Otto Münster, geboren am 30. Januar 1871 in Plau, gestorben am 10.
Mai 1962 in Grevesmühlen, wurde am 26.
November 1905 als zweiter Pastor und am 4. November 1906 als
erster Pastor in Grevesmühlen berufen. Er
wirkte 52 Jahre als Pastor und Seelsorger in Grevesmühlen.
Propst Münster
wirkte jahrzehntelang in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde
in Grevesmühlen
(Meckl). Der Webmaster erlebte ihn
dort als älteren Herrn von 1945 bis 1953.
Nachfolgender
Text stammt von Herrn Horst Lederer (ehemals Lehrer in
Grevesmühlen und ehrenamtlicher Gemeindechronist in
Grevesmühlen):
Pastor und
PropstOttoAugust Franz WilhelmMünster
Als
im Oktober 1906 der erste Grevesmühlener Pastor Karl Bartholdi
die frei gewordene Pfarrstelle in Friedrichshagen übernahm,
rückte Pastor OTTO MÜNSTER zum ersten Prediger auf und
übernahm die Führung der Chronik unserer Kirchgemeinde, die er
ohne Unterbrechung bis zum 31. 5. 1953 beibehielt.
Otto
August Franz Wilhelm Münster wurde am 30. Januar 1871 als
jüngster Sohn des Malermeisters und seit 1870 Senators Rudolf
Münster und dessen Ehefrau Marie geb. Schlösser aus Wriezen a.
O. in Plau in Mecklenburg geboren.Dieser Zweig der Familie
Münster lässt sich urkundlich bis 1678 in Mecklenburg
nachweisen. Seinerzeit war ein Sebastian Münster Schäfer in
Bredenfelde bei Stavenhagen, später Pächter; er starb am
20.11.1725 in Kleeth. Auch seine Nachfahren waren zwei
Generationen lang Gutspächter in Gültz, Markow, Remlin, Liinow
und Kustrade. Sein Urenkel (+ 1820 in Schwerin) war
„Unterdrustspel“ im von Quillfeldschen Regiment in Stralsund.
Dessen einziger Sohn Johann Christian ließ sich 1803 als
Malermeister in Plau nieder. Nach seinem Tod (1845) übernahm
sein einziger Sohn Rudolf (1826 -1895) das Malergeschäft in
Plau.
Otto
Münster besuchte die Bürgerschule in Plau und ab 1884 das
Gymnasium in Waren.Von 1890 an studierte er in Leipzig,
Erlangen und Rostock Theologie. Nach bestandenem Tentamen im
Oktober 1894 absolvierte er vom 1.10.1894 bis 1895 seinen
Militärdienst in Rostock. Anschließend war er dann als
Hauslehrer in Alt-Kamin bei der gräflich von Bernstorffschen
Familie und als Lehrer an der Höheren Knabenschule in
Stavenhagen tätig.Am 24. März 1901 wurde Otto Münster in
der Kirche zu PIau von Superintendent Walter, Parchim, ordiniert
uni vertrat in Plau den erkrankten Pastor Gerlach bis zum 1.
Januar 1902, in Neukalen Pastor Radloff bis zum 1. Mai 1902 und
in Schwerin Domprediger Weber bis zum 1. Oktober 1902.Dann
wurde er Hilfsprediger an der Schlosskirche zu Schwerin.
Am
5. Juni 1903 heiratete Otto Münster Johanna Freytag, die zweite
Tochter des Pastors Freytag in Gammelin und dessen Ehefrau Marie
geb. Schütz aus Wustrow.
Als
in Grevesmühlen die zweite Pastorenstelle nach dem Wechsel von
Pastor Gerhard Tolzien nach Pinnow vakant geworden war, wurde
eine Pfarrerneuwahl ausgeschrieben. Zu den drei Kandidaten
gehörte auch Otto Münster. Am Abend des 25. November 1905
traf er zusammen mit dem Superintendenten, Geh. Oberkirchenrat D.
Bard, per Zug in Grevesmühlen ein. Pastor Bartholdi holte
beide vom Bahnhof ab und begleitete sie zu ihrem Nachtquartier im
Hotel „Stadt Hamburg“, wo sie ihr Abendessen einnahmen.Am
26. November 1905, einem kaltem, windigen Tag, sahen sich die
drei Kandidaten vor dem Gottesdienst die Kirche an. Dabei
lernte Otto Münster den damaligen Kirchenökonomus Wiedow
kennen, der noch einmal nach dem Rechten sehen wollte.Im
Wahlgottesdienst predigte Münster zuerst, und zwar über den
Bibeltext Matthäus 11, 28: „Kommet her zu mir alle, die ihr
mühselig und beladen seid...“ Dann predigte Rektor Erdmann
aus Hagenow über Offenbarung 2, 10: „Sei getreu bis an den
Tod...“ und schließlich Rektor Hoyer aus Grabow über
Offenbarung 3, 11: „Halte, was du hast...“ Otto Münster
wurde gewählt. Als das Ergebnis feststand, wurde er von Küster
Goldberg aus dem Pfarrhaus an der Kirchstraße abgeholt und von
D. Bard mit dem Spruch aus Jak. 1, 21: „Nehmet an das Wort mit
Sanftmut...“ in sein Amt eingeführt. Am Nachmittag des
Wahltages fand im Hotel „Stadt Hamburg“ ein Festessen statt,
an dem außer Otto Münster D. Bard, Amtshauptmann von
Bernstorff, Bürgermeister Melz, Senator Ihlefeld, Präpositus
Lange aus Börzow, Pastor Bartholdi, Kirchenökonomus Wiedow,
Kantor Stephanus, Organist Weck, die Kirchenjuraten Schäffer und
Brockmüller, Küster Goldberg, Kirchensekretär Dr. Peters aus
Schwerin und die beiden anderen Wahlkandidaten, die Pastoren
Erdmann und Hoyer, teilnahmen.
Am
2. Advent, dem 10. Dezember 1905, hielt OTTO MÜNSTER seine
Antrittspredigt über das Jesuswort Lukas 21,33: „Himmel und
Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.“ Am
Nachmittag taufte er die ersten Kinder in seiner neuen Gemeinde,
Anna Plog und Hermann Runge.Am 11. Dezember 1905 zogen Otto Münster
und seine kleine Familie in das Pfarrhaus am Kirchplatz ein, in
dem vor ihnen Kirchenrat Löscher und Pastor Tolzien ihren
Wohnsitz hatten. Dort wohnte Otto Münster bis zu seinem Tod am
10. Mai 1961. Hier wurde dem Ehepaar Münster bereits am 28.
Dezember 1905 der zweite Sohn geboren.
Bereits
zu Beginn seiner Amtstätigkeit wurde Pastor Otto Münster
unversehens starken Belastungen ausgesetzt, als sein Amtsbruder
Bartholdi Anfang Februar 1906 wegen eines Lungenleidens längeren
Urlaub nehmen musste. So hatte Otto Münster beide
Konfirmandengruppen, die der Mädchen und die der Jungen, allein
zu unterrichten, und diese seine erste hiesige Konfirmandenschar
konfirmierte er am Palmsonntag, dem 8. April, allein.
Bis
Juli 1906 verwaltete er als einziger einsatzfähiger
Grevesmühlener Pastor die ganze Gemeinde allein. Die gleichen
Schwierigkeiten hatte er später zu überwinden, als 1917 Pastor
Hurtzig nach Schwerin beordert wurde, bis zur Ankunft von Pastor
Parge Ende Juni 1918 und nach dessen Krankheit und Heimgang von
Mai 1926 bis zur Neubesetzung der zweiten Pfarre am 1. Januar
1927.
In
den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Pastor hielt Otto
Münster eine Reihe von Vorträgen, brachte der Gemeinde
insbesondere den evangelischen Liederdichter Paul Gerhardt nahe,
setzte sich vor allem dafür ein, das musikalische Leben in
unserer Kirchgemeinde zu beleben. So organisierte er Konzerte
mit Organisten, Instrumentalisten und Sängern, aber er
engagierte sich auch für die regelmäßige Durchführung der in
Grevesmühlen beliebten Missionsfeste, die alle außerhalb der
Kirchenmauern gefeiert wurden. Dazu lud er u. a. Redner aus
anderen Orten Mecklenburgs ein, die es verstanden,
kirchengeschichtIiche Themen in leicht fasslicher Weise
darzubieten.Bereits 1907 unterbreitete er dem Landessuperintendenten
den Plan, anstelle des alten baufälligen Arbeiterkatens zwischen
beiden Pfarrhäusem einen Konfirmandensaal errichten zu lassen. 1910
wurde mit dessen Bau begonnen, und am 17.Januar 1911 wurde er
seiner Bestimmung übergeben.
Während
der Amtszeit Otto Münsters standen ihm in unserer Gemeinde als
zweite Pastoren in dieser Reihenfolge Paul Hermann Hurtzig (1906
- 1917), Ludwig Parge (1918 - 1926), Johann Schulz (1927 - 1937),
Wilhelm Gasse (1938 - 1952) und Johannes Lietz (1952 - 1953) zur
Seite.
Am
11. November 1931 wählte die Synode der Propstei Grevesmühlen
Otto Münster
zum
Propst. Unter seiner Aegide wurde 1925 der Südflügel der
Kirche nach Plänen des Stadtrats Karl Krämer zu einer
Gedächtniskapelle für die im 1. Weltkrieg gefallenen Glieder
der Grevesmühlener Kirchgemeinde umgestaltet. Er veranlasste
auch den Bau einer Friedhofskapelle auf unserem Friedhof, die am
22. August 1935 eingeweiht wurde.
Propst
Münsters besonderes Interesse galt der Kirchen- und
Heimatgeschichte. Bereits 1903 wurde er Mitglied des Vereins für
mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde.Zu seinen
besonderen Verdiensten gehört die Herausgabe des
„Gemeindeblattes für das Kirchspiel Grevesmühlen“, das in
unregelmäßigen Abständen zwischen 1925 und 1939 erschien. Darüber
hinaus veröffentlichte er auch in der Lokalpresse Beiträge
über die Geschichte der Stadt Grevesmühlen und der
Kirchgemeinde. Anlässlich des Heimatfestes unserer Stadt
verfasste und vertonte er 1933 das Grevesmühlener Heimatlied
„Grevsmöhlen, du sast läwen!“
In
den Dreißigerjahren unterrichtete Propst Münster neben seinem
Dienst als Pastor auch am Grevesmühlener Realprogymnasium.
Am
27.10. 1949 verstarb seine Ehefrau Johanna.Als Otto Münster
am 31. Mai 1953 in den Ruhestand trat, war er bereits 82 Jahre
alt. Er hat in seiner fast 48-jährigen Amtszeit Generationen
von Gliedern der Grevesmühlener Kirchgemeinde getauft,
konfirmiert, getraut, als Seelsorger betreut und zur letzten Ruhe
begleitet, hat in unserer Kirche unzählige Gottesdienste und
Andachten gehalten und seiner Gemeinde eine 47 Jahre lang
lückenlos geführte Chronik hinterlassen.
Otto
Münster starb am 10. Mai 1961 in Grevesmühlen.
In
der Folgezeit wohnte die Familie seines Sohnes Dr. Hans Münster
weiter im Pfarrhaus am Kirchplatz. Dr. Hans Münster starb am
17.11.1973. Vier Jahre später verschied Propst Münsters
gleichnamiger Enkel Otto am 18.2.1977.
Seine
Enkelin Christa war inzwischen in Berlin verheiratet, so dass als
einzige der Familie Münster noch die Schwiegertochter Leonore in
der Pfarre I in Grevesmühlen wohnte. Sie nahm aktiv am Leben
unserer Kirchgemeinde teil, behielt in der warmen Jahreszeit
ihren Wohnsitz im Pfarrhaus und pflegte ihren kleinen Garten mit
viel Liebe. Mit dem Tod von Leonore Münster am 27.12. 2005 endet
die Geschichte der Familie Münster in Grevesmühlen nach exakt
100 Jahren.
Propst
Münster führte über seinen Dienst in der KirchengemeindeGrevesmühlen
(Meckl) in Süterlinschrift eine Art Gemeindetagebuch.Herr
Horst Lederer (ehemals Lehrer in Grevesmühlen und
ehrenamtlicher Gemeindechronist) übertrug die
schwer leserlichen Originaltexte in lateinische
Schreibschrift.Aus dieser Gemeindechronik werden hier
wesentliche Textpassagen ab Anfang des Jahres 1945
wiedergegeben:
Das Jahr
1945 begann mit einem Gottesdienst im Gemeindesaal, von etwa
100 Personen besucht.Predigt über Hiob 38,19: „Ich sprach:
Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich
legen deine stolzen Wellen!“ … Die Konfirmation musste wieder
verlegt werden auf Oculi, den 4. März… Konfirmiert wurden 74
Knaben und 60 Mädchen…Das Wetter war dem frühen Termin
entsprechend: Am Freitag vorher herrschten kalter Sturm, der
ließ zwar am Sonnabend nach, dafür schneite es in der Nacht und
am Palmsonntagmorgen, und durch eine weiße Winterlandschaft kam
die Festgemeinde zur Kirche.
