Propst Otto Münster

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Propst Münster

in Grevesmühlen (Meckl)

Grevesmühlen

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Propst Otto Münster


Otto Münster, geboren am 30. Januar 1871 in Plau, gestorben am 10. Mai 1962 in Grevesmühlen, wurde am 26. November 1905 als zweiter Pastor und am 4. November 1906 als erster Pastor in Grevesmühlen berufen. Er wirkte 52 Jahre als Pastor und Seelsorger in Grevesmühlen.

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Propst Münster wirkte jahrzehntelang in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Grevesmühlen (Meckl). Der Webmaster erlebte ihn dort als älteren Herrn von 1945 bis 1953.

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Propst Münster

Nachfolgender Text stammt von Herrn Horst Lederer (ehemals Lehrer in Grevesmühlen und ehrenamtlicher Gemeindechronist in Grevesmühlen):

Pastor und Propst Otto August Franz Wilhelm Münster

Als im Oktober 1906 der erste Grevesmühlener Pastor Karl Bartholdi die frei gewordene Pfarrstelle in Friedrichshagen übernahm, rückte Pastor OTTO MÜNSTER zum ersten Prediger auf und übernahm die Führung der Chronik unserer Kirchgemeinde, die er ohne Unterbrechung bis zum 31. 5. 1953 beibehielt.

Otto August Franz Wilhelm Münster wurde am 30. Januar 1871 als jüngster Sohn des Malermeisters und seit 1870 Senators Rudolf Münster und dessen Ehefrau Marie geb. Schlösser aus Wriezen a. O. in Plau in Mecklenburg geboren. Dieser Zweig der Familie Münster lässt sich urkundlich bis 1678 in Mecklenburg nachweisen. Seinerzeit war ein Sebastian Münster Schäfer in Bredenfelde bei Stavenhagen, später Pächter; er starb am 20.11.1725 in Kleeth. Auch seine Nachfahren waren zwei Generationen lang Gutspächter in Gültz, Markow, Remlin, Liinow und Kustrade. Sein Urenkel (+ 1820 in Schwerin) war „Unterdrustspel“ im von Quillfeldschen Regiment in Stralsund. Dessen einziger Sohn Johann Christian ließ sich 1803 als Malermeister in Plau nieder. Nach seinem Tod (1845) übernahm sein einziger Sohn Rudolf (1826 - 1895) das Malergeschäft in Plau.

Otto Münster besuchte die Bürgerschule in Plau und ab 1884 das Gymnasium in Waren. Von 1890 an studierte er in Leipzig, Erlangen und Rostock Theologie. Nach bestandenem Tentamen im Oktober 1894 absolvierte er vom 1.10.1894 bis 1895 seinen Militärdienst in Rostock. Anschließend war er dann als Hauslehrer in Alt-Kamin bei der gräflich von Bernstorffschen Familie und als Lehrer an der Höheren Knabenschule in Stavenhagen tätig. Am 24. März 1901 wurde Otto Münster in der Kirche zu PIau von Superintendent Walter, Parchim, ordiniert uni vertrat in Plau den erkrankten Pastor Gerlach bis zum 1. Januar 1902, in Neukalen Pastor Radloff bis zum 1. Mai 1902 und in Schwerin Domprediger Weber bis zum 1. Oktober 1902. Dann wurde er Hilfsprediger an der Schlosskirche zu Schwerin.

Am 5. Juni 1903 heiratete Otto Münster Johanna Freytag, die zweite Tochter des Pastors Freytag in Gammelin und dessen Ehefrau Marie geb. Schütz aus Wustrow.

Als in Grevesmühlen die zweite Pastorenstelle nach dem Wechsel von Pastor Gerhard Tolzien nach Pinnow vakant geworden war, wurde eine Pfarrerneuwahl ausgeschrieben. Zu den drei Kandidaten gehörte auch Otto Münster. Am Abend des 25. November 1905 traf er zusammen mit dem Superintendenten, Geh. Oberkirchenrat D. Bard, per Zug in Grevesmühlen ein. Pastor Bartholdi holte beide vom Bahnhof ab und begleitete sie zu ihrem Nachtquartier im Hotel „Stadt Hamburg“, wo sie ihr Abendessen einnahmen. Am 26. November 1905, einem kaltem, windigen Tag, sahen sich die drei Kandidaten vor dem Gottesdienst die Kirche an. Dabei lernte Otto Münster den damaligen Kirchenökonomus Wiedow kennen, der noch einmal nach dem Rechten sehen wollte. Im Wahlgottesdienst predigte Münster zuerst, und zwar über den Bibeltext Matthäus 11, 28: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid...“ Dann predigte Rektor Erdmann aus Hagenow über Offenbarung 2, 10: „Sei getreu bis an den Tod...“ und schließlich Rektor Hoyer aus Grabow über Offenbarung 3, 11: „Halte, was du hast...“ Otto Münster wurde gewählt. Als das Ergebnis feststand, wurde er von Küster Goldberg aus dem Pfarrhaus an der Kirchstraße abgeholt und von D. Bard mit dem Spruch aus Jak. 1, 21: „Nehmet an das Wort mit Sanftmut...“ in sein Amt eingeführt. Am Nachmittag des Wahltages fand im Hotel „Stadt Hamburg“ ein Festessen statt, an dem außer Otto Münster D. Bard, Amtshauptmann von Bernstorff, Bürgermeister Melz, Senator Ihlefeld, Präpositus Lange aus Börzow, Pastor Bartholdi, Kirchenökonomus Wiedow, Kantor Stephanus, Organist Weck, die Kirchenjuraten Schäffer und Brockmüller, Küster Goldberg, Kirchensekretär Dr. Peters aus Schwerin und die beiden anderen Wahlkandidaten, die Pastoren Erdmann und Hoyer, teilnahmen.

Am 2. Advent, dem 10. Dezember 1905, hielt OTTO MÜNSTER seine Antrittspredigt über das Jesuswort Lukas 21,33: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.“ Am Nachmittag taufte er die ersten Kinder in seiner neuen Gemeinde, Anna Plog und Hermann Runge. Am 11. Dezember 1905 zogen Otto Münster und seine kleine Familie in das Pfarrhaus am Kirchplatz ein, in dem vor ihnen Kirchenrat Löscher und Pastor Tolzien ihren Wohnsitz hatten. Dort wohnte Otto Münster bis zu seinem Tod am 10. Mai 1961. Hier wurde dem Ehepaar Münster bereits am 28. Dezember 1905 der zweite Sohn geboren.

Bereits zu Beginn seiner Amtstätigkeit wurde Pastor Otto Münster unversehens starken Belastungen ausgesetzt, als sein Amtsbruder Bartholdi Anfang Februar 1906 wegen eines Lungenleidens längeren Urlaub nehmen musste. So hatte Otto Münster beide Konfirmandengruppen, die der Mädchen und die der Jungen, allein zu unterrichten, und diese seine erste hiesige Konfirmandenschar konfirmierte er am Palmsonntag, dem 8. April, allein.

Bis Juli 1906 verwaltete er als einziger einsatzfähiger Grevesmühlener Pastor die ganze Gemeinde allein. Die gleichen Schwierigkeiten hatte er später zu überwinden, als 1917 Pastor Hurtzig nach Schwerin beordert wurde, bis zur Ankunft von Pastor Parge Ende Juni 1918 und nach dessen Krankheit und Heimgang von Mai 1926 bis zur Neubesetzung der zweiten Pfarre am 1. Januar 1927.

In den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Pastor hielt Otto Münster eine Reihe von Vorträgen, brachte der Gemeinde insbesondere den evangelischen Liederdichter Paul Gerhardt nahe, setzte sich vor allem dafür ein, das musikalische Leben in unserer Kirchgemeinde zu beleben. So organisierte er Konzerte mit Organisten, Instrumentalisten und Sängern, aber er engagierte sich auch für die regelmäßige Durchführung der in Grevesmühlen beliebten Missionsfeste, die alle außerhalb der Kirchenmauern gefeiert wurden. Dazu lud er u. a. Redner aus anderen Orten Mecklenburgs ein, die es verstanden, kirchengeschichtIiche Themen in leicht fasslicher Weise darzubieten. Bereits 1907 unterbreitete er dem Landessuperintendenten den Plan, anstelle des alten baufälligen Arbeiterkatens zwischen beiden Pfarrhäusem einen Konfirmandensaal errichten zu lassen. 1910 wurde mit dessen Bau begonnen, und am 17.Januar 1911 wurde er seiner Bestimmung übergeben.

Während der Amtszeit Otto Münsters standen ihm in unserer Gemeinde als zweite Pastoren in dieser Reihenfolge Paul Hermann Hurtzig (1906 - 1917), Ludwig Parge (1918 - 1926), Johann Schulz (1927 - 1937), Wilhelm Gasse (1938 - 1952) und Johannes Lietz (1952 - 1953) zur Seite.

Am 11. November 1931 wählte die Synode der Propstei Grevesmühlen Otto Münster

zum Propst. Unter seiner Aegide wurde 1925 der Südflügel der Kirche nach Plänen des Stadtrats Karl Krämer zu einer Gedächtniskapelle für die im 1. Weltkrieg gefallenen Glieder der Grevesmühlener Kirchgemeinde umgestaltet. Er veranlasste auch den Bau einer Friedhofskapelle auf unserem Friedhof, die am 22. August 1935 eingeweiht wurde.

Propst Münsters besonderes Interesse galt der Kirchen- und Heimatgeschichte. Bereits 1903 wurde er Mitglied des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Zu seinen besonderen Verdiensten gehört die Herausgabe des „Gemeindeblattes für das Kirchspiel Grevesmühlen“, das in unregelmäßigen Abständen zwischen 1925 und 1939 erschien. Darüber hinaus veröffentlichte er auch in der Lokalpresse Beiträge über die Geschichte der Stadt Grevesmühlen und der Kirchgemeinde. Anlässlich des Heimatfestes unserer Stadt verfasste und vertonte er 1933 das Grevesmühlener Heimatlied „Grevsmöhlen, du sast läwen!“

In den Dreißigerjahren unterrichtete Propst Münster neben seinem Dienst als Pastor auch am Grevesmühlener Realprogymnasium.

Am 27.10. 1949 verstarb seine Ehefrau Johanna. Als Otto Münster am 31. Mai 1953 in den Ruhestand trat, war er bereits 82 Jahre alt. Er hat in seiner fast 48-jährigen Amtszeit Generationen von Gliedern der Grevesmühlener Kirchgemeinde getauft, konfirmiert, getraut, als Seelsorger betreut und zur letzten Ruhe begleitet, hat in unserer Kirche unzählige Gottesdienste und Andachten gehalten und seiner Gemeinde eine 47 Jahre lang lückenlos geführte Chronik hinterlassen.

Otto Münster starb am 10. Mai 1961 in Grevesmühlen.

In der Folgezeit wohnte die Familie seines Sohnes Dr. Hans Münster weiter im Pfarrhaus am Kirchplatz. Dr. Hans Münster starb am 17.11.1973. Vier Jahre später verschied Propst Münsters gleichnamiger Enkel Otto am 18.2.1977.

Seine Enkelin Christa war inzwischen in Berlin verheiratet, so dass als einzige der Familie Münster noch die Schwiegertochter Leonore in der Pfarre I in Grevesmühlen wohnte. Sie nahm aktiv am Leben unserer Kirchgemeinde teil, behielt in der warmen Jahreszeit ihren Wohnsitz im Pfarrhaus und pflegte ihren kleinen Garten mit viel Liebe. Mit dem Tod von Leonore Münster am 27.12. 2005 endet die Geschichte der Familie Münster in Grevesmühlen nach exakt 100 Jahren.


Propst Münster führte über seinen Dienst in der Kirchengemeinde Grevesmühlen (Meckl) in Süterlinschrift eine Art Gemeindetagebuch. Herr Horst Lederer (ehemals Lehrer in Grevesmühlen und ehrenamtlicher Gemeindechronist) übertrug die schwer leserlichen Originaltexte in lateinische Schreibschrift. Aus dieser Gemeindechronik werden hier wesentliche Textpassagen ab Anfang des Jahres 1945 wiedergegeben:


Das Jahr 1945 begann mit einem Gottesdienst im Gemeindesaal, von etwa 100 Personen besucht. Predigt über Hiob 38,19: „Ich sprach: Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!“ … Die Konfirmation musste wieder verlegt werden auf Oculi, den 4. März… Konfirmiert wurden 74 Knaben und 60 Mädchen… Das Wetter war dem frühen Termin entsprechend: Am Freitag vorher herrschten kalter Sturm, der ließ zwar am Sonnabend nach, dafür schneite es in der Nacht und am Palmsonntagmorgen, und durch eine weiße Winterlandschaft kam die Festgemeinde zur Kirche.

