAMIR, ein stolzer Viermaster.Ich
hatte gehört, dass dort ein zweiter Schiffszimmermann gesucht
werde.Aber als ich nachfragte, war die Stelle gerade zwei
Stunden vorher besetzt worden und mein Traum zerplatzt.Später
dachte ich manchmal daran, wozu es gut war, denn es war die
letzte Fahrt der PAMIR und nur wenige der Besatzung haben
überlebt.
Eines Tages rief
mich Kapitän Hattendorf und sagte zu mir: „Seemann, ich
habe ein Schiff für dich, du musst dich aber beeilen, die wollen
bald auslaufen.“Es war die ANTON WILHELM, ein fast
neues Küstenmotorschiff mit 500 BRT und fünfMann
Besatzung im Vorschiff.Im Achterschiff wohnte der Eigner
und Kapitän Wilhelm Boyksen, sowie der Steuermann.Ich war
mit 22 Jahren der „jüngste Moses“, da ich noch keine
Fahrzeiten in meinem Seefahrtbuch hatte, obwohl ich älter
war als die anderen Schiffsjungen und Matrosen.So wurde
ich erst mal in die Kombüse geschickt und sollte für die
Besatzung kochen.Der Steuermann hatte Buttermilchsuppe
angeordnet, aber die zerrann und wollte nicht dick werden.Als
er zur Kontrolle kam, hat er sie über Bord gegossen, und ich
musste zusehen, wie er so etwas kochte.
Das Schiff wurde
von einem Kran mit Paletten voller Kartons mit Becksbierdosen
beladen, die für die belgischen Kolonien bestimmt waren.Die
Ladearbeiten verrichteten die Schauerleute.Wir mussten nur
aufpassen, dass keine Schäden am Schiff entstanden.
Mit ablaufendem
Wasser ging die Fahrt weserabwärts und dann nach Antwerpen, wo
die Fracht in große belgische Schiffe umgeladen wurde.Da
pulsierte das Leben im Hafen.Leider bin ich aber nicht in
die Stadt gekommen.Ganz in unserer Nähe lag das
katholische Seemannsheim „Stella Maris“, wo man ein
Bier trinken und auch nach Schallplattenmusik mit den Mädchen
tanzen konnte.Leider wurde die nette Stimmung durch einen
betrunkenen norwegischen Seemann gestört, der unbedingt eine
Schlägerei anfangen wollte, als er hörte, dass wir deutsch
sprachen. Es war schon spät geworden, und ich hatte mich
im Hafen verlaufen.Da sah ich an der gegenüberliegenden
Kaimauer unser Schiff liegen.Da ich nicht noch einmal das
ganze Hafenbecken zurücklaufen wollte, zog ich mich aus, nahm
meine Kleidung als Bündel über den Kopf und schwamm auf die
andere Seite.
Leider war in
Antwerpen keine Fracht zu bekommen, und so fuhren wir mit dem
leeren Schiff nach Hamburg.Unterwegs gerieten wir in einen
schweren Sturm mit Windstärke 10.Da hat sogar der
Kapitän die Fische gefüttert.Ich musste dann hinterher
alles aufwischen, obwohl mir selber hundsübel war.Ich
bekam allerhand Ratschläge gegen die Seekrankheit, wie z.B. Brot
mit Rum.Als wir die Elbe hochfuhren, sagte ich zum
Kapitän, dass es wohl doch nicht der richtige Beruf für mich
sei, wofür er auch Verständnis hatte.Die anderen
Besatzungsmitglieder sagten etwas traurig zu mir: „Du hast
wenigsten schon einen richtigen Beruf, in dem du an Land Arbeit
findest, aber wir müssen auf Gedeih und Verderb
durchhalten."
Ich brachte meine
Seekiste, die ich mir auf der DEUTSCHLAND gebaut hatte, mit
meinem Werkzeug zum Güterbahnhof und fuhr mit dem Rad wieder in
mein Zuhause nach Altenhagen I und meldete mich tags darauf
wieder beim Arbeitsamt.
„Gott ist Sonne
und Wind, doch das Steuer, dass ihr den Hafen gewinnt, ist euer!“
Als sich später
herausstellte, dass es nicht mehr genügend deutsche Seeleute
gibt, die den Bestand der Seekasse als Rentenversicherungsträger
garantieren können, wurden alle Leute, die irgend wann, wenn
auch nur kurz, einmal zur See gefahren waren, in die
Zuständigkeit der SBG gegeben, so dass ich heute von dort mein
Altersruhegeld beziehe und dadurch immer wieder an meine kurze
viermonatige Seefahrtzeit erinnert werde.
Hilfsarbeiter
Eines Tages wurde mir auf dem Arbeitsamt
gesagt, dass ich als Hilfsarbeiter bei der Schlosserei W.
anfangen könne.Die hatte gerade zwei große Aufträge an
Land gezogen: Balkon- und Treppengeländer für die
Gewerkschaftsschule und die Zentralheizungsanlage für die neue
Villa des Landrats.Es war harte Knochenarbeit, denn die
schweren Eisenteile und die damals noch gusseisernen Heizkörper
mussten die Treppen hinauf getragen werden.Im Geiste
stellte ich mir vor, wie angenehm doch das Leben sein könnte,
wenn man hier in den komfortablen Zimmern von unseren
Gewerkschaftsbeiträgen wohnen dürfte.Beim Heizungsbau
hatte ich einen guten älteren Gesellen, mit dem ich
zwischendurch auch Reparaturen an den damals in Mode gekommenen
Koksheizungen durchführte und habe viel hinzugelernt.Eines
Tages kam der Meister kurz vor Feierabend und sagte, dass wir in
der kommenden Nacht den Kessel in der Heimvolkshochschule
auswechseln müssten, damit am nächsten Morgen wieder geheizt
werden könne, denn es war bitterkalt.Also kaufte ich noch
etwas Verpflegung für die Nacht und dann ging es los.Es
war harte Arbeit, mit Hammer und Meißel die eingerosteten alten
Kesselglieder auseinander zu trennen und die neuen schon bereit
liegenden wieder zusammenzuschrauben.Aber wir haben es
geschafft, und gegen Morgen funktionierte die Koksheizung wieder.Der Meister kam zur Abnahme und sagte, wir sollten das Werkzeug
zusammenpacken und wieder zur Baustelle in der Villa gehen.Ich sagte ihm, dass ich nach der gestrigen Schicht und der
durcharbeiteten Nacht nun sehr müde sei und mich zu Hause etwas
ausschlafen wolle.Da wurde er sehr wütend und meinte,
dass ich auch an den Überstundenzuschlag denken solle.Das
Haus müsse zu einem bestimmten Termin fertig werden.Meine
Aufgabe war es, von den langen Rohren die richtigen Längen ab-
und an den Enden Gewinde anzuschneiden.Manchmal musste ich
auch Sand in die Rohre füllen, sie mit dem Schweißbrenner
erhitzen und nach einer Schablone biegen.Es waren
komplizierte Arbeiten, weil alle Rohre verdeckt im Mauerwerk
verliefen und schwierig zu schweißen waren, meist nur mit Hilfe
eines Metallspiegels.Ich hatte immer noch guten Kontakt zu
den Lehrern der Volkshochschule in Springe, und sie rieten mir,
eine Pädagogische Hochschule zu besuchen, um Lehrer zu werden.Damals wurde von der Regierung in Hannover gerade ein neues
Programm aufgelegt, nach dem man auch ohne Abitur Lehrer werden
konnte, denn es fehlten die Dorfschullehrer in den Zwergschulen
auf dem flachen Lande.Drei Pädagogische Hochschulen
wurden dafür eingerichtet.Die in Lüneburg kam nach
Meinung meiner Lehrer nicht in Frage, da sie zu bürgerlich war.Die in Hannover war sehr überlaufen und stellte bei den Tests
die härtesten Anforderungen.Ich sollte es in Braunschweig
versuchen, wo am ehesten die Aussicht bestand, aufgenommen zu
werden.Gegen ihre Ratschläge schickte ich aber meine
Bewerbung nach Hannover.Ich wurde zum Test vorgeladen und
nahm dafür einen Tag Urlaub, was dem Meister Wedekind schon
nicht passte.Beim Test fiel ich durch, weil ich nicht
musikalisch war.Von einem Dorfschullehrer erwartete man,
dass der ein Instrument spielen und einen Chor leiten, noch
besser sogar, sonntags die Orgel spielen konnte.So fuhr
ich betrübt wieder nach Hause.
Am nächsten Morgen erschien der Meister
sehr früh auf der Baustelle und sagte mir, dass ich in die
Werkstatt gehen und die Toilettengrube ausheben solle.Den
Begriff „Arbeitsverweigerung“ kannte man damals noch
nicht.Der Geselle riet mir, dabei ein fröhliches Gesicht
zu machen und ein Liedchen zu singen.Nach einigen Wochen
war die Heizungsanlage fertig und alle Schweißstellen waren
sogar dicht.Da keine weiteren Aufträge vorlagen, hat mich
Meister Wedekind wieder entlassen und zum Arbeitsamt geschickt.Bei dem guten Verdienst hatte ich mir jedenfalls einige
Rücklagen bilden können.Der Winter ging langsam zu Ende,
und ich habe viel gelesen, da das Wetter noch nicht zu Ausflügen
einlud.Manchmal half ich auch den Bauern im Dorf beim
Dreschen, da fiel dann ein Mittagessen und ein Stück Wurst ab.Andere Arbeit gab es bei den Bauern nicht, da sie Landstücke an
die sogenannten „kleinen Leute“ verpachtet hatten, die
ihre Pacht in den Spitzenarbeitszeiten abarbeiten mussten.Viel
war im Dorf nicht los, aber eines Abends kam ein
„Volksmissionar“, der in der überfüllten Kirche einen
Vortrag über Glaubensfragen hielt.Darüber hatte ich mir
bisher noch keine Gedanken gemacht.Es war Pastor Rudolf
Grote von der „Niedersächsischen Lutherischen
Volkshochschule“ in Hermannsburg.Er warb junge Leute
für den Besuch des Winterkursus 1953.Aber das war noch
lange hin.Für alle Fälle ließ ich mir Antragsformulare
geben.
Eines Tages wurde uns vom Arbeitsamt
mitgeteilt, dass neue Richtlinien für ledige Arbeitslose
herausgekommen seien.Mit der deutschen Industrie ging es
aufwärts, und es fehlten Bergleute für die Kohleförderung,
damals die Hauptenergiequelle.So musste ich mich für
mindestens ein halbes Jahr für den Bergbau verpflichten, sonst
hätte ich die ärztlichen Untersuchungskosten und die Bahnfahrt
zurückerstatten müssen.Da ich zum Winter sowieso nach
Hermannsburg wollte, löste ich meinen Haushalt in Altenhagen I
auf.Ich hatte mir inzwischen einen leichten Kleiderschrank
von 1 m Breite gebaut, den man mit 4 Schrauben auseinandernehmen
konnte, sowie eine Schlafcouch mit einem Bücheraufsatz.Die
Sachen konnte ich bei einer Cousine meiner Mutter unterstellen,
deren Mann in Großenwieden bei Hessisch Oldendorf an der Weser
Pastor war und ein riesiges altes Pfarrhaus bewohnte, zu dem
früher auch Ländereien gehört hatten.