Am Sonntag
Laetare predigte ein Gast und Flüchtling
aus dem Osten,
Superintendent Küßner aus Tilsit, der im Bössower Pfarrhaus
Wohnung gefunden hat und die dortige Gemeinde betreut…
Am Donnerstag,
dem 15. März, besuchte uns noch einmal der unermüdliche
Bachinterpret und -enthusiast, Organist Emmanuel Nowotny aus
München (s. 27.11.1942 und 2.12.1932).Er spielte und sprach
diesmal im Pfarrhaus, da der Gemeindesaal
für Kriegsflüchtlinge
beschlagnahmt war, vor einer geladenen Zuhörergemeinde von 20
Personen unter dem Gesichtspunkt der Passionszeit.
Der Palmsonntag
sollte wieder der Erinnerung an die eigene Konfirmation dienen.Aber als Evangelium Matthäus 21, 1-9, verlesen wurde, ertönte
Fliegeralarm, und der Gottesdienst musste abgebrochen werden.An
der Fortsetzung nach der Entwarnung ½ 12 Uhr nahm nur eine
kleine Gemeinde teil.Die Gottesdienste am Karfreitag und an
den Ostertagen waren festlich, wie es sich gehört.
Quasimodogeniti
war Konfirmationstag für 13 Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die
in ihrer Heimat noch unterrichtet, dann aber mit ihren Eltern
geflüchtet waren, ohne eingesegnet zu sein… Auch am Sonntag
Quasimodogeniti wurde der Gottesdienst durch Fliegeralarm
gestört, die Feier des Abendmahls musste auf den nächsten
Sonntag verschoben werden, und Cantate musste aus demselben
Grunde die Ordnung des Singegottesdienstes und der Schluss
verkürzt werden, der Kindergottesdienst ausfallen.Das war am
29. April.
In den ersten
Maitagen wurde der völlige, endgültige Zusammenbruch offenbar.
Seit Ende des
vorigen Jahres hatte sich der Zustrom von Flüchtlingen
aus dem Osten verstärkt.Das Kirchliche Amtsblatt Nr. 2 vom
17.3. und Nr. 4 vom 21.11. nennt eine ganze Reihe von Pastoren,
die vom Februar an mit der Wahrnehmung der Vertretungstätigkeit
in verlassenen mecklenburgischen Gemeinden eingesetzt sind, hier
bei uns Pastor Woitewitz, der nach Diedrichshagen und
Kirch-Grambow, und Superintendent Küßner aus Tilsit, der nach
Bössow, später nach Mummendorf abgeordnet wurde.Nicht
übernommen wurde der Pastor Büsching aus Ostpreußen, der im
Pfarrhaus am Kirchplatz zu wohnen begehrte, aber keinen Platz
fand und dann nach Mummendorf übersiedelte, dort Gottesdienste
und Amtshandlungen vornahm, von der Gemeinde durch amtlichen
Protest des Kirchgemeinderates abgelehnt wurde, aber nach
mehrfachen vergeblichen Versuchen, als Pastor dort festen Fuß zu
fassen, im Pfarrhaus wohnen blieb samt seiner viel jüngeren
Frau, einer fragwürdigen Persönlichkeit.Aus Ostpreußen,
Westpreußen, Pommern – besonders aus Stettin -, Schlesien
kommen sie, Pastoren und Gemeindeglieder, Soldaten und
Zivilpersonen, in den Pfarrhäusern waren schon länger mehrere
Zimmer belegt… Es kehrten aber auch Tag für Tag
vorübergehende Gäste ein, die Nachtquartier oder kurze
Unterkunft erbaten auf der Suche nach einem Truppenteil oder auch
Angehörige und die dann auf dem Flur oder sonst wo kampierten.Es ist schade, dass in der Hast und Aufregung zur Eintragung in
ein Fremdenbuch die Ruhe fehlte.So sind dann die mancherlei
Volksgenossen aus mancherlei Gegenden und Familien und Nöten
gekommen und gegangen, ohne andere als flüchtige Erinnerung
hinterlassen zu haben.Am Kirchplatz war außer dem Schulhaus
als Lazarett auch der Gemeindesaal
zur Unterbringung von Flüchtlingen
beschlagnahmt worden.Da lagerten die Menschen auf
Strohschütten, und da hatten sich nebeneinander Familien mit
alten Leuten und Kindern eingerichtet und breiteten sich Tags auf
dem Kirchplatz mit seinen Rasenflächen und auf dem
„Preistergang“ und auf dem Pfarrhof aus und kochten ihr Essen
und besorgten ihre kleine und große Wäsche und schöpften Luft,
und die Kinder spielten draußen.
Aus dem
vorausgegangenen Bericht geht hervor, dass das gottesdienstliche
Leben in dieser Zeit seinen Fortgang nahm und dass die Teilnahme
daran und die Opferwilligkeit der Gemeinde trotz der unruhvollen
Bewegung in ihr – oder durch sie? – gesteigert wurde –
soweit nicht die Unruhe in der Luft, die Fliegertätigkeit, es
störte.Das ist ja wiederholt geschehen.Die Fliegeralarme
und –angriffe häuften sich, und wenn auch Grevesmühlen
nur zu allerletzt und nur eine verhältnismäßig geringe Attacke
durch Bombenwurf erlitten hat, - die unheimlichen Fliegerangriffe
nahmen zu, richteten sich auf fahrende Züge und Autobusse in der
näheren Umgebung, auf die Straßen der Stadt, wo dann die
Passanten durch eilige Flucht vor dem plötzlichen Einbruch sich
retten mussten.Von den 5 am 27. April Beerdigten war der
31jährige Bäcker Günter Risch in Schwerin durch Bombenangriff
zu Tode gekommen, das 13jährige Mädchen Liesbeth Helwig auf der
Flucht erschossen, die 54jährige Büdnerfrau Alvine Aude in der
Haustür in Hungerstorf stehend durch Tiefflieger tödlich
getroffen, und auch durch Tiefflieger sind um dieselbe Zeit die
Insassen eines von Rostock kommenden Autobusses – angeblich 54
– getötet worden, über deren Person und Herkunft nichts
bekannt ist.Am 2. Mai ereignete sich dann der einzige
Luftangriff auf Grevesmühlen, der oben erwähnt ist.Es fielen
zwei Bomben, von denen eine das letzte Haus auf der rechten Seite
der Schweriner Straße zur Hälfte zerstörte und den
Fuhrunternehmer und Händler Heitmann umbrachte, die andere auf
den Garten des Malermeisters Ernst Wemuth fiel, der dort
beschäftigt war und einen jähen Tod erlitt.Ihre Überreste
sind von ihren Angehörigen in aller Stille bestattet, ohne dass
eine Meldung zur Beerdigung ergangen war.
Die ersten Tage
des Monats Mai waren äußerst spannungsreich und aufregend.Der
Einmarsch alliierter Truppen war täglich zu erwarten.Es war
aber zu befürchten, dass der wahnwitzige Befehl, unter allen
Umständen äußersten Widerstand zu leisten, von fanatischen
Hitlerleuten befolgt werden und namenloses Unheil über die Stadt
heraufbeschwören könnte.Es traten hier und da SS-Männer mit
derartigen Drohungen auf.Es hieß, Himmler hielte sich in
Kalkhorst auf, um den verzweifelten Kampf zu leiten.Einige
entschlossene Männer taten sich zusammen, um solche Versuche zu
verhindern, und brachten es fertig, auf dem Kirchturm und auf dem
Wasserturm die weiße
Fahne zu hissen – am 2. Mai.Um diese Fahne, die den
nahenden Truppen die Unterwerfung der wehrlosen Stadt kundtun
sollte, entbrannte ein heißer Kampf zwischen SS-Soldaten und
ihren Gegnern.Die Fahne wurde aufgesetzt, wieder
heruntergeholt und wieder aufgezogen, auch der Verfasser dieses
Berichts wurde am Nachmittag des 2. Mai zweimal von angetrunkenen
SS-Männern wegen dieser Fahne mit dem Revolver bedroht.Über
den Verlauf dieses Kampfes sind mir zwei interessante Berichte
zugegangen (gez. Krauel und Borck), die in dem Aktenstück
„Sammlung von zeit- oder lokalgeschichtlich wichtigen Dokumenten“
aufbewahrt werden.Das Ende war die Unschädlichmachung der
SS-Kämpfer und der widerstandslose Einzug der amerikanischen
Truppen.
Das Lazarett
entwich nach Schleswig-Holstein.Am Vielbecker See, auf der
Krankenhausseite, entstand ein ausgedehntes Kriegsgefangenenlager,
dem die dortigen Anlagen, Bäume und Sträucher, zum Opfer
gefallen sind.
In den ersten
Tagen nach dem Einmarsch besuchte mich ein amerikanischer
Geistlicher in Uniform von der Methodistenkirche und gab die
Erklärung ab, das gottesdienstliche Leben solle ungestört
weitergehen. Er bat um geistliche Betreuung des
Kriegsgefangenenlagers am See, die dann aber ein kriegsgefangener
Pastor übernommen hat.Für die amerikanischen Soldaten hielt
der amerikanische Pfarrer nach Verabredung der Stunde
Gottesdienste ab.
Wochen danach
wurde die amerikanische Besatzung durch eine britische abgelöst.Auch für sie wurde ein Gottesdienst abgehalten von einem
Prediger der englischen Hochkirche, der mir das ebenfalls
persönlich mitteilte, aber anders als der Amerikaner, in
stolzer, steifer Haltung.Sein Gottesdienst war nur schwach
besucht.Nach einigen Tagen trat ein schottischer Pfarrer an
seine Stelle, Thomas Cronby aus Glasgow, das war ein
warmherziger, liebenswürdiger Herr, den wir liebgewonnen haben.Er ist wiederholt in unserem Hause und Garten gewesen und
unterhielt sich gern zu seiner Belehrung deutsch und englisch mit
meiner Tochter.Am 30.6. nahm er Abschied, am 1. Juli zog, wie
er schon angekündigt hatte, die russische Besatzung ein.Es
war an einem Sonntag, Erntebettag, der Gottesdienst musste
ausfallen, weil der Bevölkerung der Ausgang bis zum Abend
verboten war.Im Übrigen ist auch weiterhin das kirchliche
Leben nicht gestört und behindert worden.Ein russischer
Offizier hat in einer Unterredung mit dem Propst, in der er sich
über die Stimmung und Wünsche der Gemeinde informieren wollte,
der Kirche den Schutz des sowjetischen Staates zugesagt unter der
Bedingung, dass sie sich von politischer Betätigung fernhalte.
Es halfen in der
Predigttätigkeit außer dem Superintendenten Küßner, der vom
Oberkirchenrat damit beauftragt war, der auf der Durchwanderung
einige Wochen hier stationierte, mit der Vertretung in Börzow
dann kurze Zeit beauftragte Marinepfarrer Schmitt
(Pfingstsonntag) und der in Friedrichshagen und in Gressow eine
Weile herbergende Pastor Christlieb Mayer aus Labuhn in Pommern,
im Oktober mit der Verwaltung von Proseken betraut.
Am 3. Juni wurden
drei Flüchtlingskinder konfirmiert.Eine besondere dreifache
kirchliche Feier war die Trauung des (früheren) Leutnants Frhr.
von Lüttwitz mit der Gartengehilfin Freda von Hanenfeld, Gräfin
von der Pahlen, die Konfirmation des Bruders der Braut und die
Communion der gesamten gräflichen Bernstorfschen
Hausgenossenschaft von Schloss Bernstorf, wo die Genannten sich
zu Besuch aufhielten, der Bräutigam als Rekonvaleszent aus dem
Krieg.Wegen der Börzower Vakanz fand die Feier in unserer
Kirche statt, am 14. Juli.