Am Sonntag Laetare predigte ein Gast und Flüchtling aus dem Osten, Superintendent Küßner aus Tilsit, der im Bössower Pfarrhaus Wohnung gefunden hat und die dortige Gemeinde betreut…

Am Donnerstag, dem 15. März, besuchte uns noch einmal der unermüdliche Bachinterpret und -enthusiast, Organist Emmanuel Nowotny aus München (s. 27.11.1942 und 2.12.1932). Er spielte und sprach diesmal im Pfarrhaus, da der Gemeindesaal für Kriegsflüchtlinge beschlagnahmt war, vor einer geladenen Zuhörergemeinde von 20 Personen unter dem Gesichtspunkt der Passionszeit.

Der Palmsonntag sollte wieder der Erinnerung an die eigene Konfirmation dienen. Aber als Evangelium Matthäus 21, 1-9, verlesen wurde, ertönte Fliegeralarm, und der Gottesdienst musste abgebrochen werden. An der Fortsetzung nach der Entwarnung ½ 12 Uhr nahm nur eine kleine Gemeinde teil. Die Gottesdienste am Karfreitag und an den Ostertagen waren festlich, wie es sich gehört.

Quasimodogeniti war Konfirmationstag für 13 Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die in ihrer Heimat noch unterrichtet, dann aber mit ihren Eltern geflüchtet waren, ohne eingesegnet zu sein… Auch am Sonntag Quasimodogeniti wurde der Gottesdienst durch Fliegeralarm gestört, die Feier des Abendmahls musste auf den nächsten Sonntag verschoben werden, und Cantate musste aus demselben Grunde die Ordnung des Singegottesdienstes und der Schluss verkürzt werden, der Kindergottesdienst ausfallen. Das war am 29. April.

In den ersten Maitagen wurde der völlige, endgültige Zusammenbruch offenbar.

Seit Ende des vorigen Jahres hatte sich der Zustrom von Flüchtlingen aus dem Osten verstärkt. Das Kirchliche Amtsblatt Nr. 2 vom 17.3. und Nr. 4 vom 21.11. nennt eine ganze Reihe von Pastoren, die vom Februar an mit der Wahrnehmung der Vertretungstätigkeit in verlassenen mecklenburgischen Gemeinden eingesetzt sind, hier bei uns Pastor Woitewitz, der nach Diedrichshagen und Kirch-Grambow, und Superintendent Küßner aus Tilsit, der nach Bössow, später nach Mummendorf abgeordnet wurde. Nicht übernommen wurde der Pastor Büsching aus Ostpreußen, der im Pfarrhaus am Kirchplatz zu wohnen begehrte, aber keinen Platz fand und dann nach Mummendorf übersiedelte, dort Gottesdienste und Amtshandlungen vornahm, von der Gemeinde durch amtlichen Protest des Kirchgemeinderates abgelehnt wurde, aber nach mehrfachen vergeblichen Versuchen, als Pastor dort festen Fuß zu fassen, im Pfarrhaus wohnen blieb samt seiner viel jüngeren Frau, einer fragwürdigen Persönlichkeit. Aus Ostpreußen, Westpreußen, Pommern – besonders aus Stettin -, Schlesien kommen sie, Pastoren und Gemeindeglieder, Soldaten und Zivilpersonen, in den Pfarrhäusern waren schon länger mehrere Zimmer belegt… Es kehrten aber auch Tag für Tag vorübergehende Gäste ein, die Nachtquartier oder kurze Unterkunft erbaten auf der Suche nach einem Truppenteil oder auch Angehörige und die dann auf dem Flur oder sonst wo kampierten. Es ist schade, dass in der Hast und Aufregung zur Eintragung in ein Fremdenbuch die Ruhe fehlte. So sind dann die mancherlei Volksgenossen aus mancherlei Gegenden und Familien und Nöten gekommen und gegangen, ohne andere als flüchtige Erinnerung hinterlassen zu haben. Am Kirchplatz war außer dem Schulhaus als Lazarett auch der Gemeindesaal zur Unterbringung von Flüchtlingen beschlagnahmt worden. Da lagerten die Menschen auf Strohschütten, und da hatten sich nebeneinander Familien mit alten Leuten und Kindern eingerichtet und breiteten sich Tags auf dem Kirchplatz mit seinen Rasenflächen und auf dem „Preistergang“ und auf dem Pfarrhof aus und kochten ihr Essen und besorgten ihre kleine und große Wäsche und schöpften Luft, und die Kinder spielten draußen.

Aus dem vorausgegangenen Bericht geht hervor, dass das gottesdienstliche Leben in dieser Zeit seinen Fortgang nahm und dass die Teilnahme daran und die Opferwilligkeit der Gemeinde trotz der unruhvollen Bewegung in ihr – oder durch sie? – gesteigert wurde – soweit nicht die Unruhe in der Luft, die Fliegertätigkeit, es störte. Das ist ja wiederholt geschehen. Die Fliegeralarme und –angriffe häuften sich, und wenn auch Grevesmühlen nur zu allerletzt und nur eine verhältnismäßig geringe Attacke durch Bombenwurf erlitten hat, - die unheimlichen Fliegerangriffe nahmen zu, richteten sich auf fahrende Züge und Autobusse in der näheren Umgebung, auf die Straßen der Stadt, wo dann die Passanten durch eilige Flucht vor dem plötzlichen Einbruch sich retten mussten. Von den 5 am 27. April Beerdigten war der 31jährige Bäcker Günter Risch in Schwerin durch Bombenangriff zu Tode gekommen, das 13jährige Mädchen Liesbeth Helwig auf der Flucht erschossen, die 54jährige Büdnerfrau Alvine Aude in der Haustür in Hungerstorf stehend durch Tiefflieger tödlich getroffen, und auch durch Tiefflieger sind um dieselbe Zeit die Insassen eines von Rostock kommenden Autobusses – angeblich 54 – getötet worden, über deren Person und Herkunft nichts bekannt ist. Am 2. Mai ereignete sich dann der einzige Luftangriff auf Grevesmühlen, der oben erwähnt ist. Es fielen zwei Bomben, von denen eine das letzte Haus auf der rechten Seite der Schweriner Straße zur Hälfte zerstörte und den Fuhrunternehmer und Händler Heitmann umbrachte, die andere auf den Garten des Malermeisters Ernst Wemuth fiel, der dort beschäftigt war und einen jähen Tod erlitt. Ihre Überreste sind von ihren Angehörigen in aller Stille bestattet, ohne dass eine Meldung zur Beerdigung ergangen war.

Die ersten Tage des Monats Mai waren äußerst spannungsreich und aufregend. Der Einmarsch alliierter Truppen war täglich zu erwarten. Es war aber zu befürchten, dass der wahnwitzige Befehl, unter allen Umständen äußersten Widerstand zu leisten, von fanatischen Hitlerleuten befolgt werden und namenloses Unheil über die Stadt heraufbeschwören könnte. Es traten hier und da SS-Männer mit derartigen Drohungen auf. Es hieß, Himmler hielte sich in Kalkhorst auf, um den verzweifelten Kampf zu leiten. Einige entschlossene Männer taten sich zusammen, um solche Versuche zu verhindern, und brachten es fertig, auf dem Kirchturm und auf dem Wasserturm die weiße Fahne zu hissen – am 2. Mai. Um diese Fahne, die den nahenden Truppen die Unterwerfung der wehrlosen Stadt kundtun sollte, entbrannte ein heißer Kampf zwischen SS-Soldaten und ihren Gegnern. Die Fahne wurde aufgesetzt, wieder heruntergeholt und wieder aufgezogen, auch der Verfasser dieses Berichts wurde am Nachmittag des 2. Mai zweimal von angetrunkenen SS-Männern wegen dieser Fahne mit dem Revolver bedroht. Über den Verlauf dieses Kampfes sind mir zwei interessante Berichte zugegangen (gez. Krauel und Borck), die in dem Aktenstück „Sammlung von zeit- oder lokalgeschichtlich wichtigen Dokumenten“ aufbewahrt werden. Das Ende war die Unschädlichmachung der SS-Kämpfer und der widerstandslose Einzug der amerikanischen Truppen.

Das Lazarett entwich nach Schleswig-Holstein. Am Vielbecker See, auf der Krankenhausseite, entstand ein ausgedehntes Kriegsgefangenenlager, dem die dortigen Anlagen, Bäume und Sträucher, zum Opfer gefallen sind.

In den ersten Tagen nach dem Einmarsch besuchte mich ein amerikanischer Geistlicher in Uniform von der Methodistenkirche und gab die Erklärung ab, das gottesdienstliche Leben solle ungestört weitergehen. Er bat um geistliche Betreuung des Kriegsgefangenenlagers am See, die dann aber ein kriegsgefangener Pastor übernommen hat. Für die amerikanischen Soldaten hielt der amerikanische Pfarrer nach Verabredung der Stunde Gottesdienste ab.

Wochen danach wurde die amerikanische Besatzung durch eine britische abgelöst. Auch für sie wurde ein Gottesdienst abgehalten von einem Prediger der englischen Hochkirche, der mir das ebenfalls persönlich mitteilte, aber anders als der Amerikaner, in stolzer, steifer Haltung. Sein Gottesdienst war nur schwach besucht. Nach einigen Tagen trat ein schottischer Pfarrer an seine Stelle, Thomas Cronby aus Glasgow, das war ein warmherziger, liebenswürdiger Herr, den wir liebgewonnen haben. Er ist wiederholt in unserem Hause und Garten gewesen und unterhielt sich gern zu seiner Belehrung deutsch und englisch mit meiner Tochter. Am 30.6. nahm er Abschied, am 1. Juli zog, wie er schon angekündigt hatte, die russische Besatzung ein. Es war an einem Sonntag, Erntebettag, der Gottesdienst musste ausfallen, weil der Bevölkerung der Ausgang bis zum Abend verboten war. Im Übrigen ist auch weiterhin das kirchliche Leben nicht gestört und behindert worden. Ein russischer Offizier hat in einer Unterredung mit dem Propst, in der er sich über die Stimmung und Wünsche der Gemeinde informieren wollte, der Kirche den Schutz des sowjetischen Staates zugesagt unter der Bedingung, dass sie sich von politischer Betätigung fernhalte.

Es halfen in der Predigttätigkeit außer dem Superintendenten Küßner, der vom Oberkirchenrat damit beauftragt war, der auf der Durchwanderung einige Wochen hier stationierte, mit der Vertretung in Börzow dann kurze Zeit beauftragte Marinepfarrer Schmitt (Pfingstsonntag) und der in Friedrichshagen und in Gressow eine Weile herbergende Pastor Christlieb Mayer aus Labuhn in Pommern, im Oktober mit der Verwaltung von Proseken betraut.

Am 3. Juni wurden drei Flüchtlingskinder konfirmiert. Eine besondere dreifache kirchliche Feier war die Trauung des (früheren) Leutnants Frhr. von Lüttwitz mit der Gartengehilfin Freda von Hanenfeld, Gräfin von der Pahlen, die Konfirmation des Bruders der Braut und die Communion der gesamten gräflichen Bernstorfschen Hausgenossenschaft von Schloss Bernstorf, wo die Genannten sich zu Besuch aufhielten, der Bräutigam als Rekonvaleszent aus dem Krieg. Wegen der Börzower Vakanz fand die Feier in unserer Kirche statt, am 14. Juli.