Bergmann
Ich setzte mich also in den Zug und fuhr
nach Bochum-Dahlhausen zur Zeche Dahlhauser Tiefbau.Sie
gehörte der Essener Bergbaugesellschaft und war damals schon auf
der Abschussliste, weil sie nur minderwertige Magerkohle
förderte und die Kohleflöze größtenteils schon ausgebeutet
waren.Da aber die Nachfrage sehr groß war, wurde die
Kohle zermahlen, mit Teer gemischt und zu Eierbriketts gepresst.Vor meiner ersten Einfahrt ging ich ins Lohnbüro und bekam eine
Blechmarke mit einer Nummer zugeteilt, die mit der Grubenlampe
und der Lohnkarte übereinstimmte.Außerdem erhielt ich
gleich ein Mitgliedsbuch der Gewerkschaft mit dem Hinweis, dass
die Beiträge automatisch vom Lohn einbehalten werden würden.Alle 10 Tage gab es Abschlag und in der letzten Monatsdekade die
Abrechnung.Ich bekam einen Lederhelm, ein Paar
Unfallschutzschuhe mit Stahlkappe vorne und ein Rutschleder.Die Sachen verblieben nach der Schicht in der Schwarzkaue, wurden
an einer Kette hochgezogen und mit einem Schloss gesichert.Nach der Arbeit ging es in die Waschkaue (Dusche) und man
schrubbte sich gegenseitig den Rücken.Danach kam man in
die Weißkaue, wo wir unsere Straßenkleidung mit der Kette von
der Decke holten.Es gab dann noch einen Raum, in dem man
sich die schwarzen Augenränder, an denen man sofort den Bergmann
erkannte, mit einem dünnen Öl entfernen konnte.Bei
Schichtende gaben wir unsere Blechmarken ab. Beim nächsten
Schichtbeginn bekamen wir für die Marke unsere frisch
aufgeladene Grubenlampe.Das war immer auch die Kontrolle
dafür, ob noch jemand unten geblieben war.
Wenn bei Schichtwechsel Seilfahrt für die
Belegschaft war, durften keine Kohlewagen befördert werden.Unten stiegen wir in die bereitstehenden leeren Kohlenzüge und
fuhren mit Pressluftlokomotiven in die verschiedenen Stollen vor
Ort.Ich wurde zunächst einem alten Invaliden zugeteilt,
der mich anlernen sollte.Seine Aufgabe war es, gebrochene
Holzstempel auszuwechseln, wenn der Bergdruck zu stark wurde.Wenn ein Flöz, ca. 60 bis 100 cm dick, ausgekohlt war, ließ man
es entweder zusammenbrechen oder kippte vom darüber liegenden
Stollen Abfallgestein herunter, um Bergschäden an den darüber
liegenden Häusern zu vermeiden.Nachdem mich
„Babbe“, so wurde er von den Kumpels genannt, einige
Wochen eingewiesen hatte, wurde ich zur Nachtschicht versetzt.Es war unsere Aufgabe, die Förderbänder zu versetzen, damit die
Frühschicht wieder reibungslos die Züge beladen konnte, denn es
ging alles im Akkord.Am schwierigsten war das Versetzen
der Pressluftmotoren, mit denen die Bänder angetrieben wurden.Unser Aufseher war ein alter Fahrhauer, der im Rang über den
normalen Hauern stand, aber unterhalb der Steiger, die eine
privilegierte Beamtenkaste mit eigener Waschkaue, grauen Anzügen
und leichteren am Helm befestigten Lampen bildeten...
Ich wohnte im Ledigenheim
„Horkenstein“, einem ehemaligen Ausflugslokal, mit 6
Mann in einem Zimmer mit Doppelstockbetten.Dort bekam ich
tagsüber kein Auge zu, denn alle arbeiteten in drei
verschiedenen Schichten.Es kam auch noch die Putzfrau mit
ihrem Bohnerbesen, und nebenan läuteten die Glocken der
katholischen Kirche zu allen möglichen Tageszeiten.Das
Essen in der Kantine schmeckte nicht besonders, war aber sehr
teuer.Auch Brot und Belag mussten wir für teures Geld in
der Kantine kaufen, denn wir lagen weit vom Dorf ab und hatten in
den schmalen Spinden auch keinen Platz zum Lagern.Bei uns
im Ledigenheim, im Volksmund „Bullenkloster“ genannt,
wohnten neben den vom Arbeitsamt Eingewiesenen meistens
verkrachte Existenzen, versoffene Studenten oder Geschiedene.Einer stellte sich bei mir gleich als der Trainer des damals
populären Boxers Bubi Scholz vor.Er hatte immer zwei Paar
Boxhandschuhe dabei und wollte unbedingt eine Schallplattenlänge
mit mir trainieren.Das habe ich aber nur einmal
mitgemacht.Damit ich wenigstens sonntags etwas Erholung
hatte, kaufte ich von einem abziehenden Kumpel ein Faltboot mit
Segel und Liegeplatz im Bootshaus.Meistens fand sich ein
Kumpel, der mitfuhr, denn alleine kam man nicht gegen die
Strömung der Ruhr an.
Nach drei Monaten war ich mit den Nerven
fertig und sah mich nach einer anderen Zeche um, da ich mich für
6 Monate verpflichtet hatte.Ich hatte Glück und konnte in
Essen-Kray bei der Zeche Katharina anfangen, die zur gleichen
Gesellschaft gehörte.Hier bezog ich im neu erbauten
Ledigenheim ein schönes Einzelzimmer.Auch die Kantine war
gut geführt.Ich hatte abwechselnd Früh- und Spätschicht
und wurde als Springer vor Kohle eingesetzt.Wir arbeiteten
im Gruppenakkord und wurden nach gefüllten Loren abgerechnet.Da musste ich aufpassen, dass die Kohle in den steilen Flözen
immer richtig nachlief.Jeder Hauer hatte seinen Abschnitt,
wo er mit dem Presslufthammer die Kohle brach.Wenn es
keine Störungen gab, haben wir gutes Geld verdient, das ich
sorgfältig auf mein Sparbuch brachte, denn ich hatte inzwischen
die Bewerbung für die Heimvolkshochschule nach Hermannsburg
abgeschickt.Mein Paddelboot hatte ich wieder günstig
verkauft und machte Touren mit dem Rad nach Essen zum Münster,
nach Kloster Werden, zur Villa Hügel und rund um den Baldeneysee
mit seinen Wasserburgen.Einmal wurden wir auch vom CVJM zu
einer günstigen Busfahrt ins Sauerland eingeladen.Die 6
Monate waren rum, und ich fuhr wieder nach Großenwieden, ließ
meine überflüssigen Sachen dort und reiste weiter nach
Hermannsburg.
VHS Hermannsburg
Der Kursus an der Volkshochschule in
Hermannsburg begann im November 1953 mit 80 jungen Männern aus
ganz Niedersachsen, vorwiegend aber aus der Heide und der Gegend
um Bremervörde.Das waren die Einzugsgebiete der durch
Ludwig Harms angestoßenen Hermannsburger Erweckungsbewegung.Es waren meistens Bauernsöhne, die nur in den Wintermonaten von
den Höfen fort konnten.Wir bekamen nur Mittagessen und
mussten für die übrigen Mahlzeiten selber sorgen.Da
erhielt ich meistens die Reste an Brot und Wurst, wenn die
Bauernsöhne am Wochenende nach Hause fuhren.Für viele
war es die erste Abwesenheit von zu Hause, und die Mütter
packten entsprechend ein.Neben dem Unterricht hatten wir
auch Dienste zu verrichten, wie Kartoffelschälen, Tischdecken
und Abwaschen.Das taten wir gerne, da jeden Winter fünf
Haustöchter dabei waren, die dann den Sommerkursus für Mädchen
unentgeltlich bekamen.Außerdem wurden sie für Chor und
Volkstanz benötigt, aber dazu kamen auch viele Altschülerinnen
der vorhergegangenen Kurse.Als der Neubau fertig war,
mussten die Altschüler mit ihren Treckern anrücken und den
Füllsand für die Außenanlagen heranfahren, den wir in einer
Kiesgrube mit Schippen aufluden.Der Neubau war fertig und
konnte bezogen werden, was aber wegen der höheren monatlichen
Kosten nur den reichen Bauernjungen vorbehalten blieb.Zusammen
mit Studienrat Starke wohnten wir mit 6 Mann zusammen weiter in
der Holzbaracke.Der Winter war kalt, und wir mussten uns
selber um Holz und Kohlen kümmern.Die Wasserhähne im
Waschraum waren eingefroren und Studienrat Starke machte uns
morgens etwas Rasierwasser warm, weil er die Kohlen vom Haus
bekam.So saßen wir auch abends oft bei ihm im Zimmer und
sangen zu seiner Laute, und er erzählte uns Geschichten.Besonders
feierlich war für ihn immer noch Kaisers Geburtstag, an dem der
sich weiße Handschuhe anzog und von den Paraden erzählte, und
wir legten dann für eine Flasche Wein zusammen.Wir
erhielten allgemeinbildenden Unterricht und Literaturkunde.Fräulein Ehlers, eine schmächtige, weißhaarige ältere Dame,
übte mit uns Laienspiele ein.Sonst war sie mehr im Sommer
für die Mädchen zuständig.Neben den Unterrichtsstunden
für alle 80 Schüler im Essraum gab es auch noch Kleinkreise
für Interessengruppen.Die größte Gruppe leitete der
Landwirtschaftslehrer Wackenroder.Ich hatte mich dem
Kleinkreis Jugendarbeit angeschlossen, den Pastor Grote in seinem
Arbeitszimmer moderierte.Er war ein ehemaliger
Panzeroffizier und kannte keine Hindernisse.So mussten wir
manchmal in der Pause auf die angrenzende Weide des
Missionshofes, uns in zwei Reihen aufstellen und Reiterkämpfe
durchführen.Oft spielte er auch Fußball mit uns.Für
Chor und Kirchenmusik sorgte Dorfkantor Götz Wiese, der später
Landeskirchenmusikdirektor in Hannover wurde.Der
Missionszögling Johannes Lauenhard übte mit dem aus etwa 20
Bläsern bestehenden Posauenchor.Mitunter unterrichtete
Missionsdirektor Elfers uns auch über Ludwig Harms und die
Arbeit der Hermannsburger Mission.Besonders interessant
waren die Fahrten mit dem alten Bus von Heinrich Lambrü durch
Niedersachsen, die immer mehrere Tage dauerten.Wir wurden
dann auf die Bauernfamilien in den Dörfern verteilt, meistens
Altschüler, und führten nach einer Eröffnungspredigt von
Pastor Grote unser Laienspiel auf.So kamen wir nach
Kloster Loccum, wo gerade eine Evangelische Volkshochschule
entstanden war, und die Erichsburg, wo Pastor Grote als Vikar
gewesen war.Wir besichtigten auch Betriebe, wie VW in
Wolfsburg, Continental-Reifen in Hannover und ein Bergwerk der
Kalichemie in Sehnde bei Hannover.Ich habe auf Zetteln die
wichtigsten Gedanken des Unterrichts mitgeschrieben und später
in Schulhefte eingetragen, die ich in der Missionsdruckerei zu
einem Buch habe binden lassen.Pastor Grote hatte den
Ehrgeiz, aus jedem Kursus etwa fünf Schüler als Nachwuchs in
die Diakonenanstalt und das Diakonissenmutterhaus nach Rothenburg
zu entsenden.Ich wollte auch Diakon werden, jedoch nicht
in Rothenburg, da ich der Ansicht war, dass mir für die dort
ausgeübte Krankenpflege die nötige Geduld fehlte, vielmehr
wollte ich lieber in die Jugendarbeit und bewarb mich daher im
Rauhen Haus in Hamburg.Eines Tages bekam ich einen Brief
zu einem Vorstellungsgespräch.Ein anderer Mitschüler
hatte sich bei der Pädagogischen Hochschule in Hamburg beworben.So liehen wir uns von einem der Bauernsöhne ein Motorrad und
brausten nach Hamburg los.Der Brüderrat in Rauhen Haus,
lauter würdige ältere Herren, stellte viele seltsame Fragen
nach meinen Beweggründen, warum ich Diakon werden wolle.Aber
dann wurde ein Termin abgemacht, an dem ich probehalber ins Rauhe