Der Kirchbesuch
hielt sich auch weiter auf der Höhe, steigerte sich sogar noch:
1. Pfingstag 856, 2. Pfingsttag: 925, Trinitatis: 680, 3. Sonntag
nach Trinitatis: 582 … Später war ein Rückgang der
Besucherzahlen zu beobachten, aber das war natürlich, denn es
strömten die Flüchtlinge doch nicht bloß zu, sondern auch
wieder ab, und dann hielten sich die Zahlen nach der Zählung
durch Küster Westphal bis zum Winter auf 300 – 400.Auch die
Kollektenbeträge waren erfreulich hoch, wenn sie auch nicht auf
der Höhe von Pfingsten bleiben konnten, wo für die Innere
Mission 1.100 Mark gespendet wurden…
Am 1. Sonntag
nach Trinitatis, 3.6.1945, wurde der Gemeinde im Gottesdienst
mitgeteilt, dass eine Suchaktion zur Wiedervereinigung der durch
den Krieg und die Vertreibung aus ihrer Heimat zerstreuten
deutschen Familien eingeleitet sei, unter Schirmherrschaft der
Evangelischen und der Katholischen Kirche.Wie notwendig ein
solches Unternehmen ist, bewies der Zudrang von Suchenden in dem
dazu gemieteten Büro an der Marktecke.Der rührige
Geschäftsführer, ein früherer Bürgermeister Prechelt, zog
Mitarbeiter und Helfer heran, es wurden Namen von Suchenden und
Gesuchten herausgegeben und mancher Erfolg erzielt, und wenn auch
noch nicht zu übersehen ist, ob die Kirche dieses umfangreiche
Werk in der Hand behalten kann, so hat sie doch einen guten
Anfang gemacht und wertvolle Anregungen gegeben.
Seit dem vorigen
Weltkrieg haben wir unser Gotteshaus während der Tagesstunden
offen gehalten.Am 20. Juli ist das damit bekundete Vertrauen
durch den Diebstahl einer Altarwachskerze und mehrerer
elektrischer Birnen unter der Westempore missbraucht worden, und
da eine ständige Bewachung des Kirchraumes nicht möglich ist,
wird die Kirche künftig geschlossen bleiben müssen.
Eine
Grevesmühlener Zeitung gibt es nicht mehr, es besteht auch keine
Aussicht, dass sie in absehbarer Zeit wieder erscheint.Die
kirchlichen Nachrichten samt den Beerdigungen werden daher durch
Aushang an der nördlichen Kirchentür mitgeteilt.
Am 27. Juni hat
der bisherige Landesbischof und Landeskirchenführer Walter
Schulz sein Amt niedergelegt und es dem Landesbruderrat der
Bekennenden evangelisch-lutherischen Kirche bis zur endgültigen
kirchlichen Neuordnung übergeben (K.A. Nr.4).Verlesung der
betreffenden Botschaften im Gottesdienst vom 2.9.1945.In
derselben Nr. ruft der Landesbischof Wurm als Vorsitzender des
Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Hilfswerk der
Evangelischen Kirche in Deutschland auf.
Am 1. August 1945
erschien im Pfarrhaus ein junger Mann und bat um Beschäftigung
im kirchlichen Dienst, Alexander Kuschfeld
aus Stolp in Pommern.Er hatte 1937 in seiner Vaterstadt das
Abiturexamen bestanden, war aber nicht, wie er beabsichtigte, zum
Studium der Theologie gekommen, sondern nach Arbeits- und
Heeresdienst bis 1940 wegen nicht „reinarischer Abstammung“
(jüdische Mutter) entlassen, zuerst in einem Büro beschäftigt,
dann aber 1944 in ein Konzentrationslager gesteckt, nun aber,
befreit seit 16.4.1945 auf der Suche nach Arbeit.Da er einen
Vertrauen erweckenden Eindruck machte, wies ich ihn zuerst der
Gemeindehelferin Schwester Inge Fischer zu und übertrug ihm die
Kirchenbuchführung, die nicht ihre starke Seite war, nahm ihn
aber nach einigen Tagen in mein Amtszimmer und zog ihn auch zu
anderen Pfarrhilfsdiensttätigkeiten heran, die er zu voller
Zufriedenheit ausführte, ein zuverlässiger, bescheidener und
freundlicher Mensch, gerade zur rechten Zeit gekommen, wo Hilfe
knapp und nötig war.
Eine Hauskollekte
für die Erhaltung und den Dienst der Evangelischen Landeskirche Mecklenburgs
lief vom 16. September bis zum 30. Oktober, auch im Pfarrhaus
wurde Gutes dafür angenommen.Sammler und Geber waren willig,
und so ist ein schönes Ergebnis von 13.737,80 Mark
zusammengekommen, in der Stadt 10.627,40 M und auf dem Lande
3.110,40 M.
Die neue
Kirchenleitung ordnete die Neuwahl des Kirchgemeinderats für
Sonntag, den 18. November, an.Fällig war eine solche schon
längst, denn der Kirchgemeinderat, soweit einer bestand, stammte
vom Juli 1933, und Pastor Schulz, unter dessen Leitung er
gewählt war, hat ihn selbst nicht mehr zusammengerufen (der
letzte Sitzungsbericht ist der von der denkwürdigen Sitzungvom
5. Dezember 1934), und nach seinem Weggang 1937 ist er
„autoritär regiert“ worden, d.h. die Pastoren haben sich,
solange es zwei waren, und dann nach 1941 der eine mit
verständnisvollen und interessierten Gemeindegliedern besprochen
und von ihnen beraten lassen.Aber ob dieses Jahr, in dem noch
alles in Bewegung und im Werden war und wo noch viele
Einheimische fehlten und bisher Fremde noch nicht eingebürgert
waren, nicht noch zu früh für eine Kirchenältestenwahl war?Solche
Bedenken sind von hier aus dem Oberkirchenrat vorgetragen worden,
aber der Oberkirchenrat meinte doch, an seinem Entschluss
festhalten zu müssen, und so wurde dann am 18. November 1945 mit
einem Wahlvorschlag ein neuer Kirchgemeinderat gewählt und am 1.
Advent, 2. Dezember, feierlich eingeführt…
Die musica sacra
ist doch auch in diesem Jahr nicht ganz verstummt.Am 21.
Oktober , 21. Sonntag nach Trinitatis, erfreute und erbaute uns
das „Schweriner Vokalquartett“ durch eine musikalische
Feierstunde mit Werken von Bach, Händel, Mozart, Mendelsohn;
Ertrag der Kollekte: 270 Mark.
Am 24. Sonntag
nach Trinitatis, dem 11. November, wurde der Bittgottesdienst
für den Konfirmandenunterricht gehalten… Es wurde
angekündigt, dass die kirchlichen Religionsstunden nächstens
beginnen und dass von ihrem Besuch die Zulassung zur Konfirmation
abhängt.Der Religionsunterricht musste von der Kirche
übernommen werden, weil der Staat es als seinem demokratischen
Wesen widersprechend ablehnt, in Verbindung mit der Schule
Religionsunterricht erteilen zu lassen.Auch Schulräume für
den Religionsunterricht zur Verfügung zu stellen, lehnt der
Staat ab, was jedoch „unter keinen Umständen als eine
feindliche Haltung gegenüber der Kirche aufgefasst werden darf,
sondern als Erfüllung einer alten demokratischen Forderung im
Interesse der Einheit der Nation“ (Schreiben des Präsidenten,
Abteilung Kultur und Volksbildung vom 13.11.1945, gez. Grünberg).Darum hatte der Oberkirchenrat schon am 27. Juli und am 11.
August durch den Landessuperintendenten auf diese neue große
Aufgabe der Kirche hingewiesen.Daraufhin habe ich nach
mehreren Besprechungen den Oberstudiendirektor Dr. Werth gebeten,
die Einrichtung des evangelischen Religionsunterrichts in unserer
Kirchengemeinde in die Hand zu nehmen, und am 12. Dezember konnte
dieser dem Oberkirchenrat berichten, dass im Stadtgebiet der
Unterricht seit Wochen im Gang ist und im Landgebiet die noch
schwebenden Verhandlungen einen baldigen Beginn erhoffen lassen.In der Stadt sind bis auf weiteres 44 Klassen eingerichtet mit
wöchentlich 88 Religionsstunden, 1.800 Schülern.Der
Unterricht begann in der Oberschule am 12.11., in der Volksschule
am 6.12.Unterrichtsräume sind außer dem Gemeindesaal zwei
Zimmer in den Pfarrhäusern.14 Stunden werden ehrenamtlich von
Lehrkräften erteilt, die an öffentlichen Schulen tätig sind,
74 von solchen, die Vergütung haben müssen.Es kann sein,
dass mit 6.000 Mark jährlichen Ausgaben zu rechnen ist.Die
Kosten sollen nicht durch „Schulgeld“, sondern durch
freiwillige Gaben aus der ganzen Gemeinde, durch Sammlungen
aufgebracht werden.Bestätigt durch Beschluss des
Kirchgemeinderates vom 31.3.1946.
Der an einem
Wochentag liegende Buß- und Bettag am Ende des Kirchenjahres ist
noch nicht als anerkannter Feiertag gesetzlich geschützt.Trotzdem
wurde es gewagt, ihn gottesdienstlich zu begehen.Es waren 52
Gemeindeglieder erschienen…
Die Zahl der
Beerdigungen im vorigen Jahr 1944 war mit 111 normal, angesichts
der Ernährungslage sogar niedrig zu nennen.Dass sie 1945
anschwellen würde, war bei dem Flüchtlingszustrom
vorauszusehen.Sie hat sich sogar über alle Voraussicht
vergrößert durch eine Epidemie, die das ganze Jahr hindurch
anhielt und viele Todesopfer forderte.Im Begräbnisregister
des Kirchenbuches sind 595 eingetragen.Die Zahl der Toten ist
aber noch größer, denn es sind gar nicht alle gemeldet, auch
beim Standesamt nicht, die Personalien sind gar nicht von allen
bekannt, z. T. von den bei Hungerstorf umgekommenen
Autobuspassagieren nicht und von in der Malzfabrik
untergebrachten Anstaltspflegligen aus Stettin nicht, die nach
der nationalsozialistischen Methode beseitigt sein sollen, auch
die Angaben über Verstorbene im Flüchtlingslager, das im
Questiner Wald in Erdhöhlen angelegt war, waren lückenhaft und
ungenau, so dass leider manche Anfragen von Angehörigen nach
Vermissten, deren Spur hierher führte, weder aus unserem noch
aus dem Standesamtsregister beantwortet werden konnte. Endlich
sind auch manche Verstorbene nicht mitgezählt, die eigentlich
hierher gehören, aber in dem für Infektionskrankheiten
eingerichteten Schloss Bothmer ihrem Leiden erlagen und etwa in
Klütz bestattet sind.
Im Januar hatten
wir schon 17, im Februar 28, im März 35 – nach dem 1.
Vierteljahr 108 Begräbnisse.Von April (28) und Mai (39) stieg
die Zahl im Juni auf 70.Dieselbe Zahl wurde noch im November
wieder erreicht, ohne im Juli (54), August (65), September (68),
Oktober (58) wesentlich zu sinken, und im Dezember waren es noch
63.Die Todesursache war in den epidemischen
Fällen Typhus oder Diphtherie, öfter beide zugleich.Wegen
der Menge der Toten mussten oft Massenbeerdigungen durchgeführt
werden, wenn z.B. im Februar an einem Tage 7, im März an 3 Tagen
je 8 Leichen, im Mai und später 18, 11, 12 (11.9.), am 18.9. und
21.12. sogar 14, am 14.12. fünfzehn Leichen zu bestatten waren.Dann musste man nach dem Gesichtspunkt des Alters oder
Geschlechts oder der Heimat und nach der Lage des Grabes
zusammenfassen und gemeinsame Feiern an der Grabstätte
gestalten, so dass die Namen mit kurzer Angabe des Alters, des
Berufs, der Heimat und dergl. verlesen wurden und dann eine
Ansprache über ein Schriftwort folgte.Grundsätzlich, und
soweit es möglich war, wurden natürlich Einzelbeerdigungen
vorgenommen.
Ein schmerzliches
Ereignis war am Ende des Jahres 1945 das Ausscheiden der
Gemeindehelferin Ingeborg Fischer nicht bloß aus ihrem Dienst,
sondern aus unserer evangelischen Kirche.Sie hat in der ersten
Zeit mit Eifer, Freudigkeit und Geschick ihre Arbeit getan, ist
aber dann unter dem Einfluss ihrer Mutter in ein ungesundes
sektiererisches
Fahrwasser
geraten.Frau Fischer war zu Beginn des Sommers ihrer Tochter
nachgezogen und fing bald nach ihrer Ankunft an, in einem kleinen
Kreise, zu dem zuerst auch Alexander Kuschfeld gehörte,
Bibelstunden zu halten.
Außer diesen
beiden Frauen ist im Jahr 1945 nur noch im Februar der Schüler
Gerd Redersborg aus der Kirche ausgetreten, ein Sohn des 1938
verstorbenen Lehrers Redersborg.Er ist aber bald danach im
Krieg gefallen.
Der Kirchenbesuch
am 1. Advent war noch gut: 342, die Kollekte für den kirchlichen
Religionsunterricht erbrachte 310 Mark; dann sanken die Ziffern:
123, 78, 86… Die Christvesper musste wegen der Stromsperre
nachmittags um 15 Uhr gehalten werden mit 645 Personen.Am 1.