Der Kirchbesuch hielt sich auch weiter auf der Höhe, steigerte sich sogar noch: 1. Pfingstag 856, 2. Pfingsttag: 925, Trinitatis: 680, 3. Sonntag nach Trinitatis: 582 … Später war ein Rückgang der Besucherzahlen zu beobachten, aber das war natürlich, denn es strömten die Flüchtlinge doch nicht bloß zu, sondern auch wieder ab, und dann hielten sich die Zahlen nach der Zählung durch Küster Westphal bis zum Winter auf 300 – 400. Auch die Kollektenbeträge waren erfreulich hoch, wenn sie auch nicht auf der Höhe von Pfingsten bleiben konnten, wo für die Innere Mission 1.100 Mark gespendet wurden…

Am 1. Sonntag nach Trinitatis, 3.6.1945, wurde der Gemeinde im Gottesdienst mitgeteilt, dass eine Suchaktion zur Wiedervereinigung der durch den Krieg und die Vertreibung aus ihrer Heimat zerstreuten deutschen Familien eingeleitet sei, unter Schirmherrschaft der Evangelischen und der Katholischen Kirche. Wie notwendig ein solches Unternehmen ist, bewies der Zudrang von Suchenden in dem dazu gemieteten Büro an der Marktecke. Der rührige Geschäftsführer, ein früherer Bürgermeister Prechelt, zog Mitarbeiter und Helfer heran, es wurden Namen von Suchenden und Gesuchten herausgegeben und mancher Erfolg erzielt, und wenn auch noch nicht zu übersehen ist, ob die Kirche dieses umfangreiche Werk in der Hand behalten kann, so hat sie doch einen guten Anfang gemacht und wertvolle Anregungen gegeben.

Seit dem vorigen Weltkrieg haben wir unser Gotteshaus während der Tagesstunden offen gehalten. Am 20. Juli ist das damit bekundete Vertrauen durch den Diebstahl einer Altarwachskerze und mehrerer elektrischer Birnen unter der Westempore missbraucht worden, und da eine ständige Bewachung des Kirchraumes nicht möglich ist, wird die Kirche künftig geschlossen bleiben müssen.

Eine Grevesmühlener Zeitung gibt es nicht mehr, es besteht auch keine Aussicht, dass sie in absehbarer Zeit wieder erscheint. Die kirchlichen Nachrichten samt den Beerdigungen werden daher durch Aushang an der nördlichen Kirchentür mitgeteilt.

Am 27. Juni hat der bisherige Landesbischof und Landeskirchenführer Walter Schulz sein Amt niedergelegt und es dem Landesbruderrat der Bekennenden evangelisch-lutherischen Kirche bis zur endgültigen kirchlichen Neuordnung übergeben (K.A. Nr.4). Verlesung der betreffenden Botschaften im Gottesdienst vom 2.9.1945. In derselben Nr. ruft der Landesbischof Wurm als Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland auf.

Am 1. August 1945 erschien im Pfarrhaus ein junger Mann und bat um Beschäftigung im kirchlichen Dienst, Alexander Kuschfeld aus Stolp in Pommern. Er hatte 1937 in seiner Vaterstadt das Abiturexamen bestanden, war aber nicht, wie er beabsichtigte, zum Studium der Theologie gekommen, sondern nach Arbeits- und Heeresdienst bis 1940 wegen nicht „reinarischer Abstammung“ (jüdische Mutter) entlassen, zuerst in einem Büro beschäftigt, dann aber 1944 in ein Konzentrationslager gesteckt, nun aber, befreit seit 16.4.1945 auf der Suche nach Arbeit. Da er einen Vertrauen erweckenden Eindruck machte, wies ich ihn zuerst der Gemeindehelferin Schwester Inge Fischer zu und übertrug ihm die Kirchenbuchführung, die nicht ihre starke Seite war, nahm ihn aber nach einigen Tagen in mein Amtszimmer und zog ihn auch zu anderen Pfarrhilfsdiensttätigkeiten heran, die er zu voller Zufriedenheit ausführte, ein zuverlässiger, bescheidener und freundlicher Mensch, gerade zur rechten Zeit gekommen, wo Hilfe knapp und nötig war.

Eine Hauskollekte für die Erhaltung und den Dienst der Evangelischen Landeskirche Mecklenburgs lief vom 16. September bis zum 30. Oktober, auch im Pfarrhaus wurde Gutes dafür angenommen. Sammler und Geber waren willig, und so ist ein schönes Ergebnis von 13.737,80 Mark zusammengekommen, in der Stadt 10.627,40 M und auf dem Lande 3.110,40 M.

Die neue Kirchenleitung ordnete die Neuwahl des Kirchgemeinderats für Sonntag, den 18. November, an. Fällig war eine solche schon längst, denn der Kirchgemeinderat, soweit einer bestand, stammte vom Juli 1933, und Pastor Schulz, unter dessen Leitung er gewählt war, hat ihn selbst nicht mehr zusammengerufen (der letzte Sitzungsbericht ist der von der denkwürdigen Sitzung vom 5. Dezember 1934), und nach seinem Weggang 1937 ist er „autoritär regiert“ worden, d.h. die Pastoren haben sich, solange es zwei waren, und dann nach 1941 der eine mit verständnisvollen und interessierten Gemeindegliedern besprochen und von ihnen beraten lassen. Aber ob dieses Jahr, in dem noch alles in Bewegung und im Werden war und wo noch viele Einheimische fehlten und bisher Fremde noch nicht eingebürgert waren, nicht noch zu früh für eine Kirchenältestenwahl war? Solche Bedenken sind von hier aus dem Oberkirchenrat vorgetragen worden, aber der Oberkirchenrat meinte doch, an seinem Entschluss festhalten zu müssen, und so wurde dann am 18. November 1945 mit einem Wahlvorschlag ein neuer Kirchgemeinderat gewählt und am 1. Advent, 2. Dezember, feierlich eingeführt…

Die musica sacra ist doch auch in diesem Jahr nicht ganz verstummt. Am 21. Oktober , 21. Sonntag nach Trinitatis, erfreute und erbaute uns das „Schweriner Vokalquartett“ durch eine musikalische Feierstunde mit Werken von Bach, Händel, Mozart, Mendelsohn; Ertrag der Kollekte: 270 Mark.

Am 24. Sonntag nach Trinitatis, dem 11. November, wurde der Bittgottesdienst für den Konfirmandenunterricht gehalten… Es wurde angekündigt, dass die kirchlichen Religionsstunden nächstens beginnen und dass von ihrem Besuch die Zulassung zur Konfirmation abhängt. Der Religionsunterricht musste von der Kirche übernommen werden, weil der Staat es als seinem demokratischen Wesen widersprechend ablehnt, in Verbindung mit der Schule Religionsunterricht erteilen zu lassen. Auch Schulräume für den Religionsunterricht zur Verfügung zu stellen, lehnt der Staat ab, was jedoch „unter keinen Umständen als eine feindliche Haltung gegenüber der Kirche aufgefasst werden darf, sondern als Erfüllung einer alten demokratischen Forderung im Interesse der Einheit der Nation“ (Schreiben des Präsidenten, Abteilung Kultur und Volksbildung vom 13.11.1945, gez. Grünberg). Darum hatte der Oberkirchenrat schon am 27. Juli und am 11. August durch den Landessuperintendenten auf diese neue große Aufgabe der Kirche hingewiesen. Daraufhin habe ich nach mehreren Besprechungen den Oberstudiendirektor Dr. Werth gebeten, die Einrichtung des evangelischen Religionsunterrichts in unserer Kirchengemeinde in die Hand zu nehmen, und am 12. Dezember konnte dieser dem Oberkirchenrat berichten, dass im Stadtgebiet der Unterricht seit Wochen im Gang ist und im Landgebiet die noch schwebenden Verhandlungen einen baldigen Beginn erhoffen lassen. In der Stadt sind bis auf weiteres 44 Klassen eingerichtet mit wöchentlich 88 Religionsstunden, 1.800 Schülern. Der Unterricht begann in der Oberschule am 12.11., in der Volksschule am 6.12. Unterrichtsräume sind außer dem Gemeindesaal zwei Zimmer in den Pfarrhäusern. 14 Stunden werden ehrenamtlich von Lehrkräften erteilt, die an öffentlichen Schulen tätig sind, 74 von solchen, die Vergütung haben müssen. Es kann sein, dass mit 6.000 Mark jährlichen Ausgaben zu rechnen ist. Die Kosten sollen nicht durch „Schulgeld“, sondern durch freiwillige Gaben aus der ganzen Gemeinde, durch Sammlungen aufgebracht werden. Bestätigt durch Beschluss des Kirchgemeinderates vom 31.3.1946.

Der an einem Wochentag liegende Buß- und Bettag am Ende des Kirchenjahres ist noch nicht als anerkannter Feiertag gesetzlich geschützt. Trotzdem wurde es gewagt, ihn gottesdienstlich zu begehen. Es waren 52 Gemeindeglieder erschienen…

Die Zahl der Beerdigungen im vorigen Jahr 1944 war mit 111 normal, angesichts der Ernährungslage sogar niedrig zu nennen. Dass sie 1945 anschwellen würde, war bei dem Flüchtlingszustrom vorauszusehen. Sie hat sich sogar über alle Voraussicht vergrößert durch eine Epidemie, die das ganze Jahr hindurch anhielt und viele Todesopfer forderte. Im Begräbnisregister des Kirchenbuches sind 595 eingetragen. Die Zahl der Toten ist aber noch größer, denn es sind gar nicht alle gemeldet, auch beim Standesamt nicht, die Personalien sind gar nicht von allen bekannt, z. T. von den bei Hungerstorf umgekommenen Autobuspassagieren nicht und von in der Malzfabrik untergebrachten Anstaltspflegligen aus Stettin nicht, die nach der nationalsozialistischen Methode beseitigt sein sollen, auch die Angaben über Verstorbene im Flüchtlingslager, das im Questiner Wald in Erdhöhlen angelegt war, waren lückenhaft und ungenau, so dass leider manche Anfragen von Angehörigen nach Vermissten, deren Spur hierher führte, weder aus unserem noch aus dem Standesamtsregister beantwortet werden konnte. Endlich sind auch manche Verstorbene nicht mitgezählt, die eigentlich hierher gehören, aber in dem für Infektionskrankheiten eingerichteten Schloss Bothmer ihrem Leiden erlagen und etwa in Klütz bestattet sind.

Im Januar hatten wir schon 17, im Februar 28, im März 35 – nach dem 1. Vierteljahr 108 Begräbnisse. Von April (28) und Mai (39) stieg die Zahl im Juni auf 70. Dieselbe Zahl wurde noch im November wieder erreicht, ohne im Juli (54), August (65), September (68), Oktober (58) wesentlich zu sinken, und im Dezember waren es noch 63. Die Todesursache war in den epidemischen Fällen Typhus oder Diphtherie, öfter beide zugleich. Wegen der Menge der Toten mussten oft Massenbeerdigungen durchgeführt werden, wenn z.B. im Februar an einem Tage 7, im März an 3 Tagen je 8 Leichen, im Mai und später 18, 11, 12 (11.9.), am 18.9. und 21.12. sogar 14, am 14.12. fünfzehn Leichen zu bestatten waren. Dann musste man nach dem Gesichtspunkt des Alters oder Geschlechts oder der Heimat und nach der Lage des Grabes zusammenfassen und gemeinsame Feiern an der Grabstätte gestalten, so dass die Namen mit kurzer Angabe des Alters, des Berufs, der Heimat und dergl. verlesen wurden und dann eine Ansprache über ein Schriftwort folgte. Grundsätzlich, und soweit es möglich war, wurden natürlich Einzelbeerdigungen vorgenommen.

Ein schmerzliches Ereignis war am Ende des Jahres 1945 das Ausscheiden der Gemeindehelferin Ingeborg Fischer nicht bloß aus ihrem Dienst, sondern aus unserer evangelischen Kirche. Sie hat in der ersten Zeit mit Eifer, Freudigkeit und Geschick ihre Arbeit getan, ist aber dann unter dem Einfluss ihrer Mutter in ein ungesundes sektiererisches

Fahrwasser geraten. Frau Fischer war zu Beginn des Sommers ihrer Tochter nachgezogen und fing bald nach ihrer Ankunft an, in einem kleinen Kreise, zu dem zuerst auch Alexander Kuschfeld gehörte, Bibelstunden zu halten.

Außer diesen beiden Frauen ist im Jahr 1945 nur noch im Februar der Schüler Gerd Redersborg aus der Kirche ausgetreten, ein Sohn des 1938 verstorbenen Lehrers Redersborg. Er ist aber bald danach im Krieg gefallen.