Haus eintreten könne.Mein Mitschüler Velten holte mich
zur vereinbarten Zeit wieder im Rauhen Haus ab, und wir kamen
abends nach Hermannsburg zurück.Die Mitschüler hoben
mich vom Motorrad, denn ich war völlig steif gefroren, da ich ja
nicht über die notwendige Motorradbekleidung verfügte.Einige
Tage später kam ein Brief vom Rauhen Haus, in dem beanstandet
wurde, dass sich bei meinen Bewerbungsunterlagen kein
Konfirmationsschein befände.Ich ging damit zu Pastor
Grote und sagte ihm, dass ich nicht konfirmiert sei, weil 1945
die Flucht dazwischen gekommen wäre, für ihn natürlich
überhaupt kein Problem.An einem Abend wurden alle 80
Mitschüler in die alte Peter-Pauls-Kirche bestellt, und ich
wurde allein feierlich eingesegnet.Die Leute aus meinem
Kleinkreis sammelten und schenkten mir das gerade neu erschienene
Gesangbuch mit Widmung und Unterschriften.Leider hatte
Pastor Grote vergessen, die Konfirmation dem Kirchenbüro zu
melden, so dass sie für die spätere Goldene Konfirmation nicht
amtlich dokumentiert war.Da ich vielseitig interessiert
war, hatte ich von den Mitschülern den Spitznamen
„Kultus“ bekommen.Es sind viele lebenslange
Freundschaften aus dieser Hermannsburger Zeit geblieben, und
manchmal sieht man sich noch bei den jährlichen
Altschülertreffen.Der Kursus ging seinem Ende entgegen
und sollte mit einer Italienreise gekrönt werden, für die sogar
meine restlichen Ersparnisse noch reichten.Die Leitung
hatten Studienrat Starke und Fräulein Ehlers.Ich durfte
bei den Vorbereitungen helfen: Pässe einsammeln, Visa
beantragen, Listen schreiben, Zahlungseingänge verbuchen.Dann
stand Heinrich Lambrü mit seinem klapprigen alten Bus vor der
Tür, und wir luden Zelte, Luftmatratzen und die Mitreisenden
ein.Studienrat Starke stammte noch aus der
Wandervogelbewegung vor dem ersten Weltkrieg, und so wurde
unterwegs viel gesungen.Es ergab sich, dass ich neben Ilse
Cohrs, einer Bauerntochter aus Betzendorf bei Lüneburg, zu
sitzen kam.Zuerst war sie gar nicht begeistert darüber,
denn sie hätte viel lieber neben ihrer Freundin, Christa
Rodewald, gesessen, die mit ihrem Vetter, Dirk Focken Möller,
verlobt war.Aber allmählich hatte sie nichts dagegen
einzuwenden, wenn sich beim Kartenstudium unsere Finger
berührten.Die einzelnen Stationen unserer Reise möchte
ich nicht weiter erörtern, denn ich habe anschließend alles in
einem Gedicht festgehalten.Wir schliefen in
Jugendherbergen oder auf Campingplätzen, wo wir Jungen den
Mädchen beim Aufbau der Zelte und Aufblasen der Luftmatratzen
halfen.Besonders begeistert waren die Mädchen immer, wenn
sie eine richtige Toilette fanden, denn damals gab es in Italien
nur Löcher im Fußboden und zwei Griffe zum Festhalten,
gleichzeitig auch Dusche.Wir hielten jeden Morgen vor dem
Frühstück eine Morgenwache mit Tageslosung, Gebet und einem
Lied, die meistens von Studienrat Starke oder mir übernommen
wurden, da sich niemand danach drängte.Die Besichtigungen
in Genua, Florenz, Rom, Bologna und Venedig waren sehr schön,
aber auch anstrengend.Ich freute mich besonders, dass ich
bei den Inschriften meine Lateinkenntnisse gebrauchen konnte und
alles original vor mir sah, was ich einmal in Geschichte und
Latein nur in Büchern gelesen hatte.Der Höhepunkt
unserer Reise war eine abendliche Gondelfahrt in
Venedig...
Bevor ich also den Schritt in die
fünfjährige Ehelosigkeit und Armut auf Zeit im Rauhen Haus tat,
lieferte ich meine Ersparnisse anlässlich der Abschlussreise der
Kursteilnehmer der Volkshochschule nach Venedig in den
Kunsttempeln Italiens ab.
Ich fuhr nach Großenwieden, wo ich meine
Sachen auswechselte.Als mich mein Onkel am nächsten
Morgen nach Hessisch-Oldendorf zum Bahnhof bringen wollte, war
Hochwasser und die Straße nicht mehr befahrbar.Also zog
ich meine Schuhe aus und watete durch das reißende Weserwasser.Auf der anderen Straßenseite stand ein Polizeiauto, und ich
fragte, ob sie wohl nach Hessisch-Oldendorf fahren und mich
mitnehmen könnten.Die Antwort des Polizisten: „Dann
haben wir wenigstens eine Gelegenheit, eine gute Tat zu
tun.“
Diakonenausbildung im
Rauhen Haus in Hamburg
Als ich am 9. April 1954 per Anhalter und
ohne Geld im Rauhen Haus ankam, meldete ich mich im Büro
im Haus Tanne und wurde ins „Auffanglager“
geschickt.Das war ein langgestrecktes Dachzimmer
über dem Altenheim im Haus „Goldener Boden“. Es war ein Kommen und Gehen unter den Diakonenanwärtern. Von den etwa 30 „Probebrüdern“ waren wir nach
fünf Jahren beim Examen nur noch mit 9 übriggeblieben. Ich bekam in der Wäscherei Hose, Jacke und Schürze aus
blauem Leinenstoff und musste mich bei Inspektor
Füßinger zur Arbeitseinteilung melden.
Er fragte mich, welchen Beruf ich erlernt
habe. Sicherlich wusste er es bereits aus meiner Bewerbung.Als er meine Antwort hörte, ich sei Tischler, ging ein Leuchten
über sein Gesicht, und er schickte mich in die Tischlerei, wo
ich helfen sollte, ein neues Pappdach auf die Ruine des
ehemaligen Handwerkerhauses zu montieren.Es stand an der
kleinen Pforte zur Horner Straße, dort, wo heute die
Fachhochschule steht.Meister Lawiscek, der die Tischlerei
(ein Raum mit Hobelbank und Kreissäge) vom Rauhen Haus gepachtet
hatte, war ein netter Mann, nur leider hatte er immer einen zu
großen Durst.Er sagte dann in gewissen Abständen:
„Machen Sie mal alleine weiter.Wenn Füßinger kommt:
Ich hole Nägel.“Die Arbeit am Dach machte mir
Freude, aber eines Tages war es fertig.
Die Mahlzeiten mussten wir Probebrüder
morgens, mittags und abends, sauber angezogen, zusammen mit dem
Vorsteher, Pastor Donndorf, und seiner Frau im Haus Tanne
einnehmen.Meistens waren auch die Brüder Füßinger und
Niemer, der die Verwaltung und das Altenheim leitete, zugegen.Es wurden vor und nach dem Essen Tischgebete gesprochen, morgens
auch eine Andacht gehalten.Am Abend fand täglich eine
Andacht für alle Anstaltsbewohner im Wichernsaal statt, die
einer der älteren Ausbildungsbrüder zu halten hatte.Mitunter
nahmen uns Herr oder Frau Pastor Donndorf nach Tisch einzeln in
eine Ecke und erläuterten uns, was sie an unserer Haltung bei
Tisch zu beanstanden hatten.Bedient wurden wir von den
„Haustöchtern“, die im Haus Tanne der Aufsicht von
Frau Pastor Donndorf und in der Großküche Frau Füßinger
unterstanden.Einige Leute sahen in ihnen zukünftige
Diakonenfrauen.Aber Bruder Füßinger gab uns den Rat:
„Zwischen einem Bruder und einer Haustochter steht am besten
immer ein breiter Tisch.“So lernte ich allmählich
die Hierarchie und Subkultur einer Anstalt zu begreifen.
Bei der täglichen morgendlichen
Arbeitseinteilung sagte dann Bruder Füßinger zu mir:
„Gehen Sie zu meiner Frau in die Küche.“Die
befand sich damals im Keller der Ruine der ehemaligen
Wichernschule, worüber man im Hochparterre einige ehemalige
Klassenräume notdürftig als Esssäle mit Schichtbetrieb und
begrenzten Essenzeiten hergerichtet hatte. Das Kommando in
der Küche hatte Fräulein Harms, eine hünenhafte blonde
Holsteinerin, die mit schriller Stimme und scharfer Zunge immer
an den spitzen Stein stieß.Sie zeigte mir die schweren
Aluminiumtöpfe, die an einem Wasserkran gescheuert werden
mussten.Zwischendurch riss sie mich in die Gegenwart
zurück: „Bruder Franke, Sie müssen Kohle aufs Feuer
werfen, ich kann sonst nicht kochen.Frau Füßinger,
verantwortliche Küchenchefin und ehemals als Haustocher aus
Westfalen ins Rauhe Haus gekommen, verrichtete ihre Arbeit
geräuschlos, aber mit wachsamen Blicken auf Haustöchter und
Küchenbrüder.Füßinger stammte aus München.Er
wurde nach seinem Examen sofort Erziehungsinspektor im Rauhen
Haus und hatte seither außer der zwangsweisen Militärzeit im
Krieg bei der Marine nie etwas anderes gesehen.Eine Sage
aus grauer Vorzeit berichtete, er soll die damalige Haustochter
Elisabeth Holve aus Hemer morgens zwischen Tür und Angel gefragt
haben: „Wenn Sie meine Frau werden wollen, dann überlegen
Sie es sich, bis heute Abend erwarte ich Bescheid.“Beide
hatten eine raue Schale, wahrscheinlich eine Isolierschicht gegen
zu enge Freundschaften.Als er später als Brüderältester
nebenbei auch noch unsere Anstellungsverträge aushandelte, hat
er viel für uns herausgeholt.Zu den Mahlzeiten musste ich
weiterhin pünktlich in sauberer Kleidung im Speiseraum der Tanne
erscheinen.
Brüderhof
Nach einigen Wochen sagte Füßinger nach
dem Abendbrot zu mir: „Packen Sie Ihre Sachen und machen Sie
sich fertig.Sie kommen zum Brüderhof in Gehilfenstellung.Um 22 Uhr fahren wir los.“Er fuhr grundsätzlich erst
immer spät abends zum Katten- oder Brüderhof, den
Zweiganstalten im Norden Hamburgs, weil dann kaum noch Verkehr
herrschte und in der Anstalt keine großen Probleme mehr zu
befürchten waren.Neben ihm saß dann meistens seine Frau,
die ihn knuffte, wenn das Auto wegen seiner Übermüdung ins
Schlingern kam.Auf den hinteren Sitzen fuhren ein oder
zwei Brüder mit, die den VW-Bus auf den Höfen zu ent- und
beladen hatten.Es war erstaunlich, was da alles hin- und
her transportiert wurde: Milchpulver und Käse aus amerikanischen
Spenden zu den Höfen und Fleisch ect. von den Höfen ins Rauhe
Haus zurück.Gegen Mitternacht kamen wir auf dem
Brüderhof bei Harksheide mitten im Moor an.Der Brüderhof
galt in Jungbrüderkreisen als „Genickbrecherstation“,
auf der nur wenige Praktikanten das ganze Jahr durchhielten.Ich habe später immer behauptet, dass Füßinger Glück mit mir
hatte, weil er mich dort müde und im Dunkeln abgeladen hatte.Der Brüderhof war als Ersatz für den aufgegebenen Holstenhof
gekauft worden und sollte die Ernährung im Rauhen Haus teilweise
sichern helfen.Der sandige Acker und die Wiesen waren
ziemlich wertlos.Nur das Moor hatte zeitweilig wegen des
Torfstichs einen hohen Wert.Am Anfang der NS-Zeit waren
dort junge jüdische Emigranten untergebracht, die auf ihre
Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden.Wahrscheinlich
infolge eines Lichtscheins hatten im Krieg englische Flugzeuge
einige Bomben abgeworfen und mehrere Gebäude zerstört.So
bestand der Brüderhof bei meiner Ankunft 1954 aus Kuhstall,
Pferdestall und Scheune in einem massiven Gebäude und einem
massiven Wagenschuppen.