Weihnachtstag wurden zwei Gottesdienste gehalten: vormittags um
10 Uhr, nachmittags um 14 Uhr mit 228 und 165 Besuchern…,
Sylvestervesper ebenfalls um 15 Uhr mit 590 Personen. Text;
Galater 4,4-7: „Abba, lieber Vater, erbarme dich unser! Abba,
lieber Vater, wir danken dir!“ - Weil wir trotz allem, was
dieses Jahr gebracht hat, Kinder sind, haben auch dies Gute, das
Jahr 1945! mit dem alten Tedeum aus dem 30jährigen Krieg
geschlossen und es gesungen nicht als Knechte, sondern als Kinder
und Erben Gottes durch Christum.
1946
Den Gottesdienst
am Neujahrstag hielten wir… im Gemeindesaal in gedrängter
Fülle mit 220 Besuchern.In der Epiphanien- und ersten
Passionszeit sank die Besucherzahl erheblich ab (65, 36, 46…),
der winterlichen Temperatur entsprechend, erst Oculi und Laetare
mit 212 und 198 wieder gehoben… Der Gottesdienst am Sonntag
Septuagesimae, dem 17. Februar, wurde zur Erinnerung an Luthers
Todestag (16.2.1546) in der Kirche gehalten.In dieser
Gedenkfeier… trat zum ersten Male der neue Kirchenchor unter
Leitung von Lehrer Max Gloede auf.Chorgesang: „Mit Fried und
Freud fahr ich dahin“ und „Wohl dir du Kind er Treue.“Am
Abend hielt Dr. Werth einen Vortrag über das Thema: „Martin
Luthers christliche Schule und unser Religionsunterricht.“…
Die
Typhusepidemie, mit Diphtherie verbunden, hat zunächst noch
nicht merklich nachgelassen.Gleich nach der ersten Woche, am
Sonntag Epiphanias, 6.1.1946, wurden die Namen von 11, am 13.1.
die Namen von 22 Verstorbenen mitgeteilt.Dann schwankten die
Zahlen, aber es ist keine stetige Abnahme.In der Woche zum 9.
Februar sind es 18, in der Woche darauf 6, dann aber wieder
14…; im 1. Vierteljahr sind 140 Personen gestorben, eine Zahl
noch weit über dem Durchschnitt eines ganzen Jahres in normalen
Zeiten.Es sind verhältnismäßig viele Kinder darunter, aber
auch alte Leute über 80 Jahre, Männer und Frauen jeden
Lebensalters, und das Lager Questin trägt viel dazu bei.Ein
Opfer ihres Berufs ist auch die männlich tatkräftige und
warmherzige Rotkreuzschwester, Frau Elfrieder Barth, geb.
Angerstein, geworden, die auf der verlassenen Grabstätte ihrer
Eltern ihre letzte Ruhe fand.
Der
Kirchgemeinderat hielt seine erste Sitzung am 6. Januar.Der
Vorsitzende gab zunächst einen Überblick über die Jahre 1933
– 1946 in der Mecklenburgischen Landeskirche und in der
Grevesmühlener Gemeinde.Es wurde beschlossen, an die Stelle
der ausgeschiedenen Schwester Ingeborg Fischer eine
Gemeindehelferin zu berufen und den Helfer A. Kuschfeld, der die
Kirchenbücher führt und die amtliche Korrespondenz besorgt,
jetzt auch noch den Kindergottesdienst mit gutem Geschick und
Erfolg leitet.
Es wurde
mitgeteilt, dass die Suchaktion nach Vermissten dem Roten Kreuz
zugewiesen ist, dass die Kirche aber, soweit es möglich ist, an
diesem Werk Mitarbeit leistet.Dann wurde ein Gemeindebericht
gegeben...
Zu weiterer
Hilfeleistung, insbesondere in der Flüchtlingsseelsorge und in
der Jugendarbeit, wurde vom Oberkirchenrat der Diakon
Heydeck entsandt.Zuerst in der Mühlenstraße, dann in der
Küsterklause wohnhaft, bemühte er sich um die Einrichtung von
Jungmänner-Bibelbesprechstunden – mit geringen Erfolg, bildete
einen Jungmädchen-Bibelkreis, übernahm im Verein mit A.
Kuschfeld den Kindergottesdienst, legte eine Liste der
Flüchtlinge in der Stadt- und Landgemeinde an, war dabei, selbst
ein Flüchtling aus dem Memelgebiet, besonders interessiert und
geeignet für die Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen, wurde
aber grundsätzlich nicht mit sakramentalen Handlungen,
Gottesdiensten und Trauungen betraut, nur in Vertretung mit
Beerdigungen.
Bibelstunden im
Gemeindesaal hielt Propst Münster vom Mai an über den
Philipperbrief und von Juli an über den 1. Tessalonicherbrief…
Ein
Fortbildungskursus im Orgelspiel begann am 16. Mai, vormittags 10
Uhr, geleitet vom Domorganisten Georg Gothe aus Schwerin mit dem
Plan, dass er achtmal und vierzehntägig gehalten werden soll.
Am Sonntag
Cantate betätigte sich der neue Kirchenchor durch Darbietung der
Bachschen Sätze: „Kommt, Seelen, diesen Tag“ und „Dir,
dir, Jehova, will ich singen.“… Auch am Pfingstsonntag sang
der Kirchenchor, dann wurden 25 Kinder getauft…
Die Todesfälle
sind im 2. Vierteljahr auf 77 herabgesunken (von 140 im 1.), aber
die Zahl ist immer noch weit über dem Durchschnitt…
Für das
Evangelische Hilfswerk, für das Geld- und Sachspenden von
Ausland zur Linderung und Behebung der durch den Krieg
verursachten Notstände laufend zur Verfügung gestellt werden
(bis zum November sind in Grevesmühlen über 11.000 Mark
verteilt), ist ein Nebenlager in Grevesmühlen errichtet, aus dem
die benachbarten Gemeinden ihren Anteil bekommen.In der
Kirchgemeinderatssitzung am 19. Mai wurde ein Ausschuss dafür
gewählt, bestehend aus Propst Münster als Vorsitzendem, Frau
Sauer, Amtshauptmann a.D. Lüben, C. L. Callies und Dr. Werth als
Geschäftsführer.Am 7.7. wurde über die Tätigkeit des
Hilfswerks berichtet und aufgefordert, Anschriften Bedürftiger
mitzuteilen oder auch diese zur Stellung von Anträgen zu
veranlassen.Es sollen Mitglieder des Kirchgemeinderates und
der Evangelischen Frauenhilfe als Vertrauensleute für einzelne
Straßen zur Betreuung der Bedürftigen und zur Berichterstattung
über Notstände gewonnen werden…
Durch die abnorme
Sterblichkeit ist früher, als man berechnet hat, die Erweiterung
unseres Friedhofs notwendig geworden... Etwa 30 Soldatengräber,
die sich auf unserem Friedhof befinden, müssen würdig
hergerichtet werden… Jedes Soldatengrab soll einen eigenen
Stein mit Namen darauf bekommen.Die Steine zu schlagen
übernimmt der Kirchenälteste Satow…
Am 6. und 7.
Oktober hielt Fräulein Georgi nachmittags am 6. einen
Missionskindergottesdienst, am Abend einen Missionsvortrag im
Jungmädchenbibelkreis, am 7. desgleichen in der Evangelischen
Frauenhilfe für alle Gemeindeglieder.
Am 15.10. sprach
Pastor Rohrdanz über die Aufgaben der Inneren Mission vormittags
11 ½ Uhr zu den Konfirmanden der Ober-, um 16 Uhr der
Volksschule, um 18 Uhr zu Männern und Frauen der Gemeinde mit
dem Kirchgemeinderat vor etwa 50 Personen.
Vom 27. bis 29.
Oktober war Fräulein Pröhl aus Schwerin hier anwesend, um
Evangelisationsvorträge vor der Evangelischen Frauenhilfe und
anderen Frauen zu halten.
Am
Reformationsfest sang unser Kirchenchor das schöne „Credo“
von Kade, das früher in der Schweriner Schlosskirche so oft
ertönte…
Der Bettag konnte
am 20. November wieder als gesetzlich geschützter Feiertag
begangen werden…
An dem früher so
oft wenig beachteten 1. Advent waren in diesem Jahre gegen 300
Personen zum Gottesdienst versammelt, in der Christvesper, die
wiederum um 15 Uhr begann, mindestens 750.
Der Prediger der
landeskirchlichen Gemeinschaft in Schwerin, Oskar Dobrik, hat
darum gebeten, im Gemeindesaal regelmäßig Bibelstunden halten
zu dürfen.In Rücksicht darauf, dass sich unter den
Flüchtlingen, besonders aus Ost- und Westpreußen und Pommern,
viele Anhänger der Gemeinschaft befinden, die an unserem
einheimischen kirchlichen Leben rege teilnehmen, aber daneben
doch die eigene, ihnen vertraute Form der Darbietung des
Evangeliums vermissen, glaubte Propst Münster, dieser Bitte
stattgeben zu müssen unter dem Vorbehalt der Zustimmung des
Kirchgemeinderates, und so hat denn Herr Dobrik am Montag, dem 9.
Dezember, abends 20:15 Uhr seine erste am 2. Adventim
Gottesdienst angekündigte Bibelstunde im Gemeindesaal gehalten
über das Thema: Gottes Trost im Erdenleid nach Jesaja 40 und
66,13, nachdem Propst Münster eine einleitende Ansprache …
gehalten hatte.Es waren etwa 40 Personen erschienen…
Die Bemühungen,
unsere große Kirchenglocke aufzufinden, die vielleicht in einem
großen Hamburger Glockenlager noch vorhanden ist, sind bisher
vergeblich gewesen…
1947
Mit der
Jahreslosung: Beschluss des Vaterunsers, Matth. 6, 13 b, als
Predigttext trat die Gemeinde in das gottesdienstliche Leben des
Jahres 1947 ein…
Geprüft und konfirmiert
wurden 221 Kinder (voriges Jahr 136)… Wegen der großen
Kinderzahl wurden nicht je 2, sondern Gruppen zu 6 und 8
eingesegnet, so dass der um 10 Uhr begonnene Gottesdienst um 12
¼ Uhr beendet war.Die Kirche war mit 900 Personen gefüllt,
die Kollekte für die Jugendarbeit unserer Landeskirche belief
sich auf 546,60 Mark.
In der Stillen
Woche nahmen etwa 442 Personen an Heiligen Abendmahl teil.
Am 27. Januar
hielt an einem Elternabend der Christenlehre Dr. Werth einen
Vortag über „Die Religion des Kindes.“
Am 31.3.1947
legte der Tischler August Westphal sein Küsteramt, das er seit
1940 geführt hatte aus Gesundheitsrücksichten nieder…Am
Ostersonntag sprach im Gottesdienst Propst Münster vor der
Gemeinde ihm den Dank aus für die stets bewiesene
Bereitwilligkeit, der Kirche zu dienen und für die treue
Erfüllung seiner Amtspflicht und begrüßte den neuen Küster
Hermann Behnke (siehe Foto Posauenchor weiter unten!)
mit herzlichen Wünschen für seine Tätigkeit im Dienst unserer
Gemeinde.
Auch der
Gemeindehelfer A. Kuschfeld
ist um dieselbe Zeit aus seiner Arbeit ausgeschieden.Seit
Sommer 1946 war er so glücklich, seine Mutter und seine
Schwester, von deren Verbleib und Ergehen es bis dahin nichts
gewusst hatte, aus dem polnisch gewordenen Stolp entronnen, hier
zu haben, aber sein Einkommen reichte zum Unterhalt der Familie
nicht aus, und er nahm die Stellung eines Lehrers an der
Berufsschule an.An seine Stelle trat ein arbeitsloser junger
Mann, der sich schon vorher angeboten und im Büro mit
beschäftigt hatte, bis zu seiner schon länger geplanten
Übersiedlung nach Braunschweig Mitte Juni, und tat redlich und
willig seinen Bürodienst, halbtäglich wie sein Vorgänger, wenn
auch seine ungelenke Handschrift mit der feinen, klaren,
geradlinigen Kuschfeldtschen nicht zu vergleichen war.Nach ihm
übernahm Fräulein Elli Kuschfeld, die ältere Schwester von
Alexander, seinen Posten.