Der Kirchenbesuch am 1. Advent war noch gut: 342, die Kollekte für den kirchlichen Religionsunterricht erbrachte 310 Mark; dann sanken die Ziffern: 123, 78, 86… Die Christvesper musste wegen der Stromsperre nachmittags um 15 Uhr gehalten werden mit 645 Personen. Am 1. Weihnachtstag wurden zwei Gottesdienste gehalten: vormittags um 10 Uhr, nachmittags um 14 Uhr mit 228 und 165 Besuchern…, Sylvestervesper ebenfalls um 15 Uhr mit 590 Personen. Text; Galater 4,4-7: „Abba, lieber Vater, erbarme dich unser! Abba, lieber Vater, wir danken dir!“ - Weil wir trotz allem, was dieses Jahr gebracht hat, Kinder sind, haben auch dies Gute, das Jahr 1945! mit dem alten Tedeum aus dem 30jährigen Krieg geschlossen und es gesungen nicht als Knechte, sondern als Kinder und Erben Gottes durch Christum.

1946

Den Gottesdienst am Neujahrstag hielten wir… im Gemeindesaal in gedrängter Fülle mit 220 Besuchern. In der Epiphanien- und ersten Passionszeit sank die Besucherzahl erheblich ab (65, 36, 46…), der winterlichen Temperatur entsprechend, erst Oculi und Laetare mit 212 und 198 wieder gehoben… Der Gottesdienst am Sonntag Septuagesimae, dem 17. Februar, wurde zur Erinnerung an Luthers Todestag (16.2.1546) in der Kirche gehalten. In dieser Gedenkfeier… trat zum ersten Male der neue Kirchenchor unter Leitung von Lehrer Max Gloede auf. Chorgesang: „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“ und „Wohl dir du Kind er Treue.“ Am Abend hielt Dr. Werth einen Vortrag über das Thema: „Martin Luthers christliche Schule und unser Religionsunterricht.“…

Den Kindergottesdienst hat seit der Winterzeit 1945 der Gemeindehelfer Alexander Kuschfeld übernommen.

Die Typhusepidemie, mit Diphtherie verbunden, hat zunächst noch nicht merklich nachgelassen. Gleich nach der ersten Woche, am Sonntag Epiphanias, 6.1.1946, wurden die Namen von 11, am 13.1. die Namen von 22 Verstorbenen mitgeteilt. Dann schwankten die Zahlen, aber es ist keine stetige Abnahme. In der Woche zum 9. Februar sind es 18, in der Woche darauf 6, dann aber wieder 14…; im 1. Vierteljahr sind 140 Personen gestorben, eine Zahl noch weit über dem Durchschnitt eines ganzen Jahres in normalen Zeiten. Es sind verhältnismäßig viele Kinder darunter, aber auch alte Leute über 80 Jahre, Männer und Frauen jeden Lebensalters, und das Lager Questin trägt viel dazu bei. Ein Opfer ihres Berufs ist auch die männlich tatkräftige und warmherzige Rotkreuzschwester, Frau Elfrieder Barth, geb. Angerstein, geworden, die auf der verlassenen Grabstätte ihrer Eltern ihre letzte Ruhe fand.

Der Kirchgemeinderat hielt seine erste Sitzung am 6. Januar. Der Vorsitzende gab zunächst einen Überblick über die Jahre 1933 – 1946 in der Mecklenburgischen Landeskirche und in der Grevesmühlener Gemeinde. Es wurde beschlossen, an die Stelle der ausgeschiedenen Schwester Ingeborg Fischer eine Gemeindehelferin zu berufen und den Helfer A. Kuschfeld, der die Kirchenbücher führt und die amtliche Korrespondenz besorgt, jetzt auch noch den Kindergottesdienst mit gutem Geschick und Erfolg leitet.

Es wurde mitgeteilt, dass die Suchaktion nach Vermissten dem Roten Kreuz zugewiesen ist, dass die Kirche aber, soweit es möglich ist, an diesem Werk Mitarbeit leistet. Dann wurde ein Gemeindebericht gegeben...

Zu weiterer Hilfeleistung, insbesondere in der Flüchtlingsseelsorge und in der Jugendarbeit, wurde vom Oberkirchenrat der Diakon Heydeck entsandt. Zuerst in der Mühlenstraße, dann in der Küsterklause wohnhaft, bemühte er sich um die Einrichtung von Jungmänner-Bibelbesprechstunden – mit geringen Erfolg, bildete einen Jungmädchen-Bibelkreis, übernahm im Verein mit A. Kuschfeld den Kindergottesdienst, legte eine Liste der Flüchtlinge in der Stadt- und Landgemeinde an, war dabei, selbst ein Flüchtling aus dem Memelgebiet, besonders interessiert und geeignet für die Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen, wurde aber grundsätzlich nicht mit sakramentalen Handlungen, Gottesdiensten und Trauungen betraut, nur in Vertretung mit Beerdigungen.

Bibelstunden im Gemeindesaal hielt Propst Münster vom Mai an über den Philipperbrief und von Juli an über den 1. Tessalonicherbrief…

Ein Fortbildungskursus im Orgelspiel begann am 16. Mai, vormittags 10 Uhr, geleitet vom Domorganisten Georg Gothe aus Schwerin mit dem Plan, dass er achtmal und vierzehntägig gehalten werden soll.

Am Sonntag Cantate betätigte sich der neue Kirchenchor durch Darbietung der Bachschen Sätze: „Kommt, Seelen, diesen Tag“ und „Dir, dir, Jehova, will ich singen.“… Auch am Pfingstsonntag sang der Kirchenchor, dann wurden 25 Kinder getauft…

Die Todesfälle sind im 2. Vierteljahr auf 77 herabgesunken (von 140 im 1.), aber die Zahl ist immer noch weit über dem Durchschnitt…

Für das Evangelische Hilfswerk, für das Geld- und Sachspenden von Ausland zur Linderung und Behebung der durch den Krieg verursachten Notstände laufend zur Verfügung gestellt werden (bis zum November sind in Grevesmühlen über 11.000 Mark verteilt), ist ein Nebenlager in Grevesmühlen errichtet, aus dem die benachbarten Gemeinden ihren Anteil bekommen. In der Kirchgemeinderatssitzung am 19. Mai wurde ein Ausschuss dafür gewählt, bestehend aus Propst Münster als Vorsitzendem, Frau Sauer, Amtshauptmann a.D. Lüben, C. L. Callies und Dr. Werth als Geschäftsführer. Am 7.7. wurde über die Tätigkeit des Hilfswerks berichtet und aufgefordert, Anschriften Bedürftiger mitzuteilen oder auch diese zur Stellung von Anträgen zu veranlassen. Es sollen Mitglieder des Kirchgemeinderates und der Evangelischen Frauenhilfe als Vertrauensleute für einzelne Straßen zur Betreuung der Bedürftigen und zur Berichterstattung über Notstände gewonnen werden…

Durch die abnorme Sterblichkeit ist früher, als man berechnet hat, die Erweiterung unseres Friedhofs notwendig geworden... Etwa 30 Soldatengräber, die sich auf unserem Friedhof befinden, müssen würdig hergerichtet werden… Jedes Soldatengrab soll einen eigenen Stein mit Namen darauf bekommen. Die Steine zu schlagen übernimmt der Kirchenälteste Satow…

Am 6. und 7. Oktober hielt Fräulein Georgi nachmittags am 6. einen Missionskindergottesdienst, am Abend einen Missionsvortrag im Jungmädchenbibelkreis, am 7. desgleichen in der Evangelischen Frauenhilfe für alle Gemeindeglieder.

Am 15.10. sprach Pastor Rohrdanz über die Aufgaben der Inneren Mission vormittags 11 ½ Uhr zu den Konfirmanden der Ober-, um 16 Uhr der Volksschule, um 18 Uhr zu Männern und Frauen der Gemeinde mit dem Kirchgemeinderat vor etwa 50 Personen.

Vom 27. bis 29. Oktober war Fräulein Pröhl aus Schwerin hier anwesend, um Evangelisationsvorträge vor der Evangelischen Frauenhilfe und anderen Frauen zu halten.

Am Reformationsfest sang unser Kirchenchor das schöne „Credo“ von Kade, das früher in der Schweriner Schlosskirche so oft ertönte…

Der Bettag konnte am 20. November wieder als gesetzlich geschützter Feiertag begangen werden…

An dem früher so oft wenig beachteten 1. Advent waren in diesem Jahre gegen 300 Personen zum Gottesdienst versammelt, in der Christvesper, die wiederum um 15 Uhr begann, mindestens 750.

Der Prediger der landeskirchlichen Gemeinschaft in Schwerin, Oskar Dobrik, hat darum gebeten, im Gemeindesaal regelmäßig Bibelstunden halten zu dürfen. In Rücksicht darauf, dass sich unter den Flüchtlingen, besonders aus Ost- und Westpreußen und Pommern, viele Anhänger der Gemeinschaft befinden, die an unserem einheimischen kirchlichen Leben rege teilnehmen, aber daneben doch die eigene, ihnen vertraute Form der Darbietung des Evangeliums vermissen, glaubte Propst Münster, dieser Bitte stattgeben zu müssen unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Kirchgemeinderates, und so hat denn Herr Dobrik am Montag, dem 9. Dezember, abends 20:15 Uhr seine erste am 2. Advent im Gottesdienst angekündigte Bibelstunde im Gemeindesaal gehalten über das Thema: Gottes Trost im Erdenleid nach Jesaja 40 und 66,13, nachdem Propst Münster eine einleitende Ansprache … gehalten hatte. Es waren etwa 40 Personen erschienen…

Die Bemühungen, unsere große Kirchenglocke aufzufinden, die vielleicht in einem großen Hamburger Glockenlager noch vorhanden ist, sind bisher vergeblich gewesen…

1947

Mit der Jahreslosung: Beschluss des Vaterunsers, Matth. 6, 13 b, als Predigttext trat die Gemeinde in das gottesdienstliche Leben des Jahres 1947 ein…

Geprüft und konfirmiert wurden 221 Kinder (voriges Jahr 136)… Wegen der großen Kinderzahl wurden nicht je 2, sondern Gruppen zu 6 und 8 eingesegnet, so dass der um 10 Uhr begonnene Gottesdienst um 12 ¼ Uhr beendet war. Die Kirche war mit 900 Personen gefüllt, die Kollekte für die Jugendarbeit unserer Landeskirche belief sich auf 546,60 Mark.

In der Stillen Woche nahmen etwa 442 Personen an Heiligen Abendmahl teil.

Am 27. Januar hielt an einem Elternabend der Christenlehre Dr. Werth einen Vortag über „Die Religion des Kindes.“

Am 31.3.1947 legte der Tischler August Westphal sein Küsteramt, das er seit 1940 geführt hatte aus Gesundheitsrücksichten nieder…Am Ostersonntag sprach im Gottesdienst Propst Münster vor der Gemeinde ihm den Dank aus für die stets bewiesene Bereitwilligkeit, der Kirche zu dienen und für die treue Erfüllung seiner Amtspflicht und begrüßte den neuen Küster Hermann Behnke (siehe Foto Posauenchor weiter unten!) mit herzlichen Wünschen für seine Tätigkeit im Dienst unserer Gemeinde.

Auch der Gemeindehelfer A. Kuschfeld ist um dieselbe Zeit aus seiner Arbeit ausgeschieden. Seit Sommer 1946 war er so glücklich, seine Mutter und seine Schwester, von deren Verbleib und Ergehen es bis dahin nichts gewusst hatte, aus dem polnisch gewordenen Stolp entronnen, hier zu haben, aber sein Einkommen reichte zum Unterhalt der Familie nicht aus, und er nahm die Stellung eines Lehrers an der Berufsschule an. An seine Stelle trat ein arbeitsloser junger Mann, der sich schon vorher angeboten und im Büro mit beschäftigt hatte, bis zu seiner schon länger geplanten Übersiedlung nach Braunschweig Mitte Juni, und tat redlich und willig seinen Bürodienst, halbtäglich wie sein Vorgänger, wenn auch seine ungelenke Handschrift mit der feinen, klaren, geradlinigen Kuschfeldtschen nicht zu vergleichen war. Nach ihm übernahm Fräulein Elli Kuschfeld, die ältere Schwester von Alexander, seinen Posten.