Auf den Ruinen waren zwei alte
Wehrmachtsbaracken errichtet worden.In einer
derselben wohnten wir drei Praktikanten zusammen mit fünf
älteren geistig Behinderten in Doppelstockbetten auf
Strohsäcken.
In der anderen Baracke war die Küche
untergebracht und rechterhand die Hausvaterwohnung für Bruder
Dückert und seine Familie.Links befand sich ein kleines
Altenheim, in dem auch die Mutter von Bruder Dückert wohnte,
zwischendrin auch noch Vorratsräume und ein Zimmer für zwei
Haustöchter.Jeder von uns hatte seine feste Aufgabe...Nach dem Frühstück wurde die Arbeit eingeteilt.Ich hatte
meistens mit den beiden Pferden zu pflügen oder zu eggen.Oft
mussten wir alle 8 Mann in den runden Silo einsteigen und das
Gras festtreten, immer mit einer Schüssel Viehsalz zwischen den
Lagen.Besonders unangenehm war die Arbeit des
Rübenverziehens, aber das kannte ich ja schon vom Rheinland
her...An einem schönen Sonntag wollte Bruder Dückert dem
Bullen etwas Gutes tun und brachte ihn auf die Weide, mehrfach
gut angepflockt.Aber schon nach einer Stunde lief er
wieder auf dem Hof herum, es war ihm wohl alleine zu langweilig
gewesen.Aus den Heckstangen hatte er Kleinholz gemacht und
nahm alles Bewegliche auf die Hörner.Ich bin dann langsam
auf ihn zugegangen und habe ihn wieder in seinen vertrauten Stall
gebracht.Vor den Sommerferien, wenn die Kühe auf der
Weide waren, mussten wir den Kuhstall scheuern, kalken und
Doppelstockbetten für die Ferienkinder aus dem Rauhen Haus
aufstellen.Dann kam für einige Wochen frohes Jugendleben
auf den Hof, und auch das Essen wurde besser.Sonst gab es
fast nur Steckrüben mit fettem Bauchfleisch, Milchpulversuppe
und Missionskäse.Als ich mal mit Bruder Dückert über
verschiedene Missstände sprach, entgegnete er mir: „Da
müssen Sie sich bei Pastor Donndorf beschweren, ich kann hier
nichts ändern.“An besonders heißen Sommertagen vor
der Ernte mussten wir trotz der Mückenplage ins Moor und Torf
stechen.Glücklicherweise gab es eine Torfpresse mit
Benzinmotor, so dass wir nur die fertigen Soden zum Trocknen
aufzupacken brauchten.An einem verregneten Sonntagmorgen
dachte ich, eine ruhige Ecke zum Lesen gefunden zu haben.Da
kam Bruder Dückert nach dem Frühstück zu mir: „Heute
können Sie mal die Kühe im Moor hüten.Wir müssen die
Weiden für die Erntezeit schonen.Mittagessen bringen wir
Ihnen raus.“Es kam die Ernte.Wir hatten wohl
einen alten Binder, aber keinen Trecker, da Bruder Dückert
keinen Führerschein hatte.So wurde ich per Rad zu einem
Leihunternehmer ins Nachbardorf geschickt, um einen Trecker
auszuleihen, da ich den Führerschein IV für Trecker und
Motorrad hatte.Das wurden stressige Tage: Bruder Dückert
saß auf dem Binder und brüllte ständig.Ich wusste nie,
ob er sich nur über den Binder ärgerte oder ob ich anhalten
sollte...Und dann kam die Erlösung.Ich hatte
wieder die beiden Pferde zum Pflügen eingespannt.Bei der
Kontrolle stellte Bruder Dückert fest, dass ich einen Riemen am
Geschirr nicht richtig festgemacht hatte.Er war seltsam
friedfertig und brubbelte dann vor sich hin: „Es ist ja doch
sinnlos, dass ich Ihnen das noch mal erkläre, heute Abend kommt
Bruder Füßinger und holt Sie wieder ab.Ich wäre ihm am
liebsten um den Hals gefallen, aber um Bruder Schleeh tat es mir
leid, denn wir hatten uns gut miteinander angefreundet.Am
Abend kam dann Bruder Füßinger, und ich habe mich artig von
Familie Dückert, den Alten, den Haustöchtern und den
„mithelfenden Pfleglingen“ verabschiedet. – Der
Brüderhof hat sich in späteren Jahren gewaltig verändert.Das Moor isttrocken gelegt.Auf den Äckern und
Weiden wurden ein Psychiatriealtenheim und ein Kinderheim erbaut,
und auf dem Hofgelände stehen heute die Gebäude des Verlages
Agentur des Rauhen Hauses.Bruder Schleeh wurde später
Pastor in Dithmarschen, Norderstedt und Eiderstedt, und es
entstand eine lebenslange Freundschaft zwischen uns.
Cuxhaven- Oktober 1954 – Juli 1955
Einen Tag blieb ich im Rauhen Haus, um die
Formalitäten im Büro und beim Einwohnermeldeamt zu erledigen.Ich fuhr mit meinem Rad zum Bahnhof und löste eine Fahrkarte
nach Cuxhaven.Bruder Kernich wartete schon sehnsüchtig
auf mich, denn er saß im Lehrlingsheim in der Donnerstiftung
ganz alleine mit 40 Lehrlingen.Es waren viele
Flüchtlingsjungen aus der Umgebung, die meistens auf den Werften
Lehrstellen gefunden hatten.Daneben war Kernich noch
Gemeindediakon an der großen Garnisonskirche mit Jugendarbeit,
Posaunenchor und verschiedenen Hilfsvereinen.Meine Aufgabe
war es, zunächst morgens um 6 Uhr Kaffee zu kochen und die Brote
für die 40 Lehrlinge zu streichen und auszugeben.Vom
Rauhen Haus hatte ich, wie alle Praktikanten, einen Zettel mit
den Liedern und Bibelstellen mitbekommen, die wir zum
Unterrichtsbeginn unbedingt auswendig können mussten.So
lagen Bibel und Gesangbuch neben den Butterbroten.Die
Küche befand sich im Keller, und alle Speisen mussten mit dem
Handaufzug per Verständigung mit Klopfsignalen oder Rufen
hochgezogen werden.Um 8 Uhr kam die Küchenbelegschaft,
und ich konnte selber frühstücken.Anschließend hatte
ich die vier Schweine mit den Essensresten und zusätzlichem
Kraftfutter zu füttern und auszumisten.Zum Heim gehörte
ein sehr großes Grundstück mit schwerem Kleieboden, wovon ein
Teil Garten war.An einem Nachmittag meinte Bruder Kernich,
ich stinke immer so nach Schweinestall und schenkte mir seine
Saunakarte.Mit den Lehrlingen und seiner Jugendgruppe
haben wir viele bunte Abende veranstaltet.An einem
Nachmittag in der Woche musste ich zu Pastor Arno Poetzsch zum
Vorbereitungskreis für den Kindergottesdienst.Er war der
frühere Marineoberpfarrer und hatte schwere Zeiten im Krieg
hinter sich.Besonders belastend für ihn war es, wenn er
desertierte Matrosen zur Erschießung zu begleiten hatte.In
seinem Bücherregal stand in einer Ecke ein Totenkopf, der mich
immer etwas erschauern ließ.Er hat mir später zum
Abschied mehrere Bändchen mit seinen Tischgebeten und Gedichten
geschenkt.Einige seiner Lieder fanden Aufnahme im
Evangelischen Gesangbuch.Bruder Kernich war aushilfsweise
auch Organist.Im Winter stand eine größere
Orgelreparatur an, und er meinte, dass es ganz gut sei, wenn ich
dabei etwas mithülfe.So putzte ich mit Staubsauger und
Lappen die Orgelpfeifen.Er hatte auch einen vorzeitig
entlassenen Strafgefangenen an der Hand, für den er
Bewährungshelfer war.Mit dem zusammen musste ich die
Gehwegplatten neu verlegen.Außerdem musste ich jede Woche
die Hamburger Kirchenzeitung an die Bezieher in Altcuxhaven
verteilen.Freitags fuhr ich mit dem Fahrrad in den
Fischereihafen zu Husmann & Hahn und holte einen großen Korb
Fisch zum Mittagessen.Und dann kam die unvergessliche
Nacht kurz vor Weihnachten 1954.Für die Deutsche Bucht
war eine Sturmflutwarnung ausgegeben worden.Da unser Haus
direkt hinter dem Deich lag, schleppten wir die wichtigsten
Sachen aus Küche und Vorratsräumen ins obere Stockwerk.Aber
bei der höchsten Flutzeit ebbte das Wasser 50 cm unter der
Deichkrone wieder ab, und wir konnten in Ruhe Weihnachten feiern.Wir hatten im Keller einen eigenen Räucherschrank, für den ich
einen Sack Sägespäne von Laubholz besorgen musste.Nach
dem Schlachten zeigte mir Bruder Kernich dann, wie ich täglich
Schinken und Würste im Rauch zu beobachten hatte.Im
Frühjahr musste der Garten bestellt und bearbeitet werden, und
dann kamen bald die Sommerferien, für die ich in der großen
Turnhalle an der Straße die Doppelstockbetten für die Hamburger
Jugendgruppen aufstellen musste, die wir noch zusätzlich zu
verpflegen hatten.Bruder Kernich wollte mit seiner Frau
und den drei Kindern gerne Urlaub machen, und so kam Bruder
Giering mit Familie als „Autorität“ zur Vertretung.Er war Pastor der Flussschiffergemeinde in Hamburg und hatte
viele Kinder, so dass er keine großen Sprünge machen konnte.Beide waren früher in der Stadtmission in Breslau tätig
gewesen, und so konnte er während seines Urlaubs mit seiner
Familie unentgeltlich in Kernichs Wohnung wohnen und essen.Für mich war meine Gehilfenstellung in Cuxhaven eine herrliche
Zeit, wenn ich auch nur selten zum Baden an die Nordsee kam.Sie ging im Juli 1955 zu Ende.Ich verabschiedete mich von
Bruder Norbert Mieck, der im Städtischen Versorgungsheim als
Praktikant tätig war.Er war, zumal lange vor mir
eingetreten, sehr traurig, dass er noch nicht in den Unterricht
durfte, weil er angeblich noch zu jung war, und nun musste er
noch ein Jahr auf den Brüderhof.Auch vom Praktikanten im
Seemannsheim verabschiedete ich mich, dort waren
traditionsgemäß immer Diakone vom Stephansstift in Hannover
tätig.Da ich die ganze Zeit über noch keinen Urlaub
gehabt hatte und täglich von Montag bis Sonntag im Dienst
gewesen war, durfte ich zwei Wochen früher fahren, bevor der
neue Praktikant ankam.Ich fuhr die Strecke
Cuxhaven-Hamburg auf Umwegen mit dem Fahrrad zurück und besuchte
meinen alten Freund Helmut Seevers aus der Volkshochschulzeit,
der in der Nähe von Bremen auf dem Hof seiner Eltern wohnte und
auch andere ehemalige VHS-Mitschüler.Ich half bei
Reparaturen der Stallungen und verdiente mir so noch einige Mark
nebenbei.Dann meldete ich mich fristgerecht wieder im
Rauhen Haus zurück.Leider waren noch nicht alle Brüder
aus ihren Gehilfenstellungen heimgekehrt, so dass der Unterricht
erst am 22. August 1955 beginnen konnte.In den Wochen
dazwischen musste ich den erkrankten Nachtwächter vertreten und
das Rauhe Haus mit stündlichen Rundgängen bewachen.