Nach
Misericordias Domini erkrankte Propst Münster an Ischias und
konnte einige Zeit seinen Dienst nicht versehen…
Von Cantate bis
Rogate, 4. – 11.5., hielt der Gemeinschaftsprediger Dobrik im
Gemeindesaal Evangelisationsvorträge.Die Landeskirchliche
Gemeinschaft stellte durch den Prediger Dobrik den Antrag, den
Gemeindesaal nicht bloß montags, sondern auch sonntags abends
für ihre Versammlungen frei zu bekommen.Dieser Antrag wurde
abgelehnt.Um aber dem Wunsch mancher Gemeindeglieder nach
einem besinnlichen Ausklang des Sonntag entgegenzukommen, begann
Diakon Heydeck Sonntagabendandachten zu halten, wie er meinte, im
Sinn der Gemeinschaft, was aber von dieser nicht anerkannt wurde.Hierdurch und durch andere Vorfälle mit Heydeck, die von der
Gemeinschaft als kränkend empfunden wurden, kam es zu einer
Spannung zwischen beiden, die auch einen Grund hatte in der
Abneigung und dem Misstrauen Heydecks gegen die Gemeinschaft aus
früheren Erfahrungen her.Propst Münster wurde von Vertretern
der Gemeinschaft gebeten, in diesem Gegensatz zu vermitteln, und
so kam es nach seiner Genesung zu einer offenen Aussprache im
Pfarrhaus zwischen dem Prediger Dobrik und dem Regierungsrat im
Finanzamt Eggers einerseits und dem Diakon Heydeck andererseits.Das Ergebnis war, dass es bis auf weiteres bei der Verteilung der
Bibelstunden bleibt: montags Gemeinschaft, sonntags Diakon
Heydeck, ohne dass darin eine Konkurrenz zu erblicken ist, die
von keiner Seite beabsichtigt wird.Übrigens bestehen in
unserer alten Gemeinde allerlei Bedenken gegen und kein großes
Verständnis für die Gemeinschaft, was in einer
Kirchgemeinderatssitzung am 20. Juli zum Ausdruck kam.Es war
aber das Volksmissionsfest der Gemeinschaft am Nachmittag des 27,
Juli sehr gut besucht.Es hielten Vorträge:
Landessuperintendent Voß, Wismar (für den verhinderten
Propst Münster),
Prediger Schellhase, Wismar, Prediger Dobrik, Schwerin, die
vereinigten Chöre der christlichen Gemeinschaften in Schwerin
und Wismar wirkten mit.Thema: Jesus unsere Freude und Kraft
und Hoffnung…
Am 6. Sonntag
nach Trinitatis, dem 13.7.: nachmittags 17 Uhr Gottesdienst für
die Konfirmanden: Pastor Wömpner, Klütz…
Dienstag, den
15.7., Vortag im Gemeindesaal über Johann Hinrich Wichern ,
den Vater der Inneren Mission, von Pastor Lietz,
Mühlen-Eichsen …
Das
Reformationsfest wurde am 1. Mal als gesetzlich geschützter
Feiertag am Freitag, dem 31.10. 1947 begangen… Es nahmen 250
Personen am Gottesdienst teil…
Am 2. Advent
hielt Jugendpastor Wellingerhof
den Gottesdienst (über Lukas 21, 25-36) und Besprechung in der Gemeindejugend …
Die Spruchkammer
der Landessynode (zur Entnazifizierung früherer Parteigenossen)
hat gegen die Leitung des katechetischen Amtes durch Dr. Werth
keinen Einspruch erhoben, ihm aber den Sitz in der Landessynode
aberkannt.
Die
Besatzungsbehörde verbietet eine Mitwirkung von Lehrkräften,
die der nationalsozialistischen Partei angehört haben, an der Christenlehre.Daher ist der Unterricht im November ausgesetzt, bis das Verbot
vielleicht zurückgenommen ist oder Ersatzkräfte gewonnen sind.Die Höhe der Beiträge geht leider bei jeder Sammlung zurück…
Fräulein Eva
Maria Stolz ist vom Oberkirchenrat als Praktikantin für
Religionsunterricht und Gemeindearbeit auf 5 Monate nach Grevesmühlen
abgeordnet worden.
Die Gebeine der
auf dem hiesigen Friedhof bestatteten Russen sind auf Anordnung
der Besatzungsbehörde nach Schönberg überführt.
Der
Oberkirchenrat hat auf Ansuchen nicht nur telefonisch, sondern
auch schriftlich bestätigt, dass die Forderung, das
Gefallenendenkmal in der Kirche (befand sich im jetzigen
Südportal) zu beseitigen oder zu verhüllen, nicht den geltenden
Bestimmungen entspricht.
Am 1. Advent, dem
30. November, wurden 28 Personen, 14 Männer und 14 Frauen, die
aus der Kirche ausgetreten waren und durch eigene Erklärung vor
dem Pastor wieder eingetreten sind, nach Beendigung des
Gottesdienstes in Gegenwart einiger Kirchenältester feierlich
wieder in die Kirche aufgenommen…
Die Zahl der
Beerdigungen ist in diesem Jahr von 330 im vorigen auf 216
gesunken, doch noch immer über dem normalen Durchschnitt…
1948
Die Bibelwoche
dieses Jahres über Johannes 13, 31 bis 16 wurde von Propst
Münster vom 18. bis 24 Januar gehalten…
Der Diakon Heydeck
hatte bei der derzeitigen Regierung des Memellandes angefragt, ob
eine Rückkehr nach dort und unter welchen Bedingungen möglich
sei.Er hatte dabei wohl durchblicken lassen, dass er selbst
geneigt wäre, in diese seine einstige Heimat zurückzukehren.Daraufhin
erhielt er von der russischen Besatzungsmacht die Anweisung, sich
am 31. Januar 1948 für den Rücktransport in das Memelgebiet
bereitzuhalten.Er hatte aber offenbar keine Lust dazu, sondern
fingierte oder übertrieb eine Lungeninfektion, kündigte mit
dieser Begründung seinen Dienst auf und betrieb heimlich seine
Abreise.Er wurde zwar von der Polizei beobachtet, aber es
gelang ihm doch, unbemerkt zu entkommen.Als er verschwunden
war, wurden der Küster Behncke, sein Bruder Joh. Heydeck,
Sekretät bei Dr. Werth, und Propst Münster von der Polizei
verhört und unter Drohungen aufgefordert, den Aufenthaltsort des
Flüchtigen anzugeben, und da sie das nicht konnten, Behncke und
Heydeck ins Gefängnis gesteckt, Münster mit erneuter Bedrohung
bis zur Besinnung innerhalb 2 Tagen entlassen.Unterdessen
erhielt Heydeck Nachricht von seinem Bruder und erlangte durch
eine nunmehr möglich gewordene Auskunft wie auch Behncke die
Freiheit wieder.
Als Ersatz für
Heydeck, der nicht wiederkam, schickte der Oberkirchenrat den vor
kurzem aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten
Diakon Karl Fischer nach Grevesmühlen.Dieser, ein im Rauhen
Haus ausgebildeter Württemberger, behielt während der
Sommermonate seinen Wohnsitz in Reppenhagen bei seiner Frau in
deren Elternhaus und zog dann hierher in das Küsterhaus.Er
bekam den Auftrag, sich in der Christenlehre, in der
Jugendarbeit, in der geistlichen Betreuung der Landgemeinden, in
der Durchführung der Sammlungen zu betätigen.
Am Palmsonntag,
dem 21.3., wurden 218 Kinder konfirmiert, 103 Knaben und 114
Mädchen.Die Beschaffung der Kleidung machte den Eltern viel
Sorgen.Einige Kinder mussten in einem Sonderkursus vom Diakon
Fischer vorbereitet werden.Bei der Prüfung waren ca. 400, bei
der Konfirmationsfeier ca. 900 Personen zugegen.Es war gebeten
worden, Kinder wegen der durch sie leicht verursachten Unruhe und
Störung zu Hause zu lassen… Gottesdienste: Karfreitag
vormittags 550 Personen, Kollekte 452,75 Mark, nachmittags 150
Personen… 1. Ostertag 500 Personen, Kollekte 300 Mark,
Ostermontag 256 Personen…
Das Evangelische
Hilfswerk veranstaltete Speisungen Tbc-gefährdeter Kinder.Die
Auswahl geschah in Verbindung mit dem Gesundheitsamt.Auch die
Volkssolidarität steuerte zur Durchführungdes Werkes bei.Die
erste Planung war schon im Mai im Gange, zur Tat wurde sie auf je
6 Wochen im Juli und November (bis 20. Dezember).Es nahmen
jedes Mal 75 Kinder daran teil, die täglich von der Frauenhilfe
und anderen hilfreichen weiblicheKräften bewirtet wurden und
guten Erfolg hatten.
An das Hilfswerk
sind noch vor der Währungsreform 3.600 Mark eingeschickt
worden…
…dass die
Frauenhilfe in Grevesmühlen alle Fährlichkeiten der
nationalsozialistischen Zeit und der darauf folgenden Katastrophe
bestanden hat, wenn auch mit geringerer Zahl von aktiven, zumeist
älteren Mitgliedern – nur in den Advents- und Weihnachtsfeiern
füllte sich der Saal, und man wurde gewahr, wer und wie viele
Frauen aus der Gemeinde doch noch dazu gehörten.Seit 1945
haben sich nun aber viele Frauen aus der Flüchtlingsgemeinde
dazu gefunden, denen diese Gemeinschaft Rückhalt und
Heimatgefühl bietet neben dem neuen politischen Frauenbund, und
so hat die Evangelische Frauenhilfe einen neuen Auftrieb erlebt.Eine Zeitlang hatte Frau Propst Romberg die Leitung, dann hat
Frau Pastor Gasse tatkräftig und aufopfernd die mannigfachen
Aufgaben trotz aller Arbeit und Sorge während der jahrelangen
Abwesenheit ihres Mannes im eigenen Hauswesen übernommen und
führt sie mit einer Reihe von treuen Helferinnen weiter durch…
Der Unterricht in
der Christenlehre ist zwar nach kurzer Einstellung wieder im
Gange, aber das Verbot der Besatzungsbehörde gegen frühere
Mitglieder der NSDAP ist trotz des oberkirchenrätlichen
Protestes und trotz des entnazifizierenden Freispruchs noch nicht
zurückgenommen…
Am
Pfingstsonntag, dem 16.5., hielt den Festgottesdienst mit 550
Personen Landessuperintendent Voß, Wismar unter Mitwirkung des
Kirchenchores mit einer Kollekte von 350 Mark…
Am 24. Juni
erlebten wir das zwar nicht kirchliche, aber auch für die Kirche
bedeutsame Ereignis der Währungsreform, durch die unsere
Geldvorräte auf ein Zehntel reduziert wurden. – Aufrufe des
Oberkirchenrates mit der Bitte um Opferbereitschaft – das Wort
der evangelischen Kirche zur deutschen Not…
Als Gedenkfeier
für die Opfer des Faschismus wurde auf die Bitte der hiesigen
Vereinigung der Gottesdienst am 12.9., dem 16. Sonntag nach
Trinitatis, gestaltet mit einer Predigt über Matthäus 5,9.10.
Die Sammlung für
die Innere Mission im August/September ergab 1.740,39 Mark.
Am 15.9. besuchte
der Diakon Schubert aus Schwerin unsere Junge Gemeinde, am 17.9.
der Missionar Becker mit einem Vortrag über die Liebenzeller
Mission auf den Südseeinseln.
Am 1. Oktober
hielt Pastor Lietz eine Bibelstunde im Gemeindesaal…
Am 14. November
erfolgte in der Kirche eine Aufführung der Klützer Jugend:
„Der junge Luther“…
1949
„Gott hat uns
nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der
Liebe und der Zucht.“Das ist die Jahreslosung für das Jahr
1949, und das war der Text für die Neujahrspredigt in der
Kirche, die am 2. Januar, einem Sonntag wiederholt wurde (166 und
145 Personen) im Gemeindesaal…
Elternabende,
dargeboten von Kindern der Christenlehre unter Leitung der
Hauptkatechetin, Fräulein Stolz,
versammelten und erfreuten viele Mütter und Väter und andere
Gemeindeglieder am 15. März…
Bei der Konfirmation
am Palmsonntag, dem 10.4., war der Grundgedanke: Das Feste im
Wandel der Zeiten. 1) Gott, Gottes Wort, Gottes Gnade (Psalm 102,
26-28), „Konfirmation“, 2) Jesus Christus – das feste Herz
im Glauben, Gehorsam und Treue durch Gnade (Hebräer 13,8.9) Fest
aneinander halten, Gemeinde und ihre Jugend (1. Korinther 1,10).Wieder Gruppen 6-8; Zahl 206 – Knaben: 106, Mädchen: 100…
Im Mai 1949
entsandte der Oberkirchenrat einen jungen Vikar, Walter Romberg,
einen Enkel des Propstes Martin Romberg, der hier 1943 sein Leben
beschlossen hat, und einem Sohn des Pastors Bernhard Romberg in
Teterow, nach Grevesmühlen.Er kam zwar als Lehrvikar, als
solcher also nicht in erster Linie zur Entlastung des
Gemeindepastors, sondern zu seiner eigenen Förderung und
Weiterbildung im geistlichen Amt, aber er konnte und durfte auch
im Rahmen dieser Aufgabe manches stellvertretend und Hilfe
leistend übernehmen, was dem Pfarramt oblag, und er hat es gern
und mit gutem Geschick in der ihm gesetzten Frist getan.Es
wurde ihm von Anfang an die Abhaltung der Wochenschlussandachten
und von Bibelstunden (über die Apostelgeschichte) übertragen.Die Jugendarbeit wurde vervielfältigt in Jugendstunden nach
verschiedenem Alter zu verschiedenen Tagesstunden; ein
Zusammenwirken von Vikar und Diakon, und dieses vollzog sich dank
der Geradheit, Offenheit und Gutherzigkeit des schwäbischen
Diakons auch bei dem jugendlichen Selbstgefühls des Vikars
durchweg in Eintracht.