Nach Misericordias Domini erkrankte Propst Münster an Ischias und konnte einige Zeit seinen Dienst nicht versehen…

Von Cantate bis Rogate, 4. – 11.5., hielt der Gemeinschaftsprediger Dobrik im Gemeindesaal Evangelisationsvorträge. Die Landeskirchliche Gemeinschaft stellte durch den Prediger Dobrik den Antrag, den Gemeindesaal nicht bloß montags, sondern auch sonntags abends für ihre Versammlungen frei zu bekommen. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Um aber dem Wunsch mancher Gemeindeglieder nach einem besinnlichen Ausklang des Sonntag entgegenzukommen, begann Diakon Heydeck Sonntagabendandachten zu halten, wie er meinte, im Sinn der Gemeinschaft, was aber von dieser nicht anerkannt wurde. Hierdurch und durch andere Vorfälle mit Heydeck, die von der Gemeinschaft als kränkend empfunden wurden, kam es zu einer Spannung zwischen beiden, die auch einen Grund hatte in der Abneigung und dem Misstrauen Heydecks gegen die Gemeinschaft aus früheren Erfahrungen her. Propst Münster wurde von Vertretern der Gemeinschaft gebeten, in diesem Gegensatz zu vermitteln, und so kam es nach seiner Genesung zu einer offenen Aussprache im Pfarrhaus zwischen dem Prediger Dobrik und dem Regierungsrat im Finanzamt Eggers einerseits und dem Diakon Heydeck andererseits. Das Ergebnis war, dass es bis auf weiteres bei der Verteilung der Bibelstunden bleibt: montags Gemeinschaft, sonntags Diakon Heydeck, ohne dass darin eine Konkurrenz zu erblicken ist, die von keiner Seite beabsichtigt wird. Übrigens bestehen in unserer alten Gemeinde allerlei Bedenken gegen und kein großes Verständnis für die Gemeinschaft, was in einer Kirchgemeinderatssitzung am 20. Juli zum Ausdruck kam. Es war aber das Volksmissionsfest der Gemeinschaft am Nachmittag des 27, Juli sehr gut besucht. Es hielten Vorträge: Landessuperintendent Voß, Wismar (für den verhinderten

Propst Münster), Prediger Schellhase, Wismar, Prediger Dobrik, Schwerin, die vereinigten Chöre der christlichen Gemeinschaften in Schwerin und Wismar wirkten mit. Thema: Jesus unsere Freude und Kraft und Hoffnung…

Am 6. Sonntag nach Trinitatis, dem 13.7.: nachmittags 17 Uhr Gottesdienst für die Konfirmanden: Pastor Wömpner, Klütz…

Dienstag, den 15.7., Vortag im Gemeindesaal über Johann Hinrich Wichern , den Vater der Inneren Mission, von Pastor Lietz, Mühlen-Eichsen …

Das Reformationsfest wurde am 1. Mal als gesetzlich geschützter Feiertag am Freitag, dem 31.10. 1947 begangen… Es nahmen 250 Personen am Gottesdienst teil…

Am 2. Advent hielt Jugendpastor Wellingerhof den Gottesdienst (über Lukas 21, 25-36) und Besprechung in der Gemeindejugend

Die Spruchkammer der Landessynode (zur Entnazifizierung früherer Parteigenossen) hat gegen die Leitung des katechetischen Amtes durch Dr. Werth keinen Einspruch erhoben, ihm aber den Sitz in der Landessynode aberkannt.

Die Besatzungsbehörde verbietet eine Mitwirkung von Lehrkräften, die der nationalsozialistischen Partei angehört haben, an der Christenlehre. Daher ist der Unterricht im November ausgesetzt, bis das Verbot vielleicht zurückgenommen ist oder Ersatzkräfte gewonnen sind. Die Höhe der Beiträge geht leider bei jeder Sammlung zurück…

Fräulein Eva Maria Stolz ist vom Oberkirchenrat als Praktikantin für Religionsunterricht und Gemeindearbeit auf 5 Monate nach Grevesmühlen abgeordnet worden.

Die Gebeine der auf dem hiesigen Friedhof bestatteten Russen sind auf Anordnung der Besatzungsbehörde nach Schönberg überführt.

Der Oberkirchenrat hat auf Ansuchen nicht nur telefonisch, sondern auch schriftlich bestätigt, dass die Forderung, das Gefallenendenkmal in der Kirche (befand sich im jetzigen Südportal) zu beseitigen oder zu verhüllen, nicht den geltenden Bestimmungen entspricht.

Am 1. Advent, dem 30. November, wurden 28 Personen, 14 Männer und 14 Frauen, die aus der Kirche ausgetreten waren und durch eigene Erklärung vor dem Pastor wieder eingetreten sind, nach Beendigung des Gottesdienstes in Gegenwart einiger Kirchenältester feierlich wieder in die Kirche aufgenommen…

Die Zahl der Beerdigungen ist in diesem Jahr von 330 im vorigen auf 216 gesunken, doch noch immer über dem normalen Durchschnitt…

1948

Die Bibelwoche dieses Jahres über Johannes 13, 31 bis 16 wurde von Propst Münster vom 18. bis 24 Januar gehalten…

Der Diakon Heydeck hatte bei der derzeitigen Regierung des Memellandes angefragt, ob eine Rückkehr nach dort und unter welchen Bedingungen möglich sei. Er hatte dabei wohl durchblicken lassen, dass er selbst geneigt wäre, in diese seine einstige Heimat zurückzukehren. Daraufhin erhielt er von der russischen Besatzungsmacht die Anweisung, sich am 31. Januar 1948 für den Rücktransport in das Memelgebiet bereitzuhalten. Er hatte aber offenbar keine Lust dazu, sondern fingierte oder übertrieb eine Lungeninfektion, kündigte mit dieser Begründung seinen Dienst auf und betrieb heimlich seine Abreise. Er wurde zwar von der Polizei beobachtet, aber es gelang ihm doch, unbemerkt zu entkommen. Als er verschwunden war, wurden der Küster Behncke, sein Bruder Joh. Heydeck, Sekretät bei Dr. Werth, und Propst Münster von der Polizei verhört und unter Drohungen aufgefordert, den Aufenthaltsort des Flüchtigen anzugeben, und da sie das nicht konnten, Behncke und Heydeck ins Gefängnis gesteckt, Münster mit erneuter Bedrohung bis zur Besinnung innerhalb 2 Tagen entlassen. Unterdessen erhielt Heydeck Nachricht von seinem Bruder und erlangte durch eine nunmehr möglich gewordene Auskunft wie auch Behncke die Freiheit wieder.

Als Ersatz für Heydeck, der nicht wiederkam, schickte der Oberkirchenrat den vor kurzem aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Diakon Karl Fischer nach Grevesmühlen. Dieser, ein im Rauhen Haus ausgebildeter Württemberger, behielt während der Sommermonate seinen Wohnsitz in Reppenhagen bei seiner Frau in deren Elternhaus und zog dann hierher in das Küsterhaus. Er bekam den Auftrag, sich in der Christenlehre, in der Jugendarbeit, in der geistlichen Betreuung der Landgemeinden, in der Durchführung der Sammlungen zu betätigen.

Am Palmsonntag, dem 21.3., wurden 218 Kinder konfirmiert, 103 Knaben und 114 Mädchen. Die Beschaffung der Kleidung machte den Eltern viel Sorgen. Einige Kinder mussten in einem Sonderkursus vom Diakon Fischer vorbereitet werden. Bei der Prüfung waren ca. 400, bei der Konfirmationsfeier ca. 900 Personen zugegen. Es war gebeten worden, Kinder wegen der durch sie leicht verursachten Unruhe und Störung zu Hause zu lassen… Gottesdienste: Karfreitag vormittags 550 Personen, Kollekte 452,75 Mark, nachmittags 150 Personen… 1. Ostertag 500 Personen, Kollekte 300 Mark, Ostermontag 256 Personen…

Das Evangelische Hilfswerk veranstaltete Speisungen Tbc-gefährdeter Kinder. Die Auswahl geschah in Verbindung mit dem Gesundheitsamt. Auch die Volkssolidarität steuerte zur Durchführung des Werkes bei. Die erste Planung war schon im Mai im Gange, zur Tat wurde sie auf je 6 Wochen im Juli und November (bis 20. Dezember). Es nahmen jedes Mal 75 Kinder daran teil, die täglich von der Frauenhilfe und anderen hilfreichen weibliche Kräften bewirtet wurden und guten Erfolg hatten.

An das Hilfswerk sind noch vor der Währungsreform 3.600 Mark eingeschickt worden…

…dass die Frauenhilfe in Grevesmühlen alle Fährlichkeiten der nationalsozialistischen Zeit und der darauf folgenden Katastrophe bestanden hat, wenn auch mit geringerer Zahl von aktiven, zumeist älteren Mitgliedern – nur in den Advents- und Weihnachtsfeiern füllte sich der Saal, und man wurde gewahr, wer und wie viele Frauen aus der Gemeinde doch noch dazu gehörten. Seit 1945 haben sich nun aber viele Frauen aus der Flüchtlingsgemeinde dazu gefunden, denen diese Gemeinschaft Rückhalt und Heimatgefühl bietet neben dem neuen politischen Frauenbund, und so hat die Evangelische Frauenhilfe einen neuen Auftrieb erlebt. Eine Zeitlang hatte Frau Propst Romberg die Leitung, dann hat Frau Pastor Gasse tatkräftig und aufopfernd die mannigfachen Aufgaben trotz aller Arbeit und Sorge während der jahrelangen Abwesenheit ihres Mannes im eigenen Hauswesen übernommen und führt sie mit einer Reihe von treuen Helferinnen weiter durch…

Der Unterricht in der Christenlehre ist zwar nach kurzer Einstellung wieder im Gange, aber das Verbot der Besatzungsbehörde gegen frühere Mitglieder der NSDAP ist trotz des oberkirchenrätlichen Protestes und trotz des entnazifizierenden Freispruchs noch nicht zurückgenommen…

Am Pfingstsonntag, dem 16.5., hielt den Festgottesdienst mit 550 Personen Landessuperintendent Voß, Wismar unter Mitwirkung des Kirchenchores mit einer Kollekte von 350 Mark…

Am 24. Juni erlebten wir das zwar nicht kirchliche, aber auch für die Kirche bedeutsame Ereignis der Währungsreform, durch die unsere Geldvorräte auf ein Zehntel reduziert wurden. – Aufrufe des Oberkirchenrates mit der Bitte um Opferbereitschaft – das Wort der evangelischen Kirche zur deutschen Not…

Als Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus wurde auf die Bitte der hiesigen Vereinigung der Gottesdienst am 12.9., dem 16. Sonntag nach Trinitatis, gestaltet mit einer Predigt über Matthäus 5,9.10.

Die Sammlung für die Innere Mission im August/September ergab 1.740,39 Mark.

Am 15.9. besuchte der Diakon Schubert aus Schwerin unsere Junge Gemeinde, am 17.9. der Missionar Becker mit einem Vortrag über die Liebenzeller Mission auf den Südseeinseln.

Am 1. Oktober hielt Pastor Lietz eine Bibelstunde im Gemeindesaal…

Am 14. November erfolgte in der Kirche eine Aufführung der Klützer Jugend: „Der junge Luther“…

1949

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht.“ Das ist die Jahreslosung für das Jahr 1949, und das war der Text für die Neujahrspredigt in der Kirche, die am 2. Januar, einem Sonntag wiederholt wurde (166 und 145 Personen) im Gemeindesaal…

Elternabende, dargeboten von Kindern der Christenlehre unter Leitung der Hauptkatechetin, Fräulein Stolz, versammelten und erfreuten viele Mütter und Väter und andere Gemeindeglieder am 15. März…

Bei der Konfirmation am Palmsonntag, dem 10.4., war der Grundgedanke: Das Feste im Wandel der Zeiten. 1) Gott, Gottes Wort, Gottes Gnade (Psalm 102, 26-28), „Konfirmation“, 2) Jesus Christus – das feste Herz im Glauben, Gehorsam und Treue durch Gnade (Hebräer 13,8.9) Fest aneinander halten, Gemeinde und ihre Jugend (1. Korinther 1,10). Wieder Gruppen 6-8; Zahl 206 – Knaben: 106, Mädchen: 100…

Kirchenbesuch: Karfreitag – 700, Ostersonntag – 580, Ostermontag – 200…

Im Mai 1949 entsandte der Oberkirchenrat einen jungen Vikar, Walter Romberg, einen Enkel des Propstes Martin Romberg, der hier 1943 sein Leben beschlossen hat, und einem Sohn des Pastors Bernhard Romberg in Teterow, nach Grevesmühlen. Er kam zwar als Lehrvikar, als solcher also nicht in erster Linie zur Entlastung des Gemeindepastors, sondern zu seiner eigenen Förderung und Weiterbildung im geistlichen Amt, aber er konnte und durfte auch im Rahmen dieser Aufgabe manches stellvertretend und Hilfe leistend übernehmen, was dem Pfarramt oblag, und er hat es gern und mit gutem Geschick in der ihm gesetzten Frist getan. Es wurde ihm von Anfang an die Abhaltung der Wochenschlussandachten und von Bibelstunden (über die Apostelgeschichte) übertragen. Die Jugendarbeit wurde vervielfältigt in Jugendstunden nach verschiedenem Alter zu verschiedenen Tagesstunden; ein Zusammenwirken von Vikar und Diakon, und dieses vollzog sich dank der Geradheit, Offenheit und Gutherzigkeit des schwäbischen Diakons auch bei dem jugendlichen Selbstgefühls des Vikars durchweg in Eintracht.