Auf dem Gelände des Rauhen Hauses standen
vor dem 2. Weltkrieg 29 Gebäude.Während des Krieges war
es von der NSDAP beschlagnahmt worden und sollte
Nationalpolitische Erziehungsanstalt werden.Pastor
Donndorf und Bruder Füßinger hatten sich in der Stadt Wohnungen
suchen müssen.In der Nacht vom 27. zum 28. Juli 1943
wurden durch Brandbomben, die niemand rechtzeitig löschte, weil
die Häuser größtenteils leer standen, 25 Gebäude zerstört.In den vier kleineren Häusern Tanne, Kastanie, Schönburg und
Anker waren Luftschutzhelfer untergebracht, die in ihren Häusern
die Brandbomben unschädlich machten.
1955 gab es außer den genannten,
erhalten gebliebenen Gebäuden die Neubauten
„Goldener Boden“ als Altenheim und „Ora et
Labora“ mit dem Wichernsaal, in dem tägliche
Andachten und Feiern stattfanden.
Der neuerbaute „Bienenkorb“
beherbergte die Wäscherei und die Duschräume.Die
danebenstehende Bäckerei war verpachtet, belieferte aber das
Rauhe Haus und beschäftigte Lehrlinge aus der Anstalt.Ein
weiterer Neubau war die „Johannesburg“, die auf den
Fundamenten des alten Hauses neu aufgebaut worden war.Dazu
kam die „Fischerhütte“, eine alte Wehrmachtsbaracke
aus Holz.Die Ruine der Wichernschule wurde als Küche
genutzt.Darin befanden sich auch die Speisesäle und im 2.
Stock die Wohnräume der Bewährungsfamilie, auch Straffamilie
genannt.Dort gab es auch einen Karzer mit Glasbausteinen
als Fenster.In der Ruine der Druckerei befand sich im
Keller der Schweinestall, und darüber hatten die Handwerker ihre
Werkstätten.
Für die Reparaturen an diesen Häusern
wurden Ziegelsteine benötigt, die wir aus den Ruinen
herausholten.Wenn Unterrichtsstunden ausfielen, holten wir
uns vom Vogt einen Maurerhammer, putzten den alten Kalkmörtel ab
und setzten die Steine zu Haufen von 100 Stück auf, die der Vogt
dann kontrollierte.Dafür gab es einen Fernsehgutschein,
sonst mussten wir für die Teilnahme am frisch eingeführten
Fernsehen nach dem Abendessen 10 Pfennig bezahlen, soweit wir
überhaupt Zeit dazu hatten.Es gab nur den einen
abschließbaren Fernsehapparat im Sievekingssaal für die ganze
Anstalt mit 220 Jungen und 60 Diakonenschülern.
Die Erziehung im Rauhen Haus beruhte auf
dem von Wichern begründeten Familienprinzip, wobei jeweils zwei
Diakonenschüler je nach Größe der Räume etwa acht bis zwölf
Jungen betreuten.Der Familienleiter war meistens schon ein
oder mehrere Jahre in der Erziehungsarbeit tätig und stellte die
väterliche Autorität dar.Der Familiengehilfe sollte mehr
ausgleichend und mütterlich wirken.Er durfte nichts ohne
Einverständnis des Familienleiters unternehmen und konnte bei
Bedarf auch zu anderen Arbeiten herangezogen werden.So
hatte ich als Gehilfe im Haus Kastanie auch noch die beiden
Koksheizungen von Kastanie und Schönburg zu versorgen.Wenn
Werbebriefe an den Freundeskreis des Rauhen Hauses verschickt
werden sollten, saßen wir abends im Haus Tanne und falteten die
Bettelbriefe. Dabei durften zur Auflockerung auch die
Haustöchter mithelfen, und es wurde viel gesungen.
Unser „Studientag“ sah etwa
folgendermaßen aus:Um 6 Uhr wurden die Jungen geweckt.Wir schliefen mit ihnen gemeinsam in einem Zimmer in
Doppelstockbetten, immer das Schlüsselbund unter dem Kopfkissen.Anschließend mussten wir die Jungen beim Waschen im Waschraum
beaufsichtigen und sie danach geschlossen zum Frühstück im
Speisesaal der alten Schule begleiten.Wenn die Jungen sich
alle auf den Schulweg gemacht hatten, versammelten wir
Diakonenschüler uns um 8 Uhr bei Brüder Füßinger in seinem
Büro im Haus Tanne zum „Pädagogischen Praktikum“, in
dem die täglich anfallenden Erziehungsprobleme besprochen
wurden.Um 9 Uhr begann der Unterricht.Wir waren in
unserer Klasse D II 1955 zu Anfang 12 Diakonenschüler, zum
Examen in der D I 1959 nur noch 9.Um 12 Uhr war der
Unterricht beendet, und wir mussten in die Familien, um die aus
der Schule heimkehrenden Jungen in Empfang zu nehmen.Waren
alle zusammen, gingen wir mit ihnen in den Speisesaal zum
Mittagessen.Nachmittags mussten wir die Jungen bei den
Schularbeiten beaufsichtigen.Da wir immer mehrere
Gymnasiasten in unserer Familie hatten, kamen mir meine Englisch-
und Lateinkenntnisse sehr zugute.Nach der Kaffeepause
konnten die Jungen je nach Interessen auf dem Hof vor dem Hause
Ball spielen oder bei schlechtem Wetter drinnen basteln.Ich
habe in der Stadt Mosaiksteine besorgt, mit denen sie die damals
beliebten Blumentische als Weihnachtsgeschenke für die Eltern
bauten.Auch Blumenampeln aus Bast, Peddigrohr oder Bambus
waren als Bastelei sehr begehrt.Abends konnten die Jungen
noch lesen oder für 10 Pfennig zum Fernsehen gehen.Im
Sommer sind wir ins Schwimmbad Horner Moor gegangen oder haben
auf der Autobahnbrücke die Autotypen gezählt.Am Sonntag
gingen wir zu Fuß in unterschiedliche Hamburger Kirchen,
besonders gerne in den Michel, wenn dort Professor Helmut
Thielicke oder Bischof Herntrich predigten.Mit Bruder
Will, meinem Familienleiter, habe ich mich gut verstanden.Er
hatte seine Freundin in Island und auch Verständnis, wenn Ilse
mal zu Besuch kam.In die Anstalt durfte sie ja nicht, und
sie wartete dann in „Wicherns Eck“, einer Kneipe am
Rhiems-Weg.Wir hatten uns vorgenommen, später mal ein
Heim zu leiten, und so war sie ins Diakonissenmutterhaus nach
Rothenburg gegangen, um dort die Großküche zu lernen.Manchmal
fuhr ich auch nach Harburg, wo wir uns auf dem Bahnhof trafen,
weil sie dort umsteigen musste, wenn sie nach Hause fuhr.Selten
hatte ich mal einen freien Sonntag, an dem wir in Planten un
Blomen oder an der Alster spazieren gehen konnten.Einige
Wochen war Bruder Lothar Schulz krank, der damals Hausbruder war.Da musste ich dann die Koksheizungen der Häuser Tanne, Goldener
Boden und Bienenkorb neben meinen beiden Heizungen auch noch mit
versorgen.Besonders hart war der Bienenkorb an Waschtagen.Da musste ich oft vom Unterricht fortlaufen und Koks
nachschaufeln.
Der Unterricht begann mit
schulwissenschaftlichen, also allgemeinbildenden Fächern, da wir
auch einige Brüder mit Volksschulabschluss unter uns hatten.Das Examen nannten wir Schwachbegabtenabitur.Es war
Voraussetzung zur Zulassung für das spätere staatliche
Wohlfahrtspflegerexamen.An manchen Abenden hatten wir auch
„Benimmunterricht“ nach Knigge, bei dem uns Tanzlehrer
Wendt auf Pastor Donndorfs Initiative bürgerliche Umgangformen
beibrachte.Die richtige Anrede etwa im Verkehr mit
Vertretern des Hochadels war wichtig für uns, da einige dieser
Spezies ihre Sprösslinge im Rauhen Haus erziehen ließen.Fräulein
Esmarch, die Sekretärin Pastor Donndorfs, brachte uns das
Zehnfingersystem auf der Schreibmaschine bei.Bei mir hatte
sie damit wenig Erfolg, denn bis heute schreibe ich nach dem
Adler-Sytem: Kreisen, spähen, zuschlagen, einige nennen es auch
Palästinensersystem: Jeden Tag ein Anschlag.Einmal in der
Woche kam Bruder Maaz, der Posaunenwart, und bemühte sich, uns
das Tröten beizubringen.Meine Eltern hatten mir in der
DDR eine Trompete besorgt.Aber ich galt bald als
hoffnungsloser Fall und Bruder Maaz meinte zu mir: „Mach,
dass du wegkommst, du hast von Tuten und Blasen keine
Ahnung!“Ich habe dann meine Trompete verscherbelt und
mir für das Geld eine Schreibmaschine gekauft.Den
theologischen Unterricht hielt ich im Gegensatz zu anderen
Mitbrüdern nicht für besonders ergiebig.Er wurde den
beiden theologisch-diakonischen Klassen von Hamburger Pastoren in
den Fächern Altes (Kreye, Hamm) und Neues Testament (Alfred
Krüger, Dulsberg), Ethik (Krüger), Dogmatik (Gregor Steffen,
Eilbek), Kirchengeschichte (Büttner, RH) erteilt.Der
Unterricht im Fach Wortverkündigung bei Pastor Donndorf fiel
häufig aus, da er immer wieder zu wichtigen Terminen außerhalb
des Rauhen Hauses weilte. Bei Fiete Jahnke lernten wir die
Geschichte der Inneren Mission kennen.Das Fach
Jugendarbeit unterrichtete der frühere Landesjugendpastor und
spätere Bischof Dr. Hans-Otto Wölber.Pastor Krüger
führte uns auch sehr engagiert in klassische (Goethes Faust) und
moderne Literatur (Borchert, Sartre, Anna Seghers, Gilbert
Cesbron, Edzard Scharper) ein. Weihnachten bekam ich Urlaub und
erstmals eine Aufenthaltsgenehmigung zum Besuch meiner Eltern in
Müllrose.