Es fällt in
diese Zeit die Entstehung des Posaunenchors,
um die sich der Diakon
Fischer in Verbindung mit dem späteren Leiter, Herrn Willi Gottschalk
aus Elbing, besonders verdient gemacht hat…
Am Sonntag
Exaudi, dem 23. Mai, führte Propst Münster im Auftrag des
Oberkirchenrats Fräulein Eva Maria Stolz als Hauptkatechetin in
ihr Amt ein.Auch die anderen Lehrkräfte, die schon 2 ½ Jahre
im kirchlichen Religionsunterreicht unserer Gemeinde tätig sind,
wurden durch eine gottesdienstliche Feier vor der Gemeinde in
ihrem Amt bestätigt…
Den Gottesdienst
am Pfingstsonntag, dem 5. Juni, hielt in dem Bestreben, mit den
Gemeinden der Landeskirche für die Sache der Inneren Mission
Fühlung zu nehmen, auf seinen Wunsch der Landespastor Ph.
Rohrdantz über Johannes 3,16.
Der Gottesdienst
am 19. Juni, dem 1. Sonntag nach Trinitatis, galt der Erinnerung
an die Einführung der lutherischen Reformation in Mecklenburg
und des Bekenntnisses dazu durch den mecklenburgischen Landtag an
der Sagsdorfer Brücke am 20. Juni.Es wurde dieser Tag durch
eine große landeskirchliche Feier auch an der Sagsdorfer Brücke
begangen, es wurden Gemeinschaftsfahrten im ganzen Land mit
Lastautos organisiert, auch die kirchliche Jugend in
Grevesmühlen und den benachbarten Gemeinden nahm daran teil.Zur
Erinnerung an das denkwürdige Ereignis und seine Feier gab die
Mecklenburgische Kirchenzeitung durch ihren Schriftleiter Ernst
Breuel eine hübsch illustrierte 48 Seiten starke Festschrift,
„400 Jahre lutherisches Mecklenburg“, und Postkarten mit der
Sternberger Kirche heraus.Im hiesigen Gottesdienst predigte
Propst Münster über Matthäus 13, 45 und 46.In dem
Gottesdienst des darauf folgenden Erntebettages wurde auf
Beschluss der Landessynode den Katecheten der Dank für ihre
Arbeit ausgesprochen und die Elterngemeinde ermahnt, sie zu
würdigen und zu unterstützen…
Die Leitung der
DDR wollte den 1. September als „Friedenstag“ begehen und
wünschte, dass auch die Kirche in geeigneter Weise
gottesdienstlich und durch Turmblasen und Glockengeläut sich
daran beteiligen möchte.Dies ist dadurch geschehen, dass die
Gemeinde früh ½ 8 Uhr durch Glockenklang und ein Posaunenduett
„Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ vom Turm herunter zu
einer liturgischen Morgenfeier gerufen wurde, die… von Propst
Münster gehalten wurde…
Einen
Schulanfängergottesdienst hielten wir am 11. September, dem 13.
Sonntag nach Trinitatis im Anschluss an den Hauptgottesdienst
vormittags um 11:15 Uhr.
Der Diakon
Fischer kehrte von seinem Urlaub im September nicht zurück.Er fand bei seinem Aufenthalt in Hamburg, von wo er zu uns
gekommen war, eine Stellung im dortigen Staatsdienst, und man
konnte es ihm nicht verdenken, dass er sie gerne annahm.Wir
gedenken seiner in Dankbarkeit für seine mit Eifer und Treue
geleistete Arbeit seit Januar 1948.Sein Name wird verbunden
bleiben mit der Geschichte unseres Posaunenchores,
um dessen Gründung er sich verdient gemacht hat.
In Anbetracht
seines Ausscheidens und angesichts der im Oktober bevorstehenden
Beendigung des Lehrvikariats von Walter Romberg fasste der
Kirchgemeinderat am 25.9. den Beschluss, den Oberkirchenrat um
die beeilte Entsendung einer theologischen Hilfskraft zu
bitten… Dieser Beschluss wurde in überraschender Weise sofort
ohne Zutun des hohen Oberkirchenrats durch höhere Fügung
bewilligt und erledigt: Am 29. September 1949 kehrte, lange
ersehnt und erwartet und doch nun unerwartet, Pastor Gasse
aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück, mit großer
Freude begrüßt von seiner Familie, von seinem Amtsbruder, von
seiner ganzen Gemeinde.In öffentlicher Danksagung wurde
seiner Rückkehr gedacht im Erntedankfestgottesdienst am 2.
Oktober, wo das Lied der Gemeinde auch dieser Erfahrung galt:
„Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller
Güte!“…
Der Tod einer
Grevesmühlener Pfarrfrau ist in dieser seit 1898 geführten
Chronik zum ersten Mal berichtet worden: Frau Pastor Frieda
Parge, + 3.4.1926.Es muss hier zum zweiten Male geschehen: Am
Nachmittag des 27. Oktober wurde Frau Johanna Münster, geborene
Freytag nach längerem Leiden (Arteriosklerose) durch einen
sanften Tod heimgerufen… In ihrem Sinne war es, dass vor der
Beerdigung am 31. Oktober in der Friedhofskapelle lediglich eine
liturgische Feier mit Gesang, Schriftwort und Gebet stattfand,
die Pastor Gasse hielt…
Pastor Gasse
bestieg die Kanzel zum ersten Mal wieder nach einer kurzen
Erholungszeit im Erzgebirge am 19. Sonntag nach Trinitatis, dem
23. Oktober, und trat damit wieder in die volle Gemeindearbeit
ein.Die Pastoren waren übereingekommen, bis auf weiteres die
Gemeinde nicht in Bezirke zu teilen, sondern die bisher üblichen
Amtswochen beizubehalten, soweit es sich um Amtshandlungen
handelt. Pastor Gasse
nahm sich unter den verschiedenen Arbeitszweigen mit besonderem
Interesse und Erfolg der Jugendarbeit an, die nun, einheitlich
geleitet, unter seiner tatkräftigen Leitung einen neuen
Aufschwung nahm in Jugendstunden der verschiedenen Altersstufen.In der Frauenhilfe stand er seiner Frau zur Seite, der es
gelungen war, das Werk mit getreuen Helferinnen durch die
schweren Jahre hindurch zu retten, ohne zu verzagen.
Der Vikar Romberg
predigte am 18. Sonntag nach Trinitatis, dem 16. Oktober, in
unserer Kirche zum letzten Mal.
Eine Gebetswoche
für die Kriegsgefangenen hatte der Oberkirchenrat vom 9. – 15.
Oktober angeordnet.
„Die
Verantwortung der Christen in der Gegenwart“ – so lautete des
Thema, das nach einer Begrüßungs- und Einführungsrede von
Propst Münster am 27. Oktober im Gemeindesaal Pastor Baltzer aus
Roggenstorf hielt.Pastor Baltzer war während des letzten
Weltkrieges mehrere Jahre in Schottland als Kriegsgefangener
interniert sowie als Seelsorger in verschiedenen
Kriegsgefangenenlagern tätig gewesen, und was er dort erlebt und
erfahren hatte, diente ihm dazu, seinen Vortrag anschaulich und
eindrücklich zu machen.25 Männer verschiedenen Alters und
Standes waren der Einladung gefolgt und bewiesen ihr Interesse,
ihre Aufmerksamkeit und ihre Zustimmung, Teilnahme an der
lebhaften Aussprache, die sich an den Vortrag anschloss…
In der
Christenlehre sind im September aus dem Katechetenkollegium die
Hilfskatecheten Lehrer a. D. Sitterle und Kurschat ausgeschieden.Für sie ist Studienrat a. D. Otto Maack eingetreten.Er hat
aber leideraus gesundheitlichen Gründen den Unterricht wieder
aufgeben müssen…
In der kalten
Jahreszeit müssen die Gemeindegottesdienste sonntags im
Gemeindesaal abgehalten werden.Damit der Gemeinde der
Erwachsenen die Plätze ungeschmälert verbleiben, haben wir vor
der Adventszeit dieses Jahres für die Konfirmanden besondere
Gottesdienste vormittags 9 Uhr eingerichtet…
1950
Es war ein
frohes, dankbares Gefühl, das die Grevesmühlener Gemeinde
beseelte, als das neue Jahr begann, trotz aller Schwere der Zeit.Sie hatte ihren zweiten, durch Jahre entbehrten Pastor wieder.Es
stand nicht mehr nur der eine, bejahrte, auf einsamer Wacht, in
einsamer, alle Kräfte übersteigender Arbeit.Es gab wieder
eine amtsbrüderliche Gemeinschaft, ein gemeinsames Raten und
Dienen, jung und alt nicht bloß nebeneinander, sondern Hand in
Hand.Pastor Gasse
bedurfte zwar zunächst noch der Erholung und Stärkung nach der
Kriegsgefangenschaft, aber bald kehrten doch die Kräfte und die
Lust zur Arbeit im Pfarramt zurück…
Propst Münster
schloss das alte Jahr im Gottesdienst mit Psalm 39… und Pastor Gasse
führte die versammelte Gemeinde in das neue hinein mit dem alten
Neujahrsevangelium Lukas 1,21.
Die versammelte
Gemeinde – eigentlich war’s ja im Vergleich zu 1941 eine neue
Gemeinde.Wo ist das alte Grevesmühlen geblieben, oder was ist
aus ihm geworden in diesen 8 Jahren?Denn es stand die
Hitlersche Gewaltherrschaft in voller Blüte im 2. Jahre des frevelhaften
Krieges – wir haben sie durchgemacht mit all ihren
äußeren und inneren Bedrängnissen bis zum Zusammenbruch und
dem Hereinströmen der Vertriebenen aus Ostpreußen, aus Pommern,
aus dem Warthegau und dem Sudetengau mit all ihrer Not, mit all
ihrer Eigenart, und nun mussten sie hier eingegliedert werden,
nicht bloß in die neue Heimat, sondern auch in die Gemeinde, um
mit ihr zusammenzuwachsen, und dasselbe musste auch geschehen in
den zum Teil verwaisten Nachbargemeinden der Propstei.Die
Grevesmühlener Gemeinde ist fast um das Doppelte angewachsen und
unübersichtlich geworden.Sie ist auch wieder
zusammengeschmolzen, wenn in den Schreckensjahren 1945 und 1946
über 1000 Gräber gegraben wurden.Mit dem Zustrom besonders
aus dem Osten haben sich mehr oder weniger kirchliche Umbildungen
ergeben.Zu den alten Neuapostolischen sind die Baptisten, die
Adventisten vom 7. Tage und andere gekommen.Und die
kirchenfeindliche Haltung der neuen Ära ist an die Stelle der
Hitlerschen getreten.Das ist die Entwicklung des letzten
Jahrzehnts.An den Aufgaben, die sie stellte, haben treue
Gemeindeglieder tatkräftig mitgearbeitet, soviel sie konnten.Es
hat auch an berufsmäßigen Helfern nicht gefehlt, Muelenz,
Schwester Inge Fischer, Kuschfeld,
die Diakone Heydeck und Karl Fischer, der Vikar Romberg standen
eine Zeitlang zur Verfügung – aber nur kurze Zeit: Sie kamen
und gingen wieder.Das alles hat den Kirchgemeinderat zu der
einhelligen Überzeugung gebracht, dass Herr Propst Münster
allein den Dienst in der Grevesmühlener Kirchgemeinde mit 16 –
17.000 Seelen nicht leisten kann.Es ist unmöglich, dass er
unter anderem allein den Unterricht von weit über 200
Hauptkonfirmanden übernimmt.„Der Kirchgemeinderat hält es
für unbedingt notwendig, dass vom Oberkirchenrat sofort eine
geistliche Hilfskraft abgeordnet wird, falls der Vikar Romberg
nicht länger bleiben kann und falls nicht plötzlich der Pastor
Lic. Gasse
aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt.Das Mitglied des
Grevesmühlener Kirchgemeinderats Dr. Werth wird vom
Kirchgemeinderat beauftragt, den Landesbischof D. Beste umgehend
von der der Grevesmühlener Gemeinde drohenden Notlage zu
unterrichten“ (Sitzung vom 25.9.1949).In dieser Situation
und in diese Gemeinde kehrte Pastor Gasse
am 29. September 1949 zurück, und von dieser Gemeinde, aber in
einer neuen Situation standen Sylvester 1949 und am 1. Januar
1950 auf der Kanzel in Erwartung des neuen Jahres die beiden
Pastoren, bereit, noch einmal wie einst zusammen das Amt zu
verwalten.