Es fällt in diese Zeit die Entstehung des Posaunenchors, um die sich der Diakon Fischer in Verbindung mit dem späteren Leiter, Herrn Willi Gottschalk aus Elbing, besonders verdient gemacht hat…

Am Sonntag Exaudi, dem 23. Mai, führte Propst Münster im Auftrag des Oberkirchenrats Fräulein Eva Maria Stolz als Hauptkatechetin in ihr Amt ein. Auch die anderen Lehrkräfte, die schon 2 ½ Jahre im kirchlichen Religionsunterreicht unserer Gemeinde tätig sind, wurden durch eine gottesdienstliche Feier vor der Gemeinde in ihrem Amt bestätigt…

Den Gottesdienst am Pfingstsonntag, dem 5. Juni, hielt in dem Bestreben, mit den Gemeinden der Landeskirche für die Sache der Inneren Mission Fühlung zu nehmen, auf seinen Wunsch der Landespastor Ph. Rohrdantz über Johannes 3,16.

Der Gottesdienst am 19. Juni, dem 1. Sonntag nach Trinitatis, galt der Erinnerung an die Einführung der lutherischen Reformation in Mecklenburg und des Bekenntnisses dazu durch den mecklenburgischen Landtag an der Sagsdorfer Brücke am 20. Juni. Es wurde dieser Tag durch eine große landeskirchliche Feier auch an der Sagsdorfer Brücke begangen, es wurden Gemeinschaftsfahrten im ganzen Land mit Lastautos organisiert, auch die kirchliche Jugend in Grevesmühlen und den benachbarten Gemeinden nahm daran teil. Zur Erinnerung an das denkwürdige Ereignis und seine Feier gab die Mecklenburgische Kirchenzeitung durch ihren Schriftleiter Ernst Breuel eine hübsch illustrierte 48 Seiten starke Festschrift, „400 Jahre lutherisches Mecklenburg“, und Postkarten mit der Sternberger Kirche heraus. Im hiesigen Gottesdienst predigte Propst Münster über Matthäus 13, 45 und 46. In dem Gottesdienst des darauf folgenden Erntebettages wurde auf Beschluss der Landessynode den Katecheten der Dank für ihre Arbeit ausgesprochen und die Elterngemeinde ermahnt, sie zu würdigen und zu unterstützen…

Die Leitung der DDR wollte den 1. September als „Friedenstag“ begehen und wünschte, dass auch die Kirche in geeigneter Weise gottesdienstlich und durch Turmblasen und Glockengeläut sich daran beteiligen möchte. Dies ist dadurch geschehen, dass die Gemeinde früh ½ 8 Uhr durch Glockenklang und ein Posaunenduett „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ vom Turm herunter zu einer liturgischen Morgenfeier gerufen wurde, die… von Propst Münster gehalten wurde…

Einen Schulanfängergottesdienst hielten wir am 11. September, dem 13. Sonntag nach Trinitatis im Anschluss an den Hauptgottesdienst vormittags um 11:15 Uhr.

Der Diakon Fischer kehrte von seinem Urlaub im September nicht zurück. Er fand bei seinem Aufenthalt in Hamburg, von wo er zu uns gekommen war, eine Stellung im dortigen Staatsdienst, und man konnte es ihm nicht verdenken, dass er sie gerne annahm. Wir gedenken seiner in Dankbarkeit für seine mit Eifer und Treue geleistete Arbeit seit Januar 1948. Sein Name wird verbunden bleiben mit der Geschichte unseres Posaunenchores, um dessen Gründung er sich verdient gemacht hat.

In Anbetracht seines Ausscheidens und angesichts der im Oktober bevorstehenden Beendigung des Lehrvikariats von Walter Romberg fasste der Kirchgemeinderat am 25.9. den Beschluss, den Oberkirchenrat um die beeilte Entsendung einer theologischen Hilfskraft zu bitten… Dieser Beschluss wurde in überraschender Weise sofort ohne Zutun des hohen Oberkirchenrats durch höhere Fügung bewilligt und erledigt: Am 29. September 1949 kehrte, lange ersehnt und erwartet und doch nun unerwartet, Pastor Gasse aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück, mit großer Freude begrüßt von seiner Familie, von seinem Amtsbruder, von seiner ganzen Gemeinde. In öffentlicher Danksagung wurde seiner Rückkehr gedacht im Erntedankfestgottesdienst am 2. Oktober, wo das Lied der Gemeinde auch dieser Erfahrung galt: „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller Güte!“…

Der Tod einer Grevesmühlener Pfarrfrau ist in dieser seit 1898 geführten Chronik zum ersten Mal berichtet worden: Frau Pastor Frieda Parge, + 3.4.1926. Es muss hier zum zweiten Male geschehen: Am Nachmittag des 27. Oktober wurde Frau Johanna Münster, geborene Freytag nach längerem Leiden (Arteriosklerose) durch einen sanften Tod heimgerufen… In ihrem Sinne war es, dass vor der Beerdigung am 31. Oktober in der Friedhofskapelle lediglich eine liturgische Feier mit Gesang, Schriftwort und Gebet stattfand, die Pastor Gasse hielt…

Pastor Gasse bestieg die Kanzel zum ersten Mal wieder nach einer kurzen Erholungszeit im Erzgebirge am 19. Sonntag nach Trinitatis, dem 23. Oktober, und trat damit wieder in die volle Gemeindearbeit ein. Die Pastoren waren übereingekommen, bis auf weiteres die Gemeinde nicht in Bezirke zu teilen, sondern die bisher üblichen Amtswochen beizubehalten, soweit es sich um Amtshandlungen handelt. Pastor Gasse nahm sich unter den verschiedenen Arbeitszweigen mit besonderem Interesse und Erfolg der Jugendarbeit an, die nun, einheitlich geleitet, unter seiner tatkräftigen Leitung einen neuen Aufschwung nahm in Jugendstunden der verschiedenen Altersstufen. In der Frauenhilfe stand er seiner Frau zur Seite, der es gelungen war, das Werk mit getreuen Helferinnen durch die schweren Jahre hindurch zu retten, ohne zu verzagen.

Der Vikar Romberg predigte am 18. Sonntag nach Trinitatis, dem 16. Oktober, in unserer Kirche zum letzten Mal.

Eine Gebetswoche für die Kriegsgefangenen hatte der Oberkirchenrat vom 9. – 15. Oktober angeordnet.

„Die Verantwortung der Christen in der Gegenwart“ – so lautete des Thema, das nach einer Begrüßungs- und Einführungsrede von Propst Münster am 27. Oktober im Gemeindesaal Pastor Baltzer aus Roggenstorf hielt. Pastor Baltzer war während des letzten Weltkrieges mehrere Jahre in Schottland als Kriegsgefangener interniert sowie als Seelsorger in verschiedenen Kriegsgefangenenlagern tätig gewesen, und was er dort erlebt und erfahren hatte, diente ihm dazu, seinen Vortrag anschaulich und eindrücklich zu machen. 25 Männer verschiedenen Alters und Standes waren der Einladung gefolgt und bewiesen ihr Interesse, ihre Aufmerksamkeit und ihre Zustimmung, Teilnahme an der lebhaften Aussprache, die sich an den Vortrag anschloss…

In der Christenlehre sind im September aus dem Katechetenkollegium die Hilfskatecheten Lehrer a. D. Sitterle und Kurschat ausgeschieden. Für sie ist Studienrat a. D. Otto Maack eingetreten. Er hat aber leider aus gesundheitlichen Gründen den Unterricht wieder aufgeben müssen…

In der kalten Jahreszeit müssen die Gemeindegottesdienste sonntags im Gemeindesaal abgehalten werden. Damit der Gemeinde der Erwachsenen die Plätze ungeschmälert verbleiben, haben wir vor der Adventszeit dieses Jahres für die Konfirmanden besondere Gottesdienste vormittags 9 Uhr eingerichtet…

1950

Es war ein frohes, dankbares Gefühl, das die Grevesmühlener Gemeinde beseelte, als das neue Jahr begann, trotz aller Schwere der Zeit. Sie hatte ihren zweiten, durch Jahre entbehrten Pastor wieder. Es stand nicht mehr nur der eine, bejahrte, auf einsamer Wacht, in einsamer, alle Kräfte übersteigender Arbeit. Es gab wieder eine amtsbrüderliche Gemeinschaft, ein gemeinsames Raten und Dienen, jung und alt nicht bloß nebeneinander, sondern Hand in Hand. Pastor Gasse bedurfte zwar zunächst noch der Erholung und Stärkung nach der Kriegsgefangenschaft, aber bald kehrten doch die Kräfte und die Lust zur Arbeit im Pfarramt zurück…

Propst Münster schloss das alte Jahr im Gottesdienst mit Psalm 39… und Pastor Gasse führte die versammelte Gemeinde in das neue hinein mit dem alten Neujahrsevangelium Lukas 1,21.

Die versammelte Gemeinde – eigentlich war’s ja im Vergleich zu 1941 eine neue Gemeinde. Wo ist das alte Grevesmühlen geblieben, oder was ist aus ihm geworden in diesen 8 Jahren? Denn es stand die Hitlersche Gewaltherrschaft in voller Blüte im 2. Jahre des frevelhaften Krieges – wir haben sie durchgemacht mit all ihren äußeren und inneren Bedrängnissen bis zum Zusammenbruch und dem Hereinströmen der Vertriebenen aus Ostpreußen, aus Pommern, aus dem Warthegau und dem Sudetengau mit all ihrer Not, mit all ihrer Eigenart, und nun mussten sie hier eingegliedert werden, nicht bloß in die neue Heimat, sondern auch in die Gemeinde, um mit ihr zusammenzuwachsen, und dasselbe musste auch geschehen in den zum Teil verwaisten Nachbargemeinden der Propstei. Die Grevesmühlener Gemeinde ist fast um das Doppelte angewachsen und unübersichtlich geworden. Sie ist auch wieder zusammengeschmolzen, wenn in den Schreckensjahren 1945 und 1946 über 1000 Gräber gegraben wurden. Mit dem Zustrom besonders aus dem Osten haben sich mehr oder weniger kirchliche Umbildungen ergeben. Zu den alten Neuapostolischen sind die Baptisten, die Adventisten vom 7. Tage und andere gekommen. Und die kirchenfeindliche Haltung der neuen Ära ist an die Stelle der Hitlerschen getreten. Das ist die Entwicklung des letzten Jahrzehnts. An den Aufgaben, die sie stellte, haben treue Gemeindeglieder tatkräftig mitgearbeitet, soviel sie konnten. Es hat auch an berufsmäßigen Helfern nicht gefehlt, Muelenz, Schwester Inge Fischer, Kuschfeld, die Diakone Heydeck und Karl Fischer, der Vikar Romberg standen eine Zeitlang zur Verfügung – aber nur kurze Zeit: Sie kamen und gingen wieder. Das alles hat den Kirchgemeinderat zu der einhelligen Überzeugung gebracht, dass Herr Propst Münster allein den Dienst in der Grevesmühlener Kirchgemeinde mit 16 – 17.000 Seelen nicht leisten kann. Es ist unmöglich, dass er unter anderem allein den Unterricht von weit über 200 Hauptkonfirmanden übernimmt. „Der Kirchgemeinderat hält es für unbedingt notwendig, dass vom Oberkirchenrat sofort eine geistliche Hilfskraft abgeordnet wird, falls der Vikar Romberg nicht länger bleiben kann und falls nicht plötzlich der Pastor Lic. Gasse aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Das Mitglied des Grevesmühlener Kirchgemeinderats Dr. Werth wird vom Kirchgemeinderat beauftragt, den Landesbischof D. Beste umgehend von der der Grevesmühlener Gemeinde drohenden Notlage zu unterrichten“ (Sitzung vom 25.9.1949). In dieser Situation und in diese Gemeinde kehrte Pastor Gasse am 29. September 1949 zurück, und von dieser Gemeinde, aber in einer neuen Situation standen Sylvester 1949 und am 1. Januar 1950 auf der Kanzel in Erwartung des neuen Jahres die beiden Pastoren, bereit, noch einmal wie einst zusammen das Amt zu verwalten.