Während des zweiten Unterrichtsjahres
blieb mir der Erziehungsdienst im Rauhen Haus erspart, denn
Bruder Giering hatte mich für seine Flussschiffergemeinde
angefordert.Es war für mich ein schönes Jahr, und ich
hatte viele Freiheiten.Die schwimmende Flussschifferkirche
war eine alte Munitionsschute, die mit Spenden aus Schweden als
kombinierter Kirchen- und Gemeinderaum umgebaut worden war.Der Küster Kuhnert wohnte auf dem Schiff und läutete sonntags
die Glocke.Die Kirche lag damals am Marktkanal an der
Elbbrücke.Ich machte Schiffsbesuche und half in der
Jugendarbeit und beim Kindergottesdienst.Mit der Jungschar
baute ich Segelflugmodelle, die wir am Gemeindetag den Eltern
vorführten.Abends hatten wir manchmal 70 Jugendliche im
Kreis, Jungen und Mädchen gemischt.Da wurde viel
gesungen, Geschichten erzählt oder Spiele gemacht.Mit der
Jungschar habe ich in den Ferien Fahrten unternommen, und an
manchem Sonntag habe ich auch Kindergottesdienst gehalten, wenn
Bruder Giering frei hatte und Pastor Suhr predigte.Zur
Weihnachtsfeier hatte ich mit der Jugend ein Theaterstück
eingeübt.
An den Vormittagen nahm ich im Rauhen Haus
am Unterricht der ersten Wohlfahrtspflegerklasse W II teil.Die Fächer vermittelten uns Grundwissen in Rechtskunde,
besonders im Familienrecht des BGB, Jugendwohlfahrts- und
Jugendstrafrecht, Fürsorgerecht, Gesundheitskunde mit Erster
Hilfe, Sozialpolitik, Volkswirtschaft, Psychologie, Pädagogik
und Geschichte der Pädagogik.Der Unterricht dieses Jahres
machte mir wirklich Spaß.Ostern 1957 kamen wir in die
Klasse W I und hatten uns intensiv auf das staatlich
beaufsichtigte Examen vorzubereiten.Da wichtige
Gesetzesänderungen im Sozialbereich in Vorbereitung waren,
mussten wir einige Paragraphen büffeln, die bald überholt sein
würden.Unsere Dozenten gaben uns aber ein gutes Rüstzeug
für die spätere soziale Arbeit mit auf den Weg.Ab
Oktober 1957 absolvieren wir zwei vierteljährige soziale
Behördenpraktika.Für die letzten drei Monate vor dem
Examen wurden wir von praktischer Arbeit freigestellt, um uns
gründlich auf die Prüfung vorbereiten und unsere Jahresarbeit
schreiben zu können und bekamen trotzdem unser monatliches
Taschengeld in Höhe von 25 DM ausgezahlt.
Neben dem alten Handwerkerhaus war ein
schöner Neubau mit Räumen für Erziehungsfamilien und Wohnung
für Bruder Potten, den neuen Hausvater, entstanden, das
Wichernhaus.Im oberen Stockwerk gab es viele Einzelzimmer,
die wir Wohlfahrtspflege-Examenskandidaten beziehen durften.Sie waren aber so eng, dass das Klappbett hochgeklappt werden
musste, wenn man zur Tür hinaus wollte.Im Treppenaufgang
befand sich ein schönes Mosaik mit dem Motiv „Gott ist
Sonne und Schild“ nach dem Hauspsalm des Rauhen Hauses.Im Wichernhaus war auch ein kleiner Versammlungsraum entstanden,
in dem ein neues Gemälde Gotthold Donndorfs aufgehängt worden
war.An der Decke waren mehrere künstliche Gewölbe
gestaltet, daher nannten wir es das Tönnchenzimmer.In
diesem Raum feierten wir abends mit unserer Klasse, wenn jemand
Geburtstag hatte.Das Geburtstagskind bekam immer einen
Napfkuchen vom Rauhen Haus spendiert und öfter schickten die
Eltern des Bruders oder seine Freundin einen „Kalten
Hund“, einen damals beliebten Kuchen aus Keksen, Palmin und
Kakao.Bruder Füßinger kam meistens zu später Stunde von
sich aus dazu und zeigte eine ganz andere Seite seines Wesens als
die gewohnte Fassade der Autoritätsperson.Wir konnten uns
dann recht brüderlich mit ihm unterhalten.Er fragte immer
sehr bescheiden: „Kann ich auch ein Stück von dem
Mutterkuchen haben?“Unser Unterricht fand jetzt in
den Kellerräumen des neuen Wichernhauses statt.
Nach dem Wohlfahrtspflegerexamen wurde ich
wieder in den Erziehungstrott des Rauhen Hauses eingegliedert.Dieses letzte Ausbildungsjahr galt gleichzeitig als
Anerkennungsjahr für die staatliche Anerkennung als
Wohlfahrtspfleger.Der aus dem englischen Sprachraum
übernommene Terminus Sozialarbeiter war damals in Deutschland
noch nicht üblich.Ein eventueller Abbruch der
Diakonenausbildung nach dem Wohlfahrtspflegerexamen war wegen des
Jahrespraktikums ohnehin kaum realisierbar.Ich hatte noch
keine eigene Familie bekommen und sollte für einige Wochen einen
Familienleiter vertreten.Als ich Bruder Füßinger etwas
vorlaut fragte,ob ich dann auch das
Familienleiter-Taschengeld bekäme, das waren immerhin 30 DM im
Monat, sah er mich ziemlich böse an und entgegnete: „Wenn
ich Pastor Donndorf vertrete, bekomme ich auch nicht sein Gehalt.Dann ist das eine Ehre für mich, dass ich es darf.“
... Soweit ich mich erinnere, hatten wir neun Jungen, fast
alle recht umgänglich.Einer kam aus Südamerika und hatte
deutsche Großeltern.Sorge machte mir ein Junge aus St.
Pauli, der öfter die Schule schwänzte.Ich habe mit ihm
gewettet, dass er später nie einen ordentlichen Beruf erlernen
würde – und habe die Wetter verloren.Er kam später
in Bundeswehruniform zu mir, zeigte mir seinen
Bäcker-Gesellenbriefund verlangte seinen Kasten Bier, den
ich ihm dann auch bezahlt habe.Schlagen durften wir die
Jungen nicht...
Das Rauhe Haus bekam damals noch immer
Spenden aus Amerika: Milchpulver, 25 kg-Pakete
„Missionskäse“ und gebrauchte Kleidung.Zusammen
mit der Blutwurst aus der eigenen Schlachtung auf Brot und mit
Kartoffeln gebraten waren das die wichtigsten Bestandteile
unserer Ernährung.Da ich den ganzen Tag nur saß,
vormittags im Unterricht, nachmittags mit den Jungen bei den
Schularbeiten und abends bei unserem eigenen Lernstoff, ging ich
ganz schön auseinander.Wenn neue Säcke mit
Kleiderspenden kamen, durften die Nichtraucher zuerst in den
Spendenkeller und sich gegen eine geringe Gebühr etwas
heraussuchen...
Im Jahre 1958 wurde die 125-Jahr-Feier des
Rauhen Hauses ganz groß im Wichernsaal begangen.Meine
Jungen hatten in einer Theateraufführung eine Szene
vorzuführen, in der im ersten Weltkrieg ein Bruder Soldat wird
und die Jungen ihn verabschieden.
Inzwischen war Pastor Donndorf nach
Vollendung seines 70. Lebensjahres in den Ruhestand gegangen und
Propst Prehn aus Husum wurde sein Nachfolger.Er erteilte
uns sehr spannenden Unterricht in Kirchengeschichte.Auch
Bruder Jahnkes Informationen über die Geschichte der Diakonie
interessierten mich.Neben dem Diakonenexamen sollten wir
noch die Prüfung als Religionslehrer und Kirchenbuchführer
machen.Viele Brüder wollten sich mit dem trockenen Stoff
der Kirchengesetze und dem kirchenamtlichen Formularwesen nicht
abgeben, aber Bruder Füßinger sagte ganz autoritär: „
Denken Sie auch mal an das Alter, wenn Sie in der Jugendarbeit
und als Treppenterrier nicht mehr können, dann haben sie
wenigstens einen Stuhl in einem warmen Zimmer.“Die
Dozenten arbeiteten auf Honorarbasis.Etliche spendeten ihr
Honorar jedoch dem Rauhen Haus.Zu den humansten Dozenten
gehörte „Fiete“ Biehn, Kirchenmusikdirektor am Michel
und Glockenbeauftragter der Hamburger Landeskirche, der das Fach
Kirchenlied lehrte.Er meinte: „Ich gehöre nicht zu
den Dozenten, die meinen, dass mein Unterricht der wichtigste
ist.Wenn Sie etwas dringendes zu erledigen haben, können
Sie ruhig mal wegbleiben.“Aus ganz anderem Holz
dagegen war Pastor Hennig, Sohn des früheren Anstaltsdirektors,
bei dem wir das Fach Liturgie hatten.Er nahm sich sehr
wichtig, sein Unterricht war trocken und langweilig und er konnte
sagen: „Wenn die Brüder das nicht lernen, was ich aufgebe,
werde ich dafür sorgen, dass sie mit der Schubkarre durch die
Anstalt fahren.“Mein größtes Problem war Pastor
Gregor Steffen und seine Dogmatikvorlesungen.Da mussten
wir büffeln, welcher Kirchenvater welche Meinung über Jesu
menschliche und göttliche Existenz hatte.Für ihn war
seine Dogmatik der Mittelpunkt der Theologie.Eigentlich
sollte unser Diakonenexamen von Landesbischof Volkmar Herntrich,
einem persönlichen Freund Wolfgang Prehns, abgenommen werden,
aber einige Wochen vorher verunglückte er tödlich, als sein
Auto auf der Fahrt nach Berlin auf der Transitstraße auf einen
unbeleuchteten sowjetischen Panzer auffuhr.Das war ein
herber Schlag für die Hamburger Kirche und auch für Propst
Prehn in seinem neuen Amt als Vorsteher des Rauhen Hauses.Zu
den ungeschriebenen Gesetzen gehörte auch, dass wir zur
Einsegnung als Diakon in der Hammer Kirche im schwarzen Anzug zu
erscheinen hatten.Da unser Geld für den Kauf eines
solchen nicht reichte, wurden von unserem Taschengeld monatlich 5
DM einbehalten, die wir zum Examen zum Anzugkauf ausgezahlt
bekamen.So hatte ich gleich einen Hochzeitsanzug, der mir
auch heute noch passt.
1959 ging es Schlag auf Schlag.Am
2. März legten wir das Diakonenexamen ab und am 16. März
die Verwaltungsprüfung, alles neben der Erziehungsarbeit.Ich
hatte mir beim Tischler zwischendurch schon zwei Bücherregale
und einen Musikschrank für Schallplatten gebaut.Als
Weihnachtsgeschenk hatte ich für Ilse ein geschnitztes
Schmuckkästchen gebastelt und als Hochzeitsgeschenk eine
Blumenbank mit Mosaiksteinen.Als Motiv hatte ich eine
Gondel als Erinnerung an Venedig und fünf Kreuze für die fünf
Jahre, die wir aufeinander warten mussten,eingearbeitet.
Im Gegensatz zu anderen Brüderhäusern,
etwa Nazareth/Bethel, galt im Rauhen Haus seit Ende des Ersten
Weltkrieges kein Sendungsprinzip mehr.Da das Rauhe Haus
jedoch um 1959 sehr viele Anfragen aus ganz Deutschland nach
Gemeindediakonen, Heimleitern, Jugend- und Trinkerfürsorgern
bekam, sah Propst Prehn es gerne, wenn man sich in die erste
Stelle nach der Ausbildung durch das Rauhe Haus vermitteln ließ.Bruder Füßinger war zu der Zeit neben seinen Aufgaben als
Inspektor des Rauhen Hauses auch als Brüderältester tätig und
hatte große Erfahrungen im Aushandeln von Dienstverträgen.