Die hier
besprochene Veränderung der Kirchengemeinden in den letzten
Jahren war der Grund, der schon im Frühling vorigen Jahres den
Geistlichen Ausschuss der Landessynode bewog, die gegenwärtigen
Kirchgemeinderäte als überaltert zu erklären und eine Neuwahl
schon zum Oktober 1949 zu empfehlen.Sie sind 1945 gewählt,
und es sind also in ihnen die zum Teil sehr kirchlichen
Neubürger so gut wie gar nicht vertreten.Wird aber die
Kirchgemeinderatswahl noch länger hinausgeschoben, so fällt sie
beinahe mit der Neuwahl der Landessynode zusammen, und es ist
doch wünschenswert, dass zwischen beiden Neuwahlen ein
möglichst großer Zeitraum zur Einarbeitung der für die Wahl
der Laien zur Landessynode entscheidenden Kirchenältesten liegt.Diese Frage wurde im hiesigen Kirchgemeinderat schon in der
Sitzung vom 27.3.1949 erörtert, doch bei aller Anerkennung der
angegebenen Gründe entschied sich damals der Kirchgemeinderat
gegen den frühen Wahltermin 1949, weil hierdurch die
Politisierung der Kirchenwahl wie 1933 zu befürchten sei, denn
gerade im Herbst 1949 seien die Wahlen zu den politischen
Vertretungen im Lande, in den Kreisen und Städten zu erwarten.Um dies Zusammentreffen zu verhindern, empfahl damals der hiesige
Kirchgemeinderat den Aufschub der an sich nötigen Neuwahl des
Kirchgemeinderates bis zum April oder Oktober 1950.Das ist
dann auch erreicht worden.Wir haben wie im ganzen Lande in
diesem Jahr einen neuen Kirchgemeinderat zu wählen, und zwar,
wie in der Sitzung am 12.3. verkündet, nach einer neuen
Wahlordnung, wie sie die Landessynode am 23. und 24.2. nach
Änderung der Kirchenverfassung beschlossen hat…
Als Wahltag galt
der 16. Juli.Die Einführung vollzog am 23.7. Propst
Münster…
Mit der
Einführung des Kirchgemeinderates war eine wohl gelungene Bibelausstellung
verbunden, die mit viel Eifer und Liebe die Junge
Gemeinde zusammengebracht hatte.
Es folgt hier ein
Überblick über das Leben der Kirchgemeinde, wie es in den
Amtshandlungen des Jahre 1949 zum Ausdruck kommt nach dem
Jahresbericht am 1. Januar 1950.
Getauft sind 186
Kinder, 107 Knaben, 79 Mädchen (15 Knaben und 13 Mädchen hatten
Eltern, die nicht getraut sind).
Getraut sind 110
Paare, davon 16 geschiedene Ehepartner, 16 Mischehen sind
geschlossen.
Beerdigt sind 170
Personen, 73 Männer, 97 weiblichen Geschlechts.
Konfirmiert
sind 206 Kinder, 106 Knaben, 100 Mädchen.Am
Hauptkonfirmandenunterricht nahmen 218 Kinder teil, 103 Knaben,
115 Mädchen.
Zum Sonntag,
dem… , hatte Pastor Zedler, Diedrichshagen, zu einem
Gemeindefest eingeladen… An dem Fest nahmen außer den Pastoren
noch mehrere Gemeindeglieder teil.Besonders bemerkenswert ist,
dass hier zum 1. Mal der junge Posaunenchor mit einigen Bläsern
öffentlich auftrat, in Gemeinschaft mit anderen benachbarten
Vereinen.Es ist schon erwähnt worden, dass der im Herbst 1949
ausgeschiedene Diakon
Karl Fischer sich um die Bildung eines Posaunenchores bemüht
und verdient gemacht hat.Er arbeitete darauf hin, mit dem als
Umsiedler aus Elbing hierher gekommenen Kaufmann Willi Gottschalk,
der sich früher schon auf diesem Gebiet betätigt hatte, und
dieser betrieb auch nach Fischers Fortgang diese Angelegenheit
mit voller Kraft.Es gelang ihm, mehrere brachliegende
Instrumente aus der Gemeinde Lübsee in die Hand zu bekommen, und
es gelang ihm auch, Mitarbeiter zu gewinnen, die er für diesen
Dienst begeisterte, besonders junge Menschen, mehrere aus der
Oberschule, die sich gern unter Gottschalks
Leitung stellten und die bei mancherlei kirchlichen
Angelegenheiten für Klang und Freude sorgten, z.B. vor dem
Gottesdienst am Sonntag auf dem Kirchplatz, an Geburtstagen u. a.Die Junge Gemeinde und der Posaunenchor, beide haben sich
gegenseitig gestützt und bereichert.
Der Posaunenchor von Grevesmühlen um ca.
1952: Jürgen Ruszkowski
(Zugposaune) (Webmaster), Küster Hermann Behncke (Tuba), Werner Gollub,
-?-, "Minna" Senkpiel (Tenorhorn), - (Flügelhorn) -, Adolf Möller (Tenorhorn), Klaus Winter,
-? (Flügelhorn) -, -, Willi Gottschalk, Hans
Gottschalk, Joachim Albrecht (Zugposaune)
Hans Gottschalk wurde am 19.02.1935 in Elbing
/ Ostpreußen geboren.
Er wuchs in
Grevesmühlen/Mecklenburg auf.
An seinem 18. Geburtstag wurde er
als einer der ersten zehn in der DDR wegen Zugehörigkeit
zur "Jungen Gemeinde" fünf Monate vor dem
Abitur von der Oberschule verwiesen.
Hans Gottschalk studierte am
Evangelisch-Lutherischen Missionshaus in Leipzig
Theologie. Er gehörte zu der Fußballmannschaft der
Theologischen Fakultät, die 1956 die Meisterschaft der
Karl-Marx-Universität gewann.
Hans Gottschalk war Pfarrer in
Petschow bei Rostock, in den Pfeifferschen Stiftungen in
Magdeburg, in Rätzlingen und zuletzt in Schönebeck. In
Schönebeck war er 1989 bei den Demonstrationen vor der
Wende maßgeblich beteiligt.
1998 ging er im Ruhestand und wohnte
in Magdeburg-Randau.
Sein Hobby war das Schreiben.
Verstorben am 20.05.2007. Letzte Ruhestätte in
Magdeburg-Randau.
Die Junge
Gemeinde, die nicht vereinsmäßig organisierte Sammlung von
weiblichen und männlichen jungen Gemeindegliedern zu kirchlicher
Betätigung, ist seit dem Schicksalsjahr 1945 in der
gegenwärtigen Form erwachsen.Man muss auch die Christenlehre
dazu rechnen, in der die Kirche durch Katecheten den früher von
der Staatsschule erteilten Religionsunterreicht fortführt.Sie
setzt sich fort im Vor- und Hauptkonfirmandenunterricht, in den
Zusammenkünften der Konfirmanden und der Konfirmierten in
mehreren Altersstufen und hält sich auch bereit für Aufgaben im
Sinne von 1. Petrus 4,10: „Dienet einander, ein jeglicher mit
der Gabe, die er empfangen hat.“Über die Art und Weise, wie
sich das Leben in dieser Jungen
Gemeinde in diesem Jahre im einzelnen gestaltet hat, gibt das
Kanzelbuch von einer Woche zur anderen Auskunft.
Dasselbe gilt von
der Evangelischen Frauenhilfe und ihren verschiedenen
Abteilungen: Mütterkreis usw…
Eine Sammlung
für die weitere Durchführung der Christenlehre ist nicht
genehmigt worden.Man musste sich dazu entschließen, den
früher umgangenen Elternbeitrag (monatlich 1 DM) einzuführen…
Das
Reformationsfest war am Nachmittag mit einem Jugendtag
verbunden…
Am Nachmittag des
12.11. wurde das Verkündigungsspiel „Das verlorene Paradies“
von einer Spielschar geboten, am 2. und 3. Advent nachmittags und
abends ein Krippenspiel…
1951
Mit einem
Gottesdienst im Gemeindesaal begannen wir das Jahr 1951…
Landesjugendwart Diakon Gerhard
Luckow
Eine
Jugendevangelisation unternahm vom 7. bis 10. Februar der Diakon Luckow
aus Schwerin, die er aber dann auf die ganze Gemeinde erweiterte.Die Themen lauteten: „Glaubst du wirklich an den dreieinigen
Gott?“ (7.2.), „Menschen bauen Barrikaden“ (8.2.),
„Menschen am Scheideweg“ (10.2.)…
…Vortrag von
Pastor Gasse im Kirchgemeindrat über „Materialismus und
Idealismus“ und die Kanzelabkündigung, die Pastor Gasse im
Gottesdienst des Sonntags Oculi, dem 25.2., vor der Gemeinde
abgab über „Glaubens- und Gewissensfreiheit und die Verfassung
der DDR.“Den Anlass dazu gaben gewisse Äußerungen und
geheim sein sollende Umfragen von Lehrkräften der Oberschule an
einzelne Schüler über ihre Stellung zur Jungen Gemeinde…
Am 7. März starb
das älteste Mitglied und der stellvertretende Vorsitzende des
Kirchgemeinderates, der Amtshauptmann a. D. Adolf Lüben… Zum
stellvertretenden Vorsitzenden wurde der aus Elbing stammende
Kirchenälteste Willi Gottschalk
gewählt…
Jugendliche Teilnehmer aus Grevesmühlen
am Deutschen Evangelischen Kirchentag
1951 in Berlin auf der Reise im Sonderzug: Mitte: Hans
Gottschalk, unten rechts: Adolf Möller, unten links:
Jürgen Ruszkowski (Webmaster)
Auf den
Evangelischen Kirchentag
in Berlin(11.-15.Juli 1951) wurde die Gemeinde in den
Pfingstgottesdiensten hingewiesen…123 Grevesmühlener
Gemeindeglieder reisten nach Berlin, die Hälfte davon
Jugendliche… Ein Gemeindeabend, der uns durch lebendige
Berichte von Teilnehmern an den Berliner Tagen hernach teilnehmen
ließ, wurde am 24. August in unserer Kirche dargeboten: „Was
bedeutet für uns alle der Kirchentag?“ – Das war die Frage,
die uns von 16 Berichterstattern je nach ihrem verschiedenen
Erleben und doch einmütig zeugnishaft beantwortet wurde.Zur
Erinnerung sollen hier ihre Namen stehen:Pastor Lic. Gasse,
- Willi Gottschalk
(Sohn), - Werner Schütt. – K. O. Flint.
(Vater), - Studienrat Hennis, - Schwester Anni Matthies, - Lehrer
Wangerin (Hungerstorf), - Frau Wera Grabowski, - Katechet
Schilling, - Joachim Albrecht. – Willi Becker, - Malermeister
Otto Schapert, - Fräulein Sigrid Dieckmann (Everstorf), -
Fräulein Maria Ruckick, - Hans
Am 16. Sonntag
nach Trinitatis tagte die Propsteisynode am Tag der Inneren
Mission.Die Kirchenältesten und Helfer versammelten sich
nachmittags 15 Uhr und hörten nach einer einleitenden Ansprache
des Propstes über die Kombination von Propsteitag und
Innere-Missions-Tagung einen Vortrag des Stadtmissionars Schubert
über Arbeit und Aufgaben der Inneren Mission.Es schloss sich
daran wieder eine musikalische Feierstunde in der Kirche. Darin
hatten wir wieder die Freude, das Orgelspiel des jungen
Musikschülers RolfBroecker zu hören, der danach strebt und darauf hofft,
einmal in den Kirchendienst zu gelangen.Danach sang uns unter
der Leitung von Fräulein Hinz (Katechetin) ein Chor die
Bergpredigt, den 23. Psalm und aus dem Gesangbuch Lied 82, 4.6.8,
dazwischen Lektionen aus Jesaja 58, Matthäus 6, Markus 10, 1.
Petrus 3; Schlussverse 108, 7.7…
Am Buß- und
Bettag (20.22.) besuchte der Landesbischof D. Dr. Beste
unsere Gemeinde und hielt eine Predigt über Amos 9, 9-11…
Am 17. und 18.12.
wurde das Krippenspiel „Herodes“ gegeben, am 19.12. für die
Junge Gemeinde und die Eltern der Christenlehrekinder wiederholt.