Die hier besprochene Veränderung der Kirchengemeinden in den letzten Jahren war der Grund, der schon im Frühling vorigen Jahres den Geistlichen Ausschuss der Landessynode bewog, die gegenwärtigen Kirchgemeinderäte als überaltert zu erklären und eine Neuwahl schon zum Oktober 1949 zu empfehlen. Sie sind 1945 gewählt, und es sind also in ihnen die zum Teil sehr kirchlichen Neubürger so gut wie gar nicht vertreten. Wird aber die Kirchgemeinderatswahl noch länger hinausgeschoben, so fällt sie beinahe mit der Neuwahl der Landessynode zusammen, und es ist doch wünschenswert, dass zwischen beiden Neuwahlen ein möglichst großer Zeitraum zur Einarbeitung der für die Wahl der Laien zur Landessynode entscheidenden Kirchenältesten liegt. Diese Frage wurde im hiesigen Kirchgemeinderat schon in der Sitzung vom 27.3.1949 erörtert, doch bei aller Anerkennung der angegebenen Gründe entschied sich damals der Kirchgemeinderat gegen den frühen Wahltermin 1949, weil hierdurch die Politisierung der Kirchenwahl wie 1933 zu befürchten sei, denn gerade im Herbst 1949 seien die Wahlen zu den politischen Vertretungen im Lande, in den Kreisen und Städten zu erwarten. Um dies Zusammentreffen zu verhindern, empfahl damals der hiesige Kirchgemeinderat den Aufschub der an sich nötigen Neuwahl des Kirchgemeinderates bis zum April oder Oktober 1950. Das ist dann auch erreicht worden. Wir haben wie im ganzen Lande in diesem Jahr einen neuen Kirchgemeinderat zu wählen, und zwar, wie in der Sitzung am 12.3. verkündet, nach einer neuen Wahlordnung, wie sie die Landessynode am 23. und 24.2. nach Änderung der Kirchenverfassung beschlossen hat…

Als Wahltag galt der 16. Juli. Die Einführung vollzog am 23.7. Propst Münster…

Mit der Einführung des Kirchgemeinderates war eine wohl gelungene Bibelausstellung verbunden, die mit viel Eifer und Liebe die Junge Gemeinde zusammengebracht hatte.

Es folgt hier ein Überblick über das Leben der Kirchgemeinde, wie es in den Amtshandlungen des Jahre 1949 zum Ausdruck kommt nach dem Jahresbericht am 1. Januar 1950.

Getauft sind 186 Kinder, 107 Knaben, 79 Mädchen (15 Knaben und 13 Mädchen hatten Eltern, die nicht getraut sind).

Getraut sind 110 Paare, davon 16 geschiedene Ehepartner, 16 Mischehen sind geschlossen.

Beerdigt sind 170 Personen, 73 Männer, 97 weiblichen Geschlechts.

Konfirmiert sind 206 Kinder, 106 Knaben, 100 Mädchen. Am Hauptkonfirmandenunterricht nahmen 218 Kinder teil, 103 Knaben, 115 Mädchen.

Am Heiligen Abendmahl nahmen teil: 963 Gemeindemitglieder, 329 männlichen, 634 weiblichen Geschlechts…

Zum Sonntag, dem… , hatte Pastor Zedler, Diedrichshagen, zu einem Gemeindefest eingeladen… An dem Fest nahmen außer den Pastoren noch mehrere Gemeindeglieder teil. Besonders bemerkenswert ist, dass hier zum 1. Mal der junge Posaunenchor mit einigen Bläsern öffentlich auftrat, in Gemeinschaft mit anderen benachbarten Vereinen. Es ist schon erwähnt worden, dass der im Herbst 1949 ausgeschiedene Diakon Karl Fischer sich um die Bildung eines Posaunenchores bemüht und verdient gemacht hat. Er arbeitete darauf hin, mit dem als Umsiedler aus Elbing hierher gekommenen Kaufmann Willi Gottschalk, der sich früher schon auf diesem Gebiet betätigt hatte, und dieser betrieb auch nach Fischers Fortgang diese Angelegenheit mit voller Kraft. Es gelang ihm, mehrere brachliegende Instrumente aus der Gemeinde Lübsee in die Hand zu bekommen, und es gelang ihm auch, Mitarbeiter zu gewinnen, die er für diesen Dienst begeisterte, besonders junge Menschen, mehrere aus der Oberschule, die sich gern unter Gottschalks Leitung stellten und die bei mancherlei kirchlichen Angelegenheiten für Klang und Freude sorgten, z.B. vor dem Gottesdienst am Sonntag auf dem Kirchplatz, an Geburtstagen u. a. Die Junge Gemeinde und der Posaunenchor, beide haben sich gegenseitig gestützt und bereichert.

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Der Posaunenchor von Grevesmühlen um ca. 1952: Jürgen Ruszkowski (Zugposaune) (Webmaster), Küster Hermann Behncke (Tuba), Werner Gollub, -?-, "Minna" Senkpiel (Tenorhorn), - (Flügelhorn) -, Adolf Möller (Tenorhorn), Klaus Winter, -? (Flügelhorn) -, -, Willi Gottschalk, Hans Gottschalk, Joachim Albrecht (Zugposaune)

Hans Gottschalk

 wurde am 19.02.1935 in Elbing / Ostpreußen geboren.

Er wuchs in Grevesmühlen/Mecklenburg auf.

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An seinem 18. Geburtstag wurde er als einer der ersten zehn in der DDR wegen Zugehörigkeit zur "Jungen Gemeinde" fünf Monate vor dem Abitur von der Oberschule verwiesen.

Hans Gottschalk studierte am Evangelisch-Lutherischen Missionshaus in Leipzig Theologie. Er gehörte zu der Fußballmannschaft der Theologischen Fakultät, die 1956 die Meisterschaft der Karl-Marx-Universität gewann.

Hans Gottschalk war Pfarrer in Petschow bei Rostock, in den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg, in Rätzlingen und zuletzt in Schönebeck. In Schönebeck war er 1989 bei den Demonstrationen vor der Wende maßgeblich beteiligt.

1998 ging er im Ruhestand und wohnte in Magdeburg-Randau.
Sein Hobby war das Schreiben.

Verstorben am 20.05.2007. Letzte Ruhestätte in Magdeburg-Randau.

Die Junge Gemeinde, die nicht vereinsmäßig organisierte Sammlung von weiblichen und männlichen jungen Gemeindegliedern zu kirchlicher Betätigung, ist seit dem Schicksalsjahr 1945 in der gegenwärtigen Form erwachsen. Man muss auch die Christenlehre dazu rechnen, in der die Kirche durch Katecheten den früher von der Staatsschule erteilten Religionsunterreicht fortführt. Sie setzt sich fort im Vor- und Hauptkonfirmandenunterricht, in den Zusammenkünften der Konfirmanden und der Konfirmierten in mehreren Altersstufen und hält sich auch bereit für Aufgaben im Sinne von 1. Petrus 4,10: „Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat.“ Über die Art und Weise, wie sich das Leben in dieser Jungen Gemeinde in diesem Jahre im einzelnen gestaltet hat, gibt das Kanzelbuch von einer Woche zur anderen Auskunft.

Dasselbe gilt von der Evangelischen Frauenhilfe und ihren verschiedenen Abteilungen: Mütterkreis usw…

Eine Sammlung für die weitere Durchführung der Christenlehre ist nicht genehmigt worden. Man musste sich dazu entschließen, den früher umgangenen Elternbeitrag (monatlich 1 DM) einzuführen…

Das Reformationsfest war am Nachmittag mit einem Jugendtag verbunden…

Am Nachmittag des 12.11. wurde das Verkündigungsspiel „Das verlorene Paradies“ von einer Spielschar geboten, am 2. und 3. Advent nachmittags und abends ein Krippenspiel…

1951

Mit einem Gottesdienst im Gemeindesaal begannen wir das Jahr 1951…

Landesjugendwart Diakon Gerhard Luckow

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Eine Jugendevangelisation unternahm vom 7. bis 10. Februar der Diakon Luckow aus Schwerin, die er aber dann auf die ganze Gemeinde erweiterte. Die Themen lauteten: „Glaubst du wirklich an den dreieinigen Gott?“ (7.2.), „Menschen bauen Barrikaden“ (8.2.), „Menschen am Scheideweg“ (10.2.)…

…Vortrag von Pastor Gasse im Kirchgemeindrat über „Materialismus und Idealismus“ und die Kanzelabkündigung, die Pastor Gasse im Gottesdienst des Sonntags Oculi, dem 25.2., vor der Gemeinde abgab über „Glaubens- und Gewissensfreiheit und die Verfassung der DDR.“ Den Anlass dazu gaben gewisse Äußerungen und geheim sein sollende Umfragen von Lehrkräften der Oberschule an einzelne Schüler über ihre Stellung zur Jungen Gemeinde…

Am 7. März starb das älteste Mitglied und der stellvertretende Vorsitzende des Kirchgemeinderates, der Amtshauptmann a. D. Adolf Lüben… Zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde der aus Elbing stammende Kirchenälteste Willi Gottschalk gewählt…

Auf den Evangelischen Kirchentag in Berlin (11.-15.Juli 1951) wurde die Gemeinde in den Pfingstgottesdiensten hingewiesen… 123 Grevesmühlener Gemeindeglieder reisten nach Berlin, die Hälfte davon Jugendliche… Ein Gemeindeabend, der uns durch lebendige Berichte von Teilnehmern an den Berliner Tagen hernach teilnehmen ließ, wurde am 24. August in unserer Kirche dargeboten: „Was bedeutet für uns alle der Kirchentag?“ – Das war die Frage, die uns von 16 Berichterstattern je nach ihrem verschiedenen Erleben und doch einmütig zeugnishaft beantwortet wurde. Zur Erinnerung sollen hier ihre Namen stehen: Pastor Lic. Gasse, - Willi Gottschalk (Sohn), - Werner Schütt. – K. O. Flint. (Vater), - Studienrat Hennis, - Schwester Anni Matthies, - Lehrer Wangerin (Hungerstorf), - Frau Wera Grabowski, - Katechet Schilling, - Joachim Albrecht. – Willi Becker, - Malermeister Otto Schapert, - Fräulein Sigrid Dieckmann (Everstorf), - Fräulein Maria Ruckick, - Hans

Am 16. Sonntag nach Trinitatis tagte die Propsteisynode am Tag der Inneren Mission. Die Kirchenältesten und Helfer versammelten sich nachmittags 15 Uhr und hörten nach einer einleitenden Ansprache des Propstes über die Kombination von Propsteitag und Innere-Missions-Tagung einen Vortrag des Stadtmissionars Schubert über Arbeit und Aufgaben der Inneren Mission. Es schloss sich daran wieder eine musikalische Feierstunde in der Kirche. Darin hatten wir wieder die Freude, das Orgelspiel des jungen Musikschülers Rolf Broecker zu hören, der danach strebt und darauf hofft, einmal in den Kirchendienst zu gelangen. Danach sang uns unter der Leitung von Fräulein Hinz (Katechetin) ein Chor die Bergpredigt, den 23. Psalm und aus dem Gesangbuch Lied 82, 4.6.8, dazwischen Lektionen aus Jesaja 58, Matthäus 6, Markus 10, 1. Petrus 3; Schlussverse 108, 7.7…

Am Buß- und Bettag (20.22.) besuchte der Landesbischof D. Dr. Beste unsere Gemeinde und hielt eine Predigt über Amos 9, 9-11…

Am 17. und 18.12. wurde das Krippenspiel „Herodes“ gegeben, am 19.12. für die Junge Gemeinde und die Eltern der Christenlehrekinder wiederholt.