Erste Stelle als Diakon: Hausvater des
Lehrlingsheimes in Schwelm
Mir bot er eine Stelle als Hausvater eines
Lehrlingsheimes in Schwelm in Westfalen an...Die Stelle
wurde uns zum 1. August 1959 zugesagt.Bruder Füßinger
setzte es durch, dass Ilse als erste Diakonenfrau ihr eigenes
Gehalt als Hausmutter erhielt.Vorher hatten die
Hausmütter in den Heimen nur 50 DM Taschengeld bekommen.Meine
Anstellung samt Gehaltszahlung lief offiziell ab 1. Mai 1959,
wobei die Vergütung zunächst an das Rauhe Haus überwiesen
wurde.Bis zu unserem Beginn in Schwelm arbeitete ich in
der Tischlerei des Rauhen Hauses und erhielt neben freier
Unterkunft und Verpflegung ein Taschengeld...Da wir
die Wohnung vorher nicht sehen konnten, erhielten wir eine
Bauzeichnung mit den Maßen der 3 ½ Zimmer.
Am 1. August fand dann die Übergabe im
Beisein des Geschäftsführers B., von Beruf Leiter des
Finanzamtes, statt.Der Vorstand hatte sieben Mitglieder,
und ich durfte ohne Stimmrecht an den Sitzungen teilnehmen.Es entwickelte eine wirklich gute Zusammenarbeit.Mein
größter Kummer waren die übernommenen Schulden von 3.000 DM
unbezahlter Heimkosten, damals viel Geld.Etwa die Hälfte
davon bekam ich durch Lohnpfändungen wieder herein.Das
Heim hatte 60 Plätze, die aber nicht mehr alle mit Lehrlingen
belegt werden konnten.So nahm ich auch Gesellen und
Hilfsarbeiter auf.Außerdem kamen damals die ersten
Gastarbeiter aus Spanien, Italien und Griechenland.
Bei uns wohnte auch ein indischer
Ingenieur, der in einer Gießerei für ein Jahr ein Praktikum
machte.Zeitweilig wohnte auch ein leitender Angestellter
des Arbeitsamtes im Hause, der nach Schwelm versetzt worden war
und am Wochenende zu seiner Familie nach Frankfurt fuhr.Im
Hause herrschte frohes Jugendleben, besonders an den Wochenenden.Mein Büro lag am Hauseingang.Freitags musste ich die
Selbstzahler immer abfangen, damit sie auch ihre Miete bezahlten.Bei unsicheren Kandidaten holte ich die Miete auch direkt im
Lohnbüro der Betriebe ab.Für manche Lehrlinge, die aus
der Fürsorgeerziehung kamen, schickten die Jugendämter das
Geld, und ich musste ihnen das Taschengeld auszahlen.Oft
mussten auch noch Führungsberichte geschrieben werden.Es
gab also viel Schreibkram, den ich tagsüber zu erledigen hatte.Ich war stolz darauf, dass ich sogar Sonderschüler aus dem
Fürsorgeheim Loher Nocken in Ennepetal in Lehrstellen
unterbringen konnte, aber abends musste ich ihnen dann beim
Führen der Berichtshefte und bei den Aufgaben der Berufsschule
helfen...
... konnten wir zusammen sonntags mit
kleineren Gruppen oft Ausflüge machen, z. B. nach Köln,
Wuppertal, Schloss Burg und zum Altenberger Dom.An den
Wochenenden brachte ich unsere Fußballmannschaft auch öfter zu
Spielen gegen umliegende Lehrlingsheime.Einen großen
Kellerraum stellte ich zum Tischtennisspielen zur Verfügung.Die Decke isolierten die Lehrlinge gegen Schall mit Eierpappen
und dekorierten die Wände mit Bierdeckeln.Zu Anfang
musste ich noch die Koksheizung bedienen, aber durch großzügige
Spenden von Dr. Albano Müller und anderen Betrieben konnten wir
eine Ölfeuerung anschaffen und den Kokskeller als Werkstatt
einrichten.Der Öltank kam in einen neuen Keller, über
dem wir eine Garage mit Fahrradraum errichteten.Etliche
Lehrlinge halfen mir bei den Reparaturen und Umbauten.Für
die Mithilfe schaffte ich einheitliche Trikots für die
Fußballmannschaft an.Leider wurden es immer weniger
Lehrlinge, da viele bereits an ihren Heimatorten in Niedersachsen
und Schleswig-Holstein Lehrstellen bekommen konnten oder die
Eltern nach Schwelm zugezogen waren und die Jugendlichen wieder
zu sich nahmen.Die älteren Gesellen gingen lieber ins
benachbarte Kolpinghaus, wo sie größere Freiheiten hatten.Das Ende des Lehrlingsheims kam mit dem Mauerbau am 13. August
1961, als keine Jugendlichen mehr aus der DDR über das
Auffanglager Stukenbrock kamen.Von den 60 Plätzen waren
nur noch 30 belegt, und das war unterhalb der
Rentabilitätsgrenze.So machte ich dem Vorstand den
Vorschlag, das Heim zu schließen und erhielt den Auftrag, mich
nach einer Nachfolgeeinrichtung umzusehen.Das Johanneum in
Wuppertal musste sein Haus aufgeben, aber denen war unser
Grundstück zu klein und das benachbarte Altenheim wollte seinen
Garten nicht hergeben.Die Anstalten in Volmarstein hätten
das Haus gerne als Außenstelle für ihre Behinderten genommen,
aber sie verlangten Wasser auf den Zimmern und einen Aufzug.So blieb das Haus längere Zeit leer und dient heute als
Kreiskirchenbüro.Mir fiel die traurige Aufgabe zu, die
verbliebenen Lehrlinge anderweitig unterzubringen...
Kindererholungsheim in Bad Rothenfelde
Also besichtigten wir das Haus in Bad
Rothenfelde.Das hatte Superintendent Bruhne erst kurz
zuvor von der Inneren Mission Osnabrück gekauft, weil es denen
zu unwirtschaftlich geworden war.Es war vor etwa 100
Jahren im Betheler Baustil mit 4 Meter hohen Zimmern errichtet
worden.Eine Heimleiterwohnung gab es nicht, weil das Haus
immer von einer Diakonisse geleitet worden war.Als wir
ankamen, waren für uns noch zwei kleine Dachstuben frei.Später
sind wir innerhalb des Hauses noch mehrere Male umgezogen.In
einem ungeheizten Nebengebäude befand sich noch ein riesiger
Saal mit etwa 30 Doppelstockbetten.Wir hatten in den
Ferien etwa 120 Kinder im Hause, einige Gruppen auch mit
Betreuerinnen.Für die Saison stand uns eine eigene
Kindergärtnerin zur Verfügung.Es blieb mir nichts
übrig, als selber mit größeren Gruppen Spaziergänge im Wald
zu machen, mit ihnen ins Badehaus zu gehen und bei den
Untersuchungen durch den Badearzt die nötigen Notizen zu machen.In der Küche hatten wir zwei junge Frauen, jede mit Kind, so
dass wir nebenbei noch vier Personalkinder zu betreuen hatten.Eine größere Gruppe kam von der Schultheiß-Brauerei aus
Berlin, die zum Bielefelder Dr.-Oetker-Imperium gehörte.Als
die Werksfürsorgerin zu Besuch kam, merkte sie, dass wir kaum
Spielzeug für Regentage hatten.Sie hat dann dafür
gesorgt, dass wir eine größere Spende aus Bielefeld bekamen.In flauen Zeiten nach den Ferien schrieb ich die Kirchenkreise an
und bot das Haus für Altenerholung und Weihnachtsfreizeiten für
Einsame an.Dazu mussten die Doppelstockbetten abgebaut und
durch Holzbetten für Erwachsene ersetzt werden.Für
mehrere Wochen bekam ich zwei Betriebshandwerker gestellt, die in
den Räumen die alte Leimfarbe durch Tapeten ersetzten.Nach
und nach hatte ich auch die vielen Keller entrümpelt und alles
unnötige Zeug verbrannt.Aus einem Keller machte ich dann
eine Garage für mein Auto.Jede Woche fuhr ich mit Ilse
zum Einkauf im Großhandel nach Münster...Über die
Finanzen unseres Hauses hatte ich keinen Überblick, da alle
Verwaltungsarbeiten in Handorf erledigt wurden.Wenn
Superintendent Bruhne zu Besuch kam, brachte er immer einen
Karton Bücher für unsere Bücherei mit.Später erfuhr
ich, dass die Diasporaanstalten eine eigene evangelische
Buchhandlung in Burgsteinfuhrt betrieben, die aber nicht so recht
florierte.Anfang 1963 erhielt ich dann einen
Jahresabschluss, nach dem ich mit mehreren Tausend Mark im
Defizit stand.Als Bruder Füßinger uns besuchte, sprach
ich mit ihm darüber, und wir fuhren nach Emsdetten zu
Superintendent Bruhne, weil der Anstellungsvertrag noch nicht
unterschrieben war.Einige Wochen später rief mich Bruder
Jahnke aus Hamburg an und sagte mir, dass ich bei ihm im
Altenheim der Marthastiftung in Rahlstedt als Heimleiter anfangen
könne, da die leitende Diakonisse aus Volksdorf in den Ruhestand
gehe.Wir kündigten.Bei der Verabschiedung schenkte
mir Superintendent Bruhne aus der Bibliothek das Buch „Die
Evangelische Kirche im Münsterland“, das er geschrieben
hatte.Ich lese noch heute oft darin.Zu Ilse sagte
Bruhne: „Ich glaube, wir werden Sie in besserer Erinnerung
behalten als Sie uns.“Einige Jahre später wurde das
Haus erst für viele Millionen renoviert und dann bald darauf
verkauft und abgerissen.
Marthastiftung in Hamburg-Rahlstedt
Die Marthastiftung am Berliner Tor war
während des Krieges zerstört worden.Mit dem
Entschädigungsentgelt und mehreren Darlehen hatte Bruder Jahnke
auf einem geschenkten Grundstück in Rahlstedt ein kleines
Altenheim erbaut, sehr zum Unwillen der Nachbarn.Als ich
die Heimleitung 1963 übernahm, waren aus den 60 Plätzen durch
einen Neubau auf einem zugekauften Nachbargrundstück bereits 100
Plätze geworden.Der Neubau war vorwiegend mit Geldern
finanziert worden, die für die Unterbringung der
„Desperated Persons“ aus dem Funkturmlager bestimmt
waren.Das waren Russen, Polen, Balten und Jugoslawen, die
nicht wieder in ihre Heimatländer zurückkehren konnten, aber
wegen Krankheit oder Alter auch nicht zu ihren Kindern nach
Amerika auswandern durften.Es waren trotz langen
Lagerlebens meistens ordentliche Leute, aber auch einige
Ekelpakete darunter... Das Heim war mit einer langen
Vormerkliste immer gut belegt.Die Heimkosten waren damals
noch relativ gering, so dass wir etwa 2/3 Selbstzahler unter den
Bewohnern hatten.
Die kamen zum Ersten jeden Monats ins
Büro, um ihre Miete zu zahlen.Von dem Geld habe ich dann
gleich die Löhne und das Taschengeld für die vom Sozialamt
finanzierten Bewohner ausgezahlt.Die Rechnungen konnten
wir beim Sozialamt immer erst drei Monate nachträglich
einreichen.Es dauerte dann weitere zwei Monate, bis sie
geprüft und bezahlt wurden.Außerdem musste ich täglich
eine Anwesenheitsliste führen, da für Zeiten von Urlaub oder
Krankenhausaufenthalt nicht voll gezahlt wurde.Die
Berechnung der Löhne war damals noch einfach.Die
Prüfungen durch Krankenkassen und Finanzamt ergaben bei unserem
Personalstand von 30 Personen nie Beanstandungen.In der
Küche hatten wir ausreichend und gutes Personal und auch mit den
Putzfrauen keine Schwierigkeiten...