Am Heiligen Abend
haben in diesem Jahre zwei Christvespern stattgefunden…
Es nahmen 95
Knaben und 96 Mädchen am Konfirmandenunterricht teil, um
Palmsonntag 1952 konfirmiert zu werden…
Die Finanzlage
der Kirche ist dadurch erschwert, dass das Finanzamt die
Kirchensteuern nicht mehr einzieht…
„Unser guter,
treuer kirchlicher Freund und Helfer durch viele Jahre“, der
Tischler August Westphal, ist am 11. Januar 1951 verstorben.Das
war er von seinen jungen Jahren an bis zuletzt, und er ist es mit
seinem ganzen Herzen gewesen, mit seiner Frau (+ 11.10.1948), die
er hier als Geselle am 27.6.1905 geheiratet hat.Der
Jünglingsverein, dem er in Wismar angehörte, hat sein Wesen
geprägt, und was er dort geworden ist, das hat er lebenslang
festgehalten und betätigt – nicht in der Führung junger
Menschen, das lag ihm nicht, und das konnte er nicht mit seiner
kleinen, schwächlichen, etwas verwachsenen Gestalt, aber in
unbeirrbarer kirchlicher Haltung und in steter Bereitschaft für
jeden kirchlichen Dienst und ohne abzugleiten in sektiererische
Bahnen.So wirkte er als kleiner Laienprediger –
„Aposteltischler“ nannten sie ihn in dem Kreise, der ihm zu
Gebote stand: in seinem völlig unpolitischen Arbeiterverein, in
seinem Beruf als Sargtischler, in der „Herberge zur Heimat“,
mit Ansprachen, die er gerne hielt, ohne Überhebung und ob nicht
ohne Pathos, doch mit echter Überzeugung und Empfindung,
während sein Dank an seine liebe Kirche für alles, was sie ihm
gegeben, den er mit Bestimmungen über seine Beerdigung
hinterlassen hat, Lieder, Texte und Grabspruch Hiob 19, 25 f.Über
seinen Dienst als stellvertretender Küster 1940-1947 wurde
berichtet.
Eine völlig
anders geartete Persönlichkeit war der am 7.3.1951 nach kurzer
Krankheit im Alter von 87 Jahren verstorbene Adolf Lüben,
äußerlich und innerlich rüstig und beweglich bis kurz vor
seinem Ende, bis zum Radfahren, früher Lehrer in Stavenhagen,
zuletzt in Welzin, dann im Getriebe und Kampf des öffentlichen
Lebens als Mitglied der demokratischen Partei der Politik
verfallen und verschrieben, Nachfolger des sozialdemokratischen
Agitators Heinrich Sauer, Amtshauptmann und als Träger dieses
Amtes von der Parteien Gunst und Hass umstritten, bis er von der
Hitlerbewegung, deren heftiger Feind er war,…
1952
Der Jahresbericht
von 1952 beginnt wie der vorjährige mit einer Trauerkunde: Am
11. Januar ist unser Organist Heinrich Rödlingshöfer gestorben.Wir hatten uns schon monatelang um ihn gesorgt, weil er
schwerkrank war; deswegen hatte er sein Schulamt schon
niedergelegt, aber sein Kirchenamt behielt er bei, versah es
unter Schmerzen und Beschwerden noch Silvester und Neujahr und
zum letzten Mal mit eiserner Selbstverleugnung noch am 6. Januar,
dann musste er ins Krankenhaus gebracht werden, und dort haben
ihn beide Pastoren kurz nacheinander, als „sein Odem schwer
ausging und er kein Wort mehr sprechen konnte“, noch einmal
eine Stunde vor seinem Tode besucht und ihm zum Abschied die Hand
gereicht.Nun ist seine geliebte Orgel verwaist, und es trauert
um ihn die ganze Gemeinde, deren Gesang er in Tausenden von
Gottesdiensten und Trauerandachten feierlich, schwungvoll und
zart eingeleitet und begleitet hat.Er war in Schwetzigen bei
Heidelberg am 13.4.1883 geboren und kam im Herbst 1912 als Lehrer
an die Oberschule nach Grevesmühlen
– ein Mann von eigenem Gepräge durch die Lebhaftigkeit seines
süddeutschen Wesens und durch sein ursprüngliches Temperament
verschieden von unserer norddeutschen Art und ist doch ganz der
Unsere geworden.Seine offene Herzlichkeit, seine jugendliche
Frische, sein Humor gewannen ihm schnell die Herzen seiner Jugend
und die Anhänglichkeit weit über die Schulzeit hinaus.Sein
Verständnis für Land und Leute, seine Liebe zur Natur, die
Anschaulichkeit und Treffsicherheit seiner Rede machten ihn
volkstümlich.1914 nahm ihn der Weltkrieg in Anspruch bis zum
Herbst 1917, wo er durch einen Kopfschuss für weiteren
Felddienst und, wie sich später herausstellte, auch für eine
von ihm verlangte Lehrerprüfung untauglich wurde.Nach dem
Zusammenbruch kehrte er nach Grevesmühlen zurück und übernahm
wieder den Unterricht, zugleich wurde er in das Organistenamt
berufen, dessen letzter junger Inhaber ein Opfer des Krieges
geworden war.Diese Tätigkeit hat er bis zu seinem Tode 32
Jahre ausgeübt.Es war die Liebe zur Musik, die ihn beseelte
zu dieser holden Kunst, die auch ihm die grauen Stunden seines
Lebens erhellt hat.Es war ein väterliches Erbe, das er mit
seinem Amt pietätvoll verwaltete.Aber vor allem war es
Gottesdienst und Gemeindedienst, den er nicht bloß mit den
Händen, sondern mit dem Herzen im Glauben ausrichtete, völlig
frei von jeder Einbildung und Eitelkeit im Sinn des größten
Organisten, der auf seine Werke das „soli Deo gloria“ schrieb
– im Sinn von 1. Petrus 4, 10: „Dienet einander, ein
jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat… auf dass in allen
Dingen Gott gepriesen werde…“Dies Schriftwort ist ihm an
seinem Grabe verlesen worden… So haben wir ihn gekannt, so ist
er bei uns ein- und ausgegangen; so wie er war mit seinen
Eigenheiten, Ecken und Kanten haben wir ihn lieb gehabt, und als
ein treuer Diener seines Herrn bis an die Schwelle des Todes
möge er in der Erinnerung seiner Gemeinde fortleben, wenn
spätere Geschlechter an sein einsames Grab treten, dessen Pflege
die Grevesmühlener Kirche übernommen hat.
Als Nachfolgerin
ist auf ihre Bewerbung vom 2.3. und auf Empfehlung des
Kirchenmusikdirektors Georg Gothe Fräulein Marie Luise Rosin aus
Wismar angestellt worden…
Die 95 + 96
Konfirmanden wurden Palmsonntag gemeinsam eingesegnet.Die
Ansprachen waren unter den beiden Pastoren geteilt wie schon
1950…
…ohne Ahnung
davon, welche bedeutsame Entscheidung für unsere Gemeinde sich
vorbereitete und unserer wartete.
Es war der
Landessuperintendent Kramer in Malchin plötzlich verstorben.Die
Stelle musste sofort wieder besetzt werden.Nach dem Beschluss
des Oberkirchenrats sollte Pastor Gasse
in Grevesmühlen sie übernehmen.
Unser Pastor
Gasse, über dessen Rückkehr am 29. September 1949 wir so froh
und dankbar gewesen sind und noch jeden Tag sind und der sich
nach den harten Jahren der Gefangenschaft eben wieder eingelebt
und eingearbeitet hat!Den sollen wir wieder hergeben?Überall
hört man Fragen und Klagen, Trauern und Bedauern.Aber man
muss sich fügen.
Und nun handelt
es sich um den Nachfolger, ja um die Nachfolger, denn es steht
eine doppelte Vakanz für beide Pfarren bevor.
Propst Münster
denkt daran, wie er im Juli 1938 nach Ratzeburg gereist ist und
dem damals zuständigen Landessuperintendenten Schreiber sein
Entlassungsgesuch, denn er war 67 Jahre alt, 33 Jahre im
Grevesmühlener Pfarramt und hatte in derselben Zeit 4 Kollegen
neben sich kommen und gehen sehen.Der Superintendent begreift
den Wunsch, aber er bittet dringend, doch wenigstens noch ein
Jahr zu bleiben, damit der jüngere Amtsbruder, der erst 1 ½
Jahre da ist, sich noch etwas mehr einleben kann, und der
Gebetene begreift das auch und sagt zu.Ein Jahr darauf bricht
der 2. Weltkrieg aus.Die Pensionierung wird noch mal
verschoben und bei dem Fortgang der Kriegswirren unmöglich: 1941
wird Pastor Gasse in den Kriegsdienst gerufen, kommt in die
Gefangenschaft und kehrt erst 1949 zurück.Aus dem einen Jahr
1938/39 sind 14 geworden, aus den 67 Lebensjahren 81.Es kann
niemand bezweifeln, dass beide Pfarren neu besetzt werden
müssen, die eine sofort, die andere so bald wie möglich.
Der
Kirchgemeinderat versammelt sich und berät.Früher wurden die
Pfarren in Mecklenburg durch Gemeindewahl unter 3 Bewerbern, die
der Oberkirchenrat aufstellte, besetzt.Für solche Wahl nach
altem Usus ist im Kirchgemeinderat keine Stimmung.Man möchte
aber doch einen Einfluss auf die Besetzung haben, und es ist
möglich, wenn durch den Kirchgemeinderat einstimmig auf die Wahl
verzichtet und dem Oberkirchenrat eine bestimmte Persönlichkeit
vorgeschlagen wird.Pastor Gasse
empfiehlt warm als seinen Nachfolger den Pastor Johannes Lietz
in Mühlen-Eichsen…
Am 11. Mai 1952
wurde Pastor Lietz
in sein neues Amt in Grevesmühlen
eingeführt.
Grevesmühlener Pastoren:
Pastor Lietz
(Wechsel von Mühlen-Eichsen
nach Grevesmühlen)
Propst Münster
Pastor Lic. Gasse
(später Landessuperintendent in Malchin, danach
Oberkirchenrat in Schwerin)
siehe Seite 15
Eine
Versammlungssperre, die auch unsere Gottesdienste lahm legte,
mussten wir vom 2. August bis zum 12. September auf staatliche
Anordnung über uns ergehen lassen wegen Ansteckungs- und
Ausbreitungsgefahr der im Bezirk ausgebrochenen Maul- und
Klauenseuche…
Nach langem
mühevollen Hin und Her um die Nachfolge in der Pfarre von Propst
Münster bewirbt sich schließlich Pastor Boddin, Witzin, und
dieser erklärt sich bereit, in die Vakanz einzutreten.Der
Oberkirchenrat beruft ihn.Am 31. Mai 1953 hält Propst
Münster seine Abschiedspredigt und bezieht die unterdessen frei
gewordene und hergerichtete Wohnung im 1. Stock des Pfarrhauses
am Kirchplatz, die er mit der Familie seines Sohnes teilt.
An dieser Stelle
legt Propst Münster nach 47jähriger ununterbrochener Führung
der Kirchenchronik die Feder als Chronist
aus der Hand.
Die
Gemeindechronik wurde von Propst Lietz
fortgesetzt.
Grevesmühlener
Heimatlied
(Propst Münster,
Grevesmühlen)
Grevsmöhlen,
du sast läwen,
Du leiwes Kreihdennest!
Väl flög' sünd unnern Häwen,
Du büst dat allerbest.
Ick weit väl truge Städen,
Wo woll tau Maud mi ward:
Bi di is Heimatfräden,
Un di gehürt min Hart.
Du
liegst mang bunte Gorens
in Gräun un Blaumen ganz,
um Linn'böhm, Dann un Bäuken
windt di den schönsten Kranz.
Um Rogg' und Rapp un Weiten
Lücht hell as schieres Gold,
drei Waterspeigels blänkern
ut Feld un Wisch un Holt.
Dat Hus, wo
eins min Mudding
Up ehren Schot mi drög,
dei Kinnerssporen sünd dor
up all dei hunnert Wäg,
dei Rekterbag, dei Schaulen,
wo ick min Ding' hew lihrt,
dei Dann'barg, wo min Juchzen
wi Kinnerfest hebbt fihrt.
Hoch över
Linnenkrohnen
sei ick dien Gooteshut stahn,
un hür in min Gedanken
dei Kirchenglocken gahn.
Ick seih väl truge Minschen
dei Staten up un uw,
un seih in stillen Fräden
ock männing leiwes Grab.
Dei Iserbag
dor baben
kickt still in't wide Land,
up Höw un dusend Feller
bet an dei Waterkant.
Dor is dei blage Ostsee,
dei grote Welt tau seihn =
min lütte Welt dor nebben:
Grevsmöhlen in Land Ein!
Ick weit väl
truge Städen,
wo woll tau Maud mi ward,
bi di is Heimatfräden,
un di gehürt min Hart.
Väl flög' sünd ünnern Häwen,
du büst dat allerbest.
Grevsmöhlen, du sast läwen,
Du leiwes Kreihdennest.
Ein Leben auf See amüsant und spannend wird über das Leben an Bord vom Moses bis zum Matrosen vor dem Mast in den 1950/60er Jahren, als Nautiker hinter dem Mast in den 1970/90er Jahren berichtet
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