Am Heiligen Abend haben in diesem Jahre zwei Christvespern stattgefunden…

Es nahmen 95 Knaben und 96 Mädchen am Konfirmandenunterricht teil, um Palmsonntag 1952 konfirmiert zu werden…

Die Finanzlage der Kirche ist dadurch erschwert, dass das Finanzamt die Kirchensteuern nicht mehr einzieht…

„Unser guter, treuer kirchlicher Freund und Helfer durch viele Jahre“, der Tischler August Westphal, ist am 11. Januar 1951 verstorben. Das war er von seinen jungen Jahren an bis zuletzt, und er ist es mit seinem ganzen Herzen gewesen, mit seiner Frau (+ 11.10.1948), die er hier als Geselle am 27.6.1905 geheiratet hat. Der Jünglingsverein, dem er in Wismar angehörte, hat sein Wesen geprägt, und was er dort geworden ist, das hat er lebenslang festgehalten und betätigt – nicht in der Führung junger Menschen, das lag ihm nicht, und das konnte er nicht mit seiner kleinen, schwächlichen, etwas verwachsenen Gestalt, aber in unbeirrbarer kirchlicher Haltung und in steter Bereitschaft für jeden kirchlichen Dienst und ohne abzugleiten in sektiererische Bahnen. So wirkte er als kleiner Laienprediger – „Aposteltischler“ nannten sie ihn in dem Kreise, der ihm zu Gebote stand: in seinem völlig unpolitischen Arbeiterverein, in seinem Beruf als Sargtischler, in der „Herberge zur Heimat“, mit Ansprachen, die er gerne hielt, ohne Überhebung und ob nicht ohne Pathos, doch mit echter Überzeugung und Empfindung, während sein Dank an seine liebe Kirche für alles, was sie ihm gegeben, den er mit Bestimmungen über seine Beerdigung hinterlassen hat, Lieder, Texte und Grabspruch Hiob 19, 25 f. Über seinen Dienst als stellvertretender Küster 1940-1947 wurde berichtet.

Eine völlig anders geartete Persönlichkeit war der am 7.3.1951 nach kurzer Krankheit im Alter von 87 Jahren verstorbene Adolf Lüben, äußerlich und innerlich rüstig und beweglich bis kurz vor seinem Ende, bis zum Radfahren, früher Lehrer in Stavenhagen, zuletzt in Welzin, dann im Getriebe und Kampf des öffentlichen Lebens als Mitglied der demokratischen Partei der Politik verfallen und verschrieben, Nachfolger des sozialdemokratischen Agitators Heinrich Sauer, Amtshauptmann und als Träger dieses Amtes von der Parteien Gunst und Hass umstritten, bis er von der Hitlerbewegung, deren heftiger Feind er war,…

1952

Der Jahresbericht von 1952 beginnt wie der vorjährige mit einer Trauerkunde: Am 11. Januar ist unser Organist Heinrich Rödlingshöfer gestorben. Wir hatten uns schon monatelang um ihn gesorgt, weil er schwerkrank war; deswegen hatte er sein Schulamt schon niedergelegt, aber sein Kirchenamt behielt er bei, versah es unter Schmerzen und Beschwerden noch Silvester und Neujahr und zum letzten Mal mit eiserner Selbstverleugnung noch am 6. Januar, dann musste er ins Krankenhaus gebracht werden, und dort haben ihn beide Pastoren kurz nacheinander, als „sein Odem schwer ausging und er kein Wort mehr sprechen konnte“, noch einmal eine Stunde vor seinem Tode besucht und ihm zum Abschied die Hand gereicht. Nun ist seine geliebte Orgel verwaist, und es trauert um ihn die ganze Gemeinde, deren Gesang er in Tausenden von Gottesdiensten und Trauerandachten feierlich, schwungvoll und zart eingeleitet und begleitet hat. Er war in Schwetzigen bei Heidelberg am 13.4.1883 geboren und kam im Herbst 1912 als Lehrer an die Oberschule nach Grevesmühlen – ein Mann von eigenem Gepräge durch die Lebhaftigkeit seines süddeutschen Wesens und durch sein ursprüngliches Temperament verschieden von unserer norddeutschen Art und ist doch ganz der Unsere geworden. Seine offene Herzlichkeit, seine jugendliche Frische, sein Humor gewannen ihm schnell die Herzen seiner Jugend und die Anhänglichkeit weit über die Schulzeit hinaus. Sein Verständnis für Land und Leute, seine Liebe zur Natur, die Anschaulichkeit und Treffsicherheit seiner Rede machten ihn volkstümlich. 1914 nahm ihn der Weltkrieg in Anspruch bis zum Herbst 1917, wo er durch einen Kopfschuss für weiteren Felddienst und, wie sich später herausstellte, auch für eine von ihm verlangte Lehrerprüfung untauglich wurde. Nach dem Zusammenbruch kehrte er nach Grevesmühlen zurück und übernahm wieder den Unterricht, zugleich wurde er in das Organistenamt berufen, dessen letzter junger Inhaber ein Opfer des Krieges geworden war. Diese Tätigkeit hat er bis zu seinem Tode 32 Jahre ausgeübt. Es war die Liebe zur Musik, die ihn beseelte zu dieser holden Kunst, die auch ihm die grauen Stunden seines Lebens erhellt hat. Es war ein väterliches Erbe, das er mit seinem Amt pietätvoll verwaltete. Aber vor allem war es Gottesdienst und Gemeindedienst, den er nicht bloß mit den Händen, sondern mit dem Herzen im Glauben ausrichtete, völlig frei von jeder Einbildung und Eitelkeit im Sinn des größten Organisten, der auf seine Werke das „soli Deo gloria“ schrieb – im Sinn von 1. Petrus 4, 10: „Dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat… auf dass in allen Dingen Gott gepriesen werde…“ Dies Schriftwort ist ihm an seinem Grabe verlesen worden… So haben wir ihn gekannt, so ist er bei uns ein- und ausgegangen; so wie er war mit seinen Eigenheiten, Ecken und Kanten haben wir ihn lieb gehabt, und als ein treuer Diener seines Herrn bis an die Schwelle des Todes möge er in der Erinnerung seiner Gemeinde fortleben, wenn spätere Geschlechter an sein einsames Grab treten, dessen Pflege die Grevesmühlener Kirche übernommen hat.

Als Nachfolgerin ist auf ihre Bewerbung vom 2.3. und auf Empfehlung des Kirchenmusikdirektors Georg Gothe Fräulein Marie Luise Rosin aus Wismar angestellt worden…

Die 95 + 96 Konfirmanden wurden Palmsonntag gemeinsam eingesegnet. Die Ansprachen waren unter den beiden Pastoren geteilt wie schon 1950…

…ohne Ahnung davon, welche bedeutsame Entscheidung für unsere Gemeinde sich vorbereitete und unserer wartete.

Es war der Landessuperintendent Kramer in Malchin plötzlich verstorben. Die Stelle musste sofort wieder besetzt werden. Nach dem Beschluss des Oberkirchenrats sollte Pastor Gasse in Grevesmühlen sie übernehmen.

Unser Pastor Gasse, über dessen Rückkehr am 29. September 1949 wir so froh und dankbar gewesen sind und noch jeden Tag sind und der sich nach den harten Jahren der Gefangenschaft eben wieder eingelebt und eingearbeitet hat! Den sollen wir wieder hergeben? Überall hört man Fragen und Klagen, Trauern und Bedauern. Aber man muss sich fügen.

Und nun handelt es sich um den Nachfolger, ja um die Nachfolger, denn es steht eine doppelte Vakanz für beide Pfarren bevor.

Propst Münster denkt daran, wie er im Juli 1938 nach Ratzeburg gereist ist und dem damals zuständigen Landessuperintendenten Schreiber sein Entlassungsgesuch, denn er war 67 Jahre alt, 33 Jahre im Grevesmühlener Pfarramt und hatte in derselben Zeit 4 Kollegen neben sich kommen und gehen sehen. Der Superintendent begreift den Wunsch, aber er bittet dringend, doch wenigstens noch ein Jahr zu bleiben, damit der jüngere Amtsbruder, der erst 1 ½ Jahre da ist, sich noch etwas mehr einleben kann, und der Gebetene begreift das auch und sagt zu. Ein Jahr darauf bricht der 2. Weltkrieg aus. Die Pensionierung wird noch mal verschoben und bei dem Fortgang der Kriegswirren unmöglich: 1941 wird Pastor Gasse in den Kriegsdienst gerufen, kommt in die Gefangenschaft und kehrt erst 1949 zurück. Aus dem einen Jahr 1938/39 sind 14 geworden, aus den 67 Lebensjahren 81. Es kann niemand bezweifeln, dass beide Pfarren neu besetzt werden müssen, die eine sofort, die andere so bald wie möglich.

Der Kirchgemeinderat versammelt sich und berät. Früher wurden die Pfarren in Mecklenburg durch Gemeindewahl unter 3 Bewerbern, die der Oberkirchenrat aufstellte, besetzt. Für solche Wahl nach altem Usus ist im Kirchgemeinderat keine Stimmung. Man möchte aber doch einen Einfluss auf die Besetzung haben, und es ist möglich, wenn durch den Kirchgemeinderat einstimmig auf die Wahl verzichtet und dem Oberkirchenrat eine bestimmte Persönlichkeit vorgeschlagen wird. Pastor Gasse empfiehlt warm als seinen Nachfolger den Pastor Johannes Lietz in Mühlen-Eichsen…

Am 11. Mai 1952 wurde Pastor Lietz in sein neues Amt in Grevesmühlen eingeführt.

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Grevesmühlener Pastoren:

Pastor Lietz (Wechsel von Mühlen-Eichsen nach Grevesmühlen)

Propst Münster

Pastor Lic. Gasse (später Landessuperintendent in Malchin, danach Oberkirchenrat in Schwerin)

siehe Seite 15

Eine Versammlungssperre, die auch unsere Gottesdienste lahm legte, mussten wir vom 2. August bis zum 12. September auf staatliche Anordnung über uns ergehen lassen wegen Ansteckungs- und Ausbreitungsgefahr der im Bezirk ausgebrochenen Maul- und Klauenseuche…

Nach langem mühevollen Hin und Her um die Nachfolge in der Pfarre von Propst Münster bewirbt sich schließlich Pastor Boddin, Witzin, und dieser erklärt sich bereit, in die Vakanz einzutreten. Der Oberkirchenrat beruft ihn. Am 31. Mai 1953 hält Propst Münster seine Abschiedspredigt und bezieht die unterdessen frei gewordene und hergerichtete Wohnung im 1. Stock des Pfarrhauses am Kirchplatz, die er mit der Familie seines Sohnes teilt.

An dieser Stelle legt Propst Münster nach 47jähriger ununterbrochener Führung der Kirchenchronik die Feder als Chronist aus der Hand.

Die Gemeindechronik wurde von Propst Lietz fortgesetzt.


Grevesmühlener Heimatlied

(Propst Münster, Grevesmühlen)

Grevsmöhlen, du sast läwen,
Du leiwes Kreihdennest!
Väl flög' sünd unnern Häwen,
Du büst dat allerbest.
Ick weit väl truge Städen,
Wo woll tau Maud mi ward:
Bi di is Heimatfräden,
Un di gehürt min Hart.
Du liegst mang bunte Gorens
in Gräun un Blaumen ganz,
um Linn'böhm, Dann un Bäuken
windt di den schönsten Kranz.
Um Rogg' und Rapp un Weiten
Lücht hell as schieres Gold,
drei Waterspeigels blänkern
ut Feld un Wisch un Holt.
Dat Hus, wo eins min Mudding
Up ehren Schot mi drög,
dei Kinnerssporen sünd dor
up all dei hunnert Wäg,
dei Rekterbag, dei Schaulen,
wo ick min Ding' hew lihrt,
dei Dann'barg, wo min Juchzen
wi Kinnerfest hebbt fihrt.
Hoch över Linnenkrohnen
sei ick dien Gooteshut stahn,
un hür in min Gedanken
dei Kirchenglocken gahn.
Ick seih väl truge Minschen
dei Staten up un uw,
un seih in stillen Fräden
ock männing leiwes Grab.
Dei Iserbag dor baben
kickt still in't wide Land,
up Höw un dusend Feller
bet an dei Waterkant.
Dor is dei blage Ostsee,
dei grote Welt tau seihn =
min lütte Welt dor nebben:
Grevsmöhlen in Land Ein!
Ick weit väl truge Städen,
wo woll tau Maud mi ward,
bi di is Heimatfräden,
un di gehürt min Hart.
Väl flög' sünd ünnern Häwen,
du büst dat allerbest.
Grevsmöhlen, du sast läwen,
Du leiwes Kreihdennest.

 

 


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