Mit Bruder Jahnke hatte ich ein gutes
Verhältnis.Er kam jeden Monat einen Nachmittag nach
Rahlstedt, und wir haben alles Notwendige besprochen. Er
hatte auch noch wieder Nachbargrundstücke hinzugekauft und
plante den Neubau eines Pflegeheimes, da wir nur über ein
Pflegezimmer mit vier Betten verfügten.Außerdem sollte
die Küche vergrößert und eine neue größere Waschküche
eingerichtet werden.So fuhren Ilse und ich mit dem
Architekten zur Besichtigung von Neubauten, und er hat auch alle
unsere Wünsche berücksichtigt, so dass die Bauarbeiten bald
beginnen konnten.Die erforderlichen Gelder hat Bruder
Jahnke irgendwie zusammengebracht...
Altenheim in Boppard
Auf eine Anzeige hin schrieb ich an das
Diakonische Werk Düsseldorf, das für ein Altenheim in Boppard
einen Heimleiter suchte, und erhielt einen Termin zur
Vorstellung.Das ehemalige Familienhotel der Inneren
Mission in Boppard war nach dem Kriege zum Flüchtlingsaltenheim
umgewandelt worden.Das Haus war etwa 100 Jahre alt, und
die Grundmauern hatten sehr unter dem ständigen Hochwasser des
Mühlbachs gelitten.Es war an die Stadt Boppard verkauft
worden und sollte abgerissen werden, um einen Parkplatz für die
Seilbahn zum Vierseenblick zu schaffen.Im Park auf der
anderen Straßenseite war schon ein Neubau entstanden, aber noch
lange nicht bezugsfertig.Da wir drei Monte
Kündigungsfrist einzuhalten hatten, sollte bis dahin angeblich
alles fertig sein.Als ich am Abend wieder nach Hause kam,
sagte ich zu Ilse: „Ich glaube, diesmal haben wir uns
verkauft“, was sich später auch bewahrheitete.Bruder
Jahnke sagte mir später mal: „Wenn Du mir damals gesagt
hättest, dass Du bei der Firma anfangen willst, hätte ich Dir
gesagt: Lass die Finger davon!“Da Bruder Reimer die
neue Arbeit nicht so schnell aufnehmen konnte, übernahm Bruder
Jahnke für mehrere Monate selber die Heimleitung, da er
inzwischen pensioniert worden war...
Als wir in Boppard ankamen, war die Wohnung
natürlich noch nicht fertig, und wir zogen in zwei Zimmer.Dort fuhren auf der Bahnstrecke direkt vor unserem Fenster jeden
Tag 300 Züge in beiden Richtungen vorbei.Zwischen den
beiden Häusern verlief die vielbefahrene Bundesstraße, und
hinter dem Neubau floss der Rhein, der im Frühjahr kräftig
Hochwasser führte, das bis in die Hausmeisterwohnung kam...Das
Heim war ziemlich heruntergewirtschaftet.Innerhalb von 10
Jahren hatte es sieben Heimleiter erlebt...
Das alte Haus war
inzwischen abgerissen worden, und es sollte der Boden planiert
werden.Dabei stießen die Arbeiter auf alte Mauerreste,
teils römischen, teils fränkischen Ursprung.Ich ging
dann in den Mittagspausen hinüber und versprach den Arbeitern,
dass sie für jede Scherbe eine Zigarre bekämen.So bekam
ich dann römische „Terra Sigelata“, belgische
„Rauhware“ und fränkische „Siegburger
Keramik“.Der Ursprung war also ein römischer
Bauernhof an der Mündung des Mühlbachtales in den Rhein, dem
später der fränkische Königshof folgte und dann die
Kaiserpfalz, bis Erzbischof Balduin von Trier sie vom Kaiser als
Wahlgeschenk bekam.Bald darauf kamen auch die Archäologen
des Koblenzer Museums.In dieser Zeit fanden auch
Ausgrabungen an der Severiuskirche auf dem Marktplatz statt.Sie ergaben, dass die Kirche an der Stadtmauer aus einer
römischen Badeanstalt entstanden war.Überall in Boppard
waren noch Teile der römischen Stadtmauer erhalten.Ich
habe mich damals viel mit der römischen und mittelalterlichen
Geschichte befasst und war auch Mitglied der Deutschen
Burgenvereinigung, die eine interessante Zeitschrift
herausbrachte.Wenn Ilse am Sonntag Nachmittag Ruhe haben
wollte, nahm ich die drei Kinder, und wir fuhren in den Hunsrück
oder Westerwald und besichtigten Kirchen und Burgen.Im
Sommer 1967 wurde Elisabeth in die Evangelische Volksschule
eingeschult.Im Rheinland waren die Schulhöfe nach
Konfessionen streng getrennt, und ihre Freundschaften mit den
katholischen Nachbarskindern waren vorbei.Ansonsten gingen
in Boppard die Konfessionen sehr tolerant miteinander um, auch
schon wegen der vielen Touristen...
Ich hatte so
etwas schon kommen sehen und Verbindungen zu Bruder Rosenberger
nach Wildeshausen aufgenommen.Ich hatte mich bereits zwei
Jahre zuvor um die Stelle beworben...
Karlheinz Franke
übernahm anschließend ein Altenheim in Wildeshausen.
Er berichtet darüber:
Das Haus war nicht nur
Alters-, sondern auch Pflegeheim für jüngere geistig behinderte
Menschen.Den günstigen Pflegesatz, der auch für mehrere
Selbstzahler galt, konnten wir nur durch die eigene
Landwirtschaft von 10 ha, den relativ hohen Viehbestand und die
Mithilfe der Pfleglinge im Rahmen der Arbeitstherapie erreichen.So schlachteten wir jedes Jahr zwei Kühe und drei Schweine sowie
viele der etwa 80 Hühner und hatten unsere eigene Milch,
Kartoffeln und Gemüse.Ein Teil der landwirtschaftlichen
Erzeugnisse wurde auch verkauft.Die Preise für Verkauf
und Eigenbedarf musste ich jeweils anhand der
Landwirtschaftszeitung berechnen.Die zu bewirtschaftenden
10 ha bestanden zum Teil aus eigenem, aber auch aus Pachtland,
das wir mit zwei Pferden beackerten.Zu Anfang hatten wir
an sieben verschiedenen Stellen der Stadt Weideland.Wenn
eine Weide von den etwa 5 Rindern abgefressen war, mussten wir
sie am Strick durch die Straßen der Stadt zur nächsten Weide
führen.Auch die Wege zum Melken morgens und abends waren
sehr beschwerlich.Schwierig war es auch, das Heu zu machen
und einzufahren.Dafür hatten wir aber schon eine
Pferdemähmaschine.Anfangs haben wir das Getreide noch mit
der Sense gemäht und mit der Hand gebunden und aufgestellt.Später haben uns benachbarte Landwirte unser Getreide gemäht
und wir haben ihnen dafür beim Aufstellen der Garben geholfen.Die ersten Jahre hatte ich noch den landwirtschaftlichen Gehilfen
meines Vorgängers, Herrn Fischer, zur Verfügung, der dann aber
bald in Rente ging.Er kam trotzdem noch jeden Tag zu uns,
weil es ihm zu Hause zu langweilig wurde.Er war früher in
Ostpreußen Gutsgärtner gewesen, und ich habe viel von ihm
gelernt.Als nach einem Sturm 1972 die Brennerei Kollerge
geschlossen wurde, übernahm ich deren landwirtschaftlichen
Arbeiter, Herrn Wagner.Der hatte wenigstens einen
Führerschein, und ich schaffte für 550 DM einen gebrauchten
Trecker an.Leider wurde dann bald ein neues Getriebe
fällig.Die beiden großen Pferde wurden verkauft, und
dafür habe ich einen Norweger für die Melker angeschafft und
einen kleinen Wagen dafür gebaut.
Morgens nach dem
Frühstück und nach der Mittagspause kamen die mithelfenden
Pfleglinge auf der Diele des Stalles zusammen, und dann habe ich
jedem seine Arbeit zugeteilt, je nach Fähigkeiten und
Wetterlage.
Als unsere Tochter
Christiane in die Schule kam und die Lehrerin die Kinder nach dem
Beruf der Väter fragte, antwortete das Kind: „Mein Vater
ist Bauer.“Als die Lehrerin weiter fragte, was der
Vater denn so als Bauer mache, kam die Antwort: „Der passt
auf, dass die anderen alle was tun.“So hatte ich etwa
8 Leute, die ich beschäftigen musste, und Ilse hatte in der
Küche noch 6 Frauen einzusetzen.In den Jahren 1974 bis
1979 hat der Landkreis viel Geld in das Heim investiert.Wir
erhielten einen neuen Trecker und die dazugehörigen Maschinen
nebst Miststreuer und Gummiwagen.Außerdem bekamen wir ein
Gewächshaus, damit die Leute auch bei Regenwetter und im Winter
geschützt beschäftigt werden konnten.Da haben wir viele
Gurken und Tomaten geerntet.Die meisten Pfleglinge holte
ich aus dem Landeskrankenhaus Wehnen, weil die Pflegesätze für
den Landkreis in unserem Hause erheblich günstiger waren.Aber
wir hatten auch viele alt gewordene ehemalige Knechte und Mägde
sowie Verwandte von kleinen Höfen, die die Landwirtschaft
aufgegeben hatten.Manchmal waren auch Alkoholiker unter
den Pfleglingen, die besonders am Anfang des Monats nach
Auszahlung des Taschengeldes auffielen.Einen betrunkenen
Bewohner musste einmal ich eigenhändig mit einer Schubkarre nach
Hause fahren, weil gerade keine Männer auf dem Hof waren.
Es waren neun harte, aber schöne Jahre.Wir lebten im Heim wie eine große Familie, und jeder hat nach
seinen Kräften mitgeholfen.Für die Betreuung der
Heimbewohner hatten wir nur eine Halbtagspflegerin, sonst haben
sich die Bewohner gegenseitig geholfen.Bei längeren
Krankheiten kamen sie ins Krankenhaus, und Pflegefälle mussten
wir in die umliegenden Pflegeheime geben, was mir immer sehr weh
tat.Mit dem Amtmann Jagow hatte ich ein gutes Verhältnis,
er stammte selber von einem Bauernhof in Mecklenburg.Er
kam jeden Monat einmal nach Wildeshausen, inspizierte die Felder,
zählte das Vieh nach und verglich den Bestand mit meinen
monatlich eingereichten Listen.Als er in den Ruhestand
ging, wurden wir dem Jugendamt unterstellt.Das gab
gleich Probleme mit einer Übernachtungszelle für aufgegriffene
Jugendliche, die nicht mehr bei der Polizei untergebracht werden
durften.Dafür wurde ein Raum im Stallgebäude ausgebaut,
mit Wechselsprechanlage an mein Bett...
Seine letzte
Stelle als Diakon und Sozialarbeiter beim Diakonischen Werk in
Bremen beendete er 1990 mit Eintritt in den Ruhestand.
Am 24.11.1989 verwitwete Karlheinz Franke.Jetzt verlebt er
seit Jahren als Rentner der Seekasse seinen Lebensabend in seinem
eigenen Haus in Wildeshausen.
Ein Leben auf See amüsant und spannend wird über das Leben an Bord vom Moses bis zum Matrosen vor dem Mast in den 1950/60er Jahren, als Nautiker hinter dem Mast in den 1970/90er Jahren berichtet
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